Schäßburger Spurensuche

Vortrag anlässlich der Deutschen Kulturtage
31.05.2011

Wir haben uns an diesen Kulturtagen aufgemacht, um Spuren zu suchen, Spuren aus der Vergangenheit und Gegenwart unserer Stadt, Spuren, die zu dem Erscheinungsbild führen, das unsere Stadt heute ausmacht.
Wenn wir eine 800-jährige Eiche auf der Breite betrachten, dann müssen wir wissen, dass sich ein ungeheures Wurzelwerk unter dem äußeren Erscheinungsbild der Eiche verzweigt, das sich über Jahrhunderte in die Erde gegraben hat und die Eiche ernährt. Auch eine Stadt wie Schäßburg in ihrer Einzigartigkeit hat ein solch gewaltiges Wurzelwerk, das in der Geschichte vergraben liegt. Wenn wir uns nun ans Graben machen, dann können wir nicht die gesamte Vergangenheit und ihre Entwicklungslinien freilegen. Das ist Aufgabe der Historiker und Archäologen. Und wir haben im Werk von Gh. Baltag und vielen anderen Detailveröffentlichungen, nicht zuletzt der HOG-Schäßburg, schon reichhaltiges Material. Wir können uns an Tagen wie diesen lediglich ausgewählte Spuren der Vergangenheit etwas genauer ansehen und würdigen.

Freilich stellt sich die Frage, warum man überhaupt auf Spurensuche gehen soll. Genügt es nicht, wenn man die Stadt, wie sie sich heute präsentiert, auf sich wirken lässt und das Ambiente genießt? Natürlich kann man das, und manche mögen das so halten. Wer auf die Breite geht, genießt mit Staunen das Eichenensemble, doch kaum jemand macht sich Gedanken über das Fundament, das Wurzelwerk. Damit hört aber der Vergleich auch schon auf.
Es ist etwas anderes, wenn man ein Naturdenkmal auf sich wirken lässt, oder ob man sich mit dem Ort seiner Persönlichkeitsprägung, seiner Sozialisation, ja seiner Identitätsentwicklung auseinandersetzt. Zum besseren Verständnis möchte ich einen meiner Professoren zitieren, wie ich es schon bei anderer Gelegenheit getan habe: „Menschen schaffen Kulturlandschaften und die Kulturlandschaften prägen die Menschen. Vergessen Sie nie diese Wechselwirkung und nehmen Sie sie ernst! Ihre Vorfahren sind Schöpfer der Kulturlandschaft, die Sie wiederum mitgeformt hat. Gehen Sie also mit Ihrer Heimatgeschichte redlich um! Beschönigen Sie nichts, verschweigen Sie nichts und verfälschen Sie nichts! Sie beschädigen sich selbst, wenn Sie mit Ihrer eigenen Heimatgeschichte manipulativ herumhantieren.“ Es geht also darum, sich seiner eigenen Identität immer wieder aufs Neue zu vergewissern, denn ohne klare Identität kann der Mensch nicht selbstbewusst und souverän leben. Identität ist die emotionale Verortung des Menschen in einem bestimmten historischen, gesellschaftlichen und kulturellen Milieu, zu dem geschichtlich erworbene Aspekte wie etwa gemeinsame Sprache, Religion, Wertvorstellungen, Sitten und Gebräuche gehören. Kulturelle Identität ist selbstverständlich stark von Gefühlen geprägt, wobei ein Sicherheits-, Geborgenheits- und Heimatgefühl zu kollektiven Bindungen und oft auch zu einem Verantwortungsgefühl für die eigene Gemeinschaft führt. Wir Sachsen haben nun einmal eine sehr emotionale Beziehung zum Begriff der Heimat. Schon in unsere Hymne wird er gleich am Anfang beschworen: „Siebenbürgen, süße Heimat!“

