Toleranz in Siebenbürgen

Der Text geht auf einen Vortrag zurück, den der Autor mehrfach gehalten hat.

Religiöse und ethnische Toleranz in Siebenbürgen

Einleitung

Siebenbürgen ist weltweit bekannt durch sein einzigartiges Ensemble an siebenbürgisch- sächsischen Kirchenburgen, die ein Zeugnis ablegen von permanenter Kriegsgefahr. In der Tat gab es insbesondere vom 15. bis zum 17. Jahrhundert kaum ein Jahr ohne militärische Auseinandersetzungen verschiedenster Art und Intensität. Es war auch die Zeit, in der sich die politische Landkarte durch den Vorstoß der Osmanen grundlegend änderte. Nachdem die Osmanen die gesamte Balkanhalbinsel und die beiden Donaufürstentümer Moldau und Walachei unterworfen hatten, fiel ihnen 1526 auch das bis dahin mächtige Königreich Ungarn zum Opfer. Nach einem daraufhin folgenden mörderischen Kriegsspektakel wurde das Königreich endgültig zerstört und es gab fortan für über 150 Jahre das „dreigeteilte Ungarn“. Ein schmaler Streifen im Westen und im Norden fiel an die Habsburger. Die große Donautiefebene sank zu einem osmanischen Paschalik herab. Einzig das im geschützten Karpatenbogen liegende Siebenbürgen konnte in lockerem und zeitweise unterbrochenem Vasallenverhältnis zur Pforte seine innere Selbständigkeit bewahren. Da sich die Osmanen wenig in die inneren Angelegenheiten, und schon gar nicht in religiöse Fragen, einmischten, sofern ihnen der Tribut regelmäßich entrichtet wurde, entwickelte sich in dieser abgeschiedenen Region ein einzigartiger modus vivendi, der in der Forschung und Literatur nicht selten als das siebenbürgische „Modell“ religiöser und ethnischer Toleranz bezeichnet wird, also eher ein Miteinander als ein Gegeneinander, welch letzteres andernorts immer wieder zu blutigen Konflikten geführt hat. Zwar gab es auch in dieser Region sehr viele blutige Konflikte und Plünderungen, vielleicht sogar noch mehr als anderswo, aber deren Ursachen waren ganz anderer Natur und hatten ihre Anlässe nicht in ethnischen oder gar religiösen Gegensätzen, die, wären sie zum Ausbruch gekommen, das gesamte staatliche und gesellschaftliche Gefüge gesprengt hätten. Die Auswirkungen dieses „Modells“ sind bis zum heutigen Tage erkennbar und geben dem Land seinen einzigartigen Charme. Selbstverständlich gibt es auch heute hier und dort Spannungen, aber im Großen und Ganzen herrscht ein friedliches, oft partnerschaftliches Zusammenleben. Spannungen werden, wenn sie überhaupt auftreten, durch Ideologen bewirkt, von notorischen Nationalisten oder religiösen Eiferern, die es auf der ganzen Welt gibt. Im alltäglichen Zusammenleben ist davon kaum etwas zu bemerken. In den ethnisch gemischten Dörfern oder Städten leben beispielsweise orthodoxe Rumänen, unitarische Ungarn und evangelisch-lutherische Sachsen in der Regel kollegial zusammen. Sie sind allesamt mehrsprachig und respektieren die jeweiligen Konfessionszugehörigkeiten. Ökumenische Gottesdienste sind auf der Tagesordnung.

Gab es in Siebenbürgen eine echte Toleranz?

Angesichts dieser Umstände könnte man zum Schluß gelangen, als hätte sich ausgerechnet in diesem weitentfernten Außenposten des christlichen Abendlandes der Toleranzgedanke bemerkenswert frühzeitig durchgesetzt und sich tief im Bewußtsein der seit eh und je gemischten Bevölkerung etabliert. Vordergründig könnte man zwar zu diesem Schluß gelangen, aber es wäre nur die halbe Wahrheit. In einem kürzlich erschienen Artikel schreibt mein rumänischer Freund Vasile Munteanu, ein orthodoxer Priester: „Dann wenn wir über religiöse Toleranz sprechen als Ausdruck des Verständnisses für interkonfessionelle und interethnische Duldsamkeit muß man sich im Klaren sein, daß diese Idee einer höheren Einsicht entspringt. Zu ihr gelangt man sehr schwer und nur mit großer Anstrengung. Dort, wo diese Einsicht fehlt, sind Spannungen, Zusammenstöße und Religionskriege eine konstante Erscheinung im Leben der Völker. Religiöse Toleranz ist ein feines Gleichgewicht, zu dem man nur durch Einsicht, durch Kenntnis deiner Nächsten und durch Hinnahme der Tatsache, daß jemand anders als du selbst ist, gelangt. Bezüglich Siebenbürgen im 16. und 17. Jahrhundert können wir nicht den aktuellen Sinn des Toleranzkonzeptes in Betracht ziehen. Wir müssen vielmehr eine klare Unterscheidung zwischen dem aktuellen Wortsinn und den Absichten der Menschen der damaligen Periode treffen. In der damaligen Zeit bestand nämlich nicht die Bereitschaft, im eigentlichen Wortsinn andere Religionen innerlich zu dulden und zu verstehen, sondern es gab eher aus politischer Einsicht das Einvernehmen zwischen den Fürsten und den staatstragenden Ständen, innere Kämpfe zu vermeiden. Die religiösen und politischen Kräfte waren austariert und alle waren sich angesichts der Umstände im Klaren, daß Entspannung nutzbringender sei als Zwietracht.“

Schon die Art ihrer Entstehung erlaubt Rückschlüsse auf das Wesen der interkonfessio- nellen Toleranz, wie sie in Siebenbürgen im 16. Jahrhundert in Erscheinung getreten
ist. Es handelte sich um eine Regelung, die so ziemlich jeglicher ideellen Grundlage ent- behrte, und die sich nur aus der inneren Situation des Landes als ein praktischer modus vivendi ergab. Während andernorts die großen Theoretiker eines frühneuzeitlichen Toleranzgedankens wirkten – Sebastiano Castellio (gest. 1562), Jacobus Acontius (gest. 1566), Fausto Sozzini (gest. 1604) – und während ihre Ideen in der Durchführung scheiterten, ging Siebenbürgen auf der Suche nach einem modus vivendi von vornherein einen anderen Weg.

In Siebenbürgen fand diese Toleranz-Literatur einen noch geringeren Widerhall als in anderen Ländern. Auch von einem Einfluß des Tamas Felegyhazi (1540—1586), der als ungarischer Verfechter der Geistesfreiheit in seiner Bedeutung Castellio wohl gleichkommt, kann man nicht viel bemerken.

Allerdings war es wiederum nicht so, daß den siebenbürgischen Religionspraktiken jegliche geistige Fundierung fehlte. Man pflegte die Zulassung der vier rezipierten Religionen immerhin – wie aus den Landtags-Beschlüssen hervorgeht – mit ihrem christlichen Charakter in Verbindung zu bringen. Geradezu modern mutet die Argumentation an, die der Kanzler Michael Csaki im Auftrag seines Fürsten Johann Sigismund den Teilnehmern einer Disputation im Jahre 1568 vorlegte, als er sich auf die Apostelgeschichte berief und verlangte, man solle nach dem Rat des Juden Gamaliel (Apostelgeschichte 5, 33-39) – ein in der Toleranz-Literatur gerne gebrauchter Beleg – die religiöse Freiheit gewähren. Dieser Sachverhalt würde Anlaß geben, das soeben dargestellte Bild des Fehlens ideeller Grundlagen zu revidieren, wenn es sich nicht – soweit die vorliegenden Quellen Auskunft geben – um einen der wenigen Einzelfälle einer Berufung auf Zitate aus dem Evangelium gehandelt hätte.

Sozzinis Lehre freilich ist bei seinen siebenbürgischen Anhängern auch in dem Gedan- ken nachweisbar, daß Christen, Juden und Mohammedaner als gleichwertig und gleichberechtigt anzusehen seien. Es sei das Beispiel des Jacobus Palaeologus (1520 – 1585) genannt, eines jener gebildeten Griechen, die im 15. und 16. Jahrhundert ein unstetes und recht abenteuerliches Wanderleben durch weite Gebiete Europas führten. Der auf Chios geborene angebliche Nachfahre des byzantinischen Kaisergeschlechtes der Paläologen gelangte über Italien, wo er in den Dominikaner-Orden eingetreten war, sich aber unter dem Einfluß der Reformation wieder von der römischen Kirche getrennt hatte, nach Polen und nach Siebenbürgen. Er übte einen nicht zu unterschät- zenden Einfluß auf die Unitarier dieser Länder aus. Mehrmalige und teils längere Aufenthalte in Siebenbürgen sind nachweisbar (in den Jahren von 1572 bis 1575). In seinem 1572 in Krakau veröffentlichten Traktat De tribus gentibus verfocht er – unter Berufung auf die Bibel – die Auffassung, Juden, Mohammedaner und die An- hänger aller christlichen Konfessionen könnten selig werden; der Unterschied in den Zeremonien, in den Bräuchen und sogar in der Lehre sei nebensächlich; Haß und Zwietracht unter den Konfessionen seien als sündhaft anzusehen.

Auch wenn solche ideellen Überlegungen in Siebenbürgen vereinzelt nachweisbar sind, zur politischen Willensbildung haben sie sicherlich nicht beigetragen.
Auch die zeitgenössische Terminologie erlaubt Rückschlüsse auf das Wesen jener kon- fessionellen Toleranz. Das Wort „Toleranz“ – zumal in seinem modernen Sinn – ist überhaupt irreführend und wird am besten durch den damaligen Begriff „Freiheit“ ersetzt – „Freiheit“ mit einer genau festgelegten Einschränkung auf einige begünstigte Gruppen. Von einer universalen Tendenz im Sinn einer Anerkennung von Christen, Nichtchristen und sogar von Atheisten kann nicht die Rede sein. Nicht einmal alle christlichen Religionen wurden einbezogen (es wurden vier Konfessionen rezipiert: Katholiken, Lutheraner, Reformierte bzw. Kalviner und Unitarier bzw. Antitrinitarier bzw. gelegentlich Arianer); die orthodoxen Rumänen blieben formell ausgeschlossen (aber praktisch geduldet). Auch waren für die freie Entfaltung der vier rezipierten Religionen nicht grundsätzliche Erwägungen bestimmend gewesen, sondern das Ausmaß ihres Erstarkens und die Fähigkeit zur Durchsetzung ihrer Ansprüche. Die rechtliche Fixierung religiöser Freiheit war also nicht ideeler Überzeugung zu verdanken, sondern war Ausdruck kluger und weitblickender Staatsräson, als solche sicherlich einzigartig in der damaligen Zeit.

Und so vermag das Fürstentum Siebenbürgen mit dem dort erreichten praktischen modus vivendi doch einen bedeutsamen, viel zu wenig beachteten Beitrag der Toleranz im 16. Jahrhundert zu geben, deren Auswirkungen bis zum heutigen Tage positiv zutage treten.

Verlauf des religiösen Ausgleichs

Die Voraussetzungen dafür, daß es dort zu einem bemerkenswerten Ausgleich der konfessionellen Spannungen gekommen war, lagen in der Sonderstellung dieses Lan- des mit seiner andersartigen inneren Struktur.
Mit der Niederlage von Mohács (1526) wurde die Einheit des Königsreichs Ungarn zerstört und es entstand in der Folgezeit das „dreigeteilte Ungarn“.

Dem Zerfall der staatlichen Einheit ging die konfessionelle Trennung nebenher. Unter dem unmittelbaren Eindruck des militärischen und politischen Zusammenbruchs und begünstigt durch eine Reihe von anderen Faktoren hatte sich die Lehre der Reforma- toren in wenigen Jahrzehnten weitgehend durchgesetzt. Allmählich stellte sich im „königlichen Ungarn“ eine gewisse Stabilisierung zwischen den konfessionellen Fron- ten ein. In der dem osmanischen Reich einverleibten Provinz zeichnete sich eine ähn- liche Entwicklung ab, wobei hier überhaupt ein sichtlicher Schwund des kirchlichen Lebens eintrat als Folge der Verminderung der Bevölkerung und der wirtschaftlichen sowie sozialen Bedrängnis unter der osmanischen Besatzung. Das benachbarte Sieben- bürgen zeigte ein anderes Bild, ein Bild ständiger Bewegung. Hier war die konfessio- nelle Entwicklung noch länger im Fluß.

Der Einbruch der Reformation bedeutete in Siebenbürgen noch stärker als in den übri- gen Teilungsgebieten Ungarns eine Umwälzung des geistigen und des politischen Lebens. Nach 1541 – dem Jahr der Einnahme der Hauptstadt Ofen durch die Osmanen – erfolgte der offene Übertritt der siebenbürgischen Bevölkerung zum Luthertum, und zwar in einem solchen Ausmaß, daß der alten Kirche zeitweise ein völliges Er- löschen zu drohen schien. In Siebenbürgen gab es seit 1542, von der kurzen Zugehörig- keit zu Österreich abgesehen (1551-1556) für anderthalb Jahrhunderte keinen katho- lischen Bischof mehr, wenn auch aus rechtlichen Gründen die Institution des Bischofs- sitzes (in Alba Iulia; Gyulafehérvár; Weißenburg; später Karlsburg) noch für wenige Jahre bis 1556 fortbestand. 1556 kam es zur Aufhebung des Bischofssitzes sowie auch zur Einziehung der Güter und Besitzungen der alten Kirche (Säkularisation). Nur bei den Szeklern behielt die katholische Kirche einen beträchtlichen Anhang.

Die Lehre der Reformatoren trat zunächst in der von Luther gegebenen Form auf.
Die sächsische „Nations-Universität“ in ihrer Gesamtheit, die Universitas Saxonum, nahm sie im Jahre 1544 an. Johannes Honterus, seit 1544 Stadtpfarrer von Kron-
stadt, der Apostel Siebenbürgens (wie ihn Luther genannt hatte), faßte die von Wit- tenberg ausgegangene Lehre in einer Bekenntnisschrift zusammen (Reformatio Eccle- siae Coronensis ac totius Barcensis provinciae; 1545), die zu einer provisorischen Glaubens- und Organisationsgrundlage der siebenbürgischen Lutheraner wurde. Unter der magyarischen Bevölkerung wirkten in diesem Sinne Gaspar Heltai (Caspar Helth; aus dem Ort Heltau) und Ferenc David (Hertel) , beides Siebenbürgener Sachsen,
die im Magyarentum aufgegangen waren. Nach mehreren Zwischenstufen übernah-
men die Sachsen schließlich im Jahre 1572 in aller Form die Confessio Augustana, und sie verblieben damit bis auf den heutigen Tag fest auf dem Boden des Luthertums. Überwog zu Lebzeiten Luthers die Anlehnung an seine Lehre, so blieb später die konfessionelle Entwicklung noch lange in Bewegung; man hielt unbekümmert nach neuen religiösen Ideen Ausschau.
Es schob sich zusehends die Schweizer Richtung, der Kalvinismus, in den Vorder- grund. In Siebenbürgen wurde das geistig stets unruhige Klausenburg zum Ausgangs- punkt dieser neuen Bewegung der Reformierten. Die Sachsen blieben Lutheraner, die magyarische Bevölkerung ging in ihrer überwiegenden Mehrheit zum Kalvinismus über, der offen als magyarische Religion (magyar vallas) verkündet wurde.
Auf Kosten des Kalvinismus gewannen die Unitarier (Anti-Trinitarier, Arianer)
immer mehr an Boden. Der am Fürstenhofe wirkende piemontesische Arzt Giorgio Blandrata, der über Polen nach Siebenbürgen gekommen war, und eine Reihe ande-
rer Männer verhalfen dieser Sekte zum Durchbruch. Ihre zentrale Figur wurde dann
der schon genannte Ferenz David, ein tatkräftiger, schnell begeisterter und auch
andere schnell begeisternder Mann, ein unruhiger Geist, der in immer radikalere Bah- nen abglitt.
Das Auftreten verschiedener Konfessionen, weswegen Siebenbürgen mit leichter Über- treibung, aber doch auch mit einer gewissen Berechtigung, vom Religionswissenschaftler Lecler ein „Babel der Religionen“ genannt worden ist, läßt sich erweitern durch die Sekte der Sabbatharier, und vor allem durch den zahlenmäßig großen Bevölkerungsteil der orthodoxen Rumänien.
Bevor allerdings die recht heftig ausgefochtenen Streitigkeiten der Theologen und sich abzeichnende Machtkämpfe ihrer weltlichen Anhänger ein verhängnisvolles Ausmaß erreichten, setzte eine für Siebenbürgen typische Entwicklung ein, nämlich die recht- liche Fundierung einer freien Entfaltung der Religionen. Um das Endergebnis vor- wegzunehmen: Am Abschluß dieser in Stufen erfolgten Entwicklung (1571) gab es in Siebenbürgen vier freie, d. h. von Staats wegen anerkannte Religionsgemeinschaften: Katholiken, Lutheraner, Reformierte (Calviner) und Unitarier. Die rumänischen Orthodoxen wurden zwar nicht anerkannt, aber doch geduldet.
Nicht auf den Disputationen der Theologen, die im allgemeinen ergebnislos verliefen und die nur zur Verhärtung der Gegensätze führten, wurden die für die Kirchenpoli- tik entscheidenden Auseinandersetzungen ausgetragen. Sie fielen vielmehr auf der Ständeversammlung, dem Landtag.
Die nun vollendete Religionsfreiheit für die vier „rezipierten Religionen“ wurde spä- ter mehrmals von den Fürsten bestätigt; sie ging in die Gesetzessammlung des Landes ein (Approbatae Constitutione Regni Transylvaniae et partium Hungariae eidem annexarum), die Georg II. Rakoczi in der Mitte des 17. Jahrhunderts in Auftrag ge- geben hatte.

Aus der Schilderung des konfessionellen Panoramas ergibt sich die Frage, wie sich diese Verschiedenheit auswirken konnte, ohne daß der ohnehin schon durch das Neben- einander mehrerer Völker belastete Staat auseinanderbrach.

Ursachen für den friedlichen Ausgleich

Die Ursache liegt, wie schon erwähnt, in erster Linie an der eigenartigen Sondersituation des Landes.
Siebenbürgen hatte schon unter den ungarischen Königen ein bemerkenswertes Eigen- leben entwickelt. Die Gründe lagen in der geographischen Gestaltung des Landes, das sich durch seinen bergigen Charakter nicht nur nach außen hin abhob, sondern auch in seinem Innern zur Individualisierung neigte. Noch weit mehr wurde diese Sonderent- wicklung durch Herkunft und Stellung seiner Bewohner bestimmt. Das Land wurde politisch und geistig von den drei nationes geprägt: den nobiles, d. h. dem magyari- schen Komitatsadel, der auf dem Adelsboden saß; dem autonomen magyarischen Stamm der Szekler mit seinem Adel an der Spitze; und den ebenfalls autonomen „Sachsen“, die nicht wegen ihrer Zahl, sondern wegen ihrer wirtschaftlichen Macht sowie wegen ihrer befestigten Burgen und Städte eine starke Stütze Siebenbürgens dar- stellten. Nationes ist dabei nicht nur im ethnischen Sinn, sondern auch als Stände zu verstehen. Diese Stände, vertreten durch den Landtag, gewannen großen Einfluß auf

die politischen Geschicke. – Eine weitere Bevölkerungsgruppe, die Rumänen, blieb ohne politische Rechte.

Die auffällige Bereitschaft zur konfessionellen Eintracht ist als eine unmittelbare Fortsetzung der von den drei nationes geschaffenen Staatsordnung zu verstehen. Bereits im Jahre 1437 hatten sich die oben schon erwähnten nationes der Magyaren, der Sachsen und der Szekler frei und ungezwungen zu einer unio zusammengefunden, einer Art Schutz- und Trutzbündnis, das bis herauf zum Jahre 1792 mehrmals erneuert wurde, und das die Grundlage des siebenbürgischen Staates darstellte. Man geht in der Annahme nicht fehl, daß die im Verlauf des Zusammenlebens der drei Nationen entwickelten und erprobten Formen des gegenseitigen Verständnisses ein günstiges Klima für die Einschränkung der konfessionellen Gegensätze schufen. Die Landstände entwickelten ein untrügliches Gefühl dafür, bis zu welchem Ausmaß Spannungen wachsen durften, ohne die Existenz des Landes zu gefährden. Die bedrohliche außenpolitische Lage Siebenbürgens im Vorfeld der osmanischen Expansion trug ein übriges dazu bei.

Diese für das 16. Jahrhundert in Europa ungewöhnliche Regelung der causa religionis läßt sich in ihrer Entstehung auch aus einem anderen Grund leichter verstehen, wenn man berücksichtigt, daß die Landstände ja eigentlich nur die schon eingetretenen und nicht mehr abzuändernden Zustände nachträglich billigten sowie gesetzlich sanktio- nierten. Die Anhänger der einzelnen Glaubensrichtungen hatten jeweils so feste Posi- tionen erreicht, daß sie ihre Ziele auch im Landtag mit genügendem Nachdruck vertreten konnten. Daß die rumänische Orthodoxie nicht rezipiert wurde, hängt ausschließlich damit zusammen, daß die Rumänen nicht organisiert und im Landtag nicht vertreten waren und so ihre Position nicht machtvoll vertreten konnten wie die etablierten Stände. Das besondere Verdienst der Stände-Vertreter bestand darin, diese

Entwicklung rechtzeitig zur Kenntnis zu nehmen und sich aus politischer Klugheit her- aus den Tatsachen anzubequemen.
Letzten Endes war es ja überhaupt auf die ständische Verfassung Siebenbürgens zurück- zuführen, daß die Reformationszeit hier anders verlaufen war als in Mittel- und Westeuropa. Nur dem politischen Gewicht der Stände war es zuzuschreiben, daß die protestantisch gewordene Landtags-Mehrheit gegen den Willen des zunächst katho- lisch gebliebenen Fürstenhauses der Reformation zum vollen Durchbruch verholfen hatte. Und nur durch das Zusammenspiel mit den Vertretern der jeweiligen Konfes- sionen im Landtag konnte andererseits der neue Herrscher Johann Sigismund

den Konfessionen zur rechtlichen Anerkennung verhelfen.

Ethnisches Zusammenleben

Siebenbürgen war von Anfang an eine eigenartige ethnisch gemischte Siedlungsregion. Mit der Landnahme durch die inzwischen christianisierten Magyaren ab dem 11. Jahrhundert etablierten sich allmählich hauptsächlich 4 ethnische Gruppen, die in mehr oder weniger friedlicher Koexistenz bis in die Neuzeit miteinander auskommen mußten. Es waren dies die Magyaren selbst, die ungarische Subethnie der Szekler, die Sachsen genannten hospites auf dem sogenannten Königsboden und die Rumänen (bis in die Neuzeit hinein wurden sie Walachen genannt). Kumanische, petschenegische und andere Restgruppen wurden frühzeitig absorbiert. Die Sachsen und Szekler siedelten überwiegend in ihrer jeweiligen Entität und erfreuten sich einer sehr weitgehenden Autonomie. Die Ungarn lebten verstreut auf Adelsboden im ganzen Land. Die Walachen siedelten entweder ebenfalls auf Adelsboden oder in ethnisch geschlossenen Distrikten, die zum Teil Lehen der walachischen Fürsten waren. Über die jeweiligen Kopfstärken geben die Quellen keine genauen Auskünfte, man kann jedoch davon ausgehen, daß die Rumänen zu Beginn des 18. Jahrhundert bereits die Mehrheit der Bevölkerung ausmachten. Der ungarische Adel, die Szekler und die Sachsen formierten sich in zähem Ringen in einer paritätisch zusammengesetzten Ständeversammlung, dem Landtag, der vor allem in der Zeit des selbstständigen Fürstentums Siebenbürgen die Geschicke des Landes maßgeblich bestimmte. Den Rumänen war es nicht gelungen, einen eigenen Stand zu entwickeln und sie blieben daher bis in die Neuzeit rechtlos. Trotz des engen Zusammenlebens der Ethnien ist es zu ethnisch bedingten Auseinandersetzungen kaum gekommen. Überlieferte Konflikte und Auseinandersetzungen war meist rechtlicher Natur (Streit um Gemarkungsgrenzen, Abgabenregelungen u.ä.). Die großen ethnischen bzw. nationalen Auseinandersetzungen kamen erst mit dem allmählichen Zerfall der Ständegesellschaft und dem modernen Nationalstaatsgedanken auf und wurden infolge des aggressiven ungarischen Nationalismus in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts und zu Beginn des 20. Jahrhunderts in aller Härte ausgetragen. Dennoch hat im alltäglichen Zusammenleben ein friedlicher, von gegenseitigem Respekt gekenntzeichneter modus vivendi bis in den neuen Staatsverband Rumänien hinein überlebt, der sich von ähnlichen ethnischen Mischgebieten Südosteuropas positiv abhebt. Ein allerdings ungelöstes Problem stellen die auf schätzungsweise 2 – 2,5 Millionen angewachsenen Zigeuner dar, die von den traditionellen Ethnien als Fremdkörper wahrgenommen werden. Diese Form des Zusammenlebens hat ihre Wurzeln wohl ebensowenig in einer höheren Einsicht in Humanität und Toleranz modernen Zuschnitts wie die religiöse Duldsamkeit, sondern eher im ausgeprägten Pragmatismus dieser Völker und in ihrer kollektiven Erfahrung vergangener äußerst kriegerischer Zeiten, in denen man aufeinander angewiesen war.

Religionspolitik der Habsburger

Die traditionelle Politik der religiösen Duldung wurde in Frage gestellt, als nach 1691mit der Umwandlung Siebenbürgens in ein österreichisches Kronland eine aggressive Phase der Gegenreformation einsetzte. Sofort nach der Inbesitznahme Siebenbürgens betrieb die Wiener Obrigkeit mit äußerster Energie die vollständige Wiederherstellung und Ausbreitung der katholischen Kirche. Das Bistum in Karlsburg wurde wieder errichtet und sehr reich mit Stiftungen bedacht. Die evangelischen ständischen Behörden wurden unter dem Druck der Militärbesatzung gezwungen, Kirchen und Schulgebäude an die Katholiken abzutreten. Ein Austritt oder Wiederaustritt aus der katholischen Kirche wurde als Abfall bzw. Apostasie unter staatliche Strafe gestellt. Bei der Ämterbesetzung wurden Katholiken unter massiver Druckanwendung bevorzugt, was jedoch nur bei einem Teil des karrierebewußten ungarischen Adel zu dem erhofften Proselytentum führte. Die Masse der Bevölkerung blieb den reformatorischen Bekenntnissen treu. Daher behalf sich die Obrigkeit für die vielfältigen Verwaltungsaufgaben in großem Stil mit dem „Import“ katholischen Personals. Auf der anderen Seite entschloß sie sich aber auch, hartnäckige evangelische Christen aus ihren anderen Erbländern (Oberösterreich, dem Salzburgischen und Kärnten) unter zum Teil drastischen Umständen nach Siebenbürgen zu deportieren (die Kinder wurden zum Teil einbehalten und in katholische Obhut gegeben). Sie ließ es auch zu, daß sich eine größere Anzahl evangelischer Baden-Durlacher und Hanauer in sächsischen Ortschaften niederließen. Ich selbst habe auch oberösterreichische (Landler) und Durlacher Vorfahren.

Größere Erfolge hatte die Gegenreformation bei den orthodoxen Rumänen, die mittlerweile die Mehrheit der Bevölkerung ausmachten. Nach mehrfachen Verhandlungen kam es schließlich zu einer Einigung: Den unionswilligen orthodoxen Geistlichen wurde die Beibehaltung des orthodoxen Ritus zugestanden; diese wiederum machten dogmatische Zugeständnisse und verpflichteten sich zur Anerkennung des Papstes als Oberhaupt, zur Anerkennung der Austeilung des Abendmahles mit ungesäuertem Brot, der Anerkennung des Fegefeuers und zur Anerkennung des Glaubenssatzes, das der heilige Geist vom Vater und vom Sohne ausgeht. Die habsburgische Regierung erhoffte sich durch diesem Kompromiß die Ausweitung des katholischen Einflusses und die Rumänen erhofften sich eine Verbesserung ihrer unterpriviligierten Lage. In der Tat wurden den Unierten eine Reihe von materiellen und bildungspolitischen Vorteilen verschafft, die ihnen größere Entfaltungsmöglichkeiten eröffneten, als es ohne die Union der Fall gewesen wäre. Aus ihren Reihen ging dann auch die berühmte „Siebenbürgische Schule“ (scoala ardeleana) hervor und es entstand eine beachtliche rumänische Geisteselite, die im späteren rumänischen Emanzipationsprozess noch eine herausragende Rolle spielen sollte. Allerdings schlossen sich nur ein Teil der Rumänen der Union an, sodaß das Rumänentum fortan in zwei Konfessionen gespalten war: die traditionelle rumänische orthodoxe Kirche und die neue unierte bzw. griechisch-katolische Kirche. Die griechisch-katolische Kirche hat unterdessen ihre ehemals herausragende Position weitgehend eingebüßt. Sie wurde nämlich 1948 verboten, ihre Würdenträger wurden fast sämtliche verhaftet, die Gläubigen mußten unter Zwang zur orthodoxen Kirche konvertieren, der auch das gesamte Vermögen zufiel. Nach ihrer Wiederzulassung im Jahre 1990 fand nur ein Teil ihrer ehemaligen Mitglieder zu ihr zurück und die orthodoxe Kirche hintertreibt, wohl auch mit staatlicher Unterstützung, die Rückerstattung der Gotteshäuser und des ehemals beträchtlichen Vermögens der Unierten. Mit Ausnahme dieses Tatbestandes hat sich an dem ethnischen und religiösen Panorama in Siebenbürgen bis heute kaum etwas geändert.

Schlußbemerkung

Es wäre unrealistisch anzunehmen, daß es in Siebenbürgen überhaupt keine ethnischen und religiösen Spannungen gäbe. Sie halten sich jedoch verglichen mit benachbarten Regionen in erstaunlich engen Grenzen. Wenn überhaupt, dann kommt es nur zwischen der rumänischen Mehrheitsbevölkerung und der verhältnismäßig großen ungarischen Minderheit in den Mischgebieten oder an den Siedlungsgrenzen zu Reibereien, die in der Regel aber auf ideologische Propaganda zurückzuführen sind und im alltäglichen engeren Zusammenleben kaum eine Rolle spielen. Siebenbürgen ist in der Tat ein Landstrich, in dem durch eine eigentümliche Schicksalsgemeinschaft drei Völker (Rumänen, Ungarn und Sachsen) und sechs Konfessionen (Orthodoxe, Griechisch-katholische, Katholiken, Kalvinisten, Lutheraner und Unitarier), wenn auch mit temporären Unterbrechungen, einvernehmlich miteinander bis heute koexistert haben. Insofern kann man von einem „Modell“ des Miteinanders sprechen, das von einem ausgeprägten Pragmatismus im täglichen Zusammenleben der Menschen zeugt. Lediglich die Zigeuner, also die Ethnie der Roma, ist zum großen Teil ausgegrenzt, ein Umstand, der dem Land noch große Anstrengungen abverlangen wird, bis es zu einer Lösung kommt.

Falsche Debatte?

Die folgenden Ausführungen wurden im Februar 2023 verfasst und im Kollegenkreis heftig diskutiert. Sie haben m.E. auch heute noch ihre Gültigkeit.

Führen wir eine falsche Debatte? Kontroversen um Waffenlieferungen an die Ukraine

Einleitung

Seit Beginn des Krieges in der Ukraine findet national und international eine ausufernde Diskussion um Waffenlieferung an die Ukraine statt. Spätestens aber seit dem sehr spät und widerwillig gefällten Beschluss der Bundesregierung, auch Kampfpanzer an die Ukraine zu liefern, entzündet sich die Debatte in diversen Gesprächsrunden (vulgo: Talk-Shows), Fernseh- und Presse- Interviews, Leitartikeln und Kommentaren an der Frage, ob es nicht an der Zeit wäre, dem stark bedrängten Land auch Mittelstrecken-Raketen und Kampfflugzeuge zur Verfügung zu stellen. Die Bundesregierung ist strikt dagegen, wie sie vor Monaten auch strikt dagegen war, Panzer zu liefern. Immer wieder ist in der Diskussion von sogenannten „roten Linien“ die Rede gewesen, die nicht überschritten werden dürften, die dann aber in den letzten Monaten wiederholt verschoben wurden. Andere Staaten der NATO und der EU sind unentschieden oder stehen einer solchen Lieferung offen gegenüber. Dieses ist aber von der Logik her gesehen die falsche Debatte. Sie zäumt nämlich das Pferd von hinten auf.

Zweck-Ziel-Mittel-Relation

Zum besseren Verständnis wäre es sicher an der Zeit, sich bei dieser hektischen, polemischen und sehr diffusen Debatte um die Waffenhilfe an die Ukraine wieder einmal an die Ausführungen von Carl von Clausewitz über die Zweck-Ziel-Mittel-Relation zu erinnern:

Danach stellt die Zweck-Ziel-Mittel-Relation einen zentralen Baustein innerhalb des strategischen Denkens dar. Der Zweck ist hierbei jedoch immer das Maß für die einzusetzenden Mittel sowie für die aus dem Zweck abgeleiteten Ziele. Das heißt, es stehen die Ziele in Abhängigkeit zum politischen Zweck und leiten sich aus diesem ab. Oft verschwimmen Zweck und Ziel und sind nur schwer zu differenzieren.

Im Vorfeld der Zielfestlegung und Zieldefinition erfolgt eine Zweckdefinition durch die Politik. Erst im Anschluss daran werden die Ziele als Wegmarken des Handelns festgelegt. Der Zweck legt fest, was man durch einen Krieg erreichen will, das Ziel legt fest, was man in einem Krieg erreichen will (Herfried Münkler).
Nachdem sowohl der politische Zweck als auch die Ziele näher definiert wurden, erfolgt eine Kontingentierung der Mittel, welche sich am Zweck und an den Zielen ausrichten.
Die Berechnung der Mittel, oder auch das Maß der Anstrengungen, richten sich nach der Widerstandskraft des Gegners. Daraus folgt eine relativ einfache, mathematische Gleichung: Widerstandskraft des Gegners = Schlagkraft der eigenen Mittel und Maß der Anstrengungen. Ist die Widerstandskraft des Gegners also gering, bedarf es nur schwacher Mittel und einer geringen Anstrengung. Ist die Widerstandskraft des Gegners jedoch erheblich, bedarf es wirkungsvoller eigener Mittel und einer gesteigerten Anstrengung. Gerät nun der Kraftaufwand mit dem Wert des politischen Zwecks aus dem Gleichgewicht, ist der Zweck aufzugeben und Frieden anzustreben.

Zweck-Ziel-Mittel-Relation für Russland

Für den Aggressor, die Russische Föderation, stehen Zweck und Ziel der Kriegsoperation fest: Es geht um die Wiederherstellung der Großmacht Russland in der geografischen Größe des untergegangenen Zarenreiches mit dem Ziel, in einem ersten Schritt auf diesem Wege zunächst die Ukraine niederzuwerfen und sich einzuverleiben. Wenn dieses Ziel erreicht sein wird, sollen weitere Ziele zur Erreichung des Zweckes angestrebt werden. Die dabei eingesetzten Mittel sind erheblich: ein Großteil der russischen Streitkräfte (Land-, Luft- und Seestreitkräfte) und eine ungeheure Menge an Kriegsmaterial. Fehlendes Material wird vom Iran und von Nordkorea bezogen. Flankierend dazu werden auch Söldnertruppen in einem erheblichen Umfang eingesetzt. Anfänglich machte sich Russland große Illusionen hinsichtlich der raschen Erreichbarkeit seines Zieles. Auch im Westen, ging man überwiegend davon aus, dass der Feldzug in kurzer Zeit beendet sein würde. Die russische Armee und Armeeführung erwiesen sich jedoch als viel weniger schlagkräftig und die ukrainische Armee und ihre Führung als sehr viel widerstandsfähiger (auch Dank westlicher Waffenhilfe) und effektiver als vorher angenommen. Nach seiner Niederlage vor Kiew und seinem Rückzug auf die Ost- und Südukraine verstärkte Russland seine Mittel erheblich (Mobilmachung…) und ging sogar dazu über, die zivile Infrastruktur und Wohngebiete der Ukraine mit Raketen und Drohnen aus der Luft massiv anzugreifen, um die Bevölkerung zu demoralisieren und mürbe zu machen, ein klarer Bruch des Kriegsrechts. Darüberhinaus startete es Versuche, den Westen davon abzubringen, weiter und eventuell sogar verstärkt Waffen an die Ukraine zu liefern, indem es für diesen Fall heftige Eskalationsdrohungen bis hin zu einem Atomschlag ausstieß mit dem Ziel die westliche Bevölkerung in Angst und Schrecken zu versetzen und die westlichen Strukturen zu spalten. Ein weiteres Mittel der Kriegsführung ist eine breit angelegte Propagandaschlacht im Inneren Russlands aber auch in Richtung Westen. Eine hervorgehobene Zielrichtung der Propaganda ist Deutschland. Offensichtlich glaubt Putin, dass die Einschüchterungen und die massiven propagandistischen Irreführungen dort besonders verfangen. Umfragen in der deutschen Bevölkerung scheinen dies zu bestätigen. Der Frontverlauf ist mittlerweile trotz heftiger Kämpfe zum Stillstand gekommen. Jetzt stellt sich die Frage, welchen weiteren Kraftaufwand Russland bereit ist, auf sich zu nehmen, um sein Kriegsziel zu erreichen, oder ab wann man damit rechnen kann, dass der ins annähernd Unermessliche steigende Kraftaufwand es ihm nicht mehr wert ist, den Krieg fortzusetzen (siehe Clausewitz: Gerät nun der Kraftaufwand mit dem Wert des politischen Zwecks aus dem Gleichgewicht, ist der Zweck aufzugeben und Frieden anzustreben.). Oder wird es überhaupt ohne eine fette Beute jemals mit den Kriegshandlungen innehalten? Vor dieser Frage steht die Ukraine, stehen aber auch insbesondere ihre Unterstützer, ohne deren Waffenlieferungen sie nicht hätte widerstehen können. Eine plausible bzw. realistische Antwort auf diese Frage wird sich bei aller Unwägbarkeit hinsichtlich eines tatsächlichen Verhaltens Russlands maßgeblich auf die Bereitschaft oder Ablehnung des Westens zu weiteren wirkungsvollen Waffenlieferungen auswirken. Diese Antwort muß nach gründlicher Analyse trotz aller Unwägbarkeiten im russischen Verhalten früher oder später gegeben werden.

Zweck-Ziel-Mittel-Relation für die Ukraine

Die Ukraine sieht in ihrem Abwehrkampf gegen den Aggressor nur einen Zweck: Die Wiederherstellung ihrer territorialen Integrität. Dazu verfolgt sie das Ziel, die russischen Verbände mit Waffengewalt aus dem Land zu vertreiben. Ihre Mittel sind allerdings begrenzt. Sie verfügt zwar über eine ausgezeichnet geführte Armee, ein erhebliches Waffenarsenal und eine sehr hohe Kampfmoral, ist aber auf Dauer aus eigener Kraft allein den überlegenen russischen Kräften wohl nicht gewachsen. Dennoch erschien die Möglichkeit, dass sie das Ziel erreichen könnte, bisher auch Dank massiver Unterstützung (zivil, humanitär, finanziell, politisch und militärisch) durch den Westen nicht aussichtslos. Die massiven und existenzbedrohenden russischen Raketen- und Drohnenangriffe auf die zivile Infrastruktur und auf zivile Wohngebiete und die festgefahrene Front im Donbas und im Süden des Landes erschweren es der ukrainischen Armee mittlerweile erheblich, mit ihren bisherigen militärischen Mitteln ihr Ziel zu erreichen. Sie braucht eine verstärkte Unterstützung mit noch wirkungsvolleren Waffen als bisher. Diese kann sie ausschließlich aus dem Westen (NATO und EU) erhalten, wo es allerdings um Qualität und Quantität dieser Waffen Diskussionen gibt. Möglichst rasch das Ziel auf dem Verhandlungswege anzustreben, wie nicht wenige Beobachter um des lieben Friedens willen vorschlagen, hält sie zur Zeit nicht für erfolgsversprechend. Sie fürchtet, wohl zu Recht, daß dieser Weg einer Kapitulation gleichkäme.

Reaktionen der Unterstützer der Ukraine

Alle westlichen und demokratischen Staaten sind sich im Großen und Ganzen darüber einig, dass mit dem völkerrechtswidrigen Einfall Russlands in die Ukraine am 24.02.2022 und durch die kriegsrechtswidrige Kriegsführung das bis dahin gültige europäische Sicherheitssystem, auch wenn es durch die russische Annexion der Halbinsel Krim und der östlichen Gebiete des Donbas im Jahre 2014 schon brüchig geworden war, nun endgültig zusammengebrochen ist. Sie sind sich auch darüber einig, dass, falls es Russland gelingt, die Ukraine an sich zu reißen, weitere ehemals russische Gebiete zu Angriffszielen werden, selbst wenn einige von ihnen heute fest in der NATO und in der EU integriert sind. Damit wäre der gesamte Westen durch die Aspirationen Russlands bedroht. Es ist daher unstrittig, dass der Westen auf diese Herausforderung reagieren muß. Allerdings herrscht auch Konsens, dass die westliche Allianz bei allen zu ergreifenden Maßnahmen niemals mit eigenen Truppen in das Geschehen eingreifen dürfe, um zu vermeiden, dass sie selbst zu einer aktiven Kriegspartei würde. In Deutschland ist die Angst, durch die Qualitätssteigerung der an die Ukraine gelieferten Waffen ungewollt in den Status der Kriegspartei hinein zu rutschen, besonders stark ausgeprägt. Dies erklärt ja dann auch die äußerste Vorsicht und Zurückhaltung der Bundesregierung.

Operationsziele und -mittel des Westens

Der Zweck aller vom Westen getroffenen Maßnahmen ist, dem Völkerrecht wieder zur Geltung zu verhelfen, die Ukraine vor ihrer Auslöschung zu bewahren und den Boden zu bereiten für eine neue europäische Friedensordnung.
Das Ziel des Westens ist, die Ukraine durch großzügige Unterstützung zu befähigen, sich erfolgreich zu verteidigen, ihre Unterjochung durch Russland abzuwehren, und durch seine Schwächung Russland zu ernsthaften Friedensverhandlungen zu drängen.

Die Mittel, zu denen der Westen gegriffen hat und noch greift sind sehr vielfältig.
Zunächst verständigte man sich auf sehr weitreichende Sanktionen gegen Russland, die allerdings ziemlich schmerzhafte Rückwirkungen auf diejenigen hatten, die die Sanktionen verhängt hatten. Manche Analysten sind sogar der Meinung, dass der Schaden für Russland viel geringer sei als für einen selbst. Das NATO- und EU-Mitglied Ungarn widersetzt sich daher auch energisch diesem Sanktionsregime. Darüberhinaus erwirkte man eine Verurteilung Russlands durch die UNO- Vollversammlung mit einer beeindruckender Mehrheit. Eine großangelegte direkte Unterstützung der Ukraine (finanziell, humanitär, technisch, politisch und vor allem militärisch) hat dann auch dazu geführt, dass die Ukraine bislang den überlegenen russischen Streitkräften standhalten konnte. Allerdings gibt es im westlichen Bündnis gerade bei der Bereitstellung von Waffen in quantitativer und qualitativer Hinsicht Differenzen. Deutschland spielt hierbei eine auffällige Sonderrolle. Der Bundeskanzler weigert sich interessanterweise bis heute auszusprechen, die Ukraine solle den Krieg gewinnen und Russland solle den Krieg verlieren. Er besteht darauf, die Ukraine dürfe den Krieg nicht verlieren und Russland dürfe den Krieg nicht gewinnen. Das sind kleine aber entscheidende Unterschiede in den Nuancen und geben zu allerhand Vermutungen Anlass. Offensichtlich will der Bundeskanzler die Beziehungen zu Russland nicht einfrieren, da er sich eine Nachkriegsordnung in guter sozialdemokratischer Tradition ohne konstruktive Zusammenarbeit mit Russland nicht vorstellen kann. Zwar hat die Bundesregierung allen Maßnahme-Beschlüssen des Westens zugestimmt, wenn es aber um konkrete Waffenlieferungen ging, hat sie nur sehr zögerlich und auch nur auf Druck der Verbündeten reagiert. Begründungen für dieses Verhalten hat der Bundeskanzler nie gegeben. Auf drängende Fragen hin hieß es stereotyp, man wolle nicht eskalieren, handle bedacht und mache keine deutschen Alleingänge. Außerdem liefere man ja, was nötig sei. Was aber unter „nötig“ zu verstehen sei, wurde nie konkretisiert. Es ist daher nicht verwunderlich, dass manche Analysten den Verdacht äußern, die Bundesregierung verfolge eine eigene Agenda.

Wenn es bei den Waffenlieferungen, die ja in direkter Korrelation zu den Zielen stehen, unterschiedliche Meinungen gibt, so stimmen auch die Ziele nicht 100%ig überein.
Bevor also über bestimmte Mittel der Unterstützungsleistung durch den Westen und damit auch durch Deutschland, diskutiert wird (im aktuellen Fall über die Lieferung von Kampfflugzeugen), sollte Einigkeit über ihren Zweck und die davon abgeleitete Zielsetzung herrschen. Hierbei besteht innerhalb der NATO und der EU aber offensichtlich noch erheblicher Konkretisierungsbedarf, und hier sollte die Debatte ansetzen. Es besteht nämlich beispielsweise durchaus bisher kein Konsens darüber, ob Russland gezwungen werden soll, alle besetzten Gebiete einschließlich der Krim zu räumen, oder ob es sich lediglich auf den Stand vom 23.02 2022 zurückziehen sollte. Einige Meinungen gehen sogar so weit, es sollten Russland die gegenwärtig besetzen Gebiete überlassen werden und auf dieser Basis sollte man dann in umgehende Waffenstillstands- und Friedensverhandlungen eintreten, also den Krieg einfrieren und ein lang anhaltendes Menetekel in Kauf nehmen. Es ist auch ein Unterschied, ob man Russland ein „gesichtswahrendes“ Verhandlungsangebot unter Berücksichtigung seiner subjektiven Sicherheitsinteressen machen will (Macron), oder ob man von ihm fordert, die völlige territoriale Integrität der Ukraine anzuerkennen und auf den Anspruch einer vorgelagerten „Sicherheitszone“ zu verzichten. Erst wenn Zweck und Ziel des Handelns zweifelsfrei, verbindlich und vor allem einvernehmlich geklärt sind, können die adäquat anzuwendenden Mittel diskutiert werden, denn die letzteren sind von den ersteren abhängig und müssen an sie angepasst werden.

Schluß

Die stereotype Feststellung westlicher Politiker, dass der Zeitpunkt und die Bedingungen für Verhandlungsangebote an Russland ausschließlich Angelegenheit der Ukraine seien, ist wohlfeil. Mittels überlegter quantitativer Dosierung und mittels qualitativer Auswahl der gelieferten Waffen wird sehr wohl massiver Einfluß auf die Entscheidungsfindung der ukrainischen Führung genommen. Auch der jeweils gewählte Zeitpunkt der Lieferungen ist ein wirksames Steuerungsinstrument. Es stellt sich nämlich beispielsweise die bange Frage, ob die zugesagte Lieferung von Kampfpanzern nicht absichtlich so lange verschleppt wurde, bis die Panzer eventuell zu spät zum Einsatz kommen und für die Ukraine nur noch bedingt von Nutzen sind.

Angst vor dem Atomkrieg

In regelmäßigen Abständen droht Wladimir Putin gegenüber dem Westen mit dem Einsatz von Atomwaffen. Sind diese Drohungen ernst zu nehmen, oder dienen sie nur der Einschüchterung? anbei wird eine Meinung paraphrasiert.

Der Westen und die Angst vor dem Aggressor

Insbesondere in Deutschland ist die Angst, Präsident Putin könnte, wenn er zu sehr provoziert werde, taktische Atomwaffen zum Einsatz bringen, sehr stark ausgeprägt. Der Bundeskanzler Scholz hat seine zögerliche Haltung bei der Lieferung schwerer Waffen an die Ukraine auch damit begründet (keine Eskalation!). Die Drohung mit atomaren Waffen haben Putin und seine Marktschreier wie etwa Dimitrij Medwedew wiederholt ausgestoßen, um den Westen einzuschüchtern und von der Aufrüstung der Ukraine abzuhalten. Im Verlauf der Zeit haben diese Drohungen an Wirkung nachgelassen und flammen jetzt im Zusammenhang mit der überhitzten Debatte um die Lieferung der Marschflugkörper Tauris erneut auf. Die jüngste heftige Kontroverse zwischen dem französischen Präsidenten und dem deutsche Bundeskanzler ob der Westen sich die Option zum Einsatz eigener Truppen in der Ukraine unter bestimmten Voraussetzungen offen halten sollte oder nicht, hat natürlich Putin ermuntert, seine konfrontative Rhetorik zu verschärfen.

Der ehemalige russische Diplomat Boris Bodnarew hat zu diesem Sachverhalt in der in Moskau erscheinenden unabhängigen und englischsprachigen Internet-Zeitung „The Moscow Times“ in bemerkenswerter Weise Stellung bezogen:

„Ist Wladimir Putin bereit, taktische Atomwaffen einzusetzen?

In seiner Ansprache vor dem Föderationsrat kehrte Wladimir Putin nach einer kurzen Pause zur harschen Atomrhetorik zurück und drohte Europa. Am Tag zuvor erschien in der Financial Times ein Szenario für den Einsatz russischer Atomwaffen.

Die Veröffentlichung zitiert geheime Dokumente, die die Methoden und die Wahrscheinlichkeit des Einsatzes taktischer Atomwaffen durch russische Truppen beschreiben. Die Dokumente sind alt, sie sprechen von einem hypothetischen Konflikt mit China. Allerdings wirft diese Veröffentlichung für uns neue Fragen auf.

Erstens wurde erneut bestätigt, dass der Einsatz taktischer Atomwaffen (TNW=Thermonukleare Waffen) von der derzeitigen militärischen und politischen Führung Russlands als völlig akzeptables Instrument zur Bekämpfung überlegener feindlicher Kräfte angesehen wird. Im Gegensatz zu strategischen Atomwaffen sind taktische Atomwaffen dazu bestimmt, militärische Ziele und feindliche Streitkräfte im Einsatzgebiet anzugreifen.

Zweitens unterstreicht es die Bereitschaft Moskaus, zu extremen Maßnahmen zu greifen, um seine strategischen Ziele zu erreichen, insbesondere in Situationen, in denen konventionelle Streitkräfte nicht in der Lage sind, militärischen Druck einzudämmen oder abzuwehren. Es ist nicht verwunderlich, dass das sogenannte „nukleare Tabu“, also das nach dem Zweiten Weltkrieg entstandene informelle Verständnis der Unzulässigkeit des Einsatzes von Atomwaffen auf dem Schlachtfeld, zunehmendem Druck seitens russischer „Falken“ ausgesetzt ist. Diese sind bereit, der heimtückischen NATO eine weitere Kuzkin-Mutter (in etwa „Stinkefinger“) zu zeigen.

Die Entscheidung über den Einsatz von Atomwaffen liegt ausschließlich in der Zuständigkeit des russischen Präsidenten Wladimir Putin. Dieser Ansatz erhöht sicherlich die Unvorhersehbarkeit der russischen Nuklearstrategie und erschwert die internationalen Bemühungen zur Eindämmung und Verhinderung eines nuklearen Konflikts.

Nach der Reaktion westlicher Experten zu urteilen, sind bestimmte Parameter und Schwellenbewertungen für den Einsatz taktischer Atomwaffen zwingend erforderlich. Es gilt als Axiom, dass die Zulässigkeit und Rechtfertigung des hypothetischen Einsatzes taktischer Atomwaffen beispielsweise während des Krieges in der Ukraine von Moskau im Einklang mit einer Doktrin und anderen formalisierten Richtlinien geprüft wird. Das stimmt natürlich leider nicht mehr .

Es ist wichtig zu verstehen, dass Wladimir Putin die Entscheidung über den Einsatz von Atomwaffen auf der Grundlage seiner eigenen Sicht der Lage und Einschätzung der Lage treffen wird und nicht auf der Grundlage offiziell genehmigter Dokumente und Anweisungen handelt. Die Erfahrung zeigt, dass Wladimir Putin sich häufig von Überlegungen leiten lässt, die weit von der Realität entfernt sind. Wir können daher die Möglichkeit des Einsatzes taktischer Atomwaffen in einer Situation nicht ausschließen, in der dies nach Meinung eines externen Beobachters vollständig hätte vermieden werden können.
Es ist unwahrscheinlich, dass Putin verlangen wird, ihm ein Exemplar der „Grundlagen der Staatspolitik im Bereich der nuklearen Abschreckung 2020“ zu bringen, dort nach den richtigen Gründen suchen, sie nicht finden und mit einem Seufzer sagen wird: ‚Das will ich zwar (Kiew oder Warschau angreifen), aber ich kann nicht. Die Lehre erlaubt es nicht.‘ Natürlich werden sich weder der Präsident noch die Militärführung im richtigen Moment nach irgendwelche doktrinären Leitlinien richten, sondern werden sich (ihrer Meinung nach) von rein praktischen Erwägungen leiten lassen.
Leider müssen wir annehmen, dass der Befehl zum Atomschlag bei der Armee wahrscheinlich keine Empörung hervorrufen wird, denn es gibt in den Reihen der russischen Streitkräfte wohl kaum noch besonnene Offiziere. Und die überwältigende Mehrheit derjenigen, die einen solchen Befehl erhalten, werden ihn nicht nur ohne Einwände, sondern auch mit unverhohlener Begeisterung ausführen – in den sowjetischen und russischen Armeen wurde seit jeher ein tiefer Hass auf den Westen gepflegt. Heute wird dies durch die gleiche Haltung gegenüber der Ukraine ergänzt.
All dies verdeutlicht die dringende Notwendigkeit, dass die NATO-Staaten eine angemessene Reaktion auf den möglichen Einsatz taktischer und insbesondere strategischer Atomwaffen durch Russland entwickeln. Gleichzeitig provoziert die Politik, eine solche Reaktion auf jede erdenkliche Weise zu vermeiden und die eigene Angst vor einer „Eskalation“ zu demonstrieren, den Angreifer zu neuen Bedrohungen. Appetit kommt bekanntlich mit dem Essen.
In diesem Zusammenhang stellt sich die Frage, warum diese Dokumente zu diesem Zeitpunkt von ungenannten Quellen der amerikanischen Presse vorgelegt wurden. Gibt es hier einen weiteren Versuch, eine schwache Politik gegenüber dem Aggressor und unzureichende Unterstützung für die Ukraine zu rechtfertigen?
Die Geschichte zeigt jedoch, dass die Beschwichtigung und Besänftigung des Angreifers keinen verlässlichen Frieden bringt.
Frieden kann nur durch die Bereitschaft gewährleistet werden, ihn mit Waffen in der Hand zu verteidigen. ‚Wenn du Frieden willst, bereite dich auf den Krieg vor‘, sagten die Römer. Und wenn die Europäer in den letzten Jahrhunderten die Lehren aus der römischen Geschichte vergessen haben sollten, dann müssen sie für diese „Vergesslichkeit“ büssen, wie sie es auch schon in den späten 30er Jahren des 20. Jahrhunderts tun mussten. Der Westen wendet zwar viel Geld und Technologie auf, wenn er aber weiterhin an Geld und Waffen für die Ukraine spart, wird er früher oder später mit dem Leben seiner eigenen Bürger bezahlen müssen. Er kann allerdings jederzeit auch kapitulieren. Es gibt auch solche Erfahrungen, und offenbar ist es diese Erfahrung, die eine Reihe westlicher Politiker leitet“.

Der Sarkasmus des Autors ist nicht zu übersehen.

Allerdings gibt es tatsächlich im westlichen Bündnis gerade bei der Bereitstellung von Waffen in quantitativer und qualitativer Hinsicht erhebliche Differenzen. Deutschland spielt hierbei eine auffällige Sonderrolle. Der Bundeskanzler weigert sich interessanterweise bis heute auszusprechen, die Ukraine solle den Krieg gewinnen und Russland solle den Krieg verlieren. Er besteht darauf, die Ukraine dürfe den Krieg nicht verlieren und Russland dürfe den Krieg nicht gewinnen. Das sind kleine aber entscheidende Unterschiede in den Nuancen und geben zu allerhand Vermutungen Anlass. Offensichtlich will der Bundeskanzler die Beziehungen zu Russland nicht einfrieren, da er sich eine Nachkriegsordnung in guter sozialdemokratischer Tradition ohne konstruktive Zusammenarbeit mit Russland nicht vorstellen kann. Zwar hat die Bundesregierung allen Maßnahme-Beschlüssen des Westens zugestimmt und die Ukraine auch in erheblichem Umfang unterstützt, wenn es aber um konkrete Lieferungen schwerer Waffen ging, hat sie nur sehr zögerlich und auch nur auf Druck der Verbündeten reagiert. Begründungen für dieses Verhalten hat der Bundeskanzler nie gegeben. Er hat immer nur stereotyp andeutungsweise beschworen, man wolle deutscherseits keine Alleingänge unternehmen, mit den Lieferungen keine Eskalation des Krieges beflügeln und die Atommacht Russland nicht bis zum Äussersten reizen. Außerdem liefere man ja, was nötig sei. Was aber unter „nötig“ zu verstehen sei, wurde nie konkretisiert. Es ist daher nicht verwunderlich, dass manche Analysten den Verdacht äußern, die Bundesregierung verfolge eine eigene Agenda. Die in der Bevölkerung weit verbreitete Angst vor einem Atomkrieg wurde sicher auch von Scholz selbst maßgeblich befördert durch seine immer wieder öffentlich zelebrierte eigene Angst vor einem Atomkrieg.

Die mantraartige Feststellung westlicher Politiker, dass der Zeitpunkt und die Bedingungen für Verhandlungsangebote an Russland ausschließlich Angelegenheit der Ukraine seien, ist wohlfeil. Mittels überlegter quantitativer Dosierung und mittels qualitativer Auswahl der gelieferten Waffen wird sehr wohl massiver Einfluß auf die Entscheidungsfindung der ukrainischen Führung genommen. Auch der jeweils gewählte Zeitpunkt der Lieferungen ist ein wirksames Steuerungsinstrument. Es stellt sich nämlich beispielsweise die bange Frage, ob die letztendlich zugesagte Lieferung von Kampfpanzern nicht absichtlich so lange verschleppt wurde, bis die Panzer eventuell zu spät zum Einsatz kommen und für die Ukraine nur noch bedingt von Nutzen sind. Und wie steht es mit den sehr wirkungsvollen und für die Ukraine sehr wichtigen Marschflugkörpern Taurus? Eine offene Frage!

Die ganze Dilemma macht deutlich, dass es höchste Zeit ist, dass der gesamte Westen (einschließlich Deutschland) endlich zu einem Konsens über die Clausewitzsche „Zweck-Ziel- Mittel-Relation“ gelangen muß. D.h. man muss sich klar darüber einigen, was man gemeinsam in der Ukraine bezweckt, dann ein klares Ziel definieren und schließlich sich verständigen, welche Mittel (insbesondere Waffen) man zur Erreichung des Zweckes und des Zieles bereit und in der Lage ist, anzuwenden. Schließlich sollte der Westen auch aufhören, auf Eskalationen Russlands immer nur zu reagieren, sondern sollte dazu übergehen, selbst rote Linien zu setzen und so in die Vorhand zu gelangen. Eine immer wieder von russischer Seite instrumentalisierte Atomkriegsangst sollte überwunden werden. Sie wirkt lähmend und Putin weiß das.

Damoklesschwert über Moldawien

Das Hilfeersuchen der abtrünnigen Region Transnistrien vom 28.02.2024 hat aufhorchen lassen. Besteht die Gefahr, dass Putin hier eine neue Front eröffnet, oder handelt es sich nur um einen Propagandatrick, um Unruhe zu stiften?

Damokles-Schwert über Moldawien

Die Informationen stammen weitgehend vom renommierten und bestens dokumentierten „Institute for the Study of War“ (ISW).

Die pro-russische, von Moldawien abtrünnige Region Transnistrien, hielt am 28. Februar den Siebten Kongress der transnistrischen Abgeordneten ab und verabschiedete eine Reihe von Beschlüssen, die wahrscheinlich darauf abzielen, dem Kreml Rechtfertigungen für eine Vielzahl möglicher eskalierender Maßnahmen gegen Moldawien zu liefern, Maßnahmen, die der Kreml sofort oder langfristig ergreifen kann. Der Kongress der transnistrischen Abgeordneten verabschiedete sieben Beschlüsse, darunter einen Antrag an die russische Staatsduma und den Föderationsrat zur russischen „Verteidigung“ Transnistriens als Reaktion auf den angeblich zunehmenden Druck aus Moldawien. Transnistrische Beamte verwendeten in ihrem Antrag ausdrücklich „zaschtschita“ (защита), ein Wort, das sowohl „Verteidigung“ als auch „Schutz“ bedeutet, wodurch sie die Möglichkeit dafür eröffnen wollten, dass der Kreml „Verteidigung“ im militärischen Sinne interpretieren kann, wenn er dies wünscht. Transnistrische Beamte beriefen sich in ihrem Antrag zur russischen „Verteidigung“ auf die Verpflichtungen der russischen „Friedensmission“ in Transnistrien und auf die rund 220.000 russischen Staatsbürger, die ihrer Aussage nach in Transnistrien leben. Transnistrische Beamte streben wahrscheinlich danach, dass diese Appelle kurz- oder langfristig als Grundlage für eine mögliche russische Intervention in Transnistrien und Moldawien dienen, da sie mit russischen Rechtfertigungen für frühere Interventionen, insbesondere seine Invasionen in der Ukraine, übereinstimmen. Der Kreml hat sich zunehmend der Rhetorik über Russlands „Landsleute im Ausland“ bedient, zu denen ethnische Russen und Russischsprachige gehören, um seinen Krieg in der Ukraine weiter zu rechtfertigen und wahrscheinlich vorsorglich Bedingungen für Provokationen in Ländern zu schaffen, in denen russische „Landsleute“ leben. Der Kreml nutzte auch die Idee, seine „Landsleute im Ausland“ zu schützen, um die Tatsache zu rechtfertigen, dass russische Truppen Transnistrien seit 1992 besetzt halten. Transnistrische Beamte appellierten stereotyp an transnistrische Einwohner mit russischer Staatsbürgerschaft, Belege für ihre sprachliche Unterdrückung zu liefern. Der russische Außenminister Sergej Lawrow erklärte am 14. Februar, Russland sei „besorgt“ um die russischen Bürger in Transnistrien und werde „nicht zulassen, dass sie Opfer eines weiteren westlichen Abenteuers werden“.

Der Kongress der transnistrischen Abgeordneten forderte außerdem ausdrücklich die Vereinten Nationen (UN) und das Europäische Parlament auf, angebliche Verstöße Moldawiens gegen transnistrische Rechte und Freiheiten zu stoppen, und forderte die Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) auf, Moldawien zu einem „angemessenen Dialog“ zu bewegen. Auch an die Gemeinschaft Unabhängiger Staaten (GUS) und das Internationale Rote Kreuz wurde appelliert, eine Eskalation am Fluss Dnjestr zu verhindern und die Rechte der Einwohner Transnistriens zu gewährleisten. Transnistrische Beamte forderten ausserdem, zum 5+2- Verhandlungsprozess für den Transnistrienkonflikt zurückzukehren, an dem Russland, die Ukraine, Transnistrien, Moldawien und die OSZE als Vermittler sowie die Europäische Union (EU) und die USA als Beobachter beteiligt sind. Diese Appelle an multilaterale Organisationen und Verhandlungsformate zielen darauf ab, Transnistrien als eine von Moldawien getrennte souveräne Einheit zu legitimieren, auf seine Unabhängigkeit zu drängen, und gleichzeitig dem Kreml vorbereitete Rechtfertigungen für Eskalation und Intervention im Namen der Erfüllung der internationalen Verpflichtungen sowohl Russlands als auch anderer zu liefern. Der Fokus der Berufungen auf den Schutz der transnistrischen Rechte und Freiheiten zielt wahrscheinlich darauf ab, Bedingungen dafür zu schaffen, dass der Kreml ein ähnliches Narrativ zur Verhinderung von „Diskriminierung“ und „Völkermord“ an „Russen“ in Moldawien anwenden kann, wie es der Kreml vor und während der Invasion in die Ukraine tat.
Beamte und Sprachrohre des Kremls legen umtriebig Propagandaplattformen an, um mit ihnen Transnistrien und die prorussische autonome Region Gagausien der Republik Moldau zur Destabilisierung Moldawiens zu nutzen, haben jedoch noch nicht angegeben, wie und zu welchem konkreten Zweck sie diese Plattformen nutzen wollen. Diese transnistrischen Appelle fordern die russischen Streitkräfte nicht direkt auf, konkrete Maßnahmen zu ergreifen, und sie sind wahrscheinlich deshalb so weit gefasst, um dem Kreml die größtmögliche Bandbreite möglicher Handlungsoptionen für Eskalationen und Interventionen zur Destabilisierung Moldawiens zu bieten. Diese transnistrischen Appelle sind zudem nicht zeitlich begrenzt und ermöglichen es dem Kreml, verschiedene Appelle zu bearbeiten, wann immer er dies für notwendig oder zweckdienlich hält. Die transnistrischen Appelle liefern langfristige Rechtfertigungen dafür, dass der Kreml unabhängig vom Ausgang seines Krieges in der Ukraine Eskalationen und Interventionen gegen Moldawien fortsetzen kann.

Der Kreml hat noch keinen unmittelbaren Weg für eine Eskalation nach dem Kongress der transnistrischen Abgeordneten signalisiert. Das russische Außenministerium berichtete am 28. Februar als Reaktion auf den Appell des Transnistrischen Abgeordnetenkongresses, dass der Schutz der Interessen der Einwohner Transnistriens und der „Landsleute“ Russlands eine der Prioritäten Russlands sei, und versprach, die Forderungen Transnistriens „sorgfältig zu prüfen“. Der erste stellvertretende Vorsitzende des Ausschusses für GUS-Angelegenheiten der russischen Staatsduma, Konstantin Zatulin, erklärte, dass die Duma die Vorschläge Transnistriens in Absprache mit Putin und dem russischen Außenministerium prüfen werde, sobald die Vorschläge eintreffen. Der erste stellvertretende Vorsitzende des Ausschusses für internationale Angelegenheiten der russischen Staatsduma, Alexej Tschepa, erklärte jedoch, dass die Appelle Transnistriens an Russland wirtschaftliche Hilfe implizieren und dass derzeit keine Rede davon sei, dass Russland Transnistrien militärische Hilfe leisten werde. Russland stünde ohnehin vor der Schwierigkeit, Transnistrien konkrete militärische Hilfe zukommen zu lassen, da es ein Binnenstaat sei und auf der einen Seite an die Ukraine und auf der anderen Seite an Moldawien (und darüber hinaus an Rumänien) grenze. Tschepa fügte hinzu, dass die transnistrischen Anträge zu einer „schnelleren Entscheidungsfindung“ seitens Russlands beitragen werden. Der erste stellvertretende Vorsitzende des Ausschusses für internationale Angelegenheiten des Russischen Föderationsrates, Wladimir Dschabarow, erklärte, dass der Föderationsrat erwägen werde, Transnistrien humanitäre Hilfe zu leisten, dass aber die „die politische Frage“ (die sich wahrscheinlich auf den politischen Status Transnistriens bezieht) „vorerst nicht auf der Tagesordnung“ sei.
Der Kreml kann die Ergebnisse des Kongresses der transnistrischen Abgeordneten nutzen, um eine Reihe möglicher Handlungsoptionen zu rechtfertigen, die sich nicht gegenseitig ausschließen. Die wahrscheinlichste Vorgehensweise besteht darin, dass der Kreml den Kongress als Sprungbrett nutzen wird, um hybride Operationen zu intensivieren, die auf eine Destabilisierung und weitere Polarisierung Moldawiens im Vorfeld der Beitrittsverhandlungen zwischen Moldawien und der Europäischen Union (EU) und der bevorstehenden Präsidentschaftswahlen in Moldawien im Juni bzw. November 2024 abzielen. Die gefährlichste Vorgehensweise besteht darin, dass der Kreml beschließen könnte, Transnistrien in Zukunft offiziell zu annektieren, um langfristig eine militärische Intervention gegen Moldawien zu rechtfertigen.

Russische Handlungsoptionen ( Hierbei handelt es sich um eine Paraphrasierung einer Auflistung durch das ISW.)

•Option 1: Der Kreml könnte beschließen, unmittelbar nach dem Kongress vom 28. Februar keine Maßnahmen zu ergreifen und den Status quo zwischen Transnistrien und Moldawien fortbestehen zu lassen. Putin könnte sich jedoch zu einem späteren Zeitpunkt dazu entschließen, sich mit den Anträgen zu befassen.


Option 2: Der Kreml könnte erhöhten diplomatischen Druck auf Moldawien ausüben, um das kürzlich mit der EU abgeschlossene Zollabkommen, das am 1. Januar 2024 in Kraft getreten ist, zu widerrufen. Transnistrische Beamte haben die neuen Zollbestimmungen Moldawiens immer wieder als Kernpunkt ihrer jüngsten Beschwerden gegen die moldauischen Behörden angesehen und tun dies auch weiterhin. Sie bezeichnen die neuen Zollbestimmungen als Teil des „Wirtschaftskriegs“ Moldawiens gegen Transnistrien und sie waren auch zentrales Thema während des Kongresses am 28. Februar. Der Kreml könnte sich auch dafür entscheiden, Transnistrien zusätzliche wirtschaftliche Unterstützung durch humanitäre Hilfe, Finanzhilfe oder neue Handelsabkommen zu gewähren, um die Wirtschaft Moldawiens weiter unter Druck zu setzen und Moldawien zu zwingen, vor den Forderungen Transnistriens nach der Aufhebung des neuen Zollabkommens zu kapitulieren. Moldawiens Festhalten an seinem Zollabkommens sind von wesentlicher Bedeutung für die Angleichung Moldawiens an die EU-Vorschriften als Teil des Weges Moldawiens zur EU- Mitgliedschaft.


•Option 3: Der Kreml könnte in Zukunft auch versuchen, den transnistrischen Streitkräften zusätzliche militärische Hilfe zu schicken, obwohl derzeit unklar ist, wie der Kreml militärische Ausrüstung oder Personal nach Transnistrien transportieren will. Sollte der Kreml beschließen, „Verteidigung“ im militärischen Sinne zu interpretieren, könnte Russland militärische Hilfe darin bestehen, zusätzliche russische „Friedenstruppen“ oder militärische Ausrüstung und Waffen nach Transnistrien zu schicken. Es bleibt aber unklar, wie Russland dieses Material nach Transnistrien transportieren könnte, da Russland das Material wahrscheinlich durch den ukrainischen oder rumänischen (NATO) Luftraum fliegen müsste oder eine groß angelegte Bodenoperation durch die Oblast Odessa versuchen müsste, was russische Streitkräfte höchstwahrscheinlich nicht durchführen könnten.


•Option 4: Der Kreml könnte hybride Operationen intensivieren, die darauf abzielen, die Politik und Gesellschaft Moldawiens vor den Beginn der Beitrittsverhandlungen zwischen der Europäischen Union (EU) und Moldawien im Juni 2024 und den Präsidentschaftswahlen Moldawiens im November 2024 zu destabilisieren und weiter zu polarisieren, um den künftigen Beitritt Moldawiens zur EU zu untergraben und zu verzögern. Das ISW ging bisher davon aus, dass die Ankündigung der EU vom 14. Dezember 2023, Beitrittsgespräche mit Moldawien aufzunehmen, wahrscheinlich die Vorbereitungen des Kremls für eine mögliche Hybridoperation gegen Moldawien ausgelöst habe und dass der Kreml wahrscheinlich seine Hybridoperationen intensivieren werde, mit deren Hilfe er dem Westen vorwirft, einen antirussischen Propagandakrieg in Moldawien zu führen und gemeinsam mit Moldawien sich auf einen Angriff auf Zivilisten in Transnistrien vorzubereiten.


•Option 5: Der Kreml könnte beschließen, Transnistrien in Zukunft offiziell zu annektieren, um langfristig eine militärische Intervention gegen Moldawien zu rechtfertigen. Der Kreml nutzte zuvor ähnliche Begründungen, insbesondere den Schutz russischer Bürger und „Landsleute“ im Ausland, um militärische Interventionen gegen Georgien und die Ukraine zu rechtfertigen. Das ISW hat bisher keine klaren Hinweise auf militärische Vorbereitungen Russlands für eine Intervention in Transnistrien oder Moldawien beobachtet. Eine militärische Intervention Russlands wäre für Russland eine Herausforderung, da Moldawien (und Transnistrien) ein Binnenland sind und nur über Rumänien oder die Ukraine erreichbar sind. Das ISW ging lange davon aus, dass die derzeit in Transnistrien stationierten russischen Streitkräfte die Stabilität Moldawiens gefährden könnten, es hat jedoch bisher keine Anzeichen dafür feststellen können, dass sie sich darauf vorbereiten.

Aus der Traum! Die rumänische Tragödie im Jahr 1940

DerHitler-Stalin-Pakt und das Molotow-Ribbentrop-Protokoll vom August 1939 sowie der II. Wiener Schiedsspruch vom 30.08.1940 bedeuteten nach dem Triumph von Trianon vom Juni 1920 einen Tiefpunkt in der rumänischen Geschichte.

Großrumänien nach dem I. Weltkrieg

Aus der Traum!

Die Zerschlagung Großrumäniens

Einleitung

Ende Juni 1940, also vor 84 Jahren, zerschlug Stalin in Komplizenschaft mit Hitler das durch den Vertrag von Trianon am 04.06.1920 bestätigte Großrumänien. Der Traum von Großrumänien währte also ziemlich genau 20 Jahre. Die Folgen dieses spektakulären Vorgangs sind noch heute zu spüren. Am 26.06.1940 wurde dem rumänischen Botschafter in Moskau, Gheorghe Davidescu ein Ultimatum ausgehändigt, in dem Rumänien aufgefordert wurde, Bessarabien, die Nord-Bukowina und das Gebiet um die Stadt Herta zu räumen und unverzüglich an die Sowjetunion abzutreten. Der Zeitpunkt des Ultimatums war sicher nicht zufällig gewählt worden. Am Vortag hatte nämlich Frankreich vor dem Deutschen Reich kapituliert, wodurch Rumänien ohne seine wesentliche Schutzmacht blieb.

Machtpolitisch gründete die SU diesen Anspruch auf das geheime Zusatzprotokoll (Molotow-Ribbentrop-Protokoll) zum deutsch-sowjetischen Vertrag vom 23.08.1939, der den Angriff Deutschlands auf Polen ermöglicht hatte. In diesem Protokoll hatte es unter Punkt 3 geheißen: „Hinsichtlich des Südosten Europas wird von sowjetischer Seite das Interesse an Bessarabien betont. Von deutscher Seite wird das völlige Desinteresse an diesen Gebieten erklärt.“ Auffällig ist, dass in dem Ultimatum auch ein Anspruch auf die Nord-Bukowina gestellt wurde, von der im geheimen Protokoll nicht die Rede gewesen war. Offensichtlich hat Stalin die Chance gewittert, sich über die Zugeständnisse des Protokolls hinaus weitere Gebiete aneignen zu können. Hitler hat dann ja auch trotz anfänglicher Verärgerung darüber den sowjetischen Forderungen zugestimmt, allerdings verbunden mit der Forderung, die Umsiedlung der Deutschen so wie auch der in Bessarabien nicht zu behindern.

Rechtlich argumentierte die SU dahingehend, dass Bessarabien seit 1812 rechtmäßig zu Russland gehöre und 1918/19 widerrechtlich dem jungen Sowjetstaat in einer Schwächephase entrissen worden sei. Bezüglich der Nord-Bukowina wurde geltend gemacht, die dortige Bevölkerung sei in ihrer Mehrheit ukrainisch, und somit sei es nichts wie recht und billig, wenn das Gebiet an die Ukraine angeschlossen würde. Außerdem sei es eine gewisse Kompensation für das Unrecht, das Russland und der SU durch die widerrechtliche Abtrennung Bessarabiens widerfahren sei. Um ihrer Forderung Nachdruck zu verleihen, ließ die SU ein Geschwader Kampfflugzeuge tief in bessarabisches, also rumänisches Hoheitsgebiet eindringen und drohend über Kishinev kreisen.

Vorbereitung der Annexion Bessarabien und der Nord-Bukowina durch die Sowjetunion

Andreas Hillgruber schreibt in seinem Buch „Hitler, König Carol und Marschall Antonescu, Die deutsch-rumänischen Beziehungen 1938-1944, 1954: „Selten ist eine politische Aktion so lange und gründlich vorbereitet worden wie die Annexion Bessarabiens durch die Sowjetunion.“ In der Tat hat die Sowjetunion die Zeit seit dem Abschluss des deutsch-sowjetischen Vertrags und dem geheimen Zusatzprotokoll genutzt, um das Terrain für den Akt der Annexion zu bereiten. Schon seit dem Herbst 1939 mehrten sich die Anzeichen, dass die Sowjetunion in dieser Hinsicht etwas plante. Am 29. März 1940 sprach der Außenminister Molotow in einer Rede vor dem Obersten Sowjet ganz unverblümt davon, dass es ein ungelöstes Problem zwischen der Sowjetunion und Rumänien gebe. Er betonte ausdrücklich, dass es auch keinen Nichtangriffspakt zwischen den beiden Ländern gebe. Dies und die sich häufenden provozierten Grenzzwischenfälle beunruhigten König Carol derart, dass er im Mai 1940 Deutschland um Hilfe beim Bau eines „Ostwalls“ an der rumänisch-sowjetischen Grenze bat, was allerdings ohne Reaktion blieb. Am 23.06., also 3 Tage vor dem Ultimatum teilte Molotow dem deutschen Botschafter in Moskau mit, dass die Lösung der Bessarabienfrage „keinen weiteren Aufschub“ mehr gestatte und dass der sowjetische Anspruch sich auch auf die Bukowina erstrecke, die eine ukrainische Bevölkerung habe. Ribbentrop ließ schon am 25.06. Molotow wissen: Deutschland habe in der Frage Bessarabiens entsprechend den Vereinbarungen des Moskauer Abkommens gegen den sowjetischen Vorschlag nichts einzuwenden und wünsche nur die Zukunft der etwa 100.000 Volksdeutschen sicherzustellen; der sowjetische Anspruch auf die Bukowina sei dagegen neu und man sei am Schicksal der Volksdeutschen der Bukowina besonders interessiert. „In dem übrigen rumänischen Staatsgebiet habe Deutschland stärkste Wirtschaftsinteressen. Diese umfassen sowohl die Erdölgebiete als auch das Agrarland. Deutschland wünsche nicht, dass diese Gebiete Kriegsschauplatz werden. Die Reichsregierung sei daher gegebenenfalls bereit, „der rumänischen Regierung zu einer friedlichen Bereinigung der bessarabischen Frage im russischen Sinne zu raten“. Molotow antwortete gleich am nächsten Tag, also am 26.06. und sicherte Deutschland die weitestgehende Berücksichtigung seiner wirtschaftlichen Interessen zu und die Sowjetunion habe sich darüber hinaus entschlossen, „ihre Forderung auf den nördlichen Teil der Bukowina zu beschränken“. Gleich danach, noch am selben Tage, wurde eine erste Note dem rumänischen Botschafter überreicht, in der die Abtretung Bessarabiens, der Nord-Bukowina und des Gebietes um die moldauische Stadt Herta gefordert wurde. Eine Antwort erwarte man am 27. Juni. Der Ministerpräsident Tatarescu bat über den deutschen Gesandten in Bukarest sofort um Intervention der Reichsregierung. Um 9,00 Uhr fand beim König in Anwesenheit des Kabinetts eine Unterredung mit dem deutschen Gesandten Fabricius statt, während der die Berliner Antwort eintraf. Zuvor hatte der König noch großspurig vom erbitterten Widerstand und Kampf gegen die Sowjetunion nach dem Vorbild von Finnland gefaselt. Als Fabricius die Antwort mitteilte, trat völlige Ernüchterung ein: Deutschland könne der rumänischen Regierung „im Interesse der Vermeidung eines Krieges zwischen Rumänien und der Sowjetunion nur raten“, der Forderung der Sowjetregierung zu entsprechen. Auf der anschließenden Sitzung des ad hoc einberufenen Kronrats entschied sich die Mehrheit, der sowjetischen Forderung nachzugeben. Noch am gleichen Tage teilte der rumänische Botschafter in Moskau dem sowjetischen Aussenminister diese Entscheidung mit. Daraufhin erhielt er eine zweite Note, in der die Einzelheiten der Übergabe formuliert waren. Danach sollte die Räumung am 28.06. um 14 Uhr beginnen und in vier Tagen abgeschlossen sein. Darüber hinaus sollte eine gemischte rumänisch-sowjetische Kommission zur Regelung von Einzelfragen geschaffen werden. Um 11 Uhr am nächsten Tag, als kurz vor Ablauf des vorgegebenenTermins, teilte Davidescu mit: Die rumänische Regierung sehe sich gezwungen, die Bedingungen anzunehmen, „um die Möglichkeit zu haben, sich den ernsten Folgen zu entziehen“, die bei einer Ablehnung eintreten würden. Wie vorgesehen überschritten die sowjetischen Truppen am 28.06. mittags die alte Grenze und besetzten in vier Tagen die abgetretenen Gebiete. Auf Bitten der rumänischen Regierung hatte sich die Reichsregierung an die sowjetische Regierung gewandt, um eine etappenmäßige Besetzung des abzutrennenden Gebietes zu erreichen. Dies wurde von der Sowjetregierung zwar zugesichert, aber beim Vorrücken überflügelten die russischen Truppen jedoch häufig die sich zurückziehenden Rumänen und erbeuteten auf diese Weise erhebliche Mengen an Kriegsmaterial.

Umsiedlung der Deutschen

Die Evakuierung und Umsiedlung der Deutschen aus Bessarabien und der Bukowina verlief zügig und relativ problemlos, zumal die Vorbereitungen in Deutschland schon länger im Gange waren. Die Grundlage dafür hatte Hitler bereits am 6.10.1939 in einer Reichstagsrede gelegt: „In diesem Sinne handelte es sich nicht nur um ein Problem, das auf diesen Raum (Polen) beschränkt ist, sondern um eine Aufgabe, die viel weiter hinausgreift. Denn der ganze Osten und Südosten Europas ist zum Teil mit nicht haltbaren Splittern des deutschen Volkstums gefüllt. Gerade in ihnen liegt der Grund und eine Ursache fortgesetzter zwischenstaatlicher Störungen. Im Zeitalter des Nationalitätenprinzips und des Rassegedankens ist es utopisch, zu glauben, daß man diese Angehörigen eine hochwertigen Volkes ohne weiteres assimilieren könne. Es gehört daher zu den Aufgaben einer weitschauenden Ordnung des europäischen Lebens, hier Umsiedlungen vorzunehmen, um auf diese Weise wenigstens einen Teil der europäischen Konfliktstoffe zu beseitigen“. Am 9. Oktober wurde der Reichsführer SS Heinrich Himmler als „Reichskommissar für die Festigung deutschen Volkstums“ mit der Durchführung der in Frage kommenden Umsiedlungen sowie der Neuansiedlung der Volksdeutschen betraut, die vor allem in den eingegliederten polnischen Ostgebieten erfolgen sollte. Über den genauen Vollzug der Umsiedlungen siehe: „Dokumentation der Vertreibung der Deutschen aus Ost-Mitteleuropa Band III, Seite 41E ff. Bedeutsam ist die Tatsache, dass das Deutsche Reich am 22.10 1940 mit Rumänien eine Vereinbarung traf, in der die Deutschen aus der Süd-Bukowina und der Dobrudscha in die Gesamtaktion mit einbezogen wurden. Insgesamt wurden bis Mitte Dezember 1940 214.630 Personen umgesiedelt, die wenige Jahre später in den millionenfachen Strom von Flüchtlingen und Vertriebenen einflossen.

Vorgeschichte des Zweiten Wiener Schiedsspruchs

Rumänien sah sich aber sowohl aussen- und sicherheitspolitisch als auch innenpolitisch einem Desaster gegenüber. Darüber hinaus mussten Zigtausende Flüchtlinge aus Bessarabien und der Bukowina (Beamte, Militärs mit ihren Familien und Tausende, die vor der drohenden Bolschewisierung die Flucht ergriffen hatten) untergebracht und versorgt werden. König Carol reagierte zunächst hektisch und planlos. Völlig sinnlos befahl er in der Nacht vom 27.06. auf den 28.06. die äußerst kostspielige Generalmobilmachung der rumänischen Armee und bildete die Regierung Tatarescu um. Bemerkenswert war hierbei, dass der Führer der noch vor kurzem als staatsfeindlich bekämpften Eisernen Garde Horia Sima zum Unterstaatssekretär im Kultusministerium ernannt wurde. Diese radikale klerikal-faschistische Bewegung, die in den 30er Jahren mit ihren terroristischen Anschlägen für großes Aufsehen gesorgt hatte, war mit ein Grund für den Staatsstreich König Carol vom Februar 1938 gewesen, durch den er eine autoritäre Königsdiktatur errichtete. Die Garde wurde grausam verfolgt und ihre überlebenden Führer fanden Unterschlupf in Deutschland, von wo aus sie mit wenig Erfolg versuchten, auf Rumänien Einfluss zu nehmen. Nachdem sich Rumänien mit dem Verschwinden der Kleinen Entente, der Agonie des Balkanpaktes, der Niederlage des Bündnispartners Polen und der Kraftlosigkeit der Garantiemacht Frankreich, das schon im Juni 1940 kapitulieren musste, in totaler Isolation befand, suchte es Anschluß an die Achsenmächte. Der König hoffte, mit der vorsichtigen Annäherung an die Eiserne Garde Deutschland für die Interessen Rumäniens zu gewinnen. Versuche, die Eiserne Garde an das autoritäre System Carols zu binden, waren schon seit April im Gange. Anfang Mai hatte der König eine Sonderdelegation zu Horia Sima nach Deutschland gesandt, um eine Loyalitätserklärung von ihm zu erlangen. Dieser sagte unter der Bedingung zu, daß die rumänische Außenpolitik nach Deutschland hin orientiert werde. Dem König wurde immer klarer, dass, nachdem über die zukünftigen sowjetischen Absichten völlige Unklarheit herrschte, nur Deutschland in der Lage sein konnte, Rumänien den nötigen Schutz zu gewährleisten. Kurz nach dem Kronrat vom 27. Juni bat der König den deutschen Gesandten zu sich und teilte ihm mit: Nachdem er in der Bessarabienfrage dem deutschen Rat auf Räumung ohne Widerstand gefolgt sei, „bitte er nun Hitler um die Garantie der rumänischen Grenzen und um die Entsendung einer deutschen Militärmission nach Rumänien“. Die Antwort der Reichsregierung ließ zunächst auf sich warten. Im Zusammenhang mit der Neuorientierung der rumänischen Außenpolitik erklärte der unter dem Vorsitz von Ministerpräsident Tatarescu tagende Ministerrat auf Vorschlag des Außenministers Argetoianu am 1. Juli, daß Rumänien auf die britisch-französische Garantie verzichte. Die Gestaltung der politischen Verhältnisse werde „durch die europäische Neuordnung bestimmt, die sich auf dem Wege zur Verwirklichung befinde. Um die Annäherung an Deutschland noch sichtbarer zu machen, entschloss sich König Carol am 4. Juli zu einem erneuten Kabinettswechsel. Die Eiserne Garde erhielt gleich drei Kabinettsposten. Ihre Minister traten jedoch schon am 8. Juli wieder zurück, da ihre überzogenen politischen Forderungen nicht akzeptiert worden waren. In diesem Zusammenhang wurde verschiedentlich eine Regierung unter dem sehr populären General Ion Antonescu diskutiert. Die von diesem verlangten weitreichenden Vollmachten lehnte Carol aber ab. Dubioserweise wurde Antonescu kurz danach, am 09.07., in seinem Hause in Predeal verhaftet und von schwerbewaffneten Gendarmen in einem Auto in einen Wald bei Sinaia gebracht, wo er wohl einen „Unfall“ erleiden sollte. Der Vertraute des Generals, Mihai Antonescu (nicht verwandt, sondern zufällige Namensgleichheit), der dem Wagen gefolgt war, begab sich sofort zum deutschen Gesandten Fabricius und unterrichtete ihn von dem Geschehenen. Fabricius intervenierte sofort beim Hofminister Urdareanu. Gleichzeitig baten der ehemalige Wirtschaftsminister Cancicov und der General Rozin den Sonderbeauftragten für Wirtschaftsfragen, Gesandten Dr. Hermann Neubacher, sich für die Rettung „des besten Mannes der Nation“ einzusetzen Auch dieser kam dieser Bitte unverzüglich nach, sodass Antonescu am 11. Juli wieder freigelassen wurde. Er erhielt nun das Kloster Bistrita in Oltenien am Südhang der Karpaten als Aufenthaltsort zugewiesen, wo er zwar bewacht wurde, aber das Recht hatte, Besuche zu empfangen. Unterdessen betonte die Regierungserklärung des am 4. Juli ernannten Kabinetts Gigurtu die von Rumänien erstrebte „aufrichtige Eingliederung in das von der Achse Berlin-Rom geschaffene System“. Im Zusammenhang damit erklärte die rumänische Regierung am 11. Juli den Austritt aus dem Völkerbund, ein Geste, die Deutschland gewogen stimmen sollte. Am 15. Juli sandte der Aussenminister Manoilescu ein Telegramm an Ribbentrop, in dem er das Bestreben seiner Regierung hervorhob, die Beziehungen zu Deutschland auf allen Gebieten enger zu gestalten. Inzwischen war nun auch die Antwort Hitlers auf den Vorschlag des Königs Carol, Deutschland solle die Grenzen Rumäniens garantieren und eine Militärmission entsenden, in Bukarest eingetroffen. In einem Brief vom 15. Juli erklärte Hitler dem rumänischen König, dass er nicht in der Lage sei, diesen Wünschen zu entsprechen, solange noch die Grenzprobleme gegenüber Ungarn und Bulgarien offen stünden. Sobald diese geregelt seien, werde er gerne auf die Bitte Carols zurückkommen. Damit begann der zweite Akt der rumänischen Tragödie des Jahres 1940.

Der von Hitler angeregten friedlichen Regelung der Differenzen Rumäniens mit Ungarn und Bulgarien stimmte König Carol in einem Antwortschreiben an Hitler zunächst zu. Die Gespräche mit Bulgarien verliefen einvernehmlich und man einigte sich schon am 21. August auf die Abtretung der Süddobrudscha an Bulgarien. Es zeigte sich jedoch bald, dass die eingeleiteten Verhandlungen mit Ungarn nicht zum Ziele führen würden. Rumänien setzte auf einen Bevölkerungsaustausch, wohingegen Ungarn von vorneherein auf weitgehende Gebietsabtretungen bestand. Siebenbürgen sollte zu zwei Dritteln an Ungarn gelangen und bei Rumänien lediglich ein schmaler Streifen nördlich der Südkarpaten verbleiben, ein Gebiet, in dem schon seit dem frühen Mittelalter eine rumänische Bevölkerung nachweislich siedelte. Die militärischen und aussenpolitischen Konstellationen ließen Hitler den Entschluss fassen, sich umgehend in das Geschehen einzuschalten. Zwischenfälle an der neuen sowjetisch-rumänischen Grenze im August und eine zweideutige Rede Molotows am 1. August hatten in den Augen der deutschen Führung die Lage in Südosteuropa während der vergeblichen ungarisch-rumänischen Verhandlungen immer mehr verschärft und führten am 25./26. August zur akuten Krise, als Nachrichten über starke russische Truppenkonzentrationen an der rumänischen Grenze einliefen. Gleichzeitig erhöhte sich die Spannung im ungarisch-rumänischen Grenzgebiet. Es schien Hitler also höchste Zeit zu sein, zu einer Entscheidung zu gelangen. Also liess er die Beteiligten zu einem Treffen in Wien laden, wo er ihnen seinen Schiedsspruch unterbreiten lassen wollte. Der deutsche Aussenminister Ribbentrop und der italienische Aussenminister Ciano empfingen die Delegationen am 29.08. im Schloss Belvedere und teilten diesen mit, dass sie sich zur Annahme des Schiedsspruches entscheiden müssten, ganz gleich ob er zur Zufriedenheit ausfalle oder nicht. Die Ungarn stimmten sofort zu, während die Rumänen zögerten. Die Dramatik wurde der rumänischen Delegation erst richtig klar, als die dazugehörige Karte ausgebreitet wurde, in der der gesamte nördliche Teil Siebenbürgens einschließlich des Szeklerzipfels als nun ungarisches Gebiet markiert war. Der Aussenminister Manoilescu erregte sich dermassen, dass er eine heftige Herzattacke erlitt. Carol entschied sich notgedrungen zur Annahme und Manoilescu mußte unterschreiben. In Rumänien heißt dieser Vorgang bis zum heutigen Tage nicht „Wiener Schiedsspruch“ sondern „Wiener Diktat“.

Der Kronrat und Carol hatten sich für die Annahme entschieden, weil die Rote Armee in Bessarabien Truppen konzentriert hatte und Ungarn seine Streitkräfte hatte aufmarschieren lassen. Es wurde somit ein Krieg sowohl mit Ungarn als auch mit der Sowjetunion befürchtet, was das Ende Rumäniens bedeutet hätte. Auch Hitler war bei seiner Entscheidung unter dem Eindruck eines rumänisch-ungarischen Krieges und in dessen Gefolge eines sowjetischen Griffs auf Rumänien gestanden, womit für die deutsche Kriegswirtschaft das Erdöl verloren gegangen wäre.

Der Zweite Wiener Schiedsspruch und seine Folgen

Die neue Grenzziehung traf die rumänische Öffentlichkeit bis ins Mark: Immerhin war die Befürchtung, dass auch das Banat abgetrennt würde, nicht eingetreten. Die rumänische Armee mußte innerhalb von zwei Wochen abziehen. Die neue Staatsmacht Ungarn verpflichtete sich, den Bewohnern die Staatsbürgerschaft zu gewähren. Wer die bisherige Staatsbürgerschaft behalten wollte, hatte innerhalb eines Jahres, ohne Nachteile in vermögensmäßiger Hinsicht, nach Restrumänien umzusiedeln. Der Einmarsch der ungarischen Armee war durch Aggressivität und Ausschreitungen gekennzeichnet. Flucht und Vertreibung von Rumänen aus Nordsiebenbürgen sowie von Magyaren aus dem rumänisch gebliebenen Siebenbürgen und ethnische Säuberungen folgten. Ungarn knüpfte in seiner Innen- und Nationalitäten-Politik nahtlos an die Zeit von vor 1914 an. Eine rabiate Magyarisierungspolitik wurde wieder aufgenommen. Die nach 1918 rumänisierte Universität Klausenburg (Cluj) wurde wieder ungarisch, nachdem der rumänische Lehrkörper nach Hermannstadt (Sibiu) übersiedelt war.

Man versuchte nun der rumänischen Öffentlichkeit verständlich zu machen, dass es keine Alternative zur Abtretung Nord-Siebenbürgens gegeben habe, und dass die „tragische Tatsache“ wenigstens dadurch gemildert wurde, dass Deutschland und Italien eine Garantie für die Grenzen des Reststaates und damit für seine Existenz abgaben. „Ich kehre mit schmerzerfüllter Seele aus Wien zurück und leide wie alle Rumänen“, betonte der Aussenminister Manoilescu und bemühte sich, Zuversicht zu wecken: „So lange ein rumänischer Staat besteht, der den grössten Teil der Nation umfasst, kann auch die Nation bestehen und auf eine bessere Zukunft hoffen“. Doch die Beschwichtigungen halfen wenig. Während der Verlust Bessarabiens noch einigermassen ruhig hingenommen worden war, rief die Abtretung Nord-Siebenbürgens helle Empörung hervor. Sie entlud sich in Strassenunruhen und erschütterte das politische Leben in einem Ausmaß, dass der König zur Erkenntnis kam, die Lage nur im Griff halten zu können, indem er am 04. September General Ion Antonescu zum Ministerpräsidenten ernannte und ihn mit umfangreichen Vollmachten ausstattete. Für sich behielt er nur Repräsentationsrechte. Antonescu war einer der wenigen, auf die große Hoffnung gesetzt wurde, ein Karrieresoldat seit dem Ersten Weltkrieg mit politischer Erfahrung, der auch im Ausland eine hohe Reputation genoss. Mit einem General als Regierungschef versicherte sich der König auch des Rückhalts der Armee. Antonescu benutzte seine Vollmachten, um reinen Tisch zu machen. Zwei Tage später, am 06. September 1940, zwang er den König zur Abdankung zugunsten dessen Sohnes Michael, der erneut, wie schon 1927 bis 1930, nun aber im Besitz der Volljährigkeit, dieses Amt übernahm. Die Stimmung in der Öffentlichkeit, die diesen Vorgang, obwohl es sich um einen Staatsstreich handelte, begrüßte, zeigte deutlich, wie tief das Ansehen Carols II. gesunken war. Der neue König bestätigte umgehend die Vollmachten Antonescus. Carol bleib nur die überstürzte Flucht. In Temeswar versuchten Legionäre, den Sonderzug anzuhalten, Carol die mitgeführten Wertgegenstände abzunehmen und seine Geliebte Elena Lupescu (Wolf) sowie den mitreisenden Haushofmeister in ihre Gewalt zu bringen. Der Lokführer rettete die Situation, indem er trotz Beschusses ein Haltesignal mißachtete und zur jugoslawischen Grenze durchfuhr. Eine der ersten unerfreulichen Aufgaben des Generals war die Unterzeichnung des Vertrags über die Abtretung der Süd-Dobrudscha an Bulgarien (7. September 1940). Auch hier folgten Bevölkerungsverschiebungen. Rumänen siedelten nach Rumänien und Bulgaren aus der bei Rumänien verbliebenen Nord-Dobrudscha nach Bulgarien um. Die Süd-Dobrudscha verblieb auch nach dem Ende des II Weltkrieges bei Bulgarien. Das 1918/19 entstandene und im Vertrag von Trianon bestätigte Großrumänien hatte nun insgesamt etwas mehr als ein Drittel seines Territoriums verloren.

Ungarn konnte sich aber nicht lange seines Zugewinns aus dem Zweiten Wiener Schiedsspruchs erfreuen, denn mit dem Frontwechsel Rumäniens am 23. August 1944 mußte es Nord-Siebenbürgen wieder räumen und Rumänien nahm wieder Besitz davon, was dann auf der Pariser Friedenskonferenz vom 29. Juli bis zum 15 Oktober 1946 offiziell legitimiert wurde. Bessarabien und die Nord-Bukowina blieben aber verloren. Bei dieser Gelegenheit verlor Ungarn auch die Erwerbungen aus dem Ersten Wiener Schiedsspruch vom 02. November 1938 wieder. Hierbei handelte es sich um ein breiten Streifen im Süden der Slowakei und Transkarpatien, die beide durch den Vertrag von Trianon an die Tschechoslowakei gefallen war. Auch das war nur ein kurzer Traum.

Die Demographie Nord-Siebenbürgens hatte sich in den Jahren 1940 bis 1945 allerdings erheblich verändert. Nicht nur dass durch den zweimaligen Landeswechsel Rumänen und Ungarn in erheblicher Zahl hin- und hergeschoben wurden, sondern auch die recht zahlreiche jüdische Vorkriegsbevölkerung in den Städten war fast restlos ermordet worden. Hinzu kam noch, dass die Siebenbürger Sachsen aus Nord-Siebenbürgen im Herbst 1944 durch eine großangelegte Evakuierungsaktion ihre Wohnstätten verließen und nach erheblichen Mühsalen in Österreich und Deutschland Zuflucht fanden. Es handelte sich um immerhin ca. 50.000 Personen. Nur ein sehr kleiner Teil von ihnen kehrte freiwillig oder unter Druck wieder zurück. Die Familie des Verfassers dieser Zeilen gehörte zu diesen Heimkehrern, siedelte aber Jahre später im Rahmen der Familienzusammenführung nach Deutschland über. In den verlassenen Dörfern und städtischen Wohngebieten der Siebenbürger Sachsen wurden Motzen (eine rumänische Subethnie) aus den Westkarpaten angesiedelt, oder es ließen sich Rumänen und Roma mit verschiedener Stammeszugehörigkeit aus anderen Landesteilen nieder.