Der Begriff Heimat verweist zumeist auf eine Beziehung zwischen Mensch und Raum. Im allgemeinen Sprachgebrauch wird er auf den Ort angewendet, in den ein Mensch hineingeboren wird und in dem die frühesten Sozialisationserlebnisse stattfinden, die zunächst Identität, Charakter, Einstellungen und Weltauffassungen prägen. Unsere Heimat ist Siebenbürgen im Allgemeinen und die Stadt Schäßburg im Besonderen. Hier haben wir unsere Prägung erfahren, wodurch wir zu dem geworden sind, was wir heute darstellen. Heimat ist ein realer Ort, zu dem wir eine tiefe emotionale Bindung haben. Wir nennen dieses Gefühl im Allgemeinen Heimatverbundenheit. Zur Heimatverbundenheit gehört auch, dass man sich seiner Herkunft immer neu versichert und auf Spurensuche geht, denn nur wer die Geschichte kennt, kann die Gegenwart verstehen und die Zukunft gestalten. Wie sagte unser großer Historiker G. D. Teutsch: „Wer seine Geschichte vergisst, kann sich gleich zu den Toten legen.“ Voraussetzung allerdings ist, dass man bei der historischen Wahrheit bleibt und sich nicht in den Dienst ideologischer Absichten nehmen lässt oder in reine Apologie verfällt. Zu unserer Geschichte gehören großartige Errungenschaften und beeindruckende Persönlichkeiten. Es gehören aber auch abstoßende Aspekte und Ereignisse dazu. Ich erinnere beispielsweise an die Verbrechen des Abenteurers und Bürgermeisters Schuller von Rosenthal Ende des 17. Jahrhunderts, wie überhaupt das 17. Jh. von sittlichem und moralischem Verfall gekennzeichnet war. Beides gehört zu unserer Vergangenheit, Positives wie Negatives und wir müssen das akzeptieren.
Wo erfährt der Mensch seine Verwurzelung am unmittelbarsten, am sichtbarsten? Sicher in seiner Stadt, in seiner Lebensumwelt! Hier gilt es also auch Spurensuche zu gehen.

Wenn man nun auf Spurensuche geht, muss man sich freilich fragen, welche Spuren man freilegen will. In jedem Fall sollte man sich bei der Suche der Wahrhaftigkeit und historischen Wahrheit verpflichtet fühlen. Sine ira et studio, wie schon der große römische Historiker Tacitus es gefordert hat. Die geradezu peinliche Kultivierung der albernen Draculalegende sollte sicher nicht dazugehören. Wir haben in Schäßburg nämlich das große Glück, über einen ungeheuren Reichtum an Hinterlassenschaften zu verfügen, deren Spuren wir sichern können. Wir brauchen keine absurde Geschichtsklitterung zu unserer Identitätssicherung. Das Demokratische Forum der Deutschen in Schäßburg hat sich getreu dieser Devise seit Beginn der deutschen Kulturtage auf Spurensuche begeben. So haben wir uns im letzten Jahr den Schäßburger Wehranlagen gewidmet. Ich erinnere auch an die wiederholten Fackelzüge entlang der Burgmauer unter geistreicher Führung unseres verehrten Prof. Hermann Baier. Wir haben uns an bedeutende Schäßburger Persönlichkeiten erinnert: Georgius Krauss, Georg Daniel Teutsch, Joseph Haltrich, Michael Albert, Hans Otto Roth, Hermann Oberth, um nur einige zu nennen.