Immer wieder Trianon

Für Ungarn war der Vertrag von Trianon vom 04.06.1920 eine nationale Tragödie, während er für Rumänien den größten nationalen Triumph seiner Geschichte darstellte.

Immer wieder Trianon Aktuelle Diskussionen

Der Vertrag von Trianon vom 04.06.1920 erhitzt auch 100 Jahre nach seiner Unterzeichnung immer noch die nationalistischen und ideologischen Gemüter in Ungarn und in Rumänien.
Für die ungarische Regierung ist dieser Jahrestag kein Grund zum feiern, sondern ein Tag der Trauer und der Schmach. Immerhin verlor Ungarn durch diesen Vertrag 2/3 seines Vorkriegsterritoriums und 68% seiner Vorkriegsbevölkerung. Es musste sogar hinnehmen, dass ab da ca. 3 Millionen ethnische Ungarn im Ausland lebten. Trianon wurde so zum Trauma der Ungarn und ist es bis zum heutigen Tage geblieben. Immer wieder wurde und wird dieser Tag propagandistisch beschworen. Mit außerordentlichem Pathos ließ die Regierung in Budapest in diesem Jahr anlässlich dieses Gedenktages in großem Stil die Grenzen von „Großungarn“, also die von vor dem I. Weltkrieg, propagieren und ließ verkünden „Grenzen sind Staatsgrenzen und nicht die Grenzen von Nationen“.

Auch in Rumänien wurde dieser Vertragsunterzeichnung gedacht, aber in genau umgekehrtem Sinne, nämlich als Tag des Triumphes und der nationalen Gerechtigkeit. Vielerorts wurde dieser Tag zelebriert, denn immerhin besiegelte er die nunmehr über 100-jährige Zugehörigkeit Siebenbürgens und des Banats zu Rumänien, eine Zugehörigkeit, die am Tag der Vertragsunterzeichnung schon längst Tatsache war. Die ungarische Minderheit in Rumänien deutete diesen Tag eher wie die Budapester Regierung und zog prompt heftige Kritik der rumänischen Nationalisten auf sich.

Brisanz hat dieser Tag erhalten, als fanatische Nationalisten innerhalb der PSD (Sozialdemokratische Partei) ihre Fraktion, die im Parlament die Mehrheit stellt, beschwatzten, in aller Hast und in purem Populismus ein Gesetz zu verabschieden, in dem der 04.06., also der Tag der Vertragsunterzeichnung, zum offiziellen nationalen Gedenktag bestimmt wird. Dieses Gesetz stellt nicht nur eine extreme Brüskierung der ungarischen Minderheit dar, sondern entbehrt auch jeglicher Logik, denn der Tag der nationalen Einheit ist aus guten Gründen der 01.12. Der 04.06.1920 hat die Vereinigung nicht herbeigeführt, sondern die schon längst existierende Einheit lediglich bestätigt.
Der Staatspräsident weigert sich demzufolge zu Recht, das Gesetz zu unterzeichnen, und hat es sogar an das Verfassungsgericht verwiesen. Dieses wiederum nehmen ihm die Sozialisten übel und ihr radikaler Flügel wirft ihm mangelnden Patriotismus und Verrat an den nationalen Interessen des rumänischen Volkes vor.
Angesichts derartig aufgeheizter Diskussionen um eine 100 Jahre zurückliegende Vertragsunterzeichnung scheint es sinnvoll, den Hintergründen dieses Vertrages stichwortartig nachzugehen.

Die Verhandlungen

Es gehört zu den wenig bekannten Tatsachen, dass Österreich-Ungarn einen separaten Frieden mit Frankreich, Großbritannien und den USA anstrebte und sich anbot, Deutschland zur Rückgabe vom Elsaß und von Lothringen an Frankreich zu bewegen. Im Austausch dafür erhoffte sich Karl IV. (I.) eine Garantie für die Aufrechterhaltung der Doppelmonarchie nach Kriegsende. Im Mai 1918 wurde dann aber Österreich-Ungarn von Deutschland gezwungen, ein politisches, militärisches und wirtschaftliches Bündnis zu unterzeichnen. Mit der Schließung dieses Bündnisses, das sich als kurzlebig erweisen sollte, wurden alle Chancen für einen separaten Frieden zunichte gemacht und Österreich-Ungarn wurde in den kommenden Monaten bis zum Kriegsende auf einen deutschen Satellitenstatus reduziert. Sein Schicksal war damit wohl besiegelt. Als erster sprach offiziell der US-Aussenminister Robert Lensing in einem Memorandum an den Präsidenten Wilson von einer Zerstückelung Österreich-Ungarns. Dieses Memorandum wurde zur Grundlage der später mit großem Pomp verkündeten 14 Wilsonschen Punkte. Im Gegensatz dazu zögerten die europäischen Staaten eher, auf die Zerschlagung Österreich-Ungarns zu setzen, aber die massive Beteiligung der USA an den Kriegsanstrengungen machte einen möglichen Widerstand gegen die Zerstückelung der Doppelmonarchie unmöglich. Die feste Entschlossenheit der Tschechen, Slowaken, Rumänen und der Nationen des späteren Königreichs Jugoslawien, eigene Nationalstaaten zu gründen, rückte die Idee einer Aufrechterhaltung der Monarchie in noch weitere Ferne. Die Hauptfigur in diesem Prozess war Tomas Masaryk, der massiv in den USA Lobby für diese Ideen gemacht hatte. Die Mobilisierung der slowakischen und anderer Auswanderer in den Vereinigten Staaten trug wesentlich zum Erfolg dieser Aktion bei. Weniger bekannt ist die Tatsache, dass ungarische Politiker eine Zeit lang Masaryks Bemühungen sogar unterstützten. Mihaly Karolyi sandte ihm Ende Oktober 1918 eine Nachricht, in der er seinen Wunsch nach einer Zusammenarbeit der Ungarischen Volksrepublik mit dem neuen tschechoslowakischen Staat zum Ausdruck brachte.

Bei der Beurteilung des Vertrags von Trianon muss selbstverständlich die Tatsache hervorgehoben werden, dass zum Zeitpunkt der Verhandlungen in Ungarn ein kommunistisches Regime unter Bela Kun herrschte, und die Gefahr bestand, dass die kommunistische Idee auch in den jungen Nationalstaaten auf fruchtbaren Boden fallen könnte. Der kommunistische Internationalismus kollidierte aber auch direkt mit dem Bestreben der ungarischen Eliten, in der einen oder anderen Form die Doppelmonarchie aufrechtzuerhalten. Die Tschechoslowakei wurde am 28. Oktober 1918 offiziell aus der Taufe gehoben. Kroatien und die serbisch bewohnten Gebiete in Österreich-Ungarn waren auf dem besten Wege, sich Serbien anzuschließen. Siebenbürgen hatte am 1. Dezember 1918 beschlossen, sich mit Rumänien zu vereinen, und Masaryk gelang es, die ruthenische Minderheit zu überreden, sich der Tschechoslowakei anzuschließen, indem er auch die ruthenische Diaspora in den Vereinigten Staaten mobilisierte. Andererseits bestand durchaus auch die Möglichkeit, das transkarpatische Ruthenien in einem neuen ungarischen Staat zu halten. In Ungarn dachte aber niemand daran, Gespräche mit den Ruthenen zu suchen, um herauszufinden, unter welchen Bedingungen diese sich ein Ungarn unter Einschluss Transkarpatiens vorstellen könnten.

In diesem Kontext begannen die Friedensverhandlungen im Januar 1919 in Paris. Ein Großteil der von Ungarn seit der Bildung der Doppelmonarchie im 19. Jahrhundert beherrschten Gebiete waren de facto bereits in neuen Nationalstaaten aufgegangen, die nun die offizielle Anerkennung ihrer Unabhängigkeit forderten. Ungarn selbst befand sich zum Zeitpunkt der Pariser Gespräche bereits in einem Zustand der Anarchie. Bela Kun lehnte es ab, eine ungarische Delegation zu den Friedensgesprächen zu entsenden. Die Existenz einer bolschewistischen Regierung in Budapest war sicher einer der wichtigsten Faktoren bei der Konzipierung des Vertrags von Trianon in seiner endgültigen Form. Auch ein demokratisches Ungarn hätte die Friedensverhandlungen natürlich in nur geringem Maße beeinflussen können, aber es wäre sicherlich auf mehr Offenheit gestossen. Angesichts des äußerst aggressiven Potenzials eines bolschewistischen Staates in Mitteleuropa bestand der Zweck der Friedenskonferenz nicht nur darin, die Grenzen der neuen Staaten festzulegen, sondern vor allem darin, Bestandsgarantien für die neuen Staaten zu schaffen und den Frieden langfristig zu sichern. Den ungarischen Politikern mißtraute man hinsichtlich ihres Friedenswillens. Die Zusammensetzung der Friedenskonferenz war zudem für Ungarn sehr ungünstig. Es hatte nämlich von sich aus auf die Teilnahme verzichtet und nicht erkannt, dass eine gemeinsame Verhandlung von Vorteil gewesen wäre, insbesondere was die Grenzziehungen betraf. So wurden zwei Ausschüsse gebildet, die die Frage der ungarischen Grenzen zu Rumänien bzw. der Tschechoslowakei getrennt behandelten. Erst am Ende dieser Verhandlungen erkannte Ungarn, dass die gesamten territorialen Verluste erheblich waren. Wenn eine andere, eine demokratische, Regierung in Budapest an der Macht gewesen wäre, wäre die Bitte, alle territorialen Fragen in einem einzigen Format zu erörtern, zumindest auf die Tagesordnung gelangt. Als in Paris über die Grenzen Rumäniens und der Tschechoslowakei verhandelten wurde, war noch nicht klar, dass das Ergebnis dieser Vorgespräche endgültig sein würde. Es wurde nämlich lange angenommen, dass das Ergebnis der technischen Gespräche auf politischer Ebene in nachfolgenden Verhandlungen nochmals aufgegriffen und eventuell modifiziert würde. Entscheidend dafür, dass letzteres nicht geschah, war die Unfähigkeit Ungarns, das technische Ergebnis zunächst hinzunehmen, und zu versuchen, im richtigen Augenblick mit politischen Mitteln das Ergebnis zu verbessern. Rumänien hatte in kleinerem Maßstab vor dem gleichen Problem gestanden, aber es war ihm gelungen, im richtigen Augenblick die politische Initiative zu ergreifen und zu überzeugen. Die US-Delegation bestand auf der strikten Anwendung des ethnischen Prinzips bei der Festlegung künftiger Grenzen, und diese Position war entscheidend. Der ethnische Faktor hatte Vorrang vor möglichen wirtschaftlichen Überlegungen. England hatte vorsichtig versucht, die wirtschaftliche Lebensfähigkeit dieser Staaten ins Gespräch zu bringen, aber die USA waren in ihrer Haltung unnachgiebig. Bei der Ziehung der Grenze zwischen der Tschechoslowakei und Ungarn wurden beispielsweise Straßen- oder Schienenverbindungen nicht berücksichtigt. Der amerikanische Vorschlag befürwortete eine rein ethnische Grenze, während der britische Vorschlag vorsah, den Eisenbahnlinien zu folgen, wodurch aber Zehntausende Ungarn zusätzlich zu denen, deren Schicksal bereits entschieden war, Teil der Tschechoslowakei geworden wären. Harold Nicolson vermerkte in seinem Tagebuch ausdrücklich seine Enttäuschung, dass der britische Vorschlag nicht berücksichtigt worden war. Hätten die Grenzen anders ausgesehen, wenn Ungarn aktiv an der Friedenskonferenz teilgenommen hätte? Dies erscheint eher unwahrscheinlich. Die Würfel waren bereits gefallen, denn das ethnische Argument war zu dieser Zeit unschlagbar. So paradox es auch erscheinen mag, verfolgten die USA, die sich mit ihrer Verhandlungslinie vollends durchgesetzt hatten, nur sekundär eigene Interessen. Die Interessen Frankreichs dagegen waren sehr viel vitaler. Italien konnte sich während der Friedensverhandlungen nicht wirksam gegen die Bildung eines starken jugoslawischen Staates wehren (das Problem wurde auch nach diesen Verhandlungen nicht gelöst und Italien strebte auch weiterhin danach, die Grenze in Illyrien zu revidieren, was etwas später zur Besetzung von Rijeka führte). Aufgrund dieses Problems war Italien nicht an der Frage der mitteleuropäischen Grenzen interessiert. Frankreich dagegen hatte erkannt, dass das Fehlen Italiens bei diesem Verhandlungsprozess die Frage der ungarischen Grenzen nur wenige Akteure vital interessieren würde, was natürlich die Rolle Frankreichs erheblich stärkte. Hätte Ungarn mit einer anderen Regierung an der Macht gute Beziehungen zu Italien mit dem Ziel einer konstruktiven Einigung anknüpfen können? Auch diese Möglichkeit erscheint eher unwahrscheinlich. Italien hatte, wie gesagt, eine eigene Agenda. Ein weiterer Nachteil für Ungarn war sein Status als besiegter Staat, wohingegen die Rumänen, Serben, Slowaken und Tschechen Verbündete der westlichen Staaten gewesen waren.

Die Lage Ungarns

Die bolschewistische Revolution in Ungarn hat die Arbeit der Friedenskonferenz sicher sehr beschleunigt. Die Festlegung der Grenzen auf technischer Ebene wurde politisch schnell umgesetzt. Erst mit dem Abschluss der politischen Gespräche wurde klar, dass sich insgesamt drei Millionen Ungarn außerhalb der ungarischen Grenzen befinden würden.
Es wäre ein guter Zeitpunkt für Ungarn gewesen, nun seine eigenen Argumente neu zu formulieren, aber das Fehlen eines glaubwürdigen Dialogpartners in Budapest hat dies unmöglich gemacht.
In den folgenden Monaten waren die Erfolge der russischen Revolution und die Gefahr einer Ausbreitung der kommunistischen Idee in Europa entscheidend für die Positionierung gegenüber Ungarn. Das Hauptanliegen war zwar nicht, einen Korridor zwischen Sowjetrussland und Ungarn zu legen, denn die ungarischen Streitkräfte waren auf 35.000 Freiwillige beschränkt, was nicht ausreichte, um die neuen Grenzen zu verteidigen, zumal Ungarn eventuellen Invasionen aus allen Richtungen ausgesetzt war und keine natürlichen Grenzen mehr hatte (Karpaten). Aber die Eroberung des subkarpatischen Ruthenien oder eines Teils Rumäniens durch sowjetische Truppen hätte ausgereicht, einen Invasionskorridor für die bolschewistischen Streitkräfte zu schaffen, der den Weg nach Mitteleuropa geebnet hätte. Um dieser möglichen Gefahr zu begegnen, wurde noch im gleichen Jahre unter der Patronage Frankreichs die Kleine Entente (Jugoslawien, Tschechoslowakei, Rumänien) geschaffen. Diese Kleine Entente wurde in der Literatur häufig als reines Bollwerk gegen das Wiederaufleben eines ungarischen Revisionismus gedeutet, eine Sichtweise, die den explizit antibolschewistischen Akzent des Bündnisses ignoriert.
Die Westmächte hatten richtig erkannt, dass ein für Ungarn nur sehr schwer erträgliches Ergebnis zur Radikalisierung des internen politischen Klimas, zu irredentistischen und ultra-nationalistischen Manifestationen führen würde. Immerhin hatte Lloyd George schon im März 1919 erklärt, dass es in Mitteleuropa keinen Frieden geben würde, wenn es in jedem Nachbarstaat Ungarns eine große ungarische Minderheit gäbe. Das Argument wurde aber nicht weiterverfolgt, und die Meinung von Lloyd George wurde sogar von seinem eigenen Außenministerium heruntergespielt. Im Fokus stand eindeutig die bolschewistische Gefahr, die von Ungarn ausging.
Selbst wenn es auf der Konferenz hätte mitreden können, wäre Ungarn aus innenpolitischen Gründen wohl handlungsunfähig gewesen. Nach der Beendigung des Bela Kun-Experiment war das Klima theoretisch günstiger, aber ein weiterer Faktor wirkte sich zu Ungunsten Ungarns aus: Die Müdigkeit, die sich nach vier Jahren Krieg und über einem Jahr diplomatischer Verhandlungen aufgestaut hatte. Harold Nicolson bemerkte in seinem Tagebuch, dass es ein Fehler war, dass man Ungarn nach dem Fall von Bela Kun nicht zu Gesprächen eingeladen hatte, fügte allerdings hinzu: „Es wäre sowieso nicht wichtig gewesen.“ Nicolson hatte absolut Recht: Es war zu spät, um Ungarn einzuladen. Die Entscheidungen waren bereits getroffen worden, und die Delegierten wollten diesen diplomatischen Marathon so schnell wie möglich beenden. Also erhielt Ungarn eine Einladung zur Schlusssitzung vom französischen Ministerpräsidenten Clemenceau. Die von Graf Albert Apponyi geleitete Delegation traf am 6. Januar 1920 in Paris ein. Der Vertragsentwurf, über den die Diskussionen begannen, war tatsächlich identisch mit dem Text, der zu Beginn des Jahres 1919 auf technischer Ebene vereinbart worden war. Erst von diesem Moment an begann Ungarn, seine eigenen Argumente vorzulegen. Das einzige Argument, das als akzeptabel angesehen werden konnte, betraf die Organisierung von Volksabstimmungen in Gebieten, die anderen Staaten zugefallen waren, in denen aber eine erhebliche ungarische Minderheit lebte. Aber dafür war es inzwischen zu spät. Beispielsweise der in Alba Iulia zum Ausdruck gebrachte Wille zum Anschluß Siebenbürgens an Rumänien war bereits umgesetzt worden und konnte nicht mehr angefochten werden. Da dieser Weg also derzeit nicht gangbar war, verfolgte die ungarische Delegation einen anderen Ansatz. Apponyi erkannte, dass der Logik, Grenzen nach rein ethnischen Kriterien zu ziehen, nur eine Mischung ethnischer und wirtschaftlicher Erwägungen entgegengesetzt werden konnte. Nach der Rückkehr der ungarischen Delegation nach Budapest begannen die spektakulärsten und verzweifeltsten Verhandlungen vor dem Vertrag von Trianon: Ungarn versuchte, sich an Frankreich anzulehnen, und bot ihm im März 1920 einen Vertrag über den Bau eines Handelshafens an der Donau und die Mehrheitsanteile an der ungarischen Kreditbank an. Ungarn erwartete von Frankreich eine ihm gewogenere Haltung bei den Pariser Verhandlungen mit Rumänien und der Tschechoslowakei als Gegenleistung für diese Zugeständnisse. Der Versuch Ungarns, günstigere Bedingungen herbeizuführen, wurde von Maurice Paleologue, dem neuen Generalsekretär des französischen Außenministeriums, brüsk zurückgewiesen. Frankreich war zur Ansicht gelangt, dass es seine außenpolitischen Ziele in Mitteleuropa nur auf der Grundlage seiner ursprünglichen Position wirksam durchsetzen könne, und die Zugeständnisse Ungarns wurden als belanglos eingestuft. Die Gespräche wurden im Mai 1920 unter der Führung des neuen Premierministers Etienne Millerand wieder aufgenommen, der Clemenceau abgelöst hatte. Millerand begann den Dialog mit Apponyi in einem kompromißlosen Ton: „Ein Zustand, auch ein tausendjähriger, kann nicht existieren, wenn sich herausstellt, dass er gegen die Gerechtigkeit verstößt.“ Der Antrag auf Volksabstimmungen wurde ebenfalls ausdrücklich abgelehnt. Millerands Begründung verdient es, vollständig wiedergegeben zu werden: „Der Wille des Volkes wurde im Oktober und November 1918 anlässlich des Zusammenbruchs der Doppelmonarchie zum Ausdruck gebracht, als sich die so lange unterdrückten Völker für die Einheit mit ihren italienischen, rumänischen, jugoslawischen und tschechoslowakischen Brüdern aussprachen. Die Ereignisse, die seitdem stattgefunden haben, sind ein weiterer Beweis für die Gefühle der Nationalitäten, die in der Vergangenheit der Krone des heiligen Stephanus unterworfen waren. Die verspäteten Maßnahmen der ungarischen Regierung, um die Forderung der Nationalitäten nach Autonomie zu erfüllen, können keine Illusionen hervorrufen. Seit langem sind alle Bemühungen der ungarischen Politik darauf gerichtet, dass die Stimme ethnischer Minderheiten nicht gehört wird. “

Ungarn hatte damit praktisch keine Spielkarten mehr. Die einzige Reaktion bestand folglich lediglich darin, den Vertrag von Trianon von zweitklassigen Beamten unterzeichnen zu lassen, um die Unterschrift nicht als beschämende Kapitulation erscheinen zu lassen. Der Vertrag wurde am 4. Juni 1920 von einem ungarischen Minister und dem Botschafter in Frankreich unterzeichnet. Die 1919 weitgehend abgeschlossenen Grenzziehungen hätten nur durch Bschluss der Westmächte geändert werden können, eine Möglichkeit, die allerdings nie in Erwägung gezogen wurde. Die technischen Kommissionen, die während der Pariser Friedenskonferenz arbeiteten, hatten ein begrenztes Mandat: eine Begründung für die Ziehung der Grenzen zu formulieren, die de facto bereits gezogen worden waren. Die von Ungarn vorgeschlagenen Volksabstimmungen waren damit obsolet geworden. Hätte beispielsweise eine solche Volksabstimmung im Szeklerland stattgefunden, so hätte ein Votum für Ungern dennoch keine Berücksichtigung finden können, da das Gebiet zu weit von der Grenze entfernt war. Selbst in den Grenzgebieten – Arad, Oradea, Satu Mare -, die zu dieser Zeit von einer ungarischen Mehrheit bevölkert waren, wäre eine Volksabstimmung nicht schlüssig gewesen. In diesen Städten lebten nämlich inzwischen kompakte in rasantem Anwachsen befindliche rumänische Gemeinschaften. Das gleiche wäre in den von Ungarn in der Slowakei bewohnten Gebieten gewesen. Die einzige Region, in der die Logik der Volksabstimmung hätte funktionieren können – und funktioniert hat -, war das Sopron(Ödenburg)- Gebiet. Die Volksabstimmung fand anderthalb Jahre nach dem Vertrag von Trianon im Dezember 1921 statt, und 2/3 der Befragten stimmten für die Eingliederung nach Ungarn. Es war eine minimale Entschädigung, die Ungarn erhielt – tatsächlich die einzig mögliche in diesem Zusammenhang. Wie kann man sich am Ende die Tatsache erklären, dass Ungarn 2/3 seines Territoriums und 68% seiner Bevölkerung von vor 1918 verloren hat? Dieser enorme Verlust ist nicht auf Friedensverhandlungen oder auf die Niederlage Österreich-Ungarns im Krieg zurückzuführen (Deutschland hat auch eine Niederlage erlitten und trotzdem außer den immer umstrittenen Landschaften Elsaß und Lothringen nur einen winzigen Teil seines Territoriums von vor 1918 eingebüsst). Die bolschewistische Herrschaft über Budapest spielte wohl die entscheidende Rolle für die Unfähigkeit Ungarns, einleuchtende Argumente zu seinen Gunsten zu formulieren und in Paris Gehör zu finden. Der Vertrag von Trianon war darüberhinaus die logische Folge der Verhältnisse in Ungarn im letzten Jahrhundert. Seit 1848 war die grundlegende Frage der ungarischen Liberalen, wie ein liberales und ein demokratisches Modell ohne Gleichberechtigung der Minderheiten hätte funktionieren können. Diejenigen, die argumentierten, dass eine Gleichberechtigung der Minderheiten der einzige Weg sei, das liberale Modell durchzusetzen, waren letztendlich in der Minderheit. Schließlich wurde sogar das Modell einer einzigen und einheitlichen Nation proklamiert, nämlich der ungarischen. Die Folge war eine rücksichtslose Magyarisierungspoilitik mit dem langfristigen Ziel, alle Minderheiten allmählich zu assimilieren. Rumänen, Slowaken, Kroaten, Serben usw. betrachteten Ungarn folglich nicht mehr als ihren Staat. Ihr Streben nach Unabhängigkeit und ihre Schritte dazu fügten sich nahtlos in in das mittlerweilemzur Norm erhobene Prinzip des Selbstbestimmungsrechts der Völker, das in den 14 Wilsonschen Punkten seinen politischen Niederschlag fand. Die entscheidenden strukturellen Weichenstellungen erfolgten aber, wie oben dargelegt, fast vollständig im Vorfeld des Vertrags von Trianon, der diese Entscheidungen dann lediglich legitimierte.

Schlußfolgerungen

Tatsächlich hat das Datum des 4. Juni 1920 nicht die Bedeutung eines historischen Ereignisses an sich, sondern die eines Augenblicks, an dem eine historische Periode endete. Für die Ungarn war und ist dieser Moment ideologisch übersteigert und bis heute wird dieses Datum nationalpathetisch als säkulares Unrecht gebrandmarkt und das Vorkriegsungarn nostalgisch beschworen. Für Tschechen, Rumänen, Slowaken, Kroaten und Serben gibt es aber auch keinen keinen Grund zum Feiern – die Forderungen dieser Nationen wurden allesamt schon vor dem 4. Juni 1920 vollständig erfüllt. Für die Gegenwart ist wichtig: Die Idee, die Unterzeichnung des Vertrags von Trianon in Rumänien zu feiern, hat keine Grundlage, weil sie nicht auf der Kette historischer Ereignisse beruht, sondern aktueller ideologischer Propaganda geschuldet ist. Sobald die Trianon-Obsession bei den Ungarn und den Rumänien verschwindet, ist der Weg zur Aussöhnung zwischen Ungarn und Rumänen offen.

1921, Jahr der Entscheidungen in Rumänien

Dieser Text geht auf einen Vortrag zurück, den der Autor anläßlich der Deutschen Kulturtage 2021 in Schäßburg gehalten hat.

1921, ein Jahr der Entscheidungen in Rumänien

1. Einleitung

Spätestens im Juni 1920 mit dem Abschluss des Vertrags von Trianon waren alle vertraglichen Regelungen zur Schaffung eines erheblich vergrößerten Rumäniens, im Sprachgebrauch euphorisch „Großrumänien“ genannt, zum Abschluss gebracht worden. Dem sogenannten „Altreich“, also dem Königreich Rumänien zu Beginn des 1. Weltkrieges, waren Bessarabien, die Bukowina, die Süddobrudscha, das historische Siebenbürgen, das Sathmarer Gebiet, das Kreischgebiet, die Maramuresch und das östliche Banat angegliedert worden. Das große Ziel, alle Rumänen zu vereinen, war so gut wie erreicht. Außerhalb des Staatsgebietes blieben Angehörige des rumänischen Volkes nur noch in Jugoslawien, nämlich im westlichen Teil des Banats mit einem dortigen Bevölkerungsanteil von 10%. Andererseits war kein geschlossener Nationalstaat entstanden, weil in beträchtlichem Maße eine nichtrumänische Bevölkerung mit übernommen wurde, die noch Probleme bereiten sollte. Rumänien war nun aber ein Land geworden, dessen Territorium und dessen Bevölkerung sich mehr als verdoppelt hatten, und es galt als „saturiert“.

Die Freude, die das Rumänentum darüber erfasste, dass es jetzt gemeinsam in einem Staat leben konnte, verdeckte nur unzureichend die erheblichen wirtschaftlichen, sozialen und politischen Probleme, die nun bewältigt werden mussten. Die hinzugewonnen Gebiete waren nicht nur historisch sehr unterschiedlich gewachsen und infolge dessen sehr heterogen, sondern standen wirtschaftlich, sozial und kulturell auch auf sehr unterschiedlichen Stufen. Umso schwieriger wurde ihre Integrierung, als die Bukarester Führung sich bei der Neugestaltung des Staates am französischen Modell eines rigorosen Zentralismus orientierte. Seine Durchsetzung führte vielerorts zu großer Unzufriedenheit und zu erheblichen Spannungen.

Zwei Problemfelder bedurften darüberhinaus einer vordringlichen und möglichst sofortigen Bewältigung:

  1. die längst überfällige Lösung der „Bauernfrage“ (chestia taraneasca)
  2. Absicherung gegenüber eventuellen Revisionsbestrebungen der Verliererstaaten, die die neu hinzugewonnenen Gebiete hatten abtreten müssen.

Beide Probleme erfuhren 1921 eine weitgehende Behandlung, wenn auch nicht eine abschließende und voll befriedigende Lösung.

2. Die Bodenreform von 1921

2.1. Allgemeines

In der Literatur wird das Gesetzeswerk zur Landwirtschaft vom Jahre 1921 in der Regel als Agrarreform bezeichnet. Dieser allgemeine Begriff trifft aber nicht den tatsächlichen Tatbestand und die dahintersteckende Absicht der Gesetzgeber. Es handelte sich nämlich vielmehr um eine Landreform bzw. Bodenbesitzreform in großem Ausmaß. Alleiniges Ziel war es, die Masse der verarmten Bauern mit ausreichend großem Landbesitz zu versorgen, um sie in die Lage zu versetzen, sich selbst zu ernähren. Großzügige Änderungen in den landwirtschaftlichen Produktionstechniken und -methoden bzw. Vermarktungsmechanismen waren nicht Gegenstand der Gesetzgebung.

2.2. Die Bauernfrage, ein politischer „Dauerbrenner“ in Rumänien

Die Bauernfrage in Rumänien ist so alt wie der Staat selbst. Als Alexandru Ion Cuza im Januar 1859 in beiden Donaufürstentümern, also Moldau und Walachei, zum Fürsten gewählt wurde, und wodurch der Staat Rumänien seinen Anfang nahm, trat er an die Spitze eines infolge seiner spezifischen Geschichte äußerst rückständigen Landes. Der französisch geprägte und aufgeklärte Offizier Cuza war beseelt von den Idealen der französischen Revolution und hatte sich auch an den Wirren des Jahres 1848 beteiligt. Am augenfälligsten war für ihn die extrem missliche Lage der Bauern, die die überwältigende Bevölkerungsmehrheit des Landes ausmachten. Mit einem ungezügelten Ehrgeiz machte er sich sofort daran, auf allen Gebieten Reformen in die Wege zu leiten mit dem Ziel, das Land binnen kürzester Zeit zu modernisieren. Bei dem Vorhaben, die Bauernfrage zu lösen, stieß er, wie zu erwarten war, auf den erbittertsten Widerstand der äußerst konservativen Führungsschicht. Während der Debatten um die Lösung der Bauernfrage bildeten sich im übrigen die politischen Parteien, die dann die Geschicke des Landes bis in die Zeit nach dem 1. Weltkrieg bestimmten: Die Liberale Partei, die überwiegend von dem aufgeklärten Bürgertum getragen wurde und die Konservative Partei, die die großen Grundbesitzer repräsentierte. Um eine Lösung der Bauernfrage zu erzwingen, löste er am 2. Mai 1864 in einem Staatsstreich das Parlament auf und ließ sich per Volksabstimmung das alleinige Recht, Gesetze einzubringen, verleihen. Sein loyaler Mitarbeiter Mihai Kogalniceanu brachte dann auch problemlos ein umfangreiches Agrargesetz durch. Die Regelungen stellten insofern einen Fortschritt dar, als sie die Bauern von den bisher erzwungenen Arbeitsleistungen und von sonstigen Zwangsabgaben befreite und sie zu freien Eigentümern machte. Etwa 500.000 Bauern erhielten ein Stück Land. Doch wie sich bald zeigte, reichten die zugeteilten Flächen vielfach nicht einmal für das Existenzminimum aus. Die Folge waren Verschuldungen sowie die Notwendigkeit, Felder hinzu zu pachten oder schlecht entlohnte Dienstleistungen für Grundeigentümer zu erbringen. Im Lauf der Jahre verarmte das Gros der Bauern weiter, und ihre Lage blieb nach wie vor das gravierende Problem Rumäniens.

Es kamen auch nach dem Sturz von Cuza im Jahre 1866 (Sein Nachfolger wurde bekanntlich Fürst Karl von Hohenzollern-Sigmaringen.) in kurzen Abständen immer wieder landwirtschaftliche Gesetze zustande, die allerdings keine befriedigende Lösung dieser eminent wichtigen Frage erreichen konnten.. In den Jahren, die dem großen Bauernaufstand von 1907 vorausgingen, war wieder ein Höhepunkt der Auseinandersetzung um die Bauernfrage zu erkennen. Hauptsächlich innerhalb der Liberalen Partei nahmen sich immer mehr Politiker dieser Fragen an. Aber auch in konservativen Kreisen und solchen, die außerhalb der beiden großen Parteien standen, spielte sie wieder eine bedeutendere Rolle. Ihre damals aktuelle Bedeutung beschreibt in Jahre 1906 Vasile M. Kogalniceanu, der Sohn des Bauernbefreiers von 1864 Mihai Kogalniceanu: „In letzter Zeit … hat die Bauernfrage wieder begonnen, die Gemüter zu beschäftigen; das Interesse für diese große Frage beginnt sich mächtig zu manifestieren und die aufgeklärten Meinungen unseres Landes sind überzeugt davon, daß die Lage der Dinge im Bezug auf die Bauernschaft nicht auf einen gesunden, festen Fundament ruht“. Allgemein wurde die Bedeutung der Bauernfrage gespürt. G. Ionescu- Sisesti schrieb 1916: „Nach 1900 waren Gewitterwolken zu erkennen. Männer mit Bildung, die verstanden, daß das Land nicht nur uns allein gehört, sondern auch den unfertigen Generationen, die nach uns kommen werden, fühlten, daß die Luft schwer war und der Leidenskelch umherging“. Über die Bedeutung der Bauernfrage waren sich in der Tat auch alle Politiker einig. In der Auseinandersetzung ging es deshalb auch nur um die Methode ihrer Lösung.

Da die Konservativen in starkem Maße den rumänischen Großgrundbesitz repräsentierten, waren sie natürlicherweise auch versucht, den Großgrundbesitz möglichst zu erhalten und konnten an einer Umstrukturierung der landwirtschaftlichen Besitzverhältnisse nicht interessiert sein. Es wurde innerhalb der beiden konservativen Gruppierungen viel geschrieben und gesprochen, und alle waren sich darin einig, daß man den Großgrundbesitz so erhalten müsse, wie er im Augenblick war. Als Zusammenfassung aller konservativen Meinungen zur Bauernfrage kann eine Parlamentsrede des Junimisten (Die Junimisten waren ein Parteiflügel unter Führung des großen Staatsmannes Petru Carp, der aus einem stark germanophilen literarischen Zusammenschluß hervorgegangen war. Zu den Junimisten zählten bedeutende Dichter und Literaten wie Mihai Eminescu, Vasile Alexandri, Barbu Delavrancea und Titu Maiorescu.) N. Filipescu gelten, die 1907 auch als Broschüre in den Handel kam. Sein programmatischer Standpunkt lautete: „Wir Konservative wollen eine möglichst aktive Intervention des Staates bezüglich der Produktion … Was die Umverteilung anbelangt, so wollen wir lieber den Arbeitern unsere Hilfe geben, damit ihnen eine möglichst große Gerechtigkeit widerfährt, bei den Verträgen zwischen den zwei Produktionsfaktoren, aber nur soweit, daß die Energie des einzelnen nicht nachläßt . . . Sie (die Liberalen) haben eine andere Konzeption. In der Frage der Produktion intervenieren sie nicht, tun sie nichts. Was aber die Umverteilung anbelangt, geben sie sich einer Operation von extremer Vereinfachung hin, die darin besteht, daß man dem einen nimmt, und dem anderen gibt, ganz gleich ob es sich lohnt oder nicht“. Seine These war, daß genügend Verdienstmöglichkeiten bestünden und die Bauern sie nur nicht ausnutzten. Die einzige Lösung bestehe in der beruflichen und kulturellen Erziehung der Bauern, eine These, die alle Konservativen von Petru Carp übernommen hatten.

Ganz anders waren viele Auffassungen im liberalen Lager. Seit der Jahrhundertwende begann eine Reihe von liberalen Historikern und Politikern, sich in verstärktem Maße der Bauernfrage anzunehmen, und zwar nicht vom alleinigen Standpunkt des Großgrundbesitzers aus wie die Konservativen, sondern sie gingen daran, die wirtschaftliche und soziale Lage der Bauernschaft gründlich zu analysieren und weitgehende Modelle zur Lösung der Bauernfrage zu entwickeln. Besonders engagiert waren Radu Rosetti, G. D. Scraba, G. D. Creanga, Spiru Haret und Vasile M. Kogalniceanu. Radu Rosetti, der eines seiner Bücher unter dem Eindruck der Aufstände kurzfristig in „Pentru ce s’au rasculat taranii“ (Warum haben sich die Bauern erhoben?) umbenannt hatte, wies in seiner Schlußfolgerung auf die Brisanz und fundamentale Bedeutung der Bauernfrage hin: „Sind wir im Recht, wenn wir folgern, daß, wenn sich im augenblicklichen Stand der Dinge keine Änderung vollzieht, die Zeit nicht weit ist, in der der Bauer sich mit einem Zehntel begnügen muß und der Herr die übrigen neun Zehntel für sich in Anspruch nimmt . . . ? Wundern wir uns noch, daß er unzufrieden ist, daß seine Unzufriedenheit im Laufe der Jahre zu kochen beginnt? Wessen Schuld ist es, wenn diejenigen, deren Pflicht es ist, Obacht zu geben, die Augen schließen, damit sie nicht sehen, wie es kocht, und sich einbilden, das Überlaufen der Unzufriedenheit zu verhindern, wenn sie den Deckel festhalten? Haben sie nicht daran gedacht, daß die siedende Unzufriedenheit das ganze Gefäß in Stücke reißen kann“? Sehr prophetische Worte!

2.3. Der Bauernaufstand vom Frühjahr 1907 und seine Folgen

Die äußerst beklagenswerte Lage der Bauern erfuhr eine Verschärfung durch ein Phänomen, das es in anderen Ländern der Region so nicht gab: Das Zwischenpächtertum.
Die meisten landbesitzenden Bojaren, die sich überwiegend in der Hauptstadt oder im Ausland (bevorzugte Aufenthaltsorte waren Paris oder Monte Carlo) aufhielten, verpachteten ihren Grundbesitz exklusiv an Pachtunternehmer, die in der Regel das Land en gros oder parzelliert an Unterpächter weitergaben, und die nun ihrerseits Pachtverträge mit Unterunterpächtern oder direkt mit den Bauern abschlossen. Auf allen Ebenen dieser Pachtgeflechte wurden auf Kosten der Bauern hohe Gewinne erzielt. Im Verlauf der Jahre entstanden monopolartige Pächtertrust, die den Bauern immer höhere Verpflichtungen aufzwangen und die weitere Verarmung der Landbevölkerung massiv vorantrieben. Diese Pächtertrusts setzten sich speziell in der Moldau überwiegend aus jüdischen Familien aus der Bukowina zusammen (Fischer, Costiner, Juster waren die bekanntesten Namen), die über riesige Landflächen verfügten. Allein die Familie Fischer hatte in den Bezirken Dorohoi, Botosani und Iasi über 100.000 Hektar unter Kontrolle. Sie verwalteten aber nicht nur Privatländereien, sondern auch Staatsgüter und Besitzungen von Versicherungen und Stiftungen. Der Publizist Nicolae Iorga nannte diese Gebiete sarkastisch „Fischerland“. Es ist also nicht

verwunderlich, dass es Agitatoren, wie es damals auch Iorga war, leicht fiel, in der Bauernschaft, die ohnehin gegenüber allen Fremden Mißtrauen entgegenbrachte, einen aggressiven Antisemitismus zu schüren. Es ist auch nicht verwunderlich, dass im Februar 1907 die blutigste Bauernrevolte der Neuzeit in Europa ihren Ausgang auf den von Marcu Fischer in Pacht gehaltenen Gütern im Bezirk Botosani nahm. Und es ist schließlich auch nicht verwunderlich, dass die plündernden und mordenden Bauernbanden anfänglich den Eindruck hinterließen, es handele sich um ein ausgedehntes Judenpogrom, wie es in Russland häufiger vorkam. Leidtragende waren Tausende von Juden in den Kleinstädten und Marktflecken, die häufig selbst in großer Armut lebten und jetzt ihr kärgliches Hab und Gut verloren, sofern ihnen nicht rechtzeitig die Flucht in die größeren Städte oder in die Bukowina gelang. Etliche Hundert kamen dabei sogar ums Leben.

Je weiter sich die Revolte nach Süden ausdehnte, wo der jüdische Bevölkerungsanteil immer geringer wurde, umso mehr nahm das Plündern und Morden anarchischen und unübersichtlichen Charakter an. Die Situation spitzte sich dramatisch zu und es wurde immer klarer, dass die von den Konservativen geführte Regierung nicht mehr Herr der Lage war. Wie ernst die Lage war, zeigten auch öffentliche Überlegungen der österreichisch-ungarischen Regierung, militärisch einzugreifen und das Land von außen her zu befrieden. Um dem zuvorzukommen entließ der König die Regierung und ernannte den Liberalen D.A.Sturdza zum Regierungschef mit dem klaren Auftrag, die Bauernerhebung mit allen erforderlichen Mitteln niederzuschlagen. Diese Aufgabe oblag nun nicht mehr den überforderten Polizeikräften sondern dem neuen Kriegsminister Alexandru Averescu und der Armee. Averescu ergriff auch sofort energische Maßnahmen und ging sogar mit schwerer Artillerie gegen die Bauern vor. Ohne Rücksicht auf Tausende von Opfern kartätschte er binnen weniger Tage die Bauernbanden zusammen und stellte so die Ruhe wieder her. Seither hing ihm der Ruf des Bauernschlächters an, und es gehört zu der Ironie der Geschichte, dass es 1921 ausgerechnet ihm als Ministerpräsidenten oblag, die längst fällige Bodenreform durchzuführen. Die blutigen Ereignisse während des Aufstandes und sein tragisches Ende hinterließen in der rumänischen Öffentlichkeit eine tiefe Betroffenheit und sind im kollektiven Gedächtnis bis heute präsent.
Unmittelbar nach der Niederschlagung des Aufstandes wurden in aller Hast die dringlichsten Gesetze zur Entspannung der Lage verabschiedet, die jedoch von Anfang an als Provisorium verstanden wurden. Eine umfangreiche Agrargesetzgebung wurde auf einen späteren Zeitpunkt verschoben. Diese vorläufigen Gesetze waren folgende:

  1. Gesetz zur Regelung der landwirtschaftlichen Kontrakte
  2. Gesetz zur Schaffung einer Agrarbank
  3. Gesetz zur Einschränkung der Trusts

2.4. Gesetzliche Regelungen der Bodenreform von 1921

Die drei nach der Niederschlagung des Bauernaufstandes von 1907 erlassenen Gesetze kamen trotz der großen Betroffenheit, die der Aufstand verursacht hatte, nicht gleich zur Anwendung, sondern wurden wie vieles in der rumänischen Geschichte verschleppt. Die Balkankriege und der 1. Weltkrieg ließen dann natürlich die Bauernfrage zusätzlich verblassen. Erst in der größten militärischen Not erinnerte sich König Ferdinand daran, daß seine Soldaten in ihrer überwältigenden Mehrheit Bauernsöhne waren, und kündigte zu ihrer Aufmunterung und Stärkung ihrer Kampfkraft in zwei Reden am 5. und 6. April 1917 eine umfassende Agrarreform an: „Bauernsöhne…….Land wird euch gegeben“. Damit war die Bauernfrage wieder auf der Tagesordnung, und es wurde ein Versprechen abgegeben, das Ferdinand nach dem für Rumänien glücklichen Kriegsausgang nun auch einhalten mußte.

In der Tat trat Rumänien nach der vertraglichen Absicherung „Großrumäniens“ durch die Pariser Verträge in sozialpolitischer Hinsicht mit einem Paukenschlag an, mit einer umfassenden Bodenreform.
Durch die schon lange zurückliegende Reform unter Fürst Cuza 1864 hatten die Bauern in der Walachei und der Moldau eigenes Land bekommen, das aber für den Lebensunterhalt nicht ausreichte. Der große Aufstand 1907 hatte drastisch vor Augen geführt, daß Änderungen unumgänglich waren. Diese waren um so dringender, als drei Viertel der Bevölkerung von diesen Schwierigkeiten betroffen waren; so hoch war der Anteil derjenigen an der Gesamtbevölkerung, die auf dem Land und vom Land lebten. Von ihnen verfügten sogar 77% nur über kleine und kleinste Flächen (unter 5 ha). Die Lage vieler Kleinbauern wurde verschärft durch den Geburtenüberschuss sowie durch die geringe Ertragskraft ihrer ohnehin kleinen Flächen. Pachtung von zusätzlichen Feldern, deren Pachtkosten dann doch nicht erwirtschaftet werden konnten, sowie Verschuldungen aus anderen Gründen waren die Folgen. Ein ähnlich ungünstiges Bild bot sich in den neuen Gebieten. Ausnahmen waren lediglich Siebenbürgen und das Banat. Hier bestand zwar ebenfalls ein ausgedehnter Großgrundbesitz, aber er war durch ein solides Mittelbauerntum aufgelockert. Zu letzterem gehörten die Siebenbürger Sachsen, die Szekler und die Banater Schwaben, die seit Jahrhunderten eigenen Grund und Boden besessen hatten.

Nachdem König Ferdinand I. im April 1917 die Agrarreform verkündet hatte, trieb Bessarabien, das sich auf dem Weg zum Anschluß an Rumänien befand, die Entwicklung voran. Dort war es im Sommer 1917 zu spontanen Landesbesetzungen gekommen; Bauern hatten Güter des abgedankten Zaren, abwesender Grundeigentümer und sonstige Landflächen an sich genommen. Der ab November 1917 als Landesparlament amtierende Sfat Tarii (Landesrat) stellte sich hinter diese Entwicklung und machte sie, neben einer Autonomie des Landes, zur Bedingung für den Anschluß an Rumänien. Weil der administrative Zusammenschluss der verschiedenen Gebiete noch im Gange war, das Projekt aber eilte, wurde es durch Einzelgesetze in Angriff genommen. Im Dezember 1918 ergingen für Bessarabien sowie für das Altreich solche Gesetze. 1919 folgte das siebenbürgische provisorische Landesgremium (Consiliul Dirigent) für Siebenbürgen. Die endgültigen Fassungen kamen 1920 und 1921, wiederum in getrennten Gesetzen, für die Süd-Dobrudscha jedoch erst 1924. Eine Regierung unter dem „Kriegshelden“ Averescu, der 1907 die Bauernerhebung zusammengeschlagen hatte, trug 1920 und 1921 die Verantwortung für die Durchführung der Agrargesetze. Interessenvertreter der Großgrundbesitzer hatten darauf gedrängt, das Verfahren zum Abschluss zu bringen, um noch radikalere Enteignungen zu verhindern.

Die Gesetze hatten zum Inhalt: vollständige Enteignung der Ländereien der Krone, der Ausländer, von „Absentisten“ (Personen, die ihr Land über längere Zeit hinweg verpachtet hatten) sowie von Körperschaften. Aller übrige Grundbesitz war ebenfalls zu enteignen, wobei 100 bis 500 ha (je nach Bodenqualität) verbleiben durften. Die Entschädigung übernahm der Staat durch langfristige Schuldverschreibungen. Von den Entschädigungen hatten diejenigen Bauern, die Land erhielten, die Hälfte zu übernehmen. Die Regelung hinsichtlich der Süd-Dobrudscha zog sich bis 1924 hinaus, weil hier Besonderheiten aus der türkischen Zeit zu überwinden waren. Es gab Eigentum (mülk) und Nutzung (müre), die jedoch nicht streng auseinandergehalten worden waren. Die Rechtslage war in Einzelprüfungen zu klären.

2.5. Die Bodenreform von 1921 und die Siebenbürger Sachsen.

Eines der Hauptprobleme dieses Reformwerkes war, dass die Landesteile sehr unterschiedliche Voraussetzungen mitbrachten und nicht einer einheitlichen Behandlung hätten unterworfen werden sollen. Nicht nur die Größenordnungen der Besitzverhältnisse waren sehr unterschiedlich, sondern auch die Eigentumsformen divergierten zum Teil gravierend. Die riesigen Latifundien, wie sie im Altreich vorzufinden waren, gab es in Siebenbürgen nicht. Andererseits gab es in Siebenbürgen viel Gemeinschaftsbesitz (Gemeindegrund, Hutweide usw.), was im Altreich nicht der Fall war. Ebenso hatte es das Pachtunwesen, das im Altreich zu den grotesken Verwerfungen geführt hatte, in Siebenbürgen nie gegeben. Auch die Produktivität der Böden und ihre landwirtschaftliche Nutzung war in den verschiedenen Landesteilen sehr unterschiedlich. Zwar hat man versucht, durch verschiedene regionsbezogene Gesetze diesen Tatbeständen Rechnung zu tragen, aber das Bedürfnis nach Nivelierung kennzeichnet letztendlich doch alle diese Gesetze. Ihre Durchführung wurde zudem durch unterschiedlich Auslegung und Korruption konterkariert. In großen Teilen des Altreiches wurde beispielsweise die Bemessung der zu enteignenden Flächen nach einzelnen Gütern und nicht nach Besitzern einer Gesamtfläche wie in Siebenbürgen berechnet. Eine praktische Erschwernis war auch die Tatsache, dass es in Siebenbürgen und dem Banat seit dem 19. Jahrhundert Katasterämter gab, die im Altreich komplett fehlten und dort deren Schaffung erst nach 1990 in Angriff genommen wurde. Bei der dort notwendigen Landvermessung waren der Korruption Tür und Tor geöffnet. Das galt auch für die Kategorie der „Absentisten“, d.h. für Eigentümer, die seit Jahrzehnten im Ausland lebten und sich um ihre Besitzungen nicht persönlich kümmerten.

In der subjektiven Wahrnehmung empfanden die Ungarn, Szekler, Sachsen und Schwaben dieses Reformwerk als nationale Benachteiligung und den Versuch der Rumänisierung ihrer Siedlungsgebiete. Natürlich waren die Profiteuere in erster Linie die rumänischen Bauern, da die Ungarn und Sachsen und Schwaben in der Regel ausreichend mit Land versorgt waren und eher Bodenflächen abtreten mußten als welche zuerkannt zu bekommen. Dass eine beabsichtigte „Rumänisierungspolitik“ nicht ganz aus der Luft gegriffen war, zeigte die Tatsache, dass freie Grundstücksflächen in den Städten, deren Bevölkerungscharakter stark ungarisch oder sächsisch geprägt war, mit Vorliebe an rumänische Beamte und Unternehmer vergeben wurden, und so die nationale Homogenität dieser Stadtteile durchbrochen wurde.

Schon in den Karlsburger Beschlüssen war eine umfassende Agrarreform proklamiert worden. Im Gegensatz zum rumänischen Altreich kamen in den früher zu Ungarn gehörigen Teilen Großrumäniens zu den sozialen auch nationale Gründe hinzu. Die Bestimmungen unterschieden sich deutlich voneinander.

Unter den Sachsen gab es nur wenige größere Grundeigentümer.
Deshalb waren die den sächsischen Privatpersonen enteigneten Flächen auch nicht sehr erheblich. Um so schlimmer erging es den sächsischen Körperschaften und Stiftungen. Die Nationsuniversität verlor mit einem Schlag ihren großen Grundbesitz, vor allem die vorbildlich bewirtschafteten Siebenrichter-Waldungen. Die Kirchengemeinden durften höchstens 32 Kat.-Joch (18,4 ha) behalten. Damit verlor die evangelische Kirche 55 % ihres Landbesitzes, aus dessen Erträgen sie ja bisher das deutschsprachige Schulwesen finanziert hatte. Auch die sächsischen Gemeinden wurden hart betroffen. In den Dörfern des früheren Königsbodens machte die Gemeinerde (Allmende), die ihrem Wesen nach nicht Gemeinde-, sondern Gemeindegliedervermögen darstellte – aber bei der Agrarreform nicht so behandelt wurde -, im Durchschnitt bis zur Hälfte der Gesamtgemarkung aus. Sie war ein wichtiger Teil der Ertragsbasis der Kleinbetriebe. Auch davon wurden große Flächen enteignet. Die Gesamtdaten wurden zwar nicht veröffentlicht; wir wissen aber, daß z. B. die Gemeinden Großau, Heltau und Talmesch 57 % ihres Gemeinbesitzes verloren.

Mit der Enteignung des Gemeinschaftsbesitzes wurde nicht nur die wirtschaftliche Basis der bäuerlichen Kleinbetriebe geschmälert; es fehlten vor allem die Einnahmen zur Deckung der Ausgaben für das deutschsprachige Schulwesen. Deshalb mußten die Schul- und Kirchensteuern empfindlich angehoben werden; sie waren nun in der Regel höher als die direkten Steuern des Staates!
Den Gemeinschaftseinrichtungen der Siebenbürger Sachsen kamen auch weitere wichtige Einkünfte nicht mehr zugute. Vor allem jene der sächsischen Banken, die satzungsgemäß mindestens 10 % ihres Gewinns-in der Regel erheblich mehr-gemeinnützigen Einrichtungen spendeten. Durch einen ungünstigen Währungsumtausch, die Zeichnung hoher Staatsanleihen, die mit einem Schlag nur noch Altpapierwert hatten, und eine Inflation verloren sie ihre gesamten Reserven. Der nächste Schlag kam durch die Weltwirtschaftskrise mit ihren Zusammenbrüchen und späteren Umschuldungsaktionen. Durch diese Entwicklung hatten die sächsischen Banken trotz großer Fusionen nur noch einen Bruchteil ihrer früheren wirtschaftlichen Bedeutung.
Das wiederum wirkte sich auf die gesamte Wirtschaft der Siebenbürger Sachsen äußerst ungünstig aus; es kam zu einem chronischen Kapitalmangel bei schlechter Auftragslage. Die Situation verbesserte sich erst kurz vor Beginn des Zweiten Weltkrieges, vor allem durch einen deutsch- rumänischen Wirtschaftsvertrag.
Die sächsische Landwirtschaft hatte nicht nur die „Agrarreform“ mit ihren Unsicherheiten zu verkraften; auch die Kommassationen (Flurbereinigungen) wurden eingestellt. Die sächsischen Landwirte wurden von den Ausfuhrsperren bis zur Mitte der zwanziger Jahre, durch die sie von alten Märkten verdrängt wurden, am härtesten betroffen. Nach einer kurzen Erholungszeit brachen die Agrarpreise als Folge der Weltwirtschaftskrise zusammen. Geld war in den kleinbäuerlichen Betrieben so knapp, daß nur die allernötigsten Ersatzinvestitionen getätigt werden konnten und zum Beispiel Zucker ein Luxusartikel wurde. Die landwirtschaftliche Umschuldung kam vor allem Großbetrieben zugute, so daß sich die wirtschaftliche Lage der Kleinbetriebe erst ab 1939 besserte.

2. 6. Ergebnisse

Als Ergebnis der „Agrarreform“ gingen etwa 30% der Nutzungsfläche an Klein- und Kleinstbauern über, die ihren Grund und Boden vergrößern konnten. Damit war die Reform sozialpolitisch zunächst ein Erfolg. Die Landbevölkerung beruhigte sich. Dennoch wirkte das Resultat ernüchternd: 1938 hatten immer noch ca. 75% der Bauern weniger als 5 ha Land. Bessere Ergebnisse waren nicht erzielbar. Das Land reichte nicht aus, um allen einen Besitz von 5 ha als Existenzminimum zu ermöglichen. Ebensowenig war die Reform betriebs- und volkswirtschaftlich ein Erfolg. Rentabilität und Leistungsfähigkeit der Betriebe verbesserten sich nicht, und die Grundprobleme waren nicht aus der Welt geschafft, am wenigsten das der „landwirtschaftlichen Überbevölkerung“. Letzteres wäre nur durch neue Arbeitsplätze in anderen Wirtschaftszweigen zu lösen gewesen, die aber gab es nicht. Weil die weizenerzeugenden Großgüter verschwunden waren und die Kleinbauern auf dem hinzugewonnenen Land lieber den üblichen Mais anpflanzten und diesen überdies weitgehend selbst verbrauchten, sank auch die für den Export Rumäniens wichtige Weizenproduktion.

3. Absicherung „Großrumäniens“ nach außen

3.1. Allgemeines

Durch den für die Entente erfolgreichen Ausgang des Krieges und den Ausfall Russlands als machtpolitische Faktor nach der bolschewistischen Revolution konnte Rumänien trotz seiner militärischen Niederlagen alle nationalen Ziele erreichen. Das 1812 und erneut 1878 von der Moldau abgetrennte und von Russland annektierte Bessarabien wurde im Dezember 1918 an Rumänien angegliedert, nachdem der von den bessarabischen Ständen geplante Anschluß an eine demokratische russische Föderation durch die Oktoberrevolution überholt war.

Während der Erwerb Bessarabiens wirtschaftliche und strategische Bedeutung besaß, ging mit dem Gewinn ganz Siebenbürgens und eines Großteils des Banats die nationale Sehnsucht Rumäniens in Erfüllung. Obwohl in diesem Land starke deutsche und madjarische Volksteile siedelten, machten doch die Rumänen hier die Mehrheit der Bevölkerung aus. Bedenklich war, daß die rumänischen Gewinne über das eigentliche Siebenbürgen hinausgingen und auch einige Grenzgebiete mit überwiegend ungarischer Bevölkerung umfaßten. Das Verhältnis Großrumäniens zu dem auf sein Kerngebiet eingeschränkten Ungarn in den Grenzen von Trianon wurde so von vornherein über das Unvermeidliche hinaus belastet. Hinzu kam, daß auch das Eingreifen Rumäniens in die ungarischen Wirren zur Zeit Bela Khuns lange nachwirkte. Vom 4. August bis 13. November 1919 hatten rumänische Truppen Budapest besetzt, und erst im März 1920 war Ungarn völlig von den Rumänen geräumt worden.

Ein besonderes Problem stellte die Bukowina dar. Sie war seit 1775 österreichisches Kronland und wurde im nördlichen Teil vorwiegend von Ukrainern bewohnt. Die Gunst der Zeit ausnutzend, gelang es Rumänien 1918, das gesamte Gebiet zu gewinnen. Da Polen durch den Frieden von Riga 1921 weite Gebiete der Ukraine an sich zog und so eine breite gemeinsame Grenze mit dem verbündeten Rumänien gewann, trat die Problematik dieser Lösung bis 1939/ 40 (gemeint ist hier die territoriale Umgestaltung Osteuropas durch das Zusatzprotokoll des Molotow-Ribbentrop- Paktes) in den Hintergrund.

Die Beziehungen Rumäniens zu Bulgarien blieben infolge der territorialen Bestimmungen des Friedens von Neuilly gespannt. Hier hatten die Alliierten festgelegt, daß die Grenze des Bukarester Friedens von 1913 wiederherzustellen und somit die ganze Dobrudscha an Rumänien abzutreten sei, deren südlicher Teil bei starker Mischbevölkerung einen bulgarischen Kern aufwies.

Rumänien, durch diese Gebietserweiterungen zu einem saturierten Staat geworden, mußte seine Außenpolitik ganz darauf abstellen, seinen gewonnenen Besitz zu erhalten, seine Grenzen nach drei Seiten zu sichern.

3.2. Die Kleine Entente

In erster Linie ging es Rumänien darum, die Gebietserwerbungen nach dem Ersten Weltkrieg gegen die „revisionistischen“ Staaten, Ungarn und Bulgarien, abzusichern. Des weiteren sollte die Wiederentstehung (Restauration) der Habsburger Monarchie verhindert werden, die im Bereich des Möglichen lag, solange der letzte Kaiser von Österreich und König von Ungarn, Karl, noch am Leben war. Diese Ziele deckten sich mit denjenigen Jugoslawiens und der Tschechoslowakei.

Die Tschechoslowakei, Jugoslawien und Rumänien schlossen nun jeweils bilaterale, explizit gegen Ungarn gerichtete Defensiv-Verträge ab, die in ihrer Gesamtheit ein Bündnissystem bildeten, das unter dem – von einer ungarischen Zeitung geprägten und ursprünglich despektierlich gemeinten – Namen „Kleine Entente“ lief. Den Anfang machte die Tschechoslowakei durch einen Vertrag mit Jugoslawien (14. August 1920): „Für den Fall eines nichtprovozierten Angriffs Ungarns gegen einen der Hohen vertragschließenden Teile verpflichtet sich der andere Teil zur Verteidigung des angegriffenen Teils … beizutragen“ (Artikel 1). Es folgten ein etwa gleichlautender Vertrag mit Rumänien (23. April 1921) sowie ein solcher zwischen Rumänien und Jugoslawien (7.Juni 1921). Militärkonventionen legten die Zusammenarbeit auf militärischer Ebene fest. Die Außenminister der drei Staaten suchten auf regelmäßigen Konferenzen ihre Außen- und Wirtschafts- und Militärpolitik abzustimmen und Gemeinsamkeiten festzulegen.

Schon während ihrer Gründung musste die Kleine Entente ihre Entschlossenheit und Fähigkeit unter Beweis stellen, dass sie in der Lage sei, eine erneute Machteroberung der Habsburger in Ungarn zu verhindern. Zunächst kehrte Karl I. von Österreich am 26. März 1921 aus der Schweiz nach Ungarn zurück. Es gelang ihm zwar, den ungarischen Thron zurück zu erobern, jedoch der Reichsverweser Miklos Horthy versagte ihm aus welchen Gründen auch immer jegliche Unterstützung. So musste Karl am 1. April 1921 das Land schon wieder verlassen. Am 20. Oktober 1921 kehrte er jedoch nach Ungarn zurück und erneuerte seine Ansprüche. Die Situation wurde durch die Tatsache kompliziert, dass Karl es geschafft hatte, die Unterstützung eines bestimmten Teils der Armee zu gewinnen. Die Kleine Entente reagierte sofort unter der Leitung des tschechoslowakischen Präsidenten Benes. Die Mitgliedstaaten begannen, ihre Armeen zu mobilisieren, und die Gefahr eines militärischen Eingreifens drohte unmittelbar. Darüber hinaus sprachen sich auch andere europäische Mächte gegen Karls Wiederherstellungsversuche aus. Die ungarische Regierung ging nun energisch gegen Karls Anhänger vor und verhaftete ihn am 24. Oktober 1921. Als dann die ungarische Regierung aber dennoch zögerte, Karl seine Titel abzuerkennen, stand ein Einmarsch der verbündeten Truppen kurz bevor. Erst da entschloss sich die ungarische Regierung, ein Gesetz zu verabschieden, in dem es Karl sämtliche herrscherlichen Rechte entzog. Am 1. April 1922 verstarb Karl im Alter von 35 Jahren im portugiesischen Exil. Die „Kleine Entente hatte ihre erste Bewährungsprobe bestanden.

Ein größeres Projekt, das Rumänien unterstützt hatte, nämlich ein Bündnis von fünf Staaten unter Einbeziehung Polens und Griechenlands, ließ sich nicht verwirklichen. Ein Anfang war immerhin durch einen Defensivvertrag zwischen Rumänien und Polen gemacht, der am 3. März 1921 zustande gekommen war, noch bevor Rumänien der sich bildenden „Kleinen Entente“ beitrat. Polen war seinerseits seit 1921 mit Frankreich durch einen Bündnisvertrag liiert; die Tschechoslowakei, Rumänien und Jugoslawien unterzeichneten ihrerseits 1924 bis 1927 Verträge mit Frankreich. Damit genoss die „Kleine Entente“ Rückendeckung durch Frankreich und war an Frankreich angebunden; sie galt deshalb als „verlängerter Arm“ der französischen Politik im östlichen Europa. Frankreich seinerseits verstand dieses Bündnisgeflecht als „Cordon Sanitaire“ gegenüber der Sowjetunion und als östlichen Arm zur Einkreisung Deutschland.

Als sich Ungarn und Italien Anfang der 30er Jahre annäherten, verstärkte dies den Willen der „Kleinen Entente“ zu einer noch engeren Zusammenarbeit. In einem „Organisationspakt“ (16. Februar 1933) wurden ein „Ständiger Rat“ (der Außenminister), ein „Sekretariat des Ständigen Rates“ sowie ein „Wirtschaftsrat“ ins Leben gerufen. Der „Ständige Rat“ tagte von 1933 bis zuletzt im August 1938 jährlich mindestens einmal. Wenn Rumänien den Vorsitz innehatte, fanden die Tagungen in Sinaia statt. Ab 1929 waren auch jährliche Treffen der Generalstabschefs zur Regel geworden. 1931 trat eine einheitliches Militärabkommen in Kraft.

3. 3. Der Vertrag mit Polen und der Balkanpakt

Waren die Grenzen Rumäniens gegenüber Ungarn und Bulgarien durch die Friedensverträge von Trianon (4. Juni 1920) und Neuilly (27. November 1919) völkerrechtlich festgelegt, so war die rumänische Ostgrenze von der Sowjetunion nicht anerkannt und auch von den anderen Mächten nicht garantiert.

Den einzigen Schutz vor einer plötzlichen sowjetischen Aktion gegen Bessarabien bot das rumänisch-polnische Bündnis vom 3. März 1921. Seinem Wortlaut nach galt es zwar „contra omnes“(gegen alle), sein Militärabkommen legte aber nur eine gemeinsame Verteidigung beider Staaten im Falle eines sowjetischen Angriffs gegen einen Vertragspartner fest. Dieses Bündnis war bis zum Frühjahr 1939 der wichtigste Faktor der rumänischen Außenpolitik. Bis zu diesem Zeitpunkt traf die rumänische Regierung keine politische Entscheidung, ohne deren Auswirkung auf Polen in Betracht zu ziehen.

Polen war nämlich der einzige Staat, auf dessen Unterstützung Rumänien im Ernstfalle mit Sicherheit rechnen konnte, während der am 10. Juli 1926 abgeschlossene und 1936 verlängerte rumänisch-französische Freundschafts- und Nichtangriffsvertrag zwar der allgemeinen kulturellen und gefühlsmäßigen Zuneigung Rumäniens zu der größeren lateinischen Schwester entsprach, jedoch keinen konkreten Bündnisfall vorsah. Polen, das sich große Gebiete der Ukraine gesichert hatte und mit Rumänien eine gemeinsame Grenze besass, mußte zur Abwehr gegen eventuelle sowjetischen Revisionsversuche natürlich bestrebt sein, schlagkräftige Bündnispartner zu haben. Da bot sich selbstverständlich Rumänien mit seinem Bessarabien-Problem förmlich an. Das rumänisch- sowjetische und das polnisch-sowjetische Verhältnis war von Anfang an sehr getrübt, da die sowjetische Regierung nicht bereit war, den Anschluss Bessarabiens an Rumänien und den Anschluß der ukrainischen Gebiete an Polen anzuerkennen. Das führte schließlich auch dazu, dass die Aufnahme diplomatischer Beziehungen zueinander erst 1934 erfolgte. Die Sowjetunion erhielt den völkerrechtlichen Rechtsanspruch auf Bessarabien auch dadurch aufrecht, dass sie am östlichen Ufer des Djestr eine fiktive Moldauische AASR gründete und geltend machte, das Hauptgebiet der Moldau (also Bessarabien) sei ihr in einer ihrer Schwächephasen widerrechtlich entrissen worden. Nach dem Abtreten Bessarabiens durch Rumänien infolge des Hitler-Stalin-Pakts vom August 1939 wurden diese beiden Gebiete auch konsequenterweise vereinigt und zur Moldauischen Sozialistischen Sowjetrepublik erhoben. Nach der Auflösung der Sowjetunion trennte sich der östliche Teil, also die ehemalige fiktive Moldauische AASR, vom Mutterland Moldawien und ist heute das völkerrechtlich nicht anerkannte, aber unter russischer Patronage stehende „Transnistrien“.

1934 erhielt die „Kleine Entente“ eine Ergänzung durch den „Balkanpakt“, zu dem sich am 4. Februar 1934 Jugoslawien, Rumänien, Griechenland und die Türkei zusammengefunden hatten. Er war als Antwort auf das Erstarken Deutschlands, Italiens und der Sowjetunion gedacht, richtete sich aber in erster Linie gegen Bulgarien. Die Unterzeichnerstaaten garantierten gegenseitig ihren Gebietsstand: „die Sicherheit aller ihrer Grenzen auf dem Balkan“ (die kleinasiatischen Grenzen der Türkei waren damit nicht eingeschlossen). Weiter hieß es im Text: „ … verpflichten sich, sich über die Maßnahmen zu verständigen, die im Fall von Eventualitäten zu unternehmen seien, die ihre Interessen verletzen könnten“ (Artikel 2). Der „Balkanpakt“ war durch Rumänien und Jugoslawien mit der „Kleinen Entente“ verbunden.

3.4. Ergebnisse

Im ganzen gesehen konnten die Grenzen Rumäniens als gesichert gelten, solange das seit 1919 bestehende politische Kräfteverhältnis in Südosteuropa nicht gestört wurde, d. h. Deutschland und Rußland nicht in der Lage waren, aktive Politik in diesem Raum zu betreiben.
Rumänien als territorial abgesättigtes Land, ohne Wünsche nach einer Gebietserweiterung, förderte daher so lange es ging neben seinen Bündnisvereinbarungen auch alle Bestrebungen, die auf internationaler Ebene zur Friedenssicherung, Kriegsächtung und Abrüstung liefen. Nicolae Titulescu, 1920-1936 ständiger Vertreter Rumäniens beim Völkerbund, 1930 und 1931 dessen Vorsitzender, 1927-1928 und 1932-1936 Außenminister, machte sich hierbei international einen Namen und verschaffte seinem Land allgemeine Achtung.

Das Wiederaufleben der deutschen Macht nach 1933 hatte den französischen Einfluss in den Ländern der Kleinen Entente allmählich untergraben und mit dem Münchner Abkommen vom 29. September1938, durch das die Tschechoslowakei mit Zustimmung Frankreichs gezwungen wurde, das überwiegend deutsch besiedelte Sudetenland an das Deutsche Reich abzutreten, machte alle bisherigen Sicherungsvereinbarungen zunichte. Die Kleine Entente und die anderen ostmitteleuropäischen Bündnisse wurden obsolet und hörten auf zu bestehen. Der Völkerbund hatte schon länger aufgehört, eine Rolle zu spielen. Es zeichneten sich neue Machtkonstellation und dramatische Ereignisse am Horizont ab, an deren Ende Rumänien für Jahrzehnte seine außenpolitische Souveränität verlor, aber auch Bessarabien, die Bukowina und die Süddobrudscha wieder einbüsste. Siebenbürgen, das Sathmarer Gebiet, das Kreischgebiet, das östliche Banat und die Maramures konnte es behaupten.

4. Schluß

Weitere für Rumänien wichtige Ereignisse des Jahres 1921, die in einem anderen Rahmen eine gesonderte Betrachtung verdienen, waren folgende:

  1. Am 25. Oktober 1921 wurde der letzte rumänische König Michael von Hohenzollern- Sigmaringen geboren, der am 23. August 1944 Rumänien aus dem Krieg führte und hinnehmen mußte, dass er Ende 1947 entthront wurde und ins Exil gehen mußte.
  2. 1921 hatte sich eine Gruppe von der Sozialdemokratischen Partei Rumäniens abgespalten, die sich 1922 den Namen Partidul Comunist Roman gab. Sie war zwar eine sehr kleine Gruppierung, gelangte aber nach dem 2. Weltkrieg mit Hilfe der Sowjetunion an die Macht und regierte das Land bis zum Staatsstreich vom Dezember 1989, wobei ihr Einfluss noch bis Anfang des 21. Jahrhundert spürbar war.

Schließlich sei noch daran erinnert, dass der große sächsische Staatsmann und Kunstmäzen Samuel Baron von Brukenthal am 26. Juli 1721 in Leschkirch (Nocrich) geboren wurde.

Weihnachten in Nadesch

Zu Weihnachten 2023 fiel mir unser Weuhnachtsfest 1954 in meiner Heimatgemeinde in Siebenbürgen wieder ein. Für meine Freunde, aber auch für meine Familie und Nachkommen habe die Erinnerung festgehalten.

Weihnachten in Nadesch

Meine Heimat ist Transsylvanien, das Land hinter den Wäldern im südöstlichen Karpatenbogen. Wir bevorzugen die Benennung Siebenbürgen. Es ist ein multiethnisches Land und die dort lebenden Menschen sind in der Regel mehrsprachig.

In meinem Heimatdorf Nadesch waren die Mehrheit Deutsche, die seit dem Mittelalter dort siedelten und sich seit dem 16. Jahrhundert zur Evangelisch-Lutherischen Konfession bekannten. Daneben gab es orthodoxe Rumänen, unitarische Ungarn, einige Armenier und über 100 Zigeuner. Letztere waren sehr kinderreich und wohnten am Dorfrand in windschiefen Hütten. Jede Zigeunerfamilie fühlte sich zu einem deutschen Hof zugehörig und die Erwachsenen arbeiteten dort gelegentlich als Tagelöhner. Zu der Entlohnung gehörte unter anderem die Erledigung von Schreibarbeiten, da sie allesamt Analphabeten waren. Das Oberhaupt „unserer“ Zigeunerfamilie war der alte Russi, ein virtuoser Geiger, der im Heeresmusikkorps der K.u.k.-Armee gedient hatte und ein drolliges Wiener Kucheldeutsch sprach. Er war eine Respektsperson und genoss bei allen Ethnien ein hohes Ansehen. Ich mochte ihn sehr gerne, denn er war mein Geigenlehrer und brachte mir als erstes Stück „Ich bete an die Macht der Liebe“ aus dem Großen Zapfenstreich bei.

Geboren wurde ich 1943 in einer anderen deutschen Gemeinde, wo mein Vater evangelischer Pfarrer gewesen war. Ich hatte noch einen älteren Bruder und eine ältere Schwester. Noch vor meiner Geburt war mein Vater gegen seinen Willen von der örtlichen Volksgruppenführung und der reichsdeutschen Besatzungsarmee in die Waffen-SS gepresst worden. Ein Jahr danach erhielt meine Mutter die offizielle Mitteilung, mein Vater sei im heldenhaften Kampf für das Großdeutsche Reich gefallen.

Ende 1944 erging der Befehl der Wehrmacht, dass alle Deutschen in dem nördlichen Teil Siebenbürgens, der damals vorübergehend zu Ungarn gehörte und in dem wir lebten, sich unverzüglich auf die Flucht nach Westen zu begeben hätten. Im südlichen, zu Rumänien gehörenden größeren Teil Siebenbürgens, wo auch alle unsere Verwandten wohnten, durfte niemand das Land verlassen. Aus unserem Dorf machten sich die meisten mit ihren Wägen und ihrem Vieh in einem Treck auf den Weg und gelangten später bis nach Österreich, wo sich die meisten dauerhaft niederliessen. Meine Mutter wurde mit ihren drei kleinen Kindern in einem vollgestopften Zug für Viehtransporte nach Westen verfrachtet, ein Transport der ständigen Luftangriffen durch die Alliierten ausgesetzt war. Viele verloren ihr Leben. Weihnachten verbrachten wir wie auch die anderen verängstigten Mitreisenden auf einem Abstellgleis in Prag. Danach langte der lädierte Zug im übervölkerten Dresden an, das eine Art Sammelbecken für Flüchtlinge aus dem Südosten war. Kurz vor dem verheerenden Bombardement der Stadt wurde unsere Familie zu unserem Glück ins Erzgebirge evakuiert, so dass wir überlebten. Als die Rote Armee das Erzgebirge überrollte, wurden wir mit Gewalt nach Siebenbürgen zurückgetrieben. Wir fanden Unterschlupf auf dem Hof meiner Großeltern mütterlicherseits in Nadesch im rumänischen Teil Siebenbürgens, wo ich dann auch aufwuchs. Allerdings gab es in der deutschen Gemeinschaft nur Kinder und alte Menschen, da die gesamte arbeitsfähige Generation, auch meine Verwandtschaft, in die Sowjetunion zur Zwangsarbeit verschleppt worden war. Viele von ihnen arbeiteten in den Gruben des Donbas, andere im Ural und in Sibirien.

Noch ging es uns in der neuen Heimat gut. Mein Großvater war sehr vermögend gewesen, war aber gleich nach dem Einmarsch der Roten Armee gestorben. In dem sehr geräumigen Haus lebten meine Urgroßmutter, meine Großmutter, ein damals 10-jähriger Cousin von uns, der kriegsbedingt zur Waise geworden war, und wir. Die Idylle endete abrupt, als im Jahre 1948 die vollständige Enteignung stattfand und wir uns allesamt mit einem einzigen Zimmer begnügen mussten. Später, als eine Schwester meiner Mutter von der Zwangsarbeit im Ural-Gebirge zurückkehrte, erhielten wir noch ein zweites Zimmer zugeteilt. Zunächst lebten wir sehr ärmlich von den Reserven. Die Lage entspannte sich etwas, als meine Mutter eine Anstellung als Hilfslehrerin erhielt, und meine Tante zur Sekretärin der Kolchose ernannt wurde.

Unser schönster und glücklichster Tag der damaligen Zeit war der Heilige Abend 1954:
Zunächst besuchten wir wie alle Deutschen den feierlichen Gottesdienst in der geräumigen Kirche. Die Konfirmanden saßen auf der Empore und schmetterten laut

Lobt Gott, ihr Christen, alle gleich
in seinem höchsten Thron,
der heut‘ schließt auf sein Himmelreich und schenkt uns seinen Sohn
.

In der Apsis vor dem Altar standen die Konfirmandinnen mit ihren aus Immergrün geflochtenen Leuchtern und antworteten mit

So nimm denn meine Hände und führe mich
bis an mein selig Ende und ewiglich.
Ich mag allein nicht gehen, nicht einen Schritt: wo du wirst gehn und stehen, da nimm mich mit.

Die ganze Gemeinde lauschte andächtig diesem traditionellen Wechselgesang.
Nach dem Gottesdienst stürmten wir nach Hause. Dort brannten die Petroleumlampen und es roch nach Bratwurst und Kraut. Nach dem Essen und dem Dankgebet sagte meine Großmutter feierlich: „Liebe Kinder, heute gibt es ein ganz besonderes Weihnachtsgeschenk. Unser Herrgott hat es möglich gemacht. Nun hört gut zu: Ihr wißt ja, dass vor ein paar Tagen der Georg Schuster aus Österreich zurückgekommen ist.“ „Ist das der mit den Rasierklingen?“, fragte meine Schwester. Zu der damaligen Zeit gab es im ganzen Land keine Rasierklingen zu kaufen. Auf dem Schwarzmarkt wurden sie sehr teuer gehandelt. Besagter Georg Schuster hatte die Lage erkannt und ein Köfferchen voller nagelneuer Wilkinson- Rasierklingen aus Österreich mitgebracht. Er galt für lange Zeit als der reichste Mensch des Dorfes. „Also der Georg Schuster mit den Rasierklingen war gestern hier und hat uns mitgeteilt, dass Euer Vater in Linz an der Donau lebt und dort im Rahmen der evangelischen Kirche Österreichs eine hohe Funktion bekleidet. Herr Schuster hat mit ihm gesprochen und erfahren, dass er glaubt, ihr wärt auf der Flucht ums Leben gekommen. Von einer Todesmeldung durch die Armee wußte er nichts. Die Mitteilung an Eure Mutter war ein Irrtum.“ Minutenlang war es im Raum totenstill. Meiner Mutter liefen die Tränen über die Wangen. Diese Nachricht war in der Tat ein wunderbares Weihnachtsgeschenk. Der Herrgott hatte uns unseren Vater zurückgegeben. „Warum kommt er nicht auch nach Hause?“ fragte mein Bruder. „ Das geht nicht, denn erstens hat er auf der Seite der Deutschen am Krieg teilgenommen und zweitens ist er ja Pfarrer. Das ist heutzutage ein gefährlicher Beruf. Die Kommunisten würden ihn sofort für viele Jahre zur Zwangsarbeit am Donau-Schwarzmeer-Kanal abtransportieren. Das Beste ist, wenn ihr zu eurem Vater nach Österreich zieht, natürlich wenn man euch lässt.“ Man ließ uns jahrelang nicht ziehen. Als meine Mutter mit Hilfe des Roten Kreuzes die Adresse meines Vaters ausfindig gemacht hatte, nahm sie Kontakt zu ihm auf, und er fiel aus allen Wolken, als er las, dass seine Familie am Leben war.
Für uns begann aber eine jahrelange Zeit der Not und der Angst. Meine Mutter hatte in der Kreisstadt Schäßburg die Ausreisepapiere nach Österreich beantragt, was die kommunistischen Behörden ihr sehr übel nahmen. Sie wurde in Haft genommen und aufgefordert, meinen Vater zur Rückkehr zu drängen. Als sie sich weigerte, wurde sie in Sippenhaft genommen und täglich drangsaliert. Besuche durfte sie nicht empfangen. Meine Großmutter verständigte meinen Vater auf verschlungenen Wegen, beschwor ihn aber, nicht zurückzukehren, da ihm eine hohe Haftstrafe drohe. Wir Kinder lebten in ständiger Angst, insbesondere weil die Securitate auch uns nicht in Ruhe ließ. Oft ging ich in ein nahegelegenes Wäldchen, hockte mich mit dem Rücken an einen Baum gelehnt hin und weinte. Abwechslung fand ich auf dem Speicher unseres Hauses, wo mein Großvater, der ebenfalls Pfarrer gewesen war, ein riesige Bibliothek hinterlassen hatte. Die Kommunisten waren bei der Enteignung zu faul gewesen, auf den Speicher zu steigen, und so blieb uns die Bibliothek erhalten. Hier fand ich Trost und las und las und las, auch wenn ich nicht alles verstand. Diese Lektüre kam mir später in Deutschland bis zum Abitur sehr zustatten.

Jahre später mußte mein Vater krankheitsbedingt seine aufreibende Tätigkeit in Österreich aufgeben und ließ sich in Mainz zum Pfarrer an der Christuskirche wählen, wo der Dienst etwas gemächlicher war. Von dort setzte er alle Hebel in Bewegung, um unsere Ausreise zu erwirken. Dabei floß, wie das damals üblich war, auch viel Geld. Endlich nach langer Zeit erhielten wir die Ausreisegenehmigung und verließen kurz vor Weihnachten das Land mit einem Koffer. Die Situation bei unserer Ankunft in Mainz war sehr sonderbar. Wir hatten plötzlich einen Vater und er hatte auf einmal halberwachsene Kinder. Auch waren wir aus der tiefsten Provinz Transsylvaniens in eine pulsierende deutsche Großstadt gekommen, an die wir uns erst gewöhnen mussten. An das Gute und Schöne gewöhnt man sich erfahrungsgemäß sehr schnell. So ging es auch uns. Die vielen Sorgen, die ständige Angst und die materielle Not lagen jetzt endgültig hinter uns. Darüber waren wir sehr froh. Das erste Weihnachtsfest, an dem wir wiedervereinigt waren, gehört zu meinen schönsten Erinnerungen. Alle waren fröhlich, auch meine verhärmte und vielgeplagte Mutter. Mein Vater stellte sich als ein wunderbarer Mann heraus, und ich habe ihn bis zu seinem Tode sehr verehrt. Nach dem Weihnachtsessen dankte er in einem Gebet für die glückliche Fügung unserer Wiedervereinigung. Dann hielt er eine kurze Andacht zum Psalm 23, die mir in plastischer Erinnerung ist: Der HERR ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln. Er weidet mich auf einer

grünen Aue und führet mich zum frischen Wasser. Er erquicket meine Seele. Er führet mich auf rechter Straße um seines Namens willen. Und ob ich schon wanderte im finstern Tal, fürchte ich kein Unglück, denn du bist bei mir, dein Stecken und Stab trösten mich.
Anschließend schenkte er meinen Geschwistern und mir je eine Armbanduhr und eine Geldbörse mit 20 Mark. „Das ist für den Start in das neue Leben. Ihr habt jetzt alle Chancen der Welt. Ihr müsst sie nur nutzen“.

Mein weiterer Lebensweg eröffnete mir in der Tat alle Chancen, Chancen, die ich in Siebenbürgen niemals gehabt hätte. Ich war überzeugt, dass mein Weg, auch wenn er teilweise schwer war, in der sicheren Hand Gottes gelegen hatte. Dieser Überzeugung bin ich heute noch.

Deutsche evangelische Kirche von Nadesch

Bessarabien, der ewige Spielball

Kürzlich hat die illegale sogenannte Regierung des abtrünnigen moldauischen Gebiets Transnistrien Russland offiziell um Hilfe gegen die Republik Moldau ersucht. Damit rückt Bessarabien wieder einmal in den internationalen Focus. Eine offizielle oder gar militärische Reaktion Putins gibt es noch nicht. Aber es ist einen neue Front ins Visier genommen.

Bessarabien, der ewige Spielball

Das kleine und arme Land, die heutige Republik Moldau (im Volksmund Moldawien genannt), hat eine wechselvolle und tragische Geschichte. Sein historischer Name ist Bessarabien, ein zwischen dem Pruth und dem Dnjester gelegener Landstrich.

Der Name Bessarabien wurde nach türkischer Gepflogenheit zunächst auf das Donaufürstentum Walachei (Muntenien) angewandt, und zwar nach der lange herrschenden Fürstenfamilie Basarab. Das Donaufürstentum Moldau wurde lange Zeit nach seinem Gründer Bogdan Bogdanien genannt.

Später und zum ersten Mal erscheint der Name Bessarabien im Frieden von Kütschük-Kainardschi (27. Juli 1774) als eigenständiger Begriff neben Moldau und Walachei bezogen auf das heute zur Ukraine gehörige Südbessarabien mit der geografischen Bezeichnung Buceag. Zum zweiten Mal erscheint er im Friedensvertrag von Jassy (09.01.1792). Im Friedensvertrag von Bukarest (18.05.1812) wird der Name nicht genannt, sondern es wird lapidar gesagt, dass der Pruth in Zukunft die Grenze zwischen dem russischen und dem türkischen Reich bilden solle. Das Fürstentum Moldau, das dadurch geteilt wurde, stand zu dem damaligen Zeitpunkt unter türkischer Suzeränität. Die abgetretenen bzw. einverleibten Gebiete werden zwar im Vertrag nicht namentlich benannt, aber der Name Bessarabien wurde seither allenthalben geläufig.

Eine selbständige Geschichte hat Bessarabien bis zum Zerfall der Sowjetunion Ende 1991 nie gehabt. Als östlicher Teil des Donaufürstentums Moldau war es immer ein Spielball seiner mächtigeren Nachbarn (Königreich Ungarn, Osmanisches Reich, Polen- Litauen, Russisches Reich, Rumänien, Sowjet-Union).

Im 12. und 13. Jahrhundert bildeten sich im Schatten der tatarischen Goldenen Horde östlich der Karpaten mehrere zunächst ethnisch nicht genau konturierte „Banat“-Herrschaften (Knesate), die mit massiver ungarischer Unterstützung und durch verstärkten Zuzug aus der rumänisch besiedelten Maramures zunehmend romanisiert wurden. Um 1360 eroberte und vereinigte der Regionalfürst der Maramures Bogdan mit ungarischer Hilfe diese „Streuherrschaften“ und schuf dadurch das Fürstentum Moldau, das seine Macht über den Pruth hinaus mit offenen Grenzen nach Osten ausdehnte. In der Folgezeit stand das Fürstentum immer im Schatten der mächtigeren Nachbarn und musste wiederholt Bessarabien teilweise oder ganz abtreten. 1812 bis 1918 gehörte es zum russischen Reich. Nach dem ersten Weltkrieg gelangte es Gänze an das auf der Siegerseite stehende Königreich Rumänien.

In Bessarabien verfolgte Russland eine Kolonisierungspolitik, die die Einwanderung von Russen, Ukrainern, Bulgaren, Deutschen, Juden und Gagausen – einem turksprachigen Volk mit orthodox- christlichem Glauben – in die Provinz förderte. Um 1900 hatte sich Bessarabien, dessen Bevölkerung im Jahr 1812 mehrheitlich rumänischsprachig war, in eine ethnisch vielfältige Provinz verwandelt. Die Russifizierungspolitik stellte sicher, dass fortan die russische Sprache und Kultur in Bessarabien vorherrschten.

Das zwanzigste Jahrhundert: Bessarabien zwischen der Sowjetunion und Rumänien

Nach der Russischen Revolution 1917 drohte die neue unabhängige Ukraine, die aufgrund der in Bessarabien lebenden großen ukrainischen Bevölkerungsgruppe Ansprüche auf die Provinz erhob, Bessarabien mit der Annektierung. Als Reaktion darauf erklärte zunächst die bessarabische Führung im Januar 1918 die Provinz zur Unabhängigen Demokratischen Republik Moldau, aber die militärische und wirtschaftliche Schwäche sowie der anhaltende Druck aus der Ukraine führten im März des gleichen Jahres zur Vereinigung der Republik mit Rumänien. Diese Vereinigung wurde dann 1919 in der Friedensregelung von Paris bestätigt. Die rumänische Regierung war in der Zwischenkriegszeit nicht in der Lage, Bessarabien (wie die Provinz erneut genannt wurde) voll in den rumänischen Staat zu integrieren, da nur etwa 56% der drei Millionen Menschen umfassenden bessarabischen Bevölkerung rumänisch sprechende Moldauer waren. Insbesondere die ethnischen Minderheiten blieben unerschütterlich russischsprachig und russophil.

Die Sowjetunion hatte zwar auf Bessarabien verzichten müssen erhielt jedoch den Rechtsanspruch aufrecht, indem sie 1924 östlich des Dnjester (etwas größer als die illegale heutige Republik Transnistrien) eine autonome sozialistische Republik Moldau innerhalb der Sozialistischen Sowjetrepublik Ukraine bildete.

Im Juni 1940 akzeptierte die rumänische Regierung infolge des Hitler-Stalin-Pakts vom August 1939 notgedrungen die Forderung der Sowjetunion nach Abtretung Bessarabiens, das fortan Moldauische Sozialistische Sowjetrepublik (MSSR) genannt wurde. Stalin sprach den nördlichen und südlichen Teil der MSSR, die beträchtliche ukrainische Bevölkerungsanteile hatten, der Ukrainischen Sozialistischen Sowjetrepublik zu. Der Rest der MSSR wurde mit einem schmalen Streifen der MASSR am linken Dnister-Ufer vereint; dieses Gebiet bildet das heutige Transnistrien. Im Zuge dieser regional-politischen Neugestaltung wurden die annähernd 100.000 Deutschen ins Deutsche Reich bzw. in den polnischen Wartegau umgesiedelt. 1941 wurde die MSSR von der rumänischen Armee erobert und erneut mit Rumänien zusammengelegt. Die Rumänen dehnten ihren Herrschaftsbereich nun auch weiter nach Osten aus und errichteten zwischen dem Dnjester und dem Bug unter Einbeziehung der bedeutenden Hafenstadt Odessa das Gouvernement Transnistrien. Dieses Transnistrien erlangte einen unrühmlichen Ruf dadurch, dass der Staatsführer Antonescu ca. 185.000 Juden, die die vorausgegangenen Massacker in der Bukowina und in Bessarabien überlebt hatten, und ca. 25.000 moldauische Zigeuner dorthin deportieren und in Lager einpferchen ließ. Mehr als die Hälfte von ihnen fanden einen jämmerlichen Tod durch Hunger, Erschöpfung und durch Seuchen. 1944 fiel das gesamte Gebiet in die Hände der Roten Armee und wurde wieder ein Teil der Sowjetunion. Die wiedergeschaffene MSSR erlangte die gleiche Ausdehnung wie im Juni 1940.

Nach dem Krieg förderten die sowjetischen Behörden die Einwanderung von Russen und Ukrainern in die MSSR. Die höhere Geburtenrate unter den Moldauern sorgte jedoch dafür, dass die ethnisch moldauische Bevölkerung im Jahr 1989 insgesamt 64% der Gesamtbevölkerung der MSSR ausmachte. Aber Ukrainer und Russen dominierten in der Kommunistischen Partei und der staatlich gelenkten Wirtschaft. Die wenigen Moldauer, die eine bedeutende Position erreichten, kamen fast alle von der transnistrischen Seite des Dnjester.

Transnistrien war innerhalb der MSSR wirtschaftlich und politisch von großer Bedeutung. Ein Drittel der Industrieproduktion und 90% der Energieproduktion der Republik kamen aus Transnistrien (Die Energieversorgung des heutigen Moldawien ist immer noch abhängig von Transnistrien). Auch strategisch war Transnistrien äußerst wichtig für die militärischen Fähigkeiten der Sowjetunion während des Kalten Krieges. Von 1956 an war die 14. sowjetische Armee dort stationiert. Im Kriegsfall sollte sie in den Balkan, in Griechenland und in die Türkei einmarschieren. In der Nähe von Tiraspol wurde ein Militärflughafen gebaut, und die in der Stadt entstehenden Industrien verwandelten Transnistrien in einen Hauptlieferanten von Waffen und technischer Ausrüstung für das sowjetische Militär.

In der MSSR herrschten die russische Sprache und Kultur vor. Das Erlernen der „moldauischen“ Sprache – wie die rumänische Sprache bezeichnet wurde – war in Schulen nicht obligatorisch. In landwirtschaftlichen und schlecht bezahlten Arbeitsverhältnissen fand man eher Moldauer als Russen und Ukrainer. Angesichts dieser Situation wuchs in den 1980er Jahren unter den ethnischen Moldauern der Groll. Darüber hinaus erlebte die Republik schwere Wirtschafts- und Umweltkrisen, und ihre politischen Führer waren in Korruption verstrickt. Michail Gorbatschows Reformagenda in der Sowjetunion der späten 1980er Jahre machte den Reformwilligen in der MSSR Mut.

Die 1989 gegründete Moldauische Volksfront strebte die Souveränität für Moldawien an und forderte die Verwendung der moldauischen Sprache als Amtssprache ein. Viele ihrer Mitglieder befürworteten die Vereinigung mit Rumänien. Die Volksfront gewann 1990 die Wahlen und machte somit den kommunistischen Machtanspruch zunichte. Im April übernahm die Regierung die Flagge des rumänischen Nachbarlandes mit den vertikalen blau-gelb-roten Streifen als Nationalflagge. Hinzugefügt wurde ein römischer Adler, der den Auerochsenkopf auf der Brust trug – das heraldische Symbol des mittelalterlichen Fürstentums Moldau.
Die pro-rumänische Politik der Volksfront löste unter der russischsprachigen Bevölkerung der MSSR eine Gegenreaktion aus. Die im Süden der MSSR lebenden Gagausen riefen im August 1990 die Gagausische Sozialistische Sowjetrepublik aus, die später die Bezeichnung Gagauz Yeri oder Gagausien trug. Heute ist sie das „Autonome Gebiet Gagausien“. Im darauffolgenden Monat gab die transnistrische Führung die Gründung einer Sozialistischen Dnjester-Sowjetrepublik als Bestandteil der Sowjetunion bekannt. Im Mai 1991 wurde die MSSR in Republik Moldau umbenannt und erklärte am 27. August ihre Unabhängigkeit von der Sowjetunion. Am 1. Dezember wurde die Sozialistische Dnjester-Sowjetrepublik in Moldauische Dnjester-Republik umbenannt und erklärte wiederum ihre Unabhängigkeit von der Republik Moldau. Dies löste militärische Auseinandersetzungen zwischen den Separatisten und der Zentralregierung aus, die im Sommer 1992 zu einem umfassenden Krieg eskalierten. Auf beiden Seiten kämpften auch Freiwillige aus anderen Ländern, auf moldauischer Seite zumeist Rumänen, während Transnistrien durch Freiwillige aus Russland und der Ukraine unterstützt wurde. Moldawien verlor im Laufe des Konflikts endgültig die Kontrolle über Transnistrien.Als im Juli der Waffenstillstand geschlossen wurde, waren in diesem Konflikt, den die Transnistrier mit der Unterstützung der 14. sowjetischen Armee gewonnen hatten, 500 Menschen zu Tode gekommen. Oberkommandierender der russischen Armee war zu diesem Zeitpunkt der General Alexander Lebed, der den Afghanistan-Krieg brillant beendet hatte und seither sehr populär war. Dass am 09.04.1989 unter seinem Kommando Fallschirmjäger eine gewaltlose Demonstration vor dem Parlamentsgebäude in Tiflis aufgelöst hatten, wobei 20 Georgier getötet und Hunderte verletzt worden waren, war schon vergessen. Der Vorfall hatte allerdings seinerzeit zu starken Spannungen in Georgien geführt und war einer der Auslöser für die Unabhängigkeitserklärung der Kaukasusrepublik im Jahre 1991 gewesen. Lebed wurde Ende der 90er Jahre als Sekretär des Sicherheitsrates zu einer der beliebtesten Persönlichkeiten, war für viele eine große Hoffnung und galt als aussichtsreicher Präsidentenkandidat. In dieser Funktion handelte er auch im August 1996 das Friedensabkommen von aus, mit dem der Erste Tschetschenienkrieg beendet wurde (hierfür erhielt er 1998 den ). Wohl auf Betreiben politischer Rivalen degradierte ihn daraufhin der Präsident und ließ ihn zum Gouverneur von Krasnojarsk wählen. Wladimir Putin nannte das Abkommen später einen „Betrug an Russland“ und äußerte sich verächtlich über den General. Im April 2002 kam er durch einen mysteriösen Hubschrauberabsturz ums Leben.
Nachdem die Separatisten östlich des Dnjester die Macht übernommen hatten, schwand die Unterstützung für die Volksfront im Rest der Republik Moldau. Nach den 1994er Wahlen übernahm die Agrardemokratische Partei die Regierung. Die meisten ihrer Mitglieder unter Führung des Präsidenten Mircea Snegur waren Reformkommunisten, die eine Vereinigung mit Rumänien ablehnten und sich für die Beibehaltung wirtschaftlicher Beziehungen zu Russland aussprachen. Bei einem nachfolgenden Referendum stimmten 90% der moldauischen Bevölkerung für die Unabhängigkeit. Zu den Gründen für die nachlassende Unterstützung der Vereinigung mit Rumänien gehörten die akuten politischen und wirtschaftlichen Probleme Rumäniens in den frühen 1990er Jahren. Dennoch gibt es bis zum heutigen Tag in der moldauischen Gesellschaft eine gut organisierte und sehr präsente pro-rumänische Bewegung.

Das einundzwanzigste Jahrhundert: Moldawien zwischen Russland und dem Westen

Mit der durch die Auflösung der Sowjetunion bedingten und durch die russische Finanzkrise im Jahr 1998 verschärften wirtschaftlichen Krise fand sich Moldawien in der wenig beneidenswerten Position des ärmsten Landes Europas. Die Partei der Kommunisten der Republik Moldau (PCRM) gelangte 2001 unter der Führung von Wladimir Woronin an die Macht. Die Anziehungskraft der Partei erwuchs aus der Sehnsucht der Menschen nach der scheinbaren Stabilität der Sowjetunion und ihrer staatlich gelenkten Wirtschaft. Die PCRM versprach nicht nur wirtschaftliche Stabilität, sondern auch die Stärkung des Status der russischen Sprache. Der PCRM nahestehende Intellektuelle trugen die gleichen Argumente wie die Sowjets im zwanzigsten Jahrhundert vor: das moldauische Volk und das rumänische Volk seien ethnisch und sprachlich verschieden; Moldawiens Platz sei an der Seite Russlands. Woronin war jedoch nicht in der Lage, eine Lösung für das Problem Transnistrien zu finden. Er beleidigte den russischen Präsidenten Wladimir Putin, indem er 2003 seine Zustimmung zum Kozak-Memorandum zurückzog, mit dem Russland vorgeschlagen hatte, aus Moldawien einen föderalen Staat mit umfangreichen Befugnissen für Transnistrien und Gagauz Yeri zu machen. In der Folge weigerte sich Putin, die russischen Truppen aus Transnistrien abzuziehen. Daher sind bis heute 1 500 bis 2.500 russische Soldaten in Transnistrien stationiert. Ausserdem wird das Cobasna-Munitionsdepot an der östlichen Grenze Transnistriens als eines der größten, wenn nicht sogar als das größte Munitionsdepot in Osteuropa bezeichnet und enthält bis zu 20.000 Tonnen Munition und Waffen aus der Sowjetzeit. In diesem Depot wurden die Munition und das kleinere Kriegsgerät, die nach 1990 aus der DDR und der Tschechoslowakei abtransportiert worden waren, gelagert. Allerdings sind mehr als die Hälfte der Munition aus dem Cobasna-Depot wohl abgelaufen und für die weitere Verwendung oder den Transport nicht mehr geeignet. Vermutlich können aber immerhin 7-8 Tausend Tonnen dieser Munition einsatzbereit sein.

Nachdem keine russische Unterstützung mehr zu erwarten war, propagierte Woronin bei den Wahlen im März 2005 die Integration in die EU als politisches Ziel; die PCRM ging aus dieser Wahl als Sieger hervor. Aber Russland konnte einen stärkeren wirtschaftlichen Hebel in Moldawien ansetzen als die EU. Das 2006 verhängte russische Embargo auf moldauische Weine und Agrarprodukte hatte schwerwiegende Konsequenzen zur Folge. Moldawien blieb nicht nur das ärmste Land in Europa, wobei mehr als ein Drittel des BIP aus den Geldtransfers von mehr als 300.000 im Ausland arbeitenden Moldauern stammte, das Land stand außerdem auf dem dritten Platz des weltweiten Korruptionsindex.
Im April 2009 wurden Neuwahlen angesetzt; die Wählerschaft war gespalten in diejenigen, die eine engere Anbindung an Russland wünschten, und diejenigen, die eine Integration in die EU anstrebten. Die PCRM gewann die Wahl, aber in den sozialen Medien rief die Opposition wegen angeblicher Fälschung der Ergebnisse zu Demonstrationen in Kischinev auf. Durch die im Verlauf dieser sogenannten „Twitter-Revolution“ ausbrechende Gewalt starben drei Menschen. Präsident Woronin beschuldigte die rumänische Regierung, einen Putsch organisiert zu haben, nachdem der rumänische Präsident Basescu versprochen hatte, die Gewährung der rumänischen Staatsbürgerschaft für Moldauer zu erleichtern.
Bei einer weiteren Wahl im Juli 2009 übernahm das Pro-EU-Bündnis für Europäische Integration die Macht. Nach der Unterzeichnung des Assoziierungsabkommens mit der EU im Juni 2014, das der Republik Moldau zollfreien Zugang zum EU-Markt gewährte, verhängte Russland zur Strafe ein Embargo auf moldauische Produkte. Auch Transnistrien stellte weiterhin für die moldauische Regierung ein Problem dar. Nachdem Russland im März 2014 die Krim von der Ukraine abgetrennt und annektiert hatte, forderte die politische Führung Transnistriens die Aufnahme durch Russland. Die Russen taten ihr den Gefallen jedoch nicht.
Das Bündnis für Europäische Integration wurde 2014 durch einen Bankenskandal erschüttert: 12% des Bruttoinlandsprodukts waren aus den Banken gestohlen worden, aber die Regierung schaffte es nicht, die dafür Verantwortlichen vor Gericht zu bringen. Im Lauf der Jahre 2015 und 2016 fanden zahlreiche Anti-Regierungs- und Anti-Korruptionsdemonstrationen statt, während derer viele die Vereinigung mit Rumänien forderten, obwohl sich auch pro-russische Demonstranten unter die Menge mischten.
Igor Dodon, der pro-russische Führer der Partei der Sozialisten, gewann 2016 die Präsidentschaftswahl und versuchte, die wirtschaftlichen Beziehungen zu Russland zu normalisieren. Russlands bestehende Einfuhrverbote für moldauische Produkte hatten aber inzwischen zu einer Neuorientierung des Handels der Republik Moldau in Richtung EU geführt. Die nachfolgenden Parlamentswahlen spiegelten die noch immer bestehende Spaltung zwischen dem pro-russischen und dem pro-europäischen Lager wider. Die derzeitige Präsidentin ist die europafreundliche Politikerin Maia Sandu, die 2020 die Präsidentschaftswahl gewann. Sandus Aktions- und Solidaritätspartei stellt seit 2021 die Regierung.

Der Angriffskrieg auf die Ukraine: Ein Wendepunkt in der Geschichte Moldawiens?

Jahrzehnte hindurch schwankte die Republik Moldau zwischen Russland und Rumänien/der EU. Russlands Einmarsch in die benachbarte Ukraine im Februar 2022 könnte sich jedoch als entscheidender Moment herausstellen. Im März stellte die Sandu-Regierung einen förmlichen Beitrittsantrag in die EU. Meinungsumfragen zeigen unter der Bevölkerung eine 70%ige Zustimmung zum Beitritt. Etwa 40% der Befragten sprachen sich auch für eine Vereinigung mit Rumänien aus. Anfang April sagte die EU der Republik Moldau ein Hilfspaket zu, um die Folgen des Ukraine-Krieges und insbesondere die Flüchtlingskrise bewältigen zu können, und um die Energie-Abhängigkeit von Russland und Transnistrien zu beenden.

Angesichts der eigenen militärischen Schwäche und des ungelösten Problems der in Transnistrien stationierten russischen Truppen fürchten viele Moldauer einen russischen Angriff auf ihr Land. Am 22. April 2022 äußerte ein russischer General, Russlands Ziel sei es, die südliche Ukraine einzunehmen und somit einen Zugang zu Transnistrien zu gewinnen, wo – wie er behauptete – die russischsprachige Bevölkerung unterdrückt werde. Dies löste Befürchtungen aus, dass der Krieg in der Ukraine auf Moldawien übergreifen könnte. Einige Tage danach kam es zu unerklärlichen Explosionen in Transnistrien. Die moldauische Regierung lehnte in der Folge ein Angebot der Ukraine ab, das Problem durch eine Annektierung Transnistriens – das einmal zur sowjetischen Ukraine gehört hatte – zu lösen. Sowohl die EU als auch die amerikanische Regierung versprachen eine Verstärkung der militärischen Hilfe für die Republik Moldau. Am 20. Mai 2022 sagte die britische Außenministerin Liz Truss, dass Moldawien „nach NATO-Standards ausgerüstet“ werden müsse, um das Land vor russischer Aggression zu schützen.

Die Sandu-Regierung vollführt derzeit eine Gratwanderung. Einerseits begrüßt sie die Unterstützung der EU und anderer westlicher Länder, andererseits ist die Neutralität Moldawiens in außenpolitischen Angelegenheiten in der Verfassung von 1994 festgeschrieben. Die Politik Sandus ist für Russland offensichtlich eine Provokation. Dieses Empfinden wurde durch die kürzlich erfolgte Festnahme des früheren pro-russischen Präsidenten Igor Dodon wegen Korruptionsvorwürfen noch verstärkt. Es bleibt daher abzuwarten, ob die derzeitige Politik der moldauischen Regierung einen entscheidenden Wendepunkt in der geopolitischen Ausrichtung der Republik darstellt, oder ob es nur ein weiterer Pendelausschlag in einem Land ist, das von Russland aus historischen Gründen seinem Einflussbereich zugeordnet wird.

Umtriebe zum Sturz der Präsidentin Maia Sandu

Die demokratisch und europäisch gesinnte Präsidentin Maia Sandu und ihre Regierung haben zwar eine stabile Mehrheit, stehen aber unter russischem „Dauerfeuer“ und mussten sich darüberhinaus diverser von Russland unterstützter Umsturzversuche und sogar mehrerer Anschlagsversuche erwehren. Die erbittertsten Gegner sind zwei extrem korrupte Oligarchen, die sich beide der Strafverfolgung durch Flucht entzogen haben, der eine nach Israel, der andere in die Türkei und von dort mit ihrem ungeheuren, ergaunerten Vermögen in die Innen- und Außenpolitik des Landes eingreifen. Es handelt sich zum einen um den Finanzjongleur Ilan Schor, der neben anderen Korruptionsvergehen 2014 die moldawischen Banken um knapp eine Milliarde Dollar bestohlen hat und dadurch nicht nur diese Banken ruiniert hat, sondern auch den Staatshaushalt in Bedrängnis brachte. Der Strafverfolgung entzog er sich durch Flucht in sein Geburtsland Israel, was ihn aber nicht daran hindert, weiter die Fäden in der von ihm gegründeten Parlamentspartei SHOR zu ziehen. Er finanzierte auch die seit Januar 2023 stattfindenden heftigen Proteste gegen die Regierung und die prorussischen Umtriebe in Gagausien. Außerdem betreibt er im ganzen Land eine aggressive antiwestliche und prorussische Propaganda. Angeblich hat ihn Wladimir Putin im Falle eines geglückten Putsches in Kischinev schon als seinen Statthalter in Moldawien auserkoren. Der zweite flüchtige Oligarch ist Vlad Plahotniuc, der an dem Bankenbetrug von 2014 beteiligt war, aber über noch mehr kriminelle und gewinnbringende Netzwerke verfügt als Schor. Er galt mit 2,5 Milliarden Dollar als der reichste Mann Moldawiens. So fiel es ihm auch leicht, eine politische Partei kurzerhand zu kaufen und sich zu ihrem Vorsitzenden wählen zu lassen, nämlich der Demokratischen Partei Moldawiens (PDM). Er wurde auch Parlamentsmitglied, zog sich aber im Juni 2019 nach dem Sieg der PAS (Aktions- und Solidaritäts-Partei) von Maia Sandu aus der Pülotik zurück. Im März 2017 ließ er sich jedoch zum Vizepräsidenten der Sozialistische Internationale wählen. In dieser Eigenschaft plädierte er öffentlich für den Rückzug Russlands aus dem Donbas, was ihm die Todfeindschaft Russlands einbrachte. Die russische Reaktion blieb nicht aus. Am 26. Juni 2019, zwei Tage nach dem Rücktritt von Vlad Plahotniuk als PDM-Vorsitzender, wurde er von der Russischen Föderation beschuldigt, im großen Stil und durch ein riesiges Netzwerk in Nordafrika über die Europäische Union und in der GUS einschließlich der Russischen Föderation mit Drogen gehandelt zu haben. Mittlerweile wird ihm auch seitens der Republik Moldau die Gründung einer kriminellen Vereinigung, Erpressung, Betrug und Geldwäsche vorgeworfen, und er ist auf die internationale Fahndungsliste gesetzt werden. Anscheinend sinnt er auf Rache, denn ein Teil der Umtriebe gegen die Regierung sollen auf sein Konto gehen. Ob er die Hoffnung hegt, dass durch ein politisches Comeback die Anschuldigungen gegen ihn fallengelassen werden, ist offen. Auf jeden Fall ist er mit seinen Netzwerken und seinen finanziellen Möglichkeiten für die amtierende Präsidentin nicht ungefährlich.
Die größte Gefahr für die moldawische Regierung geht jedoch von der Russischen Föderation aus. Der russische Präsident Wladimir Putin hat am 20.02.2023 ein in der Angelegenheit des eingefrorenen Transnistrien-Konflikts ausschlaggebendes Dekret aus dem Jahr 2012 annulliert. Das Präsidialdekret hatte festgelegt, dass eine endgültige Lösung des Konflikts um das seit 1990 von Moldawien abtrünnige Gebiet Transnistrien ausschließlich „unter Einhaltung der Souveränität, territorialen Integrität und Neutralität von Moldawien“ erfolgen könne.
Putins Beschluss erfolgt vor dem Hintergrund der jüngsten Forderung des neuen moldawischen Premierministers Dorin Recean nach einer „Demilitarisierung Transnistriens“ sowie des Abzugs der russischen Streitkräfte vor Ort. Kreml-Sprecher Dmitri Peskow hatte den proeuropäischen Behörden in Chisinau deswegen erst am Montag „antirussische Hysterie“ vorgeworfen und diese verwarnt, künftig „besonnener“ mit ihren Forderungen zu sein.
Moldawische Sicherheitsbehörden berichten, dass mindestens zwei Anschlagsversuche auf die Präsidentin vom russischen Geheimdienst mit Geldern von Ilan Schor und mit gekauften Auftragskillern aus Tschetschenien und interessanterweise aus Serbien organisiert worden seien. Beweise gibt es dafür nicht. Wiederholte Drohungen von Dimitrij Medwedew und anderen putinnahen Claqueuren gegen Moldawien, falls das Land sich dem Westen zuneigen sollte, werfen ein klares Licht auf die russische Sicht der Dinge. Eine Tatsache scheint aber festzustehen: Russland wird alles ihm mögliche daran setzen, die Situation in Moldawien zu destabilisieren. Es ist nämlich traditionelle russische Taktik, an Russlands Peripherie schwelende Konflikte weiter zu schüren oder neue zu schaffen, um gegebenenfalls intervenieren zu können. Beispiele gibt es zuhauf, wie etwa: Tadschikistan-Kirgistan; Armenien-Aserbaidschan; Georgien-Südossetien- Abchasien.

Moldawien, Transnistrien, Gagausien
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Republik Moldau heute

Der Frontwechsel Rumäniens am 23.08.1944

Dieser Vorgang hatte erhebliche Folgen für das weitere Kriegsgeschehen. Darüberhinaus hat er die Nachkriegsentwicklung Rumäniens und Ostmitteleuropas als Ganzes maßgeblich beeinflusst. Auch die Familie des Autors dieser Zeilen wurde davon betroffen. Nachdem sich das Ereignis in diesem Sommer zum 80sten Mal jährt, erscheint es sinnvoll, seiner zu gedenken.

Der Frontwechsel Rumäniens am 23.08.1944 ,Befreiung oder Verrat?

Einleitung

Am 23. August 1944 wechselte Rumänien die Front und verschärfte dadurch wesentlich die für Deutschland negative Wende des Krieges. Was sich tatsächlich an diesem Tag im Königspalast von Bukarest zugetragen hat, und wie der Frontwechsel vonstatten ging, ist noch nicht eindeutig geklärt. Eine Variante bietet Walter Hagen in seinem Buch Die geheime Front, Wien 1950, Seite 305/6 an:

„Diese historisch so interessante Unterredung zwischen dem König und dem Staatsführer wurde angeblich auch durch ein verborgenes Mikrophon auf einem Schallband aufgenommen. Die amerikanische Zeitschrift „Time“ veröffentlichte den Wortlaut dieses Gespräches, das damals im Königsschloß zu Bukarest auf dem Stahlband aufgenommen worden sein soll. Wenn auch gewisse Bedenken gegen die Echtheit dieses Dokumentes bestehen – so zum Beispiel scheinen dort die damals ohne Zweifel anwesenden Ministerpräsident Antonescu und General Sanatescu nicht auf, und auch der Ton, den Mihai darin anschlägt, erscheint wohl wenig königlich – soll es hier für alle Fälle auch wiedergegeben werden (Hinter Walter Hagen verbirgt sich Obersturmbannführer Dr. Wilhelm Höttl. In der fraglichem Zeit war er enger Mitarbeiter von Walter Schellenberg im Amt VI des Sicherheitsdienstes, zuständig für Balkan. Seine Informationen gelten als sehr verlässlich. Nach 1945 arbeitete er für westliche Geheimdienste):

Antonescu tritt in das Arbeitszimmer des Königs.

Antonescu: Lang lebe der König!

König Mihai: Es ist jetzt keine Zeit zu vergeuden. Trotz allen meinen Ermahnungen haben Sie unser Land in eine Situation gebracht, in der einzig und allein die sofortige Beendigung der Feindseligkeiten und die Vertreibung der Deutschen uns retten kann.

Antonescu: Sie irren sich.

König: Bitte, gewöhnen Sie sich an eine korrekte Anrede. Was heißt „Sie“?

Antonescu: Sie – Euer Majestät – Euer Majestät sind heute nervös.

König: , Ja, weil Sie mich wie ein Nichts behandelten, als ich Sie heute morgen anrief. Ich erlaube Ihnen nicht, sich meiner Person gegenüber Freiheiten herauszunehmen. Glauben Sie, ich gestatte Ihnen, daß Sie meine Vorrechte an sich reißen, und sehe wie ein Narr zu, wie mein Vaterland

zerbröckelt?

Antonescu: Und wer zerstört es?

König: Sie alle. Wenn ich Sie rufe, haben Sie nie Zeit für den König.

Antonescu: Ich möchte Ihnen nur sagen, Sie irren, wenn Sie glauben, daß Sie unser Land durch einen Waffenstillstand retten können.

König: Ich habe Sie nicht um Ihren Rat oder Ihre Meinung gefragt. Ich habe Sie rufen lassen, damit Sie das Telegramm über die Einstellung der Feindseligkeiten an die Vereinten Nationen absenden.

Antonescu: Wer hat es entworfen?

König: Was geht Sie das an? Wenn Sie damit nicht einverstanden sind, werde ich es selbst absenden.

Antonescu: Wie können Sie nur denken, daß der Marschall die deutschen Verbündeten verrät und sie den Russen in die Arme wirft?

König(schreiend): Wer verrät, Sie oder die Deutschen? Garantieren Sie Deutschlands Grenzen oder sichert Deutschland Rumäniens Grenzen?

Antonescu (laut): Ich bin nicht taub. Warum schreien Sie so?

König: Doch, Sie sind es. Sonst würden Sie das Murren im Land gehört haben. Mit einem Wort: Marschall, wollen Sie das Telegramm absenden oder nicht?

Antonescu: Nein, in dieser Form nicht.

König: Wie denn?

Antonescu: Ich muß mich mit den Deutschen in Verbindung setzen!

König: Was wollen Sie verhandeln, Herr Antonescu?

Antonescu: Marschall Antonescu.

König: Herr Antonescu. Vier Jahre lang haben Sie meine Rechte an sich gerissen. Sie hatten niemals mein Vertrauen oder meine Sympathie. Seit Monaten habe ich mit der Opposition gearbeitet, um mein Land zu retten. Sie sehen in mir ein dummes lallendes Kind, das weiß ich. Meine Rumänen werden darüber urteilen. Aber wenn Sie in mir einen Verräter sehen, dann werde ich Sie gründlich aus Ihrem Wahn reißen. Ich bin der König meines Landes und ich hin Ihr König. Ich will mein Land retten und (schreiend auf den Tisch schlagend) niemand kann mich daran hindern.

Antonescu: Euer Majestät sind jung und unerfahren.

König: Sie haben Unrecht. Leid ist eine Erfahrung.

Antonescu: Sie können nicht über das Land bestimmen, wenn ……

König (unterbricht ihn): Ich bin der Befehlshaber der Armee und ich habe einen Befehl gegeben .

Antonescu (heftig); Gegeben? Welchen Befehl? Wissen Eure Majestät, daß Eure Majestät den Thron verlieren kann?

König: Wollen Sie mir drohen? Glauben Sie, daß Sie die Macht haben, irgend etwas irgendwann zu befehlen? Von heute an werde ich die Entscheidungen treffen. Sie sind verhaftet!

Die Türen des Arbeitszimmers fliegen auf und Angehörige der königlichen Leibgarde kommen herein, mit Gewehren in den Händen.

Antonescu (aufbrausend): Was? Ich? Der Marschall des Landes? Nein!

König: Unsinn! Führt ihn ab !

Man bringt Antonescu weg und sperrt ihn in ein Gewölbe, in dem Mihais Vater seine Markensammlung aufbewahrt hatte.“

Der tatsächliche Ablauf der Absetzung und Verhaftung des Staatsführers Marschall Ion Antonescu durch den damals 23-jährigen König Michael I. von Hohenzollern-Sigmaringen ist, wie geagt, bis heute noch nicht widerspruchsfrei rekonstruiert worden. Es gibt neben der Variante, die Dr. Höttl überliefert hat, noch verschiedene weiter Varianten über den Ablauf und die beteiligten bzw. anwesenden Personen. Eine davon stammt vom damaligen Generaldirektor des rumänischen Rundfunks, Vasile (Lulu) Ionescu, der sich zu dem Zeitpunkt des Geschehens am Nachmittag dieses ereignisreichen Tages im Königspalast befand und in seinen handschriftlichen Aufzeichnungen berichtete, dass außer der üblichen Leibgarde, der Palastwache und zusätzlichem, über die übliche Stärke hinausgehende Wachpersonal, der Abteilungsleiter im Auswärtigen Amt Grigore Niculescu-Buzesti, der Oberhofmeisters Ion Mocscony-Starcea und die Generäle Constantin Sanatescu und Aurel Aldea mit Gewissheit anwesend gewesen seien. Er ging von der Anwesenheit auch weiterer Personen aus, ohne aber bestimmte Namen nennen zu können. Vehement bestritt er jedoch die Anwesenheit des kommunistischen Parteiführers Emil Bodneras, wie die spätere kommunistische Geschichtsschreibung kolportierte, um die „bedeutende“ Rolle der Kommunistischen Partei beim Umsturz hervorzuheben. Der Verfasser dieser Zeilen hatte im Jahre 1969 Gelegenheit diese mittlerweile verschollenen Aufzeichnungen zu lesen und eine deutsche Übersetzung von ihnen anzufertigen. Auch diese Übersetzung ist verschollen. Es ist davon auszugehen, dass des Königs Privatsekretär Mircea Ioanitiu und der Stabschef des Militärkommandos Bukarest Dumitru Damascanu auch anwesend waren. Ioanitiu ging später mit dem König ins Exil. Damascanu befehligte die militärische Absicherung des Putschs, wurde Anfang September zur Mitunterzeichnung des Waffenstillstandes nach Moskau entsandt und gehörte auch zu den Mitunterzeichnern des Friedens von Paris vom 10. Februar 1947. Der stellvertretende Ministerpräsident und Aussenminister Mihai Antonescu befand sich auch im Schloß und wurde auch dort verhaftet. Ob er im Audienzsaal oder anderswo war, ist unbekannt. Der unmittelbar danach erfolgten Einberufung einer Kabinettssitzung durch General Sanatescu folgten nur der Innenminister General Pikki Vasiliu und der Kriegsminister Mihai Pantazi. Beide wurden sofort verhaftet. Die anderen Kabinettsmitglieder hatten Verdacht geschöpft und tauchten unter. Walter Hagen (= Wilhelm Höttl) berichtete, dass der Geheimdienstchef Oberst Eugen Christescu sich in die deutsche Botschaft flüchtete, wo er vom Gesandten Manfred von Killinger aber nicht ernst genommen worden sei. General Sanatescu wurde noch am Abend mit der Regierungsbildung beauftragt, und daher ist mit Sicherheit davon auszugehen, dass sich noch eine Vielzahl weiterer Personen einfand.

Dass dieses Ereignis natürlichen einen längeren Vorlauf hatte, und eine Fülle von Personen an diesem Vorlauf beteiligt waren, liegt auf der Hand.

Die Akteure

Um die Rolle der vielen Akteure am politischen Geschehen in Rumänien in den Jahren 1941 bis 1944 und weit darüber hinaus zu verstehen, ist es notwendig, einen Blick auf die Besonderheiten der rumänischen politischen Prozesse und der Entscheidungsfindungen zu werfen:

Rumänien galt spätestens seit der Niederschlagung des Legionärsputsches vom Januar 1941 als eine Militärdiktatur unter strenger Führung durch den Staatsführers (Conducator) Marschall Ion Antonescu mit einem Marionettenkönig als Staatsoberhaupt. Jegliche Opposition war untersagt und die politischen Parteien waren verboten. Dies hinderte jedoch die Parteien nicht daran, ein halböffentliches Leben weiterzuführen und politische Aktivitäten ungebrochen zu entfalten. Die Parteiführer traten öffentlich in Erscheinung und pflegten ihre Kontakte untereinander, aber auch zur Staatsmacht und der Entourage des Königs unbeirrt weiter. Ja, sie unterhielten auch intensive Kontakte zu ausländischen und insbesondere zu westalliierten Politikern und Geheimdiensten. Dabei bedienten sie sich sogar staatlicher Stellen, wie etwa der Chiffrierabteilung des Auswärtigen Amtes, deren Abteilungsleiter der äußerst umtriebige Grigore Niculescu-Buzesti war. Dieser unterstand zwar dem Außenminister Mihai Antonescu, dem er emsig zuarbeitete, unterhielt aber gleichzeitig enge Kontakte zu den Oppositionsparteien, dem Königshaus und zur Generalität. Sämtliche Kontakte zum Ausland, sei es durch die Staatsmacht, sei es durch die Opposition oder das Königshaus, liefen über sein Amt. Diese Monopolstellung nutzte er sogar aus, um auf eigene Faust Mitteilungen an Emissäre zu lancieren. Er hatte also eine Schlüsselstellung inne. So ist es auch nicht verwunderlich, dass der Historiker Mircea Ciobanu sein Interview mit dem König im Jahre 1991 mit der Frage begann: “ Einige behaupten, dass Niculescu-Buzesti der Hauptregisseur der Ereignisse vom 23. August 1944 gewesen sei. Glauben Sie, dass die Behauptung richtig ist?“ „ Keineswegs. Er war einer der Urheber dieser Ereignisse. Dies schmälert keineswegs seine Verdienste. Ich könnte sagen, dass es einen zu benennenden Initiator des Kampfes zum Austritt aus der Achse überhaupt nicht gegeben hat. Es waren viele, aber sie haben die wahre Meinung des rumänischen Volkes über die Fortsetzung des Krieges repräsentiert. Wir haben zusammengearbeitet. Es ist war, dass die Präsenz der Kommunisten und Sozialisten uns von den Alliierten aufgezwungen wurde. Es ist wahr, dass uns diese Anwesenheit in Verlegenheit gebracht hat, um nicht mehr zu sagen. Aber neben Patrascanu (Kommunist d.V.) und Titel Petrescu (Sozialist d.V.) waren so viele andere – die Kommunisten hatten nicht die Mehrheit in unserer Aktion (…..). Dieses muß man wissen: dass der Akt vom 23. August nicht einem einzigen Gedanken zu verdanken ist und seine Vorbereitung in einem Augenblick begonnen hat, in dem die Fortsetzung des Krieges für viele eine absurde Tatsache geworden war.“ Dieses Zitat ist dem sehr schwer zu lesenden Buch :Mihai Fatu, Antonescu si Opozitia, Editura Tipoalex, 2000, Seite 460 entnommen.

Oberste Autorität in der Opposition mit besten Kontakten zum Staatsführer war zweifellos der Vorsitzende der nationalen Bauernpartei Iuliu Maniu, der bei der Eingliederung Siebenbürgens nach Rumänien eine entscheidende Rolle gespielt hatte, gefolgt vom Führer der Nationalliberalen Dinu Bratianu. Aber auch eine Fülle anderer Persönlichkeiten unterhielten untereinander und zur Staatsmacht enge Kontakte. Dieses Phänomen hing mit der Tatsache zusammen, dass die gesamte rumänische Gesellschaft traditionell aus einem Geflecht von engmaschigen Netzwerken bestand und bis heute besteht. Jedes dieser Netzwerke verfügt über einen „Patron“, um den sich alles schart. Die Patrone bilden übergeordnete Netzwerke, innerhalb derer die entscheidenden Fragen des Landes entschieden werden. Über der Gesellschaft lag und liegt also bis heute ein engmaschiges Geflecht von Netzwerken, das kaum zu durchschauen ist. Für das politische, wirtschaftliche aber auch persönliche Fortkommen war und ist es notwendig, einem oder mehreren dieser Netzwerken anzugehören. Das heißt, man unterhielt eine Fülle von Bekanntschaften und Beziehungen, auf die man sich verlassen konnte und an die man jederzeit appellieren konnte. Dieses System wurde sorgfältig gepflegt und erwiesene Gefälligkeiten wurden aufmerksam erwidert. Es war der Ort, gemeinsame Interessen zu verfolgen und durchzusetzen oder widersprüchliche Interessen auszugleichen. Wenn man zu keinem Kompromiss gelangen konnte kam es zu heftigen öffentlichen Auseinandersetzungen und Beschuldigungen, bis sich die Lage wieder beruhigte. So ist es auch heute noch. Natürlich verleitete dieses Gehabe zu Nepotismus und Bestechung, was aber in der subjektiven Wahrnehmung nicht als Korruption sondern als natürliches, ja moralisch gewünschtes zwischenmenschliches Verhalten empfunden wurde. Die ehemalige Ministerpräsidentin Viorica Dancilla hat dies einmal in ihrer Unbedarftheit so formuliert: „Bei uns gibt es keine Korruption. Das was man im Ausland Bestechung nennt, ist bei uns die Kultur des Dankes für erwiesene Gefälligkeiten.“ Diese Überlebenstechnik entstand in der Phanariotenzeit und wurde im 19. und 20. Jahrhundert perfektioniert. Dies führte dazu, dass auch in der sogenannten demokratischen Periode in den 1920er 1930er Jahren wichtige wirtschaftliche und politische Entscheidungen bis in die Details in diesen Netzwerken ausgehandelt wurden, bevor sie in den Volksvertretungen abschließend behandelt wurden. Die Volksvertretungen dienten dazu, die ausgehandelten Ergebnisse justiziabel zu machen. Sie waren auch der Schauplatz zur Knüpfung neuer Netzwerke und deren Festigung. Fraktionen waren sehr durchlässig und Parteiübertritte an der Tagesordnung. Ein Sitz in der Volksvertretung wurde gern angestrebt, da ein Abgeordnetenmandat 100%ge Immunität bedeutete, was vor allem für die Knotenpunkte der Netzwerke sehr wichtig war, da sie sich ständig am Rande der Strafgesetze bewegten. Aufschlußreich bezüglich dieses Fragenkomplexes sind die berühmten Aufzeichnungen des bekannten Journalisten Constantin Bacalbasa: „Bucurestii de alte data“ und die politischen Notizen des konservativen Politikers Alexandru Marghiloman. Diese Praxis funktionierte auch in den Phasen der Königsdiktatur und der Militärdiktatur des Marschalls Antonescu bestens. Ein Meister in der Nutzung von Netzwerken war zweifellos Barbu Stirbey, der 1943 und 1944 in Ankara und vor allem in Kairo als Emissär der Opposition mit Unterstützung der Staatsmacht die Verhandlungen mit den Westalliierten zur Herauslösung Rumäniens aus dem Krieg führte. Er war selbst fürstlicher Abstammung und hatte engste Kontakte zum Hof. In seinen jungen Jahren hatte er eine heftige Affäre mit der Königin Maria und wurde zum Vater des Prinzen Mircea und wahrscheinlich auch der Prinzessin Ileana. Dieses aristokratische Milieu hinderte ihn nicht, enge Beziehungen zum Linkssozialisten Dobrogeanu-Gherea und zum Linksliberalen Spiru Haret zu unterhalten. Selbstverständlich verkehrte er sehr vertraulich mit den Nachkriegspolitikern Avarescu, Duca, Maniu, Bratianu usw. Auch zu dem Kommunisten Lucretiu Patrascanu und dem Sozialisten Titel Petrescu pflegte er ständigen Kontakt. Ja, selbst mit den Führern der Eisernen Garde und zu dem notorischen Antisemiten A.C.Cuza stand er auf vertrautem Fuße. Mit dem großen Liberalen Ionel Bratianu war er verschwägert und der Intrigant Niculescu-Buzesti war sei Schwiegersohn. Ein weiterer Schwiegersohn war der Engländer Charles Boxhall, ein Major im britischen Intelligence Service, der ihn bei seinen Verhandlungen beriet.

Angesichts dieses gesellschaftlichen und politischen Phänomens ist es sehr schwer auszumachen, wer tatsächlich und in welchem Umfang an der Vorbereitung und dem Ablauf des 23. August 1944 mitgewirkt hat. Der König hat also recht wenn er sagt: „Ich könnte sagen, dass es einen zu benennenden Initiator des Kampfes zum Austritt aus der Achse überhaupt nicht gegeben hat. Es waren viele, aber sie haben die wahre Meinung des rumänischen Volkes über die Fortsetzung des Krieges repräsentiert. Wir haben zusammengearbeitet.“ Mit „rumänischem Volk“ kann aber nur die Meinung der Netzwerke gemeint sein. Es ist auch nicht auszumachen, ob der König an diesem denkwürdigen Tag letztendlich autonom gehandelt hat oder ob er ein getriebener war. Vieles spricht für Letzteres.

Das auf einem Geflecht von Netzwerken und teilweise auf Familienclans beruhende gesellschaftliche und politische Organisationsprinzip hat den Kommunismus überdauert und ist auch heute noch ein großes Problem für eine moderne Demokratisierung des Landes.

Vorverhandlungen zum Kriegsaustritt

Umfangreiche Informationen zu diesem gesamten Themenkomplex hat Andreas Hillgruber in seinem Buch Hitler, König Carol und Marschall Antonescu, Wiesbaden 1954 zusammengetragen. Auch bei Walter Hagen und in Ion Gheorghes Buch Rumäniens Weg zum Satelliten-Staat, Heidelberg 1952 sind etliche Details nachzulesen. Ion Gheorghe war im fraglichen Zeitraum rumänischer Gesandter in Berlin.

Seit der Katastrophe von Stalingrad, die auch die rumänische Armee empfindlich getroffen hatte, war für jedermann in Rumänien klar geworden, dass der Krieg nicht mehr zu gewinnen war, und man Wege finden müsse, sich aus dem Krieg herauszulösen. Darin waren sich alle einig: der Hof, die Opposition und die Regierung. Weiterhin war man sich einig, dass dies nur im Zusammenspiel mit den Westalliierten geschehen solle, da man eine Invasion durch die Sowjetunion und eine damit verbundene Bolschewisierung des Landes auf jeden Fall vermeiden wollte. Für Antonescu gab es noch eine weitere rote Linie, die er nicht überschreiten wollte, nämlich niemals rumänische Waffen gegen den aktuellen Bündnispartner Deutschland zu richten. Das verbiete ihm seine soldatische Ehre, ließ er wiederholt wissen.

Ab diesem Zeitpunkt ließ Marschall Antonescu seinem Aussenminister Mihai Antonescu freie Hand, nach Verhandlungswegen mit den westlichen Alliierten zu suchen und zu sondieren, wie sich Rumänien aus dem Krieg herauslösen könnte. Kontakte zur Sowjetunion lehnte der Marschall damals noch strikt ab. Als erstes trat der Aussenminister im Januar 1943 in Kontakt zum italienischen Gesandten Renato Bova-Scoppa und unterbreitete ihm den Vorschlag, gemeinsam mit Italien zu den Alliierten Kontakt aufzunehmen, um Europa vor der Bolschewisierung zu verteidigen. Mussolini lehnte aber derartige Gedanken kategorisch ab. Darauf wandte sich Antonescu im Februar über den rumänischen Gesandten in der Schweiz, Nicolae Lahovary, an den Apostolischen Nuntius in Bern, Filippo Bernardini, mit der Bitte um Vermittlung. Auch eine türkische Vermittlung über den mit ihm befreundeten türkischen Gesandten in Bukarest, Suphi Tanriöer, fasste er ins Auge. Auch zu dem portugiesischen Ministerpräsidenten Salazar wurden im April Kontakte angeknüpft. Gemäß den Aufzeichnungen des Sekretärs des Staatsführers, Gheorghe Barbul, hatte Mihai Antonescu dem deutschen Gesandten Manfred von Killinger ein von diesem gebilligtes Memorandum an den Reichsaußenminister von Ribbentrop übergeben. Beim kurz danach stattgefundenen Treffen zwischen Hitler und Marschall Antonescu im Schloß Kleßheim bei Salzburg kam es darüber zum Eklat. Hitler forderte kategorisch die Abberufung Mihai Antonescus und der in diese Gespräche verwickelten Gesandten in Bern, Lissabon und Madrid wegen Verrats. Der Marschall blieb jedoch standhaft und ließ Mihai Antonescu weiter gewähren. Dieser ließ über Bova-Scoppa am 17. Mai an den Staatssekretär im Auswärtigen Amt, Guiseppe Bastianini, ein Angebot übermitteln, in dem er Italien die Bildung einer „Mittelmeer-Entente“ unter Einschluss Rumäniens vorschlug. Am 01. Juli reiste Mihai Antonescu selbst nach Rom und wurde dort von Mussolini empfangen. Der Duce erklärte ihm, er stimme zwar prinzipiell mit seinen Ansichten überein, glaube jedoch, noch zwei Monate warten zu sollen, bis eine günstigere militärische Lage einen besseren Ausgangspunkt für die geplanten Friedensfühler geschaffen habe. Der Sturz Mussolinis am 25 Juli machte jedoch alle Bemühungen Antonescus in dieser Richtung zunichte. Insgesamt hatten sich die Chancen Rumäniens für Gespräche mit den westlichen Alliierten in dieser Phase erheblich verschlechtert. Durch die Ereignisse in Italien war der Gedanke einer gemeinsamen Politik aller kleinen Verbündeten unter Führung Italiens von der Entwicklung überholt. Die politische Zielsetzung mußte daher aufgrund der veränderten Lage überprüft werden. Diese Überprüfung führte zum Entschluss, den ehemaligen Generalsekretär im Auswärtigen Amt, Alexandru Cretzianu zum Gesandten in Ankara zu ernennen mit dem Auftrag, in Gesprächen mit Vertretern der Westalliierten in der Türkei doch noch das zu erreichen, was auf dem Wege über Italien nicht gelungen war. Dabei verschob sich das ursprüngliche Anliegen einer politischen Beeinflussung der Westmächte im antisowjetischen Sinne immer mehr zu einem Versuch, Rumänien ganz aus dem Krieg herauszuführen und ihm dabei wenigstens mit Hilfe der westlichen Alliierten das Schicksal einer Besetzung durch die „Rote Armee“ zu ersparen. Wie weit dabei im einzelnen Marschall Antonescu, Mihai Antonescu oder Cretzianu und die hinter ihm stehende rumänische Oppositionsgruppe um Iuliu Maniu und Dinu Bratianu oder auch die Kreise um den König die Akzente setzten, ist schwer zu entscheiden. Es scheint eine weitgehende Meinungsübereinstimmung gegeben zu haben. Die erste Nachricht, die Cretzianu auf seine Sondierungen in der türkischen Hauptstadt erhielt, war eine Botschaft der britischen Regierung Anfang November 1943. Kurz vorher, vom 18. bis 30. Oktober, hatte in Moskau eine Konferenz der Außenminister Großbritanniens, der Vereinigten Staaten und der Sowjetunion stattgefunden, bei der ein Informationsaustausch über alle Friedensfühler der mit Deutschland verbündeten Länder zwischen den drei alliierten Großmächten vereinbart worden war. Dementsprechend lautete die Botschaft: Großbritannien könne Angebote der rumänischen Regierung oder einzelner rumänischer Persönlichkeiten nur dann in Erwägung ziehen, wenn sie sich auch gleichzeitig an die Vereinigten Staaten und die Sowjetunion richteten. Solche Angebote sollten zudem die bedingungslose Übergabe an die drei Hauptalliierten enthalten. Damit riß der Gesprächsfaden zunächst ab. Gleichzeitig mit der Entsendung Cretzianus nach Ankara fand auch ein Wechsel auf dem Posten des Gesandten in Stockholm statt. Der neue Gesandte Frederic Nanu erhielt den allgemeinen Auftrag, jede günstige Gelegenheit zu nutzen, um die Reaktion der alliierten Vertreter in der schwedischen Hauptstadt auf eventuelle Friedensfühler der rumänischen Regierung festzustellen. Antonescus Kabinettschef, Gheorghe Barbul, teilte zu diesem Sachverhalt in seinen Aufzeichnungen eine interessante Einzelheit mit: Dem rumänischen Gesandten Frederic Nanu war signalisiert worden, dass die Gesandtin Alexandra Kollontai, übrigens eine ehemalige enge Weggefährtin des Staatsgründers Lenin, bereit sei, ihn zu Gesprächen zu empfangen. Bedingung der Gespräche sollte aber sein, dass Nanu bezüglich dieser Kontaktaufnahme absolutes Stillschweigen bewahren müsse, sowohl den Westalliierten gegenüber als auch dem eigenen Botschaftspersonal gegenüber. Anscheinend wollte die Sowjetunion anders als ihre Verbündeten geheim im Trüben fischen. Gespräche fanden dann tatsächlich statt und Nanu teilte Anfang Februar 1944 mit, die Sowjetregierung habe versprochen, die Souveränität und Unabhängigkeit Rumäniens zu respektieren und Siebenbürgen bei einem Krieg zu retten. Antonescu ging aber nicht weiter darauf ein, denn zu dem damaligen Zeitpunkt zog er es noch vor, mit dem Westen zu verhandeln. Nanu erhielt allerdings auch die Anweisung, die Beziehungen zur sowjetischen Gesandtschaft nicht ganz abreißen zu lassen.

Die Mission des Prinzen Stirbey in Kairo

In der Zwischenzeit waren die Bemühungen der rumänischen Regierung, um jeden Preis mit den Westmächten in Fühlung zu bleiben in ein neues Stadium getreten. Am 31. Januar 1944 hatte Marschall Antonescu den rumänischen Militärattaché in einem neutralen Land angewiesen, dem dortigen amerikanischen Militärattaché mitzuteilen, dass die Zusammenarbeit Rumäniens mit den Alliierten von politischen Garantien abhinge. Rumänien dürfe nicht aufgefordert werden, dem Beispiel Italiens zu folgen, denn dies würde nur eine Besetzung durch deutsche Truppen nach sich ziehen, die bald von sowjetischen abgelöst würden. Die neu geschöpfte Hoffnung stützte sich auf die Ende Dezember herbeigeführte Einigung mit der Oppositionsgruppe Maniu-Bratianu über den politischenWeg, der eingeschlagen werden müsse, um eine Katastrophe für Rumänien zu vermeiden. Im Verlauf der Besprechungen zwischen Regierung und Opposition bat Marschall Antonescu den Führer der Nationalen Bauernpartei, Iuliu Maniu, seinerseits zu versuchen, von den Alliierten annehmbare Garantien für die Freiheit und Sicherheit Rumäniens zu erhalten. Er habe nicht die Absicht, sich an die Macht zu klammern, wenn er dem Wohl Rumäniens im Wege stehe, sondern sei bereit zurückzutreten, falls Maniu Erfolg habe.

So einigte man sich, den polyglotten ehemaligen Ministerpräsidenten Prinz Barbu Stirbey, der über ausgezeichnete Verbindungen in Großbritannien verfügte, zu Geheimbesprechungen nach London zu schicken. Am 1. Februar wurde jedoch dem Gesandten in Ankara von britischer Seite mitgeteilt, dass die Gespräche mit den Vertretern der drei Hauptalliierten in Kairo stattfinden würden. Trotz dieser bedeutsamen Änderung verließ Stirbey am 1. März im Auftrag von Maniu und Bratianu und mit Zustimmung des Marschalls Rumänien und bergab sich auf dem Weg über die Türkei nach Kairo, wo am 17. März die geheimen Gespräche mit den Vertretern der Alliierten, Lord Moyne (Großbritannien), MacVeagh (Vereinigte Staaten) und Nowikow (Sowjetunion), eröffnet wurden. Stirbey begann die Verhandlungen mit der Feststellung, dass die rumänische Opposition an die Bemühungen der Regierung, Rumänien aus dem Krieg herauszuführen, anknüpfe. Die Opposition sei entschlossen, notfalls selbst die Verantwortung zu übernehmen, um auf jeden Fall die Zusammenarbeit mit den Alliierten zu sichern, wenn Marschall Antonescu etwa zögern sollte. Doch verlange die rumänische Opposition von den Alliierten eine Garantie für die Freiheit der rumänischen Nation, die Unabhängigkeit des rumänischen Staates und die Anerkennung von Rumäniens Ansprüchen auf Siebenbürgen. Das schon länger für den gleichen Zeitraum geplante Treffen zwischen Antonescu und Hitler im Schloß Kleßheim bei Salzburg verärgerte die Alliierten sehr und der alliierte Oberbefehlshaber im Mittelmeerraum, General Wilson, stellte in einem Telegramm an die rumänische Regierung die Forderungen, Rumänien solle sofort den drei Großmächten übergeben und den rumänischenTruppen die Einstellung des Kampfes gegen die sowjetischen Truppen befohlen werden. Die Art der Friedensbedingungen für Rumänien werde weitgehend von dem Maße seines Beitrags zur Niederwerfung Deutschland abhängen. In einer zweiten Botschaft vom 29. März forderte Wilson Antonescu auf, sofort mit dem sowjetischen Oberkommando Verbindung aufzunehmen, um den gemeinsamen Einsatz der sowjetischen und rumänischen Truppen gegen die deutsche Wehrmacht zu vereinbaren. Als Antonescu darauf nicht reagierte, forderte Wilson am 2. April den Oppositionsführer Maniu auf, Antonescu zu stürzen, weil dieser es ablehne, mit Deutschland zu brechen. Maniu zögerte aber aus den gleichen Gründen wie der Marschall, enthielten doch alle Vorschläge nur Forderungen, aber keine Garantien. Damit blieb die Situation in Rumänien in der Schwebe. Immerhin kam Bewegung in die Angelegenheit, als der sowjetische Botschafter in Kairo, Nowikow, am 2. April den Fürsten Stirbey wissen ließ, solange rumänische Truppen mit deutschen Verbänden vermischt an der Front eingesetzt würden, sei ein Waffenstillstand ausgeschlossen. Am 12. April übergab dann Nowikow schließlich an Stirbey die „Minimalbedingungen“ für einen Waffenstillstand mit Rumänien:

  1. Bruch mit Deutschland und gemeinsamer Kampf gegen die deutsche Wehrmacht;
  2. Anerkennung der sowjetisch-rumänischen Grenze vom 22. Juni 1941(also nach Abtrtung der Nordbukowina und Bessarabiens an die Sowjetunion);
  3. Zahlung von Reparationen;
  4. Entlassung aller alliierten Kriegsgefangenen;
  5. Bewegungsfreiheit für die Rote Armee auf rumänischem Territorium;
  6. Einverständnis der Sowjetregierung sowie der Westalliierten damit, daß der Wiener Schiedssprung annulliert wird, und Bereitschaft der Sowjetunion, Rumänien bei der Wiedergewinnung Nordsiebenbürgens zu unterstützen.

Während die Regierung Antonescu nach einigem Zögern am 15. Mai die Vorschläge offiziell ablehnte, antwortete Maniu am 19. April mit Gegenvorschlägen, um doch noch zu seinem Ziel zu gelangen. Er schlug vor, einen Waffenstillstand abzuschließen, von dem er die deutsche Regierung informieren wolle. Bei Einsetzen deutscher militärische Gegenmaßnahmen solle eine rumänische Kriegserklärung an Deutschland abgegeben werden. Da die rumänischen Truppen allein in der Lage seien, einer deutschen Aktion zu begegnen, sollten nur auf ausdrückliche Forderung der rumänischen Regierung fremde Truppen ins Land kommen. Gleichzeitig erbat er vom alliierten Oberkommando Mittelosten die Entsendung von zwei Luftlandedivisionen. Die Alliierten ließen sich auf Manius Vorschläge überhaupt nicht ein und forderten am 21. April eine klare Annahme oder Ablehnung des vorgesehenen Sechspunkteprogramms. Noch ehe diese Nachricht in Bukarest eintraf, hatte Maniu am 20. April Stirbey mitgeteilt, er nehme die alliierten Vorschläge als Gesprächsbasis an und werde ihm zu seiner Unterstützung einen weiteren Emissär entsenden. Die Wahl fiel auf seinen engen Vertrauensmann Constantin Visoianu. Damit hatten sich die Wege Marschalls Antonescu und Manius getrennt. Während die Regierung die Hoffnung auf einen erfolgreichen Ausgang der Verhandlungen in Kairo aufgab, glaubte Maniu immer noch, durch die dortigen Verhandlungen wenigstens eine einseitige Kapitulation vor der Sowjetunion vermeiden zu können. Eine dadurch erhoffte dramatische Wendung blieb aus. Visoianu war am 26. Mai in Kairo eingetroffen und hatte am folgenden Tag einen Bericht über die Lage in Rumänien gegeben. Daraus ging hervor, dass Maniu bereits eine von den Alliierten erwartete Koalition der „demokratischen“ Parteien (Nationale Bauernpartei, Nationalliberale Partei, Kommunistische Partei und Sozialdemokratische Partei) angeregt hatte. Wenn auch diese Erklärung Visoianus von den Vertretern der Alliierten begrüßt wurde, so lehnte der Delegierte der Sowjetunion m 1. Juni doch jede Diskussion über das Sechspunkteprogramm, wie sie Maniu vorgeschlagen hatte, ab. Daraufhin sah sich Maniu am 10. Juni gezwungen, dem Abschluss des Waffenstillstandes auf der festgelegten Basis endgültig und ohne weitere Verhandlungen zuzustimmen. Am 20. Juni sandte er einen Sonderkurier nach Kairo, der den Alliierten den Plan der Führer der Oppositionsparteien mitteilen sollte. Danach war beabsichtigt, Antonescu zu stürzen und selbst eine Regierung zu bilden, um den sofortigen Abschluss eines Waffenstillstandes zu proklamieren. Zum Gelingen der Operation sei es aber notwendig, dass drei alliierte Luftbrigaden in Rumänien abgesetzt würden. Außerdem bat Maniu, den Schwerpunkt der Luftangriffe auf Ungarn und Bulgarien zu legen, um den Antransport neuer deutscher Truppen nach Rumänien zu verhindern. Auf diese Initiative ist trotz wiederholter Anmahnung durch Maniu nie eine Antwort erfolgt, da längst in direkten Verhandlungen zwischen der Sowjetunion, Großbritannien und denVereinigten Staaten das zukünftige Schicksal Rumäniens entschieden worden war, ohne dass die rumänische Regierung oder die Opposition und ihre Emissäre in Kairo irgendeine Mitteilung darüber erhalten hatten. Durch die am 6. Juni beginnende Invasion in der Normandie hatte sich die strategische Lage in Europa völlig verändert und Rumänien war endgültig zur ausschliesslichen Interessensphäre der Sowjetunion geworden.

Verhandlungen in Stockholm

Die Regierung Antonescu hatte die starren Bedingungen der drei alliierten Vertreter in Kairo vor allem deswegen schließlich abgelehnt, weil sie in den Geheimverhandlungen in Stockholm eine unvergleichbar größer Chance erblickte. Diese hatten auf sowjetische Initiative hin am 11. April wieder begonnen. Hierbei zeigten die sowjetischen Unterhändler, die nicht an die Kompromissformeln mit den Westalliierten gebunden waren, eine viel geschmeidigere Haltung. In dem Gespräch mit dem Gesandten Frederic Nanu am 11. April verlas der stellvertretende sowjetische Gesandte Semjonow eine Botschaft seiner Regierung, in der es hieß, dass die Sowjetregierung es vorziehen würde, mit der gegenwärtigen Regierung zu verhandeln, und sie sei vorbereitet, ihr bei der Vertreibung der deutschenTruppen zu helfen. Sollte sich jedoch Antonescu nicht zum Widerstand gegen Deutschland entschließen, werde sich die Sowjetregierung an die Oppositionsgruppe Maniu-Bratianu wenden. Obwohl sich in der folgenden Unterredung zwischen Nanu und der sowjetischen Gesandtin Alexandra Kollontai im Grand Hotel Saltsjöbaden bei Stockholm keine neuen Gesichtspunkte ergaben, steigerte dieses Gespräch die Hoffnung auf rumänischer Seite, in Stockholm voran zu kommen. Als jedoch die am 13. April von Semjonow überreichten Waffenstillstandsbedingungen lediglich die sechs Punkte, die man am Tage zuvor schon Stirbey eröffnet hatte, enthielten, trat wieder eine Pause in den Stockholmer Gesprächen ein. Nachdem Nanu am 22. Mai einen Wink erhalten hatte, entschloß er sich aufgrund einer allgemeinen Weisung Mihai Antonescus am 29. Mai zu einem Memorandum an die Sowjetregierung. Darin hieß es:

Der Frontwechsel Rumäniens müsse ohne Bürgerkrieg erfolgen. Daher bestehe die rumänische Regierung auf folgenden Zusatzbestimmungen zum sowjetischen Waffenstillstandsangebot:

  1. Den deutschen Truppen müsse eine Frist von 15 Tagen zum freien Abzug aus Rumänien gewährt werden. Halte die deutsche Führung diese Frist nicht ein, werde Rumänien der Roten Armee bei der Vertreibung der deutschen Truppen Unterstützung gewähren.
  2. Da die zivile Macht in Rumänien in den Händen der eigenen Regierung bleiben müsse, dürfe ein gewisses Gebiet als Sitz der rumänischen Regierung von Verbänden der Roten Armee nicht betreten werden.
  3. Das Schicksal der Nordbukowina und Bessarabiens könne erst bei Abschluss eines Friedensvertrages entschieden werden.
  4. Die Frage der Reparationen bedürfe einer eingehenden Prüfung.

Die sowjetische Antwortnote vom 31. Mai zeigte sich durchaus kompromissbereit. Zwar könnten die Punkte 1, 2 und 5 der Waffenstillstandsbedingungen nicht geändert werden, doch sei die Sowjetregierung zu einer Reduzierung der Reparationszahlungen bereit. Auch hinsichtlich der rumänischen Verwaltung werde man sich einigen können. Noch weiter ging eine neue sowjetische Note vom 2. Juni, in der es hieß: Wenn der von der Sowjetregierung nicht erwartete Fall eintreten sollte, dass die deutschen Truppen Rumänien binnen 15 Tagen räumten, hätte die Sowjetregierung nichts dagegen, wenn Rumänien neutral bliebe. Um die Verhandlungen zum Abschluss zu bringen, bitte sie um eine sofortige Entsendung einer rumänischen Delegation in die UdSSR. Als aber die Geheimgespräche in Stockholm so weit fortgeschritten waren, dass es nur noch auf eine letzte Entscheidung des Staatsführers ankam, zögerte der Marschall erneut. Er neigte nämlich aus seiner ganzen Grundeinstellung heraus zu einer Westlösung. Deshalb fürchtete er, ein übereiltes Festlegen auf die sowjetische Linie, könne andere, auch jetzt noch vorhandene Möglichkeiten ausschließen. In diesem Sinne gab er Nanu die Anweisung, auf Zeitgewinn zu arbeiten. Am 22. Juni mußte Nanu dem sowjetischen Geschäftsträger auf Anfrage mitteilen, er habe noch keine Nachricht aus Bukarest erhalten. Auf eine erneute Weisung Mihai Anonesus vom 5. August, bei sowjetischem Drängen eine hinhaltende Taktik zu verfolgen, entschloss sich Nanu zu einem Privatbrief an Mihai Antonescu, in dem er mit Nachdruck betonte, es sei aussichtslos, auf Hilfe von den Westmächten zu hoffen. Daher müsse man jetzt handeln, sonst sei alles verloren. Er sollte recht behalten.

Weitere Maßnahmen

Am königlichen Hof plante man parallel zu den diversen Sondierungen und Gesprächen, sich des unbequem gewordenen Antonescu durch einen Putsch an der Front zu entledigen. Man dachte sich das so, dass die rumänischen Frontgenerale eine Gegenregierung einsetzen und dieser Truppen zur Verfügung stellen sollten. Zugleich dachte man daran, einen Aufstand im Norden hervorzurufen und hoffte durch einen „Marsch nach Bukarest“, die Hauptstadt und das ganze Land rasch in die Hand zu bekommen. Der Chef der königlichen Militärkanzlei, General Constantin Sanatescu, reiste im Mai 1944 an die Ostfront, um die Frontkommandeure für diesen Plan zu gewinnen. Diese lehnten aber allesamt kategorisch ab. Auch die Opposition versuchte einmal auf eigene Faust entscheidend tätig zu werden, indem sie den General Aurel Aldea beauftragte, unmittelbare Verhandlungen mit der „Roten Armee“ aufzunehmen, und ermächtigte ihn, im Namen des rumänischen Volkes den Waffenstillstand abzuschließen. Eine diesbezügliche Urkunde wurde am 17. August 1944 von den vier Parteivorsitzenden des Im Juni 1944 gebildeten National-Demokratischen Blocks unterzeichnet. Auch Prinz Stirbey in Kairo und Alexandra Kollontai in Stockholm wurden davon in Kenntnis gesetzt. Aber die Russen kümmerten sich nicht um den rumänischen Unterhändler. Sie dachten zu dem Zeitpunkt nicht daran, ihre militärischen Operationen wegen des rumänischen Waffenstillstandsangebotes abzuändern.

Am Abend des 22. August 1944 aber teilte Marschall Ion Antonescu dem deutschen Minister Carl Clodius mit, dass er angesichts der kritischen Situation an der Front eine letzte große Anstrengung unternehmen werde, um die Russen aufzuhalten, und dass er sich im Falle eines Scheiterns das Recht vorbehalten würde, zu handeln, wie er es für richtig hielte. Nach dem Treffen mit Clodius schickte Mihai Antonescu einen Kurier nach Stockholm und wies Nanu an, Alexandra Kollontai die Bereitschaft der rumänischen Regierung mitzuteilen, einen Waffenstillstand abzuschließen. Der Kurier, ein gewisser Djuvara Neagu, Geheimdienstmann und „Mädchen für alles“, kam am 24. August, also einen Tag nach dem Putsch, an seinem Ziel an. Nanu wurde in der durch die Verspätung obsolet gewordenen Weisung aufgefordert, sich nur an Alexandra Kollontai zu wenden und sie zu fragen, ob die von den Russen versprochenen älteren Bedingungen noch gültig waren oder neu verhandelt werden müssten. Nanu wurde auch aufgefordert, er solle den Briten und Amerikanern nichts von diesen Gesprächen mit den Sowjets erzählen. Offensichtlich war das Vertrauen der Antonescus in die Westalliierten endgültig verloren gegangen, und er hoffte nun, sich mit diesem verzweifelten Schritt irgendwie mit den Sowjets einigen zu können. Die Ereignisse haben ihn jedoch überrollt.

Der Coup

Während die Regierung auf Verhandlungserfolge in Stockholm und die Opposition immer noch auf solche in Kairo hofften, ergriffen der König und seine Berater die Initiative. Sie waren zur Überzeugung gelangt, dass Fortschritte in Richtung eines Waffenstillstandes nur ohne Antonescu möglich seien und planten seinen Sturz. Dieser sollte am 26. August stattfinden. Durch Zufall erfuhr jedoch der König am 22. August, dass der Marschall für den 24. August einen mehrtägigen Frontbesuch plante. Daher wurde in aller Hast umdisponiert und der Sturz des Staatsführers auf den 23. August vorverlegt. Der König verließ seinen ständigen Wohnsitz, das Schloß Peles in Sinaia, und begab sich heimlich nach Bukarest. Nach außen ließ er verkünden, er sei unterwegs zu einer Entenjagd. Offiziell zitierte er den Marschall für den 23. August zu einer Audienz. Sicherheitshalber veranlasste er Iuliu Maniu und dessen Stellvertreter Ion Mihalache, den Marschall zu bewegen, auch selbst um eine Audienz anzusuchen. Dass der Marschall dabei verhaftet werden sollte, konnte sich Maniu nicht vorstellen. Er ging lediglich von einer Entmachtung aus. Es kam jedoch anders. Es fand eine spektakuläre Verhaftung statt. Dies war auch der Grund warum Maniu lange zögerte, am Abend des 23. August in die neu gebildete Regierung Sanatescu einzutreten. Ein weiterer Grund war die Tatsache, dass die Sowjetunion keine Anstalten machte, sich auf einen irgendwie gearteten Waffenstillstand einzulassen, sondern energisch weiter in rumänisches Territorium eindrang. Es war also genau das eingetreten, was bisher alle drei handelnden Parteiungen, die Regierung, die Opposition (mit Ausnahme der Kommunisten) und der Hof hatten vermeiden wollen, nämlich dass sowjetische Truppen das Land okkupierten. So bestand das Dilemma darin, dass Rumänien den Frontwechsel vollzogen und die Abwehr der „Roten Armee“ eingestellt hatte, ohne sich durch einen Waffenstillstand, den die Sowjets bewußt verschleppten, abgesichert zu haben. Somit behandelte die „Rote Armee“ die Rumänen weiterhin als Kriegsgegner, nahm rumänische Soldaten gefangen und verschleppte sie in die Sowjetunion (es sollen 130.000 Mann gewesen sein. Insgesamt befanden sich nun 277.00 rumänische Soldaten in sowjetischer Kriegsgefangenschaft. Auch Waffen und militärisches Gerät wurde erbeutet. Noch standen aber auch deutsche Truppen im Lande und die Regierung mußte handeln. Noch am Abend des 23. August wurde der Gesandtschaftsrat Dr. Stelzer als deutscher Geschäftsträger in das königliche Schloß berufen, wo ihm der neue Außenminister Niculescu-Buzesti offiziell den Abbruch der Beziehungen Rumäniens zu den Achsenmächten mitteilte. Den deutschen Truppen bot der Minister freien Abzug an, unter der Voraussetzung, dass sie, sich jeder Feindseligkeit enthielten. Letzteres stand allerdings im Gegensatz zum Entwurf des geplanten Waffenstillstandes. In der Zwischenzeit begaben sich nach und nach alle wesentlichen deutschen Persönlichkeiten in die deutsche Gesandtschaft, die anschließend von rumänischen Sicherheitskräften abgeriegelt wurde. Dennoch gelang es dem Chef der Luftwaffenmission, General Gerstenberg, das Gebäude zu verlassen. Sofort leitete er militärische Gegenmaßnahmen ein, nachdem inzwischen auch der Befehl Hitlers zur Niederschlagung des Putsches eingetroffen war. Diese Maßnahmen erwiesen sich als großer Fehler und waren schon wegen der Schwäche der deutschen Truppen bar jeder Erfolgsaussichten. Mit den von ihm befohlenen Stuka-Angriffen auf Bukarest in der Nacht vom 23. auf den 24. August zerstörte er darüber hinaus auch die berechtigte Hoffnung, dass ein nicht unerheblicher Teil der rumänischen Armee sich weigern könnte, gegen den bisherigen Bündnispartner vorzugehen. Die Kriegsereignisse führten jedoch dazu, dass Rumänien am 25. August Deutschland den Krieg erklärte und die rumänischen Truppen nun Seite an Seite mit der „Roten Armee“ gegen die deutsche Wehrmacht kämpfte. Besonders tragisch war dieser Umstand für die Siebenbürger Sachsen und Banater Schwaben, durch die Tatsache, dass ein erheblicher Teil von ihnen in die Einheiten der Waffen-SS eingegliedert worden war, während der andere Teil auf rumänischer Seite unter Waffen stand. Es war auch diesbezüglich genau das eingetreten, was Antonescu, aber auch die demokratische Opposition auf jeden Fall hatten vermeiden wollen. Die Kämpfe zogen sich nun in großer Schnelligkeit hin. Am 30. August wurde das Erdölgebiet um Ploesti nach großen Verlusten geräumt. Am 31. August zog die „Rote Armee“ in Bukarest ein. Der Gesandte Manfred von Killinger entzog sich der Gefangennahme durch die Sowjets und erschoss sich und seine Sekretärin Petersen. Das übrige Personal wurde in die Sowjetunion abtransportiert, wo sich seine Spur verläuft. Der Wirtschaftsgesandte Carl August Clodius soll später als Wirtschaftsfachmann im Dienste der Sowjetunion gestanden haben. Ein skurriles propagandistisches Detail war das Herausstreichen der Division „Tudor Vladimirescu“, die mit den sowjetischen Truppen mitmarschiert war. Es handelte sich um eine von Ana Pauker in der Sowjetunion aufgestellten „Freiwilligen-Truppe“, die aus Kriegsgefangenen und Überläufern bestand. Aus propagandistischen Gründen kam sie auch später immer wieder zum Einsatz. Der national und international hochrenommierte Schriftsteller Mihail Sadoveanu (1880 – 1961) hat dieser Truppe mit seinem opportunistischen Roman Mitrea Cocor ein fragwürdiges literarisches Denkmal gesetzt, wodurch er sich eine glänzende Karriere im kommunistischen Regime sicherte, aber seine hohe moralische Reputation vollends einbüßte.

Nachdem die Sowjetunion das ganze Land besetzt hielt, bequemte sie sich endlich dazu, den Waffenstillstand abzuschließen. Dieser Akt fand am 12. September 1944 in Moskau statt. Seitens der Sowjetunion unterschrieb ihn Marschall Malinkow, für die rumänische Seite wurden eingeladen: General G. Popp für die nationale Bauernpartei, L. Patrascanu für die Kommunisten, S. Voitec für die Sozialdemokraten und G. Fotino für die Nationalliberalen. Hinzu kamen noch die Unterhändler in Kairo, Prinz Barbu Stirbey und C. Visoianu. Mit dieser Unterschrift setzte die sowjetische Dominanz über das Land ein. Die Westalliierten hatten zudem inzwischen auf einen größeren Einfluss in Südosteuropa verzichtet und das Geschehen dort der Sowjetunion überlassen. Im Gegenzug hatten sie sich die Dominanz in Griechenland und im Mittelmeerraum gesichert. Der Sowjetisierung in Rumänien stand international also nichts mehr im Wege.

Die Sowjetisierung

Aufschlussreich für diesen Komplex sind die Ausführungen von Ekkehard Völkl in seinem Buch Rumänien Vom 19. Jahrhundert bis in die Gegenwart, Regensburg 1995.

Die Machtübernahme durch die Kommunisten verlief in allen Staaten Ostmittel- und Südosteuropas nach einem ähnlichen Drehbuch ab. Die sowjetischen Kommandanturen gaben den einheimischen Kommunisten Hilfestellung und behinderten die anderen Parteien. Kommunisten und ihnen willfährige Mittelsmänner wurden Staatssekretäre, Minister oder gar Ministerpräsidenten. Dann traten die Kommunistischen Parteien im Bündnis mit anderen Parteien zu Wahlen an, hielten sich aber geschickt im Hintergrund. Manipulationen und offener Druck verhalfen zu einem Wahlerfolg, wobei nach außen hin großer Wert auf die Aufrechterhaltung von Koalitionen gelegt wurde. Die anderen Parteien wurden in einer Atmosphäre von Terror und Einschüchterung „gleichgeschaltet“ oder dezimiert und ganz verboten. Es entstand schließlich eine Einparteienherrschaft totalitärer Prägung. Der „Sowjetisierung“ stand nichts mehr im Wege. Auch in Rumänien verlief die „Sowjetisierung“ nach diesem Strickmuster. Mit der hauptsächlich aus parteilosen Fachleuten bestehenden Regierung Sanatescu, die der König am späten Abend des 23. August 1944 eingesetzt hatte, übernahmen zunächst nach einigem Zögern von allem durch Iuliu Maniu von der nationalen Bauernpartei auch die vier Parteien Verantwortung, die sich im Juni 1944 zum „Nationaldemokratischen Block“ zusammengefunden hatten Es waren die Nationale Bauernpartei, die Nationalliberale Partei, die Sozialdemokratische Partei und die Kommunistische Partei (Letztere war auf ausdrückliche Forderung der Alliierten in den Block aufgenommen worden). Ihre Vorsitzenden traten als Minister ohne Geschäftsbereich in die Regierung ein. Mit Blick auf die Sowjetunion wurden nun die beiden linken Parteien sehr wichtig, vor allem die Kommunisten. Bisher hatten sie in Rumänien nur geringe Bedeutung gehabt und sie war nie in einer Regierung vertreten gewesen. Die Partei, seit ihrem Verbot (1924) im Untergrund stehend, dürfte 1944 über kaum mehr als tausend Mitglieder verfügt haben. Die meisten ihrer Führungspersonen befanden sich in Haft, darunter der spätere Parteichef Gheorghe Gheorghiu-Dej. Andere lebten im Exil in der Sowjetunion. Mit dem Sturz Antonescus kamen die Inhaftierten frei, und die „Moskauer“ kehrten zurück. Unter ihnen gaben Vasile Luca und Ana Pauker (geb. Hannah Rabinsohn) den Ton an. Deren Mann, Marcel Pauker, hatten die sowjetischen Behörden als „Trotzkisten“ erschießen lassen. Dennoch stellte sie sich bedingungslos in den Dienst Stalins, der sie 1943 mit der Aufstellung der Division „Tudor Vladimirescu“, der besagten „Freiwilligentruppe“, bestehend aus rumänischen Kriegsgefangenen, betraut hatte. Nach dem Sturz Antonescus baute die Kommunistische Partei ihre Organisation aus und warb erfolgreich um Mitglieder. Wer immer sich der Partei, dem Jugendverband und anderen Organisationen im politischen Umfeld anschloss, war willkommen. Sogar Angehörige der „Eisernen Garde“, die sich auf diese Weise einer Verfolgung entzogen, fanden Aufnahme. Im Oktober beendete die Kommunistische Parte das Aktionsbündnis mit der Bauernpartei und der Nationalliberalen Partei und formte ein engeres, linksgerichtetes, Bündnis, die „National-Demokratische Front (Frontul National-Democrat)“. Ihm gehörten neben den Kommunisten die Sozialdemokraten, eine Splitterpartei, „Frontul Plugarilor (Front der Pflüger)“, unter dem späteren Miniastpräsidenten Petru Groza, sowie zwei Gruppierungen, die sich von der Nationalen Bauernpartei und der Nationalliberalen Partei aus opportunistischen Gründen abgespalten hatten, aber weiter unter diesen Namen auftraten, was für erhebliche Verwirrung sorgte. Die „Front“ schaffte es bald durch ständige Demonstrationen und eine aggressive Agitation gegen die „Faschisten“, wie die bürgerlichen Parteien nun genannt wurden, das politische Leben lahm zu legen. Eine Großdemonstration der Nationalen Bauernpartei am 13. Oktober 1944 wurde sowjetischerseits massiv als pro-faschistisch diffamiert und die Bestrafung der Initiatoren gefordert. Der sowjetische Vertreter in der Alliierten Kontrollkommission und die „National-Demokratische Front“ erzwangen den Rücktritt der Regierung Sanatescu. Der König beauftragte ihn zwar erneut mit der Regierungsbildung, aber dieses mal musste der Vorsitzende der Kommunistischen Partei, Gheorghe Gheorghiu-Dej in das Kabinett aufgenommen werden. Sanatescu hielt dem dauernden Druck nicht mehr stand und trat im Dezember endgültig zurück. Sein Nachfolger, General Radescu, galt von vorneherein als Übergangslösung. Die entscheidende Initiative zur endgültigen Umwandlung Rumäniens in einen kommunistischen Staat ergriff der hemdsärmlige und skrupellose stellvertretende sowjetische Außenminister, Andrei Januarjewitsch Wyschinski, der sich wiederholt in Bukarest aufhielt, um „nach dem Rechten zu sehen“. Er war übrigens der Chefankläger bei den vielen Schauprozessen in der Sowjetunion Ende der 30er Jahre gewesen. Anlass zum „großen Reinemachen“ bot ihm der blutige Ausgang einer von der National-Demokratischen Front organisierte Massendemonstration unter der Parole „NDF an die Macht“. Die entscheidenden Schüsse waren bewusst von einem agent provocateur abgegeben worden. Jetzt hatte er die gewünschte Handhabe. Schroff forderte er den König auf, Petru Groza zum Ministerpräsidenten zu ernennen. Als Michael zögerte, kam es zu lautstarken Auseinandersetzungen. Schließlich lenkte Michael ein und ernannte den Vorsitzenden der Front der Pflüger, Petru Groza, am 6. März 1945 zum neuen Ministerpräsidenten. Radescu floh über Zypern nach Amerika. Von 18 Kabinettssitzen wurden 14 mit Vertretern der NDF besetzt. Die Westalliierten erkannten allerdings die neue Regierung erst an, als sie aus Moskau die Zusage freier Wahlen und die Aufnahme von Vertretern der nationalen Bauernpartei und der Nationalliberalen Partei erhielten. Die Anerkennung erfolgte im Februar 1946. In der Zwischenzeit waren von 58 Präfekturen 56 an Kommunisten gefallen, das heißt, die gesamte Verwaltung war bereits gleichgeschaltet. Als erste größere Maßnahme hatte die Regierung Groza 1945 ein Gesetz zur Agrarreform erlassen, nach den Reformen unter Cuza und denjenigen von 1920-21 die dritte Maßnahme dieser Art in Rumänien. Dahinter stand die Absicht, durch Landzuteilungen unter dem Bauernproletariat Anhänger zu gewinnen. Mann griff auf die Bauernhöfe der deutschen Bevölkerung sowie rumänischer „Kriegsverbrecher“ und

„Kollaborateure“ (Diese beiden Begriffe wurden juristisch nie genau definiert, sondern willkürlich gehandhabt.) sowie auf Grund und Boden, die der Eigentümer nicht selbst bearbeitete, zurück. Des weiteren wurde, mit bestimmten Ausnahmen, die Obergrenze der landwirtschaftlichen Güter auf 50 ha herabgesetzt und die darüber liegenden Flächen enteignet. Als im März 1949 auch diese noch verbliebenen Güter der ehemaligen Großgrundbesitzer, diejenigen bis 50 ha, ganz enteignet wurden und die gesamte Aktion zum Abschluss kam, waren 1.468.000 ha an 918.000 landlose und landarme Bauern vergeben. 359.000 ha behielt der Staat als Reserve.

Am 19 November 1946 fanden schließlich die in Aussicht gestellten Wahlen statt, die ersten seit 1937, erstmals unter Beteiligung von Frauen. Unter dem Schutz der sowjetischen Militäradministration warenTerrorisierung, Straßenschlachten, Erpressungen und Einschüchterungen durch die Kommunisten und ihre Verbündeten an der Tagesordnung. Es ist also nicht verwunderlich dass diese schließlich von 414 Sitzen 378 Sitze errangen. Die Regierung Groza hatte damit ihre Stellung erheblich gefestigt. Die beiden Antonescus und einige Minister waren nach ihrer Verhaftung mit Gewalt in Gewahrsam der „Patriotischen Garden“ geraten, einer adhoc geschaffenen kommunistischen Parteimiliz, die sie später zur Aburteilung an die Sowjets übergaben. Sie wurden dann nach einem Schauprozess am 1. Juni 1946 hingerichtet. Im Februar 1947 schloß Rumänien mit seinen ehemaligen Gegnern im Zweiten Weltkrieg in Paris einen Friedensvertrag, in dem Nordsiebenbürgen an Rumänien zurückgegeben wurde, wohingegen die Nordbukowina , Bessarabien und die Süddobrudscha abgetrennt wurden. Die Sowjetunion erhielt das Recht „so viele bewaffnete Streitkräfte für die Aufrechterhaltung der Verbindung der Sowjetarmee mit der sowjetischen Besatzungszone in Österreich braucht“. Scheibchenweise schritt nun die „Sowjetisierung“ weiter voran, bis schließlich auch die letzte bürgerliche Bastion niedergerissen wurde: die Monarchie. Am 30.12.1947 legten der Ministerpräsident Petru Groza und der KP-Chef Gheorghe Gheorghiu-Dej dem König eine Abdankungsurkunde zur Unterschrift vor. Mihai müsse verstehen, dass in Rumänien kein Platz mehr für einen König sei. Der Palast war von Truppen der Division „Tudor Vladimirescu“ sowie von Polizei umstellt, die Telefonverbindungen waren unterbrochen. Groza drohte, eine Weigerung des Königs würde Blutvergiessen und vielleicht auch einen Bürgerkrieg nach sich ziehen. Mihai unterzeichnete in dieser aussichtslosen Situation die Verzichts-Erklärung und verließ samt seiner Familie das Land. Noch am selben Tag rief das Parlament die „Rumänische Volksrepublik (Republica Populara Romana)“ aus. Bei den Wahlen zur verfassungsgebenden Nationalversammlung im März 1948 trat die „Rumänische Arbeiterpartei (Partiul Muncitoresc Roman)“, die Kommunistische und Teile der Sozialdemokratischen Partei hatten sich mittlerweile vereinigt, unter der Sammelliste „Frontul National Democrat“ an und erhielt 405 von 414 Sitzen. Die neue Verfassung wurde bereits am 13. April 1948 angenommen.

Schluß

Die Sowjetunion hatte für die Zwecke ihrer Propaganda eine Version über die Ereignisse in Südosteuropa während der Schlussphase des Krieges verbreitet, die sie als die allein zulässige zu verbreiten suchte. Danach sei die Befreiung der Länder Südosteuropas von der Roten Armee im Zusammenwirken mit einer mächtigen kommunistischen Widerstandsbewegung vollzogen worden, die sich mit der Gewalt einer nationalen Revolution durchgesetzt habe. Dies ist in Wirklichkeit nichts andere als eine politische Legende. Gerade im Falle Rumäniens hat die kommunistische Partei eine sehr marginale Rolle gespielt. Die zentrale Rolle, die Patrascanu und Emil Bodnaras mit ihren riesigen Anhang gespielt haben sollen, ist Geschichtsklitterung, wird aber bis heute in bestimmten Kreisen kolportiert.

Den tatsächlichen Akteuren auf dem Weg zu den denkwürdigen Ereignissen am 23. August 1944 und bei den epochalen Entscheidungen dieses Tages war es nicht vergönnt, die Früchte ihres Handelns zu ernten:

Ab Anfang 1947 gingen die Kommunisten mit tatkräftiger Hilfe durch die sowjetische Militäradministration zur gnadenlosen Verfolgung ihrer politischen Rivalen und Gegner über und stützten sich dabei auf einen Passus im Waffenstillstand vom 12. September 1944, in dem es hieß, Organisationen „faschistischen Charakters“ und solche die gegen die Sowjetunion oder andere Staaten „feindliche Propaganda „ betrieben, zu verbieten seien. Ein Dekret vom 20. Januar 1945 hatte zudem die Bestrafung von Kriegsverbrechen zum Inhalt. Die Verfolgung mit massenhaften Verurteilungen war systematisch und beinahe lückenlos.

Der König starb hochbetagt am 05. Dezember 2017 in der Schweiz. Sein Land besuchte er zum ersten Male nach 45 Jahren im Jahre 1992 wieder, nachdem er beim ersten Versuch im Jahre 1990 vom damaligen Machthaber Iliescu des Landes verwiesen worden war. Sein Oberhofmeister Ion Mocsony-Starcea wurde ab 1947 mehrfach verurteilt und 1964 amnestiert. Er starb 1992 im Schweizer Exil. General Constantin Sanatescu starb am 1.11.1947 an Lungenkrebs. Vorher war er bereits angeklagt worden. General Nicolae Radescu floh am 15. Juni 1946 nach Zypern. Er starb 1953 in New York. General Aurel Aldea starb 1949 im Gefängnis. Grigore Niculescu -Buzestii floh Ende 1946 in die Schweiz und starb 1953 in New York. Iuliu Maniu starb 1954 im Gefängnis. Sein Stellvertreter Ion Mihalache starb 1963 im Gefängnis. Lucretiu Patrascanu fiel dem Machtkampf innerhalb seiner eigenen Partei zum Opfer und wurde 1954 hingerichtet. Titel Petrescu starb 1957 an den Folgen einer mehrjährigen Haft. Barbu Stirbey starb am 25. März 1946 an einer Vergiftung, höchstwahrscheinlich auf Befehl des sowjetischen Hochkommissars Wyschinski. Constantin Visoianu starb hochbetagt im amerikanischen Exil. Ghita Popp, der Mitunterzeichner des Waffenstillstandes vom 12.09.1944 starb nach mehrjähriger Haft im Jahre1967 in der Verbannung in der Baragan-Steppe. Dumitru Damascanu, in der fraglichen Zeit Militärkommandeur von Bukarest und Mitunterzeichner des Friedensvertrags vom 10. Februar 1947 wurde kurz danach degradiert und aus der Armee entfernt. Er starb verarmt im Jahre 1978. Gheorghe Fotino, ein Mitunterzeichner des Waffenstillstands vom 12. 09. 1944 wurde 1964 aus einer langjährigen Gefängnishaft entlassen und arbeitete bis zu seinem Tode im Jahre 1969 im historischen Forschungsinstitut „Nicolae Iorga“, wo der Verfasser dieser Zeilen noch Gelegenheit hatte, ihn kennenzulernen. Frederic Nanu starb 1991 mit 107 Jahren im spanischen Exil.

Der starke Mann, der sich hartnäckig gegen alle seine innerparteilichen Rivalen durchsetzte, wurde schließlich Gheorghe Gheorghiu-Dej, der dann die Partei und den Staat bis zu seinem Tode im Jahre 1965 mit eiserner Hand führte. Sein Nachfolger wurde der unselige Nicolae Ceausescu.

Das ab 1948 endgültig etablierte kommunistischen Regime dauerte über 40 Jahre an. Seine Auswirkungen sind auch heute noch, 30 Jahre nach seinem Zusammenbruch, zu spüren. Der 23. August, der 40 Jahre lang Nationalfeiertag war, wird heute nicht einmal mehr als Gedenktag begangen.

Der 23. August 1944 und seine Folgen haben auch das Schicksal des Verfassers dieser Zeilen und das seiner Familie maßgeblich beeinflußt.

Jacob Basilikus Heraklides

Die interessante Geschichte eines genialen Abenteurers und Hochstaplers, der es zum Fürsten des Donaufürstentums Moldau brachte.

Jacob Basilikus Heraklides
ein genialer Abenteurer und Hochstapler

1954 veröffentlichte der damalige Bundespräsident Theodor Heuss das Buch „Schattenbeschwörungen, Randfiguren der Geschichte“. Dort erschien unter anderem die Lebensbeschreibung von zwei Abenteurern bzw. Hochstaplern, die heute in Vergessenheit geraten sind. Es handelt sich erstens um den westfälischen Baron Theodor von Neuhoff, der es im 18. Jahrhundert auf grotesk-abenteuerliche Weise zum kurzzeitigen König von Korsika brachte. Zweitens ging es um den Grafen Moritz von Benjowski, einen Kleinadligen slowakisch-ungarisch- polnischer Herkunft, der im 7-jährigen Krieg als österreichischer Offizier in russische Gefangenschaft geriet und nach konspirativen Umtrieben auf die Halbinsel Kamtschatka verbannt wurde. Dort zettelte er eine Revolte an, floh mit seinen Spiessgesellen auf einer gekaperten Galiote und gelangte über Macao, Mauritius und Madagaskar nach Frankreich, wo er Ludwig XVI. für das Projekt einer Eroberung und Kolonisierung Madagaskars gewann. Mit französischen Truppen machte er sich ans Werk, eroberte rasch die Insel und ließ sich von den ihm wohlgesonnenen Eingeborenen zum König erheben. Nach einer französisch-königlichen Inspektion der Insel segelte er nach Frankreich, um sich zu rechtfertigen. Obwohl im die Rechtfertigung gelang, kehrte er nicht auf die Insel zurück, sondern vagabundierte in Europa und Amerika herum bis er schließlich wieder Dienst in Österreich-Ungarn nahm. 1783 startete er erneut erfolgreich ein Madagaskar- Unternehmen, dieses Mal unter österreichischer Flagge. 1785 intervenierten französische Truppen von Mauritius aus und 1786 erlag Benjowski seinen Verletzung im Kampf gegen die Franzosen.

Inspiriert durch diese beiden Figuren kam mir nach langer Zeit eine andere abenteuerliche historische Gestalt in Erinnerung, die mit der Geschichte des Donaufürstentums Moldau eng verbunden ist: Jakob Basilikus Heraklides, Fürst der Moldau 1661-1563. In der rumänischen Historiographie wird dieser Fürst Despot-Voda genannt. Despot war ein griechischer Herrschertitel, also ein terminus technicus. Der Einfachheit halber wird Jacob Basilikus Heraklides in den folgenden Zeilen auch so genannt. Der beste Kenner dieses sonderbaren Abenteurers ist Hans Petri, ehemals evangelisch-lutherischer Pfarrer in Bukarest, der in der Zeit nach dem I. Weltkrieg allen erreichbaren Hinweisen und deren Verästelungen nachgegangen ist. 1927 veröffentlichte er im „Archiv des Vereins für siebenbürgische Landeskunde, Neue Folge, 44 Band, 1. Heft“ : Das Leben des Jakob Basilikus Heraklides, Fürsten der Moldau (1561-1563) aus dem lateinischen Text des Johann Sommer übersetzt, mit einer Einleitung und Anmerkungen versehen.

Es handelte sich um einen Augenzeugenbericht und um die wohl objektivste Darstellung des späten Lebensweges dieser schillernden Figur. In großen Teilen folgt der Autor dieser Zeilen diesem Augenzeugenbericht und der Einleitung sowie den Anmerkungen Petris.

Nach der osmanischen Eroberung Konstantinopels im Jahre 1453 und der ägäischen Inseln, das griechische Festland war vorher schon von den Osmanen okkupiert worden, tauchten in ganz Europa zahlreiche tatsächliche oder angebliche Nachfahren byzantinischer Kaiserhäuser und hochadliger Familien auf: Cantacuzinos, Paleologen, Komnenos und viele andere. Tatsächliche Nachfahren und Hochstapler waren kaum noch auseinander zu halten. Es tummelten sich neben ernsthaften Persönlichkeiten die abenteuerlichsten und dubiosesten Gestalten auf den europäischen Höfen herum und versuchten mit den erlauchten Namen ihr Glück zu machen. Manchen gelang es, manchen nicht.

Über die Herkunft des Despoten gibt es die verschiedensten und widersprüchlichsten Varianten. Er selbst gab vor, der Sohn des Despoten von Samos zu sein, der als einziger dank seiner Amme den Massakern durch die osmanischen Eroberer entkommen sei. Später sei er von einem griechischen Gelehrten namens Hermodorus Lestarchus auf Chios in Obhut genommen worden. Je nach Opportunität hat er seine Herkunftslegende immer wieder modifiziert. Kritiker beschreiben ihn als Sohn eines kretischen Lohnschiffers, der in Flandern durch Betrug in den Besitz von adligen Herkunftspapieren gelangt sei. Er sei nämlich in Brüssel in den Dienst des landflüchtigen Despoten von Samos und Paros getreten und habe durch seine Gewandtheit das Zutrauen seines Herren erworben und habe sich nach dessen Tode seiner Papiere bemächtigt, auf Grund derer er sich nun selbst als erbberechtigter Prinz von Samos ausgebe. Ein anderes Mal will er auf Rhodos geboren sein. Nicht nur über seiner Herkunft, sondern auch über seiner Jugend liegt ein Schleier. Angeblich ist er über Rom und Malta nach Montpellier gelangt, wo er studiert und eine Familie gegründet haben soll. Später findet man ihn in der Umgebung des Kaisers Karl V. in Flandern, an dessen Feldzügen er teilgenommen hat. Nach Frankreich ist er nie wieder zurückgekehrt, da er dort wegen Mordes gesucht wurde. Angeblich soll er dem Liebhaber seiner liederlichen Frau aufgelauert haben und ihn heimtückisch ermordet haben. Nach seinem Aufenthalt in Flandern verbringt er längere Zeit am Hofe des Grafen Volrad von Mansfeld und in der Umgebung von Günther von Schwarzburg, über die er in enge Verbindung zu Melanchthon und Luthers Schwiegersohn Georg von Kunheim tritt. Auch Luthers Sohn Paul, einen berühmten Prominentenarzt, will er gekannt haben. Auf jeden Fall hing er zu diesem Zeitpunkt schon der lutherischen Lehre an. Nach einem Aufenthalt am dänischen Königshof hat er angeblich an der Rostocker Universität als Professor für Mathematik, seine große Leidenschaft, wie Sommer bestätigt, gearbeitet. Schließlich gelangt er mit diversen Empfehlungsschreiben versehen zu Herzog Albrecht von Hohenzollern nach Königsberg, der ihm sehr wohlgesonnen war und der ihn in den polnischen Hof in Krakau eingeführt hat. In Polen lernt er alle wichtigen Persönlichkeiten kennen und freundet sich mit Albert Lasky, einem über die Massen reichen Condotiere, an. Auch die Beziehungen zum Kaiserhof weiß er zu pflegen. Der Nachfolger Karls, sein Bruder Ferdinand, und dessen Sohn Maximilian hatten für alle Einflüsterungen des Despoten ein offenes Ohr. So verfestigt sich allmählich die Idee, mit Hilfe des Despoten sich des moldauischen Thron zu bemächtigen und auf dieser Basis nach Siebenbürgen und in die Walachei vorzudringen und so die Osmanen allmählich zurückzudrängen. Ein verwegener Plan! Der Despot muss wohl nicht nur eine erstaunliche Sprachbegabung, sondern auch ein äußerst einnehmendes Wesen und eine große Überzeugungskraft besessen haben. Anders ist sein Einfluß auf diese führenden Köpfe nicht zu erklären. Bereits im Frühjahr 1558 stattete er Alexander Lapusneanu, dem Fürsten der Moldau, gewissermaßen als Erkundungsoperation, einen freundschaftlichen Besuch ab und versuchte diesen in den Glauben zu versetzen, er wolle von hier aus seine ihm zustehenden Herrschaft auf Samos zurückerobern und erbat zu diesem Zweck von Alexander Waffen und Geschütze. Dabei machte er geltend, er sei ja schließlich mit Alexanders Gattin Ruxandra, einer Tochter des serbischen Despoten, eng verwandt. Er bat also um einen Verwandtschaftsdienst. Hierbei hat er bezüglich seiner Herkunft wieder einmal dicke Schminke aufgetragen, wie auch später, als er im Kampf gegen Alexander den moldauischen Bojaren gegenüber geltend machte, er sei moldauischen Blutes, denn sein Vater habe am moldauischen Hof eine herausragende Rolle gespielt, sei aber von Alexander meuchlings ermordet worden. Der notorisch mißtrauische Alexander durchschaute jedoch das Spiel und der Despot musste Hals über Kopf fliehen. Er fand zunächst Unterschlupf in Kronstadt. Dort gab er dann seine absurde Ahnentafel heraus, in der er seinen Stammbaum bis auf Herakles zurückführte. Daher auch sein angenommener Name Heraklides. Er mußte aber auch von dort fliehen, da die reichen Kronstädter Kaufleute nicht bereit waren, sich um seinetwillen mit ihrem wichtigen Handelspartner Alexander zu überwerfen.

Als er nach Polen zurückgekehrt war, begann er unermüdlich alle Fäden zu spinnen und schuf eine starke „Koalition der Willigen“ zur militärischen Eroberung des moldauischen Throns. Um dieses Unternehmen zu finanzieren lieh er sich unter Vermittlung durch Albrecht von Preußen bei Albert Lasky 10.000 Goldstücke, eine für damalige Verhältnisse ungeheuer hohe Summe. Lasky war ein äußerst wohlhabender polnischer Magnat, der seinen Sitz in der an ihn verpfändeten Stadt Käsmark in der Zips hatte. Er galt als skrupellos und brutal. Der Kaiser stellte ihm auch eine gewisse Summe zur Verfügung. Mit diesen Geldern warb er nun nicht nur eine größere Söldnertruppe sondern in Gestalt des Söldnerführers Antonius Szekeli auch einen begabten Feldherren an. Damit war alles für eine Invasion vorbereitet und alle Beteiligten erhofften sich große Gewinne: Der Kaiser hoffte auf eine erfolgreiche Zurückdrängung der Osmanen, sein Komplize und spätere Gegner Lasky noch mehr Reichtum und Macht, Szekeli hohen Sold und Möglichkeiten zur Plünderung und schließlich der Despot selber einen Fürstenthron mit der Aussicht auf die Eroberung auch von Siebenbürgen und der Walachei. Die Invasion verlief erfolgreich und fast unblutig, denn Alexander verlor sehr rasch die Nerven und floh nach Istanbul zum Sultan. So konnte sich der Despot problemlos mit Hilfe der von Alexander vertriebenen und jetzt zurückkehrenden Bojaren auf den Thron setzen. Sofort begann er mit einer umfangreichen Reformpolitik und Modernisierung des Landes, die aber in der noch sehr archaischen Gesellschaft nicht verfingen. Erstaunlicherweise akzeptierte der Sultan diese ungewöhnliche Thronbesteigung, allerdings verbunden mit exorbitant hohen Tributforderungen.

Natürlich geriet er in große Geldnot, zumal das Land schon von Alexander fast völlig ausgeplündert worden war. Das Einschmelzen wertvoller Kultgegenstände zum Zweck der Münzprägung reichte bei weitem nicht aus, erregte aber großen Unmut in der konservativen orthodoxen Bevölkerung. Seine Forderung an das Fürstentum Siebenbürgen, ihm die moldauischen Lehensgüter Cetatea de Balta (Kokelburg) und Ciceu, die frühere moldauische Fürsten erworben hatten, mittlerweile aber wieder verloren gegangen waren, zurückzuerstatten, blieb erfolglos. Er mußte daher den steuerlichen Druck auf die Bevölkerung und vor allem auf die Bojaren empfindlich erhöhen, was zu großer Unzufriedenheit und allmählich wachsendem Widerstand führte. Besonders allergisch reagierte die Bevölkerung auf die Zurückdrängung der Orthodoxie zugunsten des lutherischen Bekenntnisses und die massive Bevorzugung deutscher und ungarischer Siedler, von denen es zu der Zeit sehr viele gab. Ganze Städte und ausgedehnte Landstriche waren wie in Siebenbürgen deutsch besiedelt, was sich natürlich sehr positiv für das lutherische Bekenntnis auswirkte. Die Schaffung einer deutsch-evangelischen Bildungsanstalt auf hohem Niveau mit Schule, Bibliothek und Forschungszentrum in Cotnar erregte höchstes Mißtrauen. Zum Leiter der Bildungsanstalt ernannte er den Verfasser des von Hans Petri übersetzten und veröffentlichen Augenzeugenberichts Johannes Sommer. Schließlich berichten Sommer und andere Augenzeugen von einem wachsenden Cäsarenwahn des Fürsten. Zu allem Überfluss erklärte ihm auch Albert Lasky die Feindschaft und forderte seine Leihgabe zurück. Ganz offen näherte sich dieser dem undurchsichtigen und draufgängerischen Kosakenhetman Dmytro Wyschneweckyi an, der nun den Despoten von Lemberg aus bedrohte. Der Fürst hatte sich also mittlerweile zwischen alle Stühle gesetzt. Auch strategisch befand er sich in einer Sackgasse. Seinen Feldherrn Szekeli hatte er zwar reich entlohnt entlassen, die zahlreichen und kostspieligen Söldner aber weiterhin in voller Gänze unter Waffen gehalten, was vom Sultanshof äußerst mißtrauisch beobachtet wurde. Andererseits wäre eine Abrüstung auf völlige Missbilligung durch den Kaiser gestoßen, da eine Zurückdrängung der Osmanen dadurch wieder in weite Ferne gerückt wäre. Diese prekäre Lage verschlimmerte sich, als die aufgebrachten Bojaren sich um einen gewissen Stefan Tomsa scharten und diesem den Thron anboten. Die Bojaren selbst scheuten sich, für sich nach dem Thron zu greifen, da dieses Unterfangen erfahrungsgemäß mit großer Gefahr für Leib und Leben und vielen Unwägbarkeiten verbunden war. Die Festung Suceava, in der sich der Despot verschanzt hatte, wurde nach monatelanger Belagerung schließlich durch Verrat eingenommen und Tomsa erschlug eigenhändig den gefangenen Despoten. Den rivalisierenden Kosakenhetman ließ er ebenfalls fangen und nach Istanbul schaffen, wo er eines grausamen Todes starb. Dieser Sieg blieb jedoch nicht von langer Dauer, denn Tomsas viele Eigenmächtigkeiten erregten großen Missmut am Sultanshof und der Sultan entschied, Alexander erneut auf den Thron zusetzen. Dieser rückte daraufhin mit türkischen und tatarischen Truppen vor und vertrieb Tomsa samt dessen verbündeten Bojaren. Auf sein energisches Betreiben hin wurden sie alle im polnischen Lemberg hingerichtet. Mit der zweiten Regierungszeit Alexanders wurde seine grausame Terrorherrschaft der ersten Regierungszeit fortgesetzt. Die zweijährige widersprüchliche Regierungszeit des griechischen Abenteurers blieb Episode.

Der Autor des von Hans Petri übersetzten und herausgegebenen Augenzeugenberichtes Johannes Sommer gehört auch in die Reihe der Abenteurer, die es im 16. Jahrhundert so häufig gab. Johannes Sommer wurde 1541 in Pirna geboren. 1562 finden wir ihn als Studenten an der Universität von Frankfurt an der Oder. Seine ausgeprägte Abenteuerlust führt ihn aber im gleichen Jahr in die Moldau zu dem Despoten, von dem offensichtlich in ganz Europa rühmlich gesprochen wurde. Dieser verwendete ihn zunächst als Schreibkraft und machte ihn später zum Leiter der Bildungsanstalt in Cotnar. Nach dem Sturz des Despoten musste er fliehen und irrte drei Monate lang in Bauernkleidung durch Weingärten und Wälder, bis er endlich nach Kronstadt in Siebenbürgen gelangte. Dort war er dann 1565 bis 1567 Rektor der vom Reformator Johannes Honterus gegründeten Schule. Anschließend ging er in gleicher Eigenschaft nach Bistritz und siedelte schließlich 1570 nach Klausenburg über, wo er abermals Schulleiter wurde. Hier trat er nun mit den Führern der unitarischen Bewegung in Beziehung und besonders mit Franz Davidis, dessen Schwiegersohn er wurde. 1574 starb er zusammen mit seiner Gattin und seiner Schwiegermutter an der Pest. Sein Nachfolger an dem inzwischen unitarischen Kolleg wurde der bedeutende Gelehrte und Theologe Jakob Paleologus, der wohl tatsächlich von der byzantinischen Kaiserdynastie der Paleologen abstammte und nach einer langen und zum Teil gefährlichen Odyssee über Italien, Frankreich und Polen nach Klausenburg gelangt war.

Der Siebenbürger Sachse Franz Davidis wurde nach seinem Studium in Wittenberg evangelisch- lutherischer Pfarrer in der konfessionell und ethnisch gespaltenen Stadt Klausenburg. Die Deutschen wandten sich dort wie im übrigen Siebenbürgen der lutherischen Lehre zu, wohingegen die Ungarn der Lehre von Johannes Calvin anhingen. Später wechselte er zum Kalvinismus und schließlich zum Unitarismus, wodurch er völlig magyarisiert wurde. Gegen Ende seines Lebens radikalisierte er sich noch mehr und näherte sich den Nonadoranten und schließlich den Sabbatariern an. Deswegen und wegen seines aussergewöhnlich streitbaren Temperaments ließ ihn der Fürst verhaften und er starb 1579 als Gefangener auf der Festung in Deva.

Der phantastische Ritt Karls des XII. von Schweden

Inspiriert durch die Erzählungen von Theodor Heuss in seinem Buch „Schattenbeschwörungen“ habe ich einige sonderbare historische Persönlichkeiten beschrieben. Die erste dieser Beschreibungen bezieht sich auf den schwedischen König Karl XII., dfer im Jahr 1714 einen Gewaltritt von 2150 km von Pitesti in der Walachei nach Stralsund binnen 15 Tagen zurückgelegt hat, eine phantastische reiterliche Leistung.

Das türkische Abenteuer und der Gewaltrittdurch Siebenbürgen
des Königs Karl XII von Schweden

Einleitung

Im Alter von 13 Jahren las ich in der Bibliothek meines Großvaters in meinem Heimatort Nadesch in Siebenbürgen ein Heftchen mit dem Titel „Karl XII., ein deutscher Held auf dem schwedischen Thron“. Das Heftchen war ein Überbleibsel der reichsdeutschen Pimpfe, die Anfang der 40er Jahre in mehrere Sommerlager nach Siebenbürgen, auch nach Nadesch, verschickt worden waren, um das damals hochgehaltene Auslandsdeutschtum kennenzulernen. Andere ähnliche Heftchen beschäftigten sich mit Hermann dem Cherusker, dem letzten Staufer Konradin, den Helden des Lützowschen Freikorps, dem U-Boot-Kommandanten Otto Weddigen, Albert Leo Schlageter, der 1923 während der Ruhrbesetzung von den Franzosen wegen bewaffneten Widerstandes hingerichtet worden war, und natürlich mit Horst Wessel. Dass diese Heftchen nationalsozialistisches Propagandamaterial für die Hitlerjugend waren, ist mir erst nachträglich bewusst geworden. Damals war ich aber von den beschriebenen Heldentaten fasziniert. Eine andere Hinterlassenschaft der Hitlerjungen war ein khakifarbenes Epaulettenhemd, das mir tadellos passte. Von besonderer Pikanterie war die Tatsache, dass ich es bei offiziellen Schulanlässen mit umgebundenem roten Pionierhalstuch der kommunistischen Schülerorganisation trug, ohne dass irgendjemand daran Anstoß nahm. Besonders bewundert habe ich den Gewaltritt Karls XII., der 1714 eine Strecke von 2150 km (von Pitesti in der Walachei bis Stralsund an der Ostsee) binnen 15 Tagen zurücklegte, also durchschnittlich 143 km pro Tag. Dass er dabei auch durch Siebenbürgen gekommen war, erregte meine Neugier in besonderem Maße. Später habe ich mich natürlich mit diesem König und dem von ihm entfesselten Großen Nordischen Krieg beschäftigt und auch die einschlägige Literatur dazu gelesen. Seinen Aufenthalt in der Türkei nach der verlorenen Schlacht bei Poltawa in der Ukraine und seine aufsehenerregende Rückkehr habe ich dann aber nicht weiter verfolgt. Diese hochinteressante Episode kam mir erst wieder in den Sinn, als ich kürzlich in der mehrbändigen „Geschichte des Osmanischen Reiches“ des rumänischen Polyhistors Nicolae Iorga stöberte und dabei auch auf sie stieß. Iorga beendet verständlicherweise seine diesbezüglichen Darlegungen mit der Ankunft Karls in Pitesti. Zusätzliche Einzelheiten sind auch bei den rumänischen Chronisten Ioan Neculce und Gheorghie Sincai zu finden. Seinen Ritt von Pitesti durch Siebenbürgen beschreibt aber einigermassen ausführlich Franz Zimmermann in seinem Aufsatz „Der Schweden Durchzug durch Siebenbürgen um das Jahr 1714“ vom Jahre 1882 in „Archiv des Vereins für siebenbürgische Landeskunde, Neue Folge. Siebzehnter Band. I. Heft, Hermannstadt 1882“. Er verwendete dabei alle damals zugänglichen Quellen. Eine umfängliche und zeitraubende Internet- Recherche förderte dann noch etliche weitere Details zutage, sowohl zu seinem Zwangsaufenthalt in der Türkei, als auch zu seinem Gewaltritt, sodass ein einigermassen klares Bild entstehen konnte. Das Buch von Robert Denndorf: Als König Karl XII. von Schweden Gast der Rumänen war, 2017, wurde aus technischen Gründen nicht ausgewertet.