Vieles, ja sehr vieles gilt es noch zu untersuchen. Es sind zum einen die Fülle an ungewöhnlich beeindruckenden sakralen, profanen und verteidigungstechnischen Baudenkmälern samt ihren reichhaltigen Ausstattungen, die von einer sehr wechselvollen Geschichte zeugen. Es ist zum anderen die große kulturelle und wissenschaftliche Tradition der Stadt, in erster Linie die außergewöhnliche pädagogische und wissenschaftliche Leistung der Bergschule und ihres Lehrpersonals. Es sind schließlich die vielen Schäßburger Persönlichkeiten, die weit über die Stadt hinaus, ja teilweise sogar weltweit Bedeutung und Reputation erlangt haben. Nicht zu vergessen ist aber auch das über Jahrhunderte lebendige wirtschaftliche und gesellschaftliche Leben der Stadt, das die Menschen in ihrem Lebensvollzug maßgeblich geprägt hat.
Schäßburg war immer eine Stadt des Handwerks und der Zünfte. Die großen Kaufmannsfamilien waren eher in Hermannstadt, Kronstadt und Bistritz, also an den Karpatenpässen, zu finden. Die Handwerker haben die Stadt geschaffen und regiert. Die Zünfte haben die Wehranlagen und Wehrtürme, von denen glücklicherweise noch viele erhalten sind, gebaut und verteidigt. Es war eine großartige Leistung und zeugte nicht nur von baulicher Kompetenz, sondern auch von beachtlichem ästhetischen Verständnis. Wer waren diese Handwerker? Wer waren die Zunftmeister? Von einigen wissen wir es, aber beileibe nicht von allen, nicht einmal von der Mehrzahl von ihnen. Wer waren die Bürgermeister und Ratsherren? Von ihnen wissen wir zwar viele Namen, aber über ihr Wirken sind wir nur lückenhaft informiert. Es waren große Namen unter ihnen: Johannes Aurifaber, also der Goldschmied, Valentinus Pictor, der Maler, Georgius Philippi, Petrus Philippi, natürlich Martin Eisenburger, dem wir die Naye Schul zu verdanken haben. Es war aber auch der Verbrecher Johannes Schuller von Rosenthal. Man könnte noch viele tüchtige und sicher auch weniger tüchtige aufzählen. Der letzte deutsche Bürgermeister war Dr. Wilhelm Schiewerth 1932 bis 1933.
Wie steht es mit dem System der Nachbarschaften, ohne die das gesellschaftliche Leben in Schäßburg nicht hätte existieren können? Wir wissen zwar einiges darüber, aber noch längst noch alles. Wäre es nicht wert, auch hier auf Spurensuche zu gehen?

Wie gestaltete sich das sehr lebendige Vereinsleben in Schäßburg? Auch hierüber wissen wir einiges, aber immer noch kennen wir nicht alle Facetten. Die Schäßburger sind bekannt durch ihre ausgeprägte Geselligkeit. Ist daher verwunderlich, dass das Vereinsleben blühte? Mehrfachmitgliedschaften waren nicht selten. Ich zähle nur einige Vereine auf:

  • Verein für siebenbürgische Landeskunde
  • Gustav-Adolf-Verein
  • Schäßburger Frauenverein
  • Siebenbürgischer Karpatenverein
  • Sebastian-Hann-Vetrein
  • Musikalische Gesellschaft und Musikverein
  • Schäßburger Männergesangsverein
  • Schäßburger Bürger- und Gewerbeverein
  • Schäßburger Feuerwehrverein
  • Verein für Frauenbildung
  • Schäßburger Schützenverein
  • Schäßburger Männerturnverein
  • Schäßburger Eislaufverein
  • Schäßburger Schwimmschulverein
  • Frauen-Badegesellschaft
  • Schäßburger Jagdgesellschaft
  • Schäßburger Stadtverschönerungsverein

Alle diese Vereine haben Beachtliches geleistet. Die Leitung der Vereins für siebenbürgische Landeskunde, der sehr bald ein europäisches Renommee erlangte, lag lange in der Hand der Schäßburger Bergschulprofessoren. Die Konzerte und Theateraufführungen in Schäßburg erregten wegen ihres sehr hohen Niveaus landesweit großes Aufsehen.

Was aber assoziiert der siebenbürgische Bildungsbürger in erster Linie mit Schäßburg? Natürlich unsere altehrwürdige Bergschule. Wenn ich mir jetzt schon erlaube darf, der gleich anschließend zu eröffnenden Ausstellung zur Schäßburger Postgeschichte vorzugreifen, so möchte ich darauf hinweisen, dass Sie ein einzigartiges Exponat finden werden, nämlich einen Briefumschlag, aufgegeben in Washington D.C. im Jahre 1874 mit der ausschließlichen Postadresse „Gymnasium Schäßburg“. Welchen Ruf muss die Schule gehabt haben, dass die Sendung via New York – Wien binnen dreier Wochen angekommen ist. Sie gehört in der Tat zu den einzigartigen und herausragenden Bildungsstätten im südosteuropäischen Raum.