Die folgende Darstellung endet mit der Ankunft des Königs in Nordwestsiebenbürgen. Hinsichtlich seines weiteren Weges haben sich die Quellen verflüchtigt, oder ich habe sie nicht freilegen können.

Persönlichkeit Karls XII

Das Urteil über Karl XII ist sehr zwiespältig. Bewundernswerter „Heldenkönig“ oder verantwortungsloser Abenteurer? Dazwischen bewegen sich alle Stellungnahmen der Zeitgenossen und späterer Analytiker. Das ausgewogenste Urteil hat wohl Friedrich der Große in einem Essay von1759 abgegeben: „……………..Faßt man die verschiedenen Charakterzüge dieses eigenartigen Königs zusammen, so findet man, daß er mehr tapfer als geschickt, mehr tätig als klug, mehr seinen Leidenschaften unterworfen als seinem wahren Vorteil zugetan war. Ebenso kühn wie Hannibal, aber weniger schlau, mehr dem Pyrrhus als Alexander ähnlich, glänzend wie Condé bei Rocroy (1643), Freiburg (1644) und Allersheim (1645), aber niemals mit Turenne zu vergleichen, noch so bewundernswert wie dieser in den Schlachten bei Gien (1652), in den Dünen unweit Dünkirchen (1658), bei Kolmar und besonders in seinen beiden letzten Feldzügen.

Welchen Glanz auch die Taten unseres berühmten Helden verbreiten, man darf ihm doch nur mit Vorsicht nachahmen. Je mehr er blendet, desto geeigneter ist er, die leichtfertige, brausende Jugend irrezuführen. Ihr kann man nicht genug einschärfen, daß Tapferkeit ohne Klugheit nichts ist und daß ein berechnender Kopf auf die Dauer über tollkühne Verwegenheit siegt. Ein vollkommener Feldherr müßte den Mut, die Ausdauer und die Tatkraft Karls XII., den Blick und die politische Klugheit Marlboroughs, die Pläne, Hilfsmittel und Fähigkeiten des Prinzen Eugen, die List Luxemburgs, die Klugheit, Methode und Umsicht Montecuccolis mit der Gabe Turennes, den Augenblick zu erfassen, vereinigen. Aber ich glaube, dieser stolze Phönix wird nie erscheinen…… …..Aber, wird man sagen, mit welchem Rechte wirfst du dich zum Richter der berühmtesten Krieger auf? Hast du, großer Kritiker, denn selbst die Lehren befolgt, die du so freigebig erteilst? Ach nein! Ich kann hierauf nur das eine antworten: Fremde Fehler fallen uns auf, aber die eigenen übersehen wir……“

Immerhin genoß Karl einen solch großen europäischen Ruhm, dass selbst der große französische Philosoph und Publizist Voltaire es sich nicht nehmen ließ, 1731 eine vielbeachtete Biografie vom Leben Karls XII. zu publizieren, die auch Friedrich den Großen beeinflusst hat. Im letzten Kapitel gab er ein Gesamturteil zum Wirken Karls XII. ab, der „durchlebt“ habe, „was nur das Glück Großes und was nur das Unglück Hartes enthält, ohne auch nur einen Augenblick lang durch das erstere verweichlicht oder durch das letztere erschüttert worden zu sein………aber er steigerte alle Heldentugenden bis zu einem Grade, daß sie ebenso gefährlich wurden wie die entgegengesetzten Laster. Seine Festigkeit wurde zum Starrsinn …; seine Freigebigkeit ging in Verschwendung über und ruinierte Schweden … und in den letzten Jahren näherte sich die Art seiner Regierung der Tyrannei……….. Er griff selbst nie jemand zuerst an, aber er war in seiner Rachsucht mehr unversöhnlich als klug. Er war der erste, der den Ehrgeiz besaß, Eroberer zu sein, ohne seine Staaten zu vergrößern; er wollte Reiche nur gewinnen, um sie zu verschenken. Seine Leidenschaft für den Ruhm, den Krieg und die Rache verhinderte ihn ein guter Politiker zu sein, ohne welche Eigenschaft es nie einen Eroberer gab…..Er war nicht so sehr ein wirklich großer als ein außerordentlicher Mensch und mag wohl Bewunderung erregen, doch er ist nicht nachahmenswert……“

Karl XII. entstammte der Pfalz-Zweibrücken-Kleeburgischen Linie des Hauses Wittelsbach, die nach der Abdankung der Tochter Gustav Adolfs, Königin Christine, im Jahre 1660 auf den schwedischen Thron gelangt war. Er wurde am 27. Juni 1682 als ältester Sohn des amtierenden Königs Karl XI. in Stockholm geboren. Schon sehr früh zeichnete er sich durch ein ausgesprochen draufgängerisches und ungestümes Wesen aus. Sein Selbstbewusstsein war so stark ausgeprägt, dass er es nach dem Tode seines Vaters energisch durchsetzte, im Alter von nur 15 Jahren bereits die Volljährigkeit zuerteilt zu bekommen. Außerdem setzte er sich zu aller Verblüffung und entgegen der damaligen Etikette die Königskrone eigenhändig auf. Sowie er die Regierungsgewalt übernommen hatte, etablierte er eine auf seine Person zugeschnittene autokratische Herrschaft. Seinen außerordentlich Ruhm erlangte er, als er nach der Entfesselung des Großen Nordischen Kriegs (Seine Gegner waren Dänemark, Polen-Litauen-Sachsen und Russland.) erst 18-jährig von Sieg zu Sieg eilte. Besondere Beachtung fand sein Sieg über die Russen bei Narwa, wo es ihm gelang, mit nur 10.000 Mann ein russisches Heer von 40.000 Mann vernichtend zu schlagen. Er schien ab da nicht mehr aufzuhalten zu sein und genoß eine europaweite Bewunderung. Die Anteilnahme wich auch nicht, als ihn das Kriegsglück verlassen hatte, und er nach der verlorenen Schlacht bei Poltawa im Jahre 1709 in der Türkei Zuflucht suchen musste. Bewundert wurde vor allem seine spartanische Lebensführung. Er hatte keine Frauenaffären, verzichtete völlig auf Alkohol und ernährte sich sehr einfach. Auch scheute er sich nicht, im Felde mit seinen Soldaten zusammen zu biwakieren. Zu seiner Lebensführung gehört auch seine starke, ja, fanatische Bindung an die lutherische Kirche. Daher verwundert es nicht, dass er auf dem Höhepunkt seiner Macht in der Altranstädter Konvention vom 31.08.1707 energisch zugunsten der schlesischen Protestanten beim Kaiser Josef I. intervenierte. Er fühlte sich wie der große Wasa-König Gustav Adolf als Protektor des Protestantismus.

Seine spektakuläre Heimkehr aus der Türkei nach mehrjähriger Abwesenheit brachte ihm kein Glück. Es gelang ihm nicht mehr, die inzwischen zusammengebrochene Grossmachtstellung Schwedens wieder aufzurichten und er fiel am 30. November 1718 bei der Belagerung von Frederikshald in Norwegen 36-jährig unter noch ungeklärten Umständen. Schweden aber hatte sämtliche Besitzungen auf dem Kontinent eingebüsst. Russland war nun die aufstrebende Macht im Baltikum und an der östlichen Ostsee.

Die Tragik dieses ungewöhnlichen Herrschers besteht darin, dass er sich zwar zeitlebens als Kriegsheld, als „Nordischer Alexander“, bewährte, jedoch das Gebiet der Diplomatie, das die Regenten und Staatsmänner seines Jahrhunderts so kunstvoll beherrschten, ihm gänzlich fremd blieb. Seine persönliche Starrheit und Einseitigkeit haben letztlich den Fall Schwedens verschuldet. Das Urteil der Geschichte blieb also bis heute schwankend. In scharfem Kontrast stehen „die anziehende Persönlichkeit des Heldenkönigs“ und die durch ihn bewirkte katastrophale Zertrümmerung der schwedischen Großmacht nebeneinander. Er war auch der erste Kriegsfürst, dessen sonst glänzend bewährte Strategie an Russland zerbrach. Andere sollten ihm darin folgen.

Die Invasion in Russland und die Wende von Poltawa

Wie später Napoleon Bonaparte und Adolf Hitler glaubte Karl, nunmehr auf dem Höhepunkt seiner Macht und in der Überzeugung unbesiegbar zu sein, mit Russland leichtes Spiel zu haben und es rasch niederzwingen zu können.
Im September 1707 verließ die schwedische Armee Sachsen. Die Soldaten hatten sich mehrere Monate ausruhen können und waren in guter Verfassung. In den Kabinetten der europäischen Großmächte zweifelte kaum jemand an einem Sieg der Schweden.

Bis in den Sommer 1708 hinein marschierte die schwedische Armee in Richtung Moskau. Nun wurde der Proviant allmählich knapp und die Soldaten waren erschöpft, und Karl XII. gab schließlich den Befehl, Richtung Süden zu schwenken. Dort wollte er den Kosaken-Hetman Mazeppa mit angekündigten 20 000 Mann und Nachschub erwarten. Am 11. Oktober 1708 erreichte eine kaum noch kampffähige schwedische Armee die Grenze zur Ukraine. Doch dann häuften sich die Hiobsbotschaften.

Die schwedische Entsatzarmee unter General Adam Ludwig Lewenhaupt war am 27. September 1708 bei Lejasna von den Russen vernichtend geschlagen worden. 6400 Mann schafften es zwar bis zum Hauptquartier des schwedischen Königs, aber die Lebensmittel waren verloren.

In der Ukraine konnte die Armee im Herbst 1708 zwar wieder ein wenig ihre Kräfte sammeln, aber kurz vor Weihnachten kam es zu einem strengen Wintereinbruch. Trotz der ungewöhnlichen Kälte ließ Karl XII. seine Truppen gnadenlos weitermarschieren, wobei er 2.000 Tote hinnehmen musste. Er hoffte aber immer noch auf die Hilfe des Kosaken-Hetmans Iwan Mazeppa, der kurz vorher die Fronten gewechselt hatte und sich vom russischen Zaren Peter losgesagt hatte. Als Vergeltung für diesen Verrat hatte Peter einen Vernichtungsfeldzug gegen das Hetmanat geführt und die Bevölkerung dermassen eingeschüchtert, dass sie Mazeppas Aufruf zu den Waffen nicht Folge leistete. Lediglich die Kosaken der Saporoger Sic folgten ihm bedingungslos. Zusätzlich mangelte es ihm ebenso wie dem schwedischen Heer an Nachschub.

Im Mai 1709 begann Karl mit der Belagerung der Festung Poltawa. Hier hoffte er, Lebensmittel und Schutz zu finden. Auch der russische Zar war nach dem Sieg bei Lesjana zu einer Schlacht bereit und marschierte auf Poltawa, um die Festung zu entsetzen.
Als es endlich zu der von Karl gesuchten Schlacht kommen sollte, war die schwedische Armee kaum noch einsatzfähig. Viele Soldaten litten an Durchfall und Wundfieber.

Zu allem Übel verletzte sich Karl am 17. Juni 1709 bei einem Erkundungsritt auch noch so schwer, dass er das Kommando nur noch von einer Bahre aus führen konnte.
Am Abend des 7. Juli 1709 gab Karl XII. von Schweden den Befehl, in der Nacht Poltawa zu stürmen. Die Infanterie sollte in mehreren Kolonnen in der Nacht die Palisaden der Festung überwinden. Der Plan setzte voll und ganz auf den Überraschungseffekt. Da Karl XII. immer noch eine Tragbahre benutzen musste, übernahm General Renkiöld das Kommando.

Schon der Aufmarsch der Kolonnen vollzog sich chaotisch. Erst im Morgengrauen konnten die Schweden angreifen und schienen um 5.00 Uhr in der Früh auf dem linken Flügel auch tatsächlich Erfolg zu haben, aber das Zentrum und der rechte Flügel scheiterten kläglich. Zar Peter hatte mittlerweile sein Heer alarmiert und bis 9.00 am Vormittag neu formiert. 22 000 Russen standen nun 4000 Schweden gegenüber. General Renkiöld gab schließlich den Befehl zum Angriff. Schon oft in diesem Krieg konnten die Soldaten Karls XII. durch beherztes Handeln die Lage wenden. In der Schlacht von Poltawa gelang dies nicht mehr. Die russische Übermacht setzte sich auf der ganzen Linie durch. In der schwedischen Armee kam es zu wilden Auflösungserscheinungen, und auch die nachrückende Kavallerie konnte die totale Niederlage nicht mehr verhindern.

In der Literatur über diese Schlacht wird oft die Frage gestellt, wer die entscheidenden Fehler begangen hat. Sicher war es von Nachteil, dass Karl XII. nicht persönlich führen konnte. Voltaire meinte dazu lakonisch: „Die Erinnerung von Narwa ist schuld am Untergang bei Poltawa“. Das heißt, Karl XII. hatte seinen Gegner sträflich unterschätzt. Mit Müh und Not entging Karl einer Gefangennahme und rettete sich in Richtung auf osmanisches Territorium. Nach vielen Mühen und hohen Verlusten langte er schließlich mit ca. 1.000 Schweden und zusätzlich einer unbekannten Zahl moldauischer und walachischer Söldner und Kosaken in der Festung Ozcakow am Schwarzen Meer an. Nach kurzer Zeit wurde ihm in aller Form als Aufenthaltsort Bender (heute Tighina am Dnjestr im Machtbereich der von Moldawien abtrünnigen „Republik Transnistrien“) zugewiesen. Kommandeur der Region Bender war der polnische Renegat Jussuf Pascha, der die Aufgabe hatte, auf diesem vorgelagerten Posten des Reiches für Informationen aus dem Norden zu sorgen.

Fünf Jahre Ränkeschmieden in der Türkei

Hier setzte Karl nun alles daran, die Pforte zu einem Vergeltungskrieg gegen Russland zu bewegen. An diesen Aktionen, Verhandlungen und Intrigen waren eine Fülle von Personen mit sehr unterschiedlichen Interessen beteiligt. Auf schwedischer Seite waren dies neben Karl selbst und seinen Offizieren unter anderem der von ihm auf den polnischen Thron gesetzte, aber inzwischen wieder vertriebene König von Polen, Stanislaw Leszczinski, August der Starke hatte ihn vom Thron wieder verdrängt, der polnische Magnat Stanislaw Poniatowski, der mehr und mehr zu seinem Verhandlungsführer in Istanbul wurde, der litauische Magnat Jozef Potocki und der Diplomat Friedrich Ernst von Fabrice, der sich im Auftrag von Holstein-Gottorf zu Karl begeben hatte und dort 5 Jahre lang als einer seiner engsten Vertrauten galt. Er war nach Karls Rückkehr dessen Missionär in England, trat aber dann in den Dienst des Königs von England, Georg I. von Hannover. Die Karl-Biographie von Voltaire, der sich gleichzeitig in England aufhielt, geht hauptsächlich auf Informationen von Fabrice zurück. Er hat auch selbst Publikationen über Karl herausgegeben, die aber kaum noch zugänglich sind. Eine undurchsichtige Rolle spielte auch der deutsche Abenteurer Martin Neugebauer, der 1704 aus russischen Diensten zu Karl übertrat und vor allem ab 1709 zusammen mit Poniatowski dessen Interessen am Hof des Sultans vertrat. Er beherrschte die dort geltenden Spielregeln perfekt und nutzte sie skrupellos. Russischerseits war die entscheidende Figur der kluge und rücksichtslose Gesandte Pjotr Alexejewitsch Tolstoi, der virtuos die Kunst der Bestechung beherrschte. Auf osmanischer Seite waren es neben dem Sultan Achmed mehrere Wesire und Regionalpaschas, die landesüblich immer wieder mal wechselten, und der Khan der Krimtataren. Eine gewisse Rolle spielten auch der Hetmann der Kosaken und die Fürsten der Moldau und der Walachei. Der Kosaken-Hetman Mazeppa war ein hochgebildeter ukrainischer Adliger und hatte u.a. am Jesuitenkolleg in Warschau studiert. Er starb aber schon am 21. September 1709 in Bender (heute Tighina in Transnistrien) und wurde in der Kirche St. Georg in Galatz beerdigt. 1711 haben ihn die Türken ausgegraben und den Leichnam in die Donau geworfen. Von entscheidender Bedeutung waren auch die vielen europäischen Diplomaten am Sultanshof sowie eine unübersehbare Zahl von Agenten, Kaufleuten und Spekulanten sowie Spionen. Sie alle betrieben intensive Lobbyarbeit, sammelten Informationen, streuten Falschinformationen und waren Meister der Bestechung. In der 5-jährigen Anwesenheit Karls in der Türkei herrschte ein reger Verkehr zwischen seinem Aufenthaltsort und Istanbul bzw. Edirne (Adriananopol). Karl empfing von überall in Europa, speziell aus Schweden, Boten und sandte selbst massenhaft welche aus. Sein Hauptproblem bestand darin, dass er völlig mittellos war und auf die Alimentierung durch den Sultan angewiesen war. Im Übrigen machte er völlig unbefangen enorme Schulden.

1710/11 schien sich die Hoffnung Karls auf einen Vergeltungskrieg zu erfüllen. In der Türkei hatte sich eine Machtverschiebung vollzogen, nachdem Achmed III. 1703 durch einen Putsch an die Macht gelangt war und nach der Wiedererlangung der Festung Azov strebte, die 1696 an Russland verlorengegangen war. Darüberhinaus war der leidenschaftliche Russlandgegner Devlet II. Girai 1709 erneut zum Khan der Krimtataren ernannt wurden und setzte alles daran, einen Krieg gegen Russland anzuzetteln. Ihm zur Seite standen die Saporoger Kosaken, mit denen er sich nach langjähriger Gegnerschaft ausgesöhnt hatte. Der neue Hetman Filip Orlyk, Mazeppa war ja 1709 gestorben, galt ebenfalls als leidenschaftlicher Russlandgegner. Alle diese Kräfte wurden durch ein diplomatisches Trommelfeuer am Sultanshof durch Karls Emissäre dahingehend beeinflußt, dass sich der Sultan schließlich zu einer Kriegserklärung an Russland entschloss. Daran konnten auch die enormen Bestechungsgelder des russischen Gesandten Tolstoi nichts mehr ändern. Auch die Vermittlungsversuche Englands, Frankreichs und der Generalstaaten halfen nichts. Die Kriegserklärung erfolgte im November 1711. Karl schien am Ziel seiner Hoffnungen angelangt zu sein, doch es sollte anders kommen. Peter glaubte, den Türken durch einen Gegenschlag zuvorkommen zu können, indem er versuchte die Balkanvölker zu einem Aufstand gegen die Türken aufzuwiegeln. Anknüpfend an alte Hoffnungen der balkanischen Christen auf russische Hilfe rief Peter in Proklamationen die Glaubensbrüder auf dem Balkan auf, sich gegen die ungläubigen Unterdrücker zu erheben. Ihnen folgten jedoch lediglich eine kleine Schar von Montenegrinern. Für die Wirksamkeit dieser Idee war es zu dem Zeitpunkt noch zu früh. Erst im 19. Jahrhundert gelangte die russische Variante des Panslawismus zur vollen Geltung, nachdem sie ein ideologisches Fundament erhalten hatte, und der Schutz der orthodoxen Balkanvölker zur russischen Staatsraison wurde. Er selbst brach mit einem Heer in Richtung Donau auf. Der undurchsichtige Großwesir Baltaci Mehmed Pascha, der den Feldzug leitete, verschleppte zunächst den Abmarsch und den späteren Aufmarsch der türkischen Truppen aus unbekannten Gründen und gab Peter Gelegenheit, seine Armee zu sortieren und in die Moldau einzurücken. Obwohl der Fürst der Moldau Dimitrie Cantemir inzwischen offen und der der Walachei Constantin Brancoveanu verdeckt zugunsten des Zaren agierten, gelang es diesem trotz der Zögerlichkeit des Großwesirs nicht, rechtzeitig einen ausreichenden Nachschub sicherzustellen. In der Nähe von Husi am Pruth, in Stalinesti, wurde die russische Armee von einer überlegenen türkischen Streitmacht eingekesselt und Peter konnte sich mangels Lebensmitteln kaum noch wehren. Für ihn gab es schließlich nur noch zwei Möglichkeiten: Gefangennahme oder Tod. Da geschah das rätselhafte „Wunder am Pruth“, wie es in der Literatur heißt. Die Türken nutzten ihre Chance nicht, und der Großwesir verzichtete auf die Vollendung seines militärischen Triumphes und die Gefangennahme des Zaren und damit auf alle sich daraus ergebenden Möglichkeiten. Wie ist das zu erklären? Bei den Verhandlungen mit dem Großwesir war auch die Zarin Katharina ohne Peter in dessen Zelt erschienen, und das Ergebnis war, dass die Russen mit dem Zaren an der Spitze freien Abzug erhielten. Mit Musikbegleitung und wehenden Fahnen zogen die Besiegten in voller Ordnung ab, als wären sie die Sieger. Allerdings war der Großwesir jetzt um ein Vielfaches reicher als vorher und zusätzlich im Besitz des gesamten Schmuckes der Zarin. Dass sie bei der Gelegenheit auch die Geliebte des Großwesirs gewesen sei, wie hartnäckig kolportiert wurde, gehört sicher in den Bereich der Legenden. Der Historiker Reinhard Wittram bietet eine ganz andere, sehr viel einleuchtendere, Erklärung für das „Wunder am Pruth“ an: Es sei vor allem die Furcht vor einem Eingreifen Österreichs bei einer Zerschlagung Russlands gewesen, die dem Interesse von Wien zuwider gelaufen sei, zumal es nach der Niederschlagung des Rakoczi-Aufstandes (Kuruzzen- Krieg) die Hände wieder frei hatte, und mit dem Prinzen Eugen an der Spitze seiner Streitkräfte einen furchterregenden Gegner darstellte. Einem solchen Gegner sei die Türkei nicht gewachsen gewesen und deshalb sei der Wesir vor einer Vernichtung Russlands zurückgeschreckt. Für die Türkei waren die relativ milden Kapitulationsbedingungen akzeptabel: Die Festung Asov und die kurz vorher errichteten Verteidigungsanlagen mußte Russland an die Türkei abtreten, die neu errichtete Schwarzmeerflotte war an die Türkei zu verkaufen, Russland musste Polen räumen und Karl XII. die Heimkehr durch Polen gestattet werden, die jetzt wieder aufgenommenen Tributzahlungen an die Tataren durften aber geheim bleiben. Auch mußte sich Russland bequemen, zuzulassen, dass der verjagte polnische König Leszczinski wieder auf den polnischen Thron gesetzt werde. Für Karl war das Ergebnis dieser Kampagne eine Katastrophe. Empört intervenierten er und sein Agent Funk beim Sultan und forderten die Absetzung des Großwesirs, was dann mit einiger Verzögerung am 20. November 1711mit der Anschuldigung der Bestechlichkeit auch geschah. Die Türkei blieb jedoch bei den Abmachungen mit Russland. Karl wurde sogar bedeutet, sich unverzüglich auf den Weg über Polen in sein Heimatland zu machen. Gleichzeitig wurden ihm die zum Lebensunterhalt notwendigen Tagegelder gesperrt und die Paschas Kara-Mohammed und Hassan nach Bender beordert, um ihn durch Polen zu geleiten. Karl dachte gar nicht daran, sich fortzubewegen, und liess den Wesir wissen, dass er auf den ersten Türken, der sich ihm feindlich zu nähern wage, feuern werde. Dem neuen Wesir Jussuf Dschurdchi gegenüber erklärte der „heroische Eisenkopf“ (Demirbasch), er gedenke nur mit einem ansehnlichen Armeekorps und 600.000 Skudi in den Taschen das türkische Gebiet zu verlassen. Im übrigen sei er bereit, gegen die zu Feinden gewordenen Gastgeber kämpfend zu sterben. Immerhin erhielt Karl daraufhin wenigstens seine Tagegelder wieder. Als sich herausstellte, dass Peter die Erfüllung seiner Auflagen aus der Abmachung vom Pruth verschleppte, verhärteten sich die Beziehungen zwischen der Türkei und Russland wieder, und es entstand wieder eine wachsende Kriegsgefahr. Jetzt erst lenkte Peter ein und begann damit, die Friedensauflagen zu erfüllen. Am 21. April 1712 ließ dann der Sultan den König wissen, dass der ins Auge gefasste Krieg gegen die Russen nach der im Verhalten Peters eingetretenen Wendung fallen gelassen worden sei. Nach der Vermittlung durch die Vertreter Englands und der Generalstaaten kam es sogar zu einem Vertrag auf 25 Jahre. Dieser Nachricht fügte der Sultan eigenhändig hinzu: „Diesem meinem kaiserlichen Briefe gemäß wurde die Leitung Ihrer friedlichen Rückreise nach Schweden durch Polen dem Krimkhan und dem Pascha Ismael von Bender anvertraut; Sie müssen also nun auch tun, was dieser unser Brief empfiehlt.“ Karl dachte erneut nicht daran, sich fortzubewegen, zumal er, wie er auch geltend machte, völlig mittellos war. Bis Oktober 1712 geschah also gar nichts. Bewegung kam in die Angelegenheit, als immer klarer wurde, dass Peter doch nicht bereit war, Polen gänzlich zu räumen und zuzulassen, dass Lesczcinski wieder auf den polnischen Thron gesetzt wurde. Auf das Betreiben des Khans hin erfolgte eine erneute, aber eher halbherzige, Kriegserklärung an Russland. Immerhin wurden die Tataren großzügig ausgestattet, und der König erhielt 1.000 Beutel Gold, um seine Angelegenheiten zu regeln. Karl nannte den Sultan überschwänglich einen „unschätzbaren Diamanten“, nachdem ihm die frohe Botschaft mit Militärmusik überbracht worden war. Weiterhin wurden alle notwendigen Kriegsvorbereitungen getroffen. Doch dieses Mal verdarb Karl selbst seine Sache. Er verteilte das erhaltene Geld sogleich an seine Gläubiger und Offiziere, ja sogar an die Musikanten des Paschas von Bender, und verlangte immer neue Summen, um die großen Schulden, die er bei allerhand fragwürdigen Geschäftsleuten gemacht hatte, bezahlen zu können. Er ließ mitteilen, dass er sich nicht von der Stelle bewegen würde, bis dies nicht geschehen sei. Hartnäckig verweigerte er seine Rückkehr zur See und über Frankreich sowie durch Polen und lehnte auch anderweitige Vermittlungsversuche kategorisch ab. Diese starre Haltung führte letztendlich dazu, dass sein Beauftragter Funk in Istanbul verhaftet wurde und der Sultan beim Mufti eine Fatwa erwirkte, dass auch der König verhaftet werden sollte. Dieser wehrte sich in einem aussichtslosen Kampf, dem 150 Türken und Tataren zum Opfer fielen, mußte sich aber am 12. Februar 1713 schließlich leicht verwundet gefangen geben. Unter strenger Bewachung wurde er dann zum Schloß Timuratsch bei Demotika in der Nähe von Istanbul gebracht, wo er bis zu seiner Abreise als Gefangener des Sultans lebte.

In der Zwischenzeit unternahm der Sultan einen Schachzug gegen Russland, der aber wohl nur als Drohgeste gedacht war. Die Vertreter des Zaren hatten nämlich im Sommer 1713 wieder einmal den Tribut in Höhe von 40.000 Dukaten verweigert und den Sultan dadurch sehr verärgert. Dieser entschloß sich nun nach außen hin zu verkünden, dass er den wieder abgesetzten König von Polen, Stanislaw Leszczinski, der sich als Gast der Türkei in Bender befand, wieder auf den polnischen Thron zu setzen und August den Starken aus Polen hinauszutreiben gedenke. In Wirklichkeit waren die Maßnahmen zu diesem Schritt eine Drohkulisse gegenüber Russland. Anfang 1714 lenkte dann Russland wieder einmal ein und der Spielball Leszczinski musste sich wieder ins Exil nach Ungarn (Kronstadt) begeben. Karl verlieh ihm nach seiner Rückkehr nach Schweden ein unbefristetes Aufenthaltsrecht in Zweibrücken, das in Personalunion mit Schweden regiert wurde. Nach Karls Tod im Jahre 1718 allerdings wurde dieses Aufenthaltsrecht aufgekündigt, da die äußerst kostspielige Hofhaltung Leszczinskis die finanziellen Möglichkeiten des Fürstentum überstieg. Er fand dann Zuflucht beim Herzog Leopold von Lothringen, zog es aber aus Angst vor Anschlägen durch August den Starken vor, sich in den französischen Festungen Landau und Weißenburg im Elsaß zu verschanzen. Nach der Eheschließung seiner Tochter mit Ludwig XV. von Frankreich wurde ihm das sehr repräsentative Schloß Chambord an der Loire in der Nähe von Blois als Wohnort zugewiesen. Im polnischen Erbfolgekrieg gelangte er nochmals für kurze Zeit auf den polnischen Thron (September 1733 bis Januar 1734) und wurde schließlich mit dem Herzogtum Lothringen belehnt. Der vorherige Herzog Franz Stephan, der spätere Ehemann von Maria Theresia und spätere Kaiser, wurde mit dem Herzogtum Toscana abgefunden. Nach dem Tod Lezczinskis im Jahr 1766 fiel Lothringen an Frankreich.

Karl lebte nach seiner Gefangennahme verbittert und apathisch in seinem Zwangsaufenthaltsort und machte keinerlei Anstalten, die Türkei zu verlassen. Weder die vielen Vermittlungsangebote ausländischer Mächte, noch die Herabsetzung der Tagegelder auf ein Minimum und die erneute Verhaftung seines Agenten Funk konnten ihn umstimmen. Die großzügige Offerte des Kaisers Karl VI., ihn im Falle einer Rückkehr nach Schweden in allen Ehren und in gebührender Weise an der österreichische Grenze zu empfangen und ihn durch kaiserliches Gebiet zu geleiten, ließ er unbeantwortet. Erst als Anfang 1714 General Liewen im Auftrag von Karls Schwester Ulrike Eleonore von Stockholm aus in Demotika eintraf und ihm mitteilte, dass seine unverzügliche Heimkehr angesichts der desaströsen Lage des Reiches dringend geboten sei, erwachten seine alten Lebensgeister wieder, und er entschloss sich zur frühestmöglichen Abreise aus der Türkei. Der Sultan war erleichtert, als nun die Aussicht bestand, seinen unerwünschten königlichen Gast endlich los zu werden, und wendete sich anderen Belangen des Reiches zu. Ein für die Türkei inzwischen eher marginaler Bereich, für die Donaufürstentümer aber von schicksalhafter Bedeutung, war die Nachfolgeregelung für die wegen ihrer Schaukelpolitik zwischen der Türkei und Russland in Ungnade gefallenen Fürsten der Moldau und der Walachei. Der Fürst der Moldau, Dimitrie Cantemir, der schon vor dem „Wunder vom Pruth“ offen zu Russland übergelaufen war, entging seinen Häschern nur durch den Umstand, dass die Zarin Katarina, die nach der Einigung mit dem Großwesir freien Abzug genoss, ihn in ihrem Wagen mitnahm. So rettete sie sein Leben und er wurde zu einem der engsten Berater des Zaren. International gelangte er wegen seiner literarischen Tätigkeit zu hohen Ehren und wurde u.a. Mitglied der „Brandenburgischen Sozietät der Wissenschaften“. Sein walachischer Kollege Constantin Brancoveanu hatte weniger Glück. Nach einer Phase strengster Überwachung wurde er schließlich zusammen mit seinen vier Söhnen nach Istanbul verbracht, wo der Henker auf sie wartete. Die Hinrichtung erfolgte am 15. August 1715. Cantemir und Brancoveanu waren für über 100 Jahre die letzten einheimischen Fürsten gewesen. An ihrer Stelle wurden nun hochrangige griechische Adlige und Geschäftsleute aus dem Istanbuler Stadtteil Phanar zu Fürsten ernannt. Diese erkauften sich für viel Geld den Thron und nutzten die in der Regel kurzen Herrscherzeiten, um das Land gründlich auszupressen und sich exorbitant zu bereichern. Sie schufen ein Klima der Rechtsunsicherheit und der Korruption, in dem die Simonie und die Erpressung blühten. Es war auch die Zeit, in der die für Rumänien so typischen Überlebenstechniken wie das System der Clanbildung und die vielfältigen Methoden, sich mit Hilfe von Seilschaften auf Staatskosten persönlich zu bereichern, entstanden, und die die Phanariotenzeit bis heute überdauerten. Die Phanarioten wechselten sich in der Herrschertätigkeit ab, aber einige schafften es, wiederholt den Thron zu besteigen. Besonders hervorzuheben ist Constantin Mavrocordat, der es sechsmal zum Fürsten der Walachei und viermal zum Fürsten der Moldau brachte. Die Hauptleidtragenden waren die Bauern, die die überwältigende Mehrheit der Bevölkerung ausmachten, ein Umstand, der immer wieder zu mehr oder weniger heftigen Bauernunruhen führte, zuletzt 1888 und dann schließlich zum staatserschütternden Bauernaufstand von 1907.

Vorbereitungen zur Heimkehr

Nach seiner Entscheidung, die Türkei zu verlassen, ging Karl fieberhaft daran, die nötigen Vorbereitungen zu treffen. Es war kein leichtes Unterfangen, alles minutiös zu planen, wie es seine Art war. Ihm waren noch ca. 1.000 Soldaten und Offiziere verblieben, und nun mußte für alle eine Reiseroute, die realistischen Reiseetappen und die für die Reise nötigen Unterkünfte organisiert werden. Außerdem mußte das nötige Begleitpersonal wie Dolmetscher und Führer sichergestellt werden. Sein Hauptproblem war aber, die nötigen Mittel zu beschaffen, nachdem ihm der Sultan signalisiert hatte, dass seitens der Türkei nichts zu erwarten sei. Nachdem er sich hohe Darlehen in Istanbul beim englischen Kaufmann Cook und beim französischen Gesandten Desalleurs, der sich sehr umtriebig immer wieder um Vermittlung zugunsten Karls bemüht hatte, beschafft hatte, brach er am 1. Oktober in Begleitung eines türkischen Ehrengeleites von Demotika in Richtung Norden auf. Der Zug bestand aus 300 Pferden und 60 Wagen. Am 4. Oktober erreichte er Pitesti, wo der vereinbarte letzte Sammelpunkt auf türkischem Boden war. Hier wartete er das Eintreffen der vom kommandierenden General in Siebenbürgen, Stephan compte de Steinville, geliehenen 50.000 Gulden ab, um die er einen seiner Beamten nach Kronstadt geschickt hatte. Währenddessen teilte er sein inzwischen angewachsene Gefolge in Abteilungen unter dem Kommando von Hauptleuten ein und gab ihnen genaue Instruktionen für ihre Weiterreise durch Siebenbürgen, Ungarn, Österreich und Deutschland nach Stralsund. Er selbst begab sich dann auf ein Landgut in der Nähe von Pitesti, um in engerem Kreise seine eigene Weiterreise zu organisieren. In seiner Begleitung befanden sich der General Poniatowski, Graf Thure Bielcke, Oberst Bosquet, Oberst Buddenbrook, Gardekapitän Adlerfeld, Oberst Düring, Generaladjutant Gustav Friedrich von Rosen, des Königs Kammerdiener Melchior Neumann, der Dolmetscher Babtista Savari, zwei Lakaien und zwei Stallknechte. Buddenbroock, den Dolmetscher Savari, den Kammerdiener Neumann und einen Lakaien schickt er in Richtung Belgrad, von wo aus sie die Reise fortsetzen sollten. Alle anderen bis auf von Rosen und Düring wies er an, ihm einen Tag nach seinem Aufbruch zu folgen. Er selbst wollte allein und inkognito, nur von von Rosen und Düring begleitet, die Reise antreten.
Der Wiener Hofkriegsrat, die oberste Militärverwaltung, maß dem Fall hohe Bedeutung bei und traf diverse Vorkehrungen. Man wollte ganz augenscheinlich verhindern, dass die Schweden ohne Kontrolle Siebenbürgen und Ungarn passierten. Zu tief sass noch der Schock, den Franz Rakoczi mit seinem gefährlichen Aufstand, dem Kuruzzenkrieg, hervorgerufen hatte, und der vom Ausland aus immer noch versuchte, Bündnisse gegen den Kaiser zustande zu bringen. Schon am 14. Juni, Karl hatte gerade dem Sultan offiziell mitgeteilt, er wolle nun das Land verlassen, und um einen Pass gebeten, erhielt der kommandierende General in Siebenbürgen Stephan de Steinville die Weisung, den König für den Fall, dass er seine Durchreise nicht besonders anmelden sollte, „mit aller Höflichkeit und Ehrerbietung“ und unter Salutschüssen zu empfangen und mit einer entsprechenden Ehrenwache zu umgeben. Weiterhin sollte dem König bedeutet werden, dass ein würdigerer Empfang nicht erfolgen könne, da dieser es versäumt habe, seine Ankunft anzuzeigen. Noch ging man davon aus, Karl werde den Weg über Peterwardein, eine österreichische Festung an der Donau gegenüber vom heutigen Novi Sad, nehmen. Als der österreichische Gesandte in Istanbul Fleischmann dann aber berichtete, der König sei unterwegs nach Siebenbürgen über Bukarest und Targoviste, wurde Fleischmann angewiesen, den genauen Grenzübergang und die geplante Route anzufordern. Gleichzeitig sollte Fleischmann dem schwedischen Abgesandten Grothausen, der sich gerade in Istanbul befand, um Geldanleihen vorzunehmen, unmissverständlich mitteilen, dass der König, nachdem er sich nun entschlossen hätte, über Siebenbürgen zu reisen, unbedingt die Route Großwardein, Ofen und Niederösterreich zu nehmen habe, da nur so die Beförderung und Einquartierung sichergestellt werden könne. Schlesien sei dagegen strikt zu meiden, da man anderenfalls befürchten müsse, dass der König von den nordischen Mächten angegriffen, und so der Krieg in die kaiserlichen Lande getragen werde. In Wirklichkeit wollte der Kaiser den König aus Schlesien fernhalten, weil er tumultartige Sympathiekundgebungen der evangelischen Schlesier befürchtete, nachdem Karl ihnen in der Altranstädter Konvention zu einer befriedigenden Existenz verholfen hatte. In der Weisung des Hofkriegsrates hieß es dann wörtlich: „…..Zum Beweise besonderer Freundschaft und Hochachtung aber gestatte der Kaiser nicht nur den Durchzug des Königs und seines Hofstaates sondern auch den der ganzen Suite, doch müsse dieselbe des Unterhalts wegen in 2 oder 3 Routen getrennt marschieren und wäre über dieselbe eine genaue Liste an den Hofkriegsrath zu richten…..“. Schließlich wurde Fleischmann beauftragt, den Zeitpunkt des Übertritts der Schweden auf österreichisches Gebiet zu melden und dafür zu sorgen, dass sich unter ihnen keine politisch verdächtigen Personen befänden. Sicher waren unter „politisch verdächtige Personen“ Rakoczi-Anhänger gemeint, wie überhaupt der Hofkriegsrat ganz offenbar die Befürchtung hegte, eine eventuell unkontrollierbare Zusammenrottung könnte durchaus zur Gefahr werden. Diese Befürchtung wurde noch deutlicher in der Weisung, die an den kommandierenden General in Siebenbürgen erging, nämlich, dass dieser die Schweden persönlich durch das Land geleiten und streng darauf achten solle, dass der König auf keinen Fall den Weg durch Schlesien einschlage. Außerdem solle er den Durchzug streng überwachen und den zu erwartenden großen Zulauf des Volkes an „lutherischen Orthen“ unterbinden. Gemeint waren natürlich die Ortschaften der ausnahmslos lutherischen Siebenbürger Sachsen und der lutherischen Ungarn und Szekler, letztere vor allem im Burzenland beheimatet. Auch wurde angekündigt, dass zur Unterstützung des Generals der Feldmarschallleutnant Graf Welczek und dessen Stellvertreter Generalfeldwachtmeister Graf Tollet entsandt worden seien. Schließlich wurde dem General am 1. Oktober direkt aufgetragen, den König nötigenfalls darauf aufmerksam zu machen, dass der Kaiser ihm unter keiner Bedingung gestatten könne, einen Weg durch kaiserliches Gebiet zu nehmen, den er vorher der Regierung nicht angezeigt habe. Die Aufregung im Hofkriegsrat muss also erheblich gewesen sein. Die Lage entspannte sich erst, als der schwedische Legationssekretär Stiernhöck am 18. Oktober in Wien verkündete, der König werde nicht durch Schlesien ziehen, wünsche aber, für seine Person unerkannt zu reisen, und verzichte daher auf jeglichen pomphaften Empfang durch die Behörden. Weiterhin teilte er mit, dass die Liste des ca. 1.000 Mann umfassenden Gefolges ehestens zugestellt werde. Nicht ohne Ironie teilte er dann auch mit, dass sich bezüglich der vom Hofkriegsrat befürchteten „verdächtigen Personen“ „….kheine Ungarn von denen, die an der jezo gedämpften Rebellion Theil gehabt….“ dabei befinden würden. Dennoch erhielt Graf Welczek am 22. Oktober nochmals genaue Instruktionen, in welcher Form die Überwachung des Schwedenkönigs zu erfolgen habe. Unterdessen hatte der kommandierende General die siebenbürgische Landesregierung, das königliche Gubernium in Hermannstadt aufgefordert, für den Empfang und den Unterhalt der Schweden die entsprechenden Maßnahmen zu ergreifen. Die beiden adhoc ernannten Kommissäre Gubernialrat Graf Michael Mikes und Stephan Kornis sollten alles koordinieren. Da man erwartete, dass der König über den Törzburgpass nach Kronstadt reisen würde, begab sich Steinville dorthin, um ihn persönlich zu empfangen. Ein Kronstädter Zeitgenosse berichtete darüber: „1714 den 21 Oktober kam der commandierende General von Siebenbürgen Graf Steinville in Kronstadt an und traf nebst dem hier bereits anwesenden Michael Mikes die Anstalten zum Empfang des Königs. Der erstere hatte 600 Reiter, Mikes dagegen 300 Szekler in Bereitschaft, dem König an die Gränze der Walachei entgegenzugehen und denselben mit dieser Mannschaft durch ganz Siebenbürgen zu begleiten. Die Wände der Zimmer des Rosenauer Pfarrhauses wurden mit persischen Teppichen bekleidet, dem König ein angemessenes Quartier zu gewähren, eine große Küche auf dem Markt dieses Ortes errichtet und ein Silberservice im Werth von 1.500 Gulden vom commandierenden Generalen zur Besetzung der Tafel nach Rosenau geführt“. Am 23. Oktober befahl der Hofkriegsrat sämtlichenTruppenkommandanten in Ungarn, die Anordnungen der den schwedischen König begleitenden Kommandeure Graf Tollet und Graf Welczek zu befolgen und den Durchzug in jeglicher Weise zu fördern. Zugleich erhielt Steinville zwei Marschrouten übersendet, auf welche das Gefolge zu verteilen sei. Sammelpunkt sollte in jedem Fall der Knotenpunkt Szilaghyi-Somlyo ( Schomlenmarkt, rum. Simleu Silvaniei, ganz in der Nähe von Zalau) sein, von wo aus der Marsch dann weiter gehen sollte.

Die Heimkehr

Während Steinville in Kronstadt auf Posten stand, und alle Welt auf die Ankunft des Königs wartete, passierte dieser unerkannt den Rotenturmpass. In der Nacht vom 6. auf den 7. November waren der König und seine beiden Begleiter ohne Führer und nur mit je einem zusätzlichen Handpferd versehen aufgebrochen, nachdem sie sich die Tarnnamen Peter Frisch, Johann Palm und Erik Ungarn zugelegt hatten. Den Rotenturmpass erreichten sie jedoch verspätet, weil sie ohne Führer auskommen wollten und sich in dem großen Wald davor hoffnungslos verirrten.Nach längerem Suchen trafen sie schließlich auf einen an seinem Feuer eingeschlafenen Schweinehirten, der sie gegen Entlohnung zur Landstrasse hinführte. In Kinen (rumänisch Caineni) machten sie kurz Rast und der König ritt mit Düring in hohem Tempo weiter. Von Rosen hatte Weisung erhalten, ihnen in vier Stunden zu folgen und ihnen dann immer auf den Fersen zu bleiben. Um 11 Uhr erreichten sie Hermannstadt, hielten sich aber dort nicht auf, sondern galoppierten unter Führung von zwei Postillionen über Großau in Richtung Westen. Oberst Düring war solchen Strapazen nicht gewachsen und stürzte noch vor der nächsten Poststation ohnmächtig vom Pferde. Man brachte ihn an ein nahes Wasser, wobei der König selbst mit Hand anlegte. Dieser setzte nun mit einem der Postillionen den Weg fort, geriet aber zwischendurch auf Abwege, so dass Düring, der, sowie er sich etwas erholt hatte, nachgeritten war und sogar noch vor Karl auf der nächste Station ankam. Von hier aus eilten sie dann an Klausenburg, Zalah (Zalau, Zillenmarkt) und Szilaghyi-Somlyo (Schomlenmarkt, Simleu Silvaniei) vorbei. Hier überholten sie den zu ihrer Überwachung abkommandierten Grafen Welczek, ohne dass dieser sie erkannt hatte. Über die Kumanensteppe und über die noch heute befahrene Steinbrücke bei Hortobaghy ging es dann in atemberaubenden Tempo weiter nach Ofen und über Ungarisch-Altenburg (Mosonmagyarovar) nach dem Knotenpunkt Bruck an der Leitha und dann weiter über Wien, Passau Regensburg, Nürnberg, Würzburg, Hanau, Kassel, Göttingen, Braunschweig, Güstrow, Loitz und Tribsen nach Stralsund, wo sie in der Nacht vom 21. auf 22. November unter tosendem Beifall eintrafen. Dieser phantastische Ritt Karls XII. ist in die Annalen der Weltgeschichte eingegangen, denn der nun legendäre König von Schweden hatte über Stock und Stein 2.150 km in nur 15 Tagen hoch zu Ross zurückgelegt. Wie viele Pferde er dabei zuschanden geritten hat, ist nicht überliefert.

In der ersten Novemberhälfte rückte auch das Gefolge des Schwedenkönigs über den Törzburgpass auf Rosenau vor. Fieberhaft aber vergeblich fahndete die österreichische Seite nach dem König. Der war inzwischen Hunderte von Meilen entfernt. Nach dem Bericht des damaligen Kronstädter Stadtprediger Daniel Fronius trafen ein „am 9. November 1714 zuerst eine, wie es hiess, 300 Mann starke Abteilung Schweden, welche sich gleich weiter nach Heldsdorf begab. Die zweite Abteilung folgte am folgenden Tage nach , gleichfalls in 300 Mann bestehend; und am 11. November erschien daselbst auch die dritte Abteilung mit dem Hofprediger Karl Sternelle, welcher auch in die Stadt fuhr, den Stadtpfarrer sowie den Stadtprediger Daniel Fronius zu besuchen. An dem nämlichen Tag wurde den in die Stadt gekommenen Schweden auf den Wunsch des Hofkanzlers Baron Molern in der großen Kirche von Stadtpfarrer Paul Neidel in hochdeutscher Sprache gepredigt.“ Am 12. November folgte die vierte ,am 13. November zog die fünfte und letzte Abteilung durch Weidenbach. Die um die 1.500 Mann starke Mannschaft logierte in Rosenau, Heldsdorf und Nussbach. Hinzu kamen noch Polen, Türken, Tataren und Juden.

Um die gleiche Zeit erreichten auch der holsteinische Bevollmächtigte und enge Vertraute des Königs, Friedrich Ernst von Fabrice, sowie der Kaufmann de la Motraye von Targoviste kommend Kronstadt, die „gut befestigte Stadt, stark bevölkert mit Magyaren, echten Sachsen, Deutschen und einigen walachischen und bulgarischen Flüchtlingen“, wie Fabrice schreibt. Die Behörden waren sehr befremdet, als sie von Fabrice erfuhren, dass der König unter allen Umständen inkognito reisen wolle. Der Gast und sein Wegbegleiter empfingen in ihrer Wohnung die Spitzen der Kronstädter Gesellschaft und waren Gegenstand allgemeiner Aufmerksamkeit. Am 29. November reisten sie in Richtung Hermannstadt und stellten unterwegs zu ihrer Verblüffung fest, dass die Behörden immer noch nach dem Verbleib des Königs fahndeten, zu einem Zeitpunkt, als dieser schon längst wieder in Stralsund war. In Hermannstadt mussten sie sich sofort gegenüber den Behörden ausweisen, da man sie für Schweden hielt. Auch die Hermannstädter Gesellschaft machte ihnen ihre Aufwartung und drückten bei dieser Gelegenheit „ihre Verehrung für einen Fürsten aus, welchen sie für einen zweiten Gustav Adolph oder für eine der hervorragendsten Stützen des Protestantismus hielten“. Während eines Besuches beim Hermannstädter Bürgermeister Johann Hossmann von Rothenfels traf ein Kurier von seinem Vorgesetzten, dem 1. Minister von Holstein Georg Heinrich von Görtz ein, der ihn zu einer sofortigen Begegnung aufforderte. Nach wenigen Stunden traf er auf Görtz und sie reisten dann gemeinsam über Weissenburg, Klausenburg und Debrecen nach Wien und von dort zu Karl nach Stralsund. Karl machte Görtz daraufhin zu seinem Generalbevollmächtigten, was diesem in Schweden viele Feinde eintrug. Insbesondere bei Karls Schwester Eleonore und ihrem Mann, dem späteren König Friedrich I. von Hessen Kassel galt er als „Verderber“ Schwedens und wurde am 19. Februar 1719 enthauptet.
Die schwedischen Soldaten zogen nach einer vom 8. November datierten Marschroute über Rosenau, Heldsdorf Nussbach, Vargyas (rum. Varghis), Sommerburg (rum. Jimbor), Reps, Deutschkreuz, Schaas, Zuckmantel, Band, Mehes (Bienendorf, rum. Mihesu de Campie), Doboka (rum. Dobaca) nach Szilagyi-Somlyo (Schomlenmarkt, rum. Simleu Silvaniei) und von dort in Richtung Ungarn. Die letzten kamen im Sommer 1715 in Schweden an.

Schluss

Von Karls Mannschaft waren, bevor er noch ernstlich an das Verlassen des türkischen Bodens dachte, grössere und kleinere Trupps, auch einzelne Offiziere, durch Siebenbürgen gezogen. Die ersten Durchzügler erschienen schon im Jahre 1710, wenigstens ist zu diesem Jahr folgende Widmung in das Kirchenbuch der evangelischen Gemeinde in Honigberg bei Kronstadt eingetragen: „Legata. 1710 schenken die durchpassierenden Schweden Geld bey die hiesige Kirche, woraus der Altar ist gemacht worden.“ Auch später passierten wieder Schweden die Gemeinde, denn auf demselben Blatt steht: “171(?) ist auch das Positiv aus dem Legat Gustavi Soldan eines schwedischen Offiziers gemacht worden. Gegen Ende des Jahres 1711 zog Andreas Heldmann aus Hermannstadt mit einem schwedischen Offizier nach Schweden. In Uppsala machte er später eine akademische Karriere. Vor dem Jahr 1713 sind Schweden auch durch Kronstadt gezogen. Sie wussten nur rühmliches zu erzählen über den dortigen lutherische Gottesdienst und über die Gastfreundschaft der Kronstädter, wie der aus Kronstadt stammende Hallenser Historiker Martin Schmeitzel zu berichten weiss. Nach Karls Gefangennahme im Februar 1713 zogen sich etliche seiner Landsleute nach Kronstadt zurück. Beispielsweise verließ Professor Magister Wirfel aus Greifswald am 13. März 1713 nach achttägigem Aufenthalt in Begleitung zweier schwedischer Offiziere die Stadt. Schmeitzel berichtet: „Da aber der König in Schweden Carolus XII. seit der anni 1709 fatalen Schlacht bey Pultawa sich mit dem Rest seiner Völker in der Moldau bey Bender aufgehalten und dieses Jahr (1713) von den Türken und Tataren feindlich angehalten und gefangen weggeführt worde so habenn, sich viele von seinen Leuthen hoc anno nach Cronstadt reteriert, ja die gantze Zeit über sind beständig Schwedische Herren ab und zugereiset, wie denn auch ein Graf Torstenson daselbst gestorben und in die grosse Kirche begraben worden.“

Da das Zurückfluten der Schweden in Siebenbürgen natürlich großes Aufsehen erregt hatte, konnte es nicht ausbleiben, dass sich sehr bald eine Sagen- und Legendenbildung dieses Ereignisses bemächtigte. In Kronstadt wurde verbreitet, der König habe noch von türkischem Boden aus inkognito einen Abstecher nach Kronstadt gemacht und dort einem Gottesdienst in hochdeutscher Sprache beigewohnt. In Heldsdorf hielt sich bis in die Neuzeit hinein die Sage, Karl habe hier das Abendmahl eingenommen und der Kirche dafür die Altrarblätter mit Gemälden aus der Leidensgeschichte Jesu geschenkt. Auch die Schmiede, in der Karls Pferde beschlagen worden sein sollen, wurde noch bis Ende des 19. Jahrhunderts gezeigt. In Reps erzälte man sich, Karl sei nach der Einnahme des Abendmahls vom Pfarrer Paul Figuli zu Tisch gebeten worden, und nach der Aufhebung der Tafel habe man einen Zettel mit der Aufschrift gefunden: „Beten Sie für den unglücklichen König von Schweden.“ In Hermannstadt soll er an einem Ball teilgenommen und bis in die frühen Morgenstunden mit einer Hermannstädterin getanzt haben. In Kirchberg bei Agnetheln, wo es viele hochgewachsene, blonde und blauäugige Menschen gab, wurde lange Zeit erzählt, dies seien die Nachfahren von Schweden, die sich auf ihrem Rückmarsch hier niedergelassen hätten. Schließlich wurde bis in die jüngere Vergangenheit hinein das Gerücht verbreitet, Karl habe gleich nach seiner Rückkehr ein Dekret erlassen, nach dem jeder siebenbürgisch-sächsische Theologiestudent ein großzügiges schwedisches Staatsstipendium erhalten solle, wenn er sein Studium in Uppsala aufnehmen wolle. Dies sei der Dank für die freundliche Aufnahme, die er während seiner Heimkehr in den evangelischen siebenbürgisch- sächsischen Pfarrhäusern genossen habe. Das Dekret ist nie aufgefunden worden. Sicher gab es noch viel mehr Gerüchte und Legenden über dieses spektakuläre Ereignis, die aber im Verlauf der Zeiten verblasst sind.

Nicht nur die Persönlichkeit sondern auch der Tod Karls XII. gibt Rätsel auf. Bis heute ist nämlich ungeklärt, ob er durch eine feindliche Kugel zu Tode kam, oder ob er einem heimtückischen Mordanschlag aus den eigenen Reihen zum Opfer fiel.

SIEBENBÜRGISCHE IDENTITÄTEN

Dieser Aufsatz geht auf einen Vortrag, den der Autor anlässlich der Deutschen Kulturtage in Schäßburg gehalten hat, zurück. Deshalb wurde auf Fußnoten verzichtet.

Einleitung

Siebenbürgische Identitäten im Wandel

Nach ihrer verheerenden Niederlage am Lechfeld im Jahre 955 und ihrer endgültigen Sesshaftwerdung erkannten die Magyaren, wie bereits der Staatsgründer Stephan der Heilige seinen Sohn Emmerich in einem „Libellus de institutione morum“, einer Art Fürstenspiegel, ermahnte -, dass einwandernde „Gäste verschiedene Sprachen und Sitten, verschiedene Lehren und Waffen mit sich bringen, die alle Reiche und den königlichen Hof schmücken und erhöhen, […] denn schwach und vergänglich ist ein Reich, in dem nur eine Sprache gesprochen wird und einerlei Recht gilt“.

Diese Grundsätze der Staatspolitik hat das mittelalterliche Ungarn hartnäckig verfolgt, und diese Politik hat dazu geführt, dass speziell in Siebenbürgen, das im ungarischen Staatsverband immer eine Sonderrolle spielte, eine interessante multiethnische Gesellschaft vorherrschte, die bis heute unübersehbar ist. Die im 12. Jahrhundert im Westen angeworbenen „hospites“ kamen zwar in eine dünn besiedelte Landschaft, aber durchaus nicht in ein „desertum“, also eine Einöde, wie mittelalterliche Quellen lange Zeit missverständlich interpretiert wurden, sondern sie fanden Vorsiedler verschiedenster Art vor, zu denen sie sich geschmeidig gesellten. Im Auftrag der Zentralmacht hatten die Szekler vor allem Südsiebenbürgen militärisch erschlossen und überliessen die befriedeten Gebiete den hospites, während sie selbst weiter nach Osten vorrückten. Sie waren bei ihren Operationen auf bereits konsolidierte wlachische, im späteren Sprachgebrauch rumänische, Siedlungszentren sowie auf petschenegische bzw. kumanische und andere Volksgruppen und -grüppchen gestoßen. Letztere sind schon früh in der Geschichte versunken, sei es, weil die Kooptierung ihrer Eliten in den ungarischen Adel sie führungslos machte, sei es, weil ihre Kopfstärke so gering war, dass sie auf Dauer nicht bestehen konnten. Nach der fortgeschrittenen friedlichen Ansiedlung der hospites, aus denen sich allmählich der Neustamm der Siebenbürger Sachsen formierte, stellte sich Siebenbürgen in vier ethnisch geprägten Entitäten dar: der ungarische Adelsboden, das Territorium der Szekler im Osten Siebenbürgens, das Siedlungsgebiet der Siebenbürger Sachsen und die wlachischen Siedlungsgebiete mit den Zentren der Fogarascher Senke, des Hatzeger Gebiets und des später Marginimea genannten bzw. Hamlescher Gebiets. Wlachische Siedlungen und Siedlungsgebiete hat es in unbekannter Dichte und unbekannter Gesellungsform auch im restlichen Siebenbürgen und in der Maramures gegeben. Diese vier Entitäten traten anfänglich auch in den landtagsähnlichen Zusammenkünften in Erscheinung und sind anfänglich auch gemeinsam in Kriegsaufgeboten dokumentarisch überliefert. Ab Mitte des 14. Jahrhundert tritt die natio valachorum, wie der damalige Sprachgebrauch war, nicht mehr in Erscheinung und war nicht mehr Bestandteil des national-ständischen Gefüges in Siebenbürgen. Fortan gab es nur noch die unio trium nationum: die Nation, also der Adel, die Sachsen und die Szekler. Die natio valachorum war fortan marginalisiert. Natürlich ist der mittelalterliche Begriff der Nation nicht mit dem modernen Nationalbegriff zu verwechseln. Der mittelalterliche Begriff benannte einen Rechtsverband und nicht in ersterLinie einen ethnischen Verband.
Der Identitätsbildung und -festigung dieser Entitäten sowie dem Wandel dieser Identitäten im Verlaufe der Zeit gilt es nun schlaglichtartig nachzugehen. Hierbei wird davon ausgegangen, dass zu einer Gruppenidentität ein starkes Gefühl der Zusammengehörigkeit und der kollektive Wille, diese Zusammengehörigkeit zu festigen, gehören. Weiterhin gehört die Überzeugung dazu, dass die Gruppenmitglieder in bestimmten Charakteristika wie Sprache, Religion, Wertvorstellungen, Sitten und Gebräuchen oder sonstigen Aspekten übereinstimmen. Eine Gruppenidentität ist aber nicht nur nach innen gerichtet. Sie ist nur von Belang, wenn sie in der Kontrastierung zu anderen kollektiven Identitäten wahrgenommen wird. Deshalb ist für sie eine geographische Lokalisierung, ein Raum also, wo es auch andere Gruppen mit eigener Identität gibt, für sie unabdingbar. Der hier zur Debatte stehende Raum ist natürlich Siebenbürgen.

Die Wlachen/Rumänen

Die Wlachen hatten sich nach ihrer Ethnogenese und der Absorption anderer ethnischer Elemente sehr früh geschlossen dem byzantinischen Ritus angeschlossen und galten daher im römisch-katholischen Königreich Ungarn von Anfang an als Schismatiker. Dies spielte allerdings anfänglich eine untergeordnete Rolle, wie ihre gleichberechtigte Teilnahme an den frühen landtagsähnlichen Zusammenkünften belegt. Ihre Marginalisierung setzte erst mit den radikal-katholischen Anjou-Königen im 14. Jahrhundert ein. Insbesondere die Adelsgesetzgebung Ludwigs des Großen vom Jahre 1351 bewirkte den Verlust der Gruppenautonomie der Wlachen. Diese postulierte nämlich, dass alle Adligen des Königreiches katholisch zu sein hatten. Der wlachische Adel, also die Führungselite, musste sich entscheiden, ob er dem byzantinischen Ritus treu blieb und riskierte, den Adelsstand zu verlieren, oder ob er zum Katholizismus konvertierte und im ungarischen Adel aufging. Ein Großteil des Adels entschloss sich zur Konversion und ging dem wlachischen Ethnikum als Führungskraft verloren. Prominentes Beispiel ist die Familie Hunyadi, die es in Person von Mathias Corvinus bis zum Inhaber des ungarischen Königsthrons brachte. Die Adligen, die sich der Konversion widersetzten, sanken in den rechtlosen Zustand ab, oder überquerten die Karpaten, wo sie dann bei der Formierung der beiden rumänischen Fürstentümer eine nicht unerhebliche Rolle spielten. Die Wlachen blieben also führungslos, rutschten so nach und nach in den Hörigenstand ab und schieden aus dem national-ständischen Gefüge Siebenbürgens aus. An der Orthodoxie hielten sie aber hartnäckig fest, und die Orthodoxie war für sie bis in die Neuzeit identitätsstiftend und ist es im Prinzip für die Rumänen auch heute noch. Als im 16. Jahrhundert nach heftigen Auseinandersetzungen der siebenbürgische Landtag (mittlerweile hatte sich das siebenbürgische Fürstentum unter türkischer Oberhoheit formiert) im Jahre 1568 die vier rezipierten Konfessionen etablierte, blieb die Orthodoxie außen vor und galt fortan lediglich als geduldet. Dieser Umstand ist vor allem dadurch zu erklären, dass es den orthodoxen Rumänen (die Bezeichnung „Wlachen“ war unterdessen nach und nach dem Begriff „Rumänen“ gewichen) durch den Verlust ihrer Führungselite an einer „Lobby“ mangelte, die im Landtag wie die übrigen Stände selbstbewusst hätte auftreten können. Die vier rezipierten Konfessionen zeichneten sich interessanterweise dadurch aus, dass sie in der Regel ethnisch gegliedert waren. Die Ungarn und die Szekler wandten sich, sofern sie nicht katholisch blieben oder später wieder katholisch wurden, dem Kalvinismus und dem Unitarismus zu, während die Sachsen die lutherische Konfession annahmen. Die Rumänen hielten an der Orthodoxie fest. Dieses Spektrum hat sich im Wesentlichen bis heute erhalten.
Es gab im späten Mittelalter nicht nur eine wlachische Migration nach jenseits der Karpaten sondern auch umgekehrt eine starke wlachische Immigration nach Siebenbürgen, was darauf hindeutet, dass die Lebensbedingung in den entstehenden Fürstentümern noch schwieriger waren als in Siebenbürgen. Zu Beginn des achtzehnten Jahrhunderts schwappte infolge der dortigen chaotischen Zustände aus der benachbarten Walachei eine neue Welle rumänischer Einwanderer nach Siebenbürgen. Dies hatte zur Folge, dass die Rumänen Ende des achtzehnten Jahrhunderts mit einem Anteil von knapp 60 Prozent an der Gesamtbevölkerung die größte Volksgruppe in Siebenbürgen stellten. Von einer politischen Mitwirkung in Siebenbürgen blieben sie aber nach wie vor ausgeschlossen. Eine Modifizierung ihrer Identität, die sich auf ihre Volkssprache, ihre besonderen Lebensformen und vor allem auf ihr Bekenntnis gründete, erfolgte mit dem Auftreten der sogenannten Siebenbürgischen Schule (scoala ardeleana) deren Bedeutung für die bis in die Gegenwart wirkende Konturierung der rumänischen Identität nicht hoch genug eingeschätzt werden kann. Sie war aus der auf österreichisches Betreiben entstandenen griechisch-katholischen Kirche hervorgegangen und erwuchs rasch zum geistigen und emanzipatorischen Zentrum der siebenbürgischen Rumänen. So wurde in ihren Klöstern nicht nur die erste Generation einer rumänischen Intelligenz in Siebenbürgen herangezogen, sondern infolge der ausländischen Studienaufenthalte des griechisch-unierten Klerus machten sich die Rumänen auch mit den zeitgenössischen Geistesströmungen Westeuropas (Aufklärung) vertraut. Unter den namhaftesten Vertretern der neuen griechisch-katholischen Intelligenz befand sich die „Trias von Siebenbürgen“ (Samuil Micu-Klein, Petru Maior und Gheorghe Şincai). Zu den größten Verdiensten der „Trias“ gehören unter anderem die Durchsetzung des lateinischen Alphabets (gegenüber dem bis dahin gängigen kyrillischen Alphabet), die Erhebung des Rumänischen zur Schriftsprache und die wissenschaftliche Aufbereitung der Theorie von der dakisch-römischen Kontinuität. All dieses wurde mit Begeisterung auch jenseits der Karpaten übernommen und bewirkte dort die gleiche „neue“ Identitätsstiftung. Mitglieder des griechisch-katholischen Klerus waren auch federführend bei der Abfassung eines Memorandums (Supplex Libellus Valachorum), das im Jahr 1791 Kaiser Leopold II. unterbreitet wurde. Darin wird Leopold II. aufgefordert, die Siebenbürger Rumänen aus ihrer benachteiligten sozialen Stellung zu befreien und in den Rang einer „ständischen Nation“ – gleichberechtigt mit den Ungarn, Szeklern und Sachsen – zu erheben. Das Memorandum blieb jedoch in Wien ohne Reaktion, worauf die Rumänen ein Jahr später (1792) einen neuerlichen Versuch unternahmen, allerdings wieder vergeblich. Während der ungarischen Revolutionswirren im Jahre 1848 griffen die siebenbürgischen Rumänen erstmals auch militärisch und propagandistisch auf der Seite des Kaisers aktiv ein. Nebenbei ist erwähnenswert, dass dabei auch die heutige rumänische Nationalhymne „desteapta te romane!“ (Rumäne erwache!) als Hymne der siebenbürgischen Rumänen entstand. Ein Zusammenschluss mit den Donaufürstentümern stand für sie damals nicht zur Debatte. Dennoch gehörten die Rumänen zu den Verlierern des Bürgerkriegs, denn es wurde ihnen keine territoriale Autonomie zugestanden, wie sie es erhofft hatten. Gleichwohl brachten die darauf folgenden Jahre zumal für die Rumänen einschneidende Neuerungen mit sich. Mit der Abschaffung der Leibeigenschaft 1854 erlangten nahezu 174.000 rumänische Bauernfamilien nicht nur die Freiheit. Vielmehr wurden sie auch infolge der Entschädigungen zu unabhängigen Landbesitzern. Außerdem wurde den zwei rumänischen Kirchen, der griechisch-orthodoxen und der griechisch-katholischen, endlich die Autonomie zuerkannt. Mit dem Entstehen Großrumäniens nach dem 1. Weltkrieg war der gesamtrumänische Identitätsbildungsprozess auf der Basis der Lehren der siebenbürgischen Schule abgeschlossen. Die gewaltigen Bevölkerungsumschichtungen vor allem in der kommunistischen Zeit verschoben Regionalidentitäten außerordentlich stark. Ein regionales siebenbürgisch-rumänisches Sonderbewusstsein verblasste zwar dadurch, blieb aber in Resten noch erhalten und ist auch heute noch in bestimmten traditionellen siebenbürgisch- rumänischen Siedlungskernen zu erkennen, was in bestimmten Bukarester Kreisen nicht selten zu Misstrauen Anlass gibt. Eine Wiederbelebung könnte ein regionales Sonderbewusstsein erfahren, wenn es gelingen sollte, die längst fällige Regionalisierung Rumäniens ins Werk zu setzen.

Die Szekler

Die Szekler, die bekanntermaßen einen Stand in der Unio Trium Nationum, der Union der drei Nationen, repräsentierten, haben im Verlauf der Geschichte einen fundamentalen Identitätswechsel vollzogen. Es ist hier nicht der Ort, ihre ethnische Herkunft zu reflektieren, zumal sich die Forschung bis heute nicht einig ist. Fest steht, dass sie sich, zumindest seit es greifbare Quellen gibt, eines magyarischen Idioms bedienten. Obwohl die Mitglieder der funktionierenden mittelalterlichen ständischen Gesellschaften ethnischen Unterschieden wenig Bedeutung zuschrieben und für sie die ständisch-gesellschaftliche Gliederung und die aufgrund dieser Gliederung entstandenen Interessenverbände bestimmend waren, gab es durchaus auch ethnische Konnotationen. Es darf nicht übersehen werden, dass neben der ständischen Partikularität die spezifischen physisch-geographischen Gegebenheiten des von den Szeklern bewohnten Territoriums einen bedeutenden Pfeiler der Szekler Identität bildeten. Der stabile und hartnäckig gewahrte ständische Status bzw. die markanten landschaftlichen Merkmale führten dazu, dass wiederholt der Terminus „Szekler Volk“ verwendet wurde. Dazu hat auch beigetragen, dass sich unter den führenden ständischen Nationen Siebenbürgens, den Mitgliedern der unio trium nationum, die „Sächsische Nation“ durch Sprache, Herkunft und Kultur von der ungarischen und selbstverständlich auch von der szeklerischen ebenfalls unterschied. Es ergab sich also die logische Folgerung, dass alle drei „Nationen“ auch über spezifische ethnische Merkmale verfügten.

Der im Mittelalter ausgebildete solide Boden der szeklerischen ständischen Identität wurde ab dem 16. Jahrhundert immer unsicherer. Verursacht wurde dies durch die geopolitischen Veränderungen und durch die Veränderung der Kriegsführung. Der Wehrdienst, den die Szekler als Dienst für ihre ständischen Privilegien leisteten, hatte nicht mehr das alte Gewicht, und die Führung des Landes begann bereits in der Zeit des Fürstentums, die allmählich ohne Gegenleistung gebliebenen Privilegien einzuschränken. All dieses fügte jedoch dem ständischen Bewusstsein der Szekler keinen Schaden zu. Sie traten

weiterhin als ständische Nation auf, forderten hartnäckig die vollständige Wiederherstellung ihrer Freiheiten, und bis Mitte des 19. Jahrhunderts änderte sich diese Grundeinstellung kaum. Dies bedeutet aber nicht, dass sich die regionale Identität des Szeklertums überhaupt nicht verändert hätte. Bereits seit Mitte des 18. Jahrhunderts gibt es Anzeichen dafür, dass die auf ihre ständische Partikularität empfindlich stolzen Szekler auch ein ungarisches Bewusstsein zu entwickeln begannen. Zweifellos spielte das Sprachedikt Josephs II., also die Einführung des Deutschen als Amtssprache in der gesamten Monarchie, bei der Entstehung des ungarischen nationalen Gedankens und beim gemeinsamen Auftreten der Ungarischsprachigen eine bedeutende Rolle. Auch die kaiserliche Verwaltungsreform, die die ständischen Autonomien abgeschafft hatte, ließ den Komitatsadel und die Szekler zusammenrücken. Die spätere Zurücknahme dieser Verwaltungsreform änderte an diesem Vorgang nichts, und es entwickelte sich zunehmend eine gesamtungarischsprachige Solidarität. Dieses Phänomen hatte zur Folge, dass in den nachjosephinischen Zeiten immer mehr Äußerungen zu vernehmen waren, die die Verpflichtung zur Schicksalsgemeinschaft mit der sich entwickelnden bürgerlichen ungarischen Nation bestätigten: so vor allem die Unterstützung der Idee der Union mit Ungarn, die immer häufigere Verwendung des Begriffs „Nation“ im bürgerlichen und nicht mehr im ständischen Sinne sowie die prioritäre Behandlung der Angelegenheit der ungarischen Sprache. Die Szekler waren also auf dem Weg, eine doppelte Identität für sich zu konstruieren: Im modernen, bürgerlichen Sinn bekannten sie sich als Angehörige der ungarischen Nation, sprachen aber weiterhin über die Szekler Nation als privilegierte ständische Nation. Wenn sie das nicht getan hätten, dann hätten sie auf die gründlich abgenutzten und verstümmelten, aber in bestimmten Bereichen des öffentlichen Lebens immer noch beanspruchten alten Freiheiten verzichtet, was für sie zu dem Zeitpunkt noch nicht in Frage kam. Dadurch verflocht sich die ständische und nationale Rhetorik. Am deutlichsten hat dies Sandor Körösi Csoma im Jahre 1825 zum Ausdruck gebracht, indem er sagte, er sei „der Sohn der szeklerischen Nation“, die „Teil der ungarischen Nation ist“. Allerdings verzichtete die Szekler Nation formell auf ihren privilegierten Status, indem sie in der Sitzung von Agyafalva (rum. Lutita) 1848 beschloss: „…..rechtlich und hinsichtlich ihrer Pflichten sind alle Bürger des Szeklerlandes gleich“. Damit hörte die ständische Szekler Nation auf zu existieren. Ungeachtet dessen haben die Szekler ihren Freiheitsmythos bis zum heutigen Tage weitertransportiert und wachgehalten. Ihre hartnäckige Forderung nach einer Autonomie des Szeklerlandes (Szekelyföld, tinutul secuiesc) im zentralistischen Staat Rumänien ist ein beredter Beleg dafür.

Die Siebenbürger Sachsen

Auch die Siebenbürger Sachsen haben im Verlauf ihrer nun bald 900-jährigen Geschichte mehrfach ihre Identität modifiziert. Heute gibt es hinsichtlich ihrer Benennung eine verblüffende Konfusion. Sie selbst nennen sich Siebenbürger Sachsen, und wenn sie unter sich sind, Sachsen. In Deutschland werden Sie Deutschrumänen oder Rumäniendeutsche genannt. In der offiziellen Sprachregelung werden sie „Deutsche rumänischer Nationalität“ genannt, wie der Außenmister Steinmeier anlässlich der Jubiläumsfeier des DFDR am 09. März 2015 ausdrücklich betonte. In Rumänien werden sie „rumänische Staatsbürger deutscher Nationalität“ genannt. Also, was sind die Siebenbürger Sachsen nun?

In den ersten uns überlieferten Quellen werden die Siedler mit dem Sammelbegriff hospites, dann flandrenses, teutonici, teutones, latini und erst später saxones benannt. Diese Mehrfachbenennung deutet darauf hin, dass es sich keineswegs um eine einheitliche Siedlergruppe gehandelt hat, und in der Tat hat es mehrere Generationen gedauert, bis sich der Neustamm der Siebenbürger Sachsen formiert hat. Bei der Übertragung des Namens Saxones, der wohl zunächst ein terminus technicus für privilegierte Siedlergruppen war, auf den sich bildenden Neustamm gewann er ethnischen Charakter, und es war zunehmend die Rede von der natio saxonica oder gar der gens saxonica. Dies waren zunächst aber Bezeichnungen von außen. Dass die Siedlergemeinschaft den Begriff Saxones für sich selbst auch in Anspruch zu nehmen begannen, erfahren wir relativ spät, nämlich im ausgehenden 14. und in der ersten Hälfte des 15. Jahrhundert. In mehreren Quellen ist jedoch vorher schon von ihrer Muttersprache, der lingua materna, die Rede. Ein interessantes Detail bei der sächsischen Identitätsfindung waren ihnen von außen zuerkannte Eigenschaften, nämlich circumspecti et prudenties (umsichtig und klug), also Eigenschaften, die mit ihnen gleichgesetzt wurden. Ab da wird dieses Ausdruckspaar auch innerhalb der Siedlergemeinschaft einen nationalen Stellenwert bewahren und geradezu identitätsstiftend werden. Ihr Nationalgefühl war ab Mitte des 15. Jahrhunderts sächsisch geprägt, d. h. man betrachtete sich als Saxones, deren nationale Bedeutung vor allem in der privilegierten Gemeinschaft auf eigenem Königsboden bestand, wobei der Nationalbegriff in erster Linie territorial-ständisch aufgefasst wurde. Das 16. Jahrhundert fügte dann dem

Bewusstsein der Siebenbürger Sachsen noch andere Bestandteile hinzu, wie etwa die deutsche Abstammung und Sprache, eigene Sitten und eigene kulturelle Leistungen. Vorher schon war ein Bewusstsein der Zugehörigkeit zum deutschen Sprachraum und Kulturkreis entstanden, vermittelt durch die rege Handelstätigkeit, die Wandergesellen und die Vielzahl siebenbürgisch-sächsischer Studierender an deutschen Universitäten. Jetzt aber intensivierte sich dieses Bewusstsein und die Sachsen begannen, sich immer mehr als Deutsche zu empfinden, ein Prozess, dem die Reformation auf der Wittenberger Basis einen weiteren Schub in Richtung Deutschtum verlieh. In den Selbstbezeichnungen wurden Sachse – Deutscher und sächsisch – deutsch zu Synonymen. So konnte es auch nicht ausbleiben, dass die Mehrheit der Sachsen sich im Bürgerkrieg nach dem Untergang des ungarischen Königreiches im Jahre 1526 auf die Seite der „deutschen“ Partei stellte
(Kronstadt bildete ein Ausnahme) und auch in späteren immer wieder aufflammenden Auseinandersetzungen auf den vermeintlich deutschen Kaiser setzte. Diese Haltung wurde von den beiden anderen Ständen als Ausbruchsversuch aus dem siebenbürgischen Verband oder gar als Landesverrat gewertet und führte zu heftigen Kontroversen im Landtag. Das Desinteresse der Kaiser an den sächsischen Belangen und die Konfrontation mit der zügellosen kaiserlichen Soldateska in der Folgezeit führte zum radikalen Umschwenken der Sachsen bezüglich ihres Bewusstseins. Bereits in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts rückte das Deutschbewusstsein in den Hintergrund und man besann sich auf die genuinsächsische Identität. Treibende Kraft hierbei war Kronstadt. Das 18. Jahrhundert, als Siebenbürgen bereits habsburgisch war, war geprägt von einer unmissverständlichen Aufwertung der sächsischen Selbstbezeichnung, so dass es als das Zeitalter des genuinsächsischen Nationalgefühls bezeichnet werden kann. Allerdings traf dies nur auf die Nationsuniversität, also den Privilegienverband zu. Die hörigen Sachsen auf Komitatsboden gehörten nur zweitrangig dazu und zwar über ihre Zugehörigkeit zur evangelischen Kirche. Umso größer war der Schock, als Joseph II. die Stände auflöste. Die Sachsen empfanden dies als einen Fall ins Nichts. Auch wenn Joseph dieses Edikt auf seinem Totenbett wieder zurücknahm, so hat sich die Nationsuniversität davon nie mehr erholt. Es setzte eine Schockstarre und Resignation ein. Friedrich Teutsch hat diese Periode „die stille Zeit“ genannt.
Das 19. Jahrhundert brachte für das siebenbuügisch-sächsische Bewusstsein einen radikalenParadigmenwechsel mit sich. Noch während der „stillen Jahre“ begann die Wirtschaft infolge der langen Friedenszeit zu prosperieren. Es einstanden Manufakturen und Handelshäuser und es entwickelte sich ein wohlhabendes Wirtschafts- und ein selbstbewusstes Bildungsbürgertum. Vereinsgründungen jeglicher Art waren die Folge. Der wichtigste Verein war der „Verein für Siebenbürgische Landeskunde“. Seine Gründung war ein nationales Großereignis und er verstand sich als volkserzieherische Agentur. Er war der Humus für den beeindruckenden Höhenflug der siebenbürgisch-sächsischen Forschung, die auch in Deutschland hoch geschätzt wurde. In seinem Gefolge entstanden Gewerbevereine und zur Hebung des Bauernstandes ein Landwirtschaftsverein und eine Vielzahl von Raiffeisenvereinen, später auch Ackerbauschulen, die Hermannstätdter Sparkasse und die Bodenkreditanstalt. Auch das Geistesleben blühte wieder auf. Johann Gött gründete das „Siebenbürger Wochenblatt“ und weitere Periodika, die der Beginn einer soliden und wirkungsmächtigen Publizistik in Siebenbürgen waren. Publizisten, Dichter, Historiker und Politiker trugen in bedeutendem Maße zur Wiederbelebung des deutsch-sächsischen Bewusstsein bei. Die volkspolitischen Debatten fanden ab nun aber außerhalb der wirkungslahm gewordenen Nationionsuniversität, die sich auf verwaltungstechnische Gebiete zurückzog, statt. Ihre letzte große Tat war die zusammen mit der Kirche im Jahre 1844 gegründete Rechtsakademie mit Universitätscharakter, die jedoch schon 1887 ihre Tätigkeit wieder einstellen musste. Der nationale Aufbruch in den deutschen Ländern im Zusammenhang mit den Befreiungskriegen und das darauf gründende Einigungsbestreben in Deutschland schlug das siebenbürgisch-sächsische Bildungsbürgertum und vor allem die akademische Jugend ebenso in seinen Bann, wie das glänzende deutsche Literaturschaffen der damaligen Zeit. Schiller wurde geradezu zum Heros hochstilisiert. Kulturell fühlte man sich eins mit der deutschen Kulturnation, zu der damals selbstverständlich auch das schweizerische und das österreichische Kulturschaffen gehörten. Bischof G. P. Binder verordnete daher nicht zufällig am 09.12.1848 das Hochdeutsche zur Pflichtsprache in Kirche und Schule. Dies hatte jedoch zur Folge, dass das Siebenbürgisch-Sächsische endgültig zur Mundart herabsank. Der begeisterten und begeisternden Hinwendung zur deutsche Kulturnation wurde allerdings eine Grenze gesetzt, wie der bedeutende Publizist Franz Gebbel im Jahre 1868 im „Siebenbürgisch-Deutschen Wochenblatt“ formulierte: „Deutschland, wunderbares Wort! Deutschland, Mutter unserer Väter, Mutter unserer Sprache, unseres Glaubens, unserer Bildung (….) Heimatland unseres Geistes, Deutschland – unser bürgerliches Heimatland bist Du nicht und wirst es niemals werden! Eine andere Heimat hat uns Gott gegeben, ihr zu leben, sie zu lieben und für sie zu sterben (….).“ Dieses Credo behielt seinen Bestand auch nach der Inkorporierung Siebenbürgens in den großrumänischen Staat nach dem 1. Weltkrieg. Daran hat die kurze aber dramatische Phase der nationalsozialistischen Umgestaltung und das Bestehen der Volksgruppenführung auf den gesamtdeutschen Gedanken im Prinzip auch nichts ändern können. Allerdings haben die Sachsen später schwer unter dieser Verirrung sehr stark leiden müssen. Wenn in der Vergangenheit die sächsische Nation im ständischen Sinne des Königsbodens verstanden wurde, so sprach man jetzt nur noch vom „sächsischen Volk“ und bezog die Sachsen auf dem Komitatsboden selbstverständlich mit ein, zumal sie nach der Revolution von 1848/49 der Hörigkeit entledigt worden waren. Mit der endgültigen Auflösung der Nationsuniversität im Jahre 1876 trat die Kirche in diese hinterlassene Lücke und wurde zum Interessenvertreter des sächsischen Volkes. Sie hat unter Führung von Bischof Georg Daniel Teutsch diese Aufgabe kraftvoll angenommen und wurde zu der, wie wir gewöhnt sind zu sagen, sächsischen Volkskirche. Die Zugehörigkeit zu ihr wurde für die Sachsen geradezu identitätsstiftend und die Kirche wurde zu ihrem hauptsächlichen Kristallisationspunkt. Auch daran konnte die kirchenfeindliche nationalsozialistische Phase nichts ändern, denn, wie jemand einmal formulierte: „Die Sachsen sind der Volksgruppenführung nur mit einem Bein nachgelaufen. Das andere Bein blieb fest unter der Kanzel einbetoniert.“ Ich komme nun zum Ausblick und beschränke mich dabei auf die Siebenbürger Sachsen.

Ausblick

Wie wir alle zur Kenntnis nehmen mussten, hat ein überwältigend großer Teil des sächsischen Volkes aus einem Knäuel von Gründen, die hier nicht zur Debatte stehen, die entscheidende Passage von Gebbels Feststellung: „Deutschland – unser bürgerliches Heimatland bist Du nicht und wirst es niemals werden! Eine andere Heimat hat uns Gott gegeben, ihr zu leben, sie zu lieben und für sie zu sterben“ für sich außer Kraft gesetzt und hat vor allem Deutschland durch die Auswanderung dorthin auch zum „bürgerlichen Vaterland“ gemacht. Ob die dortige sächsische Gemeinschaft nach dem Ableben der Erlebensgeneration ihre sächsische Identität wird bewahren können, oder ob sie zu einem Traditions- und Folkloreverband mutieren wird, soll hier ebenfalls nicht erörtert werden. Fest steht, dass die im DFDR organisierten in Rumänien verbliebenen Sachsen sich der Gebbelschen Sicht der Dinge nach wie vor verpflichtet fühlen. Das belegt ihr außerordentlich starkes und punktuell erfolgreiches kommunalpolitisches Engagement sowie die Tatsache, dass einer von ihnen es in seinem Dienst am „rumänischen Vaterland“ sogar zum Staatspräsidenten gebracht hat. Ungeachtet dessen fühlen sie sich selbstverständlich nach wie vor der deutschen Kulturnation zugehörig, was keines besonderen Beleges bedarf. Zu einer lebensfähigen ethnischen Gemeinschaft gehören, wie schon dargelegt wurde, klar erkennbare Konturen in Sitten, Gebräuchen, ethischen Normen und vor allem eine selbstbewusste Identität und ein Zusammengehörigkeitsgefühl. Darüber hinaus zeichnet sich eine vitale Gemeinschaft dadurch aus, dass sie regional fest verwurzelt ist und aus allen Generationen besteht, also aus Jung und Alt, sowie insbesondere eine leistungsstarke mittlere Generation aufweist. Das Zusammengehörigkeitsgefühl war bei den Sachsen immer sehr stark, und um es zu festigen, haben sie Gesellungsformen geschaffen, die über Jahrhunderte Bestand hatten und auch von außen mit bewunderndem Staunen betrachtet wurden: die Nachbarschaften, Bruderschaften, Schwesterschaften, später die Vereine, Kränzchen u.v.a.m. In welcher Verfassung befindet sich nun die sächsische Gemeinschaft heute? Bedauerlicherweise ist festzustellen, dass sie auf einen Bruchteil ihrer ehemaligen Kopfstärke geschrumpft ist und ein sehr hohes Durchschnittsalter aufweist, das von Jahr zu Jahr steigt. Die deutschen Schulen existieren zwar noch, werden aber mangels eigenem Nachwuchs überwiegend von andersnationalen Kindern besucht. Auch die Jugendforen setzen sich überwiegend aus nichtsächsischen Jugendlichen zusammen. Hinzu kommt noch, dass infolge der veränderten demographischen Situation gemischtnationale Eheschließungen geradezu zur Norm geworden sind. Der Nachwuchs aus diesen Familien wird seine Identität neu definieren müssen. Dieses Phänomen hat zudem zur Folge, dass die Gottesdienste der ev. Kirche zunehmend zweisprachig abgehalten werden müssen, da angeheiratete nichtsächsische Ehepartner, gelegentlich auch deren Kinder, zwar evangelisch sind, aber die traditionelle Gottesdienstsprache, nämlich das Deutsche, nicht beherrschen. Auch bezüglich der Gesellungsformen hat infolge der Globalisierung, der hohen Mobilität sowie des Siegeszugs der modernen Kommunikationstechnik ein radikaler Paradigmenwechsel stattgefunden. Große Teile der jüngeren und mittleren Generation kommunizieren per E-Mail und SMS miteinander, unterhalten sich in Chat-Rooms oder in den sozialen Netzwerken. Traditionelle Formen der Gesellung werden zur Ausnahme. Der Soziologe Ullrich Beck konstatiert eine rasante Enttraditionalisierung der Gesellschaft mit verheerenden Folgen für das gerade in Deutschland bisher stets hochgehaltene Vereinsleben. Es fehlt allenthalben an aktivem Nachwuchs. Der ehemalige Ratspräsident der EKD Huber sprach kürzlich hinsichtlich des kirchlichen Bereichs von einem signifikanten Traditionsabbruch, was natürlich das Gemeindeleben vor große Herausforderungen stellt. Vereinzelung der Menschen, diffuse Orientierungslosigkeit, Unverbindlichkeit, Beliebigkeit, Wertevakuum, Unverlässlichkeit, Gefühl der Heimatlosigkeit sind Schlagworte, die immer häufiger in der soziologischen Literatur diskutiert werden. Schon längst ist die Rede von der permissiven Gesellschaft. Sollten diese Erscheinungen, sofern sie zutreffen, angesichts der Globalisierung und der völlig offenen Grenzen ausgerechnet vor Siebenbürgen halt machen? Wohl kaum!

Dies alles kann man zwar beklagen, ändert aber dadurch nichts daran. Es ist
daher zur Kenntnis zu nehmen und zu akzeptieren. Welche Konsequenzen werden diese Erscheinungen aber für das ohnehin sehr geschwächte sächsische Gemeinschaftsleben haben? Wir wissen es nicht. Noch nicht.
Die Geschichte bleibt, wie wir alle wissen, nicht stehen. Gesellschaften entfalten und verändern sich stetig und müssen ihre Identitäten je nach Gesellschaftsbedingungen immer wieder neu begründen. Die sächsische Gesellschaft in Siebenbürgen steht also zur Zeit vor einer großen Herausforderung. Eins steht aber jetzt schon fest: Die sächsisch-deutsche Gesellschaft wird in der Zukunft ein anderes Bild bieten, als wir es aus der Retrospektive heraus kennen.

Die Handwerkerstadt Schäßburg im Rahmen der siebenbürgischen Städtentwicklung

 
Einleitung

Die sich allmählich formierenden Gesellschaften Ostmittel- und Südosteuropas, damit auch
des Königreichs Ungarn, waren rein agrarischer Natur und hatten durch die bäuerliche
deutsche Ostsiedlung bereits einen gewissen Fortschritt erzielt. Die Landesherren waren
jedoch in ihren Wirkungsmöglichkeiten durch die landbesitzende Adelsschicht erheblich
eingeschränkt. Insbesondere wegen der Abgabenfreiheit des Adels fehlte es den
Landesherren an Einnahmen. Um sich nun eine stabile Einnahmequelle zu schaffen und um
die landesspezifischen Produkte vermarkten zu können, waren sie an Städtegründungen
nach deutschen Vorbildern höchst interessiert. In raschem Tempo entstanden nun Städte, die
den gesamten ostmitteleuropäischen Raum wie ein Netz überzogen. In Böhmen, das
ohnehin zum Deutschen Reich gehörte setzte dieser Städtegründungsprozess am ehesten
ein, pflanzte sich fort in den polnischen Herzogtümern und weit darüber hinaus.

Städtegründungen in Siebenbürgen

Die Magyaren hatten frühzeitig erkannt – wie bereits der Staatsgründer Stephan der Heilige
seinen Sohn Emmerich in einem „Libellus de institutione morum“, einer Art Fürstenspiegel,
ermahnte -, dass einwandernde „Gäste verschiedene Sprachen und Sitten, verschiedene
Lehren und Waffen mit sich bringen, die alle Reiche und den königlichen Hof schmücken
und erhöhen, […] denn schwach und vergänglich ist ein Reich, in dem nur eine Sprache
gesprochen wird und einerlei Recht gilt“. Dementsprechend kamen seit der Regierungszeit
Stephans immer wieder deutsche Berater und kleinere mit Privilegien ausgestattete
Siedlergruppen ins Land. Der Höhepunkt wurde mit der Ansiedlung der Siebenbürger
Sachsen ab Mitte des 12. JH. erreicht. Hier waren die Siebenbürger Sachsen die Motoren
der Städtegründungen. In kurzer Zeit entstanden wichtige städtische Zentren wie
Hermannstadt, Kronstadt, Bistritz, Klausenburg u.a. Die Sachsen überschritten auch den
Karpatenbogen und gründeten beispielsweise Curtea de Arges, Langental, Piatra Neamt,
Cotnar bei Jasi und andere städtische Zentren in den rumänischen Fürstentümern.

Die meisten Städte Siebenbürgens und die bedeutendsten sind deutschen Ursprungs,
Hermannstadt, Kronstadt, Klausenburg, Schäßburg, Mediasch, Bistritz, Mühlbach, Broos,
Sächsisch-Reen, Thorenburg (Turda), Straßburg (Aiud), Deesch, Großsschlatten (Aprud),
Kleinschlatten (Zlagna), Offenburg (Baia de Aries), Altenberg (Baia de Cris), Rodenau
(Rodna). Die Szekler haben haben nur eine größere Stadt, Neumarkt (Maros-Vasarhely, Tg.
Mures) hervorgebracht. Andere Zentren wie Oderhellen (Odorhei), Szeklerburg (Miercurea
Ciuc) und St. Georgen (Sfantu Gheorghe) treten ebenso wie Fogarasch, Deva, Hatzeg und
Eisenmarkt (Hunedoara) viel später als Städte in die Geschichte ein. Weißenburg (später
Karlsburg, Alba Iulia) ist eine gezielte Gründung des Königs Ladislaus I. (1048-1095) als
politischer Mittelpunkt Siebenbürgens und Sitz des römisch-katholischen Bistums.
Elisabethstadt (Dumbraveni) und Gherla gehen auf Armenier zurück, die Ende des 17. Jh.
nach Siebenbürgen kamen. Die Rumänen waren aufgrund ihrer anders gearteten
Lebensführung keine städtebildende Ethnie.

Die Bergbau- und Salzabbausiedlungen wie Rodenau, Groß (Aprud)- und Kleinschlatten
(Zlagna), Straßburg (Aiud) und Deesch sind gezielt von Hospites (also überwiegend
deutschen herbeigerufenen Fachkräften) gegründet und zu Städten entwickelt worden. Sie
standen jedoch nur wenige Generationen in Blüte und verloren ihre städtische Bedeutung
gleichzeitig mit dem Niedergang ihres jeweiligen Hauptgewerbes (Bergbau und Salzabbau).
Interessanterweise stammt eines der frühesten deutschen Berg- und Stadtrechte, das man
überhaupt kennt, aus Rodenau (Rodna). Es ist dies die Rodenauer Handfeste, die dem Ort
Rodenau ab 1262 mit Einwilligung König Stephans V. von Graf Hans, den zwölf
Geschworenen der Stadt und der Gemeinde, „die das Recht gemacht haben“, verliehen
wurde. Die Stadt erlebte im 13. Jh. eine relativ kurze aber beeindruckende Blütezeit. Im
„Carmen miserabile“ des italienischen Mönches Rogerius von Apulien (1205-1266,
zeitweilig Bischof von Großwardeien) wird Rodenau als „Teutonicorum villa regis
argentifodina in qua morabatur innumera populi multitudo“ genannt, die sich 1241 als
einzige Stadt zumindest zeitweise erfolgreich gegen die Mongolen erwehren konnte und nur
durch List eingenommen wurde. Nach der Einnahme stellte der mongolische Feldherr
Cadan ein Kontingent von immerhin sechshundert ausgewählten Bewaffneten unter
Führung des Grafen Aristaldus zusammen, das ihn auf dem weiteren Feldzug begleiten
sollte. Nicht zu Unrecht wird darauf hingewiesen, dass die Ausstaffierung von sechshundert
Bewaffneten nach einer solch verheerenden Niederlage eine große Wirtschaftskraft
erforderte. Die Blüte der Stadt währte nicht lange. Um 1440 war sie bereits fast unbewohnt.
Ihr Niedergang wird mit den Folgen des zweiten Mongolenüberfalls 1284 begründet
beziehungsweise damit, dass die führenden Patrizierfamilien der Stadt nach den
Thronstreitigkeiten infolge des Aussterbens der Arpaden-Dynastie daran gehindert wurde,
die Bergbauarbeiten fortzuführen. Etliche Historiker gehen von einer massiven
Abwanderung der Bergarbeiter zu den aufblühenden Golderzlagerstätten in den
Westkarpaten aus. Später ging Rodenau in den Besitz der aufstrebenden Stadt Bistritz über,
die den Silberabbau in kleinerem Umfang wieder aufnahm, was neben ihrem umfangreichen
Warenaustausch mit der Moldau und Polen zu ihrem beträchtlichen Reichtum beitrug.

Siebenbürgisch-sächsische Städte

Die siebenbürgisch-sächsischen Städte sind, wie Thomas Nägler richtig formuliert, keine
reinen Kopien westeuropäischer Vorbilder. Sie haben eine Entwicklung durchlaufen,
wahrscheinlich von einer in der Hauptsache ländlichen Phase ausgehend, bis bei
fortschreitender Arbeitsteilung vor allem ab der zweiten Hälfte des 13. Jh. ein Überschuss
an Zunfterzeugnissen vorhanden war, der auch außerhalb des Siedlungsgebietes verkauft
werden konnte. Was einzelnen Siedlungen bei der Urbanisierung anderen Orten gegenüber
den Vorzug gab, entstand aus dem Zusammenwirkung verschiedener Ursachen. Sicher war
die Verteidigungsmöglichkeit eines Ortes ein wichtiger Faktor, denn schon hundert Jahre
nach der Einwanderung begannen die vernichtenden Stürme der Mongolen. Auch das Alter
der Siedlung konnte von Einfluss sein. Die älteste Siedlung in der Siedlergruppe nahm meist
eine Vorortstellung innerhalb derselben ein, war Mittelpunkt in kirchlichen und weltlichen
Dingen für diese Gruppe und besaß dadurch ein gewisses Übergewicht. Vom Alter einer
Siedlung war bis zu einem gewissen Grade auch die Stärke der Bevölkerung abhängig und
damit ein höheres Konsumbedürfnis, wodurch Gewerbe und Handel besonders angezogen
werden mussten. Gerade die ersten Siedlungen konnten auch als erste an eine Befestigung
gehen. Sehr wichtig war ferner die Verkehrslage. Im Fall des Wettstreits zweier Orte um die
Vorortschaft gab immer die Gunst der Verkehrslage den Ausschlag. So kämpften Birthälm
und Mediasch, Hermannstadt und Heltau sowie Schäßburg und Kaisd um den Vorrang. Den
letztendlichen Ausschlag gab in allen diesen Fallen, die günstigere Verkehrslage. Zu Beginn
der Entwicklung spielte nur die im Nahverkehr günstige Lage eine Rolle und erzeugte
Marktplätze für einen kleineren oder größeren Umkreis. Vom größeren Verkehr waren diese
Märkte unabhängig und konnten auch in entlegenen Gegenden entstehen. Erst im Verlauf
der Entwicklung gewinnt der Fernverkehr Einfluss auf die Marktsiedlungen, die gleichzeitig
eine gute geographische Lage haben, und lässt sie zu Städten heranwachsen. So vollzieht
sich allmählich ein Wandel des wirtschaftlichen Charakters. Gewerbe und Handel mit den
gewerblichen Erzeugnissen bürgern sich an bestimmten bevorzugten Orten ein, während die
Landwirtschaft hier stark in den Hintergrund tritt oder ganz verschwindet. Dieser
Umbildungsprozess erhält im 14. und 15. Jh. in gewissem Sinne einen Abschluss, indem die
Anjou-Könige, denen ein entwickeltes Städtewesen aus ihrer italienischen Heimat vertraut
war, und ihre Nachfolger diesen Orten nun auch Stadtrecht verliehen. Dagegen war die
Verleihung von Stadtrechten und Freiheiten, wo die geographischen Bedingungen fehlten,
nicht imstande, Städte nur auf dieser Grundlage hervorzubringen. Zahlreiche Orte, die
Stadtrechte erhielten, haben nie eigentlich städtischen Charakter angenommen, wie Winz,
Oberwinz und Burgberg. Es fehlten ihnen die Möglichkeiten einer gesunden Entfaltung.