Hervorragende Persönlichkeiten, Wissenschaftler, Künstler, Theologen und Politiker haben entweder hier ihre Ausbildung genossen, oder haben hier als Pädagogen und Rektoren gewirkt. Alle Rektoren seit 1522 sind uns mit Namen bekannt. Ich möchte nur einige erwähnen: Georg Haner, der spätere Bischof, der Schulreformer Johann Mild, G. Paul Binder, Carl Goos, Michael Schuster, G. D. Teutsch, Friedrich Müller, Joseph Haltrich, Daniel Höhr, Dr. Johann Wolff und Dr. Julius Hollitzer. Immerhin mehr als ein Drittel aller sächsischen Bischöfe haben die Bergschule durchlaufen und waren teilweise auch Lehrer oder Rektor der Schule, nämlich:
Georg Haner, Christian Barth, Lukas Hermann, Paul Zekelius, Stefan Adami, Georg Kraus, Lukas Graffius, Georg Paul Binder, G. D. Teutsch, Friedrich Müller d.Ä, Friedrich Teutsch und Albert Klein. Lohnt es sich da nicht, auf Spurensuche zu gehen. Ich meine, sehr wohl lohnt es sich.

Lassen Sie mich exemplarisch noch einige weitere Persönlichkeiten erwähnen, die aus Schäßburg stammen, oder die Bergschule durchlaufen haben, alle können wir nicht nennen, es sind deren zu viele:
Ich nenne die hochbegabte Familie Polner, die mehrere Bürgermeister, aber auch Bischöfe noch vor der Reformation hervorgebracht hat. Ich nenne den großen Chronisten Georgius Krauss, den Sachsengrafen Andreas Teutsch, den Ritterkreuzträger des Militärischen Maria-Theresia-Ordens Michael Waldhütter, den General Michael Melas, an dessen Wohnhaus wir am Sonntag eine Gedenktafel enthüllen wollen, aber auch den siebenbürgischen Leonidas Friedrich Hensel, der in der Schlacht bei Aspern im Jahre 1809 einen viel bewunderten Heldentod starb. Ich nenne den berühmten Arzt und Botaniker Johann Christian Gottlob Baumgartner, den Mineralogen, Geologen und Frühgeschichtler Johann Michael Ackner, den Juristen und Historiker Josef Zimmermann, den Naturforscher Karl Petri, den Ökonomen und Politiker Carl Wolff. Natürlich gehören in diese Reihe auch unser großer Dichter Michael Albert, die Malerin Betty Schuller, der Jugendstilarchtekt Friedrich Balthes und die begabte und vielfach wirksame Familie Leonhardt.

Was wäre die Touristenstadt Schäßburg ohne das Museum im Stundturm, eine Schöpfung von Josef Bacon. Dessen Mutter, Therese Bacon, Gründerin des Schäßburger Frauenvereins, war eine ganz große Schäßburger Frauengestalt und unermüdliche Vorkämpferin für die Gleichberechtigung der Frauen. Ihre Tochter Marie Stritt brachte es sogar zur Vizepräsidentin des Internationalen Frauenbundes und sogar zur ersten Frau im Dresdner Stadtrat.
Wir haben also, wie wir gesehen haben, noch über viele Jahre, wenn nicht Jahrzehnte Stoff für eine ausgiebige Spurensuche. Ich wünsche uns allen die Kraft, mit Schwung und Begeisterung die Spurensuche fortzusetzen. Freilich ist unsere Gemeinschaft klein geworden und wir müssen lernen, uns zu bescheiden. Mit Zuversicht und und Gottvertrauen lässt sich jedoch allerhand bewirken. Wie schrieb Michael Albert?

Ob mancher Zweig ihm heut verdirbt,
Er treibt stets neue Glieder,
Nur wenn der Baum von innen stirbt,
Dann grünt er nimmer wieder.

Als notorischer Optimist bin ich der festen Überzeugung, dass wir mit Gottes Hilfe neue Glieder treiben werden und uns noch häufig auf Spurensuche zur Festigung unserer Identität begeben können.

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