Von den zahlreichen Schenkungen und Privilegien, die die ungarischen Könige den
Siebenbürger Sachsen verliehen, war der Goldene Freibrief von 1224 am wichtigsten.
Andreas II. Vereinigte damals mehrere Komitate zu einem einzigen, dem Hermannstädter
Komitat, das sich von Broos bis Draas erstreckte. Dieses war die größte, aber nicht
unbedingt die älteste von den Deutschen kolonisierte Enklave. Aus verschiedenen Artikeln
des Freibriefs ergibt sich, dass es sich nicht um ungarisches Recht handelte, sondern der
Urkunde deutsches Gewohnheitsrecht zugrunde lag. Die festgelegten Gesetze waren das
Ergebnis von Verhandlungen zwischen zwei Parteien, der Zentralmacht und den Vertretern
der Kolonisten, und enthielten auch Klauseln zugunsten des Königtums. Obwohl die
Provinz um 1300 wiederum in mehrere Stühle aufgeteilt wurde, blieb der Grundsatz, dass
alle ein einziges Volk (unus sit populus) bilden sollten, erhalten. Im Lauf des 14. Jh.
erhielten auch die Zwei Stühle (Mediasch und Marktschelken), die Distrikte Kronstadt und
Bistritz ähnliche Privilegien wie die Provinz Hermannstadt oder die Sieben Stühle (die
eigentlich acht waren: Broos, Mühlbach Reußmarkt, Hermannstadt, Leschkirch, Schenk,
Reps, Schäßburg). Mit der Zeit wurde Hermannstadt zum Sitz der Berufungsinstanz für alle
diese drei Gebiete; nur in ganz außergewöhnlichen Fällen gelangten einige Rechtssachen bis
vor den königlichen Gerichtshof. Dies galt im übrigen auch für die freie königliche Stadt
Klausenburg, die allerdings spätestens seit der Reformation eigene Wege ging. 1486
bestätigte Mathias Corvinus auf Ansuchen des Hermannstädter Bürgermeisters Tomas
Altemberger die Verfügungen des Freibriefs von 1224, mit einer Reihe von Ergänzungen
aus der Zwischenzeit, für den gesamten von den Sachsen verwalteten Königsboden. Seit
1487 und bis in die zweite Hälfte des 19. Jh. funktionierte die Einrichtung der Universitas
Saxonum, also der Nationsuniversität. Diesem Thomas Altemberger haben wir auch den
„Codex Altemberger“, ein Rechtsbuch, das Elemente des Sachsenspiegel, des Magdeburger
Stadtrechts und des Schwabenspiegel enthält, zu verdanken. Dirk Moldt hat in einer bemerkenswerten
Arbeit von 2009 nachgewiesen, dass die siebenbürgisch-sächsischen Städte ebenso wie auch
die auf deutsche Hospites zurückgehenden Städte in Ungarn selbst, insbesondere die Stadt
Ofen, auch Teile des Magdeburger Stadtrechts adaptiert haben, wenngleich große Teile ihrer
städtischen Rechtsordnung nach den regionalen und lokalen Erfordernissen gewachsen sind.

Die Marktlage in den im Aufbau befindlichen rumänischen Fürstentümer Moldau und
Walachei sowie in anderen europäischen Nachbarländern spielte dabei eine anregende
Rolle. Wem ist die Stadtwerdung in Siebenbürgen nun gutzuschreiben, dem Handel oder
dem Handwerk, das Handel erst ermöglicht? Sicher waren von Anfang an beide
Gesellschaftsschichten am Urbanisierungsprozess beteiligt. Allerdings deuten die Urkunden
darauf hin, dass der Antrieb des Handels überwog. Der Durchgangshandel mit Orientwaren,
die beispielsweise an den Donaumündungen von Genuesen oder Venezianern übernommen
werden konnten, setzte den Verkauf einheimischer Waren zwecks Kapitalbeschaffung
voraus. Der Zwischenhandel und der Handel mit der Walachei und der Moldau sind von
ausschlaggebender Bedeutung für den Urbanisierungsprozeß in Siebenbürgen gewesen.
Wertmäßig rangierten sie weit vor dem Binnenhandel, da der Warenbedarf der sächsischen,
ungarischen und rumänischen Bauern im Umland weitgehend durch örtliche Handwerker
gedeckt wurde. Lediglich bestimmte hochwertige Erzeugnisse wurden von den städtischen
Handwerkern im Austausch gegen überschüssige landwirtschaftliche Erzeugnisse bezogen.
Ein großer Teil der siebenbürgischen Handwerkserzeugnisse wurden in stadtfernen
Landesgebieten oder im Ausland abgesetzt.

Handel

Die Stadtentwicklung in Siebenbürgen wurde also hauptsächlich durch den regen Handel
mit den beiden rumänischen Woiwodschaften gefördert. Wie sehr sich auch in den Gebieten
jenseits der Karpaten die Macht des ungarischen Königs verringerte, so blieb sein intensiver
Einfluss doch erhalten. Unter seinem Schutz öffneten sich die beiden an Rohstoffen reichen
rumänischen Woiwodschaften dem siebenbürgischen Handel. Die Bewohner der mit
anfänglichen Organisationsschwierigkeiten kämpfenden Woiwodschaften (die erste
rumänische Kirche in der Walachei z. B. wurde erst Anfang des 14. Jahrhunderts errichtet)
waren auf die siebenbürgischen Zwischenhändler für ihre eigenen und die westlichen
Gewerbeprodukte angewiesen. Die planmäßige Wirtschaftspolitik König Ludwigs I., die
unter anderem danach strebte, den die Straßen Ungarns seit Jahrhunderten umgehenden
Osthandel zurückzugewinnen, förderte auch den sächsischen Handel. 1369 erhielt Kronstadt
das Stapelrecht, wodurch die polnischen und deutschen Kaufleute auf ihrer Reise in die
Walachei gezwungen wurden, ihre wichtigste Ware, das Tuch, den Kronstädtern zum
Weiterverkauf zu überlassen und die in der Walachei eingekauften Waren,
landwirtschaftliche Produkte und Tiere, ebenfalls auf dem Kronstädter Markt umzusetzen.
1378 erhielt Hermannstadt das Stapelrecht für den durch die Stadt führenden Handelsweg
und Bistritz schon 1368 für die Handelsstraße in die Moldau und nach Polen.

Der rege Handel vermittelte aber anfangs nicht so sehr sächsische Handwerkserzeugnisse,
sondern eher westeuropäische Gewerbeartikel, hauptsächlich Textilien, nach Osten, denn im
14. Jahrhundert gab es noch kaum ein marktproduzierendes sächsisches Handwerk. An der
tatsächlichen Ausfuhr waren die sächsischen Kaufleute selbst kaum beteiligt, sie verkauften,
gestützt auf das Stapelrecht, auf den Märkten ihrer Städte nur ihre Waren an die den Handel
vermittelnden Kaufleute vom Balkan und von den genuesischen Kolonien am Schwarzen
Meer und übernahmen deren Tauschwaren, vorrangig Gewürze. Diese Handelsform war
keineswegs unüblich, auch die Wiener Kaufleute handelten im Mittelalter nicht anders, das
Stapelrecht erlaubte ihnen die Abwicklung des Handels an Ort und Stelle. Nach Osten
reisten die sächsischen Kaufleute höchstens gelegentlich in die rumänischen
Woiwodschaften, um dort wichtige Geschäfte abzuschließen oder heikle Angelegenheiten
zu klären; in entferntere Gebiete gelangten sie nur ausnahmsweise. Sie suchten eher die
westlichen, hauptsächlich die großen Städte Deutschlands auf, insbesondere nachdem
Ludwig der Große das Ofner Stapelrecht als für sie nicht verbindlich erklärt hatte. Sie
handelten dort mit Rohstoffen aus der Walachei und der Moldau und brachten auf dem
Rückweg Stoffe und Gewürze nach Hause. Ihre üblichen Handelsrouten waren entweder der
Weg über Kaschau, Böhmen und Polen nach Danzig oder über Ofen nach Wien, Regensburg
und Basel sowie nach Zara und Venedig. Die siebenbürgischen Städte erlebten vom 14. bis
zum 16. Jh. durch den Handel einen großen Aufschwung. Bevorteilt waren angesichts der
Handelsströme natürlich die Städte an den Karpatenpässen, nämlich Hermannstadt,
Kronstadt und Bistritz. Wie in den deutschen Reichsstädten entstand ein sehr wohlhabender
Kaufmannstand, der auch mehrheitlich das Patriziat stellte und das Stadtregiment
beherrschte. In Hermannstadt waren es beispielsweise die Familien Armbruster, Lulai und
Haller, in Kronstadt die Familien Seidlin, Seidenschwanz, Sander, später Benkner, Fuchs
und Fronius. „Ein wahrhaft königlicher Kaufmann“ war um 1500 in Kronstadt Johannes
Kylhaw, der Besitzer eines großen Handelsunternehmens. Er handelte mit Tuch aus
Maastricht, Brügge, Mecheln und Verona, ferner mit Messern aus Steyr, mit Gewürzen,
Seiden, Teppichen und anderen Waren aus dem Orient. Allein 1503 hatte er einen Umsatz
von 175.000 Gulden (zum Vergleich: Ein Patrizierhaus in Kronstadt kostete damals einige
Hundert Gulden). Von Bistritz sind Peter Kretschmer, Laurentius Rasor, Johann Kotteler,
Ladislaus Hornung, Michael Sartor und Georg Eiben überliefert. Wolf Forster agierte hier
wie ein wahrer „Renaaissencefürst“. Von Schäßburg ist nur die Familie Polner bekannt,
deren Mitglieder teilweise auch zu Trägern höchster kirchlicher Würden im Königreich
aufstiegen. Der Handel nahm zunehmend einen beträchtlichen Umfang ein. Georg
Reicherstorffer schreibt beispielsweise in seiner Corographia Transylvaniae über Kronstadt:
„Die Stadt ist gewissermassen eine Vorratskammer der benachbarten Völker“. Und der
Italiener Giovan Andrea Gromo berichtet, dass in Kronstadt: „….alle benachbarten Völker
gleichsam wie in einer gemeinsamen Warenhalle zusammenkommen und dass hier immer
Türken, Griechen, Moldauer, Muntenier, Szekler und andere Volksstämme anzutreffen
seien“. Besonders unternehmungsfreudige Kaufleute wie Peter Kretschmer und vor allem
Peter Haller pachteten sogar Münz- und Bergwerksregalien sowie Salzkammern und
erreichten dort durch bessere Arbeitsmethoden und Kapitalzufluss eine ungleich höhere
Produktivität. Sie standen den Augsburger Fuggern und Welser in ihren Unternehmungen
kaum nach. Nach heutigem Sprachgebrauch würde man sie global players nennen. Peter
Haller entstammte einer einflussreichen Nürnberger Patrizierfamilie und stand als
Bürgermeister von Hermannstadt im Krieg zwischen Ferdinand von Habsburg und Johann
Zapolya hartnäckig zum Habsburger, dessen Feldzüge er mit seinem ungeheuren
Privatvermögen finanzierte. Unter anderem hatte er allein in Nürnberg 14.900 Gulden auf
Zinsen angelegt. Für ein repräsentatives Haus am Großen Ring zahlte man damals 500
Gulden. Seine Nachfahren gingen übrigens im ungarischen Hochadel auf, von denen ein
Zweig in den Besitz von Weißkirch bei Schäßburg gelangte; die Älteren von uns werden
sich noch an das Hallersche Schloss an der Kokel erinnern. Diese auch politisch tätigen
Großunternehmer haben die eigentlich großen Jahrhunderte der siebenbürgischen Städte
herbeigeführt. Auch die Städte selbst betätigten sich mitunter als Unternehmer, pachteten
Regalien und strebten Rechte in grundherrlichen Gemeinden an. Ob es jemals in
Siebenbürgen eigentliche Kaufmannsgilden gegeben hat, lässt sich nicht mit Bestimmtheit
feststellen. Strengen Zunftcharakter haben sie gewiss nicht gehabt, sonst wären sie
anlässlich der Zunftregulation sicher erwähnt worden. Es ist aber anzunehmen, dass
Genossenschaften der fahrenden Kaufleute, wie sonst in deutschen Städten bis ins XV. Jh.
hinein auch in Siebenbürgen bestanden haben. Erstens zwang schon die Gefährlichkeit der
Handelsstrassen zu einem engen Zusammenschluss, dann aber finden wir in Hermannstadt
um die Mitte des XVI. Jh. das Amt des Hansgrafen als marktpolizeiliches Organ. Da das
Hansgrafentum sonst seinen Ursprung von den Genossenschaften fahrender Kaufleute her
ableitet, liegt der Schluss nahe, dass solche wirklich bestanden haben, auch wenn wir nichts
Näheres darüber wissen.

Interessant ist auch die Frage, wie sich der Zahlungsverkehr bei dieser intensiven und
ausgedehnten Handelstätigkeit abspielte. Es ist keine Frage, dass auch in Siebenbürgen und
Ungarn in der ersten Zeit infolge der ausgebreiteten Naturalwirtschaft der Tauschhandel
vorgeherrscht hat. Selbst der Bischof von Weißenburg zahlte 1291 den Zimmerleuten für die
Renovierung von Turm und Dom neben 90 Mark Silber 24 Ellen „Dornisches Tuch“.
Insbesondere der Handel mit der Moldau und der Walachei war fast reiner Tauschhandel.
Selbst den Fürsten mangelte es trotz der Geldeinkünfte durch Zollgebühren an Bargeld. So
zahlte Alexandru Lapusneanu für 4000 bestellte Gürtel mit Schlachtochsen. Ein anderes Mal
schreibt er: „…das wyer thuech und andere whar am Oxen Khauff nemen wöllen…“.
Geld wurde seit Stephan dem Heiligen in Ungarn geprägt, doch setzte recht früh eine rapide
Münzverschlechterung ein, die sich mit Ausnahme der Regierungszeit von Karl Robert auch
in den folgenden Jahrhunderten fortsetzte. Natürlich war neben dem ungarischen Geld auch
viel fremdes im Umlauf wie Wiener Pfennige sowie polnisches und italienisches Geld, doch
erlitten die Kaufleute beim Einwechseln nicht selten hohe Verluste. Die größten Verluste
erlitten sie durch das massenhaft im Umlauf befindliche Falschgeld. Es ist also nicht
verwunderlich, dass auch die siebenbürgischen Kaufleute auf das Kreditwesen setzten, wie
es in Italien und Westeuropa gängige Praxis war. Der Briefwechsel zwischen den Richtern
und Geschworenen der sächsischen und moldauischen Städten handeln meist von Schulden,
die nicht bezahlt worden waren. Aus einem der Briefe ist zu entnehmen, dass für den
Schuldner Bürgen eintraten, an die der Gläubiger Pfändungsrecht hatte. Auch im Verkehr
nach dem Westen wurden Käufe auf Kredit abgeschlossen, ein Zeichen dafür, dass die
siebenbürgischen Kaufleute auch in der Fremde Vertrauen genossen. So ist ein Schuldschein
eines Martin Chraus aus Hermannstadt vom 11.12.1411 erhalten, worin er sich verpflichtet,
dem Wiener Bürger Christian Pfanzagel oder dem, der ihn an seiner Statt mahnt, den 9.
März 1412 107,5 ungarische Gulden zu zahlen, die er ihm für „Gewand“ schuldet. Es
scheint, dass die großen Wiener Geschäftsleute für die siebenbürgischen Kaufleute zugleich
die Rolle der Bankiers spielten.

Gewerbe

Konnte der siebenbürgische Handel sich so erfolgreich entwickeln, weil es ein
hochentwickeltes Gewerbe gab, das die auf den Märkten gefragten Produkte herstellen
konnte, oder war die Nachfrage infolge günstiger Umstände so groß, dass sich das Gewerbe
zwangsläufig entwickelte, um diese Nachfrage zu befriedigen? Sicher trifft im 14. bis zum
16. Jh. beides zu, sodass sich Handel und Gewerbe gegenseitig befruchteten und zu
beeindruckender Entfaltung gelangten. Die fortgeschrittene Stadtwirtschaft in den
Ausgangsgebieten der Kolonisation legt den Schluss nahe, dass sich den Bauern, die bereits
gewohnt waren, auf ihren Höfen auch allen handwerklichen Anforderungen gerecht zu
werden, bei ihrem Zug nach Siebenbürgen auch bereits ausgebildete Berufshandwerker
angeschlossen haben. Leider fehlen schriftliche Unterlagen über handwerkliche Tätigkeiten
der Siedler für anderthalb Jahrhunderte nahezu ganz. Neuere archäologische
Untersuchungen jedoch belegen deutlich ein entwickeltes Handwerk bereits bei der
Besiedlung. Als dann nach den verheerenden Mongolenüberfällen im 13. Jh. eine längere
Phase der Prosperität eintrat, und die Fürstentümer jenseits der Karpaten stabile Formen
annahmen, wuchs die Nachfrage nach handwerklichen Produkten sprunghaft an. Es boten
sich für die Entfaltung des Absatzes handwerklicher Produkte zwei Felder an: erstens die
Befriedigung der Bedürfnisse der bäuerlichen Bevölkerung Siebenbürgens, Umgarns, der
Moldau und der Walachei, teils wohl auch des gesamten Balkans, also kapitalistische
Massenproduktion billiger Erzeugnisse; zweitens die Befriedigung der wohlhabenderen
Schichten, des niederen und höheren Adels Siebenbürgens und Ungarns, der moldauischen
und walachischen Fürstenhöfe, teils auch des ungarischen Königshofes, als
Kundenproduktion hochwertiger Erzeugnisse. Das Gewerbe schlug beide Wege ein, wobei
die Massenproduktion überwog. Die aufblühenden Städte waren zwar der Mittelpunkt des
Gewerbes, aber von hier aus ging das Gewerbe auch auf das Land hinaus und auch
sächsische Dörfer beteiligten sich an der Massenerzeugung der Güter. Es gab nun selbst in
manchen Dörfern und kleineren Marktflecken zunftähnliche Zusammenschlüsse wie
beispielsweise in Marktschelken, Marpod, Leschkirch, Großschenk, Heltau, Keisd, Birthälm
u.a., natürlich auch in Reps und Agneteln. Dort war wohl die Herstellung handwerklicher
Güter reine Auftragsarbeit. Es handelte sich hierbei um das System des Verlagswesens:
Die Auftraggeber belieferten die Handwerker mit den Rohstoffen und handelten
mit ihnen die Handelspreise, die Stückzahl sowie die Abgabetermine aus. Als
ab Ende des 16. Jh. die Blüte des siebenbürgischen Handels sich dem Ende
zuneigte, und sich die Auftragslage extrem verschlechterte,verschwanden auch
die dörflichen Gewerbebetriebe. Sie konnten sich mit Müh und Not
neben den Städten nur noch in den Marktflecken wie Reps, Agnetheln
und Birthälm halten.

Schäßburg

Inwiefern sich Schäßburg an der Auftragsproduktion handwerklicher Güter für große
Handelshäuser beteiligt hat, oder in der Herstellung und im Vertrieb autark war, ist unklar.
Einiges spricht dafür, dass die Stadt eigenständige Wege gegangen ist. Auf politischem
Gebiet gab es in den sächsischen Siedlungsgebieten eine relative Geschlossenheit und
Solidarität. Auf dem wirtschaftlichen Gebiet jedoch herrschte durchaus keine Einigkeit.
Ganz im Gegenteil, die Städte verstanden sich als eigenständige Wirtschaftseinheiten und
wachten eifersüchtig darauf, dass ihnen in ihren Absatzdomänen keine Konkurrenz entstand
und man kann insbesondere zwischen Hermannstadt und Kronstadt nahezu von einem
permanenten „Handelskrieg“ sprechen. Die Absatzgebiete waren mittels Privilegien und
bilateralen Abkommen klar abgesteckt. Bistritz beherrschte den Handel mit der Moldau und
Polen, Kronstadts Aktionsradius war die Moldau, die Walachei, der Balkan,und die
Schwarzmeerregion, während Hermannstadt sich über den Rotenturmpass nach der
Walachei, der Adria und nach Westen orientierte. Der Absatzmarkt der Stadt Schäßburg war
der binnensiebenbürgische Raum, also neben dem unmittelbaren Umland die benachbarten
Komitate und vor allem das Szeklerland. Das Schäßburger Handwerk hat ganz
offensichtlich die von ihm hergestellten Produkte auch selbst vertrieben und sich auch selbst
die Rohstoffe besorgt. Dabei fehlte es nicht an Auseinandersetzungen mit Handwerkern
konkurrierender sächsischer Städte. Am Fernhandel hat sich die Stadt kaum beteiligt,
weswegen wir hier auch außer der Familie Polner keinen nennenswerten patrizischen
Kaufmannsstand nachweisen können. Dies führte folgerichtig dazu, dass das Stadtregiment
in Schäßburg viel früher als anderswo und dann fast ausschliesslich in der Hand des
Handwerks lag. Ein Beleg dafür ist die Liste der Bürgermeister, fast alle dem
Handwerkerstand entstammend. Man kann also mit Fug und Recht die Behauptung
aufstellen, dass Schäßburg die klassische Handwerkerstadt war. Es steht daher sicher auch
in der Zunftordnung vom Jahre 1376 nicht zu Unrecht hinter Hermannstadt an zweiter
Stelle. Manche Historiker bestreiten allerdings, dass es in Schäßburg damals bereits alle in
der Zunftordnung aufgeführten 19 Gewerbe gegeben habe, und halten das Dokument
lediglich für eine Rahmenurkunde. Wie dem auch sei, auf jeden Fall gehörte Schäßburg
zumindest bis ins 16. Jh. hinein zu den bedeutendsten und wohl auch am besten befestigten
Städten Siebenbürgens, weswegen in der Zeit des Fürstentums Siebenbürgen der Landtag
auffällig häufig hier tagte. Über die Zünfte in Schäßburg, ihre Bedeutung und
Bestimmungen werden wir im Verlauf dieser Schäßburger Kulturtage noch einiges hören.
An dieser Stelle seien nur noch einige grundsätzliche Bemerkungen zu dem
Erscheinungsbild der Zünfte gestattet. Wie wir aus der Geschichte wissen, setzte im 16. Jh.
in ganz Siebenbürgen eine Stagnation und schließlich ein schmerzlicher Niedergang in
Handel und Gewerbe ein, und Schäßburg sank allmählich mehr oder weniger zu einer
Regionalstadt herab. Auch Hermannstadt, Kronstadt und Bistritz büßten ihre bis dahin
überragende Stellung ein, jedoch nicht in dem Grade wie die fast reine Handwerkerstadt
Schäßburg. Die Ursachen sind uns bekannt: Es waren nicht in erster Linie, wie gelegentlich
behauptet wurde, die Erschließung neuer Verkehrswege und die Verdrängung Siebenbürgens
von den Verkehrsströmen, oder das Eindringen landfremder Kaufleute (Armenier, Griechen,
Juden) nach Siebenbürgen. Es waren vielmehr die fast zwei Jahrhunderte andauernden
kriegerischen Auseinandersetzung, Zerstörungen und Verwüstungen ganzer Landstriche und
deren Folgen, Rückgang der Bevölkerungszahl, laufender Anstieg abgepresster
Kontributionszahlungen, Verarmung der Menschen und Rückgang der Kaufkraft.
Schließlich geriet Siebenbürgen auch mangels Anschluss an die technischen und
wirtschaftlichen Entwicklungen im europäischen Westen ins Hintertreffen. Erst im späten
18. Jh. und im 19. Jh. konnte mit dem Aufkommen von Manufakturen wieder zaghaft an das
europäische Niveau angeknüpft werden. Aber auch über Letzteres werden wir im Verlaufe
dieser Kulturtage noch einiges hören. Den Niedergang des siebenbürgischen Handwerks hat
man auch den immer restriktiver und starrer werdenden Zunftordnungen angelastet. Auf den
ersten Blick mag das so erscheinen. Auf den zweiten Blick jedoch stellt sich ein anderes
Bild ein. Je prosperierender das Handwerk ist, umso lockerer können die
Zunftbestimmungen sein. Wenn genügend Absatz vorhanden ist, braucht man die Zahl der
Arbeiter und die Aufnahme fremder Meister nicht zu beschränken. Man hat es nicht nötig,
sich vor Konkurrenz zu schützen, denn es ist genügend Arbeit für alle da. Je schwieriger
jedoch die Wirtschaftslage wird, umso stärker wächst das Schutzbedürfnis, und man wird
immer strengere Restriktionen in die Zunftordnung einbauen. Genau dieses ist ja dann auch
eingetreten. Die Zunftordnungen sind also gewissermassen der Spiegel oder Gradmesser der
wirtschaftlichen Zustände. An der Entwicklung der Schäßburger Zunftregulierungen kann
man diese Wechselwirkung sehr gut ablesen.

Charls Boner über Schäßburg

In den 60er Jahren des 19. Jh. unternahm der englische Schriftsteller Charles Boner eine
Reise durch Siebenbürgen und besuchte dabei selbstverständlich auch Schäßburg.
Anschließend schilderte er äußert scharfsinnig die Zustände, die er dort vorfand:

„……………..Der Abend bricht heran; sanft steigt der Weg aufwärts; auf der Spitze des Hügels
angelangt wenden wir uns und vor uns erhebt sich eine Kuppe, auf der eine Stadt von
mittelalterlichem Aussehen, mit einer Kirche, mit Mauern und Thoren steht. Unten am
Fusse der Anhöhe bergen sich zwischen Gärten niedliche Häusergruppen, von mächtigen
Pappeln hoch überragt, und grüne Felder und Auen dehnen sich bis zum Fusse einer
Hügelkette, welche diesen malerischen Ort umrahmt. Gegenüber glänzt die Kirche als der
höchste Punkt des Ortes im blassröthlichen Schimmer der untergehenden Sonne; etwas
tiefer zittert das Licht durch die Fenster alterthümlicher Häuser; auch hier sind Strebepfeiler
an den Mauern, geheime Pforten und halbverfallene Thürme. Das Hauptthor ist halb
eingestürzt und rechts und links sind die Mauern mit Gras bewachsen; das zerbröckelte
Mauerwerk ist in die Tiefe gerollt. Etliche ältere Bürger stehen hier im Freien und
besprechen sich nach gethaner Tagesarbeit untereinander; vielleicht ergehen sie sich den
Vermutungen, woher wohl der Fremde sein möge, den sie auf jenem sich herabwindenden
Wege näherkommen sehen. Noch tiefer bilden Häuser mit hohen Dächern und Bäumen und
starkes massives Mauerwerk eine so compacte Masse, dass das Auge nichts Einzelnes
unterscheiden kann. Bald wird es dunkel werden, sonst könnt Ihr wohl Halt machen und
Euch satt schauen. Das herrliche Bild erfreut Euer Auge so sehr, dass Ihr dasselbe nicht
abwenden könnt, bis sich die Strasse ganz nahe am Fusse des Berges hinwindet, so dass auf
einmal das ganze Bild den Blicken entrückt ist. Mit welch lauter Sprache erzählen nicht
diese Steine von einem anderen Zeitalter, von dahingeschwundenen Jahrhunderten, – mit
Moos bewachsen und verwittert wie sie sind, während Disteln und Strauchwerk in den
Zwischenräumen emporwachsen! Hoch oben auf der alten Mauer sind Wohnungen
eingerichtet, und auf eine ganz sonderbare, fast rätselhafte Art mit derselben in Verbindung
gebracht, ohne dass man so recht beide voneinander zu unterscheiden vermöchte. Von oben
herab schauen neugierige Köpfe durch die vergitterten Fenster……….Alles sieht gerade so aus
wie zur Zeit, da der lustige Hans Sachs seine fröhlichen Lieder sang und mit der Ahle dabei
arbeitete. ‚Ist es auch sicher‘, so fragt Ihr Euch selbst, ‚dass dies das neunzehnte Jahrhundert
und nicht das sechszehnte Jahrhundert ist?‘ Oder ist es ein Traum?…………Da lag ein Platz,
von netten Häusern mit grünen Jalousieläden und mittelalterlichen architektonischen
Verzierungen umgeben. Es herrschte hier eine gewisse stille, behagliche Ruhe. Es kam mir
so vor, als müsse der Platz vor dreihundert Jahren fast ebenso ausgesehen
haben……………..Mit welchem Staunen Ihr alle betrachtet! Die Architektur des prächtgen
Thores mit dem massiven und äusserst malerischen Thurm, der sich über demselben erhebt,
die engen Gassen, und die vielerlei Plätze und Winkel, in die Ihr bei Eurem
Umherschlendern gelangt. Man wird ganz an Nürnberg oder Ulm erinnert, oder an jene
seltsamen schmucken kleinen Städtchen, die rings von Mauern umschlossen sind, wie man
sie noch an den Ufern des Rheins findet…………
…………Daran wie an manchen anderen Dingen kann man sehen, wie wenig sich die
ursprüngliche Natur diese Leute verändert hat. Weniger dem bewegten Verkehr und den
rührigen Kämpfen auf dem grossen Schlachtplane des Lebens ausgesetzt, als ihre in der
Heimath zurückgebliebenen Landsleute, behielten sie so lange als möglich ihre
Eigenthümlichkeiten, während sich die Anderen allmählich derselben entledigten. Noch heute
zeigt sich in dem Charakter der Deutschen Siebenbürgens jene Liebe zum Formelwesen, die
das ganze gesellschaftliche und öffentliche Leben in Deutschland charakterisierte, sei es nun
dass diese eigenthümliche Vorliebe sich in der Veröffentlichung eines Gesetzes, oder in
einem Privatschreiben, oder einer diplomatischen Urkunde, in der Stylisierung eines Passes
oder endlich in der Abfassung eines gehörig ducumentierten Lehrbriefes bekundete; diese
besondere, den Deutschen eigenthümliche Vorliebe für das Formelwesen hat sich hier in
Siebenbürgen bis in die neue, wenn nicht die neueste Zeit erhalten………..

………Der hohe Grad von Wissen und Cultur, der überall in den sächsischen Städten und
Dörfern angetroffen wird, ist eine so bemerkenswerte Erscheinung, dass sie das Staunen des
fremden Reisenden erregen muss. Überall findet er, was man in früheren Zeiten ‚Studirte‘
und was wir jetzt ‚Gelehrte‘ nennen. Die Berichte von den Verhandlungen und Arbeiten des
Alterthumsvereins und der Hermannstädter Gesellchaft der Wissenschaften geben hinlänlich
Zeugnis von dem Fleisse und dem Talente dieser Männer. In Beziehung auf den
interessanten Inhalt und den tiefen Ernst der Forschung können diese Schriftwerke kühnlich
anderen Arbeiten dieser Art, wie sie Deutschland und England aufzuweisen haben, an die
Seite gestellt werden…………

………….Als ich Schäßburg zu verlassen mich anschickte, musste ich lange warten, bis der
Wagen bereit war; man gab mir dabei zu verstehen, der Fuhrmann warte möglicherweise bis
die Glocke Zwölf geschlagen; es herrscht nämlich durch ganz Siebenbürgen der Aberglaube,
dass man kein Glück habe, wenn man zu einer Reise in der Stunde zwischen Elf und Zwölf
aufbreche. Ob in Beziehung auf Eile und Pünktlichkeit bei Einhalten der Zeit der Einfluss
des Aberglaubens sich geltend macht, weiss ich nicht; aber in meinem Leben habe ich nicht
so wenig Pünktlichkeit angetroffen als hier. Bis dahin hatte ich imm er geglaubt, dass hierin
die Bayern von Niemand übertroffen werden könnten; ist doch bei ihnen das Allerbilligste
die Zeit! Allein in diesem fernen Lande hier hielt auch nicht Einer genau die festgesetzte
Zeit ein. Es wird hier für gar nicht auffallend gehalten, wenn Jemand, der ganz bestimmt um
sieben Uhr hätte eintreffen sollen, endlich um neun Uhr seine Erscheinung bewerkstelligt.
Pünktlichkeit ist hier etwas ganz Unbekanntes. Ich verliess Schässburg, – doch nicht bevor
die Glocke Zwölf geschlagen, – um meine Reise nach Kronstadt fortzusetzen. Die Strassen
sind unstreitbar in trauriger Verfassung, schlecht gepflastert, und mitten durch die breiteste
derselben fliesst ein ansehnlicher Bach mit hohen, zerrissenen Ufern. Die meisten sind sehr
schmal, wie dies übrigens nicht anders sein konnte in einer befestigten Stadt, wo der
engbegrenzte Raum äusserst werthvoll ist. Allein kein Ort in Siebenbürgen fesselt durch
seine ausnehmend pittoreske Lage so sehr Eure Aufmerksamkeit, und wenn Ihr so von der
oberen Stadt in die beiden Thäler hinabblickt, so könnt Ihr Euch gewiss nicht erinnern,
jemals früher einen so reizvollen Ort gesehen zu haben……..“

Die Bergschule von Schäßburg und ihre Ausstrahlung auf das siebenbürgische Geistesleben

„Die Sachsen mußten, was ihnen an zahlenmäßiger Masse abging, durch bessere Leistungen so zu ersetzen trachten, daß sie im Lande immer wieder als unentbehrlich empfunden und ihnen darum jederzeit die nötige Entwicklungs- und Bewegungsfreiheit eingeräumt wurde.“ Sie schrieb Friedrich Müller-Langenthal, der langjährige Schäßburger Seminardirektor und spätere Bischof, im Jahre 1930. Wenn heute davon gesprochen wird, daß in einer globalisierten Welt der Wettbewerb nur durch bessere Bildung bestanden werden kann, so war diese Tatsache für die Siebenbürger Sachsen im regionalen Rahmen von existentieller Bedeutung. Das heißt, die Siebenbürger Sachsen hatten frühzeitig erkannt, daß sie angesichts ihrer relativ geringen Kopfzahl auf Dauer nur bestehen konnten, wenn sie durch überlegene Leistungen hervorstachen. Diese Leistungen konnten sie aber nur hervorbringen, wenn sie über eine solide Bildung und Ausbildung verfügten. Es ist demnach folgerichtig, daß sie bereits zu einem sehr frühen Zeitpunkt darangingen, ein flächendeckendes, differenziertes und sehr leistungsfähiges Schulwesen zu entwickeln.

Auch in Schäßburg war eine Schule mit hoher Qualität immer ein besonderes Anliegen der Bürgerschaft, und die Gemeinde hat über die Jahrhunderte hinweg große materielle Opfer für „ihre Schule“ aufgebracht. Die Hauptstraße vom Burgplatz hinauf zu heißt nicht zufällig „Schulgasse“ und der Bergkegel heißt nicht, wie man zunächst annehmen könnte, „Kirchberg“, sondern „Schulberg“.

Der schon zitierte Friedrich Müller sagte in seiner Denkrede an Friedrich Teutsch, gehalten am 27.08.1933 aus Anlaß der 70. Hauptversammlung des Vereins für Siebenbürgische Landeskunde u.a.:

Man muß das eigentlich Unfaßbare erlebt haben, das an diesem Orte und mit diesen Menschen waltet, um zu verstehen, daß dorther ein rundes Jahrhundert lang die Geistigkeit unsere Volkes so bestimmend werden konnte………………….. . Menschen voll Eigenart gelang es, hier mit der Unergiebigkeit der Erde erfolgreich zu ringen. Und sie haben an der verkehrshemmenden Stelle innerer Verbindungslinien unseres Landes die Fähigkeit in sich ausgebildet, anderen zu dienen und doch das knorrige Selbst zu bewahren. Diese Auseinandersetzung zwischen Mensch und Natur sowie unter Menschen in ihren kräftemehrenden Ordnungen und kämpfeauslösenden Gegensätzlichkeiten geht aber in selten übersichtlicher Weise fort. Fluch und Segen wirken sich auf hart umstrittenem, kargem Boden rasch aus. Die Überlieferung gewinnt wurzelhafte Kraft, Geschichte und Gegenwart durchdringen sich. Das alles nun in der Hut von Menschen, wie sie da wuchsen und sich ausprägten, einfach und hart, in sich wurzelnd, zugleich gemeinschaftsgeneigt und brüderlich fördersam – auf sich bedacht und kärglich sparsam, zugleich ausgreifend und unternehmend, darin opfer- und gebefreudig -, im kleinen treu und engbegrenzt, zugleich in  ihren führenden, den Zusammenhang nach außen suchenden Köpfen aufgeschlossen, geistig gründig und zwingend.“

Heinz Brandsch schreibt in dem Schäßburger Heimatbuch von 1998:

…..Die Schäßburger lebten für und mit ihren Schulen: Es lebten die Schüler von dem Fleiß der Bürger dieser Stadt, es lebten die Bürger im Jahresrhythmus ihrer Schulen, im Alltag wie bei Festlichkeiten, an ernsten wie an fröhlichen Tagen. Sichtbar ‚teil-haftig‘ vereint waren sie bei allen kirchlichen und staatlichen Feiertagen, aber auch bei der Wahl der Honoratioren der Stadt und der studentischen Selbstverwaltung, bei Fasching, Richttag, Skopationsfest, Abschlußfeier und Exitus……..  .“ Dann zitiert er einen Zeitzeugen von vor 100 Jahren: „Nein, der Schäßburger hält auch jetzt noch sehr viel auf seine Schule – ja, er ist stolz darauf!“. Entsprechend hoch war dann auch das Sozialprestige der Lehrer. Brandsch  schließt seine Ausführungen mit dem nachdenklichen Satz: „Dies eine Gretchenfrage an Gegenwart und Zukunft.“

Die Existenz einer Schule in Schäßburg ist uns urkundlich 1522 definitiv belegt, wobei mit Sicherheit davon ausgegangen werden muß, daß eine solche schon viel länger bestanden hat. Die hohe Anzahl von Studenten an den Universitäten von Wien und Krakau (allein in Wien studierten in der Zeit von 1445 bis 1521 nachweislich 95 Schäßburger Studenten) lassen vermuten, daß es schon lange vorher in Schäßburg eine Schule gegeben hat. Die Quelle von 1522 ist die älteste und einzige erhalten gebliebene Gemeinderechnung (das entspricht in etwa einer städtischen Haushaltsniederschrift mit Einnahmen und Ausgaben) aus der Zeit des Königreiches Ungarn. Frühere Gemeinderechnungen hat es, wie in anderen sächsischen Städten bezeugt, sicher gegeben, sie sind jedoch verloren gegangen. Im Archiv des Vereins für siebenbürgische Landeskunde, Neue Folge, Erster Band, vom Jahre 1853 hat Georg Daniel Teutsch die Urkunde ausgiebig ausgewertet. Auf Seite 158 schreibt er: „Daß zu der Zeit eine Schule in Schäßburg bestanden, läßt sich nur aus dem erweislichen, weit frühern Dasein derselben im gesamten Sachsenlande, oder daraus schließen, daß, einfache Gewerbeleute, im Stande waren, eine umfangreiche Rechnung in lateinischer Sprache zu stellen: sondern diese führt – eine sehr werthvolle Stelle – geradezu eine auf sie verwendete Ausgabe an. Dem damaligen Rektor derselben, einem Baccalaureus, verehrte der Rath der Stadt ein Kleid im Werthe von 4 Gulden, damit er sich Mühe gäbe mit den Jünglingen (ut haberet diligentiam cum juvenibus)“. Es muß wohl ein sehr wertvolles Kleid gewesen sein, denn 4 Gulden waren zu der Zeit ein kleines Vermögen. Damals schon genossen die Lehrer offensichtlich eine hohe Wertschätzung. Die „schola maioris“ befand sich vermutlich zunächst auf der Burg in der Nähe der Kapelle, deren Grundmauern auch heute noch neben dem Eingang zur Schülertreppe und dem Predigerhof emporragen. In den Jahren 1607/08 wird die „schola maioris“ auf den Berg verlegt, etwa an die Stelle, wo heute die Bergschule steht. Das ist die Geburtsstunde des Schäßburger Gymnasiums, der Bergschule. Seither heißt der Berg auch im Volksmund Schulberg. Zur chronologischen Weiterentwicklung der Schule bis in die Gegenwart empfehle ich den Aufsatz von Egon Machat im Schäßburger Heimatbuch von 1998 und den Artikel von Hermann Baier in der Festschrift zur Wiedereinweihung der Schule im  Jahre 2007.

Seit 1545 sind uns alle Rektoren, unter denen es bedeutende Persönlichkeiten gegeben hat, namentlich bekannt. Von Anfang an verstanden sich die Lehrer bzw. Professoren, wie sie später genannt wurden, nicht nur als Pädagogen, sondern auch als Wissenschaftler. Martin Kelb legte den Grundstein für die einzigartige Schul- bzw. Dokumentarbibliothek, die uns Gott sei Dank bis zum heutigen Tag erhalten geblieben ist, im Jahre 1684. Die Schule erfuhr mehr und mehr Zuspruch, sodaß auf Betreiben des überregional bekannten Rektors Johann Gottlieb Mild in den Jahren 1792/93 ein neues Schulgebäude errichtet wurde. Seither schmückt die Schule die Aufschrift : PATRIAE FILIIS VIRTUTI PALLADIQUE SESE VOVENTIBUS SACRUM (den Söhnen des Vaterlandes, die sich der Tugend und Wissenschaft weihen, ein Heiligtum). Die Schulpraxis entsprach kurze Zeit danach aber durchaus nicht mehr der Aufschrift. Georg Paul Binder, der spätere Bischof, schildert in seinen Lebenserinnerungen „…das Elend unserer Schule…. Als ich endlich im Sommer 1798 als Chlamydat an das Gymnasium promoviert wurde, befand sich dasselbe, was ich schon damals fühlte, in einem kläglichen Zustande. Der sonst gutgesinnte Rector war selbst ganz neu und unerfahren, die übrigen Gymnasiallehrer mittelmäßig oder gar schwach, wenigstens ohne Credit…. Wenn irgend etwas bewußtlosen Vorsatz in mir niederlegte, künftig einmal, falls mein Schicksal es so fügen würde, zur Verbesserung des Schäßburger Gymnasiums mein Theilchen beizutragen, so war es die Wahrnehmung dieses, von mir und meinem wackeren Freunde Mich. A. Bertleff von Kleinschenk, der aber schon nach einem Jahre Schäßburg mit Hermannstadt vertauschte, schon damals oft besprochenen Elends unter den Lehrern sowohl als auch unter den Schülern auf demselben..“.  Die Gelegenheit sollte bald kommen, denn bereits 1808 wurde Binder „Honorär-Extraordinarius“ an der Bergschule und begann unverzüglich im Einvernehmen mit dem Rektor Martin Zay mit energischen Reformbemühungen. „…Wir Lehrer traten unabhängig und selbstständig zusammen; denn der damalige Stadtpfarrer und Schulinspector kümmerte sich theils wegen seines vorgerückten Alters, theils wegen angewöhnter Bequemlichkeit wenig um Schule und Schulwesen, und das Ortsconsistorium ließ uns ebenfalls unbeaufsichtigt und unbeirrt gewähren…“ Als nun Binder 1822 selbst Rektor wurde, konnte er auf die bereits realisierten inneren Reformen aufbauen und schuf die Grundlagen für den späteren Höhenflug der Schule, dies insbesondere durch das Heranziehen tüchtiger und  wissenschaftlich renommierter Lehrkräfte wie Wilhelm Seiwerth, Michael Schuller und vor allem Carl Goos d. Ä.. Friedrich Teutsch sagt in seiner Denkrede auf Georg Daniel Teutsch zur Eröffnung der 46. Generalversammlung des Vereins für siebenbürgische Landeskunde am 17.  August 1894: „ Mit dem letzteren (Carl Goos) insbesonders, der seines Lehrers, des späteren Bischofs Binder, Traditionen fortsetzte, war der lebendige Hauch der deutschen Wissenschaft in die Schule mächtig eingezogen…Er hat mit G. P. Binder der Schäßburger Schule den Charakter des Ernstes aufgeprägt, den Teutsch später weitergebildet hat….“. Der eigentliche Höhenflug trat Mitte des 19. Jahrhunderts mit dem Auftreten von Georg Daniel Teutsch ein. In erster Linie ihm, aber auch  seinen nicht minder begabten Lehrerkollegen, die er um sich scharte, sowie seinen Nachfolgern im Amte ist es zu verdanken, daß das Schäßburger Gymnasium für beinahe ein Jahrhundert zur führenden siebenbürgischen Bildungsstätte, zur „Referenz-Schule“ wurde. Es war daher auch nicht verwunderlich, daß das Unterrichtsministerium1864 die Schäßburger Schule neben dem Hermannstädter Gymnasium als einzige Anstalt zum Schulaustausch mit Deutschland bestimmte. Michael Albert, unser großer Dichter, selbst Schüler und Lehrer an der Bergschule, schrieb in seinen „Tage(n) der Erinnerung“: „Wir fühlten uns beseelt und gehoben durch die Ideale des wissenschaftlichen Geistes, der auf dem waldumgrünten hohen Schulberge, von lebhaften, ehrenvollen Traditionen getragen, eine eifrig gepflegte Heimstätte fand. Die Schuldisziplin war eine strenge, aber nicht kleinlicher Art….Römische Mannestüchtigkeit, die ‚virtus‘, stand täglich gebieterisch vor unserer Seele… geistige Strebsamkeit, unnachsichtige Pflichterfüllung, strenges Rechtsbewußtsein lehrte man uns als edlen Stolz empfinden“. 

Mit seinem Dienstantritt an der Bergschule im Jahre 1842 als Geschichtslehrer begann Teutsch sofort mit ungeheurer Energie und Schaffenskraft seine pädagogischen und wissenschaftlichen Aktivitäten zu entfalten. Der junge Historiker, geprägt vom Nestor der deutschen Geschichtsschreibung, Leopold von Ranke, den er in Berlin gehört hatte, wurde auch sehr schnell zu einem Kristallisationspunkt des 1840 gegründeten und 1842 in Schäßburg mit seinen Aktivitäten startenden „Verein(s) für siebenbürgische Landeskunde“, der vor allem in Deutschland bald sehr hohe Anerkennung fand. Der Verein war zwar eine sächsische Einrichtung, stand aber ungarischen und rumänischen Wissenschaftlern offen gegenüber. Gerngesehene Mitglieder waren beispielsweise die Ungarn Istvan und Josef Teleki, Paul Bethlen, die Nachfahren des Fürsten Achatius Barcsay (1658 – 1660), Kuun Laszlo, Martin Debreczeni, der ungarische Polyhistor sächsischer Abstammung Samuel Brassai, der Politiker und zeitweilige Gouverneur Siebenbürgens Imre Miko sowie der rumänische Gelehrte George Baritiu. Auf Teutschs Anregung hin beschloß der Verein 1843, ein Urkundenbuch zu Geschichte der Siebenbürger Sachsen nach dem Vorbild der von Freiherr von Stein initiierten „Monumenta Germaniae Historicae“  erstellen zu lassen, mit dessen Vorbereitungen er selbst beauftragt wurde. Das Projekt scheiterte zwar zunächst aus verschiedenen Gründen, wurde aber später von Franz Zimmermann wieder aufgegriffen und in die Tat umgesetzt. Gleichzeitig arbeitete er an seinem bahnbrechenden Werk „Geschichte der Siebenbürger Sachsen für das sächsische Volk“, das 1852 bis 1856 in einzelnen Heften erschien. Daneben veröffentlichte er zahllose Einzeluntersuchungen, unter anderem „Die Schäßburger Gemeinderechnung von 1522“, der wir den ältesten urkundlichen Hinweis auf eine Schule in Schäßburg verdanken. Der Geschichtsforschung und dem Landeskundeverein, dessen Vorstand er 1870 wurde, blieb er lebenslang treu. Seine wissenschaftliche Solidität brachte ihm hohe Anerkennung ein: Ehrendoktorwürde der Universitäten Berlin und Jena, Mitgliedschaft im Gelehrtenausschuß des Germanischen Museums in Nürnberg, Mitgliedschaft in der Bayerischen Akademie der Wissenschaften und der Göttinger Gesellschaft für Kirchenrecht, Ordensverleihung durch Herzog Ernst von Sachsen, Ehrenmitgliedschaft im Leipziger Schillerverein u.a. Mit den Historikern Wilhelm Wattenbach (Herausgeber der MGH), Dahlmann und Weitz (beide Herausgeber der berühmten „Quellenkunde der deutschen Geschichte“) sowie Johann Gustav Droysen (Autor des Standardwerks „Geschichte des Helenismus“) stand er in enger Beziehung.

Selbst wenn er auch als Bischof und Politiker der Geschichtswissenschaft treu blieb, so war seine wissenschaftlich fruchtbarste Phase, die Zeit seines Lehramtes und Rektorats in Schäßburg. Es gelang ihm, in der Schule ein Klima der wissenschaftlichen und pädagogischen Ernsthaftigkeit zu schaffen, das seine Lehrerkollegen mitriß.

Egon Machat schreibt im Schäßburger Heimatbuch von 1998: „Die kirchliche Schule bildete den geistig-kulturellen Lebensnerv des Sachsenvolkes und wurde zur Quelle sächsischer Lebenseinstellung. Geistiger Träger einer solchen Schule in Schäßburg war auch das Lehrerkollegium, das das Glück hatte, nicht nur vier Rektoren in lückenloser Reihenfolge als Bischöfe in Hermannstadt zu sehen (1843 – 1867 Georg Paul Binder, 1867 – 1893 Georg Daniel Teutsch, 1893 – 1906 Friedrich Müller d. Ä., dann von 1906 – 1933 Friedrich Teutsch, der Sohn von Georg Daniel Teutsch), die fast ein Jahrhundert lang die Geschichte der Siebenbürger Sachsen wesentlich mitbestimmten, sondern daneben in seinen Reihen auch Persönlichkeiten zu haben, die als Pädagogen und Wissenschaftler weit über ihre Schule hinaus bekannt waren. Ein handfester Beweis sind die wissenschaftlichen Arbeiten, die diese Lehrer jeweils am Ende des Schuljahres von 1852 bis 1914 im sogenannten ‚Programm des evangelischen Gymnasiums A. B. In Schäßburg‘ veröffentlicht haben. In diesen 62 Jahren finden wir im ‚Programm‘ 42 Namen (manche mehrere Male)“. In der tat war es ein Glücksfall, daß gleichzeitig mit Teutsch und danach etliche hochrenommierte Wissenschaftler als Pädagogen wirkten und den Ruf der Schule außerordentlich erhöhten.

Der langjährige Lehrerkollege und Nachfolger im Amt des Rektors war Friedrich Müller, der ihm später auch im Amt des Bischofs folgte. Später erzählte man sich scherzhaft: Wer nicht die Bergschule durchlaufen hat, sei es als Lehrer, oder zumindest als Schüler, ist nicht ‚papabel‘.

Müller galt als „durus Segesvarinus“, also als sturer Schäßburger, was er ja wohl auch war. Er achtete auf eiserne Disziplin und forderte strenge Zucht und Pflichterfüllung, Forderungen, die er auch an sich selbst richtete. Sein gründlich vorbereiteter Unterricht und seine eindrucksvolle frei Rede faszinierte die Schüler und sie brachten ihm trotz seiner Strenge große Achtung entgegen. Anders als Teutsch war er in seiner wissenschaftlichen Arbeit nicht am „großen Wurf“ interessiert, sondern konzentrierte sich auf mannigfaltige Einzelthemen, die allerdings sehr weit gestreut waren. Nach zahlreichen Arbeiten über Baugeschichte ging er nach vielfältigen Forschungen zur siebenbürgischen Glockenkunde, dann zur Archäologie und Vor- und Frühgeschichte über. Auf diesem Gebiet leistete er gemeinsam mit dem Hammersdörfer Pfarrer und renommierten Mineralogen, Geologen und Frühgeschichtler Johann Michael Ackner, ebenfalls ein Schäßburger, aber auch ganz selbständig, Hervorragendes. Die Sammlung römischer Inschriften aus Siebenbürgen, ein Gemeinschaftswerk Müllers mit Ackner, erhielt die Anerkennung des großen Historikers und späteren Nobelpreisträgers Theodor Mommsen. Darüber hinaus sammelte er siebenbürgische Sagen und Sprachdenkmäler und schrieb Aufsätze zur Kirchengeschichte.

Nicht weniger fruchtbar war sein wesentlich jüngerer Fachkollege Carl Goos d. J., der allzu früh mit 37 Jahren starb. Dieser war der Sohn seines verehrten Lehrers gleichen Namens. Goos galt als überhaupt bester Kenner des trajanischen Daziens und als Historiker von Format. Gleichzeitig war er ein begeisternder Geschichtslehrer. Seine „archäologischen Analecten“ riefen in Deutschland so große Aufmerksamkeit hervor, das Theodor Mommsen, der große Hoffnungen in ihn setzte, es sich nicht nehmen ließ, sie im berühmten „Corpus inscriptionum Latinorum“ veröffentlichen zu lassen. Seine herausragenden Werke sind seine „Studien zur Geographie und Geschichte des Trajanischen Daziens (mit Karte)“ sowie seine „Untersuchungen über die Innenverhältnisse des Trajanischen Daziens“.

Georg Daniel Teutschs Schwager und enger Freund, Joseph Haltrich, der heutige Namensgeber der Schule, galt als liebenswürdigste Persönlichkeit im Schäßburger Schuldienst. Er hat ihm in seiner Denkrede zur Eröffnung der 40. Generalversammlung des Vereins für siebenbürgische Landeskunde am 22. August 1887 ein schönes Denkmal gesetzt. Wir kennen Haltrich vor allem als emsigen Sammler siebenbürgisch-sächsischer Märchen. In der Tat galt der Welt der Märchen sein Hauptinteresse. Unermüdlich und über Jahrzehnte widmete er sich dieser Aufgabe und erntete damit nationale und internationale Anerkennung. Kein geringerer als Jacob Grimm, mit den Brüdern Grimm stand er auf vertrautem Fuß, sorgte dafür, daß seine gesammelten Märchen zuerst in Berlin erschienen. Es folgten mehrere Auflagen in Siebenbürgen selbst, aber auch in Wien. Er korrespondierte mit allen führenden Germanisten in Deutschland, unter ihnen Karl Simmrok, dem wir bis heute die beste Übersetzung des Nibelungenliedes verdanken. Daneben beschäftigte er sich auch intensiv mit anderen Aspekten der siebenbürgisch-sächsischen Volkskunde wie dem sächsischen Volkswitz und Volkshumor, der „Macht und Herrschaft des Aberglaubens“, der „Kulturgeschichte der Sachsen in Siebenbürgen“. Von großer Bedeutung waren auch seine Vorarbeiten zur Herstellung eines „Wörterbuchs der sächsischen Mundart“ Er war es nämlich, der den „Plan zu Vorarbeiten für ein Idiotikon der siebenbürgischen Volkssprache“ erstellte. Generationen von Forschern haben dieses Werk fortgesetzt, das aus den verschiedensten Gründen aber leider immer noch nicht zu einem endgültigen Abschluß gelangt ist. Er unterrichtete mit großem Erfolg Latein, Griechisch, Deutsch, philosophische Propädeutik, gelegentlich auch Geographie und Geschichte. Die Kenntnisse zur Geschichte erwarb er sich durch aktive Mitarbeit an dem Projekt eines Urkundenbuches, daß Georg Daniel Teutsch in Angriff genommen hatte. Nicht zuletzt war er auch der Initiator eines geregelten Turnunterrichts, der später zu beachtlicher Blüte gelangte. Auf ihn geht der Turnplatz, der an der Südseite der Schule angelegt wurde, zurück. Zum Anlaß der Einweihung der Turnhalle im Jahre 1863, heute die Totenhalle der evangelischen Kirchengemeinde, verfasste er ein Festgedicht, dessen erste Strophe lautete:

Denn in des Leibes kraftgewandtem Ringen

Erwachsen auch der Seele neue Schwingen;

Gesunder, freier regt sie sich im Schaffen,

Kann auch der Leib zur Freiheit auf sich raffen.

Daß er auch über ein gerüttelt Maß an feinem Humor verfügte, schildert eine Episode, die Teutsch in seiner Denkrede berichtete: „Wenn der Sommer dort das graue Gemäuer mit dem Blütenduft der alte Linde durchhauchte, und der Blick entzückt über die Giebel und Thürme der unter ihm liegenden, an geschichtlichen Erinnerungen so reichen ‚Burg‘ hinüberflog zum formschönen, mit Rebengrün und dunkelm Laubwald geschmückten Bergzug, an dessen Fuß durch wolgepflegtes Thalgelände sich windungsreich die Kokel sich hindurchschlängelt, da fragt er wol mit herzlicher Freude lachenden Auges den, von solcher landschaftlichen Schönheit überraschten Gast, wie hoch doch der Wert solcher Zugabe zu seinem Gehalt zu veranschlagen sei“.

Natürlich ließen sich noch weitere bedeutenden Lehrerpersönlichkeiten schildern: den Botaniker und Volkskundler Franz Friedrich Fronius, den Historiker Karl Fabritius, dem wir die Veröffentlichung der Chronik von Georgius Krauss zu verdanken haben, den Germanisten Johann Mätz, der in enger Zusammenarbeit mit Haltrich sächsische Sitten, Gebräuche, herkömmliche Reden und Redensarten sammelte, den Käferforscher Karl Petri, den Kunsterzieher und Pionier der Photographie Ludwig Schuller, der Vater der Malerin Betty Schuller, und viele andere mehr. Ein großer Gewinn für die Schule war auch Michael Albert, der im Verlaufe der Zeit durch sein dichterisches Werk im ganzen Land mehr und mehr populär wurde. Gott sei Dank fanden sich auch würdige Nachfolger. Ich nenne die Rektoren Daniel Höhr (1878 – 1905), Dr. Johann Wolff (1905 – 1927) und Dr. Julius Hollitzer (1927 – 44), denen es gelang, das Niveau der Schule weitgehend zu halten. Zu erwähnen ist noch die bedeutende Lehrerpersönlichkeit Heinrich Höhr (1875 – 1949), der Sohn des Rektors Daniel Höhr. Als Naturkundelehrer wirkte er von 1900 bis 1949. Daneben betätigte er sich intensiv als Botaniker, Zoologe, Ornithologe und Geologe. Etwa 100 Arbeiten und Artikel stammen aus seiner Feder. Die bedeutendsten Arbeiten sind: „Schäßburgs Archegoniaten“, „Die Vogelwelt der beiden Kokeltäler in Siebenbürgen“ und „Die geologisch-paläontologischen Verhältnisse des Groß-Kokelgebiets bei Schäßburg“.

Dank seines pädagogischenGeschicks verstand er es, die Schüler für die Naturkunde dermaßen zu begeistern, daß er mit ihnen zusammen in den Jahren 1906 bis 1910 auf mehreren Flächen im Bereich des Gymnasiums und der Bergkirche den legendären Schäßburger Botanischen Garten mit etwa 205 Pflanzenarten anlegen konnte, von dem jedoch heute leider nichts mehr zu erkennen ist. Sein Hauptwerk war jedoch der Ausbau der naturwissenschaftlichen Lehrmittelsammlung des Gymnasiums in ein naturwissenschaftliches Museum mit über 3.800 geologisch-mineralogischen und zoologischen Sammelobjekten, einem Herbarium mit etwa 3.300 Pflanzenbelegen und die Erstellung einer 451 Titel umfassenden Fachbibliothek. Diese Sammlungen sind in den letzten Jahrzehnten bedauerlicherweise sehr vernachlässigt worden und nicht wenige Objekte sind abhanden gekommen. Anlässlich der Generalsanierung des gesamten Haltrichlyzeums in den Jahren 2002 bis 2007 wurden sie in einen separaten Raum im Alberthaus verlegt und harren dort einer fachgerechten museumspädagogischen Aufbereitung.

Beginnend mit dem Eintritt von Georg Daniel Teutsch in den Dienst der Schäßburger Schule wurde  das humboldtsche universitäre Prinzip der Einheit von Lehre und Forschung ein Jahrhundert lang in idealer Weise verwirklicht, wodurch der legendäre Ruf der Schule begründet wurde. In diesem geistigen Klima erhielten viele Schüler ihre Prägung, die später zu nationaler und internationaler Bedeutung gelangten. Ich nenne nur drei: den Journalisten und Wirtschaftsfachmann Carl Wolff, Hans Otto Roth und natürlich den Raketenforscher Hermann Oberth.

So konnte es nicht ausbleiben, daß immer mehr Schüler von fern und nah um Aufnahme ansuchten.  Sie kamen nicht nur aus Siebenbürgen, sondern auch aus dem Banat, dem Buchenland, der Dobrudscha und aus Bessarabien, und die Schule drohte bereits in den 1880er Jahren aus allen Nähten zu platzen. So entschloß man sich schließlich, die Schule aufzustocken und für die vielen auswärtigen Schüler ein Internat zu errichten. Die Schule wurde 1901 umgebaut und erweitert, wohingegen das Internat neben dem Stundturm bereits 1898 fertiggestellt werden konnte. Das Internat erhielt dem großen sächsischen Volksdichter zu Ehren den Namen „Alberthaus“. Beide Gebäude blieben im Wesentlichen bis heute unverändert.

Wenn man den Siebenbürger Sachsen die Tendenz zur Isolation nachsagt, so trifft das auf ihr Bildungssystem sicher nicht zu. Alle Schulen, natürlich auch die Bergschule, waren für andere Nationalitäten immer offen. Nicht wenige Rumänen, Ungarn, Armenier und Juden haben sie durchlaufen. Allein in den Jahren 1864 bis 1923 haben 327 Rumänen in der Bergschule ihre schulische Ausbildung genossen. Ein großer Teil von ihnen trat später in den rumänischen Schuldienst ein, wo sie dann als segensreiche Deutschlehrer und Pädagogen wirkten. Andere nahmen in der rumänischen Gesellschaft bedeutende Positionen ein. Besonders zu erwähnen sind der international renommierte Elektrophysiker Remus Radulet, der hochbegabte Literat und Journalist Ilarie Chendi und der bedeutende rumänische Gelehrte Zaharia Boiu. 

Der Durleser orthodoxe Pfarrerssohn Ilarie Chendi (1871 – 1913) studierte nach seinem Bakkalaureat in Schäßburg, das er mit Bravour ablegte, zunächst in Hermannstadt orthodoxe Theologie, wandte sich aber dann dem Literaturstudium in Bukarest zu. Daraufhin arbeitete er an der Herausgabe der Rumänischen Enzyklopädie unter Leitung von Corneliu Diaconovoci in Hermannstadt und in der Redaktion der Zeitschrift „Tribuna poporului“ in Arad mit. 1898 zog er endgültig nach Bukarest, wurde Bibliothekar an der Akademie der Wissenschaften und rief mehrere Zeitschriften ins Leben. Es sind dies: „Viata literarea“ (1906, „Viata literara si artistica“ (1907), und „Cumpana“ (1909), letztere zusammen mit Mihail Sadoveanu, Stefan Octavian Iosif und Dimitrie Anghel, und war führend tätig im Rumänischen Schriftstellerverband. Er schrieb eine Unzahl literarischer Artikel, Rezensionen, literarische Porträts und Essays . Er galt als der profundeste Kenner des rumänischen geistigen und literarischen Lebens. Am 23. Juni 1913 setzte er auf tragische Weise seinem Leben ein Ende. Der Anlaß dazu war der überraschende Tod seines engen Freundes, des hochbegabten Poeten und Übersetzers Stefan Octavian Iosif, der unter anderem die Romanzen von Heinrich Heine brillant ins Rumänische übertragen hat. Sie beide hatten in jungen Jahren Blutsbrüderschaft getrunken und sich geschworen, auch im Tode vereint zu bleiben. Nicht bestätigte Überlieferungen wollen wissen, daß Chendi mit diesem Ritual im Schäßburger Cötus, also der burschenschaftlich organisierten Schülerselbstverwaltung, vertraut geworden sei und daß er zur Begründung seines Selbstmordes auf Deutsch gesagt haben soll: „Ein Mann, ein Wort“. Auch wenn wir dieses in den Bereich der Legende verweisen wollen, so ist aber bestätigt, daß er über seine Schäßburger Schulzeit stets in anerkennender Weise berichtet hat.

Der bedeutendste rumänische Bergschüler war zweifellos Zaharia Boiu. Eine ausführliche Würdigung dieser Persönlichkeit hat Claudiu Pop in der Festschrift zur Wiedereinweihung der Schule im Jahre 2007 vorgenommen. Der Pfarrerssohn Zaharia Boiu wurde im Jahre 1834 im Schäßburger Stadtteil Cornesti geboren und war der erste Schäßburger Rumäne, der eine höhere Schulbildung genoß. Zu seinen Lehrern gehörten Georg Daniel Teutsch, Friedrich Müller und Joseph Haltrich und zu seinen Mitschülern Michael Albert und Carl Goos d. J.. Nach seinem glänzenden Bakkalaureat wirkte er zunächst so erfolgreich als Lehrer in Sacele, daß Andrei Saguna auf ihn aufmerksam wurde und ihn als Professor für Pädagogik an die theologische Hochschule nach Hermannstadt berief. Zur wissenschaftlichen Weiterbildung schickte er ihn zum Studium nach Leipzig, wo der junge Pädagoge sich mit den Ideen von Johann Heinrich Pestalozzi und Adolph Diesterweg vertraut machte. Nach seiner Rückkehr schrieb er mehrere bahnbrechende rumänische Schulbücher, die sich auch jenseits der Karpaten großer Beliebtheit erfreuten. Kein Geringerer als Ion Creanga schätzte sie über alle Maßen. Darüber hinaus betätigte er sich auch als Wissenschaftler und Poet. Besondere Aufmerksamkeit erregten seine Arbeiten „Elemente de istorie a naturii si fizicii (Elemente der Naturgeschichte und der Physik)“ und „Elemente de geografie (Elemente der Geographie)“. Zu seinem literarischen Oeuvre gehört die Sammlung „Sunete si resunete“. Dank seines deutschen Bildungshintergrundes beschäftigte er sich zeitlebens mit der deutschen Literatur und verfertigte im Originalmetrum eine Übersetzung des dramatischen Gedichts „Nathan der Weise“ von Gotthold Ephraim Lessing. Daß er sich ausgerechnet dieses Zeugnis religiöser Toleranz auswählte, war nicht zufällig, denn als talentierter Redner sowie als Sekretär des „Asociatiunii transilvane pentru literatura romana si cultura poporului roman (Siebenbürgischer Verein für rumänische Literatur und Kultur des rumänischen Volkes)“  – ASTRA – entfaltete er eine rege publizistische Tätigkeit und kämpfte entschieden für die Gleichberechtigung des rumänischen Volkes in Siebenbürgen, wobei er sich nicht selten auf Stephan Ludwig Roth berief. 1877 wurde er korrespondierendes Mitglied der Akademie der Wissenschaften und 1890 deren Vollmitglied. 1903 verstarb er im Alter von 69 Jahren.

Abschließend ist sicher mit gutem Recht festzuhalten, daß kaum eine Schule in Siebenbürgen so stark auf das siebenbürgische Geistesleben ausgestrahlt hat wie gerade die Schäßburger Bergschule. Dies ist im kollektiven Gedächtnis haften geblieben, und auch heute noch zehrt die Schule von diesem Ruf.

Wenn wir uns aber nochmals die Aufschrift am Eingang unserer Schule in Erinnerung rufen:

PATRIAE FILIIS VIRTUTI PALLADIQUE SESE VOVENTIBUS SACRUM (den Söhnen des Vaterlandes, die sich der Tugend und Wissenschaft weihen, ein Heiligtum), die Generationen von Schülern und Lehrern beflügelt hat, müssen wir uns die Frage stellen, wie wir heute mit dieser Aussage umgehen. Ich möchte keine Antwort geben und schließe mit dem Zitat von Heinz Brandsch: „Dies (ist) eine Gretchenfrage an Gegenwart und Zukunft“.

Der Anschluss Siebenbürgens an Rumänien und die Siebenbürger Sachsen

Einleitung

Die Siebenbürger Sachsen hatten trotz ihrer Enttäuschung über die Habsburger, die ihre Interessen nur halbherzig unterstützt hatten, und insbesondere ihrer schlechten Erfahrungen mit dem übersteigerten Nationalismus der Budapester Regierung nach dem österreichisch-ungarischen Ausgleich vom Jahre 1867 begeistert an der Seite der Doppelmonarchie an den Kämpfen im Ersten Weltkrieg teilgenommen und einen hohen Blutzoll geleistet. Sie hatten 4850 Tote und Vermisste sowie 4779 Verwundete, unter ihnen 1449 Kriegsinvaliden, zu beklagen. Ihre Loyalität galt nach wie vor ungebrochen der Habsburger Monarchie, ja sogar dem ungarischen Staat, mit dessen Regierung sie sich zu Beginn des Jahrhunderts nach schweren Kämpfen irgendwie arrangiert hatten.

Die rumänische Nationalversammlung am 01.12.1918

Nach dem desaströsen Ausgang des Krieges für die Doppelmonarchie überschlugen sich die Ereignisse und die Siebenbürger Sachsen befanden sich plötzlich in einer sehr schwierigen Situation, ja in einem Dilemma:

Auf der einen Seite fand am 01.12.1918 die legendäre „Nationalversammlung“ der in Siebenbürgen, dem Banat und in Ungarn lebenden Rumänen mit an die 100.000 Teilnehmern statt. Unter tosendem Beifall wurde die Vereinigung der von ihnen bewohnten Gebieten mit Rumänien und eine Resolution beschlossen, in der es u.a. hieß:

I. Die Nationalversammlung aller Rumänen aus Siebenbürgen, dem Banat und Ungarn, die durch ihre beglaubigten Vertreter am 01.12.1918 (18.11.1918 nach altem Stil) in Karlsburg versammelt sind, beschließt die Vereinigung dieser Rumänen und aller von ihnen bewohnten Gebiete mit Rumänien. Die Nationalversammlung verkündet insbesondere das unveräußerliche Recht der rumänischen Nation auf den ganzen Banat, eingeschlossen von den Flüssen Marosch, Theiß und Donau.
II. Die Nationalversammlung behält allen oben genannten Gebieten die provisorische Autonomie bis zum Zusammentritt der auf Grund des allgemeinen Wahlrechts gewählten Konstituante vor.
III. Im Zusammenhang mit dieser als dem Grundprinzip für die Gestaltung des neuen rumänischen Staates verkündet die Nationalversammlung das Folgende:

  1. Die volle nationale Freiheit für alle mitbewohnenden Völker. Jedes Volk wird den Unterricht, die Verwaltung und die Rechtspflege in seiner eigenen Sprache durch Individuen aus seiner eigenen Mitte haben, und jedes Volk wird das Recht der Vertretung in den gesetzgebenden Körperschaften und in der Regierung im Verhältnis der Zahl der zu ihm gehörigen Individuen haben.
  2. Gleichberechtigung und volle autonome konfessionelle Freiheit für alle Konfessionen im Staate.
    3.Volle Verwirklichung eines rein demokratischen Regimes auf allen Gebieten des öffentlichen Lebens. Allgemeines, direktes, gleiches, geheimes, gemeindeweises Proportionalwahlrecht für beide Geschlechter im Alter von 25 Jahren für die Vertretung in Gemeinde, Bezirk oder Parlament.
  3. Vollständige Preß-, Vereins- und Versammlungsfreiheit; freie Propaganda aller menschlichen Gedanken.
  4. Eine gründliche Agrarreform. Es wird eine Zusammenschreibung sämtlicher Besitze gemacht werden, insbesondere der großen Grundbesitze. Auf Grund dieser Zusammenschreibung, indem die Fideikommisse aufgehoben werden, und auf Grund des Rechts, nach Bedarf die Latifundien zu verkleinern, wird es dem Landmann möglich gemacht werden, sich seinen Besitz zu schaffen (Ackerland, Weide Wald) wenigstens von solcher Größe, als er mit seiner Familie bearbeiten kann. Der leitende Grundsatz dieser Agrarpolitik ist einerseits die Förderung der sozialen Gleichheit, andererseits die Steigerung der Produktion.
  5. Der industriellen Arbeiterschaft werden dieselben Rechte und Vorteile zugesichert, die in den fortschrittlichen Industriestaaten des Westens gesetzlich festgelegt sind.
    IV. Die Nationalversammlung gibt ihrem Wunsche Ausdruck, der Friedenskongreß möge die Gemeinschaft der freien Nationen in solcher Weise zustande bringen, daß das Recht und die Freiheit für alle Nationen groß und klein in gleicher Weise gesichert sei und daß in Zukunft der Krieg als Mittel für die Regelung der internationalen Beziehungen ausgeschaltet sei………………………………………………………………………..

Darüber hinaus wurde ein Nationalrat eingesetzt, der nun seinerseits einen Regierungsrat (Consiliu Dirigent) wählte, welcher als eine Art Übergangsregierung fungieren sollte. Ihm gehörten bedeutende Persönlichkeiten an, die auch von den Siebenbürger Sachsen hoch geschätzt wurden. Es waren dies u.a. Juliu Maniu (Vorsitzender), Vasile Goldis, Alexandru Vaida-Voevod, Octavian Goga und Valeriu Braniste. Dieser Regierungsrat nahm dann seinen Sitz in Hermannstadt, sah sich jedoch zunächst einem Chaos gegenüber und hielt die öffentliche Ordnung nur mit Müh und Not aufrecht. Die deutschen Truppen unter Mackensen hatten sich aufgelöst und rückten ab, die rumänische Armee rückte zwar in Siebenbürgen ein, kontrollierte es aber nur teilweise.

Auf der anderen Seite war die neue ungarische Regierung unter dem Grafen Mihaly Karoly nicht bereit, Siebenbürgen preiszugeben, und ordnete einheitliche Bürgerwehren an, die Hab und Gut der Bürger schützen sollten, konnte sich aber nicht durchsetzen, so dass sich allerorts ethnisch getrennte Bürgerwehren bildeten. Wolfgang Rehner zitiert im Jahrbuch 2018 des „Hilfskomitee – Gemeinschaft ev. Siebenbürger Sachen“ den damaligen Stadtprediger von Mühlbach, der treffend die Stimmung wiedergab: „Ungarische Soldaten und Gendarmen sowie Beamte waren verschwunden. Eine sächsische Garde beschützte die innere Stadt, bis im Januar 1919 rumänisches Militär einrückte und Ordnung machte, denn wir gehörten ja nun zum vergrößerten Königreich Rumänien, was uns schwer einleuchten wollte…..“. Die Repräsentanten der Siebenbürger Sachsen befanden sich in einem tiefen inneren Zwiespalt und wussten zunächst nicht, wie sie sich verhalten sollten. Der ungarische Staat, dem über Jahrhunderte die Loyalität der Siebenbürger Sachsen gegolten hatte, existiert ja noch, aber es waren Entwicklungen im Gange, die völlig neue Tatsachen zu schaffen schienen, die nicht ignoriert werden konnten. Waren die Karlsburger Beschlüsse schon eine Vorentscheidung, oder konnte sich noch etwas ändern? Was war also in einer solchen Lage zu tun? Die Devise hieß zunächst: abwarten. Die Siebenbürger Sachsen hatten bereits seit der Zerschlagung des Königsbodens im Jahre 1876 einen Zentralausschuss zur Vertretung ihrer Interessen im ungarischen Staat. Dieser war am 29 Oktober 1918 in Hermannstadt zusammengetreten und hatte erklärt, „dass das sächsische Volk…. fest und unerschütterlich zum ungarischen Vaterland steht.“ Der bisherige Präsident, Dr. Carl Wolff, trat aus Altersgründen zurück, Dr. Adolf Schullerus, der Stadtpfarrer von Hermannstadt, wurde Präsident und Dr. Hans Otto Roth Sekretär des Zentralausschusses. Am 2. November 1918 rief der neugewählte Präsident die in Hermannstadt anwesenden Mitglieder, sowie die sächsischen Abgeordneten im Budapester Reichstag zusammen und diese elf Personen konstituierten sich als „vorläufiger Deutsch-Sächsischer Vollzugsausschuss zur Vertretung unserer Volksrechte“ und gab sich bald danach die Bezeichnung „Deutsch-sächsischer Nationalrat“. Fast gleichzeitig wurde der „Deutsche Volksrat in Ungarn“ gegründet, der den Anspruch erhob, 2,5 Millionen Deutsche in Ungarn zu vertreten, und dem auch die sächsischen Abgeordneten unter Leitung von Rudolf Brandsch geschlossen beitraten. Dieser Volksrat trat vehement für die „Unversehrtheit des ungarischen Staatsgebietes …“ ein. Der „Deutsch-sächsische Nationalrat“ war nicht bereit, sich dem Volksrat zu unterstellen, befürwortete aber eine enge Kooperation. Auf die verzweifelten Versuche Ende November/Anfang Dezember der Budapester Regierung, die Sachsen auf Ihre Seite zu ziehen, indem sie neue Töne anschlug und großzügige Angebote hinsichtlich des sächsischen Schulwesens machte, reagierten diese bereits zurückhaltend.

Die Anschlusserklärung der Siebenbürger Sachen am 08.01.1919

In der Zwischenzeit war nämlich unter den Sachsen ein Umdenken im Gange. Beispielsweise nahm am 16. November 1918 Hans Otto Roth im „deutsch-sächsischen Vollzugsausschusses“ Bezug darauf, dass sich der rumänische Nationalrat in Arad für Großrumänien entschieden habe, und forderte eine Neuorientierung in der Politik: „Die nationalen Freiheiten, die uns zugesichert werden, werden jedenfalls bedeutend größer sein, als wir sie im Staate Ungarn genossen haben. Wollen wir diese für uns günstige Stimmung ausnützen, so müssen wir darauf dringen, dass unsere Abgeordneten die Richtung ihrer Politik so bald als möglich ändern“. Am 9. Dezember versammelten sich unter dem Vorsitz von Dr. Adolf Frank über 500 in Bukarest wohnende Sachsen im „Transsylvania-Saal“ und sprachen sich für den „Geist des Rechts und der Freiheit“ aus, der aus der Erklärung von Karlsburg spreche und gaben ihre Zustimmung zum Anschluss Siebenbürgens an Rumänien. Da sie sich zu einer solchen Erklärung nicht autorisiert fühlten, beschlossen sie, eine Delegation nach Hermannstadt zum „deutsch-sächsischen Nationalrat“ zu schicken, um „ihren Volks- und Glaubensgenossen in der Heimat den gut gemeinten Rat zu erteilen, ….für die Vereinigung Siebenbürgens mit Rumänien zu stimmen.“ Auch der Regierungsrat drängte energisch auf eine Entscheidung der Sachsen, und so wuchs der Druck auf Adolf Schullerus und den Nationalrat enorm. Nach fieberhaften Diskussionen wurde schließlich entschieden, den durch die Ersatzmitglieder erweiterten Zentralausschuss als sächsische „Nationalversammlung“ nach Mediasch einzuberufen und eine Erklärung der Siebenbürger Sachsen zum Anschluss Siebenbürgens an Rumänien abzugeben. Die Erklärung erfolgte am 08.01.1918 und hat folgenden Wortlaut:

„Die Weltereignisse haben für das Gebiet, auf dem das Volk der Siebenbürger Sachsen vor fast 800 Jahren seine Heimat begründet hat, neue Tatsachen geschaffen, König Ferdinand von Rumänien hat in seinem Dekrete vom 27. Dezember 1918 die Herrschaft über dieses Gebiet ausgesprochen und angetreten. Der zahlreichste Volksstamm Siebenbürgens und der angrenzenden Teile Ungarns aber hat in seiner Karlsburger Nationalversammlung den Anschluß an Rumänien erklärt. Durch die Vereinigung Siebenbürgens und und der von Rumänen bewohnten Teile Ungarns mit Rumänien wird ein Gesamtgebiet geschaffen, dessen Zusammengehörigkeit in den ethnographischen Verhältnissen begründet ist.

Angesichts dieser Tatsachen und in der Überzeugung, daß sich hier ein weltgeschichtlicher Vorgang vollzieht, spricht das sächsische Volk in Siebenbürgen, indem es sich auf den Boden des Selbstbestimmungsrechtes der Völker stellt, seinen Anschluß an das Königreich Rumänien aus und entbietet dem rumänischen Volke seine brüderlichen Grüße und herzlichen Glückwünsche zur Erfüllung seiner nationalen Ideale.

Das sächsische Volk Siebenbürgens trägt damit nicht nur der weltgeschichtlichen Entwicklung Rechnung, sondern auch dem inneren Rechte des rumänischen Volkes auf Vereinigung und Staatenbildung und spricht die zuversichtliche Erwartung aus, daß sich das rumänische Volk und der rumänische Staat, dem das sächsische Volk seine altererbte Tüchtigkeit zur Verfügung stellt, ihm gegenüber immer durch vornehme und gerechte Gesinnung leiten lassen wird. Das sächsische Volk, das Jahrhunderte hindurch eine verfassungsmäßige Selbstverwaltung besaß, die ihm entgegen feierlicher und gesetzlicher Zusicherung widerrechtlich entzogen wurde, erwartet ferner, daß es ihm niemals unmöglich gemacht werde, sich als eine ihres Volkstums bewußte nationale und politische Einheit in aller Zukunft zu behaupten und zu entwickeln, in der Voraussetzung, dass der neue Staat ihm alles gerne bieten und geben wird, was es als seine Lebensbedingung ansieht.

Eine Gewähr hierfür sieht es in den Karlsburger Beschlüssen der rumänischen Nationalversammlung, in denen ausgesprochen ist, daß jedes Volks sich in seiner eigenen Sprache und durch seine Söhne leiten, unterrichten, verwalten, rechtsprechen und in Gesetzgebung und Regierung die entsprechende Vertretung erhalten soll, die für Kirche und Schule Autonomie gewährleisten und überhaupt eine gerechte und wohlwollende Berücksichtigung aller freiheitlichen, nationalen, wirtschaftlichen und kulturellen Rechte der Völker und damit auch unseres Volkes verbürgen.

Das sächsische Volk stimmt ferner dem Beschlusse der Karlsburger Nationalversammlung zu, wonach auf dem Friedenskongreß die Gerechtigkeit und die Freiheit für die großen und kleinen Nationen gleichmäßig gesichert werden sollen, und sieht darin eine dauernde Bürgschaft für den Frieden der Völker.

Es hofft und wünscht, daß auch die übrigen deutschen Volksgenossen im neuen Staate seinem Vorgehenn sichanschließen werden, und spricht die Erwartung aus, daß die Rechte, die ihm gebühren, auch den übrigen Deutschen zuerkannt werden und daß die völkische und politische Zusammengehörigkeit aller Deutschen in dem neuen Staate anerkannt wird!

Im vollen Bewußtsein der Bedeutung seines Entschlusses, betrachtet sich das sächsische Volk von heute an als ein Glied des rumänischen Reiches, seine Söhne und Töchter als Bürger dieses Staates. Es bittet Gott, daß er den verantwortungsvollen Schritt, den es zu tun sich verpflichtet fühlte, zum Guten lenke und mit seinem Segen begleite.“

Die Erklärung wurde wohlwollend vom König und der Bukarester Regierung entgegengenommen. Den Text hatte der sächsische Abgeordnete im ungarischen Reichstag und zeitweiliger Schriftleiter des Siebenbürgisch Deutschen Tageblattes Dr. Rudolf Schuller verfasst, der in vielerlei Hinsicht im Gegensatz zu Rudolf Brandsch stand. Sicher hat diese Erklärung nicht den Ausschlag für den Anschluss Siebenbürgens gegeben, aber die rumänischen Politiker legten großen Wert auf den Standpunkt der Sachsen, und diese waren auch der Meinung, sich positionieren zu müssen, um ihre Erwartungen an den neuen Staat deutlich zu machen. Auch die Broschüre „Cine sint si ce vor sasii din Ardeal? (Wer sind und was wollen die Sachsen aus Siebenbürgen?)“ wurde wohlwollend entgegengenommen. Paul Philippi schreibt in einem Nachwort zur zweisprachigen Neuauflage der Broschüre im Jahre 1968, also zum 50sten Jahrestag der Anschlusserklärung der Siebenbürger Sachsen: „…Sie war an die große Mehrheit der Bewohner des neuen Staatsverbandes gerichtet, in den Siebenbürgen 1919 gerade eingetreten war. Es war gewissermaßen ein Akt der Vorstellung: Die Siebenbürger Sachsen machten sich ihren neuen Mitbürgern jenseits der Karpaten bekannt, und sie taten es, guter Sitte entsprechend, nicht nur durch sich selbst; sie ließen sich von einem hervorragenden Mitglied der Gesellschaft in den Kreis derer einführen, zu denen sie von nun an gehören wollten: Kein geringerer als Nicolae Iorga hat dies Amt des Eingrüßens übernommen und zu seinem eigenen Anliegen gemacht. Er wird sich dessen bewusst gewesen sein, damit eine Mission zu erfüllen, die ihm als Historiker und Patrioten unverwechselbar zugewachsen war….“ Es handelte sich beim Text um eine Selbstdarsrellung der Sachsen unter verschiedenen Aspekten:

  1. Wer sind die Sachsen und wo wohnen sie?
  2. Aus der Vergangenheit der Siebenbürger Sachsen
  3. Die soziale Lage der Sachsen
  4. Die sächsischen Landwirtschaft
  5. Handwerk, Industrie, Handel und Bamkwesen bei den Sachsen
  6. Schule und Kirche bei den Sachsen
  7. Das geistige Leben bei den Sachsen
  8. Die Organisation der Sachsen
  9. Der nationale Charakter der Sachsen
  10. Was erwarten die Sachsen von ihrem neuen Vaterland?

Eine solche Darstellung war sicher sehr hilfreich, denn man konnte nicht davon ausgehen, dass die Rumänen im Altreich, also in der Moldau und in der Walachei, viel Kenntnis über die Siebenbürger Sachsen hatten. Man hat jahrzehntelang gerätselt, wer der Autor des Textes war, Iorga hatte ja nur das Vorwort geschrieben. Der Historiker Vasile Ciobanu hat erst 1991 herausgefunden, dass es sich um den sächsischen Journalisten und Reichstagsabgeordneten Emil Neugeboren handelt.

Schluss

Im Jahre 1919 schickten sich die Sachsen nun an, alle Vorbereitungen zur Mitwirkung im neuen Staate zu treffen. Nach vielen Debatten wurde zum 6. November 1919 ein großer Sachsentag nach Schäßburg einberufen, der die Anschlusserklärung vom 8. Januar 1919 billigte und das „Sächsische Volksprogramm“, das als Basis der sächsischen politischen Mitwirkung im neuen Staate dienen sollte, verabschiedete. Dieses Volksprogramm bestand auf die Erfüllung der Karlsburger Beschlüsse und ergänzte diese durch konkrete inhaltliche und organisatorische Programmpunkte. Die Führungsrolle fiel nicht zuletzt wegen seiner hervorragenden Vernetzung mit führenden rumänischen Politikern dem ehemaligen ungarischen Abgeordneten Rudolf Brandsch zu, der in der Folge auch eine große Rolle auf nationaler und internationaler Ebene im Kampf um die Minderheitenrechte spielen sollte. Im November rückten dann auch die sächsischen Abgeordneten in das rumänische Abgeordnetenhaus und in den Senat ein, voller Hoffnung, dass jetzt eine befriedigende neue Ära anbrechen würde. Umso größer war die Enttäuschung, als sie feststellen mussten, das das rumänische Parlament und die Regierung gar nicht daran dachten, die Versprechungen der Karlsburger Nationalversammlung einzuhalten. Es wurden lediglich kleinere und halbherzige Zugständnisse gemacht, und selbst die wurden in der Folgezeit nicht immer eingehalten. Die Agrarreform von 1920, die die Sachsen und vor allem die für das sächsische Schulwesen verantwortliche evangelische Kirche empfindlich schädigte, tat ein Übriges, um bei den Sachsen eine große Unzufriedenheit hervorzurufen. Insofern ist es auch folgerichtig, dass die sächsischen Abgeordneten die neue Verfassung vom März 1923, die erheblich vom Inhalt der Karlsburger Beschlüsse abwich, ablehnten. Der Geist der Dambovita wehte nun kräftig auch über Siebenbürgen. Und das tut er bis zum heutigen Tage! Es blieb aber den Sachsen nichts anderes übrig, als sich mit der neuen Lage abzufinden, nicht zu resignieren und sich mit den Verhältnissen irgendwie zu arrangieren, wie so oft in ihrer vielhundertjährigen Geschichte. Die folgenreichen späteren Verwerfungen der 30er und 40er Jahre, deren eine der Wurzeln auch darin gelegen haben mag, konnte damals noch niemand vorausahnen. Heute haben sich die Siebenbürger Sachsen mit dem Anschluss Siebenbürgens an Rumänien vollends ausgesöhnt und wirken am Staate konstruktiv mit. Die Tatsache, dass einer von Ihnen es sogar zum Staatspräsidenten gebracht hat, ist ein schlagender Beweis dafür.

Ein Wanderer zwischen den Welten

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Auf dem Weg zur Schäßburger Geschäftsstelle des Demokratischen Forums der Deutschen in Rumänien sprach mich ein etwa 50-jähriger hochgewachsener und grau melierter Mann in akzentfreiem Deutsch an: „Guten Tag, Herr Dr. Scheerer, ich gratuliere Ihnen zur Verleihung der Ehrenbürgerschaft der Stadt Schäßburg. Ich habe an der gestrigen Zeremonie teilgenommen, wollte Sie aber nicht stören, da Sie von so vielen Menschen und Journalisten umringt waren.“ Meine Verblüffung war so groß, dass mir nur ein paar formelhafte Dankesworte einfielen. „Mein Name ist Dinu Ionescu und ich hätte gerne mit Ihnen ein längeres Gespräch geführt, da ich Sie seit meiner Kindheit kenne. Leider bin ich aber im Augenblick sehr in Eile. Ich bin auf dem Weg zum Busbahnhof, wo mich meine Schwiegermutter erwartet, die im Rahmen einer Studienreise hier in Schäßburg gerade Station macht.“

So verabredeten wir uns für den nächsten Tag in einem Café in der Unterstadt. Den ganzen Tag rätselte ich, wer dieser Mann sein könnte und woher er mich kannte. Sein Name sagte mir nichts.
Am nächsten Tag trafen wir uns dann in dem verabredeten Café.

„Sie werden sich sicher nicht mehr an mich erinnern, aber ich kenne Sie seit ich 8 Jahre alt war. Als Sie bei meiner Großtante Victoria in der Intrarea Frumoasa nahe der Calea Victoriei in Bukarest wohnten, war ich sehr häufig dort, da meine Mutter gestorben war und mein Vater sich kaum um mich kümmerte. Meistens war ich mit meiner Tante Tatjana zusammen. Sie war damals 16 Jahre alt und beschäftigte sich immer sehr liebevoll mit mir. Wir alle beide haben Sie damals sehr bewundert. Auch meine Großtante und mein Großonkel Lulu Ionescu waren sehr angetan von Ihnen.“

Meine Zeit in Bukarest kam mir plötzlich sehr plastisch wieder in Erinnerung.
1967 hatte ich an der Universität Mainz eine Dissertation über die rumänischen Bauernaufstände vom Frühjahr 1907 angenommen und war ab da intensiv mit Archivstudien beschäftigt. 1968 hatte ich die einschlägigen Archive in Deutschland (Politisches Archiv des Auswärtigen Amtes in Bonn und Bundesarchiv in Koblenz) und Österreich (Haus-Hof-und Staatsarchiv in der neuen Hofburg sowie das Militärarchiv in der Stiftsgasse) durchforstet und wartete auf die Erlaubnis, die Staatsarchive in Bukarest und Jassy (Iasi) aufzusuchen. Nach mehreren Absagen erhielt ich zu meiner großen Überraschung vom damaligen deutschen Forschungsminister Gerhard Stoltenberg, an den ich mich gewandt hatte, die Mitteilung, dass ich nicht nur die Erlaubnis der rumänischen Behörden zum Archivbesuch in Bukarest und Jassy erhalten hätte, sondern sogar mit einem gut dotierten Stipendium der rumänischen Akademie der Wissenschaften im Austauschverfahren rechnen könne. Dies war nur möglich geworden, da sich Rumänien gerade auf Entspannungskurs befand und dem Wunsch des damaligen Bundesaussenministers der ersten großen Koalition in Bonn, Willy Brandt, nachkam, als erstes Ostblockland diplomatische Beziehungen mit der Bundesrepublik Deutschland aufzunehmen. Als ich in Bukarest eintraf, war ich von der Höhe des Stipendiums überrascht. Der Betrag war dem meines Austauschpartners angepasst. Dieser hatte ein Forschungsstipendium am Institut für Europäische Geschichte in Mainz und erhielt eine monatliche Zuwendung in Höhe von 800 DM, ein für rumänische Verhältnisse exorbitant hoher Betrag. Einquartiert wurde ich in einem luxuriösen Zimmer in der großzügigen Wohnung der Familie Ionescu. Meine Anlaufstelle, die Akademie der Wissenschaften, befand sich ganz in der Nähe, wie auch das historische Forschungsinstitut Nicolae Iorga, dem ich zur Betreuung und zur Koordinierung meiner Archivbesuche zugeordnet worden war.

Bei der Familie Ionescu habe ich mich von Anfang an sehr wohl gefühlt, und es dauerte nicht lange, bis ich voll integriert war. Herr Lulu (Vasile) Ionescu war der letzte Generaldirektor des rumänischen Rundfunks bis zum kommunistischen Umsturz und enger Vertrauter des Conducators (Führer) Ion Antonescu gewesen. Er war sogar Ohrenzeuge der dramatischen Ereignisse vom 23.08.1944 im Königspalast, die zu dessen Verhaftung und zum Frontwechsel des Landes geführt hatten. Wenig später wurde auch Ionescu verhaftet und zu lebenslanger Zwangsarbeit verurteilt. Im August 1964 kam er infolge einer allgemeinen Amnestie frei. Er kam nicht nur frei, sondern wurde sogar rehabilitiert. Die Wohnung wurde ihm zurückerstattet und er erhielt darüber hinaus die Erlaubnis, Untermieter aufzunehmen. Frau Ionescu war seine Sekretärin gewesen und war die einzige Person, die während des Prozesses und auch nach seiner Verurteilung Kontakt zu ihm gehalten und ihn mit den wenigen Möglichkeiten, die das Regime zuließ, unterstützt hatte. Nach seiner Freilassung hat er sie dann geheiratet. Eines Tages gab er mir seine handschriftlichen Lebenserinnerungen zu lesen, die für mich eine faszinierende Lektüre waren. Vor allem die Passagen über die Vorgänge vom 23.08.1944, die er in unmittelbarer Nähe der Akteure miterlebt hatte, beeindruckten mich sehr, zumal sie ein differenzierteres Urteil vermittelten, als die spätere Forschung überliefert hat. Wir beratschlagten lange, ob ich das Manuskript nicht über die Grenze schmuggeln und in Deutschland veröffentlichen solle. Eine Übersetzung ins Deutsche hatte ich vorsorglich schon angefertigt. Wir kamen schließlich zum Schluss, dass es doch zu gefährlich sei, denn Rumänien war trotz der außenpolitischen Lockerung doch ein rigider Zwangsstaat und die Securitate arbeitete auf Hochtouren. Auch hatte ich damals noch meine gesamte Verwandtschaft in Rumänien, und ich wollte sie nicht in Bedrängnis bringen, falls das Manuskript beim Grenzübertritt vielleicht doch entdeckt worden wäre. Jede Woche kam der Bruder des Hausherrn, Herr Titi Ionescu, zu Besuch. Er war trotz seines fortgeschrittenen Alters ein drahtiger Mann mit einer sonoren Stimme. Er war Berufsoffizier gewesen und sein letzte Verwendung war die eines Verbindungsoffiziers zu den deutschen Truppen. Auch er wurde später als glühender Verehrer des Marschalls Antonescu zu lebenslanger Haft verurteilt und im August 1964 wie sein Bruder begnadigt. Zur Familie gehörte auch die 16-jährige Tatjana, eine Nichte von Frau Ionescu. Sie war Halbwaise und ihr Vater, ein Rechtsanwalt, hatte wenig Zeit für sie. Was mir besonders an ihr gefiel, war ihre dauernde Fröhlichkeit und Freundlichkeit. Der kleine Dinu, an den ich mich jetzt wieder genau erinnerte, war eigentlich auch ein fröhlicher Junge, weinte jedoch still vor sich hin, wenn von seiner Mutter die Rede war. In solchen Augenblicken kümmerte sich Tatjana rührend um ihn. Wie ich nach einiger Zeit erfuhr, hatte sich seine Mutter vor über einem Jahr mit einer Überdosis Schlaftabletten das Leben genommen. Über seinen Vater wurde während meiner gesamten Anwesenheit in der Familie nicht gesprochen.

„ Sie sind also der kleine Dinu! Jetzt erinnere ich mich wieder ganz genau an Sie. Erzählen Sie mir bitte von sich! Ich bin ganz neugierig.“

„Mein Großvater Ovidiu Ionescu war ein bekannter Bukarester Arzt und wie seine wesentlich jüngeren Brüder Lulu und Titi ein glühender Verehrer von Ion Antonescu, den er auch mehrfach ärztlich betreut hat. Meine Großmutter war eine Nichte des Fürsten Stirbei und gehörte demnach zum rumänischen Hochadel. Sie hatten drei Kinder: meinen Vater Traian und zwei Töchter, Tante Zoe und Tante Elena. Die Tanten habe ich nie kennengelernt, denn sie starben beide Ende der 50-er Jahre, die eine an Leukämie, die andere an Diphtherie. Mein Großvater hat die kommunistische Umwälzung nicht mehr erlebt. Er starb 1945 an einer Blutvergiftung. Meine Großmutter emigrierte nach Paris, wo sie 1954 auch starb. Mein Vater war, sicher zum Leidwesen meines Großvaters, schon als Schüler der Eisernen Garde beigetreten.“

Die Eiserne Garde war eine faschistische und antisemitische Bewegung bzw. politische Partei mit ca. 250.000 Mitgliedern und damit die drittgrößte faschistische Bewegung in Europa. Ihre Besonderheit war ihre fundamentalistisch-orthodox-religiöse Ausrichtung. Gegründet wurde sie 1927 von Zelea Codreanu unter dem Namen ‚Legion des Erzengels Michael‘, weswegen ihre Mitglieder auch Legionäre genannt wurden. Sie entwickelte sich von etwa 1933 bis 1938 zur Massenbewegung, bevor unter der autoritären Königsdiktatur Carols II. eine massive Repression einsetzte, der zahlreiche Führungsmitglieder zum Opfer fielen, unter anderem Codreanu selbst. Von Anfang Juli 1940 bis Anfang September 1940 beteiligte sich die Eiserne Garde erstmals an einer rumänischen Regierung; am 3. September 1940 versuchte sie unter ihrem nunmehrigen Führer Horia Sima einen Putsch gegen Carol II., der in dieser Lage General Ion Antonescu am 4. September zum Ministerpräsidenten mit unbeschränkten Vollmachten ernannte. Mit der Unterstützung der Eisernen Garde zwang Antonescu Carol II. am 6. September zum Thronverzicht und errichtete ein totalitäres „nationallegionäres“ Regime, das Rumänien fest an die Seite der Achsenmächte führte. Als die Eiserne Garde im Januar 1941 auch gegen Antonescu zu putschen versuchte, kam es zum Bruch mit dem „Staatsführer“, der die Bewegung nach der blutigen Niederschlagung des Aufstandes verbot und rigide verfolgte. Die Führungsriege der Garde floh nach Deutschland. Horia Sima errichtete im Auftrag der Nationalsozialisten von August 1944 bis Mai 1945 in Wien eine rumänische Exilregierung. Von dort floh er nach Spanien, wo er versuchte, die legionäre Bewegung fortzuführen.

„ In der Phase der nationallegionären Regierung gehörte mein Vater trotz seiner Jugend, er war erst 18 Jahre alt, zur engeren Entourage des Führers Horia Sima. Beim Putschversuch der Legion im Januar 1941 tat er sich als besonders rabiater Schläger hervor. Ob er auch Tote auf dem Gewissen hatte, konnte ich nicht in Erfahrung bringen. Nach der Niederschlagung des Putsches floh er mit Horia Sima nach Deutschland und gehörte auch der kurzlebigen Exilregierung in Wien an. 1946 kehrte er auf verschlungenen Wegen nach Rumänien zurück und schloss sich den Partisanen in den Südkarpaten an.“

Dort und in anderen unzugänglichen Regionen hatten sich mehrere Widerstandsgruppen verschanzt und leisteten bis Ende der 50er Jahre mit abnehmendem Erfolg bewaffneten Widerstand. Es handelte sich um fahnenflüchtige Angehörige der königlichen Armee, die sich gegen den Frontwechsel vom 23.08.1944 wandten, versprengte deutsche Soldaten, Angehörige der Eisernen Garde, aber auch Intellektuelle und Studenten sowie andere antikommunistische Widerstandsgruppen. Unterstützt und versorgt wurden sie von der bäuerlichen Bevölkerung der umliegenden Dörfer sowie den Schafhirten, die in der warmen Jahreszeit ihre Herden in den hochgelegenen Gebirgsregionen weideten.

„1947 stellte er sich den Sicherheitskräften und bot sich als Informant über die Stellungen und Nachschubwege der Partisanen an. Er gehörte zu den wenigen, die diesen Weg gegangen sind. Viele seiner Gesinnungsgenossen zogen es vor, entweder unterzutauchen oder ihre Identität zu wechseln. Die meisten von ihnen aber wurden verhaftet und standrechtlich erschossen oder sie erhielten hohe Haftstrafen. Nicht wenige von ihnen, wie auch Bauern und Hirten, die die Partisanen unterstützt hatten, wurden von meinem Vater denunziert. Er sicherte sich dadurch nicht nur seine Freiheit, sondern verschaffte sich durch diesen Verrat sehr schnell auch das Entree in die Securitate, wo er dann eine steile Karriere machte. Protektion erfuhr er durch den damaligen Ministerpräsidenten Petru Groza, der vor dem Krieg Patient meines Großvaters gewesen war. Er war es auch, der meinem Vater riet, sich der Securitate anzuschließen.“

Groza war ein Grandseigneur, hochgebildet und mehrsprachig, aber durch und durch korrupt und skrupellos. Vor dem Krieg gehörte er zu den reichsten Männern Siebenbürgens. Er hatte mehreren Parteien angehört, mehrere Regierungsämter wahrgenommen und sich dadurch ein riesiges Vermögen angeeignet. Aus einer Laune heraus hatte er dann, obwohl er Großgrundbesitzer war, eine bäuerlich-proletarische Splitterpartei namens Frontul Plugarilor (die Front der Pflüger) gegründet, die er nach dem Krieg infolge seines guten Gespürs für die Zeitläufe der Kommunistischen Partei als deren Satellitenpartei zuführte. 1948 ist sie dann auch in der Kommunistischen Partei aufgegangen.

„In der Securitate machte nun mein Vater sehr schnell Karriere. Er etablierte sich endgültig in ihren Strukturen während der Prozesse gegen Ana Pauker, Teohari Georgescu und Vasile Luca, bei deren Vorbereitungen er eine Menge erfolgreicher Verhöre durchgeführt haben soll.“

Diese ausgewiesenen Stalinisten waren gleich nach Kriegsende aus Moskau nach Rumänien geschickt worden, um die Macht zu übernehmen. Sofort besetzten sie Schlüsselämter und galten als Stalins Statthalter in Rumänien. Sie waren auch verantwortlich für die Hinrichtung des hochgebildeten Nationalkommunisten Lucretiu Patrascanu. Als nun der Parteichef Gheorghe Gheorghiu Dej, der sich in der Verfolgungszeit nicht nach Moskau abgesetzt hatte, sondern viele Jahre eingekerkert war, selbst einen nationalkommunistischen Kurs ansteuerte, wurden die sogenannten Moskowiter in groß angelegten Schauprozessen abgeurteilt und aus dem öffentlichen Leben entfernt.

„Weitere Meriten verdiente sich mein Vater Ende der 50er Jahre während der Prozesse gegen die deutsche Minderheit. Da er hervorragend Deutsch sprach, und es zum Teil um angeblich subversive Literaturinterpretationen ging, war er an der richtigen Stelle.“

Die wichtigsten Prozesse waren der Schwarze-Kirche-Prozess, der sich vor allem gegen den Kronstädter evangelischen Stadtpfarrer Konrad Möckel richtete, und der Prozess gegen bekannte deutsche Schriftsteller, unter ihnen Hans Bergel, Andreas Birkner, Georg Scherg, Wolf Aichelburg, Eginald Schlattner u.a. Ihnen wurde unter anderem Konterrevolution und Untergrabung der sozialistischen Ordnung vorgeworfen.

„Nach dem Tode von Petru Groza lehnte sich meinVater an einen anderen Grandseigneur an, nämlich an den späteren langjährigen Ministerpräsidenten Ion Gheorghe Maurer. Die Verbindung hielt auch nach dessen Rückzug aus dem öffentlichen Leben an, denn Maurer hat auch danach noch aus dem Hintergrund viele Fäden gezogen.
Mein Vater war ein äußerst attraktiver Mann und hatte dank seiner vielfältigen Sprachkenntnisse, er sprach fließend Deutsch, Französisch und Englisch, Russisch sprach er nur lückenhaft, ein kosmopolitischesAuftreten, was viele Frauen anzog. 1958 heiratete er meine Mutter Elisabeta Bibescu. Sie entstammte einer Seitenlinie der Fürstenfamilie Bibescu und arbeitet als Lektorin in einem Kunstverlag. Die meisten ihrer Verwandten lebten in der Emigration. Ich wurde 1959 geboren und blieb ihr einziges Kind. Ihr gegenüber hat mein Vater seine tatsächliche Tätigkeit verschwiegen. Er hat sie im Glauben gelassen, er arbeite dank seiner Sprachkenntnisse als wissenschaftlicher Mitarbeiter im Außen- und im Innenministerium. Als sie durch einen Zufall 1964 von seiner tatsächlichen Tätigkeit erfuhr, hat sie ihn zur Rede gestellt, worauf er nur mit zynischen Bemerkungen in kommunistischem Jargon reagiert hat. Dieses und seine laufenden Affären haben meiner Mutter so zugesetzt, daß sie allmählich schwermütig geworden ist und sich 1967 das Leben genommen hat. Dies scheint aber meinen Vater nicht bekümmert zu haben, denn er hatte sofort eine Affäre nach der anderen. Diverse Frauen gingen auch in meiner Anwesenheit im Hause ein und aus. Deshalb war ich auch viel lieber bei meinem Großonkel Lulu. Wenn er in dieser Zeit mit mir sprach, fragte er mich immer wieder über meinen Großonkel und seine Besucher aus. Auch über Sie hat er mich wiederholt ausgefragt. Er wollte beispielsweise wissen, ob Sie Verwandten- oder Mädchenbesuche bekommen hätten. Einmal fragte er gezielt, ob nicht vielleicht eine Russin bei Ihnen gewesen sei.“

Bei diesem Satz wurde ich ganz hellhörig. Ich hatte nämlich tatsächlich eine Zeit lang eine Liebesaffäre mit einer Studentin aus Minsk. Sie war eine Polin, deren Vater Professor für Botanik an der Universität in Minsk war, und studierte in Bukarest Romanistik und Germanistik. Wir trafen uns sehr oft, meistens im Park Cismigiu. Eins Tages kam sie nicht zum vereinbarten Termin, was mich sehr beunruhigte. Als ich mich in dem Studentenwohnheim, wo sie untergebracht war, nach ihr erkundigte, erhielt ich die Auskunft, sie sei abgereist und komme auch nicht mehr zurück. Ich habe trotz mehrfacher Versuche nie wieder etwas über sie in Erfahrung bringen können. Der Gedanke, dass ihre Abberufung eventuell auf ihren Kontakt zu mir zurückzuführen war, hat mich lange Zeit gequält. Ich habe ihn schließlich verworfen, aber nach der letzten Aussage von Herrn Dinu Ionescu scheint mir diese Möglichkeit nicht mehr ausgeschlossen zu sein, denn sogenannte Westkontakte waren für Sowjetbürger streng verboten. Für Rumänen waren sie lediglich meldepflichtig.

„In der Schule hatte ich keine Schwierigkeiten. Zwar war ich wie alle Schüler auch bei den Pionieren, in die kommunistische Jugend trat ich aber trotz massiven Drucks nicht ein. Dies führte zu heftigen Auseinandersetzungen mit meinem Vater. Als ich ihm bei einer solchen Gelegenheit bedeutete, ich wolle nicht ein solch gewissenloser Opportunist werden wie er, sprach er wochenlang kein Wort mehr mit mir. Für eine Sache bin ich ihm aber bis heute dankbar: Er hat dafür gesorgt, dass ich von klein an Privatunterricht in deutscher Sprache erhalten habe. Als ich nach meinem Bakkalaureat (Abitur) mein Medizinstudium in Klausenburg antrat, sprach ich fast perfekt Deutsch und verkehrte auch meistens nur mit Studenten der deutschen Minderheit. Vom Militärdienst wurde ich zunächst freigestellt, dafür hatte auch mein Vater im Hintergrund gesorgt. In Klausenburg wendete ich mich nun innerlich völlig von ihm ab und wollte mit ihm eigentlich überhaupt nichts mehr zu tun haben. Da in mir aber inzwischen der Gedanke gereift war, das Land zu verlassen und im Westen ein neues Leben zu beginnen, wandte ich mich im Jahre 1981mit schlechtem Gewissen ein letztes Mal an ihn und bat ihn, mir zu helfen, an einem Kongress für junge Mediziner in München teilnehmen zu können. Er versprach mir, mit dem Ministerpräsidenten Ilie Verdet zu sprechen, was er offenbar auch getan hat, denn ich erhielt nach etwa 4 Wochen den Reisepass und die bei solchen Gelegenheiten üblichen Devisen. Bei dieser Gelegenheit wurde mir ganz klar, wie das kommunistische System funktionierte. Gleich nach ihrer Machtübernahme hatten die Kommunisten das in Rumänien seit der osmanischen Okkupation existierende System einer durchorganisierten Klientelgesellschaft übernommen und perfektioniert. Jedes Mitglied des Politbüros und in zweiter Linie des Zentralkomitees organisierte sich eine loyale Hausmacht und honorierte seine Anhängerschaft mit wichtigen Posten und profitablen Pfründen. Dem Generalsekretär oblag es nun, die Interessen dieser Clans auszutarieren und unter Kontrolle zu halten. Stürzte einer dieser Patrone, dann zerriss dessen gesamtes Netz und die Klientelen mussten sich umorientieren. Mein Vater hat dieses System meisterhaft genutzt. Anfänglich begab er sich in die Obhut von Groza, dann von Maurer, und als dessen Einfluss Anfang der 80er Jahre nachließ, lief er zum neuen starken Mann, Ilie Verdet, über. Dieser galt als enger Vertrauter von Elena Ceausescu, der sehr einflussreichen Frau des Generalsekretärs der Partei und Staatschefs Nicolae Ceausescu. Am Tag des Sturzes von Ceausescu verriet er sofort seinen Patron und lief zum neuen kommenden Mann, Ion Iliescu, über. Von diesem wurde er auch sofort mit wichtigen Funktionen honoriert. Während dessen Übergangsregierung wurde er mit der delikaten Aufgabe betraut, das riesige Vermögen der Partei, vor allem die großen Mengen an Devisen, vor dem Zugriff der staatlichen Behörden in Sicherheit zu bringen. Ob ihm dieses in Gänze gelungen ist und inwiefern er sich dabei auch persönlich bereichert hat, kann ich nicht beurteilen. Er starb Ende 1990 bei einem mysteriösen Verkehrsunfall, dessen Hintergründe bis heute nicht aufgeklärt sind. Die Todesnachricht erreichte mich erst 8 Wochen später. Ich war seinerzeit nach meiner Ankunft in München sofort nach Hamburg weiter gereist, wo ich zunächst bei entfernten Verwandten meiner Mutter unterkam. Dank meiner guten Deutschkenntnisse schloss ich sehr schnell meine medizinische Ausbildung ab und bekam auch sofort eine Anstellung in einer kleinen Privatklinik als Assistenzarzt. Ich bin der Klinik treu geblieben und bin heute deren Chefarzt. 1991 habe ich meine Frau Angelika, eine Lehrerin für Deutsch und Geschichte, geheiratet. Wir haben drei Kinder, einen Sohn und zwei Töchter. Tante Tatjana ist in den 80er Jahren irgendwie nach Schweden gelangt und hat dort geheiratet. Sie ist immer noch eine sehr aparte Frau, leidet aber leider unter beginnender Demenz. Mit Rumänien habe ich schon lange abgeschlossen. Nach langem Nachdenken habe ich mich aber nun doch entschlossen, noch einmal zurückzukehren und an der für den 10. August geplanten Demonstration der rumänischen Diaspora teilzunehmen. Die neue Klientelgesellschaft nimnt nämlich inzwischen dramatische Formen an und muß jeden, der noch irgendwie am Lande interessiert ist, sehr beunruhigen. Dem durch und durch korrupten und mehrfach vorbestraften Vorsitzenden der Regierungspartei ist es doch tatsächlich gelungen, die gesamte Partei unter sein Regiment zu zwingen und ist mit seinen Spießgesellen, die allesamt Korruptionsprozesse am Hals haben, dabei, alle staatlichen Organe unter Kontrolle zu bringen. Das Parlament, die Antikorruptionsbehörde, und die Justiz hat er bereits weitgehend gekapert. Ja, sogar das Verfassungsgericht steht mittlerweile in seinen Diensten. Wenn ihm nicht Einhalt geboten wird, errichtet er sicher einen mafiotischen und totalitären Staat. Dann kann er mit seinen Genossen ungesühnt und sorgenfrei das Land ausplündern. Ich fürchte aber, dass die Demonstration nicht allzuviel bewirken wird. Das Land geht schweren Zeiten entgegen.“

Wir unterhielten uns noch eine Zeit lang, wobei ich ihm auch von mir erzählte. An meinen Projekten, die mich zurück in meine alte Heimat geführt hatten, zeigte er großes Interesse. Bevor wir uns verabschiedeten, sagte er: „Sie und ich sind beide Wanderer zwischen den Welten, jeder auf seine Weise.“ „Ja, wir sind Wanderer zwischen den Welten.“

Avram

Ich bin in Siebenbürgen aufgewachsen. Die Geschichte schildert die letzten Wochen und Tage vor meiner Auswanderung nach Deutschland im Jahre 1957.

Der Schnellzug ratterte rhythmisch und gedämpft wie auf Polstern. „Wann sind wir in Bukarest?“ Seppi fingerte ungeduldig an seinen Gesichtspickeln. „Na, das dauert noch, wir sind gerade über den Predealpaß gefahren.“ Marthatante streichelte ihm lachend über den Kopf. „Ich will aber endlich raus aus diesem beschissenen Land.“ „Sei still und mach` uns nicht schon wieder Ärger!“ Mutter war zusammengezuckt und schaute sich ängstlich um. Sie hatte auch allen Grund ängstlich zu sein. Seit sie die Ausreisebewilligung, also den „Pass“, in den Händen hatte, war sie zweimal zur Miliz zitiert worden und konnte den Einzug der Papiere nur mit einem Eimer Wein und zwei Kilo Honig verhindern. Im einen Fall hatte Seppi laut auf der Straße über Staat und Partei geschimpft, im anderen Fall war ich mit dem Fahrrad des Lehrers Roth freihändig die Straße hinunter gefahren, was der Dorfpolizist zum Anlass genommen hatte, mich für ein paar Stunden im Rathaus einzusperren und die Papiere zu verlangen. Nach diesen Vorfällen hatten wir dann bis zur Ausreise Hausarrest.Mutter begann zu weinen und suchte nach einem Taschentuch. „Joi, Mutter, wein` doch nicht schon wieder, es wird ja jetzt alles gut!“ Hertamaria, meine Schwester, kratzte sich aufgeregt am Kopf. Außer uns saß noch eine ältere Rumänin mit rosa getönten Haaren und bläulich gefärbten Lippen im Abteil. Sie hatte bisher geschwiegen, uns aber genau gemustert. „Machen Sie sich keine Sorgen! Ich bin auch auf dem Weg nach Bukarest. Sie haben meinen Mann im Frühjahr eingesperrt. Ich will jetzt sehn, was ich tun kann. Haben Sie keine Angst vor mir!“

An die darauf folgenden Gespräche kann ich mich nicht mehr erinnern. Draußen war es dunkel und nur ab und zu flog ein Licht vorbei. Die Sitze waren weich und es roch nach Leder. Nach einiger Zeit wurde es ganz hell und die Sonne schien. Es war sehr warm. Über der Weide war Nebel. Die schwarz-weiß gefleckten Kühe dampften und schnaubten ab und zu. „Jetzt soll der Cula noch einmal kommen! Den hau` ich windelweich, den elenden Walachen. Er hat uns schon wieder ein Fenster eingeworfen.“ Seiler Mischi knallte mit seiner neuen Peitsche, die er sich aus Hanf geflochten hatte. „Hast du noch Hanf? Ich brauche auch eine Peitsche. Die Zigeuner stehlen uns die Kirschen.“ Umständlich machte ich mich ans Flechten. „Wofür braucht ihr die Peitschen? Eure Kühe sind ja ganz lahm.“ Ein junger Rumäne hielt seinen Hund fest. Über seinen Schultern hing ein Hirtenpelz. Auf den schwarzen Locken saß ein randloses Filzhütchen. „Was machst du hier? Du redest so komisch, woher kommst du?“ Mischi hob seine Peitsche hoch. „Langsam, langsam, ich bin ein Motze und komme aus dem Erzgebirge. Seid ihr Sachsen?“ „Glaubst du wir sind Zigeuner, he?“ „Ich bin zum ersten mal hier. Ich kenne die Sachsen nicht.“ „Dann sieh zu, dass du verschwindest. Es gibt hier schon genug von eurer Sorte. Warum lasst ihr uns nicht in Ruhe?“ „Keine Angst! Wir ziehen heute noch weiter. Wir treiben unsere Schafe in die Harghita.“ „Die Szekler werden euch schon Mores lehren. Die sind nicht so gutmütig wie wir.“ So unfreundlich hatte ich Mischi noch nie erlebt. Der Rumäne blieb regungslos stehen. „Ich heiße Avram,“ sagte er nach einiger Zeit. „Wie heißt dein Hund?“ „Burkusch!“ „Burkusch, friss deinen Herren!“ Die schwarzen Augen des Rumänen blitzten. Plötzlich lachte er laut, seine Zähne leuchteten weiß. „Habt ihr Molke?“ Mischi wurde allmählich freundlich. „Kommt mit! Vergesst aber eure Kühe nicht!“ „Wen bringst du uns, Avram?“ Eine üppige Frau mit schwarzen Locken in der Stirn und ganz weißen Zähnen legte Holz in das Feuer unter dem Kessel. „Zwei Sachsen, sie wollen Molke trinken.“ „Auf der Heide blüht ein kleines Blümelein.“ Ein großer Mann mit schwarzen Locken unter dem Filzhütchen und ganz weißen Zähnen kam singend aus dem Zelt. „Und das heißt Erika!“, grölte Mischi. An der Viehtränke standen zwei Gebirgspferde und vier Packesel. Etwas weiter weg kläfften ein paar Hunde und rannten um eine Schafherde herum. „Ich kenne noch mehr deutsche Lieder. Die darf man aber nicht mehr singen“. „Die Fahne hoch! Ich weiß.“ Ich hatte die ganze Zeit auch etwas sagen wollen, war aber bisher noch nicht dazu gekommen. „Sei bloß still! Die Spitzel haben überall ihre langen Ohren,“ knurrte der Mann. „Das ist Florica. Sie ist 16 Jahre alt.“ Die Frau tätschelte das Mädchen am Arm. Die ganze Familie hatte schwarze Locken und weiße Zähne. Die Molke war ganz frisch und es roch überall nach Käse. „Wo sind eure Väter?“ „Mein Vater ist in Deutschland.“ Mischi antwortete nicht. Er starrte nur Florica an. „Ich war auch in Deutschland, aber ich bin wieder zurückgekommen. „Der Mann drehte sich eine Zigarette. „He, Ion, mach langsam! Du brichst dir noch den Hals.“ Ein etwa zwölfjähriger Junge sprang vom Pferd. Auch er hatte schwarze Haare und weiße Zähne. „Ich war im Dorf. Dort gibt es viele Sachsen. Sie haben aber alle Angst. Ihre Häuser sind wie Burgen.“ „Ja, ich kenne sie. In meiner Einheit waren mehrere. Sie sind gute Reiter.“ „Ihr müsst wissen, mein Mann war bei der Kavallerie.“ „Er war sogar bis in der Kalmückensteppe.“ „Wo ist das?“ Mischi war neugierig geworden. „Am Ende der Welt.“ Ion grinste hinüber zu seinem Vater. „Wie seid Ihr nach Deutschland gekommen?“ Ich konnte mir nicht erklären, wie ein rumänischer Schafhirte nach Deutschland gelangen konnte. „Pass auf, das ist eine lange Geschichte. Ich war ja bei der Kavallerie. Das war die beste Truppe der ganzen Welt. Lauter Rumänen aus Siebenbürgen und der Bukowina, ein paar Sachsen und Szekler. Unser Regimentskommandeur war der tapferste Offizier der gesamten Ostfront. Mit den Deutschen zusammen sind wir bis zum Kaukasus und noch weiter vorgerückt. Niemand konnte uns aufhalten. Weiß der Teufel, warum wir uns zurückziehen mussten. Auf jeden Fall waren wir plötzlich wieder am Pruth. Da haben sie auf einmal unseren Führer, den Antonescu, eingesperrt, später haben die Schweine ihn aufgehängt, nicht einmal erschießen wollten sie ihn, und sind zu den Bolschewiken übergelaufen. Selbst den König haben sie beschwatzt. Na ja, jetzt haben sie den Salat. Überall laufen die kommunistischen Spähhunde herum und bringen alles durcheinander. Unser Kommandeur, ein toller Kerl, machte Appell und sagte: „Ihr seid mit mir bis zu den Schlitzaugen geritten. Ihr seid die besten Soldaten der ganzen Welt. Wollt ihr jetzt zu Verrätern werden? Links um! Auf zu den Deutschen! Hurra, Hurra, Hurra, weg waren wir. In der Kesselschlacht um Budapest haben wir fürchterlich Prügel bezogen. Der Rest schlug sich durch bis zu den Amerikanern, die sich schon in Deutschland festgefressen hatten. Ich bin ihnen aber entwischt und war drei Monate später bei meiner Elena. Sie ist ein tolles Weib!“ Die Frau kicherte in sich hinein. Viele Jahre später lernte ich Ion Emilean, einen hochdekorierten ehemaligen rumänischen Kavallerieoffizier kennen. Er war mit 28 Jahren bereits Präfekt des Kreises Roman in der Moldau gewesen und galt damals als die große Hoffnung der deutschfreundlichen nationalpatriotischen Partei von A.C.Cuza. Er hatte am 23. August1944 mit seinem gesamten Regiment den Frontwechsel verweigert und war nach abenteuerlichen Jahren in Fürstenfeldbruck gelandet, wo er die patriotischen Exilzeitung „Stindardul“ (Die Standarte) herausgab. Ich erzählte ihm von der Hirtenfamilie, worauf er laut lachte und meinte: „Das war bestimmt der Korporal Avram Dunca, ein verrückter Kerl! Alle übriggebliebenen Motzen hat er überredet, mit ihm aus dem amerikanischen Gefangenenlager zu fliehen. Ich freue mich, dass er überlebt hat. Im vaterländischen Unterricht hat er eine flammende Rede auf Avram Iancu, den Helden von 1848/49, gehalten und stur und steif behauptet, der sei einer seiner Vorfahren gewesen. Mag sein, oder auch nicht. Auf jeden Fall war er trotz seiner außergewöhnlichen Tapferkeit so undiszipliniert, dass er nie dekoriert werden konnte. Die Kommunisten haben sicher keine Freude an ihm.“ „Die Mistkerle haben mich zwei Jahre lang eingesperrt und jeden Tag verprügelt. Als sie mich wieder freiließen, habe ich alles verkauft, mir Schafe angeschafft und seitdem sind wir die freiesten Menschen der Welt.“ „Jetzt wollen sie uns aber die Schafe wegnehmen, und wir sollen in so eine idiotische Genossenschaft eintreten, alles zum Wohle der Arbeiterklasse.“ „ Hab keine Angst Weib! Ich scheiß auf die Arbeiterklasse. Ich will meine Freiheit und vor allem meine Ruhe haben! Niemand nimmt mir etwas weg. Lieber verschenke ich die ganze Herde an das Zigeunerpack.“ „Das Essen ist fertig.“ Florica brachte auf einem großen Brett Maisbrei, frischen Käse und Zwiebel. Mischi und ich aßen wie die anderen mit großem Appetit. „Wann kommt dein Vater zurück?“ Der Hirte drehte sich wieder eine Zigarette. „Er kommt nicht zurück. Wir wollen hinauf ins Reich, aber man lässt uns nicht.“ „Na, dann wird es bei euch noch Tränen geben. Man wird euch noch viel drangsalieren. Ich kenne diese Schweine. Aber vielleicht habt ihr Glück und man lässt euch eines Tages ziehen. Ich wünsche es euch, denn ihr gefallt mir.“ Der junge Avram war ganz nahe an mich herangerückt. Er roch nach Schafen, was mich aber damals nicht störte. „Wir ziehen ins Hochgebirge, dort haben wir unsere Ruhe.“ „Wollt ihr nicht in die Harghita zu den Szeklern?“ Der Hirte reckte seinen Oberkörper und blies den Zigarettenrauch durch die Nase. Es sah aus wie der Atem eines schnaubenden Pferdes bei Frost. Ich hatte das noch nie gesehen. „Was schaust du mich so an? Sieh her!“ Auf einmal fing er an seine Ohren zu bewegen. „Das habe ich von einem Russen gelernt. Der hatte so viel Angst, als wir ihn gefangen hatten, dass er ständig mit den Ohren wackelte.“ Mischi lachte so laut, dass er husten musste. „Ich habe in der Harghita einen Kameraden, er ist zwar ein Szekler, aber ein ganz anständiger Kerl. Der hat da irgend so ein Amt unter sich, das alle Schafe aufkauft. Der macht mir bestimmt einen guten Preis und dann verschwinden wir in die Berge.“ „Was macht ihr in den Bergen?“ „Wozu war ich bei der Armee? In Resinar, das ist nicht weit von eurer Hauptstadt (Hermannstadt), am Fuße der Südkarpaten, dort habe ich einen Kriegskameraden, der war mit mir in Deutschland, der hat tausend Schafe im Gebirge. Die Leute in Resinar kümmern sich einen Scheißdreck um den Kommunismus. Die Bukarester Banditen lassen sie irgendwie in Ruhe. Oj, haben die Geld! Mein Kamerad hat sich aber das Bein gebrochen und kann nur noch humpeln. Wir werden seine Schafe hüten bis ich wieder eine eigene Herde habe. So einfach ist das.“ „Muss der kleine Ion nicht in die Schule?“ Der Alte musterte mich beleidigt: „ Ihr Sachsen glaubt, nur ihr könnt lesen und schreiben. Ich bringe ihm alles bei, was er braucht. Hast du mich verstanden?“ „Es ist höchst Zeit, dass wir zusammenpacken. Gott beschütze euch, ihr hübschen Sachsen! Vielleicht kommt ihr mal in die Berge von Resinar, dann bekommt ihr einen Extratopf Molke.“ Die Frau ging ins Zelt. Der junge Avram stand auf und holte unter seinem Pelz eine Flöte hervor. „Für dich! Wenn du nach Deutschland kommst, schickst du mir eine Mundharmonika!“ Mischi schenkte ihm sein Taschenmesser, schielte dabei aber immer auf Florica. „Lasst euch niemals etwas gefallen! Auch wenn wir verschiedene Sprachen sprechen, wir sind Siebenbürger!“ Der Alte streckte uns seine Hand entgegen. Avram begleitete uns noch ein Stück. Nach einiger Zeit drehte er sich wortlos um und ging zurück. Wir setzten uns hin und schwiegen. Ich bemerkte jetzt erst, dass Mischi ganz rot im Gesicht war. Er dachte sicher an Florica, ich dachte, wie es wohl sein würde, falls wir doch noch den Pass bekämen. Dann murmelte Mischi: „Wai war die schön! Glaubst Du, ich habe ihr auch gefallen?“ Die Hirten waren am Packen. Wir hörten Schreie und Pfiffe und auf einmal ein leises rhythmisches Rattern, gedämpft wie auf Polstern. Das Rattern wurde lauter. Draußen war es wiederdunkel und ab und zu flog ein Licht vorbei. Die Sitze waren weich und es roch nach Leder. „Willst du ein Käsebrot? Wir haben alle schon gegessen. Du hast so tief geschlafen, wir wollten dich nicht wecken.“ Mutter sah mich lächelnd an, es ging ihr wieder besser. „Nein danke,ich hab` schon…. nein danke, ich habe keinen Hunger.“ Der Schnellzug fuhr unruhig über etliche Weichen und wackelte hin und her. Nach fünf Minuten fuhren wir im Nordbahnhof von Bukarest ein. So einen riesigen Bahnhof hatte ich noch nie gesehen. Das große Abenteuer begann.

Zoll

Seit vielen Jahren leben meine Frau und ich im sagenumwobenen Transsylvanien, meiner Heimat. Hier herrschen besondere Sitten. Die Politiker weisen es weit von sich, es herrsche dort eine grassierende Korruption. Dieses Phänomen erklären sie kurzerhand als eine besondere Kultur, sich für einen erwiesenen Gefallen zu bedanken.

Jetzt sind wir noch nicht einmal zwei Wochen in Transsylvanien und haben so viel erlebt und gewerkelt, wie normalerweise in einem halben Jahr. Man ist versucht, eine Fortsetzungsgeschichte zu schreiben.

Als Beispiel hier die erste Folge:

Am Sonntag abend, als wir in Schäßburg ankamen, gab es in unserer Wohnung nur ein ausziehbares Kanapee, auf dem wir die erste Nacht geschlafen haben. Unsere Möbel mussten noch den Zoll passieren. Am nächsten Morgen bin ich verabredungsgemäß um 9 Uhr zum Zoll gefahren, allerdings mit einem flauen Gefühl im Magen, da mir klar war, dass es zu einem balkanischen Handel kommen wird. Der Lastwagen war natürlich nicht da. Ich rief meinen Freund G., der mir den Lastwagen besorgt hatte, an, und er machte sofort alles rebellisch. Er rief mich zurück und verkündete: Wenn die in 10 Minuten nicht dort sind, schneide ich ihnen die Eier ab. Sie brauchten nur 8 Minuten. Jetzt setzte ein Lehrstück balkanischen Abpressens von Bakschisch ein. Bevor der Lastwagen auftauchte, war ich mit meinem Faktotum, Bondy, zur Frau des Zollchefs gegangen, um die Formalitäten einzuleiten. Dazu musss gesagt werden,dassss der rumänische Zoll, die Abwicklung der Formalitäten an private Kommissionärsfirmen „outgesourced“ hat. Die Inhaberin einer solchen Firma ist die Frau des Zollchefs, die arbeiten also Hand in Hand zusammen. Solche Verquickungen sind hierzulande gang und gäbe. Die Frau Kommissionärin und Ehefrau des Zollchefs, ganz egal, von welcher Seite man das sieht, begrüßte mich überschwänglich, denn sie hat ein Kind auf der Bergschule und hatte meiner Rede anlässlich der Übergabe nach der Renovierung der Bergschule andächtig zugelauscht. Bondy grinste und murmelte: „Wir haben gewonnen“. Die Dame musterte die Papiere und setzte plötzlich eine Bürokratenmiene auf. „Oh, oh, da haben wir Riesenprobleme! Sie müssen nach Klausenburg zur Oberzollbehörde fahren und sich eine Bescheinigung holen. Vor übermorgen können Sie nicht abladen“. Bondy säuselte freundlich mit ihr und stellte meine ungeheure Bedeutsamkeit für die Stadt Schäßburg heraus. „Ach, da fällt mir ein, ich habe ja in Klausenburg bei der Oberzollbehörde eine Freundin. Die faxt mir die Bescheinigung bis um zwei Uhr durch. Wir sind ja nicht so. Wir helfen, wo wir können. Gehen Sie unterdessen zum Herrn Zollchef (sie sagte nicht „meinem Mann“) und reden Sie mit ihm. Also gingen wir zum Zollchef, und Bondy lieferte die erste Probe seines Könnens ab. „Guten Tag, Herr Zollchef. Wie geht es Ihnen? Wie weit sind Sie mit Ihrem Häuschen? Sie wissen ja, ich bin Bauingenieur. Wenn Sie irgendein Problem haben, ich habe immer noch die besten Verbindungen.“ „Gut dass Sie kommen. Sagen Sie, wie bekomme ich die Nässe aus meinem Souterrain heraus. Die Isolierung ist perfekt gemacht, aber die Innenwände triefen vor Nässe. Was kann da los sein?“ „Das kenne ich. Es ist immer dasselbe. Sie haben die Ziegeln bestimmt in Schäßburg gekauft. Die sind nicht richtig gebrannt und sind jetzt durch Putz usw. klitschnass. Oh, je, das hätte ich Ihnen gleich sagen können. Warum haben Sie mich nicht gefragt? Wissen Sie was? Das trifft sich gut. Herr Dr. S. hat zwei Luftentfeuchter aus Deutschland mitgebracht. Die brauchen wir für das Haltrich-Lyzeum. Die lösen die Probleme in nullkommanix.“ Ich dachte, mich trifft der Schlag. Ich wußte nämlich, dass es nur mit großen Schwierigkeiten möglich ist, die Geräte über die Grenze zu bringen, und hatte sie in der Inventarliste unterschlagen. Bondy wußte das, und ich verdächtigte ihn, dass er mit dem Feuer spiele. „Sind die auf der Liste?“ fragte der Zollchef. „Natürlich nicht. Wir wollen das ganze nicht noch verkomplizieren.“ „Na, Gott sei Dank. Aber, aber, welcher Teufel hat Sie denn geritten, dass Sie die Zimmerblumen und die Kochplatte auf die Liste getan haben? Für die Zimmerblumen brauchen Sie eine Bescheinigung von der zuständigen deutschen Agrarbehörde, dass keine Zimmerblumenkrankheit in Ihrer Gegend grassiert. Für die Kochplatte brauchen Sie eine Bescheinigung aus Bukarest vom Handelsministerium. Das kann Tage dauern. Oh, je, oh, je, was sehe ich da? Hundefutter haben Sie auch noch mitgebracht. Das ist ja die Höhe. Da kriegen wir die dicksten Probleme. Na, ja, mal sehen, was ich tun kann. Gehen Sie zurück zur Kommissionärin und erledigen Sie die Papiere. Um drei Uhr kommen Sie noch einmal bei mir vorbei. „Es sieht nicht schlecht aus“, feixte Bondy. Beim nächsten Akt geriet aber selbst er fast aus der Fassung. Die Kommissionärin und Frau des Zollchefs teilte uns freundlich, aber kurz mit, der Vorgang sei einen Stock höher bei der Konkurrenzfirma gelandet, einem Zweigunternehmen unserer Transportfirma. Die Chauffeure wären mit den Originalpapieren gleich dorthin gegangen und dort würde jetzt die Musik spielen. „Und was ist jetzt mit der Bescheinigung aus Klausenburg?“ Ich begann mich jetzt selbst einzuschalten. „Na, die besorge ich Ihnen selbstverständlich. Haben Sie mit dem Zollchef gesprochen? Irgendwie wird alles klappen!“ Das Signal war angekommen. Ich hielt es für angebracht, Annemarie auf dem laufenden zu halten. Die war allein im leeren Haus und wartete ungeduldig auf den Möbelwagen. Sie nahm alles erstaunlich gelassen hin. Ich hetzte in die Stadt, machte ein paar Besorgungen, besichtigte die Baustelle und die Bergschule. Aus allen Winkeln schossen die Leute, Lehrer, Schulangestellte usw. auf mich zu und brabbelten mir die Ohren voll. Ich war wie betäubt. Ich kam noch nicht einmal dazu, mein Büro aufzusuchen und mir einen ersten Überblick über die anfallenden Erledigungen zu machen. Anschließend hetzten Bondy und ich wieder zum Zoll, diesmal zur Konkurrenzfirma. Dort lungerten ein paar junge Leute herum und wendeten ein Papier nach dem anderen herum. Es waren unsere Zollpapiere. Es wurde sofort klar, dass die keine Ahnung hatten. Sie behaupteten aber felsenfest, sie hätten alles im Griff und sie warteten nur auf die Bescheinigung aus Klausenburg. Dann hinge alles nur noch vom Zollchef ab. Also gingen wir wieder zum Zollchef. Der hatte mittlerweile ganz glänzende Augen und roch nach Schnaps. „Die Blumen, die Blumen! Ist aber auch zu dumm. Und die Kochplatte! Ich verstehe Sie ja. Aber Sie müssen mich auch verstehen. Ich riskiere Kopf und Kragen. Wissen Sie was? Laden Sie schon mal ab! Ich nehme es auf meine Kappe. Erledigen Sie die Papiere und alles andere morgen!“ „Wieviel wollen Sie ausgeben?“, fragte Bondy beim Hinausgehen. Mir wurde blitzartig klar, was „alles andere“ hieß. Der Lkw-Fahrer grinste, zerschlug routiniert die Plombe und startete. Ich alarmierte ein paar Helfer, und los ging’s. Annemarie dirigierte das Abladen wie ein Feldmarschall und eineinhalb Stunden später saßen wir da inmitten unseres Durcheinanders. Am nächsten Morgen kaufte ich zwei Flaschen Cognac und zwei Päckchen Tschibokaffe, die eine Hälfte für die Frau des Zollchefs, die andere für die Nasenbohrer im ersten Stock. Dort wurde uns eröffnet, wir müssten beide Ladelisten (ich hatte ja auch eine Hilfssendung für das Haltrich-Lyzeum mitgenommen) Posten für Posten mit dem jeweiligen Gewicht und Preis versehen werden, eine Heidenarbeit. Bondy, der auf geheimnisvolle Weise meine Einkäufe losgeworden war, und Radu, der Administrator der Schule, machten sich an die Arbeit. Ich konnte endlich ein paar Dinge erledigen (Kontoeröffnung, Büroarbeiten u.a.). In der Zwischenzeit bekam ich einen Anruf von der Frau Zollchefin, sie würde jetzt doch alles für uns erledigen, denn der Bruder des Inhabers der Konkurrenzfirma sei besoffen in die Kokel gefahren und alle Angestellten müssten zur Beerdigung. Als wir die Listen wieder zurückbrachten, hieß es plötzlich, die Preise seien nicht in Lei, sondern in EURO anzugeben. Also musste alles noch einmal geschrieben werden. Mittlerweile hatte sich auch der Schuldirektor dazugesellt und drückte die geschätzten Preise auf ein Minimum. Die Listen, die in der Eile handschriftlich erstellt worden waren, wurden wieder zurückgewiesen. Sie müssten auf Schreibmaschine oder Computer geschrieben werden und wir sollten morgen um 8 Uhr noch einmal kommen. Und das mit den Blumen und der Kochplatte sei aber immer noch ein Riesenproblem, und erst das Hundefutter! Bondy raunte mir zu: „Ich halte 50 EURO für angemessen. Der Kaffe und der Cognac für die Trottel da oben waren leider eine totale Fehlinvestition“. Radu versicherte, er würde um Punkt 8 Uhr die Listen sauber getippt zum Zoll bringen. Am nächsten morgen um 9 Uhr rief mich die Zollchefin an, wo denn die Listen blieben. Ohne die Listen könnte sie die Bescheinigung aus Klausenburg nicht beschaffen und dann hätten wir ein dickes Problem. Dass die Listen nach Klausenburg gefaxt werden sollten, war eine völlig neue Variante. Vorher hieß es immer, sie seien für die Akten im Hinblick auf eine eventuelle spätere Kontrolle vonnöten. Ich hetzte zu Radu, der im Zweifingersystem an seinem Computer herumhackte und sich alle 20 Sekunden den Schweiß von der Stirn wischte. Ob er denn das nicht die Sekretärin schreiben lassen könne? Es sei schließlich halb zehn. Das könne die nicht, das seien wichtige Papiere und die müsse er schon selber schreiben. In zehn Minuten sei er fertig. Sein Drucker sei zwar kaputt, aber irgendwie würde er es schon schaffen. Ich flitzte hin und her. Bondy hatte auch zu tun. Nach einer Stunde wieder ein Anruf, wo die Listen blieben. Ich zu Radu. Er sei gleich fertig, nur noch zwei Stunden. „Sind Sie wahnsinnig?“ Ich war am verzweifeln. Anruf, wo die Listen blieben. Außerdem sollten wir sofort eine Kopie meines Reisepasses durchfaxen. Das sei bisher vergessen worden, und ohne diese Kopie sei alles für die Katz. Natürlich war der Kopierer im Sekretariat kaputt. Radu wischte sich den Schweiß von der Stirn, versetzte dem Kopierer einen Fausthieb und oh Wunder, er funktionierte wieder. Ich wischte mir auch den Schweiß von der Stirn. Bondy und ich fuhren zum Zoll. Attila, der Mitarbeiter der Chefin schrieb an seinem Computer. Die Chefin war abwesend. Er schien uns erwartet zu haben. Bondy palaverte mit ihm auf ungarisch und beide fingen an zu lachen. Wie durch einen Zaubertrick hatte der Umschlag mit den 50 EURO die Taschen gewechselt. Ich hatte nichts bemerkt und mir wurde klar was für ein Stümper ich bin. „Kommen Sie! Wir gehen einen Kaffe trinken.“ Bondy war bestens gelaunt. Im Café wurde ich aufgeklärt. Die Liste sei zwar unbedingt nötig, aber man bräuchte sie eigentlich gar nicht, alles Ermessensfrage, und jetzt sei ja sowieso alles geregelt. Und was sei nun mit den Blumen und der Kochplatte? Davon sei überhaupt keine Rede mehr. Und überhaupt! Es sei doch eigentlich alles prima gelaufen. Als wir wieder zum Zoll schlenderten kam Radu angehetzt und hatte ein paar verschmierte Zettel in der Hand und fluchte über seinen Drucker. Als ich sie kritisch betrachtete, grinste er und meinte, es sei ja alles nicht so wichtig. Ich war anscheinend der einzige der das ganze Spiel nicht durchschaute. Wir gingen zu Attila, tauschten ein paar Höflichkeiten aus und 5 Minuten später war alles erledigt. Als wir das Haus verließen, ging gerade der Zollchef vorbei und nickte mir huldvoll zu.

Nachspiel:

„Guten Tag Herr Doktor, wie geht es Ihnen? Haben Sie sich schon eingerichtet?“ „Danke der Nachfrage. Wir sind fast fertig. Ohne Ihre freundliche Hilfe und die Großzügigkeit Ihres Mannes wäre es sicher nicht so reibungslos gegangen. Wir sind Ihnen sehr dankbar.“ „Oh, nicht doch! Das war doch eine Selbstverständlichkeit. Man hilft sich doch gegenseitig, nicht wahr? Wenn Sie wieder irgendein Problem haben, wenden Sie sich ruhig an uns. Wir tun dann, was wir können. Übrigens, mein Mann ruft Sie die nächsten Tage an. Auf Wiedersehen und alles Gute!“ „Auf Wiedersehen!“…….Ich habe dazugelernt. Findet Ihr nicht auch?

Otto

Seit meiner Schülerzeit verfasse ich gerne Limericks und tausche mich mit Gleichgesinnten aus.

Der Otto ging eilig aufs Klo.
Dort wartete ruhig ein Floh,
biss Otto am Po
und hurtig er floh.
Dem Otto entfuhr nur ein „OH“!

Penelope

Ein Leben ohne Weihnachtsplätzchen ist möglich, aber sinnlos.

Weihnachten ist der Höhepunkt des Jahres, eine Zeit der Glückseligkeit. Nicht der Weihnachtsbaum mit seinem Glitzerzeug, nicht die obligatorischen Geschenke und nicht das Oh-du-fröhliche-Gedudel sehne ich innig herbei. Nein, es sind die Plätzchen, denen ich schon in der Adventszeit entgegenfiebere. Sie allein geben dem Fest aller Feste den Glanz. Nun meine ich natürlich nicht irgendwelche Plätzchen, nein, schon gar nicht das gekaufte, hermetisch dicht in Plastiktüten gestopfte Fabrikgebäck. Es sind die Plätzchen meiner Penelope, meiner treuen und umsichtigen Hausfrau, die meine Sinne erregen. Penelope ist beschenkt mit Zauberhänden, mit denen sie wahre Wunder der Backkunst vollbringt. Wären die alten Götter nicht im Hades versunken, so säße sie schon längst im Olymp und Gottvater Zeus würde nicht mehr jedem Weiberrock nachlaufen, sondern nur noch von ihren Plätzchen naschen. Hera könnte ihren Hallodri endlich beruhigt und sorgenfrei am Kinn kraulen.

Am dritten Advent beginnt die Erregung. Stundenlang steht Penelope in der Küche, rührt, knetet, walkt und sticht mit runden, gezackten und eckigen Formen aus. Geduldig legt sie die weißlichgelben Rohlinge in Backbleche, um sie dann in den vorgewärmten Backofen zu schieben. Oh, welch heilige Handlung! Nervös gehe ich auf und ab. „Setz‘ Dich hin und lies in deinen gescheiten Büchern. Gut Ding will Weile haben und ich kann dich hier nicht gebrauchen.“ Penelope schiebt mich sanft zur Tür hinaus. Also setze ich mich hin und lese. Aber ach, meine Gedanken schweifen ab. Es zieht sie in die Küche. Meine Nase wittert süße Köstlichkeiten. Ich schiele in die Küche. Penelope hantiert mit Eiweißschaum, Kokosraspeln, Puderzucker, Zimt, Safran, Korinthen und Sultaninen, Ingwer, Honig und natürlich Vanille herum und summt vergnügt bayerische Schnadahupferl. Gläser mit Marmeladen und Gelees stehen bereit. Die Königin der Früchte ist die Himbeere, blaßrot und duftend. Neidisch blickt ihre derbere Schwester, die Brombeere, auf sie und ärgert sich schwarz. Himbeermarmelade treibt mich zur Extase. Für sie könnte ich zum Einbrecher werden. Mit einigem Abstand folgt das Quittengelee, gelb und zittrig, doch selbstbewußt und stolz. Ich halte die Spannung nicht mehr aus. Ich muß hinaus in die Natur. Gedankenverloren irre ich durch die Straßen. Bekannte drehen sich verwundert nach mir um und schütteln verständnislos ihr Haupt. Penelope und ihre Plätzchen sausen in meinem Kopf herum.

Jetzt muß es so weit sein. Voller Vorfreude mach ich mich auf den Heimweg. Penelope führt mich am Arm ins Wohnzimmer. „Nicht anfassen! Die müssen zehn Tage ruhen.“ Der Duft überwältigt mich: zwei große Kristallschüsseln aus Bodenmais, die eine muranorot, die andere weißlich glitzernd voller bunter Spezereien! Oh, welch ein Anblick! Kulleraugen, Spekulatius, Zimtsterne, Marmeladenecken, Himbeerherzen, Limetten-Taler, Linzer Plätzchen, Prinzenecken, Non-plus-ultra, Husarenkipfel und natürlich die unübertroffenen Vanillipipferl!!!! Vanillikipferl sind die Krönung, der Gipfel kulinarischer Glückserfüllung. Oh, wie sie mich alle anlächeln! Können denn Weihnachtsplätzchen lächeln? Ich versichere bei meiner Ehre: Sie können! „Wie bitte? Zehn Tage ruhen? Schrecklich! Unmenschlich! Nun gut, ich werde es erdulden. Verzicht ist die Tugend großer Männer.“

Die zehn Tage der Wehmut, des Schmachtens, ja des Leidens gehen schließlich zu Ende. Endlich, endlich ist es so weit. Penelope nimmt vorsichtig die Abdecktücher von den Schalen. Ein unbeschreiblicher Anblick! Die bunte Pracht lächelt immer noch. „Greif zu!Greif zu!“ höre ich sie säuseln. Hurra, hurra! Freudig greife ich zu. Das Glück ist unbeschreiblich. Welch ein Genuss! Alle Widerwärtigkeiten des Daseins sind vergessen. Das Leben ist schön. Wohlbehagen durchströmt meinen Leib und meine Seele. Mein Weihnachten hat begonnen. Endlich! Penelope grinst zufrieden vor sich hin.

Ehrenbürger der Stadt Schäßburg

Es hast mich mit Stolz und Genugtuung erfüllt, dass mir am 02.08.2018 die Ehrenbürgerschaft der Stadt Schäßburg verliehen wurde. Der Vorsitzende des Demokratischen Forums der Deutschen in Schäßburg, Herr Stefan Gorczyka, hat folgende Laudatio gehalten:

Laudatio zur Verleihung der Ehrenbürgerschaft der Stadt Schäßburg an
Karl Scheerer

„Wer seine Heimat vergisst, verliert seinen festen Halt und am Ende seine Identität. Die Heimat muß aber stetig neu erworben und gestaltet werden“. Diese Überzeugung hat Karl Scheerer sein ganzes Leben lang begleitet und sein Handeln bestimmt.

Er hatte eine turbulente Kindheit und Jugend hier in Siebenbürgen und gelangte nach einigem Hin und Her im Rahmen der Familienzusammenführung nach Deutschland, wo er seinen Schulabschluss machte, studierte, eine Familie gründete und eine erfolgreiche Berufslaufbahn einschlug. Wie er mir einmal sagte, hatte er trotz einer schwierigen Kindheit hier in Siebenbürgen und seiner Erfolge in Deutschland immer starkes Heimweh gehabt und hat die Verbindung zu seiner Heimat immer aufrecht erhalten und gepflegt. So war es auch folgerichtig, dass er sofort nach Eintritt in den Ruhestand zusammen mit seiner Frau, einer gebürtigen Bayerin, hierher zog und seine ehrenamtliche Tätigkeit im Dienste seiner Heimat aufnahm, für die er heute geehrt wird.

Durch viele Gespräche mit ihm weiß ich, dass seine große Leidenschaft neben seinem historischen Interesse die Literatur ist. Es sind dies u. a. die mittelalterliche deutsche Klassik, die Literatur des 19. Jahrhundert und die Literatur der Postmoderne. Auch die rumänische Geschichte und Literatur sind ihm sehr vertraut. Er hat nicht nur sein Dissertationsthema aus der rumänischen Geschichte gewählt, sondern auch darüber hinaus viele Vorträge in Deutschland und Österreich zur rumänischen Geschichte gehalten. Zur Zeit beschäftigt er sich mit der Übersetzung ins Deutsche von ausgewählten Prosatexten von Mihai Eminescu, mit dessen Werk er sich viel auseinandergesetzt hat.

Karl Scheerer wurde am 27.08.1943 als drittes Kind des evangelischen Pfarrers Josef Scheerer aus Großau (Christian) und seiner Ehefrau Herta, geborene Ungar, aus Nadesch (Nades) in Botsch (Batos) geboren. Botsch (Batos) gehörte zum damaligen Zeitpunkt zu Ungarn, wohingegen sämtliche Verwandte im rumänischen Teil Siebenbürgens wohnten. Der Vater wurde noch vor der Geburt von Karl von der damaligen Volksgruppenführung in die deutschen Militärverbände gepresst und galt sehr rasch als gefallen. Die Mutter floh mit ihren drei Kindern nach dem 23. August 1944 wie fast alle Siebenbürger Sachsen aus Nordsiebenbürgen auf Befehl der Volksgruppenführung in Richtung Westen und die Familie entging nur knapp dem Bombardement von Dresden. Auf Befehl der sowjetischen Truppen wurde sie gewaltsam wieder zurücktransportiert und fand schließlich Unterschlupf auf dem großväterlichen Hof in Nadesch (Nades), wo dann Karl seine deutsche Schulausbildung genoss, die er für einige Zeit auf der Bergschule fortsetzte. Als sich herausstellte, dass der Vater doch nicht gefallen war, er hatte sich nach der amerikanischen Gefangenschaft zunächst in Österreich und später in Deutschland niedergelassen, begann für die Familie Scheerer erneut eine sehr schwierige Zeit. Nach großen Schikanen, Verhaftung der Mutter, völliger Mittellosigkeit und erst nach massiven Interventionen von außen, der Vater hatte dank seiner herausragenden Position hervorragende Beziehungen in Deutschland, Amerika und vor allem zum Friedensnobelpreisträger Albert Schweizer, gelang die Ausreise im Rahmen der Familienzusammenführung. Problemlos absolvierte dann Karl Scheerer ein neusprachliches Gymnasium in Mainz, studierte in Mainz, Innsbruck und Wien Geschichte, Germanistik und Politologie. 1969 führte ihn ein mehrmonatiger Forschungsaufenthalt nach Bukarest und Iasi, wo er sich für seine Dissertation zum Thema: „Die rumänischen Bauernaufstände von 1907 (Marea rascoala din 1907“ dokumentierte. Nach der Promotion war Karl Scheerer eine Zeit lang Dozent für osteuropäische Geschichte an der Universität Mainz, dann Leiter eines Studienzentrums der Carl Duisberg Gesellschaft zunächst in Dortmund, wo auch sein Sohn Peter geboren ist, und dann in Essen. 1975 wurde er zum Gründungsdirektor der Fortbildungsakademie Sambachshof berufen. Er baute die Akademie auf und leitete sie bis zu seinem Eintritt in den Ruhestand im Jahre 2002. Ab 1991 hat er sehr erfolgreich auch Lehrkräfte, Studenten und Schüler, nicht zuletzt auch aus Schäßburg, in hoher Anzahl an dem Fortbildungsprogramm des Sambachshofes teilhaben lassen.

Ab 2002 begann dann seine Tätigkeit hier in Schäßburg und in ganz Siebenbürgen, die von seiner Frau Annemarie, mit der er seit 1971 verheiratet ist, tatkräftig unterstützt wurde. Die dafür benötigten hohen Summen konnte er dank seiner hervorragenden Verbindung zu Institutionen, Stiftungen (vor allem der Hermann Niermann Stiftung in Düsseldorf) spendenfreudigen Firmen und Behörden in Deutschland, Österreich und Südtirol sicherstellen. Hier einige Beispiele:

Aktivitäten in Siebenbürgen

Sicherung von ca. 15 Kirchenburgen mit eingeworbenen Spenden
Sanierung und Ausstattung mehrerer Kultureinrichtungen in Hermannstadt, Kronstadt u.a. mit eingeworbenen Mitteln
Organisierung und Durchführung in Eigenregie von über 50 Fortbildungslehrgängen für Lehrer und Schüler an den deutschsprachigen Schulen (speziell auch für Schäßburg) mit eingeworbenen Mitteln

Aktivitäten in Schäßburg

Generalsanierung und komplette Neuausstattung sämtlicher Gebäude des Joseph Haltrich Lyzeums in Eigenregie (von der Planung, Bauvergaben, Baukontrolle, Dekontierung bis zur Schlüsselübergabe) mit Mitteln der Hermann Niermann Stiftung
Mittelbeschaffung (Italien, Österreich, Deutschland) für die Generalsanierung und Neueindeckung des evangelischen Kindergartens
Beschaffung der Inneneinrichtung und der Spielgeräte im evangelischen Kindergarten in Eigenregie
Teilmittelbeschaffung für den Bau der Fundatia Gaudeamus
Übersetzung und Herausgabe der Schäßburg-Monographie von Gh. Baltag und anderer Publikationen mit Bezug zu Schäßburg
Vermittlung von Spenden an verschiedene kulturelle Einrichtungen in Schäßburg
ständige Beratung der Leitung des Joseph Haltrich Lyzeums Hilfestellung und Fundraising bei auftauchenden Problemen

Karl Scheerer implizierte sich auch in den Gremien des Demokratischen Forums der Deutschen in Rumänien auf allen Ebenen, wo wir ihn als engagierten Mitstreiter, Gestalter und guten Redner kennen. Letzteres hat er nicht zuletzt bei den deutschen Kulturtagen in Schäßburg immer wieder unter Beweis gestellt.

Für mich als Vorsitzendem des Demokratischen Forums der Deutschen in Schäßburg ist es eine große Genugtuung, dass der Stadtrat unserem Ansuchen auf Erteilung der Ehrenbürgerschaft von Schäßburg an unseren Freund Karl Scheerer entsprochen hat, und dafür danken wir ihm und Ihnen, Herr Bürgermeister, ganz herzlich. Karl Scheerer und seine Frau Annemarie haben sich um die Stadt Schäßburg verdient gemacht.

Schließen möchte ich mit einem Wort des neuen Ehrenbürgers: „Wir haben nur eine Heimat, und die müssen wir hegen und pflegen. Das sind wir unseren Vorfahren und Nachkommen schuldig“.

Dankesworte anlässlich der Verleihung der Ehrenbürgerschaft von
Schäßburg

Es ist mir eine große Ehre, daß mir die Ehrenbürgerschaft der Stadt Schäßburg verliehen worden ist. Dafür danke ich Ihnen, Herr Bürgermeister, und dem Stadtrat ganz herzlich. Ich danke auch dem Vorsitzenden des DFDS, Herrn Stefan Gorczyka, ganz herzlich für seine freundlichen und anerkennenden Worte.

Als ich Schüler der Bergschule war, hätte ich nicht im Traum daran gedacht, dass ich eines Tages Ehrenbürger dieser wunderbaren Stadt werden würde. Auch als ich mich entschloss, nach meiner Pensionierung hierher zurückzukehren und ehrenamtlich zum Wohle der Stadt tätig zu werden, habe ich nicht daran gedacht. Es war ausschließlich mein Wunsch, mit meinen Möglichkeiten meiner Heimat, die mich nie losgelassen hat, zu dienen. Ich verhehle nicht meine Genugtuung darüber, dass es mir einigermassen gut gelungen ist.

Es wäre mir aber nicht gelungen, wenn ich nicht meine tatkräftige und tüchtige Frau an meiner Seite gehabt hätte. Als ich mit ihr über mein Vorhaben sprach, war sie zunächt überhaupt nicht begeistert: „Ich kenne ja niemanden dort und kann auch die Landessprache nicht. Was soll ich also dort? Ja, es ist Deine Heimat, aber ich bin in Bayern verwurtelt.“ Nach einiger Zeit kam sie aber zu mir und sagte: „Hör zu Sachse, ich habe nachgedacht und mich entschlossen mitzumachen. Ich glaube, es wird interessant und ich bin bereit, mit Dir ein neues Leben in Deiner Heimat zu beginnen.“ Also packten wir unsere Koffer und seither ist sie stets an meiner Seite und unterstützt mich in allen meinen Vorhaben. Ohne sie hätte ich vieles nicht geschafft. Jedes Mal, wenn ich auf Schwierigkeiten stieß, oder nicht weiter wusste, hat sie mich nicht nur ermuntert, sondern wusste auch immer einen guten Rat. Übrigens war auch sie es, die mich auf die Idee brachte und insistierte, die Bergschule als erstes großes Investitionsobjekt auszuwählen. Aber nicht genug damit: Sie hat mittlerweile Rumänisch gelernt und impliziert sich sehr erfolgreich selbständig mit viel Phantasie und Tatkraft und mit ihren eigenen Verbindungen zu Sponsoren und Hilfsorganisationen im Interesse de Josef Haltrich Lyzeums. Sie hat sich um die Stadt und speziell um das JHL sehr verdient gemacht. Dafür möchte ich ihr an dieser Stelle ganz herzlich danken und ich schließe sie in die Ehre, die mir heute zuteil wurde voll mit ein.

Ich möchte schließlich auch allen Freunden und Helfern, die uns von Anfang an freundlich aufgenommen und unterstützt haben, herzlich danken. Wir haben uns von Anfang an in Schäßburg sehr wohl gefühlt.

Recht herzlichen Dank!!

Der Schnapsbaron

Diese Episode wird demnächst in meinem Buch „Rückblicke“ erscheinen.

Die Kriegsumstände hatten mich nach Mainz verschlagen, wo mein Vater als Gemeindepfarrer wirkte. Unweit vom Pfarrhaus befand sich das Egli-Heim, eine Aufnahmestätte für Nichtsesshafte und Obdachlose, die von der schweizerischen Missionarsfamilie Egli ins Leben gerufen worden war. Bis zum Bau des Hauses im Jahre 1960 nutzte die Familie Egli die Katakomben des inzwischen verschwundenen Forts Hauptstein in der Mainzer Wallstrasse. Tausenden von Gestrandeten und Entwurzelten der Nachkriegszeit wurden hier Schlaf- und Versorgungsmöglichkeiten geboten. Mit der Errichtung des Egli-Heimes konnte die Arbeit in geregeltere Bahnen gelenkt werden. Die Seelsorge oblag meinem Vater als zuständigem Gemeindepfarrer.

Am Heiligen Abend des Jahres 1963, ich war damals 20 Jahre alt und stand kurz vor dem Abitur, begleitete ich meinen Vater zur gesonderten Christmette und nahm auch die Schriftlesung vor. In dem Gemeinschaftsraum, in dem der Gottesdienst stattfand, sassen um die 40 Männer an Tischen, tranken Tee und rauchten. Gelegentlich griffen einige von ihnen unter den Tisch, holten verstohlen eine Flasche Wein oder Schnaps hervor, nahmen einen hastigen, tiefen Schluck und verbargen die Flasche ebenso schnell wieder. Der Heimleiter sah großzügig darüber hinweg. Die meisten Männer waren wohl über 50 Jahre alt und machten einen verwahrlosten Eindruck. Einige von ihnen hatten Zahnlücken und Frostbeulen im Gesicht. Es gab aber auch welche, die saubere Kleidung trugen, frisch rasiert und sorgfältig gekämmt waren. Diese sassen an gesonderten Tischen. Auf provozierende Zurufe von den anderen Tischen reagierten sie nicht. In einer Ecke sass ein einzelner Mann an einem kleinen Beistelltisch. Er hatte graumelliertes Haar, einen kurz geschnittenen grauen Bart und klare schwarze Augen. Er trug einen schwarzen Anzug, der tadellos sass. Seine gepflegten Hände umfassten eine halbvolle Flasche Korn, aus der er ab und an mit ruhiger Hand in ein Glas goss. Als der Heimleiter, der neben mir sass, meinen fragenden Blick sah, flüsterte er mir zu: „Das ist ein besonderes Exemplar, er darf das. Das wissen auch die anderen und respektieren es. Er ist unser Schnapsbaron und stammt aus dem Baltikum.“ Meine Neugier war geweckt und ich betrachtete ihn genauer. Jetzt fiel mir seine Eleganz und sein vergeistigtes Gesicht auf. Wer mochte dieser Mensch sein? Was hatte ihn in diese Herberge geführt? Auf dem Heimweg befragte ich meinen Vater nach ihm, er konnte mir aber keine genau Auskunft geben. Er wußte nur, dass er jedes Jahr vor Weihnachten auftauchte und nach den Feiertagen gleich wieder verschwand. Er sei ein Adliger aus Livland mit akademischer Ausbildung, immer höflich und sehr wortkarg.

Ich legte mein Abitur ab und begann mein Studium. Gelegentlich dachte ich noch an den Schnapsbaron, denn er hatte großen Eindruck auf mich gemacht. Jahre später sass ich in der Nationalbibliothek in der Wiener Hofburg, ich hatte mittlerweile meinen Hochschulort gewechselt, und wertete Quellen für meine Doktorarbeit aus. Plötzlich tippte mir jemand auf die Schulter. Erschreckt sah ich auf und erkannte den Schnapsbaron. „Sie wollen auch Historiker werden, Herr Kollege? Ich kenne Sie aus Mainz.“ Sein baltischer Akzent war unüberhörbar.Ich war so verblüfft, dass ich nichts erwidern konnte. Er war immer noch eine elegante Erscheinung, aber seine Kleidung war inzwischen abgetragen und er roch nach Schnaps. „Sie wundern sich sicher, mich hier zu sehen, denn eigentlich bin ich ja einTippelbruder, wie man uns Obdachlosen nennt. Ich bin hier auch nur geduldet, weil ich den Direktor in guten Zeiten gekannt habe.“ „Erzählen Sie mir bitte von sich! Sie sind mir schon in Mainz aufgefallen.“ „Da gibt es nichts zu erzählen. Ich bin aus der Zeit gefallen und passe nirgends mehr hinein. Ich versuche nur noch, den letzten Rest meiner Würde zu bewahren.“ Als er sich zum Gehen anschickte, bemerkte er wohl meine Enttäuschung und trat wieder näher. „Also gut, wenn Sie mich auf einen Obstler einladen, ich bin völlig mittellos, sollen Sie die Geschichte eines Irrläufers hören. Sie sind der Erste, der sich für jemanden, der in der Vergangenheit stecken geblieben ist, interessiert.“

Die Szene war sonderbar. Ein junger Siebenbürger Sachse, den das Schicksal schon viel herumgeschoben hatte, sass mit einem baltischen Baron in einem typischen Wiener Beisl und hörte bei Schrammelmusik dessen eigentümlichen Lebensweg.

„Meine Familie gehörte zum jahrhundertealten deutschen Adel in Livland. Ihre Güter befanden sich in der Nähe von Dorpat. Enge verwandtschaftlicheVerbindungen gab es zu den Wrangels, Ungern-Sternbergs und von Rosens. Bis zum Ende des Ersten Weltkriegs führten wir ein hochherrschaftliches Leben. Danach wurden wir unserer Privilegien beraubt und mussten uns mehr und mehr einschränken. Deshalb verließen meine beiden älteren Brüder wie auch viele andere Livländer den neuen Staat Estland und gingen nach Deutschland. Dort schlossen sie sich zunächst der Hugenberg-Partei und dem Stahlhelm und später den Nationalsozialisten an. Sie machten schnell Karriere in der Industrie und wurden einflussreich und wohlhabend. Meine Eltern verkauften 1930 ihr restliches Vermögen und zogen ebenfalls nach Deutschland. Nach meinem Abitur, das ich noch in Dorpat ablegte, studierte ich in Königsberg Geschichte und Philosophie. Meine Dissertation reichte ich mit gutem Erfolg beim deutschnationalen Juden, Prof. Hans Rotfels, ein, den ich auch heute noch sehr schätze. In Königsberg hatte ich mehrere Studienkollegen aus Siebenbürgen, mit denen mich eine enge Freundschaft verband. Sie waren, so wie ich, auch Auslandsdeutsche mit einem stabilen Nationalbewusstsein und einer engen Bindung an die evangelische Kirche. Sehen Sie, als ich Ihrem Herrn Vater zum ersten Mal im Egli-Heim begegnete, fühlte ich mich stark an die glückliche Zeit in Königsberg erinnert und seither bin ich bemüht, keinen seiner Weihnachtsgottesdienste zu versäumen. Er ist ein großartiger Prediger und hat das Herz auf dem rechten Fleck, wie Luther gesagt hätte. Nichts Modernistisches, das dem jeweiligen Zeitgeist hinterherhechelt, nein, ein ehrlicher Verkünder des Wortes Gottes, ungekünstelt und geradlinig.“ „Danke, ich werde es ihm ausrichten.“ Nicht nötig. Ein Mensch wie er braucht kein Lob.“ „Herr Wirt, bitte noch einen Obstler!“ Ich selbst bestellte nichts mehr, denn mein Geld war knapp bemessen.

„Ich hatte mich auf die Geschichte des Baltikums und des Ostseeraumes spezialisiert und hatte die gesamte einschlägige Literatur im Kopf. Damals schon entdeckte ich meine Fähigkeit, mir Texte jeglicher Länge merken zu können, eine Gabe, für die ich bis heute dankbar bin. So kam es, dass ich mir in meinem Kopf eine komplette Bibliothek einzurichten begann, auf die ich jederzeit zurückgreifen kann. Ihr Aufbau ging schrittweise voran. Zunächst füllte ich sie mit Werken zur Geschichte des Baltikums, wobei ich vor allem Wert auf visionäre Publikationen zur Wiederherstellung der Vorkriegszustände legte. Heute bin ich erstaunt, wie viele Autoren, mich eingeschlossen, damals an diese Möglichkeit glaubten. Die politischen Wirren der Nachkriegszeit in Deutschland interessierten mich nicht, ja sie stießen mich ab. Das untergegangene Kaiserreich war mir gleichgültig und die Weimarer Demokratie hielt ich für einen Irrweg. Oswald Spengler war einer meiner Propheten und seinen ‚Untergang des Abendlandes‘ kann ich heute noch beinahe komplett auswendig. Noch faszinierender waren für mich die Protagonisten der sogenannten Konservativen Revolution, wie die Bewegung später genannt wurde. Möller van den Bruck, Edgar Jung, Ernst und Friedrich Georg Jünger, Friedrich Hielscher und Ernst Niekisch waren einige meiner Gesinnungsgenossen, auch wenn jeder für sich unterschiedliche Akzente setzte. Eins war ihnen gemeinsam: Sie waren keine Reaktionäre, die dem Kaiserreich nachtrauerten, lehnten aber allesamt die Weimarer Republik ab und entwarfen fantastische Visionen zur geistigen Erneuerung des Reiches. ‚Das Dritte Reich‘ von Möller van den Bruck, den Begriff haben die Nationalsozialisten später usurpiert und pervertiert, war geistvoll durchstrukturiert und gehört zu den bemerkenswertesten Zeugnissen der Gedankenwelt dieses Kreises. Die Bibliothek in meinem Kopf schwoll immer mehr an und ich hatte Mühe, sie zu systematisieren. Meine Sammelleidenschaft wurde zur Obsession. Die baltische Tradition und die Ideenwelt dieses Kreises nahmen mich gefangen und haben mich bis heute nicht losgelassen. Ich lebe immer noch in ihnen. Meine Bibliothek ist inzwischen geordnet und ich lese täglich darin.

So konnte es nicht ausbleiben, dass es mich mit Macht nach Berlin zog. Dort gärte es und dort und nur dort glaubte ich, zu einer geistigen Erfüllung zu gelangen. Deshalb schlug ich das Angebot von Hans Rotfels aus, mir eine Assistentenstelle zu verschaffen mit der Aussicht auf eine gesicherte akademische Laufbahn. In Berlin fand ich sehr schnell Anschlusss an den Juniklub in der Motzstrasse 22, speziell zu Edgar Jung, die Brüder Jünger, Ernst von Salomon und viele andere Konservativrevolutionäre. Ich nahm auch Verbindung zum George-Kreis, wo ich den Grafen Schenk von Stauffenberg kennenlernte, und zum Tat-Kreis auf. Hans Zehrer und Giselher Wirsing habe ich viel zu verdanken. Ich war endlich in meiner Welt angekommen und Teil der national-konservativen Boheme geworden. Den aufstrebenden Nationalsozialismus lehnte ich kategorisch ab. Arnolt Bronnen, der von den Kommunisten zu ihm hinüber geschwenkt war, wollte mich eine Zeit lang für ihn gewinnen, aber diese Bewegung war mir zu primitiv-aktivistisch und zu unästhetisch. Damals ahnte ich aber noch nicht, welches Unheil sie uns noch bescheren sollte. Lediglich mit dem Jungdeutschen Orden, der dann in der Demokratischen Partei aufging, liebäugelte ich eine Zeit lang, aber seine antisemitische Ausrichtung hielt mich von einem Beitritt dann doch ab. In diesem Kokon überlebte ich die sogenannte Machtergreifung und die radikale Umformung Deutschlands. Meinen Lebensunterhalt verdiente ich mir mit Rezensionen, gelegentlichen Veröffentlichen in nicht, oder noch nicht, gleichgeschalteten Zeitschriften und Zeitungen und mit Nachhilfestunden für Söhne großbürgerlicher Familien. Der Reichsschrifttumskammer bin ich nie beigetreten. Die Ehe, die ich 1937 mit einer entfernten Verwandten einging, hielt nur 2 Jahre. Meine Frau verließ mich, um einen hohen SS-Offizier zu heiraten, der nach dem Krieg in Frankreich zu lebenslangem Zuchthaus verurteilt wurde und nach 5 Jahren Haft in seiner Zelle Selbstmord beging. Heute ist sie in dritter Ehe mit einem vermögenden Amerikaner verheiratet und lebt in den USA. Meine Familie hatte schon längst den Kontakt zu mir abgebrochen. Für sie war ich eine ziel- und charakterlose Kreatur. Meine Brüder hatten sich sofort nach der sogenannten Machtergreifung mit der neuen Obrigkeit gemein gemacht und waren zu großem Einfluss gelangt. Sie waren beide der SS beigetreten und verkehrten eng mit Göring und anderen NS-Potentaten. Ich lebte zunehmend isoliert. Die Bibliothek in meinem Kopf wurde zu meiner täglichen Zuflucht. Ich genoss meine Wehmut und Melancholie. Allerdings gab es keine Neuzugänge. Welche auch? Das NS-Geschreibsel las ich nicht. Eine Rarität habe ich dann doch noch hineingestellt: ‚Auf den Marmorklippen‘ von Ernst Jünger, ein wunderbares Buch.

1939 wurde ich eingezogen. Einer meiner Brüder wollte mich davor bewahren und mich in einem seiner ‚kriegswichtigen‘ Betriebe pro forma einstellen. Zum Entsetzen meiner gesamten Familie lehnte ich ab. Den Krieg habe ich an beinahe allen Fronten erlebt und brachte es sogar bis zum Hauptmann. 1944 geriet ich in sowjetische Gefangenschaft und blieb dort bis 1955. Es waren trübe Jahre. Auch Workuta blieb mir nicht erspart. Im Großen und Ganzen habe ich sie aber besser überstanden als viele andere. Ich hatte ja mein eigens Reich: meine Bibliothek, die ich täglch aufsuchte und immer wieder neu ordnete. Die baltische Geschichte und meine Berliner Jahre liefen wie ein Endlosfilm vor mir ab. Es war schön.

Mit einem der letzten Gefangenentransporte des Jahres 1955 kam ich nach Frankfurt. Niemand erwartete mich. Die Bahnhofmission nahm mich freundlich auf und half mir bei der Suche nach meiner Familie. Meine Brüder waren sehr überrascht, denn sie hatten mich für tot gehalten. Die Eltern waren, wie ich von ihnen erfuhr, 1945 hochbetagt bei einem der letzten Luftangriffen ums Leben gekommen. Den Brüdern war die Front erspart geblieben. Ihre Betriebe waren für den Rüstungsminister Albert Speer unentbehrlich gewesen. Sie hatten sich dann rechtzeitig in die amerikanische Zone abgesetzt, wo sie nur kurz interniert wurden. Es war ihnen offensichtlich gelungen, ihre Verquickung mir dem Regime gegenüber den Ermittlern zu bagatellisieren, denn sie wurden als einfache Mitläufer eingestuft. Nach der Währungsreform hatten sie in der rasch wachsenden Industrie sofort wieder Fuß gefasst und gehörten schon längst wieder zur führenden Wirtschaftselite. Der eine platzierte sich politisch in der FDP, der andere in der CDU. Von ihrer SS-Vergangenheit war nicht mehr die Rede. Beide haben später das Bundesverdienstkreuz erhalten. Der CDU-Bruder wollte mich in einer christlichen Bildungsstätte unterbringen. Aber ich lehnte ab und wurde zum Tippelbruder, zum Streuner, der in seiner eigenen Welt lebt. Seither bin ich ziellos unterwegs. Reisegeld verdiene ich mir durch gelegentliche Artikel über Persönlichkeiten, denen ich in Berlin nahestand, oder Reflexionen über die untergegangene Welt. Es finden sich immer wieder Verleger, die noch einen Zugang zu meiner Welt haben. Bescheidene Zuwendungen erhalte ich gelegentlich auch von ehemaligen Weggefährten, wie Ernst von Salomon und die Brüder Jünger. Meine einzigen verbliebenen Liebhabereien sind Museen und Bibliotheken. Manchmal wird mir der Zutritt verwehrt, manchmal nicht. Hier und dort finde ich sogar Ergänzungen für meine Bibliothek, die mir bisher entgangen waren. Ich lerne sie dann schnell auswendig und reihe sie in meine Regale ein. Inzwischen kenne ich auch viele Obdachlosenasyle, angenehme und weniger angenehme. Ich nehme sie hin, wie sie sind. Respektlosigkeiten erfahre ich selten. Man nimmt mich auch hin, wie ich bin, ein Mensch einer fernen Vergangenheit, der an der Gegenwart vorbeilebt. Ich habe gelernt, alles mit Würde zu tragen. Eins weiß ich aber mit Gewissheit: Meine kleine vergangene Welt hier in meinem Kopf ist einzigartig. Sie ist mein alleiniges Eigentum und niemand kann sie mir nehmen. Das macht mich zufrieden. Sie ist mein fester Wohnsitz“ Der Mann machte eine längere Pause. „Jetzt wollen Sie sicher auch wissen, wie ich zum Schnapsbaron wurde. Nun, ich könnte es mir einfach machen und sagen: Ich bin halt ein Balte. Nein, der Alkohol hat mich seit meiner Berliner Zeit begleitet. Er war stets präsent, wenn ich ihn wollte, auch in der Gefangenschaft, anschmiegsam und hilfsbereit. Er führte mich zielstrebig immer wieder in mein Reservat und hielt mich von der widerwärtigen Gegenwart fern. Deshalb schätzte ich ihn so sehr. Er war mein zuverlässiger Wegweiser. Manchmal schlug er in Aggressivität um, dann habe ich ihn eine Zeit lang gemieden. Er kam aber immer wieder an mich herangekrochen und bat um Verzeihung. Ich weiß, am liebsten würde er über mich herfallen und mich erdrosseln, aber ich bin auf der Hut. Noch bin ich der Stärkere und ich gönne ihm nicht den Triumph über mich. Letztendlich wird er ja wohl siegen und er beißt mir die Kehle durch. Dann versinkt auch meine Welt unwiderruflich und für immer. Meine Bibliothek verweht und wird zum Nichts. Ich hinterlasse keine Spuren. Vielleicht ist es auch gut so.“

Der Mann stand auf, reichte mir die Hand und sagte: „Leben Sie wohl!“ Als er das Lokal verlassen hatte, blieb ich noch lange sitzen, zahlte dann und ging zu meiner Unterkunft.

Nochmals Jahre später erzählte mir mein Vater, der Schnapsbaron sei noch einmal gekommen, dann nicht mehr. Auch der Heimleiter habe nie wieder etwas von ihm gehört. Unsere Begegnung in Wien habe er nicht erwähnt.

Gawan

Dieser Text erscheint auch in meinem Buch „Rückblicke“.

Als ich kürzlich wieder einmal in Dieter Kühns „Der Parzival des Wolfram von Eschenbach“ blätterte, kam mir nach längerer Zeit mein zeitweiliger Weggefährte Wolfram von F. in den Sinn. Wir hatten uns im Sommersemester 1964 in den ersten Tagen unseres Studienbeginns an der Universität Mainz in einer Vorlesung von Hans Ulrich Instinsky über römische Geschichte kennengelernt. Wolfram konnte wohl sehr gut Latein, denn seine Notizen waren gespickt mit lateinischen Begriffen. Wir hatten beide das Studium der Germanistik, Geschichte und Politologie begonnen, wobei Wolfram zusätzlich einen Intensivkurs in Russisch belegt hatte. Nach der Vorlesung gingen wir in die „Schwemme“, ein Lokal unterhalb der Universitätsmensa, wo sich täglich oft schon am Vormittag eine bunte Mischung des sogenannten „Universitätsvölkchens“ ein Stelldichein gab. Auffällig waren die bärtigen „Existentialisten“, deren Idole Jean Paul Sartre und Albert Camus waren und bei denen unklar war, ob sie überhaupt studierten, oder nur „philosophierten“. Es gab aber auch Korporationsstudenten, die in ständigem Streit mit den Existentialisten lagen, und natürlich viele Studienanfänger, wie wir es waren. Auch in der Folgezeit diente uns die Schwemme als Treffpunkt in den Vorlesungspausen, und dort lernten wir uns näher kennen.

Ich wohnte zu dem Zeitpunkt noch in meinem Elternhaus unweit der Universität. Wolfram war im Oldenburgischen aufgewachsen und wohnte bei entfernten Verwandten in Mainz-Kastel. Sein Vater war Baltendeutscher und war seit Mitte der 30er Jahre enger Mitarbeiter von Admiral Wilhelm Franz Canaris in der „Abwehr“ gewesen. Nach dessen Verhaftung wurde er kaltgestellt, entging jedoch einer Verhaftung. Nach dem Krieg versuchten die Amerikaner, ihn für die Organisation Gehlen, dem späteren Bundesnachrichtendienst, anzuwerben, was er jedoch ablehnte. Er zog es vor, sich als Lokalredakteur einer oldenburgischen Provinzzeitung eine bescheidene Existenz aufzubauen. Von Wolframs Mutter hatte er sich gleich nach dem Kriege getrennt. Sie stammte aus Nürnberg und war im Dunstkreis des Nürnberger Gauleiters Julius Streicher aufgewachsen und hatte in ihrer Jugend auch begeistert eine Zeit lang an Streichers antisemitischer Hetzzeitschrift „Der Stürmer“ mitgearbeitet. Später machte sie als klassische „Arierin“, sie war groß, blond und blauäugig gewesen, eine beachtliche Karriere in der NS-Frauenschaft. Adolf Hitler war für sie der Messias des deutschen Volkes, und von dieser Bewunderung hat sie auch nach dem Kriege nicht abgelassen. Sie blieb vielmehr ihrer nationalsozialistischen Überzeugung fanatisch treu und bedauerte sogar, dass die Ausrottung der Juden nicht vollends gelungen sei. Dies war der Grund, dass sich Wolframs Vater von ihr trennte und jeglichen Kontakt zu ihr abbrach. Wolfram und seine ältere Schwester wuchsen beim Vater auf und haben ihre Mutter nie mehr gesehen. Diese legte selbst auch keinen Wert mehr auf ihre Familie und tummelte sich nur noch in allerlei rechtsradikalen Kreisen. Sie war Mitbegründerin der Sozialistischen Reichspartei und verpasste nur um Haaresbreite den Einzug in das niedersächsische Landesparlament. Nach dem Verbot der Sozialistischen Reichspartei im Jahre 1952 arbeitete sie für die HIAG (Hilfsgemeinschaft auf Gegenseitigkeit der Angehörigen der ehemaligen Waffen-SS) und war Mitglied weiterer zum Teil illegaler Nachfolgegruppen und -grüppchen der NSDAP. Später wurde sie zur Mitbegründerin der NPD, stand aber in heftiger Opposition zu dem Vorsitzenden Adolf von Thadden, der ihr zu lasch und zu gemäßigt war. Dies hatte Wolfram aus der Presse erfahren.

Im zweiten Semester wechselten wir beide den Hochschulort. Ich ging nach Innsbruck, Wolfram nach München. Wir blieben jedoch in Kontakt und trafen uns auch gelegentlich, mal in Innsbruck, mal in München. Unabhängig voneinander hatten wir in dieser Zeit damit begonnen, unseren Studienschwerpunkt im Fach Geschichte auf Ost- und Südosteuropäische Geschichte zu legen. Wolfram lernte daher, konsequent wie er war, intensiv Serbokroatisch. Russisch sprach er mittlerweile fließend. Alle beide kehrten wir aus unterschiedlichen Gründen nach einem Jahr an die Mainzer Universität zurück und trachteten danach, möglichst die selben Lehrveranstaltungen zu besuchen. Wir beschäftigten uns u.a. mit Ivan Grozny (Iwan dem Schrecklichen), den polnischen Teilungen, der Geschichte des Deutschen Ordens und natürlich mit der Geschichte Südosteuropas. Wir wurden beide, weil wir gut formulieren konnten, als Protokollanten herangezogen, was zwar viel Arbeit war, uns aber in späteren Prüfungen auch viel geholfen hat, da wir bei den Prüfungsvorbereitungen auf diese Protokolle zurückgreifen konnten. Wolframs Texte waren besser als meine, präzise, stringent und stilistisch auf hohem Niveau. Im Fach Politologie legten wir den Schwerpunkt auf politische Theorien und hier vor allem auf die Varianten des Marxismus. Wolfram war der festen Überzeugung, dass der Kommunismus auf Dauer nicht würde bestehen können. Dafür fehle ihm der Sinn für eine realistische Anthropologie: „Die Kommunisten gehen von einem Menschen aus, den es nicht gibt. Daran wird ihr System zugrunde gehen. Sowie ihre Gewalt erschlafft, oder ihre Wirtschaft scheitert und sie wird scheitern, werden sich die im Untergrund brodelnden Nationalismen rühren und das Kunstgebäude zum Einsturz bringen. Was wir von sogenannten Ostexperten lesen und hören, ist nur die aktuelle Oberfläche, also die Analyse der Propaganda. Ihre Diagnosen und Prognosen sind daher fehlerhaft und irreführend und können einer realistischen und sachgerechten „Ostpolitik“ kaum von Nutzen sein. Wir müssen in tieferen Schichten wühlen. Dort spielt die Musik. Wer diese Kunst beherrscht, kann realistisch prognostizieren. Carl Gustav Ströhm ist so einer. Ich habe ihn bei Prof. Stadtmüller in München kennengelernt. Er ist der festen Überzeugung, dass zuerst Jugoslawien explodieren wird, dann gleich danach die ‚ruhmreiche Sowjetunion‘ und ihr Glacis“. „Wann wird das sein?“ „Wohl Ende der 80er Jahre, und da will ich dabei sein. Deshalb habe ich Russisch und Serbokroatisch gelernt.“ Seine Gewissheiten habe ich damals nicht geteilt, erinnerte mich aber in der zweiten Hälfte der 80er Jahre an dieses Gespräch, als die ersten Risse in Jugoslawien und kurz danach in der Sowjetunion sichtbar wurden.

Die sogenannte Studentenbewegung, die damals die deutschen Universitäten zu erschüttern begann und die sich die verschiedensten Marxismusvarianten, gespickt mit politischem Sektierertum und Antiamerikanismus, auf die Fahnen schrieb, lehnten wir beide ab. „Das sind pubertäre Fürze“, war Wolframs lakonischer Kommentar. „Die meisten werden sehr rasch in den bürgerlichen Schoß zurückkehren und nach einer gesicherten Beamtenpension streben. Einige allerdings werden sich selbst radikalisieren und eine blutige Spur hinterlassen. Das sind Desperados, ein Menschentyp also, den es immer schon gegeben hat.“ Er sollte recht behalten.

Im Fach Germanistik, das für uns nicht mehr im Vordergrund stand, trachteten wir danach, möglichst rasch alle Scheine für die Zwischenprüfung (Gotisch, Althochdeutsch, Mittelhochdeutsch und Literaturgeschichte) zu erwerben. Dies war mehr oder weniger zur Pflichtübung geworden. In einem Seminar zu Eschenbachs Epos „Parzival“ langweilten wir uns beinahe zu Tode. Plötzlich hatte Wolfram eine Idee: „Was hältst Du davon, wenn wir als Seminararbeit ein Filmdrehbuch ‚Parzival im wilden Westen‘ schreiben? Dem Prof. wird es sicher gefallen.“ Es war gerade die Zeit, als die sogenannten Film-Remakes en vogue waren. In einem Mainzer „Experimentier-Kino“, in dem regelmäßig besondere Filme gezeigt und diskutiert wurden, hatten wir vor einiger Zeit den japanischen Klassiker „Die sieben Samurai“ und die Westernversion „Die glorreichen Sieben“ mit Yul Brynner, Horst Buchholz, Steve MacQueen, Eli Wallach, Charles Bronson und anderen damals bekannten Schauspielern gesehen und uns köstlich amüsiert. Jetzt wollten wir also ein mittelalterliches Epos in den wilden Westen verlegen. Der Professor war zwar skeptisch, ließ uns aber gewähren. König Arthur wurde zum Rancher Big Arthur, Lanzelot zum Cowboy Lancy, Parzival, der Gralssucher, zu Percy, der immer auf der Suche nach El Dorado war. Jedem Ritter der Tafelrunde wurde ein Stetson auf den Kopf gesetzt, ein Colt umgeschnallt und ein alliterierter Cowboynamen gegeben. Die Königin Condwiramour, die Parzival von feindlichen Belagerern befreit und dann geheiratet hatte, wurde zu einer Apachensquaw und erhielt den Namen Lieblicher Tau. Ihr Vater, der Häuptling eines Pueblo-Dorfes, war kürzlich verstorben und hatte ihr die Verantwortung für den Stamm hinterlassen, der jetzt von Komantschen angegriffen wurde. Percy verjagte natürlich die Komantschen und nahm Lieblicher Tau zur Frau. Kontroversen hatten wir über die Frage, welche Rolle der zweite Protagonist des Epos‘, Gawan, in unserem Drehbuch spielen sollte. Ich plädierte dafür, ihn einfach wegzulassen, um die Handlung nicht zu verkomplizieren. Wolfram bestand darauf, dass er seinen gebührenden Platz in der Handlung erhalten solle. So wurden die Abenteuer des Schwerenöters und jetzt zum Revolverhelden Gave mutierten Gawan ins Drehbuch eingefügt. Percy fand schließlich nach mehreren Zweikämpfen und Abenteuern El Dorado, ein bestens verborgener und behüteter Indianergoldschatz, ließ ihn jedoch unberührt und lebte bis ans Ende seiner Tage glücklich mit Lieblicher Tau, die ihm zwei Söhne schenkte: Lohan (Lohengrin in der Sage), der den Schatz bewachte, und Kardy (Kardeiz in der Sage), der zum Häuptling der Apachen gewählt wurde. Das Drehbuch wurde recht lang, da wir den Ehrgeiz hatten, möglichst alle Episoden der mittelalterlichen Vorlage in Westernmanier zu verarbeiten. Der eher humorlose und trockene Professor fand diese sicher ungewöhnliche Seminararbeit köstlich und sagte, er habe sich selten so amüsiert. Er attestierte uns dann auch: „So, wie Sie das Epos umgesetzt haben, zeigt, dass Sie es verstanden haben.“

Nach einiger Zeit trennten sich unsere Wege wieder. Ich hatte mittlerweile eine Dissertation in Angriff genommen und versprach mir in Wien bessere Forschungsmöglichkeiten. Wolfram ging zurück nach München und wurde Doktorand bei Georg Stadtmüller, dem damals berühmtesten Südosteuropaforscher. Später ging ich nach Bukarest, Wolfram nach Belgrad. Wir hielten zwar noch Kontakt, aber die Zeitabstände wurden immer länger. Wir waren beide in unsere eigenen Welten eingetaucht.

Jahre später, ich war frisch verheiratet und bereitete mich gerade auf das Rigorosum vor, klingelte es an unserer Wohnungstür in Mainz-Bretzenheim. Als ich öffnete lachte mich Wolfram an und sagte: „Percy, alter Kamerad, was treibst Du so?“ „Gawan, gibt es Dich noch?“ „Ich habe letzte Woche promoviert und bin nun gekommen, Abschied zu nehmen. Wir werden uns so bald nicht wieder sehen.“ „Wieso? Was hast Du vor?“ „Nächste Woche schlüpfe ich in eine andere Haut und niemand wird mich mehr unter meinem Namen finden.“ „War etwa Diethelm K. auch bei Dir? Bei mir war er vor einem Monat und wollte mich für den BND anwerben. Ich habe abgesagt. Ich bin nicht der Typ für so etwas.“ K. war ein Beamter des BND und hatte wohl die Aufgabe, junge Hochschulabsolventen mit guten bis sehr guten Kenntnissen über Ost- und Südosteuropa und mit einschlägigen Sprachkenntnissen für den Dienst anzuwerben. Wolfram sah mich zunächst verblüfft an und sagte dann lachend: „Recht hast Du. Jeder Mensch ist anders. Du bist eher der bürgerliche Typ. Ich will aber in tieferen Schichten graben und ich weiß auch schon wo. Weshalb habe ich denn Russisch und Serbokroatisch gelernt? Eins sollst Du aber wissen: Es war sehr schön mit Dir.“ Wir plauderten noch eine Zeit lang. Dann sagte er sehr ernst: „So, es ist Zeit. Lass uns kein Drama machen! Wenn meine Zeit des Grabens vorbei ist, besuche ich Dich wieder.“ „Ich weiß ja gar nicht, wo ich dann sein werde.“ „Mein lieber Freund, ich werde Dich finden, wo immer Du dann sein magst. ‚Gawan‘ sei unser Code-Wort für alle Fälle.“ Dann stand er auf und ging wortlos zur Tür hinaus.

Im Jahre 2012 lud mich ein ehemaliger Bundeswehroffizier, mit dem ich im Rahmen der Inneren Führung der 12. Panzerdivision jahrelang zusammengearbeitet hatte, der aber dann zum BND gegangen war und über 20 Jahre eine andere Identität angenommen hatte, zu einem Wiedersehenstreffen ein. Er war mittlerweile pensioniert und hatte seine bürgerliche Identität wieder angenommen. Die Wiedersehensfreude war groß und wir plauderten über vergangene gemeinsame Zeiten. Bezüglich seiner Einsatzzeit beim BND unterlag er immer noch der Schweigepflicht, erzählte aber dann doch unverfängliche Episoden. Lange Zeit war er in Afghanistan im Einsatz gewesen und ab 1992 in Bosnien und im Kosovo. Ich fragte ihn, ob ihm dabei vielleicht Wolfram über den Weg gelaufen sei, indem ich ihn genau beschrieb. Er dachte lange nach und sagte dann, im Kosovo sei einer gewesen, auf den die Beschreibung passen könnte. Den Namen wisse er nicht mehr. Das sei aber auch gleichgültig, denn der damalige Name sei ja ohnehin nicht der ursprüngliche gewesen. Alle hätten ihn Gawan genannt, ein Spitzname, den er wohl selbst gestreut habe. „Das ist er! Das weiß ich.“ Ich erzählte ihm von unserem Filmdrehbuch und seinem Abschiedsbesuch bei mir. Dann fing er an zu erzählen. „Gawan“ sei der einzige Zivilist in der Crew auf dem Balkan gewesen, habe sich aber den militärischen Gepflogenheiten voll unterworfen. Darüber hinaus hätten viele Gerüchte über ihn die Runde gemacht. Beispielsweise sei er noch zur Zeit der sowjetischen Besetzung in Afghanistan im Einsatz gewesen, allerdings im Auftrag der CIA, die damals das Monopol für derlei Einsätze dort gehabt habe. Möglicherweise habe ihn der BND der CIA ausgeliehen. Er sei dann in sowjetische Gefangenschaft geraten und beim Abzug der sowjetischen Truppen vom Oberkommandierenden Alexander Lebed höchstpersönlich in Freiheit gesetzt worden. Auf dem Balkan sei er 1990 aufgetaucht, habe aber immer eine Sonderrolle gespielt, da er nicht zuletzt wegen seiner exzellenten Sprachkenntnisse über beste Informationen verfügt habe. Nicht selten sei er dann auch als einziger zur Sonderberichterstattung in die Zentrale gerufen worden. Seine Briefings und Rebriefings vor Ort seien hervorragend und sehr klar gewesen. Einer seiner Standardsätze sei gewesen: „Man muß in tieferen Schichten wühlen. Die Oberfläche ist irreführend.“ Man habe aber immer den Eindruck gehabt, dass er nicht alle seine Informationen preisgegeben habe. 1996 sei er mit seinem Geländefahrzeug (er sei ein Einzelgänger gewesen und meistens allein gefahren, was nicht den gängigen Regeln entsprochen habe) im Kosovo auf eine Landmine gefahren und samt Fahrzeug in die Luft geflogen. Zwar habe es eine strenge Nachrichtensperre gegeben, aber dennoch habe das Gerücht kursiert, der damalige UCK-Kommandeur Hasim Thaci, der später Premierminister des Kosovo wurde, habe persönlich dahinter gesteckt, weil Gawan kompromittierende Informationen über ihn besessen habe. Die UCK war damals als paramilitärische albanische und rigoros antiserbische Organisation im Aufbau begriffen und verübte unterhalb der „patriotischen“ Oberfläche allerhand Greuel. Darüber hinaus soll sie sich mit Drogen- und Organhandel finanziert haben. Die Nato benutzte sie dennoch später als verbündete Kampftruppe. Der Internationale Strafgerichtshof für das ehemalige Jugoslawien in den Haag stellte ab 2000 und dann wieder ab 2011 zwar mehrere ehemalige UCK-Kommandeure unter Anklage, konnte ihnen aber nichts nachweisen, und alles verlief im Sande.

In welchen Schichten hat „Gawan“ da bloß herumgestochert? Thaci wird sicher nichts davon preisgeben. Und so wird wohl alles im Dunkeln bleiben, wie vieles aus diesem unseligen Krieg.

Lieber Wolfram, Adieu!!!!!!!!

Nicolae

Diese Episode erscheint auch in meinem Buch „Rückblicke“

Im Frühherbst 1968 fuhr ich mit einem Zug von Graz nach Wien. In Graz hatte ich gerade einen Sommerkurs am „Graz-Center“ zur ost- und südosteuropäischen Geschichte absolviert. Das Graz-Center war eine Einrichtung mehrerer amerikanischer Universitäten, u.a. der Universitäten von Dallas, Williamsburg und Delaware, für europäische Studien. Zu den amerikanischen Studenten wurden auch einige ausgewählte Studenten deutscher und österreichischer Universitäten eingeladen. Ich war vom Institut für Osteuropakunde der Universität Mainz dorthin delegiert worden. Außer mir nahmen noch drei weitere Studenten aus Deutschland an dem Lehrgang teil, eine Exilbulgarin von der Universität München und je ein Student der Universitäten Freiburg und Marburg. Der große Vorteil für mich war, daß ich, nachdem die Lehrveranstaltungen in englischer Sprache abgehalten wurden, mein Schulenglisch erheblich ausbauen konnte. Die Veranstaltungen waren sehr lehrreich, der Höhepunkt war jedoch eine Exkursion mit der Eisenbahn in die Voivodina und nach Banja Luka in Bosnien. Auffällig war, daß die amerikanischen Studenten, obwohl sie europäische Geschichte studierten, von der politischen Geographie Europas eine nur sehr oberflächliche Ahnung hatten. Auch die Mehrsprachigkeit der Menschen in der Region rief bei ihnen große Verwunderung hervor. Im Übrigen waren die Professoren und Studenten aus Amerika fast zur Gänze glühende Anhänger der Republikaner und damit des Präsidentschaftskandidaten Richard Nixon.1 Ich war jetzt wieder auf dem Weg zurück nach Wien, wo ich seit einigen Monaten Quellen für meine Dissertation auswertete. Meine hauptsächlichen Fundorte waren das Haus-Hof- und Staatsarchiv auf dem Josephsplatz, das Militärarchiv in der Stiftsgasse und die Nationalbibliothek in der neuen Hofburg, wo ich meinen festen Arbeitsplatz hatte.

Mir gegenüber im Abteil saß ein dunkelhaariger Mann im Alter von ca. 30 bis 35 Jahren. Seine Kleidung und seine Schuhe waren abgetragen. Sein Gesicht war eingefallen und sein linkes Auge war blau-gelb unterlaufen, als hätte er vor Kurzem eine Schlägerei gehabt. Auffällig war seine große Nervosität. Ich fragte ihn, ob er auch auf dem Weg nach Wien sei, und er antwortete in sehr schlechtem Deutsch, daß er aus Rumänien geflohen sei und jetzt zu Verwandten nach Wien fahre. Als ich ihm sagte, daß ich aus Siebenbürgen stamme und recht gut rumänisch könne, wich seine Nervosität schlagartig und seine Augen begannen zu glänzen. Seine Worte überschlugen sich geradezu, als er sagte: „Oh, wie ist es schön, daß ich nach Wochen wieder in meiner geliebten Muttersprache sprechen kann. Meine Muttersprache, mein Volk und mein Gott sind mein Halt. Alles andere ist unwichtig. Ich bin auch ein Siebenbürger. Mein Geburtsort ist Mandra,2 woher auch Horia Sima3 stammt. Meine Eltern waren wie fast das ganze Dorf glühende Anhänger der Legion und trugen mit Stolz das grüne Hemd und das Kreuz der Legion.4 Sie flohen nach dem mißglückten Putsch gegen Antonescu mit Horia Sima nach Deutschland, entschlossen sich aber, nach dem Verrat Rumäniens im August 1944 in die Heimat zurückzukehren und sich dem bewaffneten Widerstand in den Südkarpaten anzuschließen.5 Andere Legionäre sind nicht diesen Weg gegangen. Sofern sie sich nicht im Westen niedergelassen haben, haben sie versucht, sich mit dem neuen Regime zu arrangieren und sind teilweise sogar der kommunistischen Partei beigetreten. Gott hat diese Verräter hart bestraft, denn sie sind allesamt späteren Säuberungswellen zum Opfer gefallen. Von meinen Eltern habe ich nie wieder etwas gehört. Entweder sind sie im Kampf gefallen, oder sie wurden gefangenengenommen und sind in einem Arbeitslager oder Gefängnis zugrunde gegangen. Sie tauchten nämlich auch nach der Generalamnestie des Jahres 19646 nicht auf. Ich bin deshalb bei meinen Großeltern aufgewachsen, die beide insgeheim bis heute treue Verehrer des Capitan Codreanu sind. Auf Sima sind sie weniger gut zu sprechen. Sie werfen ihm vor, zu viel mit ausländischen Geheimdiensten paktiert und die reine Lehre der Legion verfälscht zu haben. Sie haben mich im Geiste von Codreanu erzogen und dafür bin ich ihnen dankbar. Angesichts dieser Umstände wurde ich von jeglicher höherer Bildung ausgeschlossen. Man steckte mich zwangsweise in eine Berufsschule, wo ich recht und schlecht zum Metallarbeiter ausgebildet wurde. Die Aufforderung, mich in der Pionier- und in der kommunistischen Jugendorganisation zur sozialistischen Persönlichkeit umerziehen zu lassen, lehnte ich ab, was zu erheblichen Schikanen durch die Lehrer und den Parteisekretär der Schule führte. Zum regulären Militärdienst wurde ich nicht zugelassen, sondern musste einen dreijährigen Ersatzdienst in einer Arbeitsbrigade am Bau des Donau-Scharz-Meer-Kanals ableisten.7 Dort arbeitete ich mit vielen politischen Gefangenen und Straftätern zusammen. Es waren schwere Jahre, aber ich überstand sie unbeschadet. Die vielen Schikanen und Herabsetzungen, denen ich ausgesetzt war, brachten mich schließlich zur Überzeugung, daß ich im gegenwärtigen Rumänien keine Zukunft mehr hatte. Auch glaubte ich, daß ich, wenn mir die Flucht in den Westen gelingen würde, dort durch Aufklärung und Aufrüttelung der Öffentlichkeit viel mehr für mein Volk tun könnte als in meiner Heimat. Monatelang spielte ich in Gedanken alle Fluchtmöglichkeiten durch, bis ich mich schließlich entschloss, bei Orsova über die Donau nach Jugoslawien zu schwimmen und mich dann nach Österreich durchzuschlagen. Ich verfiel deshalb auf diesen Gedanken, weil kürzlich erst zwei meiner Cousins diesen Weg erfolgreich gegangen waren.

Der Mann sah müde aus und schloß die Augen. Nach einiger Zeit sagte er: „Ich heiße Nicolae und du?“ „Karl“ erwiderte ich. „Meine Flucht war gut vorbereitet. Nicht nur daß ich kräftig im Alt trainiert habe, nein, ich habe mir sogar bei einem Zigeuner in Hermannstadt ein paar Hundert Deutsche Mark besorgt8, die ich mit meinen Papieren wasserdicht verpackt und mit einem Leinengürtel um den Bauch gebunden habe. Allerdings mußte ich für das Geld den gesamten Schmuck meiner Mutter, den sie vor ihrer Flucht ins Gebirge auf dem Speicher unseres Hauses versteckt hatte, hergeben. Ich erkundete tagelang den günstigsten Ort an der Donau, wo ich losschwimmen konnte, und beobachtete die Grenzsoldaten sehr genau. Ich wußte, wann Wachablösung war und sogar wann sie zu saufen begannen. In einem mir günstig erscheinenden Moment sprang ich ins Wasser und schwamm los. Die Kugeln der Wachsoldaten, die sie schreiend hinter mir herschossen, verfehlten mich weit. Auf der anderen Seite wurde ich sofort von den Serben verhaftet. Als erstes nahmen sie mir mein Geld weg. Die Papiere durfte ich behalten. Die Serben waren überhaupt sehr unangenehm. Erst wollten sie mich gleich wieder nach Rumänien abschieben. Die Verständigung war sehr schwierig, denn sie konnten weder Rumänisch noch Englisch, das ich einigermaßen beherrsche. So behalf ich mir mit meinen Russischkenntnissen, die ich mir in der Schule erworben hatte.9 Als ich massiv gegen die Rückführung nach Rumänien protestierte, kam ich zunächst für drei Wochen in ein Massengefängnis, wo noch mehr rumänische Flüchtlinge einsaßen und darauf warteten, nach Österreich abgeschoben zu werden. Eines Tages wurde ich wieder verhört und gründlich untersucht, da die Serben vermuteten, ich hätte noch weiteres Geld in meine Kleidung eingenäht. Bei dieser Gelegenheit wurde ich auch brutal verprügelt. Daher habe ich das blaue Auge. Schließlich wurde ich in ein kroatisches Gefängnis verlegt, wo ich sehr korrekt behandelt wurde. Gestern wurde ich dann in aller Form nach Österreich abgeschoben. Die österreichischen Behörden waren sehr freundlich, gaben mir einen Passierschein nach Wien und sogar eine Fahrkarte dorthin. Ich hatte nämlich geltend gemacht, dass ich dort nahe Verwandte hätte, die sich weiter um mich kümmern würden. Sie machten mir lediglich zur Auflage, mich gleich nach der Ankunft in Wien bei der Polizei zu melden. Da ich auch müde wurde, beendeten wir das Gespräch und dösten beide vor uns hin. Am Wiener Südbahnhof zeigte ich Nicolae, mit welcher Tram er nach Ottakring zu seinen Verwandten gelangen konnte, gab ihm von meinem spärlichen Bargeld noch ein paar Schillinge für die Fahrkarte und wollte mich verabschieden. „Wo finde ich Dich?“ fragte er vor dem Einsteigen. Ich gab ihm schnell meine Adresse und die Telefonnummer meines Verbindungshauses, in dem ich damals wohnte, und ging meiner Wege.

Es vergingen einige Wochen und meine Quellenstudien, die Aktivitäten meiner Verbindung, der ich mich angeschlossen hatte, und meine Liebschaft, die ich während meines Studiums in Innsbruck kennengelernt und in Wien wieder getroffen hatte, nahmen mich so in Anspruch, daß ich nicht mehr an Nicolae dachte. Eines Tages ging ich die Treppe der neuen Hofburg zum Heldenplatz hinunter, als mich jemand auf Rumänisch anrief: „He, sasule (He, Sachse) kennst Du mich nicht mehr?“ Es war Nicolae, den ich tatsächlich kaum wieder erkannte. Er sah sehr gut aus. Er trug neue Schuhe, eine gut gebügelte schwarze Hose und ein grünes Hemd mit Epauletten. Um seinen Hals hing ein Legionärskreuz. Auf dem Kopf trug er ein grünes Uniformschiffchen leicht zur rechten Seite geneigt. Über seiner Schulter hing eine nagelneue braune Ledertasche. „Na, sowas, du siehst ja aus wie ein Legionär.“ „Mein Leben lang habe ich davon geträumt, ein Legionär zu sein. Jetzt habe ich schon das Hemd und das Kreuz. Ein alter Legionär, der hier in Wien lebt, hat mir die seinen geschenkt. Er ist inzwischen zu gebrechlich, um sie noch zu tragen. Mir fehlt nur noch die Initiation. Ich werde nach Spanien fahren und sie von Horia Sima persönlich vornehmen lassen. Dann werde ich den Dienst an meinem Volk von dort aus aufnehmen. Komm, ich lade dich zu einem Kaffee ein, dann erzähle ich dir alles.“ Hast du überhaupt Geld?“ „Mehr als ich brauche. Mein Vater hat meinen Verwandten während des Aufstandes der Legion in Bukarest im Januar 1941 unter eigener Lebensgefahr das Leben gerettet und jetzt haben sie sich revanchiert und mir zum Abschied 100.000 Schilling geschenkt. Obwohl ich mich im Zorn von ihnen getrennt habe, habe ich das Geld genommen. Erstens haben sie genug davon und zweitens bin ich es meinem Vater schuldig. Sie wohnen übrigens in einem hochherrschaftlichen Haus in einer ruhigen Strasse von Ottakring.“ Wir gingen in das Selbstbedienungscafé der Nationalbibliothek und setzten uns an einen Tisch in einer Ecke, wo niemand uns zuhören konnte. „Na, meine Verwandten sind eine der größten Enttäuschungen meines Lebens. An einem der ersten Abenden nach meiner Ankunft in Wien führten sie mich in das Restaurant Bukarest, wo man viele Landsleute antreffen könne, war die Begründung. In der Tat waren dort neben anderen viele Rumänen, allerdings ein durcheinadergewürfelter Haufen. Von wohlhabenden und ärmlichen Exulanten, Angehörigen des alten rumänischen Adels, rumänischen Geschäftsleuten aus anderen Ländern und Angehörigen der aktuellen diplomatischen Vertretung Rumäniens war alles vorhanden. Alle parlierten vertraulich miteinander, soffen zusammen und grölten laut. Es war eine groteske Gesellschaft. Daruberhinaus fiedelte ununterbrochen eine Zigeunerkapelle, und der schmierige Primas mit fettigen langen Haaren ließ sich lächelnd beklatschen und heimste enorme Trinkgelder ein. All das hatte nichts mit legionärer Moral zu tun und widerte mich an. Als meine Tante dann auch noch einen fetten Rumänen umarmte und auf die Backe tätschelte und nachher sagte, das sei der Botschaftssekretär gewesen, der Stammgast hier sei, war ich regelrecht erschrocken. Auch meine Verwandten schienen Stammgäste zu sein, denn sie wurden von allen Seiten angesprochen und tauschten mit fast jedem Höflichkeiten aus. Auffällig war auch, daß immer wieder drahtige Männer in dunklen Anzügen auftauchten, kurze Gespräche führten, unauffällig Briefumschläge austauschten und wieder verschwanden. Mit meinen Verwandten gingen zweimal je einer von ihnen kurz hinaus und meine Verwandten kamen mit je einem Umschlag wieder herein, legten ihn mit einem triumphierenden Lächeln in die Tasche und parlierten unbefangen weiter. Damals konnte ich mir noch keinen Reim darauf machen. Der Alte, der mir seine Legionärskleidung geschenkt hatte, klärte mich auf. Er sei ein einziges Mal im Restaurant Bukarest gewesen und ihm sei sofort klar geworden, welcher Abschaum an Menschen sich dort versammele. Nicht nur daß man dem Gefiedel der widerlichen Zigeuner nach jedem Stück frenetischen Beifall zolle, nein, die ganze Gesellschaft sei durch und durch korrupt. Ehemalige Legionäre wie meine Verwanden fraternisierten mit den Kommunisten in der rumänischen Botschaft und verkauften skrupellos gegen viel Geld Informationen an alle möglichen Geheimdienste. Ob es sich um KGB, Mossad oder CIA handele, sei ihnen gleichgültig. Sie seien nur an Geld interessiert. Ja, sie schreckten auch nicht vor Denunziationen zurück, was etlichen ihrer treu gebliebenen Landsleuten das Leben gekostet habe.10 Die ganze Gesellschaft, auch meine Verwandten, seien demoralisiert und gewissenlos. Alle paktierten nicht nur mit den Geheimdiensten, sondern gingen auch anderen undurchsichtigen Geschäften nach. Am meisten würden sie aber mit dem Verkauf gestohlener Ikonen und anderer liturgischer Gegenstände sowie illegaler beschaffter Wertgegenstände verdienen. Als ich meine Verwandten zur Rede stellte, lachten sie mich aus und nannten mich einen Träumer. Auch Codreanu sei ein weltfremder Träumer und Idiot gewesen. Sie hätten lange gebraucht, um dies zu begreifen. Man müsse schließlich sehen, wo man bleibe. Ihnen ginge es jetzt besser denn je. Die Legion sei eine Verirrung der Geschichte gewesen. Wortlos verließ ich ihr Haus und wohne seither beim Alten. Dorthin ließen sie mir auch die 100.000 Schillinge kommen. Ich weiß, daß es schmutziges Geld ist, aber ich brauche es für meine Aufgabe.“ Ich wußte zunächst nicht, was ich zu dem Erzählten sagen sollte, und schwieg. Nach einiger Zeit sagte Nicolae: „Du Sachse, ich habe Euch immer bewundert. Ihr habt Euch über Jahrhunderte eine Lebensform geschaffen, die ihresgleichen sucht. Euer Gemeinschaftssinn, eure Tüchtigkeit und hohe Bildung hatte ein stabiles Fundament: eure feste Verankerung in eurem evangelischen Glauben. Jedes Volk, das mit sich im Reinen ist, ist verwurzelt in in seinem unerschütterlichen Glauben. Wird dieser Glaube infrage gestellt, zerfällt das Volk und wird früher oder später untergehen. Der Nationalsozialismus hatte ursprünglich gute und edle Ansätze. Erst als er dem Größenwahn und der Gottlosigkeit verfiel, war er zum Scheitern verurteilt. So hat auch eure Volksgruppenführung11 das Sachsenvolk in die gefährlichste Krise seiner Geschichte gestürzt. Ihre nihilistische Arroganz und Machtbesessenheit hat euch zerstört. Einer meiner Onkel war Verbindungsmann der Legion zur Volksgruppenführung und war gar nicht gut auf den Volksgruppenführer Andreas Schmidt zu sprechen. Ich habe ihn nur einmal gesehen, als er meinen Onkel in Mandra besuchte. Ich war aber noch ein Kind und habe daher nur eine blasse Erinnerung an ihn. Jetzt rate ich euch aber dringend: Findet zu eurem Glauben zurück! Bringt eure Volksseele zu dem zurück, was sie einmal war! Dann könnt ihr wieder genesen und habt mit Gottes Hilfe eine Überlebenschance. Für mein Volk ist der angemessen Glaube die unverfälschte Orthodoxie. Sieh her!“: Dann zog er ein Büchlein aus seiner Tasche. „Dies sind die Grundsätze unseres ermordeten Capitans. Er war unser Messias. Das wussten seine Feinde und haben ihn deshalb heimtückisch umgebracht. Sie hatten Angst vor ihm. Sie fürchteten ihn zu Recht, denn sie waren alle Opfer der jüdischen Korrumpierung, wie auch der Kommunismus eine jüdische Machenschaft ist. Auch die westlichen Demokratien sind jüdisch verseucht, wie auch das jüdische Kapital der Wallstreet die amerikanische Politik kontrolliert. Oder schau dir eure Studenten in Deutschland an, die in diesen Tagen wüst herum randalieren und den Marxismus verkünden. Auch sie sind Opfer einer zerstörerischen jüdischen Strategie. Wenn sie so weitermachen, wird auch eure sogenannte Demokratie zugrunde gerichtet. Hier drin aber steht das Gegenprogramm des Capitans, seine Botschaft. Sein Aufruf, dem Weltjudentum mit ganzer Kraft entgegenzutreten. Das Buch ist mein Leitfaden, an den ich mich mein Leben lang halten werde. Du solltest es auch lesen.“ Mir wurde allmählich unwohl bei diesen Ungeheuerlichkeiten. „Ich merke, das gefällt dir alles nicht“, fuhr er fort. „Wir brauchen den neuen Menschen, wie der Capitan ihn entworfen hat. Dann erst werden die Völker zur Ruhe kommen und sich nicht mehr gegenseitig zerfleischen. Bis dahin ist aber ein gnadenloser Kampf nötig, und wir dürfen auch nicht vor Gewalt zurückschrecken. Diesem Kampf will ich ab jetzt mein Leben widmen.“ Seine Auslassungen wurden mir nun endgültig zu viel und erschreckten mich geradezu. Ich hatte den Eindruck, daß er sich im Verlauf seines Wiener Aufenthalts selbst erheblich radikalisiert hatte und möglicherweise zu allem fähig war. Er war nicht mehr der eher nüchterne Nicolae, den ich im Zug von Graz nach Wien kennengelernt hatte. Ich fragte mich, wie so etwas möglich war, fand aber keine Antwort. Mich begann vielmehr zu schaudern. Deshalb bedankte ich mich bei ihm für den Kaffee, wünschte ihm alles Gute und verabschiedete mich von ihm. Er schaute mich verblüfft an und winkte mir zaghaft hinterher.

Ob Nicolae seiner Überzeugung treu geblieben ist, vermag ich nicht zu sagen, denn ich habe ihn nie wieder gesehen und auch nie wieder etwas über ihn erfahren.

  • 1Der Präsidentschaftswahlkampf zwischen dem Republikaner Richard Nixon und dem Demokraten Hubert Humphrey war gerade in der Schlußphase und die Demoskopen prognostizierten ein Kopf-an-Kopf-Rennen.
  • 2Mandra ist eine rumänische Ortschaft an den Ausläufern des Fogarascher Gebirges im Kreis Kronstadt.
  • 3Horia Sima (1906 – 1993) wurde nach der Ermordung des Gründers und „Capitans“ der „Legion des Erzengels Michael“ bzw, der personell identischen Kampforganisation „Eiserne Garde“, Corneliu Zelea Codreanu (1899 – 1938), dessen Nachfolger. Die Eiserne Garde war eine klerikal-faschistische, radikal antisemitische, antiziganistische und antikommunistische Organisation. Von allen faschistischen Organisationen der Zwischenkriegszeit ist sie am ehesten mit der kroatischen Ustascha von Ante Paveleci zu vergleichen, wobei allerdings die Ustascha radikal-katholisch war und die Eiserne Garde sich einer mystischen Orthodoxie verpflichtet fühlte. Auf das Konto der Eisernen Garde gingen mehrere politische Morde und Attentate. Mit Unterstützung durch das Dritte Reich ging jedoch die Legion unter Horia Sima eine Koalition mit Marschall Ion Antonescu (1882 – 1946) ein und beteiligte sich an dem kurzlebigen „nationallegionären Staat“ (September 1940 – Januar 1941). Als die Legion im Januar 1941 gegen Antonsecu putschte, ließ Hitler die Eiserne Garde fallen und stellte sich auf die Seite von Antonescu. Sima floh mit einer Schar von Gesinnungsgenossen nach Deutschland und wurde dort in „Schutzhaft“ genommen. Nach dem am 23.08.1944 erfolgten Frontwechsels Rumäniens führte Sima bis zum Kriegsende eine wirkungslose Exilregierung in Wien und ließ sich dann in Spanien nieder, wo er bis zu seinem Tode im Jahre 1993 unbehelligt die Ideologie der Legion weiter propagierte. In Rumänien wurde er in Abwesenheit mehrfach zum Tode verurteilt. Die in Rumänien verbliebenen Legionäre waren nach dem mißglückten Putsch gegen Antonescu unter seiner Herrschaft, aber auch unter dem späteren kommunistischen Regime mehreren Verfolgungswellen ausgesetzt. Eine Wiederbelebung des legionären Gedankens nach 1989 durch überlebende Altlegionäre gelang nur vereinzelt, aber ohne irgendeine Wirkkraft im späteren politischen Geschehen.
  • 4Die Legion war straff in sogenannten „Nestern“ organisiert. Äußeres Erkennungsmerkmal war des grüne Uniformhemd und das Keltenkreuz, das jeder Legionär um den Hals trug.
  • 5Bereits nach dem Frontwechsel Rumäniens im Jahre 1944 verschanzten sich heterogene bewaffnete Gruppen in den Süd- und Westkarpaten, dem Donaudelta, im Banat und an verschiedenen anderen unwegsamen Orten und widersetzten sich dem unter Kontrolle der Sowjetarmee stehenden Übergangsregime. Es handelte sich um Angehörige der königlichen Armee, die den Frontwechsel verweigert hatten und nicht wie andere Einheiten mit den deutschen Truppen abgezogen waren, um versprengte deutsche Wehrmacht- und Waffen-SS-Angehörige, Gefolgsleute des Marschalls Antonescu, verschiedene andere antikommunistische Gruppen und Grüppchen sowie um im Lande verbliebenene oder zurückgekehrte Legionäre. Die im Volksmund „Partisanen“ , vom Regime „Terroristen“ genannten Widerstandskämpfer wurden ausreichend von der umliegenden Bevölkerung mit Nahrungsmitteln unterstützt, waren gut bewaffnet, litten jedoch unter empfindlichem Munitionsmangel. Nach Ausbruch des kalten Krieges wurden sie in geringem Umfang von westlichen Geheimdiensten mit Munition und anderem Material unterstützt und vereinzelt sogar personell aufgestockt. Da die Widerstandsgruppen sehr heterogen waren, gab es kein koordiniertes Vorgehen und es kam sogar zu massiven inneren Konflikten, was ihre Schlagkraft sehr schwächte. Der Widerstand brach Ende 1956 allmählich völlig zusammen, als nach der Niederschlagung des Volksaufstandes in Ungarn deutlich wurde, daß von den Westalliierten keine aktive Hilfe mehr zu erwarten war. Einige wenige Widerstandsnester sollen aber bis zum Jahre 1970 durchgehalten haben. Im Übrigen kam es bis zum Jahre 1956 landesweit immer wieder auch zu mehr oder weniger intensiven bäuerlichen Revolten gegen die Zwangskollektivierung der Landwirtschaft.
  • 6In den 1960er Jahren drang kaum etwas über politischen Widerstand in Rumänien nach außen. Wie in allen Ostblockstaaten kam es allerdings auch in Rumänien zu einer Reihe von Schauprozessen. 1964 wurde eine Amnestie ausgerufen, bei der angeblich alle politischen Gefangenen, mehr als 50.000, freigelassen wurden. Später stellte sich heraus, dass ein erheblicher Teil der politischen Gefangenen nicht unter die Amnestie gefallen war und weiter einsaß, wobei die Kriterien ihrer Nichtfreilassung unklar blieben.
  • 7In diese Arbeitsbrigaden wurden alle Wehrpflichtigen, die eine „ungesunde Herkunft“ hatten, gesteckt, wie die Söhne von „Chiaburen (Großbauern)“, ehemaligen Unternehmern, nichtorthodoxen Geistlichen, ehemaliger nichtkommunistischer Politiker, Legionäre und vor allem der meisten Angehörigen der deutschen Minderheit. Sie wurden beim Bau von Großprojekten wie dem Donau-Schwarzmeer-Kanal und dem Bicaz-Stausee sowie im Straßenbau eingesetzt.
  • 8Es gab vor allem in Hermannstadt einen Zigeunerstamm, der insgeheim mit Gold handelte und über eine große Menge an Devisen verfügte. Die Polizei hat diese illegale Tätigkeit trotz regelmäßiger Razzien nie ganz unterbinden können.
  • 9Mit der Schulreform von 1948 wurde das Russische als Pflichtsprache ab der vierten Jahrgangsstufe in allen Schulen eingeführt, was zu einer kuriosen Situation führte. Über Nacht mussten mehrere Tausende Russischlehrer aus dem Boden gestampft werden. In Schnellkursen bildete man ausgewählte Lehrkräfte dafür aus, was dazu führte, daß die Lehrkräfte das Russische genauso mangelhaft beherrschten wie ihre Schüler. Ende der 50er Jahre wurde das Russische als Pflichtsprache wieder abgeschafft.
  • 10In der Tat war Wien in der letzten Phase des Krieges, aber vor allem nach dem Krieg ein Tummelplatz internationaler Geheimdienste und ist es etwas abgeschwächt bis heute geblieben. Treffpunkte waren Lokale wie das Restaurant Bukarest aber auch viele andere konspirative Orte. Von hier aus gingen viele politische Mordaufträge aus. Das KGB bediente sich dabei insbesondere des bulgarischen Geheimdienstes, auf dessen Konto nicht wenige Morde in ganz Europa gingen.
  • 11Im August 1940 wurde Siebenbürgen im Zweiten Wiener Schiedsspruch geteilt und die NSDAP der deutschen Volksgruppe in Rumänien übernahm die alleinige Vertretung der im rumänischen Teil lebenden Volksdeutschen. Am 27. September 1940 wurde der Siebenbürger Sachse und SS-Offizier Andreas Schmidt vom Leiter der Volksdeutschen Mittelstelle, SS-Obergruppenführer Werner Lorenz, zum Volksgruppenführer in Rumänien ernannt und war nun der mächtigste Mann unter den Rumäniendeutschen. Zudem war er ein Schwiegersohn des Leiters des SS-Hauptamtes und Generals der Waffen-SS, Obergruppenführer Gottlob Berger, und hatte damit beste Beziehungen zur obersten SS-Führung. Die Volksgruppenführung wurde auf Berliner Druck hin zur Körperschaft des öffentlichen Rechts erhoben und entzog sich dadurch der direkten Einflußnahme durch die rumänische Regierung. Dabei zeigte sich bald, daß Schmidt ein reiner Karrierist war und jegliche Befehle der übergeordneten Stellen im Deutschen Reich auszuführen bereit war, auch wenn dies mit Risiken und Nachteilen seiner Landsleute verbunden war. Als es im Januar 1941 zu einer Rebellion der Eisernen Garde gegen den rumänischen Diktator Ion Antonescu kam, konnte er sich weiter profilieren und sich in Berlin als wichtigster Ansprechpartner im Land präsentieren. Im Inneren der sächsischen Gesellschaft liquidierte er alle überkommenen Einrichtungen und traditionellen Lebensformen und setzte an ihre Stelle nach den Vorbildern im Deutschen Reich NS-Organisationen und NS-Rituale. Als entschiedener Atheist brachte er die evangelische Kirche unter seine Kontrolle und ließ durch seinen von ihm eingesetzten Bischof das „deutsche Christentum“ propagieren. Das bisher kirchliche und hoch entwickelte deutsche Schulwesen unterstellte er der Volksgruppenführung. Nach dem Frontwechsel Rumäniens im August 1944 versuchte er noch einen bewaffneten Widerstand gegen die vorrückenden sowjetischen Truppen zu organisieren. Er geriet jedoch sehr bald in sowjetische Gefangenschaft und starb unter ungeklärten Umständen im Gefangenenlager Workuta. Seine Gesinnungsgenossen wurden entweder gefangen genommen oder flohen ins Deutsche Reich. Einige wenige schlossen sich dem bewaffneten Widerstand in den Südkarpaten an.

Rettet das „ß“

Europa! Europa! Das 21. Jahrhundert im Zeichen Europas! Euro! Erweiterung! Verfassungsvertrag! Die Schlachtrufe sind unüberhörbar. Der Moloch Europa frißt alles auf. Er ist wie Saturn, der seine eigenen Kinder frißt. Alles stopft er in sein gefräßiges Maul, zermalmt es und preßt den Brei in seinen gewaltigen Magen. Seine Agenten hetzen auf dem gesamten Kontinent herum und tapezieren ihn mit ihren Normenvorschriften. Nichts ist vor ihnen sicher. Gerüchten zufolge soll demnächst sogar das Spitzen des Mundes beim Küssen normiert werden. Die Normen versuchen selbst bis ins Schlafzimmer vorzudringen. Geduldig ertragen wir alles und fügen uns in unser Fatum.
Die EU-Norm 272829/30 hat es aber geschafft, mich, einen friedlichen Zeitgenossen, einen gutmütigen und gläubigen Europäer, zum Revolutionär zu machen, zum Widerstandskämpfer, ja, vielleicht sogar zum Attentäter. Man stelle sich vor: Besagte Norm will mir mein „ß“ rauben, den Stolz meiner Schrift, das liebenswürdige, edle, grazile, elegante, bescheidene „ß“. Es ist ein Buchstabe, den ich über alles liebe. Er ist der größte Schatz meiner Schrift. Gibt es einen anderen Buchstaben, an dessen anmutiger Linienführung sich das Auge kaum satt sehen kann? Keine Ecken, keine Kanten, nur Rundungen und sanfte Wölbungen, und das alles bar jeder Symmetrie. Er ist ein Kunstwerk, geradezu eine Offenbarung. Er ist wie das Lächeln der Mona Lisa, bezaubernd, süß und geheimnisvoll, ein Kleinod.
Böse Zungen behaupten nun, er sei ein B mit Rüssel. Das ist Rufmord, ein abgefeimtes Spiel! Prompt fühlt sich Brüssel durch das „B mit Rüssel“ herausgefordert und hat meinem geliebten „ß“ den Kampf angesagt. Wie sagt der große Winckelmann: „Edle Einfalt, stille Größe!“ Mein „ß“ verzichtet in edler Schönheit und stiller Genügsamkeit auf einen Großbuchstaben. Nie will es am Anfang eines Wortes stehen. Das ist wahre Größe! Es will auch namenlos sein, voller Bescheidenheit. Zotige Männer nennen es ein „scharfes s“, unerhört! Andere nennen es Eszett oder sonstwie. Nein, mein „ß“ ist namenlos, wie die blaue Blume. Und diese großartigen Eigenschaften werden ihm nun zum Verhängnis. Brüssel will es nicht mehr dulden. Jeder Buchstabe hat, verdammt nochmal, einen Großbuchstaben zu haben und einen Namen! Wo kommen wir denn dahin, wenn jeder Buchstabe macht, was er will! Niemals! Alles muß normiert sein. Wenn das „ß“ es also nicht schafft oder sich weigert, einen Großbuchstaben zu haben und sich taufen zu lassen, muß es weg! Weg, weg! Es stört die Systematik! Aus! Basta! Jede Blume, jedes Tier, ja jeder Wurm genießt heutzutage Artenschutz. Nicht so mein „ß“! Es soll ausgerottet werden, auf ewig verschwinden. Niemand kommt auf die Idee der Mona Lisa das Lächeln zu verbieten, nur weil die andern Gemälde im Louvre grimmig dreinschauen. Mein „ß“ aber soll verschwinden. Reicht es nicht, daß unsere Kulturokraten in vorauseilen- dem Gehorsam dabei waren, wie üble Mordgesellen das Vernichtungswerk beinahe vollständig zu verrichten, ein Werk, das sie voller Heimtücke Rechtschreibreform nannten? Nein, jetzt soll mein „ß“ auch aus den letzten Reservationen, in die es die Sprachanarchisten gesperrt hatten, verjagt werden. Oh, weh! Der unschuldigste wiewohl deutscheste Buchstabe wird dann gänzlich zu SS. Nein, ich wage gar nicht weiterzudenken. Mir reicht’s! Das ist Terror! Das mache ich nicht mit! Niemals! Niemals!
Komm’ zu mir geliebtes „ß“! Bei mir findest du Asyl. Ich werde dich hegen und pflegen, so lange ich lebe. Ich werde dich beschützen. Ich baue dir ein Biotop. Dort sollst du blühen und gedeihen. Du bist schön! Ich liebe dich!

Integrationsdebatte in Deutschland

Daß sprachliche Präzision sachlogisches Denken fördert und umgekehrt eine folgerichtige Analyse zu prägnanter Ausdrucksweise führt, ist eine Binsenweisheit. Wer also ein Problem klar durchdacht hat, weiß sich unmißverständlich auszudrücken bzw. wer präzise formuliert, läßt vermuten, daß ihm die Zusammenhänge klar sind, und er in der Lage ist, zu einer Lösung beizutragen. Das Auffällige an der deutschen Integrationsdebatte ist jedoch, daß sehr häufig mit einem Wust schwammiger, oft widersprüchlicher, ja sogar sinnentstellender Begriffe argumentiert wird, was den Eindruck vermittelt, daß den Diskutanten zwar bewußt ist, daß Deutschland vor einem Problem steht, sie sich aber über dessen Charakteristik und das anzustrebende Lösungsziel noch keine Klarheit verschafft haben.

Schon der Begriff ethnische Minderheit wird in den diversen, geradezu diarrhöhaft ausgestrahlten Talkshows leichtfertig hin- und her geworfen. Sorgsam gestylte Moderatorinnen stellen dümmliche Fragen und glotzen mit fragender Miene in die Runde. Politiker, Schauspieler und andere Zeitgenossen, die für bedeutsam gehalten werden, plappern munter drauflos, verbreiten abenteuerliche Thesen und fuchteln aufgeregt mit ihren Armen herum, ohne zu bedenken, daß es sich um einen äußerst sensiblen, relativ jungen und insbesondere europäisch relevanten Begriff handelt und beispielsweise in zentralasiatischen oder einigen muslimischen multiethnischen Gesellschaften, wo andere Gesellungskriterien gelten als in Europa, eine untergeordnete Rolle spielt. So amüsant das Gewäsch auch sein mag, so bringt es keinerlei Erkenntnisse, sondern ist allenfalls überflüssig, wenn nicht gar ärgerlich.

Der europäisch geprägte Begriff Minderheit, ist mit dem Aufkommen des Nationalstaatsgedankens erst im 19. Jh. entstanden. Am Beispiel der Geschichte der Siebenbürger Sachsen läßt sich dieser Sachverhalt sehr anschaulich beschreiben. Dieser kleine deutschsprachige Neustamm, der sich mit der Ansiedlung innerhalb des Karpatenbogens beginnend mit dem 12. Jh. formierte, hat sich trotz der geringen Kopfzahl über mehrere Jahrhunderte nie als Minderheit betrachtet und wurde auch von den anderen zahlenmäßig stärkeren Ethnien der Region nie als solche empfunden. Die Siebenbürger Sachsen waren vielmehr dank ihrer Privilegien und ihrer Selbstverwaltungsorgane in der ständischen Gesamtgesellschaft eine bedeutende, die Staatsfinanzen betreffend sogar die bedeutendste Säule des Staates, demgegenüber sie stets loyal waren, zumal sie eine gefestigte Autochthonie aufwiesen. Trotz erheblicher Konflikte in der wechselvollen Geschichte ist ihre staatstragende Rolle nicht infrage gestellt worden. Als dann allerdings insbesondere nach dem österreichisch-ungarischen Ausgleich von 1867 die Sachsen ihre ständische Stellung einbüßten und der ungarische Staat sich eine aggressive Ideologie der Nationalstaatlichkeit zu eigen machte, wurden sie erstmals marginalisiert und sanken zu einer nun auch so benannten „nationalen Minderheit“ herab und sahen sich einem massiven Assimilierungsdruck ausgesetzt, demgegenüber sie aber im Großen und Ganzen standhalten konnten. Es war dies die Zeit, als sich die Siebenbürger Sachsen verstärkt an das aufstrebende Deutschland anzulehnen begannen, woher sie Stärkung erhofften. In Deutschland selbst wurde das „Auslandsdeutschtum“ entdeckt und es entstand eine Vielzahl von Hilfsorganisationen, die sich zum Ziel setzten, die „auslandsdeutschen Sprachinseln“ im Ringen um Selbstbehauptung zu unterstützen. Die Siebenbürger Sachsen ihrerseits mutierten so zu „Deutschen“, also zu einer Art Vorstufe als nun bewußte Angehörige einer großen Kulturnation, nicht Staatsnation. Auf dieser Vorstufe bauten die Nationalsozialisten auf, als sie auch die Siebenbürger Sachsen als fünfte Kolonne mißbrauchten, was verheerende Konsequenzen nach sich zog. Nach der Ur- Katastrophe des Ersten Weltkriegs entstanden auf den Trümmern der bis dahin dynastisch legitimierten Großreiche die bizarren „Nationalstaaten“, in Wirklichkeit jedoch in ihrer Gesamtheit Vielvölkerstaaten und der Begriff Minderheit setzte sich endgültig durch, denn diese Staaten verstanden sich als Nationalstaaten, deren Idealtypus eine einzige Ethnie beherbergt. Die Realität lief diesem Idealtypus jedoch diametral entgegen und einige der namensgebenden „Staatsnationen“ erlagen bis in die jüngste Vergangenheit hinein unterschiedlich stark der Versuchung, sich dem idealtypischen Nationalstaat auf Kosten der nun zahlreichen autochthonen „Minderheiten“ anzunähern unter Anwendung einer Reihe von Methoden: Assimilierung, Verdrängung und Umsiedlung, Vertreibung oder gar Vernichtung. Die Konstrukteure des Völkerbundes und die Schöpfer späterer einschlägiger Regelwerke hatten zwar richtig erkannt, daß die Minderheiten schutzbedürftig waren und sind, haben jedoch nur unzureichende Sanktionsinstrumente schaffen können, sodaß sie immer noch in ihrer Existenz gefährdet sind, wie wir bis in die Gegenwart konstatieren müssen. Das Phänomen Minderheit, ist demnach ein äußerst sensibler Bereich und sollte mit Bedacht und großer Sorgfalt diskutiert werden.

Wie schlampig jedoch diskutiert wird, erkennen wir an der abstrusen Begrifflichkeit, die in Deutschland mittlerweile geradezu groteske Formen angenommen hat. Jahrzehntelang waren die politischen Eliten bemüht, die stetig wachsende Immigration in einem sonderbaren Akt der Realitätsverweigerung zu ignorieren und die sich anbahnenden Probleme zu bagatellisieren. Das Resultat sind 15 Millionen von Menschen unterschiedlicher Herkunft, in verschiedenen kulturellen Milieus verwurzelt und mit sehr differenzierten Erwartungen an ihren Lebensvollzug in Deutschland. Alle diese Menschen werden nun in ein Sprachmonstrum gestopft: Menschen mit Migrationshintergrund! Damit entzieht man sie der genauen Benennung. Alle kommen in diesen riesigen Kessel und werden dort vermanscht, Flüchtlinge, Asylanten und Asylsuchende, ehemalige Gastarbeiter, Früh-, Spät- und andere Aussiedler, Mitbürgerinnen und Mitbürger ausländischer Herkunft, was immer das heißen mag, Kriegsflüchtlinge,Wirtschaftsflüchtlinge usw. (einige dieser Bezeichnungen haben die Sprachinquisitoren der politcal correctness mittlerweile getilgt). Jedermann faselt pauschal von Migrantinnen und Migranten bar jeder Kenntnis der vielfältigen Hintergründe, wohl in der Befürchtung man könnte jemanden bei präziser Benennung eventuell kränken. Wenn gelegentlich dann doch konkreter formuliert wird, werden lächerliche Sprachchimären angeboten wie Deutschtürke, Deutschafghane, Deutschlibanese oder Deutschrumäne. Es bleibt unklar, ob der Deutschtürke tatsächlich ein Türke oder ein Kurde, der Deutschafghane ein Paschtune, Hazara, Tadschike oder ein Angehöriger einer anderen der vielen Ethnien (Afghanen als ethnische Gruppe gibt es nicht, wohl aber als Hunderasse, und die kann ja wohl nicht gemeint sein. Es handelt sich vielmehr hierbei um einen Begriff der Staatsbürgerschaft), der Deutschlibanese ein Druse, Araber oder Aramäer ist. Was beispielsweise ist um Gottes Willen ein Deutschrumäne? Ist es ein ethnischer Rumäne, sei es aus Rumänien selbst, sei es aus der Voivodina oder aus der bulgarischen Dubrudscha, der die deutsche Staatsbürgerschaft erlangt hat? Oder ist es ein nach Deutschland ausgewanderter Siebenbürger Sachse? Oder ist es schließlich ein Siebenbürger Sachse, der nicht ausgewandert ist und weiter als rumänischer Staatsbürger in Rumänien lebt? Was ist ein Eskimo, der die deutsche Staatsbürgerschaft erworben hat, ein Deutschdäne? Ist ein Elsässer ein Deutschfranzose, gleichgültig ob er deutscher Staatsbürger ist oder nicht? Und was ist ein Deutschitaliener? Ist er ein Südtiroler aus dem Pustertal, oder ein sizilianischer Pizzabäcker in Bottrop, der deutscher Staatsbürger geworden ist? Was machen unsere Sprachakrobaten mit den Deutschschweizern? Verleihen sie Ihnen die deutsche Staatsbürgerschaft? Ethnische und staatsbürgerliche Begriffe werden schlampig und widersprüchlich flux und unreflektiert zusmmengefügt. Komplett irrsinnig wird diese Begrifflichkeit, wenn man berücksichtigt, daß der deutsche Staat ja erwartet, daß die Personen, von denen hier die Rede ist, bei Annahme der deutschen Staatsbürgerschaft ihre bisherige aufgeben, also die türkische, libanesische, afghanische, rumänische usw. Es fehlt jegliche stringente Begriffssystematik.

Wie dem auch sei! Sie alle, die in deutschen Landen Anker geworfen haben, gilt es jetzt in aller Hast zu integrieren, was immer das heißen mag! Ein allgemein akzeptiertes Konzept gibt es zwar immer noch nicht, aber es muß etwas geschehen. Eine eindeutige Auslegung des Begriffes Integration ist auch nicht zu erkennen, denn in aller Regel wird das Wort Integration als Synonym von Assimilierung verstanden, was es ja gerade nicht ist. So werden in diesem Sinne nicht selten die Polen im Ruhrgebiet als Beispiel einer bestens gelungenen Integration angepriesen, wobei es sich aber bei ihnen eindeutig um eine Assimilierung handelt. Wenn man eine Assimilierung will, dann soll man das Vorhaben auch so benennen. Wenn man sich jedoch mit allerlei Hilfen, wie es die Bundesregierung tut, für den Weiterbestand des deutschen Volkstums im Ausland und dessen ethnische, sprachliche und kulturelle Entfaltung einsetzt, sollte man eine differenziertere Betrachtungsweise erwarten. Ja, ich halte es sogar für dringend geboten, sich sehr schnell Gedanken zu machen, ob der türkische Ministerpräsident mit seiner Forderung, in Deutschland türkischsprachige Kultur- und Bildungseinrichtungen zu schaffen, die für ziemliche Entrüstung gesorgt hat, nicht doch ein legitimes Anliegen vorgetragen hat. Mit welchem Recht können wir den Türken in Deutschland das, was wir mit Entschiedenheit für das deutsche Volkstum im Ausland fordern, verwehren? Sind wir vielleicht auch vom Virus der Xenophobie befallen? Ich hoffe nicht! Freilich müssen dabei noch viele Fragen geklärt werden: Loyalitätsfragen, Fragen der Autochthonie und Beherrschung der Staatssprache, Transparenz der Gesellung, religiöse Fragen wie die Bedeutung der Scharia und andere. Die Bundesrepublik Deutschland wird mit Sicherheit früher oder später nicht um dieses Thema herumkommen. Also, je früher desto besser! Was spricht dagegen, solchen Gruppen, wenn alle Fragen geklärt sind, langfristig den ethnischen Minderheitenstatus mit allen Rechten und Pflichten, wie wir es für die deutschen Gemeinschaften im Ausland hartnäckig einfordern, zuzugestehen. Andere Länder, wie z. B. Rumänien, haben uns das vorgemacht. Aber auch in Deutschland funktioniert es ja bereits bei den Dänen in Nordschleswig und den Sorben hervorragend. Muttersprachliche und eigenkulturelle Gesellungen wird es auf jeden Fall geben. Das liegt in der Natur des Menschen. Warum soll das dann nicht auf legaler und dadurch auch auf transparenter Grundlage geschehen können. Das öffentliche Nachdenken in dieser Richtung und die Inaussichtstellung des Minderheitenstatus würde m. E. zudem nicht nur die Debatte entkrampfen, sondern auch ein treffliches Argument gegen das Entstehen oder den weiteren Ausbau undurchsichtiger und illoyaler Parallelgesellschaften darstellen. Schließlich würden dadurch die ethnischen Kriterien auch stärker zum Vorschein kommen und die vorausgegangenen Staatsbürgerschaften, die nicht selten Loyalitätsprobleme aufgeworfen haben, in den Hintergrund rücken, und so z. T. aggressiv nationalistischen Herkunftsstaaten eine unerwünschte Einflußnahme erschweren.

Auf jeden Fall aber muß zunächst sehr dringend mit dem geradezu lächerlichen sprachlichen Chaos aufgeräumt und insbesondere unmißverständlich definiert werden, was man letztendlich unter Integration verstanden wissen will. Assimilierung kann es nicht sein, denn diese kann wie im Fall der Polen im Ruhrgebiet nur auf freiwilliger Basis geschehen, d.h. Einzelne oder Gruppen müssen selbst entscheiden können, ob sie im deutschen Volk aufgehen wollen oder nicht. Eine abgenötigte oder gar erzwungene Assimilierung stellt einen Verstoß gegen die elementaren Menschenrechte dar.

Dr. Karl Scheerer

Die Bedeutung und Entwicklung der deutschen Sprache in Ostmitteleuropa

Vorbemerkung

In der EU gibt es über 100 Millionen Menschen mit deutscher Muttersprache, das sind ca. ein Viertel aller EU-Bürger. Hinzu kommen noch zwischen 10 und 20 Millionen Europäer, die das Deutsche gut bis sehr gut beherrschen. Deutsch ist also eine der wichtigsten europäischen Sprachen. Insbesondere im ostmitteleuropäischen Raum = OME (aus mir unerfindlichen Gründen hat sich in der jüngeren Literatur und in amtlichen Verlautbarungen der Begriff Mittelosteuropa = MOE eingeschlichen, der jeglicher Logik entbehrt). Wenn wir uns auf den traditionellen Europabegriff verständigen, nämlich die Landmasse vom Atlantik bis zum Ural, dann liegt der Mittelpunkt Europas in Litauen. Mitteleuropa wäre demnach Deutschland und der östlich davon liegende Staatengürtel von der Ostsee bis zum Schwarzen Meer. Die Bedeutung und Entwicklung der deutschen Sprache in diesem Raum, also dem ostmitteleuropäischen Raum, ist Gegenstand dieser Ausführungen.

Begriffsklärung

Wir können feststellen, daß gerade in diesem Raum die deutsche Sprache eine herausragende Rolle gespielt hat und auch heute noch spielt, wenn sie auch durch den weltweiten Siegeszug des Englischen nur noch an zweiter Stelle steht. Bevor wir uns den Ursachen und dem Verlauf dieses Phänomens zuwenden, müssen wir uns darüber verständigen, was wir unter Deutsch verstehen wollen. Wir unterscheiden drei Kategorien: zum einen Hochsprache, Literatursprache, Nationalsprache, Schriftsprache, Kultursprache, Einheitssprache, Verkehrssprache, Umgangssprache, dann Dialekt, Mundart, Verkehrsmundart, Halbmundart und schließlich Volkssprache, Gemeinsprache und Sondersprache. Die Problematik dieser Terminologie ist wissenschaftlich noch keineswegs geklärt. An wenigen Beispielen möchte ich die Problematik andeuten: Was ist das Siebenbürgisch-Sächsische? Ein Dialekt, eine Mundart, eine Volkssprache oder eine Sondersprache? In der Literatur herrscht keine Klarheit. Oder das Jiddische, das bis zum Holocaust von vielen Millionen Menschen gesprochen wurde? Ich neige dazu, sie für Sondersprachen zu halten. Beide sind keine traditionellen Schriftsprachen, spielten jedoch in ihrem Geltungsbereich eine große Rolle als Verkehrssprache. Die vielen deutschen Sprachinseln im europäischen Osten, die zu unterschiedlichen Zeiten entstanden sind und häufig keine Verbindung zueinander pflegten, haben unterschiedliche Idiome entwickelt, die auf ihre geographische Umgebung als Kommunikationsinstrument jeweils entscheidend einwirkten und nicht selten die Nachbarsprachen beeinflußten. Denken Sie hierbei an die vielen deutschen Lehnwörter vor allem im handwerklichen Bereich.
Sicher haben die deutschen Sprachinseln eine große Rolle für die Verbreitung und Verwendung der deutschen Sprache gespielt, es gab aber auch andere Ursachen, denen wir in groben Zügen nachgehen wollen. Dabei wollen wir uns aber auf die Hoch- bzw. Schriftsprache beschränken, nachdem die Mundarten infolge der gewaltigen Bevölkerungsverschiebungen im 20. Jh. ihre Bedeutung nahezu vollständig eingebüßt haben.

Mittelalterliche deutsche Ostsiedlung

Ausgangspunkt für die Bedeutung des Deutschen im Osten Europas war zweifellos die große deutsche Ostsiedlung, die die gesamte Region in ethnischer aber insbesondere in kultureller Hinsicht umformte. Auch die Siebenbürger Sachsen und die Zipser in der Slowakei gehören in diesen Zusammenhang. Entgegen einiger Polemiken in jüngerer Zeit handelte es sich bei dieser frühen Ostsiedlung nicht um eine von Deutschland her betriebenen imperialistische Kolonisierung, sondern genau umgekehrt um ein großes Anliegen der Landesherren in den jeweiligen Aufnahmeländern.

Nachdem der ostmitteleuropäische Raum endgültig christianisiert war und sich Landesherrschaften herausgebildet hatten, war ein deutliches kulturelles und wirtschaftliches Gefälle erkennbar, das die Landesherrn durch Anwerbung mittel- und westeuropäischer Bauern, Handwerker, Bergleute und Kaufleute auszugleichen suchten. Im großen Stil wurde den Siedlern Gemarkungen zur Verfügung gestellt und großzügige Privilegien verliehen. Der Adreanische Freibrief der Siebenbürger Sachsen ist ein Beispiel dafür. Es kamen nicht nur Deutsche,sondern auch Flamen, Wallonen und Franzosen, wobei sich aber das deutsche Element recht früh durchsetzte. Die Siedler behielten ihre mitgebrachten Lebensformen bis in die Neuzeit bei und prägten dadurch auch ihre Umwelt. Es ist hier nicht der Ort, die vielen Verästelungen der deutschen Ostsiedlung zu erörtern, wichtig ist hier nur, daß sie den Grundstein für die Verbreitung der deutschen Sprache legte.

Städtegründungen in Ostmittel- und Südosteuropa

Vielleicht noch bedeutsamer für den Aufstieg des deutschen Kultureinflusses und die Verbreitung der deutschen Sprache waren die umfangreichen Städtegründungen bis nach Rußland hinein. In Deutschland war der Städtebildungsprozess bereits weit fortgeschritten, wohingegen dem Osten Europas dieser Prozeß noch bevorstand. Die sich allmählich formierenden Gesellschaften Ostmittel- und Südosteuropas waren rein agrarischer Natur und hatten durch die bäuerliche deutsche Ostsiedlung bereits einen gewissen Fortschritt erzielt. Die Landesherren waren jedoch in ihren Wirkungsmöglichkeiten durch die landbesitzende Adelsschicht erheblich eingeschränkt. Insbesondere wegen der Abgabenfreiheit des Adels fehlte es den Landesherren an Einnahmen. Um sich nun eine stabile Einnahmequelle zu schaffen und um die landesspezifischen Produkte vermarkten zu können, waren sie an Städtegründungen nach deutschen Vorbildern höchst interessiert. In raschem Tempo entstanden nun Städte, die den gesamten ostmitteleuropäischen Raum wie ein Netz überzogen. In Böhmen, das ohnehin zum Deutschen Reich gehörte setzte dieser Städtegründungsprozeß am ehesten ein, pflanzte sich fort in den polnischen Hezogtümern und weit darüberhinaus. Im Königreich Ungarn waren die Siebenbürger Sachsen die Motoren der Städtegründungen. In kurzer Zeit entstanden wichtige städtische Zentren wie Hermannstadt, Kronstadt, Bistritz, Klausenburg u.a. Die Sachsen überschritten auch den Karpatenbogen und gründeten beispielsweise Curtea de Arges, Langental, Piatra Neamt, Cotnar bei Jasi und andere städtische Zentren in den rumänischen Fürstentümern. Im Baltikum waren durch die Siedlungstätigkeit des Deutschen Ordens rein deutsche Landstriche entstanden. Aber auch außerhalb des Ordensgebiets entstanden deutsche Städte und es etablierte sich eine wohlhabende und starke deutsche Ritterschaft. Eine Sonderform der Expansion deutschen Städtewesens waren die rege Handelstätigkeit der Deutschen Hanse. Sie unterhielt ihre Kontore sogar in der russischen Stadt Novgorod, dem äußersten Vorposten des Städtebundes. Die Ostsee galt über zwei Jahrhunderte als deutsches Meer. Deutsch entfaltete sich ganz zwangsläufig als lingua franka nicht nur an der Küste, sondern auch im Binnenland, wo in raschem Tempo Städte nach deutschem Vorbild und mit deutscher Bürgerschaft entstanden. Alle Städte etablierten das deutsche Stadtrecht, wobei das lübische und das Magdeburger Recht dominierten, aber auch das Wiener und Nürnberger Recht übten großen Einfluß aus und diese rechtsgebenden Städte wurden auch zu den Vororten, d.h. Gerichtshöfen bei eventuellen Rechtsstreitigkeiten.

Städte und Deutschtum in Ostmitteleuropa

Die überwiegend deutsche Bürgerschaft konnte sich auf den wirkungsvollen Schutz der Landesherren insbesondere gegen den agrarischen und steuerbefreiten Adel stützen und entfaltete sich rasch. Das Handwerk, der Bergbau und der Handel blühten in kürzester Zeit und brachten nicht nur der Bürgerschaft, sondern auch den Landesherren enorme Einnahmen. Bis in die beginnende Neuzeit, teilweise sogar bis ins ausgehende 18. Jh., konnten die Städte, aber auch die deutschen bäuerlichen Siedlungen ihren deutschen Charakter bewahren. In der jüngeren Literatur ist dieser Umstand teilweise als pangermanischer Imperialismus interpretiert worden, was jedoch den wahren Sachverhalt verkennt. Dieses Phänomen hing nämlich weniger mit ethnisch-nationalistischem Denken zusammen, das späteren Jahrhunderten vorbehalten war, sondern mit der allenthalben vorherrschenden Ständestruktur. Die Gesellschaften Ostmittel-und Südosteuropa waren zu dem damaligen Zeitpunkt noch rein agrarische Feudalgesellschaften, in denen die Landesherren ihre finanzielle Unabhängigkeit mit Hilfe der Städte und den freien bäuerlichen Siedlungen zu sichern bestrebt waren. Beide, die Städte und die freien deutschen Siedlungen, stellten auf landesherrliches Betreiben hin ein Gegengewicht gegen den steuerbefreiten Feudaladel dar und entwickelten sich rasch als kraftvolle Stände im Staatsgebilde. Der deutschsprachige Charakter dieser neuen Stände war rein siedlungsgeschichtlich und rechtshistorisch und nur scheinbar ethnisch-national bedingt. Bekanntermaßen war der Wechsel von einem zum anderen Stand nur dann möglich, wenn man sich den Rechtsgepflogenheiten des jeweiligen Standes unterwarf. Ein Adliger beispielsweise konnte die Bürgerschaft in einer Stadt nur dann erwerben, wenn er auf die adligen Privilegien verzichtete und sich in das städtische Milieu integrierte. Da das städtische Milieu deutsch war, blieb es nicht aus, daß in solchen Fällen das Deutschtum angenommen wurde. Aber auch umgekehrt, wenn ein städtischer Bürger zum Landbesitzer wurde, ging er in dem anderen Ethnikum auf. Das galt auch für die freien bäuerlichen Siedlungen. Wenn ein höriger Bauer, der in der Regel einem nichtdeutschen Ethnikum angehörte, es schaffte sich freizukaufen und sich in einer freien bäuerlichen Siedlung niederließ, ging er im Deutschtum auf, wie auch umgekehrt, freie Bauern, die in die Hörigkeit absanken, nach kurzer Zeit ihr Deutschtum verloren. Die letzteren Fälle waren häufiger als die ersteren. In Siebenbürgen konstatieren wir hinsichtlich der deutschen Siedler auf Komintatsboden einen Sonderfall.

Universitäten und Buchdruck

Ein neuer Aufschwung des deutschen Sprach- und Kultureinflusses erfolgte mit den Universitätsgründungen in rascher Folge. In Prag entstand 1348 die erste deutsche Universität, Prag wurde durch die Luxemburger und Habsburger Kaiser auch zum politischen Zentrum des Deutschen Reiches. 1364 folgte die Universität Krakau, beide waren deutsch geprägt und spielten später mit dem Aufkommen des Humanismus eine entscheidende Rolle. Zwar war die Wissenschaftssprache immer noch Lateinisch, aber das Deutsche begann sich spätestens mit dem Buchdruck, der von Mainz aus seinen Siegeszug nahm, noch mehr zu etablieren und es erschienen massenhaft auch Schriften in deutscher Sprache. Deutsche Papiermühlen und Druckereien überschwemmten ganz Ostmittel- und Südosteuropa. Die Nationalsprachen schienen auf das Niveau von Volkssprachen oder Gemeinsprachen herabzusinken. Die vielen deutschen Universitätsgründungen in rascher Folge brachten es mit sich, daß nicht mehr Paris und die italienischen Universitäten zentrale Studienorte für die gebildete Schicht Ostmitteleuropas war, sondern die deutschen Länder.

Reformation und Entdeckung neuer Verkehrswege

Das 16. Jahrhundert brachte in vielerlei Hinsicht einen dramatischen Wandel mit sich. Die Erschließung neuer Handelswege und das Aufkommen einer modernen Geldwirtschaft mit weltweit gespannten Handelsströmen ließen die ostmitteleuropäischen Städte ins Hintertreffen geraten. Sie verloren nach und nach ihre einstmals bedeutende Wirtschaftskraft. Auch der einstmals stark deutsch geprägte Charakter dieser Städte wandelte sich hin zu mehrsprachigen Gebilden, nachdem sich ein zunehmend autochthones städtisches Bürgertum etablierte. Die siebenbürgisch.sächsischen Städtebildeten auch hier noch eine Ausnahme. Die Reformation, die anfänglich in Ostmitteleuropa auf große Resonanz stieß, brachte ebenso große Veränderungen mit sich. Zwar schien die deutsche Sprache durch die reformatorischen Schriften einen neuen Aufschwung zu erfahren, aber der nicht zuletzt durch die Reformatoren selbst angeregte Druck geistlicher Schriften in den Nationalsprachen ließ diese wieder erstarken und ein intellektuelles Profil gewinnen. Die deutsche Sprache verlor nach und nach ihre überragende Bedeutung, obgleich sie immer noch für längere Zeit dominant blieb. Erste Ansätze eines „Sprachenkampfes“, vor allem in Polen und den ungarischen Ländern, der vor allem das 19.Jahrhundert prägte, wurden allerdings jetzt schon bemerkbar.

Wiederbelebung der deutschen Sprache im Zeitalter der Aufklärung

In der Folgezeit verschob sich die Kulturlandschaft erneut zugunsten der deutschen Sprache durch den Umstand, daß Deutschland zum fast alleinigen Vermittler der europäischen politischen und kulturellen Strömungen, also des Absolutismus, des Rationalismus und der Aufklärung, des Barock auf dem Gebiet der Architektur und der Kunst, sowie des Merkantilismus auf dem Gebiet des Wirtschaftens wurde. Nicht nur Peter der Große sondern fast alle Landesherren holten massenhaft Deutsche an ihre Höfe mit dem Ziel, ihre Länder zu modernisieren. Auch eine gewaltige neue Welle der deutschen Ostsiedlung wurde vor allem im 18. Jahrhundert in Gang gesetzt, die dem Deutschtum und damit der deutschen Sprache neuen Auftrieb gab. Nachdem sich die deutsche Literatur der französischen Dominanz entledigt hatte und in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts ihren Höhenflug antrat, wurde sie für lange Zeit zum entscheidenden Impulsgeber und zum Vorbild der in diesen Ländern entstehenden Nationalliteraturen. Man denke nicht zuletzt an die große Rolle, die die deutsche Literatur, aber auch die deutsche Philosophie für Mihai Eminescu später gespielt hat.

Deutsch als Verwaltungssprache in der Habsburger Monarchie

In der durch die Zurückdrängung des Osmanischen Reiches und die polnischen Teilungen gewaltig angewachsenen Habsburger Monarchie, die einen Großteil Ostmittel- und Südosteuropas umfaßte, wurde 1784 schließlich das Deutsche sogar als ausschließliche Verwaltungssprache verordnet, sodaß die Beherrschung der deutschen Sprache geradezu lebenswichtig wurde. Dies stieß allerdings im ungarischen Reichsteil, aber auch in den polnischen Gebieten auf großen Widerspruch. Gerade bei diesen beiden Völkern hatte sich anders als bei den anderen Völkern schon recht früh ein ausgeprägtes National- und Sprachbewußtsein entwickelt und die Gegenreaktion ließ nicht lange auf sich warten.

Nationalismus im 19. Jahrhundert

Der durch die Ideen der französischen Revolution populär gewordene Begriff der modernen Nation ergriff auch die Völker Ostmittel- und Südosteuropas mit einer Wucht, die die Leidenschaften hochpeitschte und in ihrer Schärfe zu bisher unbekannten ethnischen Spannungen führte. Vor allem bei den Ungarn, aber auch bei anderen Völkern der Habsburger Monarchie erfolgte eine leidenschaftliche Besinnung auf das eigene Ethnikum und die eigene Sprache mit dem Endziel einer nationalstaatlichen politischen Ordnung, die alle multiethnischen Herrschaftsgebilde rigoros in Frage stellte. In Polen, das von der politischen Landkarte getilgt worden war, war schon längst ein nationales Zusammengehörigkeitsgefühl und ein polnischer Patriotismus entstanden. In einem solchen Klima war die bisherige Dominanz des Deutschen selbstverständlich ein Ärgernis und wurde jäh in Frage gestellt. Die Ironie der Geschichte wollte es, daß ein anderer starker Impuls für die Besinnung auf das eigene Ethnikum und das Verwerfen der deutschen Sprache ausgerechnet vom Wirken der deutschen Romanitik ausging. Johann Gottfried Herder, der große deutsche Theoretiker und Volkskunler hat diesen Prozeß maßgeblich in Bewegung gesetzt. Die Sprachen dieser Völker waren durch die Reformation zu Schriftsprachen geworden, im Zeitalter der Aufklärung aber wieder auf den Stand von Haus- und Umgangssprachen zurückgefallen. Sie schienen keine Zukunft zu haben. Das Tschechische beispielsweise war geradezu am Erlöschen. Seine Ideen waren beseelt von der gottgewollten Originalität der Völker, die sich in Sprache und Dichtung, Volkskunst und Brauchtum offenbarte. In seinen „Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit“ schuf er unter anderem das überaus wirksame Bild von einem heiter-friedlichen, demokratischen Volk der Slawen, das von den Deutschen brutal unterdrückt worden sei, aber nun ein neues Zeitalter des Friedens und der Humanität heraufzuführen bestimmt sei. Deutsche Forscher und Gelehrte nahmen sich hiervon inspiriert diesen Völkern und Sprachen an und legten die Grundlage für die Wiederbelebung dieser Sprachen. Den Deutschen folgten bald Literaten und Wissenschaftler dieser Völker selbst, die allesamt durch die Schule der deutschen Romantik gegangen waren. Sie erforschten ihre Grammatik, bereicherten ihren Wortschatz, indem sie ihre Sprachen von Germanismen reinigten und sie dadurch literaturfähig machten. In erstaunlicher kurzer Zeit gelang es allenthalben Literatursprachen mit beeindruckender Tiefenwirkung aus dem Boden zu stampfen. Es war nur eine Frage der Zeit, bis das dadurch stark geförderte Selbstwertgefühl der Völker in politische Forderungen nach staatlicher Selbstbestimmung umschlug, ein Vorgang, der später sogar zur völkerrechlichen Norm des „Selbstbestimmungsrechts der Völker“ wurde. Sehr schnell stellte sich in der Propaganda auch die passende Parole ein, nämlich die „Wiedergeburt“, ein Begriff, der bis heute als Schlagwort verwendet wird. Die Folge war ein Sprachenkampf, der dann in verschiedenen Facetten die folgende Zeit bestimmen sollte. Der Erste Weltkrieg, der die überkommene politische Landkarte zerfetzte, hatte seine Ursachen nicht zuletzt in dieser kulturell-politischen Gärung und verhalf dem Nationalstaatsprinzip zum Durchbruch, ein Prinzip, das angesichts der europäischen Integration anscheinend seinen Zenit schon wieder überschritten hat. Der bisherige dominierende Rang der deutschen Sprache schien damit endgültig verloren zu gehen.

Deutsch als Wissenschaftssprache

In geradezu dialektischer Weise erreichte die deutsche Sprache aber gerade in dieser Phase erneut eine große Bedeutung, jetzt nicht mehr so sehr als Verkehrssprache, sondern als Wissenschafts- und Kultursprache. Nicht zuletzt durch die Humboldtschen Bildungsreformen erfuhr die deutsche Wissenschaft in allen Disziplinen einen ungeheuren Aufschwung. Die deutschsprachige Philosophie, Literatur- und Geschichtforschung, die Musik, die Naturwissenschaften und die Technik, gelangten zu ihrem Höhepunkt und erreichten die Weltspitze. Bis in die unselige Zeit des Nationalsozialismus war die führende Wissenschaftssprache das Deutsche. So blieb es nicht aus, daß die Eliten aller ostmitteleuropäischen Länder ihre wissenschaftliche Ausbildung überwiegend in Deutschland genossen, wodurch die Beherrschung der deutschen Sprache in den Bildungsschichten zur Selbstverständlichkeit wurde. Auch die rumänischen Eliten genossen ihre akademische Ausbildung außer in Frankreich zum großen Teil in Deutschland. Diesen hohen Rang hat, wie wir alle wissen, das Deutsche mittlerweile eingebüßt. Das Englische ist zur weltweiten lingua franca, auch als Wissenschaftssprache, geworden.

Die Rumänen und die deutsche Sprache

Die deutsche Sprache hat in Rumänien aufgrund seiner historisch-territorialen Geschichte eine unterschiedliche Verbreitung gefunden. In Siebenbürgen und später im Banat hat sie selbstverständlich eine große Rolle gespielt. Das außerordentlich hoch entwickelte deutsche Schulwesen war auch ein Magnet für die Eliten der anderen Völker, nicht zuletzt der Rumänen. Viele rumänische Gelehrte, Geistliche und Politiker haben das sächsische Schulwesen durchlaufen und waren mit der deutschen Kultur vertraut. Von Siebenbürgen ging dann auch die sogenannte Wiedergeburt der Rumänen aus und strahlte von hier aus ins Altreich hinein. Der griechisch-katholische Bischof I. Micu-Klein hätte ohne die perfekte Kenntnis der deutschen Sprache seinen beachtlichen Kampf für die Rechte der Rumänen nicht führen können. Auch die Verfasser des Supplex Libellus Valachorum hatten einen deutschen Bildungshintergrund. Als sich die vereinigten rumänischen Fürstentümer für den Fürsten Karl von Hohenzollern-Sigmaringen entschieden, erlebte die deutsche Sprache auch im Altreich einen Aufschwung. Während die politisch-kulturellen Eliten der Walachei eher der französischen Sprache und der französischen Kultur zuneigten, formierte sich in der Moldau, vor allem in Jassy, eine germanophile Gruppierung, die in der Folgezeit sowohl kulturell wie auch politisch eine außerordentlich große Rolle spielen sollte, die „Junimea“. Gründer dieser Bewegung war Petre Carp, der sein Studium in Bonn absolviert hatte und in Jassy sogar in Nachahmung deutscher studentischer Vereinigungen eine Art Verbindung ins Leben rief. Zu ihr gesellten sich hochbegabte junge Intellektuelle wie der Kronstädter Titu Maiorescu, Barbu Delavrancea und später auch Mihai Eminescu und viele andere Literaten, Gelehrte und Politiker. Eminescu hatte das deutsche Lyzeum in Czernowitz besucht und später in Wien und Berlin studiert. Eine Zeit lang war er herausgeber des Organs der Junimea „Timpul“. Von dieser Vereinigung, die später auch politisch sehr aktiv war, gingen wichtige Impulse für das rumänische Kulturleben aus. Während in Bukarest nach wie vor die französische Sprache favorisiert wurde, dominierte in Jassy das Deutsche. Bis heute ist Jassy eine Hochburg der Germanistik. Ein Großteil der studentischen Jugend war fasziniert von der deutschen Wissenschaft und studierte mindestens teilweise in Deutschland. Als Beispiel für viele andere sei stellvertretend der Historiker Nicolae Iorga genannt.

Die Bukowina und die deutsche Sprache

Einen zusätzlichen Bedeutungsschub erfuhr die deutsche Sprache in Rumänien, als nach dem Ersten Weltkrieg die Bukowina angegliedert wurde. In diesem bisherigen österreichischen Kronland war eine einzigartige Kulturlandschaft entstanden, die beachtliche deutschsprachige Kulturleistungen vor allem auf dem Gebiet der Literatur hervorbrachte. Das besondere daran war, das die Träger der deutschsprachigen Kultur vor allem Juden waren. Rose Ausländer, Paul Celan und viele andere sind Beispiele dafür. Diese Region hat für die Verbreitung der deutschen Sprache und die deutschsprachige Kultur eminent viel geleistet. Der nationalsozialistische Rassenwahn hat tragischerweise auch dieser Kulturlandschaft brutal ein Ende gesetzt.

Schlußbemerkung

Abschließend ist festzuhalten, daß die deutsche Sprache in Ostmittel- und Südosteuropa immer noch eine große Rolle spielt, auch wenn sie den ersten Rang zugunsten des Englischen eingebüßt hat. Dies gilt besonders für Rumänien, das als einziges Land des sowjetischen Machtbereichs die Deutschen nicht vertrieben und auch das deutsche Schulwesen im wesentlichen intakt belassen hat.
Speziell in Siebenbürgen erfreut sich die deutsche Sprache immer noch einer außergewöhnlichen Beliebtheit. 95% der Schüler an unseren deutschsprachigen Schulen sind mittlerweile ethnische Rumänen, was für ihre sehr hohe Akzeptanz spricht. Bliebe noch zu fragen, ob die Ursache dafür vor allem an der deutschsprachigen Tradition der Region und der Sympathie für deutsche Sprache und Kultur liegen, oder ob mittlerweile vielmehr andere Interessen, wie bessere Karrierechancen eine Erklärung sind. Wie dem auch sei! Wir freuen uns über die große Beliebtheit der deutschen Sprache, aus welchen Gründen auch immer, und betrachten sie als Ansporn für unsere Tätigkeit.

Die Entstehung der siebenbürgisch-sächsischen Kirchenburgen-Historischer Kontext

Einleitung

Siebenbürgen ist weltweit bekannt durch den sehr fragwürdigen, ja unwürdigen Draculakult, der in seiner Primitivität und Geschichtsvergessenheit seinesgleichen sucht. Auch Schässburg kann ein Lied davon singen.

Siebenbürgen ist aber auch weltweit bekannt durch seine Burgenlandschaft, deren Herzstück die siebenbürgisch-sächsischen Kirchenburgen sind. Nirgends auf der Welt gibt es eine solche Dichte und Vielfalt von Wehrkirchen und Kirchenburgen wie im relativ engen Raum des Siedlungsgebietes der Siebenbürger Sachsen. Sie sind steinerne Zeugen einer höchst bewegten und gefahrvollen Zeit und haben ihren Erbauern größte Anstrengungen abverlangt, dies umso mehr, als sie nicht von der Obrigkeit ins Werk gesetzt wurden, sondern auf eigene Kosten und in Eigenregie der Bevölkerung. Welche Umstände haben nun zu ihrer Entstehung und ihrem stetigen Ausbau geführt? Im Folgenden wird der historische Kontext in Erinnerung gerufen, in dem nicht nur die Burgenlandschaft entstanden ist, sondern in dem auch die Menschen in Siebenbürgen ihre spezifische Prägung erfahren haben, eine Prägung, die bis heute noch in Sitten und volkscharakterlichen Eigenschaften zu erkennen sind. Dabei stütze ich mich neben der traditionellen siebenbürgisch-sächsischen Historiographie auf einschlägige neuere Veröffentlichungen von Hermann Fabini, Harald Roth, Konrad Gündisch und Thomas Nägler.

Ungarische Landnahme in Siebenbürgen

Für unseren Zusammenhang wesentlich ist die grundlegende Veränderung der Machtverhältnisse im Donau-Karpatenraum an der Wende des 9. zum 10. Jahrhundert. Beginnend mit dem Jahr 895 nahmen die finno-ugrischen Magyaren (Ungarn), aus dem nördlichen Schwarzmeergebiet über die Waldkarpaten eindringend, die pannonische Tiefebene in ihren Besitz. Zur Sicherung der neuen Heimat und zur Abschreckung der Nachbarn unternahmen sie bald Streifzüge nach Westen, die in Raub- und Beutezüge ausarteten und das spätkarolingische Westeuropa ein halbes Jahrhundert lang in Angst und Schrecken versetzten. Bereits 898 drangen die Magyaren in Oberitalien ein, 907 schlugen sie die Bayern unter Markgraf Luitpold vernichtend. Sengend und plündernd gelangten sie in der Folgezeit bis nach Otranto im Süden, nach Spanien im Südwesten und nach Bremen im Nordwesten.

Erst König Otto I. ist es auf dem Lechfeld bei Augsburg (955) gelungen, die Magyaren vernichtend zu schlagen. Sein Sieg, der ihm den Beinamen „der Große“ eingetragen hat, setzte den ungarischen Einfällen ein Ende. Die Zeitgenossen, auch die unterlegenen Magyaren, werteten das Ereignis als einen Sieg der Christenheit. Die Schlacht trug dazu bei, dass sich die Magyaren unter ihrem Großfürsten Geysa (972-997) aus dem Geschlecht der Arpaden dem Christentum zuwandten und sich staatlich zu organisieren begannen. Statt der Konfrontation suchten sie nun die Kooperation mit dem Abendland, dessen Religion sie übernahmen und deren staatliche Organisationsformen sie als Vorbild betrachteten.
Zwischen dem Deutschen und dem Byzantinischen Reich, den beiden Imperien, die jeweils für sich die Nachfolge des Römischen Reiches beanspruchten, entwickelte sich Ungarn zu einem wichtigen Faktor der ostmittel- und südosteuropäischen Politik. Seine Expansionsbestrebungen galten im Südwesten dem Zugang zum Adriatischen Meer, im Osten dem Erwerb Siebenbürgens, wegen seiner Bodenschätze, besonders wegen des für die Viehzucht dringend benötigten Salzes und wegen seiner Funktion als natürliches Bollwerk gegen Angriffe aus dem Osten und Südosten des Kontinents.

Das Vorrücken der Magyaren in Siebenbürgen im 10.-12. Jahrhundert wirkte sich nachhaltig auf die geschichtliche Entwicklung des Landes aus, das sie, von Pannonien aus gesehen, als „Land jenseits der Wälder“ bezeichneten. Die Landnahme Siebenbürgens erfolgte in mehreren Etappen, die von der innenpolitischen Situation in Ungarn, vom Widerstand der kleineren siebenbürgischen Herrschaftsbildungen, von den Beziehungen zum Byzantinischen Reich und zum Walachisch-Bulgarischen Zarat bestimmt wurden.

Dem Schutz der im Nordwesten Siebenbürgens angelegten Salzminen, neben denen bald Orte mit Hospites-Beteiligung entstanden, dienten jeweils zugeordnete Burgen, die sich ihrerseits in die planmäßige Struktur der Eroberung und des Landesausbaus einfügten: Östlich der Gebirge entstand bis zu den Südkarpaten hin eine Kette von Burgen, die als Ausgangspunkte für den Ausbau von Komitaten dienten und diesen oft den Namen gaben; so erklärt sich deren häufig anzutreffende längliche West-Ost-Ausdehnung. Dem Schutz des in Besitz genommenen Gebiets diente ein Verhausystem: dichten Wäldern vorgelagerte breite Ödlandstreifen, die ein Abfangen des Feindes möglich machen sollten. Nach der nächsten Verlegung der Verhaue wurde der Ödlandstreifen aufgesiedelt. Dieser Vorgang erfolgte in mehreren Etappen, 1150 wurde die Altlinie und um 1200 wurden die Karpaten erreicht. Der Grenzschutz richtete sich neben Byzanz vor allem gegen die Petschenegen und Kumanen, die gelegentlich, nachdem es sich in beiden Fällen um turkstämmige Ethnien handelte, in der Überlieferung verwechselt wurden.

Zu den wichtigsten Grenzwächtern Ungarns gehören die Szekler. Sie sind wohl ursprünglich ein Türk-Stamm, der sich früh den Magyaren anschloss. Szeklerorte sind sowohl an der West- als auch an der Ostgrenze Ungarns nachweisbar, in Siebenbürgen jeweils entlang der Verhausäume, die im Zuge der etappenweisen Eroberung mehrmals verlegt worden sind, bis die Szekler um die Mitte des 12. Jahrhunderts ihr heutiges Siedlungsgebiet in den Senken am Fuße der Ostkarpaten erreichten. So wurden sie beispielsweise aus der „terra Syculorum terrae Sebus“ bei Mühlbach in den späteren Szeklerstuhl Sepsi an den Ostkarpaten umgesiedelt.

Nach jedem Vorschieben der Grenze blieb das Ödland der alten Verhausäume frei und fiel an den König. Die Besiedlung dieses deshalb so genannten Königsbodens war aus strategischen und wirtschaftlichen Gründen wichtig. Notwendig erschien es, hier, im Vorfeld der neu errichteten Verhausäume, eine kriegstüchtige Bevölkerung anzusiedeln, die zugleich im Stande sein sollte, das Land durch Rodung urbar zu machen, Ackerbau, Handwerk und Handel zu treiben, möglichst auch den wachsenden Bedarf an Salz und Edelmetallen durch Erschließung der Bodenschätze zu decken.

Wie Thomas Nägler überzeugend nachgewiesen hat, waren diese zur Besiedlung freigemachten Flächen durchaus nicht ein „leeres, wüstes, herrenloses Gebiet“, wie die überlieferten Begriffe „terra deserta“ und terra vacua et inhabitata“ glauben machen könnten, sondern ein „verlassener Boden“ mit Bezug auf die Szekler, wobei nach neueren Forschungen auch von in unterschiedlicher Streuung vorhandenen rumänischen Siedlungen ausgegangen werden muss. Es muss auch davon ausgegangen werden,dass nicht alle Szekler ihre Wohngebiete verlassen haben, wie es auch Reste petschenegischer Siedlungsgruppen oder -grüppchen gegeben haben dürfte. Völlig menschenleer war also der den Neusiedlern zur Verfügung gestellte Boden nicht.

Ansiedlung der Siebenbürger Sachsen

Der riesigen Aufgabe der Verteidigung und wirtschaftlichen Erschließung der erworbenen Territorien waren die Magyaren allein wegen ihrer geringen Bevölkerungszahl nicht gewachsen, auch die als Grenz- und Hilfsvölker integrierbaren Bevölkerungsgruppen (oftmals waren es Flüchtlinge aus der südrussischen Steppe) wurden rar, und der Mangel an qualifizierten Fachkräften machte sich bald besonders im Bergbau bemerkbar. Die Magyaren erkannten – wie bereits der Staatsgründer Stephan der Heilige seinen Sohn Emmerich in einem „Libellus de institutione morum“, einer Art Fürstenspiegel, ermahnte -, dass einwandernde „Gäste verschiedene Sprachen und Sitten, verschiedene Lehren und Waffen mit sich bringen, die alle Reiche und den königlichen Hof schmücken und erhöhen, […] denn schwach und vergänglich ist ein Reich, in dem nur eine Sprache gesprochen wird und einerlei Recht gilt“. Dementsprechend kamen seit der Regierungszeit Stephans immer wieder deutsche Berater und kleinere mit Privilegien ausgestattete Siedlergruppen ins Land.

Ab Mitte des 12. Jh. wurde in rascher Folge die Hermannstädter Provinz, das Harbachtal, das Repser Land, der Unterwald und kurz danach Schäßburg besiedelt. 1224 erwähnt der Goldene Freibrief das Gebiet von Broos bis Draas, die sogenannten Sieben Stühle oder der Königsboden. Es folgten die Zwei Stühle Mediasch und Schelk. Gleichzeitig fand im Nösner Land und im Reener Ländchen eine rege Siedlungstätigkeit statt. Die Siedler ließen sich auch außerhalb des Königsbodens, also auf Adelsboden, nieder, wobei die ihnen dort zunächst gewährten Privilegien im Verlauf der Zeit immer mehr streitig gemacht wurden, sodass sie schließlich in den Hörigenstand herabsanken.

Der Deutsche Orden im Burzenland

Zu dieser Zeit berief König Andreas II. auch den Deutschen Orden ins Burzenland. Dieses im Karpatenbogen gelegene Gebiet, in das mehrere Pässe aus dem Osten und Süden führten, war besonders gefährdet und strategisch wichtig. Die Ritter gründeten mehrere Ortschaften und bauten eine erste Marienburg am Alt als Ordenssitz. In die Gründungen riefen sie deutsche Siedler, vornehmlich aus der Hermannstädter Provinz. Jüngste, noch nicht abgeschlossene Ausgrabungen deuten aber auch auf eine frühere Anwesenheit abendländischer Kolonisten in diesem Gebiet.

Der Aufenthalt des Deutschordens in Siebenbürgen blieb eine Episode:
vierzehn Jahre später, 1225, wurde er des Landes verwiesen. Der Orden beabsichtigte anscheinend von Anfang an, eine über das Burzenland hinausgreifende Eigenstaatlichkeit zu entwickeln und Steinburgen zu bauen, wie er es später in Preußen dann auch tatsächlich tat. Der König war nicht bereit derlei Eigenmächtigkeiten zu dulden.

Herkunft der Siebenbürger Sachsen

Die Auswanderung der Siedler erfolgte, darin sind sich die Wissenschaftler heute einig, weder aus einem eng begrenzten Raum, noch in einer erheblich großen Zahl. Sprachwissenschaftliche Studien lassen den Schluss zu, dass die ersten Siedlergruppen aus der Rhein-Moselgegend, aus Flandern und aus Nordfrankreich nach Siebenbürgen gekommen sind. Im weiteren Verlauf der Besiedlung sind auch aus anderen Teilen Deutschlands Auswanderer gekommen. Nach Th. Nägler kam der größere Teil der Siedler im 12. Jh. aus linksrheinischen Gebieten, während sich im 13. Jh. die Auswanderung von Franken nach Mittel- und Süddeutschland verlagerte. Die Siedler werden in den Urkunden zunächst als Teutonici, Flandreses und Latini bezeichnet. Erstmals erscheinen sie in der königlichen Kanzlei 1206 als Saxones, also Sachsen. Als Sachsen werden allerdings überall im mittelalterlichen Ungarn die Inhaber von Privilegien bezeichnet, die zunächst von sächsischen Bergleuten ausgehandelt worden sind, die man als seltene Fachleute für den Abbau der Bodenschätze dringend benötigte, in der Zips oder in Siebenbürgen ebenso wie in Bosnien und Serbien. Die Bergrechte, die man ihnen zusicherte, um sie ins Land zu locken und zum Bleiben zu veranlassen, enthalten den ganzen Katalog von Vorrechten, den mittelalterliche Kolonisten in Ungarn beanspruchen konnten: persönliche Freiheit, vererbbaren Besitz, eigene Verwaltung und Gerichtsbarkeit, kirchliche Autonomie durch freie Pfarrerwahl, geregelte, damit kalkulierbare Abgaben und sonstige Pflichten. „Sachse“ war somit synonym mit einem Rechtsstatus und nicht, wenn überhaupt, ein Herkunftsname.

Aufgrund von oft widersprüchlichen Forschungsergebnissen kann die Herkunftsfrage der Siebenbürger Sachsen nicht als abschließend geklärt betrachtet werden. Eine Klärung ist angesichts der Quellenlage auch kaum zu erwarten und erübrigt sich, wenn man davon ausgeht, dass die Kolonisten in kleinen Gruppen aus allen Gebieten des damaligen Reiches ausgewandert, unterschiedlicher regionaler und ethnischer Herkunft sind, und erst in Siebenbürgen zur einer Gruppe mit eigenem Identitätsbewusstsein, mit deutscher Sprache und Kultur zusammengewachsen sind.

Privilegierung

Die vorteilhaften Bedingungen des ungarischen Gastrechtes hat Geysa II. jenen angeboten, die er in sein Reich gerufen hat. Schriftlich festgehalten wurden sie 1224 im „Goldenen Freibrief“ seines Nachfolgers Andreas II., der „das am besten ausgearbeitete und weitestgehende Siedlerrecht, das westlichen Siedlern in Osteuropa verliehen wurde“ enthält. Zentrale Rechte waren die Selbstverwaltung, die freie Richter- und Pfarrerwahl und die gemeinschaftliche Steuerleistung. Der Gruppe stand bis ins 15. Jh. ein vom König ernannter Königsrichter, danach wurde er ebenfalls gewählt, die Rechtsgemeinschaft und ihr Territorium im Status eines Komitats waren königsunmittelbar.

Dieser Freibrief steht vermutlich im Zusammenhang mit der Goldenen Bulle von 1222, dem Grundgesetz des mittelalterlichen Ungarn, die der Adel dem König abgetrotzt hatte und in der dem Adel seine Freiheitsrechte einschließlich der Steuerfreiheit und des Widerstandsrechtes eingeräumt wurde. Diese weitgehenden Privilegien erinnern an das Liberum Veto in Polen, das die polnischen Herrscher so sehr schwächte. Auch die Auseinandersetzung mit dem Deutschen Orden zeichnete sich sicher schon ab. Der König brauchte also dringend ein loyales und kräftiges Gegengewicht, das er, wie die weitere Geschichte zeigte, zu Recht in den Siedlern sah. Dieser Freibrief, der im Verlauf der Jahrhunderte noch wiederholt bestätigt werden sollte, wurde so zur existentiellen Grundlage der erfolgreichen Entwicklung der Siebenbürger Sachsen.

Siedlungsform

Bezeichnend für die Siedler war, dass sie sich offensichtlich der ihnen zugewiesenen Rolle, nämlich Landesausbau und Verteidigung, voll bewusst waren. Die Eigenart der deutschen Siedlungen in Siebenbürgen besteht darin, dass die Aufteilung der Ackerfläche nach dem System des Gewanndorfes mit flämischen Hufen erfolgte. Dabei liegen im Unterschied zum Waldhufendorf die Äcker nicht unmittelbar hinter dem Haus, sondern außerhalb der Ortschaft, so dass die Häuser in geschlossenen Zeilen eng beieinander stehen und ein Straßen- Anger- oder Platzdorf bilden. Es liegt auf der Hand, dass das enge Zusammenrücken der Wohnhäuser gemeinschaftsfördernd ist und auch verteidigungstechnische Vorteile hat. Dass bei den deutschen Ortsgründungen Siebenbürgens dieser Siedlertyp gewählt wurde, deutet darauf hin, dass schon anfangs eine äußere Bedrohung vorhanden war, die die Neuankömmlinge veranlasste, diese Siedlungsform zu wählen. Diese Weichenstellung ist eine Grundvoraussetzung für die spätere Entwicklung der Kirchenburgen, die in einer Streusiedlung kaum vorstellbar sind. Ebenso wären die starken nachbarschaftlichen Bindungen, eine wesentliche Voraussetzung für das Zusammenschmelzen der heterogenen Gruppen zum Neustamm der Siebenbürgen Sachsen, nicht möglich gewesen. Schließlich ließ diese Siedlungsform, wie Th. Nägler nachweist, auch zu, dass auf Eigentumsrechte von vorhandenen Vorsiedlern (Rumänen, Szekler) geschmeidig Rücksicht genommen wurde.

Frühe Siedlungszeit

Diese „Siebenbürger Sachsen“ haben die ihnen zugewiesenen Gebiete in kurzer Zeit wirtschaftlich erschlossen, nicht nur den Boden nutzbar gemacht und die Agrartechnik verbessert, sondern auch die edelmetallreichen Gebiete der West- und Ostkarpaten (Siebenbürgisches Erzgebirge, Rodenauer Berge) und die Salzstöcke im Siebenbürgischen Hochland erschlossen, Gewerbe und Handel vorangebracht.

Bei dem mit voller Wucht 1241/2 hereinbrechenden Westfeldzug der Mongolen versagte ihr Verteidigungssystem jedoch vollständig. Zentrale Orte und Burgen wurden genauso überrannt wie die zahlreichen jungen sächsischen Siedlungen. Zu den materiellen Schäden kam die Halbierung der Bevölkerung und der Verlust großer Teile der Eliten. Obwohl König Bela bei Gewährung mehrerer Privilegien eine energische Neukolonisierung betrieb, blieben zahlreiche Orte dauerhaft Wüstungen. Ein neues Burgensystem, die massive Förderung der Städte und deren Wehranlagen sowie eine im Großen und Ganzen erfolgreiche Binnensiedlung brachten recht bald einen beachtlichen Aufschwung. Diese neuorganisierte Landesverteidigung konnte so tatsächlich dem zweiten Mongolensturm von 1285 und weiteren Tatareneinfällen der Goldenen Horde trotz hoher Verluste standhalten. Auf dem Königsboden ging man nach diesen schrecklichen Erfahrungen zügig daran die Städte massiv zu befestigen; auch in den ländlichen Siedlungen begann man allmählich mit dem Hochziehen von Ringmauern um die Kirchen herum und diese für Verteidigungszwecke auszubauen. Unter diesen eher günstigen Voraussetzungen setzte trotz gelegentlicher Erbfolgekriege eine etwa 100-jährige Blütezeit ein, die ihren Höhepunkt während der Regierungszeit Ludwig I. gegen Ende des 14. Jh. erreichte. Es war eine Zeitspanne, die G. D. Teutsch als „das Jahrhundert der Anjou, der Sachsen schönster Zeitraum“, bezeichnet hat.

Türkengefahr

Gegen Ende des 14. Jh. brach eine neue existentielle Gefahr über das Land herein, die über mehrere Jahrhunderte andauerte und das Land sowie seine Siedler bis aufs Äußerste herausforderte: Die Türkengefahr.
Die Osmanen fielen 1395 erstmals in Siebenbürgen ein, die Walachei war ihnen bereits 1387 tributpflichtig geworden. 1396 erlitt ein Kreuzzugheer bei Nikopolis eine schwere Niederlage, worauf das Reich Bayezids I. bis unmittelbar an die Grenzen Ungarns reichte. Die Reorganisation des ungarischen Verteidigungswesens löste die wenig zuverlässigen Adelsaufgebote zwar ab, konnte der Gefahr der Feldzüge der Osmanen und der andauernden Streifzüge ihrer Verbündeten jedoch nicht wirksam begegnen. Nach 1420 häuften sich die Einfälle und insbesondere die Grenzgebiete des Südens wie der Brooser Stuhl wurden in den folgenden Jahrzehnten wiederholt überrannt und gebrandschatzt, durch Vernichtung und Versklavung der Bewohner entvölkert, viele Städte (etwa Mühlbach und Broos) in ihrer Entwicklung dauerhaft beeinträchtigt. Berüchtigt waren vor allem die sogenannten „Renner und Brenner“, von den Sultanen geduldete berittene Freischärler, die Jahr für Jahr ihre Beutezüge machten und weit über die osmanischen Grenzen hinaus ausschwärmten und sogar bis tief nach Kärnten und die Steiermark vorstießen. Siebenbürgen war eines ihrer bevorzugten Ziele. Die permanente und unberechenbare Bedrohung führte zu einer starken Befestigung der Städte – zumal reiche Fernhandelsstädte wie Hermannstadt und Kronstadt wurden zu uneinnehmbaren Festungen – und in vielen Dörfern vor allem im Süden und Osten Siebenbürgens zum systematischen Ausbau der Kirchen zu Wehrkirchen und Kirchenburgen, wodurch sich die in dieser Region bis heute größte Konzentration solcher Baudenkmäler in Europa erklärt; Fliehburgen verloren nun, gerade für die Städte, ihre bisherige Bedeutung.

So wurden die ummauerten Städte seit dem Ende des 14. Jahrhunderts zum wirksamsten Schutz gegen die wachsende Bedrohung durch die osmanischen Türken. Sie widerstanden auch längeren Belagerungen und behinderten den Vormarsch größerer Truppenverbände, während die befestigten Dorfkirchen Schutz gegen kleinere Beutezüge boten. Solche Beutezüge waren geradezu auf der Tagesordnung, denn große Truppenverbände, die sich auf dem Vormarsch befanden, mussten ernährt und versorgt werden. Fouragetrupps schwärmten permanent aus, raubten, plünderten und mordeten. Wallenstein hat später diese Praxis zum Prinzip erhoben, nämlich: „Der Krieg ernährt sich selbst“, ein Prinzip, das bei einem Vormarsch großer Verbände einen bis zu 150 km breiten völlig verwüsteten Streifen zur Folge hatte.
Mit diesem einzigartigen System der Wehrkirchen und befestigten Städten fügten sich die Siebenbürger Sachsen in das vielgerühmte „Antemurale Christianitatis“ ein, in die Vormauer der Christenheit, welche die südosteuropäischen Völker gegen die vordringenden Türken gebildet haben. Nach dem Fall von Konstantinopel (1453) konnte der Bürgermeister von Hermannstadt stolz schreiben, seine Stadt sei nun „nicht allein des Königreichs Ungarn, sondern auch der ganzen Christenheit Schild und Schirm“.

Nationsuniversität

Die osmanische Bedrohung, aber auch die Gefährdung des privilegierten Rechtsstandes durch den ungarischen Adel bestimmten das städtische Bürgertum – angeführt von seiner patrizischen Oberschicht (Gräfen, später Kaufleute, reiche Handwerker und Bergbauunternehmer) die Initiative zum politischen Zusammenschluss der deutschen Siedlergemeinschaften zu ergreifen, die in vier territorial nicht ganz zusammenhängenden Gebieten lebten (den sog. Sieben Stühlen der Hermannstädter Provinz, den Zwei Stühlen des Kokelgebietes, dem Nösner und dem Burzenländer Distrikt). Unter Rückgriff auf die Vorgabe des Andreanischen Freibriefs („unus sit populus“ – einig sei die Gemeinschaft) wuchsen diese zur Sächsischen Nationsuniversität (Universitas Saxonum, die Gesamtheit der Sachsen) zusammen, der übergeordneten politischen, administrativen und gerichtlichen Instanz der freien Deutschen aus Siebenbürgen, einer Institution, die in manchem den Städtebünden in Westeuropa ähnlich ist. Der langwierige Prozess fand 1486 seinen Abschluss.

Es entstand damit ein starkes Gemeinwesen, das sich selbst verwaltete und dessen Bevölkerung allmählich zu einem Volk deutscher Muttersprache zusammenwuchs, mit dem eigentümlichen Dialekt einer Reliktmundart, die dem Luxemburgischen ähnelt, zu einem Volk mit einer besonderen Rechtsstellung im mittelalterlich-ungarischen, sich ständisch gliedernden Staat, mit eigenen Bewusstseinsinhalten, Erfahrungsräumen und Bewertungsmaßstäben und mit einem besonderen Zusammengehörigkeitsgefühl. Die Sächsische Nationsuniversität repräsentierte einen Stand freier, privilegierter Bürger und Bauern, war dessen Interessenvertretung im siebenbürgischen Landtag, dem außerdem der ungarische Adel und die freien szeklerischen Wehrbauern angehörten.

Das Wort Nation wurde damals im Sinne von Stand gebraucht – die Nationsuniversität repräsentierte ebenso wenig wie die ungarischen Adelskongregationen die Hörigen gleicher Sprach- bzw. Volkszugehörigkeit. Ebenso wie die ungarischen oder die rumänischen Hörigen (die übrigens schon damals die Bevölkerungsmehrheit in Siebenbürgen bildeten), waren die auf Adelsboden lebenden Deutschen in Siebenbürgen durch die Nationsuniversität nicht vertreten.

Dieser unter „Nationsuniversität“ subsummierte Nationsbegriff ist also primär nicht Ausdruck einer Volks-, sondern einer Standeszugehörigkeit, als Nebenprodukt verfassungsgeschichtlicher Abläufe das Ergebnis des bewussten Strebens nach Zusammenschluss und Verteidigung von Rechtspositionen einer privilegierten Gruppe. Insoweit weist die Nationsuniversität auch über den Rahmen der mittelalterlichen Universitäts- oder Konzilsnationen hinaus (siebenbürgisch-sächsische Studierende hatten überhaupt keine Hemmungen, sich nach dem Territorialitätsprinzip der „natio Hungarica“ anzuschließen). Sie bewährte sich deshalb in der frühen Neuzeit.

Zusammenbruch des Königreichs Ungarn

Gleichzeitig mit der inneren Konsolidierung der Siebenbürger Sachsen wuchs jedoch ihre äußere Bedrohung durch fortgesetzte türkische Überfälle trotz der zeitweise erfolgreichen Gegenwehr durch den erfahrenen Militärstrategen J. Hunyadi. Hinzu kamen noch Adels- und Szekleraufstände sowie 1514 ein Bauernaufstand unter Georg Dozsa, ein Bauernaufstand noch nie gekannter Ausmaße. Wegen zusätzlicher innerstaatlicher politischer Kämpfe und dem damit verbundenen Machtverlust des Königshauses war es kein Wunder, dass die weitaus unterlegenen ungarischen Streitkräfte in der Schlacht von Mohacs von den glänzend organisierten Truppen des Sultans vernichtet wurden und dem ungarischen Reich der Todesstoß versetzt wurde. Selbstverständlich wurde das sächsische Siedlungsgebiet trotz des inzwischen weitestgehend ausgebauten Verteidigungssystems erheblich in Mitleidenschaft gezogen. Wohnten noch um 1350 im Gebiet der Sieben Stühle ca. 70-80.000 Menschen, so verringerte sich diese Zahl im 15. und zu Beginn des 16. Jh. Auf 40-50.000. Besonders in der Umgebung von Broos, Mühlbach und im Harbachtal konnten sich zahlreiche sächsische Dörfer von den Zerstörungen nicht mehr erholen, sie wurden in der Folgezeit von Rumänen neu besiedelt oder blieben für immer Wüstungen bzw. der Boden wurde später unter den Nachbargemeinden aufgeteilt.

Nach dem Tod König Ludwigs II. in der Schlacht bei Mohacs kam es zur verhängnisvollen Doppelwahl, sowohl der Woiwode von Siebenbürgen Johann Zapolya als auch der Habsburger Erzherzog Ferdinand, der Bruder Kaiser Karls V. wurden von ihren jeweiligen Parteien auf den Thron gehoben. Der Thronstreit, der nun entbrannte und über 12 Jahre andauerte brachte erneut viel Leid und Elend über Siebenbürgen. Die Sachsen schwankten zwischen Johann und Ferdinand und wurden schließlich Parteigänger Ferdinands, eine völlige Fehlentscheidung, wie sich bald zeigen sollte. 1538 obsiegte Johann weitgehend. Der Westen und Norden Ungarns fiel allerdings an Ferdinand und das gesamte Land sollte nach dem Tode Johanns in der Hand Ferdinands wiedervereint werden. Dazu kam es jedoch nicht, denn nach dem Tode Johanns im Jahre 1540 wurde der Kanzler der Königin Isabella, der Witwe Johanns, der undurchsichtige und intrigante Mönch Martinuzzi, zur Schlüsselfigur im siebenbürgischen Geschehen. Unter ihm vollzog sich die Loslösung Siebenbürgens von Ungarn und die Gründung des selbständigen Fürstentums unter türkischer Oberhoheit. Auch er starb keines natürlichen Todes, er wurde später im Auftrag des kaiserlichen Generals Castaldo ermordet. Als entgegen der Abmachung mit Ferdinand der minderjährige Sohn Johanns, Johann Sigismund, zum König von Ungarn gewählt wurde, rückte Ferdinand gegen Buda vor. Die Türken machten nun kurzen Prozess eroberten in einem Feldzug Mittelungarn und verdrängten Ferdinand auf den West- und Nordteil Ungarns. Wieder wälzten sich Truppenverbände durch Siebenbürgen und hinterließen ihre grausamen Spuren. Es begann nun die 150-jährige Dreiteilung Ungarns. Der West- und Nordteil verblieb bei Habsburg, das leicht vergrößerte Siebenbürgen wurde selbständiges Fürstentum unter türkischer Oberhoheit, Mittelungarn mit Buda wurde als türkisches Paschalik integraler Bestandteil des Osmanischen Reiches.

Während all dieser politischen Verwicklungen waren häufig ausländische Heere im Land: Zapolya rief die Türken zu Hilfe, der Woiwode Siebenbürgens Stefan Mailath den Woiwoden der Moldau Petru Rares, und Martinuzzi hatte seine eigenen Söldner. Als 1550 österreichische Truppen ins Land kamen, begrüßte man sie als Befreier vom Türkenjoch, allein das Verhalten dieser Söldner war keinesfalls besser als das der anderen. Aus dieser geschichtlichen Sicht wird deutlich, dass die Kirchenburgen, ursprünglich der Türkengefahr wegen gebaut, ihre Bewährungsprobe gegen Gesetzlosigkeit, Anarchie und Verwirrung zu bestehen hatten. Nicht nur die großen Heere der Türken oder des Kaisers waren ihre eigentlichen Feinde, sondern die umherstreifenden Haufen von Söldnern und Abenteurern, die kein Recht und keine Ordnung kannten und die nur danach trachteten, zu plündern und möglichst viel Beute zu machen. In diesen Wirren betraten auch die schillerndsten Gestalten den siebenbürgischen Schauplatz, wie etwa der ehemalige Hermannstädter Stadtschreiber Reicherstorffer, der im Auftrage Ferdinands in Siebenbürgen umherreiste und mit seinen Söldnern zur allgemeinen Verwüstung des Landes beitrug.

Reformation

Vor diesem Hintergrund, der zeitweilig apokalyptische Formen annahm, wurde auf kirchlichem Gebiet die Reformation in Siebenbürgen vollzogen, die bereits in den 20er Jahren Anhänger hatte und sich nach 1541 mit grosser Schnelligkeit ausbreitete. Während die ersten Landtage des sich allmählich formierenden Fürstentums sich noch abwartend verhielten, wurde bereits 1552 entschieden, niemanden in der Ausübung der eigenen Religion zu behindern Die Landtage von 1557 und 1558 bekräftigten diese Entscheidung und erhoben die Glaubensfreiheit zum Gesetz, ein einmaliger Vorgang in Europa. 1571 fand die siebenbürgische Religionsgesetzgebung ihren Abschluss und der Fürst musste einen Eid auf die Wahrung der vier „rezipierten“, also voll anerkannten Konfessionen leisten. Es waren dies der katholische und der lutherische Glaube sowie der Calvinismus und der Unitarismus (Antitrinitarismus). Die Orthodoxen galten als toleriert.

Die Siebenbürger Sachsen hatten sich in enger Verbindung mit den deutschen Reformatoren für das Luthertum entschieden, und 1550 wurde durch einen Beschluss der Nationsuniversität eine neue, nun evangelische, Kirchenordnung zur allgemeinen Richtschnur erhoben. Die Reformation hatte erhebliche prägende Auswirkungen auf die Siebenbürger Sachsen. Die hochdeutsche Sprache fand Eingang in die geistige und geistliche Welt und das Schulwesen erhielt durch den reformatorischen Impuls seine über Jahrhunderte sehr geschätzten hohen Standards, die sich sogar bis in die Gegenwart auswirken. Die evangelischen Gemeinden und an ihrer Spitze die von ihnen selbst gewählten Pfarrer und Schultheissen scharten sich selbstbewusst um ihre Kirchen, verteidigten sich gemeinschaftlich in ihren Kirchenburgen und wurden so zu einer kirchlichen und politischen Einheit.

Siebenbürgen als Fürstentum

Um die Mitte des 16. Jh. verschlechterte sich die Lage in Siebenbürgen erneut. Nachdem 1553 die kaiserlichen Truppen abgezogen waren, musste das Fürstentum die türkische Oberhoheit endgültig anerkennen und einen jährlichen Tribut zahlen. Hinzu kam im gleichen Jahr eine Pestepidemie, die Tausende von Bürgern in Hermannstadt, Kronstadt und anderen Ortschaften dahinraffte. Königin Isabella und nach ihrem Tod 1559 ihr Sohn Johann Sigismund konnten der Verwüstung im Land nicht Einhalt gebieten. Dem Gebot der Zeit gehorchend bauten die Sachsen die Wehranlagen ihrer Städte und Burgen der neuen Kriegstechnik entsprechend aus. Nach dem Tod Johann Sigismunds wurde 1571 Stefan Bathory zum Fürsten gewählt, ihm folgte 1575 nach seiner Wahl zum König von Polen sein Bruder Christoff Bathory und nach dessen Tod 1581 der minderjährige Sigismund Bathory Die Außenpolitik des jungen Fürsten Sigismund am Ende des 16. Jh. offenbarte die labile Lage und die Machtlosigkeit des Fürstentums sowie seine Abhängigkeit vom Gleichgewicht zwischen den Machtblöcken: Als der Fürst 1594 der gegen die Osmanen gerichteten Heiligen Liga unter Führung der Habsburger beitrat, zeigte der sogenannte „Lange Türkenkrieg“ 1599 – 1605 auch im Landesinneren Konsequenzen. Während dieser Zeit kam es zu Zuständen, die ansatzweise bereits aus den 1550er Jahren bekannt waren: Kaiserliche Truppen besetzten das Land mehrmals und beanspruchten die Herrschaft im Namen des habsburgischen Königs von Ungarn, sie lieferten sich Auseinandersetzungen mit den Osmanen, setzten die Landesverfassung außer Kraft, unterbanden die Religionsfreiheit und betrieben die Rekatholisierung des Landes. Die Stände wehrten sich dagegen heftig, doch vergebens. Bis 1605 wechselte die Landesherrschaft mehrmals von Sigismund Bathory zu den kaiserlichen Generälen, von den Favoriten der Habsburger zu jenen der Osmanen oder Polens.

Eine Episode war dabei 1600 die kurzzeitige Vereinigung der Woiwodenwürden der Walachei und der Moldau sowie der Herrschaft über Siebenbürgen in der Hand des walachischen Landesherrn Michael, die sich aus dem wirren Machtringen ergab; in der rumänischen Historiographie wird dieses Ereignis als vermeintliche erste Vereinigung der „drei rumänischen Länder“ im Vorgriff auf den Nationalstaat bis in die Gegenwart mythisch überhöht.

Eine dramatische Folge der unübersichtlichen Verhältnisse war eine Verwüstung ganzer Landstriche einschließlich der Zerstörung der Orte und aller materiellen Ressourcen sowie einer radikalen Dezimierung der Bevölkerung bis hin zu deren völligen Auslöschung. Es kam im Fürstentum somit erstmals zu Verhältnissen, wie sie der Dreißigjährige Krieg schon bald nach Mitteleuropa bringen sollte. Das blutige Regiment des kaiserlichen Generals Giorgio Basta und seiner Offiziere in Siebenbürgen, das die politische Freiheit der Stände und vor allem die Religionsfreiheit drastisch beschnitt oder aufzuheben versuchte, beschwor schließlich einen Aufstand herauf. So wie die Fürsten Siebenbürgens bis Mitte des 17. Jh. überwiegend aus den großen und begüterten Magnatenfamilien des kaiserlichen Oberungarn stammten, die auf diese Weise im Fürstentum eine Zuflucht zur Wahrung ihrer Standesfreiheit suchten, so ging auch die Bewegung unter Stefan Bocskai 1604 von dort aus. Bocskai fand die Anerkennung der Pforte, sodass der Kaiser sich im Wiener Frieden von 1606 notgedrungen mit ihm arrangieren musste. Das Land atmete auf und hoffte nun endlich Frieden zu finden.

Der bald danach gewählte geradezu paranoide Fürst Gabriel Bathory jedoch hat in seiner kurzen Regierungszeit (1608-1613) mehr Unglück über das Land gebracht, als je ein anderer unter seinen Vorgängern oder Nachfolgern. Geradezu krankhaft blutrünstig, gewalttätig und gleichzeitig übersteigert ehrgeizig verfolgte er seine Ziele. In seiner Raffgier stürzte er sich vor allem auf die Städte und Dörfer der Sachsen und vernichtete alles, was im hinderlich war. Besonders zu leiden hatte Hermannstadt, dessen er sich durch List bemächtigte und beinahe ausrottete. Sein anschließender Verwüstungszug durch das Burzenland kam schließlich vor den Mauern Kronstadt zum Stillstand, wobei aber Kronstadt in der berühmten Schlacht bei Marienburg einen hohen Blutzoll zahlen musste. Selbst die Osmanen wollten diesem Treiben nicht mehr länger zusehen und ernannten Gabriel Bethlen zum Fürsten, der dann mit einem großen türkischen Heer heranrückte. Gabriel Bathory wurde auf der Flucht von seinen eigenen Leuten erschlagen. Erst die folgenden calvinistischen Fürsten Siebenbürgens brachten das Land allmählich zur Ruhe. Unter ihnen ragt Gabriel Bethlen hervor, der das Land allmählich wieder zu einer bescheidenen Blüte führte.

Die außenpolitischen Eskapaden des Fürsten Georg II. Rakoczi ab 1657 machten jedoch das sogenannte „Goldene Zeitalter“ des siebenbürgischen Fürstentums wieder zunichte. Strafexpeditionen großer osmanischer Heere mit krimtatrischen, walachischen und moldauischen Truppen, habsburgische Interventionen, wiederholte innersiebenbürgische Zwistigkeiten und Gegenfürsten brachten dem Fürstentum bis 1662 abermals Verwüstungen, die mit der massiven Zerstörung von lebens- und Wirtschaftsräumen sowie menschlichen Lebens an den Rand des Abgrunds führten. G. D. Teutsch beschreibt die Zeit mit den Worten „Schrecken ohne Ende“. Zusammen mit den Verheerungen der vorangegangenen Jahrhundertwende kam dies einem nicht wieder aufzufangenden Aderlass des Landes gleich, in dessen Freiräume nun verstärkt neue Gruppen stießen: Neben einzelnen kleinen Gemeinschaften wie Juden, Täufern, Bergbauleuten, katholischen Bulgaren oder Armeniern waren dies vor allem Orthodoxe, also Rumänen, aus den weniger gefährdeten Berg- und Gebirgsregionen und aus den Nachbarprovinzen, die hier als Arbeitskräfte und Steuerzahler zunächst nicht ungern gesehen waren. Erst unter dem 1661 von der Pforte gegen Widerstände durchgesetzten Fürsten Michael Apafi (bis 1690) kam es dann wieder zu einer vorübergehenden Verschnaufpause, die jedoch immer wieder unterbrochen wurde, durch den Durchzug tatarischer und türkischer Verbände angesichts der sich zuspitzenden habsburgisch-türkischen Auseinandersetzung. Weitere Verwüstungen in dem ohnehin schon verödeten Land waren die Folge.

1699 mit dem Frieden von Karlowitz wurde zwar die österreichische Herrschaft über Ungarn und Siebenbürgen völkerrechtlich festgeschrieben, aber die Habsburger waren dadurch noch keineswegs endgültig etabliert. Die bereits seit den 1660er Jahren gärende Unruhe, die sich etwa in Oberungarn zunächst in einer Erhebung des Adels, der Städte und entwurzelter Bauern, dann in der Opposition unter Imre Thököly (erster Kuruzzenkrieg) manifestierte, fand ab 1703 im sogenannten zweiten Kuruzzenkrieg unter Franz Rakoczi ihre Fortsetzung. Dessen Erfolge und die weitverbreitete Unzufriedenheit über die neue habsburgische Landesherrschaft führten schon 1704 zu seiner Fürstenwahl durch den Landtag. Die nun folgenden Jahre, die in der ungarischen Historiographie national verklärt als „Freiheitskampf“ bezeichnet werden, sind am ehesten mit Bürgerkrieg zu vergleichen. In diesem standen sich nicht nur unzufriedener Hoch- und Kleinadel im Bündnis mit Städten und Bauern einer österreichischen Soldateska, sondern auch die Nationen der Szekler und Sachsen gegenüber, dazwischen tatarische, walachische, moldauische Bündnistruppen der Osmanen. Unablässige Scharmützel und Kämpfe ruinierten das Land ein weiteres Mal. Schließlich ermattete der Krieg angesichts der Verödung des Landes und es kam endlich 1713 zum Friedensschluss von Sathmar. Die Habsburger übernahmen nun endgültig ein weitgehend zerstörtes, verarmtes und abermals entvölkertes Land, das durch die wiederholten verheerenden Kriegswirren nicht nur geographisch zu einer Randprovinz eines Riesenreiches wurde. Die Kirchenburgen hatten sich jedoch auch in dieser Situation als letzter Zufluchtsort für Leben und Gut noch einmal bewährt.

Schlussfolgerungen und Schluss

Durch die Herrschaft der Habsburger in Siebenbürgen verlor das Selbstverteidigungssystem der Sachsen allmählich seinen Sinn. Trotzdem bleiben die Kirchenburgen auch während der folgenden Jahrhunderte bestehen, sei es aus Ehrfurcht und Erinnerung an schwere Zeiten, oder weil sie als Schöpfungen des Gemeinschaftswesen der Dorfbewohner auch weiterhin eine Aufgabe erfüllen konnten. Im Unterschied zu den Stadtbefestigungen, die im 19. Jh. mit Ausnahme von Schäßburg abgetragen wurden, hat man im Zuge der Modernisierung der sächsischen Dörfer Ende des 19. Jh. nur in wenigen Ortschaften die Burgringe abgetragen, um aus den Baumaterialien Schulen zu errichten. So kommt es, dass auch heute noch eine stattliche Anzahl von Kirchenburgen in ihrer durch das Mittelalter geprägten Form erhalten sind.

Zur Anhänglichkeit der siebenbürgisch-sächsischen Bauern an ihre Kirchenburg gibt Hermann Fabini eine plausible Erklärung:
Unter dem äußeren Druck, der de facto ein ständiger Begleiter sächsischer Geschichte war, haben sich beginnend mit der Ansiedlung ausgeprägte Formen des Gemeinschaftswesens herausgebildet. Es ist anzunehmen, dass die Anfänge dieser Gemeinschaftsformen auf die militärische Gliederung der Ansiedler zurückgehen, da Aufbau und Verteidigung Hand in Hand gingen. Schon bei der Anlage der Ortschaften war eine Tendenz zu räumlichem Zusammenrücken der einzelnen Wirtschaften festzustellen. Dieses war notwendig, um Gefahren von außen mit wirksamem, gemeinsamem Handeln zu begegnen. So entwickelte sich ein Not- und Hilfsgemeinschaft, die später auch auf den Gebieten der Religion, Wirtschaft, Verwaltung, Verteidigung, des Glaubens und der Geselligkeit mehrfach Aufgaben übernommen hat. Verschiedene nebengeordnete Gemeinschaften sind seit dem Mittelalter bekannt: Zehntschaften, Nachbarschaften, Bruder- und Schwesternschaften. Ohne das Nachbarschaftswesen sind Struktur und Charakter des sächsischen Dorfes nicht zu erfassen. Diese gesellschaftliche Organisationsform war sicher sehr effektiv bei der Notwendigkeit ständig verteidigungsbereit und verteidigungsfähig zu sein, nachdem ein regelmäßiges Exerzieren oder Drill für eine bäuerliche Bevölkerung nicht in Frage kam. Eine Wechselwirkung zwischen einer spezifischen Ausformung der Überlebenskapsel Kirchenburg und der durchorganisierten Gesellungsform ist daher sicher nicht von der Hand zu weisen.

Bemerkenswert ist eine Feststellung, die der englische Schriftsteller Charles Boner anlässlich einer Reise durch Siebenbürgen 1863/4 machte: Allein ich kann nicht umhin zu gestehen, dass, als ich öfter mit den Dorfbewohnern zusammenkam und näher mit ihnen bekannt wurde, es mir schien, als ob in ihrem Benehmen etwas Conventionelles liege, etwas Manieriertes und Gezwungenes, das ihnen aber durch lange Gewohnheit schließlich zur zweiten Natur geworden sein mag….. unter diesen Landleuten herrscht überall dieselbe Ruhe, dieselbe starre Gleichförmigkeit in Haltung und Benehmen…….Im Umgang mit den sächsischen Landleuten wird man gewiss eine übertriebene Förmlichkeit auffallend finden……Strenge Ordnung, wunderbare Regelmäßigkeit in allen seinen Einrichtungen war stets die Grundlage seiner Existenz. Davon hing übrigens sein politisches wie sein gesellschaftliches Leben ab in Zeiten, wo er ohne diese Eigenschaften den ihn umgebenden feindlichen Einflüssen rettungslos hätte erliegen müssen. Wir haben gesehen, dass er selbst heutigen Tages weder säet oder erntet, wie oder wann es ihm gerade gelegen wäre, sondern zu den von der Gemeinde festgesetzten Zeiten; so ist er gewöhnt, seinen Willen anderen unterzuordnen. Daher mag es auch kommen, dass man bei diesen Leuten so geringe Selbstbestimmung, so wenig natürliche Spontaneität des Wollens und Fühlens findet.

Gewiss ist die Beobachtung richtig, dass dem sächsischen Bauern im nachbarschaftlichen organisierten Gemeinschaftsbereich außerhalb seines Haushalts kaum individuelle Freiheit zugestanden wurde. Doch findet hier ein Übergang der individuellen Freiheit in die Freiheit der Gemeinde statt. Die Preisgabe der Freiheit des Einzelnen setzt sich in historisch notwendige Unabhängigkeit der Gemeinschaft um, schöpferische Kräfte werden auf der Gemeindeebene ausgelebt. Wenn Architektur als Abbild ihrer Erbauer zu sehen ist, ergibt sich folgende Parallele: Wenn das Bauernhaus die Widerspiegelung der Familie, des Haushalts ist, so ist die Kirchenburg das Spiegelbild der nachbarschaftlich organisierten Gemeinde. Für jeden Kenner der Kirchenburgen ist klar ersichtlich, dass die enorme Vielfalt von architektonischen Formen, die unter anderem ihre Klassifizierung unmöglich macht, Ausdruck jener angestrebten Freiheit der Gemeinde ist. Einer ähnlichen Vielfalt begegnen wir auch auf anderen Gebieten, zum Beispiel im Bereich der Dialekte.
In der Sublimierung der persönlichen Freiheit zur Gemeindefreiheit ist letztendlich auch die Erklärung für die nahtlose ästhetische und funktionale Eingliederung der Kirchenburg in das Ortsbild zu finden. Sicher beruht ein guter Teil der Aussagekraft der Kirchenburgen darauf, dass der Beschauer im Unterbewusstsein den Vorgang der Konzentration vieler individueller Kräfte zu einer Gesamtleistung miterlebt. Es muss aber nochmals darauf hingewiesen werden, dass es sich um eine Wechselbeziehung Gemeinde – Kirchenburg handelt, dass die Burg zum Identifikationsraum der Gemeindemitglieder wird, dass sie folglich nicht nur ein Symbol der Gemeinschaft ist, sondern in bescheidenem Raum auch Äußerungen individueller Art ermöglicht, wie etwa in der Kirche angebrachte Epitaphe, Gedenktafeln und -fahnen einzelner Familien sowie eigene Gaden, Getreidetruhen u. dgl. innerhalb der Ringmauern.

Bis heute besteht eine enge emotionale Verknüpfung zwischen Kirchenburg und Gemeindegliedern; die häufigen Geschenke ehemaliger Dorfbewohner zur Verschönerung oder Restaurierung der Burg lassen darauf schließen, dass diese Bindung tief reicht und dass selbst radikalste Änderungen des Lebensstils – wie etwa die Auswanderung- sie nicht völlig zerstören konnten. Trotz des Widerspruchs zwischen ihrem mittelalterlichen Charakter und unserer Zeit hat die Kirchenburg bis heute ihre gemeinschaftsprägende Funktion nicht verloren. Sie ist für viele, bewusst oder unbewusst, Ausdruck des Selbstverständnisses der Siebenbürger Sachsen geblieben.

Mai 2011

Karl Scheerer

Schäßburger Spurensuche

Vortrag anlässlich der Deutschen Kulturtage
31.05.2011

Wir haben uns an diesen Kulturtagen aufgemacht, um Spuren zu suchen, Spuren aus der Vergangenheit und Gegenwart unserer Stadt, Spuren, die zu dem Erscheinungsbild führen, das unsere Stadt heute ausmacht.
Wenn wir eine 800-jährige Eiche auf der Breite betrachten, dann müssen wir wissen, dass sich ein ungeheures Wurzelwerk unter dem äußeren Erscheinungsbild der Eiche verzweigt, das sich über Jahrhunderte in die Erde gegraben hat und die Eiche ernährt. Auch eine Stadt wie Schäßburg in ihrer Einzigartigkeit hat ein solch gewaltiges Wurzelwerk, das in der Geschichte vergraben liegt. Wenn wir uns nun ans Graben machen, dann können wir nicht die gesamte Vergangenheit und ihre Entwicklungslinien freilegen. Das ist Aufgabe der Historiker und Archäologen. Und wir haben im Werk von Gh. Baltag und vielen anderen Detailveröffentlichungen, nicht zuletzt der HOG-Schäßburg, schon reichhaltiges Material. Wir können uns an Tagen wie diesen lediglich ausgewählte Spuren der Vergangenheit etwas genauer ansehen und würdigen.

Freilich stellt sich die Frage, warum man überhaupt auf Spurensuche gehen soll. Genügt es nicht, wenn man die Stadt, wie sie sich heute präsentiert, auf sich wirken lässt und das Ambiente genießt? Natürlich kann man das, und manche mögen das so halten. Wer auf die Breite geht, genießt mit Staunen das Eichenensemble, doch kaum jemand macht sich Gedanken über das Fundament, das Wurzelwerk. Damit hört aber der Vergleich auch schon auf.
Es ist etwas anderes, wenn man ein Naturdenkmal auf sich wirken lässt, oder ob man sich mit dem Ort seiner Persönlichkeitsprägung, seiner Sozialisation, ja seiner Identitätsentwicklung auseinandersetzt. Zum besseren Verständnis möchte ich einen meiner Professoren zitieren, wie ich es schon bei anderer Gelegenheit getan habe: „Menschen schaffen Kulturlandschaften und die Kulturlandschaften prägen die Menschen. Vergessen Sie nie diese Wechselwirkung und nehmen Sie sie ernst! Ihre Vorfahren sind Schöpfer der Kulturlandschaft, die Sie wiederum mitgeformt hat. Gehen Sie also mit Ihrer Heimatgeschichte redlich um! Beschönigen Sie nichts, verschweigen Sie nichts und verfälschen Sie nichts! Sie beschädigen sich selbst, wenn Sie mit Ihrer eigenen Heimatgeschichte manipulativ herumhantieren.“ Es geht also darum, sich seiner eigenen Identität immer wieder aufs Neue zu vergewissern, denn ohne klare Identität kann der Mensch nicht selbstbewusst und souverän leben. Identität ist die emotionale Verortung des Menschen in einem bestimmten historischen, gesellschaftlichen und kulturellen Milieu, zu dem geschichtlich erworbene Aspekte wie etwa gemeinsame Sprache, Religion, Wertvorstellungen, Sitten und Gebräuche gehören. Kulturelle Identität ist selbstverständlich stark von Gefühlen geprägt, wobei ein Sicherheits-, Geborgenheits- und Heimatgefühl zu kollektiven Bindungen und oft auch zu einem Verantwortungsgefühl für die eigene Gemeinschaft führt. Wir Sachsen haben nun einmal eine sehr emotionale Beziehung zum Begriff der Heimat. Schon in unsere Hymne wird er gleich am Anfang beschworen: „Siebenbürgen, süße Heimat!“

Der Begriff Heimat verweist zumeist auf eine Beziehung zwischen Mensch und Raum. Im allgemeinen Sprachgebrauch wird er auf den Ort angewendet, in den ein Mensch hineingeboren wird und in dem die frühesten Sozialisationserlebnisse stattfinden, die zunächst Identität, Charakter, Einstellungen und Weltauffassungen prägen. Unsere Heimat ist Siebenbürgen im Allgemeinen und die Stadt Schäßburg im Besonderen. Hier haben wir unsere Prägung erfahren, wodurch wir zu dem geworden sind, was wir heute darstellen. Heimat ist ein realer Ort, zu dem wir eine tiefe emotionale Bindung haben. Wir nennen dieses Gefühl im Allgemeinen Heimatverbundenheit. Zur Heimatverbundenheit gehört auch, dass man sich seiner Herkunft immer neu versichert und auf Spurensuche geht, denn nur wer die Geschichte kennt, kann die Gegenwart verstehen und die Zukunft gestalten. Wie sagte unser großer Historiker G. D. Teutsch: „Wer seine Geschichte vergisst, kann sich gleich zu den Toten legen.“ Voraussetzung allerdings ist, dass man bei der historischen Wahrheit bleibt und sich nicht in den Dienst ideologischer Absichten nehmen lässt oder in reine Apologie verfällt. Zu unserer Geschichte gehören großartige Errungenschaften und beeindruckende Persönlichkeiten. Es gehören aber auch abstoßende Aspekte und Ereignisse dazu. Ich erinnere beispielsweise an die Verbrechen des Abenteurers und Bürgermeisters Schuller von Rosenthal Ende des 17. Jahrhunderts, wie überhaupt das 17. Jh. von sittlichem und moralischem Verfall gekennzeichnet war. Beides gehört zu unserer Vergangenheit, Positives wie Negatives und wir müssen das akzeptieren.
Wo erfährt der Mensch seine Verwurzelung am unmittelbarsten, am sichtbarsten? Sicher in seiner Stadt, in seiner Lebensumwelt! Hier gilt es also auch Spurensuche zu gehen.

Wenn man nun auf Spurensuche geht, muss man sich freilich fragen, welche Spuren man freilegen will. In jedem Fall sollte man sich bei der Suche der Wahrhaftigkeit und historischen Wahrheit verpflichtet fühlen. Sine ira et studio, wie schon der große römische Historiker Tacitus es gefordert hat. Die geradezu peinliche Kultivierung der albernen Draculalegende sollte sicher nicht dazugehören. Wir haben in Schäßburg nämlich das große Glück, über einen ungeheuren Reichtum an Hinterlassenschaften zu verfügen, deren Spuren wir sichern können. Wir brauchen keine absurde Geschichtsklitterung zu unserer Identitätssicherung. Das Demokratische Forum der Deutschen in Schäßburg hat sich getreu dieser Devise seit Beginn der deutschen Kulturtage auf Spurensuche begeben. So haben wir uns im letzten Jahr den Schäßburger Wehranlagen gewidmet. Ich erinnere auch an die wiederholten Fackelzüge entlang der Burgmauer unter geistreicher Führung unseres verehrten Prof. Hermann Baier. Wir haben uns an bedeutende Schäßburger Persönlichkeiten erinnert: Georgius Krauss, Georg Daniel Teutsch, Joseph Haltrich, Michael Albert, Hans Otto Roth, Hermann Oberth, um nur einige zu nennen.

Vieles, ja sehr vieles gilt es noch zu untersuchen. Es sind zum einen die Fülle an ungewöhnlich beeindruckenden sakralen, profanen und verteidigungstechnischen Baudenkmälern samt ihren reichhaltigen Ausstattungen, die von einer sehr wechselvollen Geschichte zeugen. Es ist zum anderen die große kulturelle und wissenschaftliche Tradition der Stadt, in erster Linie die außergewöhnliche pädagogische und wissenschaftliche Leistung der Bergschule und ihres Lehrpersonals. Es sind schließlich die vielen Schäßburger Persönlichkeiten, die weit über die Stadt hinaus, ja teilweise sogar weltweit Bedeutung und Reputation erlangt haben. Nicht zu vergessen ist aber auch das über Jahrhunderte lebendige wirtschaftliche und gesellschaftliche Leben der Stadt, das die Menschen in ihrem Lebensvollzug maßgeblich geprägt hat.
Schäßburg war immer eine Stadt des Handwerks und der Zünfte. Die großen Kaufmannsfamilien waren eher in Hermannstadt, Kronstadt und Bistritz, also an den Karpatenpässen, zu finden. Die Handwerker haben die Stadt geschaffen und regiert. Die Zünfte haben die Wehranlagen und Wehrtürme, von denen glücklicherweise noch viele erhalten sind, gebaut und verteidigt. Es war eine großartige Leistung und zeugte nicht nur von baulicher Kompetenz, sondern auch von beachtlichem ästhetischen Verständnis. Wer waren diese Handwerker? Wer waren die Zunftmeister? Von einigen wissen wir es, aber beileibe nicht von allen, nicht einmal von der Mehrzahl von ihnen. Wer waren die Bürgermeister und Ratsherren? Von ihnen wissen wir zwar viele Namen, aber über ihr Wirken sind wir nur lückenhaft informiert. Es waren große Namen unter ihnen: Johannes Aurifaber, also der Goldschmied, Valentinus Pictor, der Maler, Georgius Philippi, Petrus Philippi, natürlich Martin Eisenburger, dem wir die Naye Schul zu verdanken haben. Es war aber auch der Verbrecher Johannes Schuller von Rosenthal. Man könnte noch viele tüchtige und sicher auch weniger tüchtige aufzählen. Der letzte deutsche Bürgermeister war Dr. Wilhelm Schiewerth 1932 bis 1933.
Wie steht es mit dem System der Nachbarschaften, ohne die das gesellschaftliche Leben in Schäßburg nicht hätte existieren können? Wir wissen zwar einiges darüber, aber noch längst noch alles. Wäre es nicht wert, auch hier auf Spurensuche zu gehen?

Wie gestaltete sich das sehr lebendige Vereinsleben in Schäßburg? Auch hierüber wissen wir einiges, aber immer noch kennen wir nicht alle Facetten. Die Schäßburger sind bekannt durch ihre ausgeprägte Geselligkeit. Ist daher verwunderlich, dass das Vereinsleben blühte? Mehrfachmitgliedschaften waren nicht selten. Ich zähle nur einige Vereine auf:

  • Verein für siebenbürgische Landeskunde
  • Gustav-Adolf-Verein
  • Schäßburger Frauenverein
  • Siebenbürgischer Karpatenverein
  • Sebastian-Hann-Vetrein
  • Musikalische Gesellschaft und Musikverein
  • Schäßburger Männergesangsverein
  • Schäßburger Bürger- und Gewerbeverein
  • Schäßburger Feuerwehrverein
  • Verein für Frauenbildung
  • Schäßburger Schützenverein
  • Schäßburger Männerturnverein
  • Schäßburger Eislaufverein
  • Schäßburger Schwimmschulverein
  • Frauen-Badegesellschaft
  • Schäßburger Jagdgesellschaft
  • Schäßburger Stadtverschönerungsverein

Alle diese Vereine haben Beachtliches geleistet. Die Leitung der Vereins für siebenbürgische Landeskunde, der sehr bald ein europäisches Renommee erlangte, lag lange in der Hand der Schäßburger Bergschulprofessoren. Die Konzerte und Theateraufführungen in Schäßburg erregten wegen ihres sehr hohen Niveaus landesweit großes Aufsehen.

Was aber assoziiert der siebenbürgische Bildungsbürger in erster Linie mit Schäßburg? Natürlich unsere altehrwürdige Bergschule. Wenn ich mir jetzt schon erlaube darf, der gleich anschließend zu eröffnenden Ausstellung zur Schäßburger Postgeschichte vorzugreifen, so möchte ich darauf hinweisen, dass Sie ein einzigartiges Exponat finden werden, nämlich einen Briefumschlag, aufgegeben in Washington D.C. im Jahre 1874 mit der ausschließlichen Postadresse „Gymnasium Schäßburg“. Welchen Ruf muss die Schule gehabt haben, dass die Sendung via New York – Wien binnen dreier Wochen angekommen ist. Sie gehört in der Tat zu den einzigartigen und herausragenden Bildungsstätten im südosteuropäischen Raum.

Hervorragende Persönlichkeiten, Wissenschaftler, Künstler, Theologen und Politiker haben entweder hier ihre Ausbildung genossen, oder haben hier als Pädagogen und Rektoren gewirkt. Alle Rektoren seit 1522 sind uns mit Namen bekannt. Ich möchte nur einige erwähnen: Georg Haner, der spätere Bischof, der Schulreformer Johann Mild, G. Paul Binder, Carl Goos, Michael Schuster, G. D. Teutsch, Friedrich Müller, Joseph Haltrich, Daniel Höhr, Dr. Johann Wolff und Dr. Julius Hollitzer. Immerhin mehr als ein Drittel aller sächsischen Bischöfe haben die Bergschule durchlaufen und waren teilweise auch Lehrer oder Rektor der Schule, nämlich:
Georg Haner, Christian Barth, Lukas Hermann, Paul Zekelius, Stefan Adami, Georg Kraus, Lukas Graffius, Georg Paul Binder, G. D. Teutsch, Friedrich Müller d.Ä, Friedrich Teutsch und Albert Klein. Lohnt es sich da nicht, auf Spurensuche zu gehen. Ich meine, sehr wohl lohnt es sich.

Lassen Sie mich exemplarisch noch einige weitere Persönlichkeiten erwähnen, die aus Schäßburg stammen, oder die Bergschule durchlaufen haben, alle können wir nicht nennen, es sind deren zu viele:
Ich nenne die hochbegabte Familie Polner, die mehrere Bürgermeister, aber auch Bischöfe noch vor der Reformation hervorgebracht hat. Ich nenne den großen Chronisten Georgius Krauss, den Sachsengrafen Andreas Teutsch, den Ritterkreuzträger des Militärischen Maria-Theresia-Ordens Michael Waldhütter, den General Michael Melas, an dessen Wohnhaus wir am Sonntag eine Gedenktafel enthüllen wollen, aber auch den siebenbürgischen Leonidas Friedrich Hensel, der in der Schlacht bei Aspern im Jahre 1809 einen viel bewunderten Heldentod starb. Ich nenne den berühmten Arzt und Botaniker Johann Christian Gottlob Baumgartner, den Mineralogen, Geologen und Frühgeschichtler Johann Michael Ackner, den Juristen und Historiker Josef Zimmermann, den Naturforscher Karl Petri, den Ökonomen und Politiker Carl Wolff. Natürlich gehören in diese Reihe auch unser großer Dichter Michael Albert, die Malerin Betty Schuller, der Jugendstilarchtekt Friedrich Balthes und die begabte und vielfach wirksame Familie Leonhardt.

Was wäre die Touristenstadt Schäßburg ohne das Museum im Stundturm, eine Schöpfung von Josef Bacon. Dessen Mutter, Therese Bacon, Gründerin des Schäßburger Frauenvereins, war eine ganz große Schäßburger Frauengestalt und unermüdliche Vorkämpferin für die Gleichberechtigung der Frauen. Ihre Tochter Marie Stritt brachte es sogar zur Vizepräsidentin des Internationalen Frauenbundes und sogar zur ersten Frau im Dresdner Stadtrat.
Wir haben also, wie wir gesehen haben, noch über viele Jahre, wenn nicht Jahrzehnte Stoff für eine ausgiebige Spurensuche. Ich wünsche uns allen die Kraft, mit Schwung und Begeisterung die Spurensuche fortzusetzen. Freilich ist unsere Gemeinschaft klein geworden und wir müssen lernen, uns zu bescheiden. Mit Zuversicht und und Gottvertrauen lässt sich jedoch allerhand bewirken. Wie schrieb Michael Albert?

Ob mancher Zweig ihm heut verdirbt,
Er treibt stets neue Glieder,
Nur wenn der Baum von innen stirbt,
Dann grünt er nimmer wieder.

Als notorischer Optimist bin ich der festen Überzeugung, dass wir mit Gottes Hilfe neue Glieder treiben werden und uns noch häufig auf Spurensuche zur Festigung unserer Identität begeben können.

Die Siebenbürger Sachsen in Geschichte und Gegenwart

Ansiedlung und Konsolidierung

„Hier wurde deutsch gesprochen, als Berlin noch ein slawisches Fischernest war“. Dies ist sinngemäß in der evangelischen Kirche in Rotberg, dem Wohnort des bekannten siebenbürgisch-sächsischen Gegenwartsschriftsteller Eginald Schlattner, zu lesen. In der Tat ist Siebenbürgen das älteste deutsche Siedlungsgebiet im Südosten Europas.

Nach der Befriedung der Ungarn durch Otto den Großen im Jahre 955 und ihre Christianisierung wenige Jahrzehnte danach begannen die ungarischen Könige Siebenbürgen von Westen nach Osten zu erschließen. Der militärische Vorstoß oblag einer ungarischen Subethnie, den Szeklern, die abschnittsweise bis zu den Ostkarpaten vorstießen. Die dabei frei gewordenen Gebiete wurden zu königlichem Besitz, zum „Königsboden“, der mit überwiegend deutschen Kolonisten aus dem moselfränkischen Raum aufgesiedelt wurde. Ihre Bezeichnung lautete hospites, teutonici, flandreses, in Einzelfällen auch latini, was auf eine zunächst heterogene Siedlergruppe hindeutet. Später bürgerte sich der Name saxones ein, der jedoch keine Herkunftsbezeichnung ist, sondern eher auf einen terminus technicus in der ungarischen Kanzleisprache schließen lässt, der auch auf andere Siedlergruppen im Königreich Ungarn mit ähnlich weitgehenden Privilegien angewendet wurde.

Das Interesse der ungarischen Könige war es, wehrtüchtige und mit einer fortschrittlichen Technologie ausgestattete loyale „hospites“ mit den frei gewordenen Gebieten zu belehnen, die unmittelbar der Krone unterstellt waren. Auf diese Weise erhofften sie sich nicht nur eine prosperierende Landschaft mit einem hohen Steueraufkommen, sondern auch ein starkes Gegengewicht zu dem steuerbefreiten und unzuverlässigen Adels zu schaffen. Die spätere Zeit erwies, dass die Rechnung voll aufging. Natürlich konnte ein solches Siedlungswerk nur erfolgreich sein, wenn den angeworbenen Siedlern weitestgehende Freiheiten und Privilegien in Aussicht gestellt wurden. Im „Goldenen Freibrief der Siebenbürger Sachsen“, dem Andreanum, vom Jahre1224 sind diese Rechte und Freiheiten schriftlich fixiert. Es handelt sich um ein einzigartiges Dokument, das den Siedlern eine fast vollständige Selbstverwaltung, selbst in der kirchlichen Organisation, zugestand. Trotz des verheerenden Rückschlags durch die mongolische Invasion im Jahre 1241 erfüllten sich die Erwartungen der ungarischen Könige voll und ganz, denn es entstanden auf dem Königsboden wehrhafte und, begünstigt durch den Orienthandel, wohlhabende Städte und eine überdurchschnittlich hoch entwickelte Landwirtschaft.

Eine Episode blieb das Siedlungswerk des Deutschen Ordens unmittelbar im Karpatenknie, dem Burzenland, der nach nur 14 Jahren (1211 – 1225) Tätigkeit ( In dieser Zeit begann nicht nur der Aufstieg Kronstadts zu einer mächtigen Stadtrepublik, sondern auch das Umland wurde deutsch besiedelt.) des Landes verwiesen wurde, weil er seine Kompetenzen überschritten hatte. Danach wandte er sich seinem Aufbauwerk in Preußen zu.

Siebenbürgen war von Anfang an ein Sonderterritorium des Königreichs Ungarn auf ständischer Basis. Nach zähem Ringen etablierten sich endgültig im 15. Jh. die drei staatstragenden Stände, die zu je einem Drittel im Landtag vertreten waren, nämlich die ungarische Adelsnation Siebenbürgens, die Nation der Szekler und die „Nationsuniversität der Siebenbürger Sachsen“ (universitas saxonum). Die Binnenstruktur der Stände war unterschiedlich. Die sächsische Nationsuniversität war quasi-demokratisch organisiertt und an ihrer Spitze stand der frei gewählte Comes Saxonum = Sachsengraf. Der Adel war mittlerweile innerhalb der Nationsuniversität nahezu vollständig abgeschafft worden.. 1583 erließ die Nationsuniversität das auf ihrem Gebiet geltende „Eigen-Landrecht“, das bis zu Einführung des österreichischen Allgemeinen Bürgerlichen Gesetzbuchs im Jahre 1853 in Kraft blieb.

Auf diesen Grundlagen etablierten die Siebenbürger Sachsen ihr politisches, wirtschaftliches und kulturelles Gewicht in der Region. Auf sie konnten sie sich auch stützen, nachdem durch die Zerschlagung des Königreichs Ungarn durch die Osmanen im Jahre 1526 Siebenbürgen zu einem selbständigen Fürstentum unter türkischer Oberhoheit wurde (bis 1691). Ohne diese Machtbasis hätten sie wohl in den äußerst kriegerischen Zeiten nicht überleben können. Es war auch die Zeit, in der sie das nach dem Mongolensturm begonnene Befestigungswerk systematisch ausbauten. Das Resultat sind die bis zum heutigen Tag noch erhaltenen zahlreichen Kirchenburgen, ein in Europa einzigartiges Ensemble.

Zur inneren Konsolidierung trug in besonderer Weise die Reformation bei. Ohne größere Friktionen entschieden sich die Siebenbürger Sachsen für das Luthertum. 1547 erlangte die vom siebenbürgisch-sächsischen Reformator Johannes Honterus in enger Absprache mit Luther und Melanchthon verfasste „Kirchenordnung aller Deutschen in Sybembürgen“ in allen sächsischen Gemeinden Gültigkeit. Die Ungarn und Szekler entschieden sich in ihrer Mehrheit für den Calvinismus und den Unitarismus, die Rumänen blieben dem orthodoxen Glauben treu. Die traditionelle religiöse Toleranz wurde in Frage gestellt, als nach 1691mit der Umwandlung Siebenbürgens in ein österreichisches Kronland eine aggressive Phase der Gegenreformation einsetzte, der gegenüber jedoch die Sachsen erfolgreich Widerstand leisteten.

Verlust der Privilegien

Schwere Zeiten kamen auf die Sachsen zu, als im 19. Jh. bei den Ungarn ein überhitzter Nationalismus zum Ausbruch kam, der 1848/49 zu einem blutigen Bürgerkrieg führte. 1867 kam es schließlich zum österreichisch-ungarischen Ausgleich und und damit zum Anschluss Siebenbürgens an das Königreich Ungarn. 1876 wurde die sächsische Nationsuniversität aufgelöst und die Sachsen verloren auf einen Schlag sämtliche Privilegien. Damit mutierten die Siebenbürger Sachsen von einer staatstragenden staatlichen Säule zu einer mehr oder weniger geduldeten nationalen bzw. ethnischen Minderheit, was in ihrer Wahrnehmung selbstverständlich einem Fall in die Bedeutungslosigkeit gleichkam. In dieser Situation ergriffen vor allem die Würdenträger der evangelischen Kirche, die auch Trägerin der deutschen Schulen war, die Initiative und nahmen den Kampf gegen die aggressive Madjarisierungspolitik und den Versuch, das deutsche Schulwesen zu beseitigen, auf. Das deutsche Schulwesen hatte ein sehr hohes Niveau (Immerhin war schon 1722 für beide Geschlechter die allgemeine Schulpflicht eingeführt worden) und wurde auch von den Eliten anderer Nationalitäten häufig in Anspruch genommen. Der Kampf blieb nicht ohne Erfolg, denn bereits Anfang des neuen Jahrhunderts begann die Obrigkeit einzulenken.

Der „Sprachenkampf“ hatte aber für das Selbstverständnis der Siebenbürger Sachsen weitreichende Konsequenzen. Die in Mehrheit an deutschen Universitäten studierenden sächsischen Abiturienten wurden vom nationalen Aufbruch im entstehenden Bismarck-Reich erfasst und erhofften sich von dort tatkräftige Hilfe im Kampf um ihr ethnisches und sprachliches Überleben. Nachdem die Siebenbürger Sachsen schon mit der Reformation eine starke emotionale und kulturelle Bindung an alles „Deutsche“ zu spüren begannen, so verorteten sie sich nun vollends in der deutschen Kulturnation im Sinne von Friedrich Meinecke. Deutschösterreich spielte in ihrer neuen Identitätsbestimmung keine Rolle mehr, wohl eine verspätete Reaktion auf die Zeit der Gegenreformation.

Zwischenkriegszeit

Die schlechten Erfahrungen mit dem ungarischen Nationalismus führte dazu, dass sie den Anschluss Siebenbürgens an das nach dem 1. Weltkrieg geschaffene Großrumänien freudig begrüßten, da sie sich in diesem Staatsverband größere Entfaltungsmöglichkeiten erhofften. Diese Hoffnung wurde jedoch rasch enttäuscht. Benachteiligungen aus ethnischen Gründen, Enteignungen, Drangsalierung des deutschen Schulwesens und andere diskriminierende Maßnahmen waren an der Tagesordnung. Als Reflex darauf, aber auch infolge der Faszination, die der Aufstieg des Nationalsozialismus in Deutschland auf die akademische Jugend der Siebenbürger Sachsen ausübte, setzte auch bei ihnen eine nationalistische Radikalisierung ein, die z. T. tumultuarische Formen annahm und zu einer tiefen ideologischen Spaltung der sächsischen Gemeinschaft führte. Der radikale Flügel propagierte offen den Nationalsozialismus und schreckte auch nicht vor terrorartigen Übergriffen zurück. Mit der Errichtung der Militärdiktatur unter Marschall Antonescu im September 1940 und der Entsendung deutscher „Lehrtruppen“ nach Rumänien wurde der deutschen Volksgruppe auf Druck Berlins der Status einer Körperschaft des öffentlichen Rechts verliehen und ein fanatischer Nationalsozialist zum Volksgruppenführer ernannt, der sofort mit der Gleichschaltung sämtlicher sächsischer Einrichtung begann. Ähnliches geschah in Nordsiebenbürgen, das 1940 durch den 2. Wiener Schiedsspruch an Ungarn abgetreten werden musste, wodurch die sächsische Gemeinschaft in zwei Teile gespalten wurde. Tragische Folgen hatten die Abkommen mit Ungarn (1942) und Rumänien (1943) in deren Folge die Angehörigen der deutschen Volksgruppen (nunmehr „Volksdeutsche“) offiziell „freiwillig“ zur Waffen-SS eingezogen wurden. Der Druck, sich zur Waffen-SS zu melden, war so stark, dass sich kaum ein Rekrut anders entscheiden konnte. Dies hatte zur Folge, dass ihnen nach dem Krieg die Rückkehr in die Heimat versagt blieb und nicht wenige von ihnen sogar vor Gericht gestellt wurden.

Krieg und Nachkriegszeit

Mit dem 23.08.1944, dem Tag des rumänischen Frontwechsels, setzte eine jahrzehntelange Leidenszeit ein. Die Sachsen in Nordsiebenbürgen wurden fast in ihre Gänze nach Österreich und Deutschland evakuiert und nur sehr wenige kehrten später in ihre Heimat zurück. Im Januar 1945 wurden 30.000 Sachsen beider Geschlechter zur Zwangsarbeit in die Sowjetunion deportiert, von denen ein Teil der Überlebenden nach Ableistung der Zwangsarbeit nach Deutschland entlassen wurde, ein anderer Teil jedoch nach Rumänien zurückgeschickt wurde. Es gab daher kaum noch Familien, die nicht auseinandergerissen worden wären. Hinzu kam noch die nahezu vollständige Enteignung, die staatsbürgerliche Entrechtung und politische Verfolgung. Erst Mitte der 50er Jahre setzte eine allmähliche „Normalisierung“, allerdings im Sinne eines sozialistischen Staates, ein, die jedoch immer wieder durch aufsehehnerregende politische Prozesse unterbrochen wurde. Ab Mitte der 60er Jahre kann erst von einer Wiedereingliederung der Sachsen in die nunmehr sozialistische Gesellschaft gesprochen werden. Immerhin wurde der Gebrauch der deutschen Sprache und der Besuch deutscher Schulen nie in Frage gestellt. Ebenso hat es durchgängig deutsche Zeitungen und Buchpublikationen gegeben, wenn auch unter strenger Zensur. Allerdings stellte sich vermehrt das dringende Problem der Familienzusammenführungen. Nach allen den traumatischen Erfahrungen und den massenhaften Familientrennungen wurde der Auswanderungswille, der durch die paranoide Politik der Ceausescu-Ära zudem noch immens verstärkt wurde, nahezu zur kollektiven Obsession. Eine Obsession, die durch das Abkommen zwischen der Bundesrepublik Deutschland und Rumänien in den 70er Jahren zum Abkauf auswanderungswilliger Deutscher aus Rumänien zu festgesetzten Preisen und jährlichen Zahlenkontingenten noch verstärkt wurde. Daher war es nicht verwunderlich, das in den ersten beiden Jahren nach der Beseitigung des Ceausescu-Regimes Ende 1989 Hunderttausende Rumäniendeutscher geradezu fluchtartig das Land verließen, da sie befürchteten, „das Fenster“ könnte sich wieder schließen, denn immerhin gab es ja damals die Sowjetunion noch. Die Gemeinschaft der Siebenbürger Sachen ist heute auf unter 10% ihrer ehemaligen Kopfzahl geschrumpft. In vielen Dörfern ist das Deutschtum entweder ganz erloschen oder auf einen minimalen Rest reduziert. Die evangelische Landeskirche umfasst nur noch knapp 15.000 Seelen und ist zur Diasporakirche geworden.

Das Demokratische Forum der Deutschen in Rumänien

Ungeachtet dessen ist die deutsche Gemeinschaft in Rumänien und die siebenbürgisch-sächsische Gemeinschaft im Besonderen auch heute noch eine beachtliche kommunalpolitische und kulturelle Kraft, die von der Mehrheitsbevölkerung hoch geschätzt wird. In den letzten Dezembertagen des Jahres 1989 bereits formierte sich das Demokratische Forum der Deutschen in Rumänien auf Landes-, Regional- und Ortsebene und nahm die Verhandlungen mit der Übergangsregierung auf. Es verstand und versteht sich auch heute als politische Vertretung der Deutschen in Rumänien. Schon früh begann man im Rahmen des Forums Themen wie Enteignung und Rückerstattung auf die Agenda in Bukarest zu setzen. Es wurden Vertreter in die vorläufige parlamentarische Versammlung entsandt, ebenso wurde der Fortbestand der deutschen Presse gesichert und die Anerkennung der Russland-Deportierten als politisch Verfolgte durchgesetzt. Ein besonderes Anliegen des Forums war und ist der Erhalt des deutschen Schulwesens und der deutschen Kulturtraditionen. Durch die massenhafte Auswanderung in den Jahren 1990/91drohte die Gefahr, dass das gut organisierte und hoch renommierte deutsche Schulwesen keinen Bestand mehr haben würde. Dank der intensiven Bemühungen und zähen Verhandlungen des Forums konnte das deutsche Schulwesen im Wesentlichen fortgeführt werden, ja teilweise sogar ausgeweitet werden. Dieser Erfolg wurde durch 3 Umstände begünstigt. Erstens war der Andrang auf die deutschen Schulen dank ihres sehr guten Rufes seitens der Mehrheitsbevölkerung so groß, dass sogar eine qualitative Auswahl getroffen werden konnte. Ohne diesen Andrang hätten die Schulen nicht fortgeführt werden können, denn heute sind nur noch knapp 5% der Schüler deutscher Abstammung. Zweitens wurden deutschsprachige Studiengänge an mehreren Universitäten ausgebaut, um u. a. den deutschsprachigen Lehrernachwuchs zu sichern. Drittens wurden seitens der Bundesrepublik Deutschland (in geringerem Umfang auch seitens der Republik Österreich) Programmlehrer und Fachberater zur Qualitätssicherung des deutschen Schulwesens entsandt, eine sehr hilfreiche Maßnahme, ebenso wie die Entsendung etlicher DAAD-Lektoren. Mittlerweile wurde auch ein deutschsprachiges Lehrerfortbildungsinstitut ins Leben gerufen. Bemerkenswert ist auch die intensive Kulturarbeit des Forums und seiner Gliederungen (Publikationen sowie eine Fülle von größeren und kleineren Veranstaltungen).

Das deutsche Forum ist im Rahmen der Minderheitenregelung in Rumänien (es gibt 18 anerkannte Minderheiten) mit einem eigenen Abgeordneten im Abgeordnetenhaus vertreten und stellt traditionsgemäß von Anfang an den Unterstaatssekretär im Departement für intererethnische Beziehungen in der rumänischen Regierung. Es versteht sich zwar nicht als politische Partei, ist jedoch befugt, Kandidaten aus den eigenen Reihen für die Kommunalwahlen aufzustellen. Vor allem in Siebenbürgen haben die Kandidaten des Forums beachtliche Erfolge erzielen können. Herausragendes Beispiel ist Hermannstadt (Sibiu), wo das Forum schon in der 4. Wahlperiode den Oberbürgermeister und die absolute Mehrheit des Stadtrats stellt, obwohl der deutsche Bevölkerungsanteil bei unter 1% liegt. Die Finanzierung der Forumsaufgaben erfolgt zum einen auf gesetzlicher Grundlage durch die rumänische Regierung, zum anderen durch Zuwendungen aus dem Etat des Bundesbeauftragten für Aussiedlerfragen der Bundesrepublik Deutschland. Diese Mittel werden jährlich ausgehandelt und zweckgebunden über Mittlerorganisationen eingesetzt. Fördergebiete sind beispielsweise Betriebsmittel für Altenheime, Entsendung von Kulturmanagern, Jugendarbeit, Darlehen für Existenzgründungen rumänischer Staatsangehöriger deutscher Abstammung. Diese Darlehen werden von den regionalen Forums-Stiftungen treuhänderisch verwaltet und die Rückflüsse werden gemeinschaftsfördernden Zwecken zugeführt. Ebenso wurden bisher auch Ankäufe und Instandsetzungen von Forumssitzen mit Bundesmittel unterstützt.

Siebenbürgenforum und evangelische Kirche

Das Regionalforum Siebenbürgen und die evangelische Kirche arbeiten in enger Partnerschaft zusammen, nachdem ihre Mitglieder nahezu identisch sind, sie also „im selben Weinberg“ tätig sind. Der Kirche obliegt neben ihren geistlichen Aufgaben samt eigener theologischer Fakultät und evangelischer Akademie die Instandhaltung und Pflege ihres außerordentlich reichhaltigen Kulturerbes, nicht zuletzt der sehr zahlreichen Kirchenburgen und anderer Baudenkmäler. Diese Aufgabe übersteigt ihre finanzielle und personelle Kraft und sie ist auf vielfältige Hilfe angewiesen. Das Siebenbürgenforum unterstützt tsieie mit seineMöglichkeiten beibei der Aquirierung von Fördergeldern (europäische Fonds, Kulturstiftungsgelder, Regierungsgelder). Sehr hilfreich ist auch die Unterstützung der ausgewanderten Sachsen, die sich in ihrer Mehrheit im „Verband der Siebenbürger Sachsen in Deutschland“, der „Siebenbürgisch-Sächsischen Landsmannschaft Österreich“ und ähnlichen Vereinigungen in Übersee zusammengeschlossen haben. Sehr wertvolle Hilfe leisten auch die Heimatortsgemeinschaften (HOG) in Deutschland in ihren Heimatgemeinden (Friedhofspflege, Reparaturen an den Kirchenburgen u.a.).

Ausblick

Es ist das Verdienst des Deutschen Forums und der evangelischen Kirche in Siebenbürgen in einer dramatischen Umbruchzeit und angesichts einer Schrumpfung der Siebenbürger Sachsen auf unter 10% ihrer ehemaligen Kopfstärke für eine stabile rechtliche, politische und kirchliche Basis und eine Konsolidierung der sächsischen Gemeinschaft gesorgt zu haben. Wie sind nun die Aussichten, dass auf diesen Grundlagen auch eine dauerhafter Bestand der Gemeinschaft gesichert ist? Bei genauer Betrachtung gelangt man zu einer gewissen Skepsis. Seitens der politischen Parteien und des Staates drohen zumindest zur Zeit keine Gefahren von Beeinträchtigungen der deutschen Gemeinschaft, denn außer bei einigen radikalen Splittergruppen genießen die Deutschen ein hohes Ansehen und sie werden mit Wohlwollen betrachtet. Allerdings weist die Gemeinschaft selbst, wenngleich unverschuldet, Schwächen auf, die an einem anhaltenden und kraftvollen Weiterbestand zweifeln lassen. Die Auswanderungsdynamik der 90er Jahre hat eine stark reduzierte und überalterte sächsische Gemeinschaft hinterlassen, deren Durchschnittsalter Jahr für Jahr gestiegen ist und noch weiter steigen wird, nachdem es fast keinen Nachwuchs mehr gibt. Die evangelische Kirche und das Forum werden sich daher zunehmend diakonische Aufgaben zueigen machen müssen. Bedenklich ist auch die Tatsache, dass die Leistungsträger an Zahl immer mehr abnehmen, weswegen immer mehr Aufgaben auf sie zukommen, was zwangsläufig zu Ämterhäufung und Überlastung führt. Um diesem Prozess entgegenzuwirken, sind bereits Initiativen zur Vitalisierung der Gemeinschaft ergriffen worden, die bisher jedoch noch ohne sichtbaren Erfolg geblieben sind. So scheiterte die Integrierung der vielen deutschen und deutschsprachigen Ausländer an den staatlichen Vorgaben, nach denen das Forum die Interessenvertretung ausschließlich rumänischer Staatsbürger deutscher Nationalität ist. Aus dem gleichen Grund scheiterte der Versuch, die vielen Abiturienten der deutschen Gymnasien, die sich der deutschen Kultur verpflichtet fühlen, zu integrieren. D.h. im einen Fall ist die mangelnde Staatsangehörigkeit im anderen Fall die nichtdeutsche Abstammung das Hemmnis. Ein Aufruf zur Rückwanderung mit gleichzeitigem Angebot zur Existenzneugründungshilfe hat bis auf wenige Einzelfälle noch nicht gewirkt. Zu bedauern ist auch die Tatsache, dass die Bundesrepublik Deutschland aus Spargründen ihr finanzielles Engagement zugunsten der deutschen Gemeinschaft in Rumänien stetig zurückfährt. Leider nimmt auch das deutsche Schulwesen in letzter Zeit an Niveau ab, da die muttersprachlichen deutschen Lehrkräfte aus Altersgründen weitgehend ausgeschieden sind, und der qualifizierte in deutscher Sprache ausgebildete Nachwuchs entweder besser bezahlte Jobs bei deutschen Investoren bevorzugt oder auswandert. Das Lehrerentsendeprogramm kann diese Lücke nicht ausfüllen, sondern wird sogar zurückgefahren. Dennoch werden die deutsche Kultur und die deutsche Sprache auch in Zukunft noch eine große Rolle spielen, wenn auch nicht der gleichen Dimension wie in der Vergangenheit.

Abschließend ist noch zu bemerken, dass bis zu seiner Auflösung im Dritten Reich die überwältigende Mehrheit der in Deutschland und Österreich studierenden Siebenbürger Sachsen Mitglieder des VVDSt waren.

Literatur:

  • Ernst Wagner, Geschichte der Siebenbürgher Sachsen – Ein Überblick. Thaur 1990 ISBN 3-85373-3055-8
  • Konrad Gündisch, Siebenbürgen und die Siebenbürger Sachsen, Langen Müller, München 1998. ISBN 3-7844-2685-9
  • Harald Roth, Kleine Geschichte Siebenbürgens, Böhlau, Köln 2007. ISBN 978-3-412-13502
  • Sibiweb
  • Siebenbuerger.de
  • Demokratisches Forum der Deutschen in Rumänien

Vogelmilch

Wegen gräßlicher Magenschmerzen ließ ich mich eines Sonntags von meiner Frau in das Kreiskrankenhaus Bad Königshofen fahren, wo ich mir rasche Linderung erhoffte. Nach nicht enden wollenden Untersuchungs- und Therapieprozeduren begann ich meinem Freund, dem Chefarzt, allmählich zu glauben, daß der Faktor Zeit auch in der modernen Medizin keinesfalls vernachlässigt werden dürfe, was für mich jämmerlich leidende Kreatur wohl heißen sollte: „Sei still und warte erst einmal ab!“ Er meinte also nicht die philosophische oder gar poetische Dimension der Zeit, sondern ausschließlich die brutal naturwissenschaftliche. Ich begann, mich in mein Fatum zu fügen, und befolgte sogar seine Anweisung, tagelang zu hungern und zu dürsten. Besonders der Durst plagte mich sehr. Ich begann mir vorzustellen, wie der erste Schluck Wasser schmecken würde. Die Gier nach Indian Tonic Water beherrschte mich ganz stark. Nach einiger Zeit gesellte sich neben eine 1,5-Liter Plastikflasche Tonic, die ich jüngst in Frankreich kennengelernt hatte, ein großer Becher mit Vanilleeis. Erst waren es sechs Kugeln, dann zwölf. Seltsame, schlumpfähnliche, winzige Wesen spannten grinsend ihre blauen, grünen und roten Sonnenschirmchen aus Creppapier auf, legten sich darunter und begannen mit Plastiklöffelchen ihre Unterlage aufzuessen. Die Eiskugeln wurden aber nicht kleiner, sondern sie wuchsen erstaunlich schnell und hatten bald die Ausdehnung von Tennisbällen und schließlich sogar von Handbällen. Dies ergötzte die kleinen Wesen anscheinend so sehr, daß sie zu tanzen anfingen, zunächst jedes für sich, dann alle im Kreis, immer schneller, immer schneller, immer schneller. Sie waren nicht mehr von einander zu unterscheiden. Das zunächst leise und dann immer lauter werdende scheppernde Geräusch kannte ich. Ich sah genauer hin. Die Wesen waren verschwunden und die runzelige Hand meiner damals über 85-jährigen Urgroßmutter, Grißi genannt, rührte mit einem emaillierten Schöpflöffel rhythmisch in einer mir wohlbekannten, ebenfalls emaillierten Schüssel, innen hellblau, außen dunkelrot. Grißi rührte in einer fast vollen Schüssel Vogelmilch. Ich muß damals ungefähr neun Jahre alt gewesen sein und wartete mit sicher ganz weit aufgerissenen Augen auf meine Kelle. Vogelmilch gab es gelegentlich an sehr warmen Tagen zum Mittagessen. Es war mit Vanillegeschmack versetzte und mit viel Honig gesüßte Milch, in der schneeweiße Flocken von steif geschlagenem Eiweiß schwammen. Wir saßen im Garten an einem langen Tisch unter einem Birnbaum und zwei Tannen neben dem Schafstall. „Wer bekommt heute zuerst?“ „Ich!“ Mein Bruder Seppi streckte unmißverständlich seinen Teller hin. „Jetzt ich! Jetzt ich!“ Grißi tat, als höre sie mich nicht. Hertamaria, meine Schwester, meine Mutter, Omama. Marthatante und sie selbst löffelten alle bereits die Vogelmilch. „Joi! Karli! Dich habe ich ja ganz vergessen. Weil Du aber so bescheiden warst, bekommst Du einen Extralöffel Honig.“ „Schaut, wie er jetzt strahlt! Gib ihm doch bitte zwei Extralöffel!“ Marthatante lachte, wie es mir bei ihr immer so gut gefallen hat. Sie war wie eine Heilige für mich, seit sie vor einiger Zeit aus russischer Zwangsarbeit in der Taiga zurückgekehrt war, wo sie ihre Jugendträume verloren hatte. Nach dem Essen hieß es: „Kinder geht spielen!“ Bruder und Schwester waren sofort weg. Ich sagte: „Ich gehe in den Wald.“ „Aber nur, wenn der Mischi mitgeht, und vergiß deinen Pyjama nicht!“ Seiler Mischi war mein bester Freund und wir beide blieben oft tagelang „im Wald“, der eigentlich kein Wald war, sondern eine weit vom Dorf entfernte Flur, die unserem Hansonkel gehörte. Gleich angrenzend an die Äcker und Wiesen war allerdings ein riesiger fast undurchdringlicher Wald, der tief in das Szeklergebiet hineinreichte. Unser Steffen Hansonkel war eine wichtige Persönlichkeit. Er war nicht nur Kirchenvater und später sogar Kirchenkurator gewesen, allein das ist in einer siebenbürgischen Gemeinde etwas ganz besonderes, sondern er war auch einer der wohlhabendsten Bauern und hatte es sogar fertiggebracht als allerletzter vor dem Kommunismus zu kapitulieren und seine Selbständigkeit aufzugeben. Das habe ich allerdings nicht mehr beobachten können. Die Steffens, die eigentlich Baier hießen, Familiennamen spielten in unserem Dorf kaum eine Rolle und etliche meiner Schulkameraden haben erst in der Schule erfahren, wie sie wirklich hießen, die Steffens also, waren eine der angesehendsten Freundschaften, d.h. Verwandtschaften, zu der wir auch irgendwie gehörten. Hansonkel war im Dorf unser Nachbar, hielt sich aber sehr oft mit seiner gesamten Familie, er hatte zwei Töchter und drei Söhne, von denen zwei auch in russischer Verschleppung gewesen waren, in seinem bescheidenen Aussiedlerhof „im Wald“ auf. Einmal strich er mir über den Kopf und sagte: „Weißt du Karli, hoffentlich gelangt ihr bald hinauf ins Reich zu eurem Vater. Hier habt ihr keine Zukunft, und deine Mutter wird noch ganz krank und schwermütig. Kommunismus und dann auch noch mit den Walachen, das endet nur im Elend. Ich hoffe daß ich das Ende dieses Skandals noch erleben werde, aber dann wird es keinen Wald mehr geben und die Weinberge deines Großvaters wird es auch nicht mehr geben. Sie ruinieren alles. Ich kann sie nicht mehr sehen. Deshalb bin ich viel lieber hier draußen.“ „Hier finden uns auch die Russen nicht so leicht.“ „Hast du Angst, die Russen würden wieder kommen? Die kommen nicht mehr. Sie haben ja ihre Brut hier gelassen und uns auch noch das Kolonistenpack aus dem Erzgebirge hergeschickt, die nur Löffel schneiden können, hier aber die großen Herren spielen und dann das ganze Zigeunervolk!“ Seiler Mischi, der ständig auf der Flucht vor den Erziehungsmaßnahmen seiner drei älteren Schwestern war, und ich waren im Sommer und im Herbst mehr bei den Steffens als zu Hause. Also gingen wir auch häufig mit in den Wald. Heute wollten wir uns alleine auf den Weg machen. Mischi war aus irgendeinem Grunde schon vorausgegangen. In den „7 Dörfern“, der letzten Gasse vor dem Dorfausgang, wo nur die Schwachen wohnten, wie man landläufig sagte, fühlte ich mich nie wohl. Im letzten Haus auf der linken Seite, am Fuße des Bulzerich, des höchsten Berges der Gemarkung, rief mich Lenchentanti auf ein Glas Milch herein, Milch, die sie irgendwo, möglicherweise sogar bei uns, erbettelt hatte. Balasi Lenchen war halb Ungarin, halb Sächsin und lebte allein. Unmittelbar nach dem Krieg war sie Kommunistin gewesen. Man hatte ihr aber übel mitgespielt, und sie war jetzt eine verbitterte und verarmte Frau. Sie lebte von der Nachernte, was streng verboten war. Sie mußte eine höhere Schulbildung genossen haben, denn oft saß sie mit Omama, einer gewesenen Lehrerin, in unserer Küche und sie unterhielten sich über Geschichte und andere schwierigen Dinge, die ich damals nicht verstand. Ich habe sie immer gerne gehabt, nicht zuletzt weil ich ihr aus der legendären Mansardenbibliothek meines Ungar-Großvaters oft Bücher, die meisten in ungarischer Sprache, bringen durfte. Mir prophezeihte sie dann immer eine große Zukunft, „wenn diese schlechten Zeiten vorbei sind.“ Die Milch war schal und sie stillte meinen Durst nicht. „Wenn du in den Wald gehst, dann sag eurem Hansonkel, er soll mir nach der Ernte einen Sack Korn oder wenigstens Türkisches Korn (Mais) über das Geländer werfen. Das macht er aber doch nicht, denn er haßt uns Ungarn.“ „Die Walachen aber noch mehr!“ „Geh’ jetzt Karli! Ich habe zu tun.“ Der schnelle Lauf zur Brombeerhecke hatte sich nicht gelohnt, denn die Früchte waren noch ganz grün. Dafür leuchteten die dicken Pflaumen an der Abzweigung zum Wald, halblinks ging es nach Pipe, einem Szeklerdorf, rotblau, und ich rupfte gleich eine ganze Hand voll ab. Sie waren aber sauer und hart. Die Frühpflaumen am Dorfschild von Pipe waren süß, aber allesamt verwurmt. Auf der halben Strecke zum Dorfbrunnen vor der Kirche, die Szekler in Pipe waren durchwegs unitarisch, hüpften drei Buben auf dem Weg herum. Sie waren wie ich auch barfuß. Alle Kinder liefen im Sommer barfuß herum, mit Ausnahme in der Kirche, versteht sich. Zwei von ihnen hatten „Korkpilzmützen“, eine Spezialität der Szekler, auf dem Kopf, der dritte war kahl geschoren, und seine Kopfhaut war von der Sonne ganz rot verbrannt. Im Sommer waren fast alle Buben kahl geschoren, ob Sachsen, Walachen oder Szekler, alle, die Zigeunerbuben sowieso. Ich selbst hatte seit einiger Zeit immer ein Büschel auf der Stirn. „Wie ein Hitlerjunge!“ hatte Steffen Hans gesagt, als er seine Stutzmaschine absetzte. Der Junge mit der roten Kopfhaut hatte ein Stück Brot und durchwachsenen Speck in der Hand und bot mir stumm davon an. Rumänisch oder Sächsisch konnte er sicher nicht, konnte aber auch nicht damit rechnen, daß ich Ungarisch könne. Während ich nach meinem Taschenmesser griff, bemerkte ich, daß seine Hände graubraun vor Dreck glänzten. Auch er betrachtete jetzt seine Hände, legte das Brot und den Speck auf einen Stein neben dem Straßengraben und begann sich in einem Rinnsal zu waschen. In dem Augenblick schnappte ein streunender Hund nach dem Speck und floh mit eingezogenem Schwanz davon. Die drei Buben warfen fluchend mit Steinen hinter ihm her und hatten ihr ganzes Interesse an mir verloren. „Hast Du Durst? Willst du ein Töpfchen Wasser?“ Am Brunnen schöpfte ein großer und starker Mann einen Eimer Wasser und sprach Hochdeutsch mit mir. Gierig trank ich das Töpfchen aus und bemerkte, daß der große Mann ein riesiges Kinn hatte. Ein so großes Kinn hatte ich bisher noch nicht gesehen. Seine wulstige Unterlippe hing tief nach unten. Viele Jahre später, als ich zum ersten Mal von der „Habsburgerlippe“ erfuhr, erinnerte ich mich wieder an den Mann. „Wie heißt du?“ „Ich heiße Karl Scheerer, aber die Leute sagen Ungar-Karli zu mir.“ „Ach, von meinem Freund und Amtsbruder Ungar bist du ein Enkel? Ich bin der Pfarrer von Pipe. Komm mit mir!“ Auf der Veranda des Pfarrhofes saßen an einem Tisch eine große, etwas traurig blickende Frau und zwei Buben in meinem Alter. Beide hatten das gleiche gewaltige Kinn wie ihr Vater und die wulstige herabhängende Unterlippe. „Das ist meine Frau und hier sind meine Söhne Imre und Sandor.“ Dann sagte er schnell etwas auf Ungarisch, von dem ich nur die Hälfte verstand. Die Augen der traurigen Frau wurden freundlich und sie sagte auf Sächsisch, daß sie meinen Großvater gut gekannt habe und sie überhaupt über uns und unser Schicksal alles wisse. Mit den Buben konnte ich nur Rumänisch sprechen, das sie allerdings viel schlechter als ich beherrschten. Sächsisch und Hochdeutsch verstanden sie nicht. „Schau! Karoly, diesen Sohn habe ich nach unserem großen Tököly Imre genannt. Einer meiner Vorfahren war sein Kammerdiener in Käßmark in der Tatra. Tököly war unser „König“. Wir Szekler gehören so zur großen ungarischen Nation wie ihr Sachsen zu den Deutschen gehört. Damals habt ihr Sachsen zum Kaiser gehalten, wir Szekler aber zu unserm Tököly. Es ist auch in Ordnung so. Jeder muß wissen wohin er gehört. Heute gehören wir Szekler und ihr Sachsen zusammen, vor allem wir Evangelischen.“ Damals wußte ich nicht, daß ich ein Dutzend Jahre später eine Seminararbeit über den „Kuruzzenkönig“ Tököly schreiben und vierzig Jahre später an seinem Grabmal in Käßmark stehen sollte. „Dieser Sohn heißt nach Petöfi Sandor, der bei Schäßburg im Kampf gegen die Kaiserlichen gefallen ist. Ihr habt euren Theodor Körner, wir haben unseren Petöfi.“ Über Petöfi wußte ich gut Bescheid, denn ich hatte immer sehr gut zugehört, wenn Balasi Lenchen und Omama sich in der Küche unterhielten, und dabei war oft die Rede von Petöfi. „Sandor will aber Pfarrer werden, wie ich. Das möchte auch seine Mutter gerne.“ „Ich will auch Pfarrer werden!“ „Du bist aber keck! Sieh’ zu, daß du erst ins Reich kommst. Hier hast du keine Zukunft.“ Nachdem er seinen Söhnen alles übersetzt hatte, sah mich vor allem Sandor unentwegt an. Ich konnte seinem Blick nicht standhalten und fühlte mich unwohl. Auch quälte mich der Durst wieder, obwohl ich etliche Töpfchen Wasser trank. Der riesige Mann schien das zu bemerken und sagte: „So, jetzt gehst du nach Hause, sonst machen sich deine Leute Sorgen. Grüße sie schön von uns!“ Ich schämte mich zu sagen, daß ich ja eigentlich in den Wald gehen wollte. Dann sagte er etwas auf Ungarisch, von dem ich nur so viel verstand, daß die beiden Buben mich ein Stück begleiten sollten. Unterwegs warfen wir mit Steinen hinter den Vögeln her und riefen uns das eine oder andere auf Rumänisch zu. Am Haus von Lenchentanti blieben Imre und Sandor stehen. Das riesige Kinn von Sandor bebte und es schien mir, als habe er Tränen in den Augen. Plötzlich drückte er mir einen Kuß auf die Wange und sagte „Prieten!“ (Freund). Mein Kopf wurde ganz heiß und als ich mich noch einmal umdrehte standen sie immer noch da, das Kinn von Sandor bebte. Dreißig Jahre später sah ich aus dem Fenster eines Reisebusses das gleiche bebende Kinn. Es war an einer Baustelle vor der Einfahrt nach Suceava, wo ich auf einer Studienreise zu den Moldauklöstern unterwegs war. Ein großer starker Mann in Arbeiterkleidung starrte mich an und sein gewaltiges Kinn bebte. Seine wulstige Lippe zitterte und er hob kaum bemerkbar und eher verunsichert seine rechte Hand wie zum Gruß. „Sandor!“ schoß es mir durch den Kopf. Der Bus bog um die Ecke. Lenchentanti hatte die Szene über das Geländer beoabchtet und rief mich in den Hof. „Schau, schau, drei Pfarrersbuben! Willst du frischen Apfelmost? Ich habe gerade welchen gemacht. Die Äpfel habe ich am Bulzerich aufgelesen. Es kümmert sich ja kein Mensch mehr um das Obst. Das sind Zeiten!“ Der Most schmeckte gut, löschte aber meinen Durst nicht. „Die Szeklerbuben werden es schwer haben, aber du wirst einmal ein großer Herr. Das sehe ich in deinen Augen.“ Hinter den „7 Dörfern“ auf dem Weg zum „Hügel“ saß ein alter Mann auf einer Bank vor dem Tor und fragte mich, ob ich einer der Ungarenkel sei und woher ich komme. „So, so, du kommst von Wepperschdorf. Pipe sagen nur die Walachen. Auch dort gab es einmal Sachsen, aber sie sind erdrückt worden.“ „Hat man sie erwürgt?“ „Nein, nein, die Szekler sind anständige Leute, aber die Sachsen konnten sich dort nicht halten und sind zu uns gekommen. Deshalb gehört auch der Wald vom Steffen Hans zu uns. Wißt ihr etwas neues von eurem Vater? Ist er noch in Österreich oder ist er schon im Reich?“ Vor unserem Tor stand Grißi mit einer Nachbarin, die gerade bei uns frisches Wasser geholt hatte, und unterhielt sich. „Joi, Karli, bist du nicht im Wald?“ „Nein, ich war nur bis Pipe, jetzt habe ich Durst.“ „Lauf schnell hinauf in die Küche! Es ist noch Vogelmilch da.“ Als ich atemlos die Tür aufriß, stand in grellem Licht eine weiß bekleidete Krankenschwester und sagte: „Haben Sie einen Wunsch, Herr Dr. Scheerer?“ „Ja, Vogel…., nein danke!“ „Dann Gute Nacht!“ „Gute Nacht!“ Zu der 1,5-Literflasche Tonic gesellte sich wieder ein Becher mit Vanilleeis, zuerst sechs Kugeln, dann zwölf.

War es ein Traum? War es eine Erinnerung?

Joschka

„Laßt uns beten!“ Die Kirche war halb leer. Die alten Männer in ihren Kirchenpelzen erhoben sich krachend im Gestühl des Seitenschiffes. Auch die gebockelten (1) Frauen und die Kinder standen auf. „…………Wir beten für unsere Jugend und alle unsere 183 Männer und Frauen, die im fernen Rußland schwerste Arbeit verrichten müssen, seit sie verschleppt worden sind. Lieber Vater, wir bitten Dich, verleihe ihnen viel Kraft, auf daß sie unbeschadet an Leib und Seele zu uns zurückkehren und auf daß ihre Drangsal bald beendet wird. Wir bitten Dich………“ Rosinchen, meine Spielkameradin, wimmerte leise. Sie hatte vor drei Jahren mit angesehen, wie ihre beiden Eltern in die Stadt zum Bahnhof getrieben worden waren. „………Lieber Vater, heute beten wir für all diejenigen, die sich anschicken, das 9. und das 10. Gebot zu mißachten. Sei ihnen gnädig, denn sie wissen nicht was sie tun. Gib uns die Kraft, sie nicht zu hassen und sei auch uns gnädig! Wir legen unser Schicksal in Deine Hand. Amen!“ Die Männer sahen sich an und ein leises Raunen drang aus dem Gestühl. Der Pfarrer blieb nach dem Segen vor dem Altar stehen und ging nicht, wie sonst üblich, in die Sakristei. Zuerst verließen die Kinder die Kirche. Es folgten die Frauen und dann die Männer. Ich wartete im Kirchhof, denn ich war mit meinem Großonkel verabredet. Die Kinder und die Frauen hatten den Kirchhof verlassen. Die Männer stellten sich in zwei Reihen vor das Portal und schwiegen. Der Kurator war einmal um die Kirche herumgegangen und hatte dann das Tor des Kirchhofs von innen verriegelt. Er stellte sich vor das Portal und wartete schweigend. Nach einiger Zeit trat der Pfarrer aus der Kirche heraus und gab dem Kurator die Hand. „Herr Pfarrer, wir sind allein. Niemand kann uns hören. Ist es also so weit?“ „Ja, in den nächsten Tagen. Unser Herr Bischof ist in Bukarest bei Groza (2) und versucht noch einmal zu retten, was zu retten ist. Ich fürchte aber, ihr müßt mit dem Schlimmsten rechnen. Bewahrt Ruhe! Widerstand macht alles noch schlimmer. Gott ist bei uns. Wir werden auch diese Prüfung überstehen. Gott segne euch!“ Draußen regnete es und es war kalt. Der Lehmboden in der Sommerküche war naß. „Dreht die Lampe herunter, wir haben kein Petroleum mehr. Auch das haben sie uns weggenommen.“ Grißi, meine weit über achtzigjährige Urgroßmutter rührte energisch in einem Topf voll Maisbrei. „Wir müssen noch die Strohsäcke aufschütteln, sonst können wir wieder nicht schlafen“. Mein Bruder und ich gingen hinter meiner Mutter die breite Treppe unseres geräumigen Hauses hinauf. Vor ein paar Tagen hatte die Polizei uns des Hauses verwiesen mit der Mitteilung, wir hätten lange genug die Herren gespielt und sollten froh sein, daß man uns die Sommerküche und ein Zimmer überlasse. Der Hinweis, wir seien drei Frauen und vier Kinder, wurde überhört. Das Vieh hatte man schon vorher weggetrieben. „Sollen wir denn vor Hunger sterben?“ Meine protestierende Großmutter wurde wortlos umgestoßen. Die Kuh, ein Schwein, ein paar Hühner, zwei Säcke Maismehl und ein Stück Speck hatte man uns gelassen. Alles übrige, einschließlich der landwirtschaftlichen Geräte hatte man an Kolonisten verteilt. Diese waren Motzen (3) aus den Westkarpaten, die man in die zwangsgeräumten sächsischen Häuser eingewiesen hatte. Da unser Haus sehr geräumig war, wurde es in eine Krankenstation umgewandelt, wohin auch die Arztfamilie einzog. „Den Garten dürft ihr vorläufig noch behalten. Der Weinkeller ist konfisziert.“ Seither schliefen wir alle auf Strohsäcken in einem Zimmer und wohnten in der Sommerküche. Die fremde Arztfamilie erwies sich jedoch später als sehr zuvorkommend und räumte uns heimlich einen weiteren Wohnraum ein. Dies war nicht ungefährlich, denn man hatte sie ausdrücklich darauf hingewiesen, daß die Faschisten und Hitleristen jetzt für ihre Verbrechen büßen müßten, und jedes Entgegenkommen würde bestraft. Als wir die Strohsäcke aufgeschüttelt hatten, gingen wir wieder in die Sommerküche. Die Lampe glimmte mit kleiner Flamme. „Kommt her, ich erzähle euch eine Geschichte!“ Meine Großmutter, eine gewesene Lehrerin und Pfarrerswitwe, erzählte uns oft Geschichten. Wir hörten gebannt zu. Nur meine Mutter weinte still vor sich hin. Daran hatten wir uns schon gewöhnt. Plötzlich hörten wir Hufschläge und dann schwere Schritte im Hof. Grißi klemmte wortlos ihre Stuhllehne unter die Türklinke. Meine Schwester kroch unter den Tisch. Mein Bruder Seppi griff nach einem Messer. Mein Cousin Willibald, der als Waisenkind bei uns in der Familie lebte, wurde aschfahl. Das leise Pochen an der Tür erschreckte mich so sehr, daß ich auch unter den Tisch kroch. „Das ist der Joschka!“ Grißi nahm den Stuhl weg und öffnete die Tür. Joschka, ein etwa vierzigjähriger Szekler (4), trat ein und zog seinen nassen Überhang aus. Meine Schwester sprang unter dem Tisch hervor. „Joschka! Joschka!“ Sie drückte und küßte den unrasierten Mann. Meine Mutter lachte vor Freude. Joschka gehörte seit seiner frühen Jugend irgendwie zu unserem Hof. Er stammte aus einem kleinen Szeklerdorf hinter den Waldbergen und war als Knabe von meinem Großvater in den Dienst genommen worden. Er hatte als Stallknecht und Kutscher gearbeitet. Später war er in sein Dorf zurückgekehrt, wo er ein kleines Anwesen geerbt hatte, heiratete und wurde Vater von acht Kindern. Er schien jedes Mal zu ahnen, wenn es auf unserem Hof Schwierigkeiten gab, denn immer wenn er gebraucht wurde, war er ungerufen zur Stelle. Aus einer Satteltasche holte er einen Laib Käse, eine Kochwurst und Brot. „Wir haben gehört, was im ganzen Sachsenland passiert. Es ist eine Schande!“ „Wir können dich nicht bezahlen. Sie haben uns alles weggenommen.“ Grißi wollte alles wieder in die Tasche tun. „Ich weiß, ich weiß. Ist schon gut! Bei uns waren sie noch nicht. Ist auch nicht viel zu holen. Wir haben aber genug zu essen. So! Jetzt muß ich erst mein Pferd versorgen.“ Joschka ging hinaus. „Immer wenn wir in Not sind, schickt uns der Herrgott diesen Mann“. Meine Großmutter wurde feierlich. „Was hätten wir am Kriegsende ohne ihn getan? Ich weiß es nicht. Erst starb der Großvater. Die Umstände haben ihn umgebracht. Dann kam die Aushebung. Joschka war zur Stelle. Eure Tante wollte er im Szeklerland verstecken. Sie weigerte sich aber zu fliehen und nahm das Schicksal der Verschleppung mit allen anderen auf sich. Sie ist ein gutes Mädchen und Gott wird sie behüten. Ich bete täglich für sie.“ „Mutter, erzähl’ uns bitte noch einmal die Geschichte unserer Flucht!“ (5) Meine Schwester war ganz rot im Gesicht. „Heute nicht! Mir wird immer ganz schlecht, wenn ich daran denke. Der Viehwaggon, die Bomben, ich höre sie jede Nacht. Der Hunger und die Angst in Deutschland, Krankheiten, Karli ist fast gestorben, die Russen, der Rücktransport, das Lager in Sächsisch Regen, wohin wir gesteckt wurden, der Hunger und der Dreck, es war schrecklich. Eines Tages aber tauchte Joschka auf, gab uns zu essen und schaffte uns durch die Wälder mit einem Leiterwagen hierher. Es war wie ein Wunder“. „Ja, ja, wie ein Wunder“, meine Großmutter erzählte, eines Abends sei Joschka wieder aufgetaucht. „Ich habe gehört, Ihre Tochter und die Kinder sind wieder da. Sie sind in Sächsisch Regen eingesperrt und leiden Hunger. Im Szeklerland weiß man alles, oder fast alles. Geben Sie mir Geld, die Pferde und einen Leiterwagen! Ich hole sie. Ich weiß, wie man mit diesen Banditen umgeht. Sie sind alle gierig“. „So kamt ihr hierher und ich mußte euch erst einmal gesundfüttern. Karli haben wir mit Büffelmilch hochgepäppelt. Damals ging es uns noch gut“. Meine Mutter fing an zu weinen. Joschka trat wieder ein, erzählte von seinen Kindern, streichelte mir die Haare und ging zurück in den Stall, wo er neben seinem Pferd schlief. Am nächsten Morgen war er verschwunden. In den folgenden Jahren kam er gelegentlich noch vorbei, brachte Wurst und Käse und reparierte das eine und das andere. Dann kam er nicht mehr. Wie wir später hörten, hatte er große Schwierigkeiten mit den Behörden, wohl auch unseretwegen, und wurde sogar für einige Zeit in ein Arbeitslager gesteckt. Ein Bauarbeiter aus seinem Dorf erzählte mir kürzlich, die Familie sei in der kommunistischen Zeit völlig verarmt. Joschka sei auf einer Baustelle von einem herabstürzenden Träger erschlagen worden. Man wisse nicht, wo er begraben sei. Die ganze Familie habe das Dorf verlassen, etliche seiner Kinder seien nach Ungarn ausgewandert.

1
Die verheirateten Frauen gingen „gebockelt“ in die Kirche, d.h. sie trugen zu ihrer Tracht kompliziert gewundene Kopftücher, die mit edelsteinbesetzten Nadeln festgehalten wurden.

2
Petru Groza war der damalige Ministerpräsident und spätere Präsident. Sachsenbischof Friedrich Müller unterhielt enge persönliche Beziehungen zu ihm und konnte auf diese Weise etliche Erleichterungen für die Sachsen erwirken.

3
Die Motzen sind eine rumänische Subethnie in den höheren Lagen der Westkarpaten.

4
Die Szekler sind eine ungarische Subethnie, die vor allem bei der Landnahme der Ungarn eine herausragende militärische Rolle gespielt hat. Nach mehrfacher Dislozierung bevölkern sie seit dem Mittelalter den mittleren und südlichen Teil der Ostkarpaten.

5
Mein Geburtsort liegt in Nordsiebenbürgen, das durch den II. Wiener Schiedsspruch an Ungarn gefallen war. Die dortige Volksgruppenleitung und die deutsche Wehrmacht hatten entschieden, daß vor dem Herannahen der sowjetischen Truppen alle Nordsiebenbürger Sachsen ins Deutsche Reich evakuiert werden sollten. Die Dorfbewohner flohen mit ihren Viehwägen, die Städter, denen sich meine Mutter angeschlossen hatte, mit bereitgestellten Eisenbahntransporten. Ein Teil der Flüchtlinge, wie auch meine Familie, wurden von den sowjetischen Truppen überrollt und zurücktransportiert. Einige wenige kehrten freiwillig zurück. Die Masse verblieb in Österreich und in Deutschland. Die Mehrheit der Siebenbürger Sachsen, so auch meine gesamte Verwandtschaft, lebte im rumänisch verbliebenen Südsiebenbürgen und wurde nicht evakuiert.

Kirchenburgen in Siebenbürgen

Siebenbürgen zeichnet sich durch über 100 Kirchenburgen aus. Viele von ihnen sind jedoch seit der Massenauswanderung der Siebenbürger Sachsen dem Verfall ausgeliefert. Neben etlichen anderen Sicherungsmaßnahmen hat die Gemeinnützige Hermann Niermann Stiftung ein großzügiges Sicherungsprogramm aufgelegt, das von mir ehrenamtlich verwaltet wird. Bisher konnten in diesem Programm etliche Objekte gesichert werden (Beispiele: Hendorf, Wurmloch…….). Das Programm ist zeitlich unbefristet.


Wurmloch


Hendorf


Reußmarkt


Michelsberg


Arkeden


Honigberg


Trappold


Seligstadt


Stolzenburg

Tartlau


Tartlau


Tartlau


Almen


Bogeschdorf

Der König von Indien

Auf dem Wiener Westbahnhof war es sehr kalt. „Bitte eensteegen. Der Oosteendeexpress foart gleech ob.“ Ich saß allein im Abteil. Die Stimme im Lautsprecher erinnerte mich an Apfelstrudel mit viel Puderzucker. Seit ich denken konnte, fesselte mich die Kunst meiner Tante, den Apfelstrudelteig so lange zu dehnen, zu ziehen, bis er hauchdünn den ganzen Tisch bedeckte. „Das Wetter ist schlleecht, oober deenken´s droon, heeit is Weenochten, Guete Foart!“ Im Abteil war es schön warm. „Noch frei?“ „Bitte schön!“ „Spassiba! Kössönäm seepän! Mulzumesk! Habe die Ehre!“ „Siväschän!“ „“Seid Ihr Habsburrgerr?“ „Oh, je! Schwer zu sagen. Ich bin Siebenbürger.“ „Krrutzitürrken! Iberrall diese Sachsen!“ Der Mann schüttelte seine langen schwarzen Haare und ließ sich auf den Sitz fallen. Den braunen Geigenkasten legte er neben sich. Aus seiner eng anliegenden violetten Weste holte er eine flache Flasche. „Frroche Weihnachten!“ Es war ein scharfer Barack und ich mußte husten. „Ha! Ha! Gutt! Serr gutt!“ Als der Zug durch St. Pölten brauste, war die Flasche leer. Der Mann rülpste und steckte seine Pfeife in die Westentasche. „Gutt! Gutt!“ Kurz danach schlief er ein. Vor der Abfahrt hatte ich mir in einem Antiquariat Egon Hajeks Lebensbeschreibung von Nikolaus Lenau gekauft.

Drei Zigeuner fand ich einmal
Liegen an einer Weide,
Als mein Fuhrwerk mit müder Qual
Schlich durch sandige Heide.

Hielt der eine für sich allein
In den Händen die Fiedel,
Spielte, umglüht vom Abendschein,
Sich ein feuriges Liedel.

Hielt der zweite die Pfeif´ im Mund,
Blickte nach seinem Rauche,
Froh, als ob er vom Erdenrund
Nichts zum Glücke mehr brauche.

Und der dritte behaglich schlief,
Und sein Cimbal am Baum hing,
Über die Seiten der Windhauch lief,
Über sein Herz ein Traum ging.

An den Kleidern trugen die drei
Löcher und bunte Flicken,
Aber sie boten trotzig frei
Spott den Erdengeschicken.

Dreifach haben sie mir gezeigt,
Wenn das Leben uns nachtet,
Wie man´s verraucht, verschläft, vergeigt,
Und es dreimal verachtet.

Nach den Zigeunern lang noch schaun
Mußt´ ich im Weiterfahren,
Nach den Gesichtern, dunkelbraun,
Den schwarzlockigen Haaren.

Der Banater Schwabe Nilolaus Lenau endete tragisch. Er hatte es nicht verstanden, sich in dieser Welt einzurichten. Seine Zigeunerlieder aber werden heute noch gesungen.

Der Mann gegenüber lächelte im Schlaf. Sein weißes Gebiß war tadellos. „Linz an der Donau. Der Zug hat 10 Minuten Aufenthalt.“ Rattattata, rattattata. Es war dunkel geworden. Rattattata, rattattata, rattattata………… Der Schnaps hatte mich müde gemacht. Plötzlich stand ich auf der Empore hinter der Orgel in der Kirche von Nadesch, meinem Heimatort. Ratsch, ratsch, pffff! Ratsch, ratsch, pffff! Ratsch, ratsch, pffff! Seiler Mischi trat ernst den Blasebalg. „Ein feste Burg ist unser Gott, ein gute Wehr und Waffen“ Die Konfirmanden übertönten mit ihren Stimmen die Orgel. Es roch nach Kerzenrauch, wie immer am Heiligen Abend. „….Nehmen sie den Leib, Gut, Ehr, Kind und Weib; laß fahren dahin, sie habens kein Gewinn, das Reich muß uns doch bleiben“. Die Gemeinde erhob sich. „Der Herr segne Euch und behüte Euch! Der Herr lasse sein Angesicht leuchten über Euch und sei Euch gnädig! Der Herr erhebe sein Angesicht auf Euch und gebe Euch seinen Frieden! Amen“. Der Organist Wellmann klappte die Orgel zu. Die Gemeinde strömte aus der Kirche, zuerst die Kinder, dann die Konfirmanden. Es folgten die Unverheirateten, dann die Frauen und schließlich die Männer, alle dem Alter nach. „Weißt du schon, was du bekommst?“ Mischi wischte sich das Gesicht mit dem Ärmel ab. Er hatte stark geschwitzt. „Ein Taschenmesser mit zwei Schneiden. Es ist aus Deutschland und ganz rot. Ich habe gesehen, wie meine Mutter es eingepackt hat.“ „Ich bekomme auch ein Taschenmesser, aber ich habe es noch nicht gesehen“. „Kommst Du nachher zu mir? Ich will dein Messer sehen.“ Bei uns zu Hause brannten die Petroleumlampen. Es roch nach Bratwurst und Kraut. „Die Bescherung gibt es erst in einer Stunde. Geht schnell austragen!“ In unserem Dorf war es üblich, daß am Heiligen Abend je eine rumänische und eine ungarische Familie von uns Sachsen mit Weihnachtsessen und Plätzchen beschenkt wurden. Dies entsprach jahrhundertealtem Brauch. Die größte Portion erhielten aber die „Hauszigeuner“. Mein Bruder ging zum Rumänen Simon, meine Schwester zum Ungarn Arpad und ich mußte wieder einmal zu den Zigeunern gehen. „Karli, bleib nicht zu lange! Das letzte Mal warst du voller Flöhe, als du wieder kamst. Und vergiß die Bibel nicht! Die Zigeuner wollen bestimmt wieder die Weihnachtsgeschichte hören“. Ich ging gerne zu den Zigeunern. Sie waren immer sehr freundlich zu mir. Der alte Russi, der angesehendste Zigeuner des Dorfes, war ja auch mein Freund. Er war mein Geigenlehrer, und das respektierten alle. Es war mittlerweile stockfinster geworden und ich fand die Hütte vom Vasile erst, als sein Hund, die Lilli, bellte. Ich stieß die Tür auf. „Komm rein Ungar-Karli! Wir warten schon auf dich.“ Valeria, eine dicke, immer kauende Fünfzigerin drückte mich an sich. Sie roch nach alten Kleidern und nach Tabak. In dem kleinen Raum saßen etwa ein Dutzend Erwachsene und Kinder auf dem Boden mit dem Rücken an der Wand. Zigeuner saßen immer so. Sie schliefen auch im Sitzen. Auf der Feuerstelle kochte ein Kessel mit Maisbrei. Der Rauch biß mich in die Augen. Die Kinder schüttelten mir die Hand und schauten neugierig in die Tasche. „Erzähle uns wieder Eure Weihnachtsgeschichte! Sie ist so schön!“ „Ihr versteht sie ja überhaupt nicht. Ich kann sie nur auf Deutsch.“ „Das macht nichts. Ein wenig verstehen wir bestimmt. Sie ist so schön!“ „Es begab sich aber zu der Zeit, dass ein Gebot von dem Kaiser Augusts ausging, dass alle Welt geschätzt würde. Und diese Schätzung war die allererste und geschah zu der Zeit, da Cyrenius Landpfleger von Syrien war. Und jedermann ging, dass er sich schätzen ließe, ein jeglicher in seine Stadt. Da machte sich auf auch Joseph aus Galliläa, aus der Stadt Nazareth, in das jüdische Land in die Stadt Davids, die da heißt Bethlehem, darum dass er von dem Hause und Geschlechte Davids war, auf dass er sich schätzen ließe mit Maria, seinem vertrauten Weibe, die war schwanger…….“ Der Raum war ganz still. Nur das Holz knackte im Feuer. Ich las vom Stern, den Hirten und vom Stall. „Und die Hirten kehrten wieder um, priesen und lobten Gott um alles, was sie gehört und gesehen hatten, wie denn zu ihnen gesagt war. …Ich muß jetzt gehen. Frohe Weihnachten und guten Appetit!“ „Du hast was vergessen. Wie war das mit den Königen aus Indien? Unser König war auch dabei!“ „Das ist eine andere Geschichte. Die steht nicht bei Lukas, die steht bei Matthäus.“ „Sie steht aber auch im heiligen Buch. Los, erzähle sie uns!“ „Da Jesus geboren war zu Bethlehem im jüdischen Lande, zur Zeit des Königs Herodes, siehe, da kamen die Weisen vom Morgenlande gen Jerusalem und sprachen: ’Wo ist der neugeborene König der Juden? Wir haben seinen Stern gesehen im Morgenland, und sind gekommen, ihn anzubeten’. Da das der König Herodes hörte, erschrak er und mit ihm das ganze Jerusalem; und ließ versammeln alle Hohepriester und Schriftgelehrten unter dem Volk und erforschte von ihnen, wo Christus sollte geboren werden. Und sie sagten ihm: ‚Zu Bethlehem im jüdischen Lande, denn also steht geschrieben durch den Propheten: Und du Bethlehem im jüdischen Lande bist mitnichten die kleinste unter den Fürsten Judas; denn aus dir soll mir kommen der Herzog, der über mein Volk Israel ein Herr sei’. Da berief Herodes die Weisen heimlich, und erlernte mit Fleiß von ihnen, wann der Stern erschienen wäre, und wies sie gen Bethlehem und sprach: ‚Ziehet hin und forschet fleißig nach dem Kindlein; und wenn ihr’s findet, so sagt’s mir wieder, dass ich auch komme und es anbete.’ Als sie nun den König gehört hatten, zogen sie hin. Und siehe, der Stern, den sie im Morgenland gesehen hatten, ging vor ihnen hin, bis dass er kam und stand oben über, da das Kindlein war. Da sie den Stern sahen, wurden sie hoch erfreut und gingen in das Haus, und fanden das Kindlein mit Maria, und fielen nieder und beteten es an und taten ihre Schätze auf, und schenkten ihm Gold, Weihrauch und Myrrhe. Und Gott befahl ihnen im Traum, daß sie sich nicht wieder zu Herodes lenken; und sie zogen durch einen anderen Weg wieder in ihr Land.“ „Unser König zog nach Indien.“ Vasile räusperte sich: „Er hat uns befohlen, das Kind zu suchen. Seither sind wir unterwegs. Ob wir es noch finden?“ „Grüble nicht so viel, Vasile! Du bist immer so miesepetrig. Los, Mihai, hol‘ Deine Geige und spiel!“ Der älteste Sohn zupfte schon an den Saiten. Er begann ganz langsam und wurde immer schneller. Die Melodien waren mir fremd. „Sing mir was vor, und ich spiele es nach!“

„So nimm denn meine Hände
und führe mich
bis an mein selig Ende
und ewiglich!“

„Das ist schön!“ Mihai spielte mehrstimmig und improvisierte die Melodie immer auf’s neue. Bald war der Choral nicht mehr zu erkennen und die Musik war ein Czardas geworden. „Jetzt kommt was schnelles.“ Er sprang auf und fiedelte die Ciocarlie (die Lerche). Der Bogen raste über die Saiten und die ganze Familie wippte im Takt. Auf einmal drehte sich alles. Mir wurde ganz schwindelig. Ich schlug die Augen auf und vor mir spielte der Mann mit der violetten Weste die Ciocarlie. Er lachte mich an: „Das ist Musik! Das kennen nurr wirr. Seit zweitausend Jahren iben wirr. Wirr suchen den Heiland, wie unser Kenig hatt befollen. Wirr wollen ihn anbetten mit Musik.“ Der Zug fuhr im Frankfurter Hauptbahnhof ein. Der Mann packte seine Geige ein, strich mir über die Haare und stand auf. „Chier muß ich aussteigen. Ich fahre zum Schnuckenack nach Unna. Wir wollen machen Musik Hui! Wirrd scheen!“
Nach Mainz war es nicht mehr weit, und ich kam rechtzeitig zur Christmette.

Karl Scheerer

Lebendige Gemeinschaft – Festrede beim Sachsentreffen in Birthälm am 20.09.2008

In dieser Rede habe ich auf die Stärken und Erfolge aber insbesondere auch auf die Schwachstellen der stark geschrumpften deutschen Gemeinschaft in Rumänien hingewiesen und zu Maßnahmen zur Vitalisierung der deutschen Gemeinschaft aufgerufen und Möglichkeiten dazu aufgezeigt. Sie hat in Siebenbürgen und in der sächsischen Gemeinschaft in Deutschland und Österreich große Wellen geschlagen. Ich habe über hundert Mails, Anrufe und Briefe erhalten. Die meisten Rückmeldungen waren zustimmend bis begeistert. Jedoch gab es auch eine Fülle von kritischen bis sehr kritischen Äußerungen, ja selbst Beschimpfungen sind nicht ausgeblieben.

Lebendige Gemeinschaft

1. Das Thema hat mir bei der Vorbereitung erhebliche Probleme bereitet, da ich mir über meinen Auftrag nicht ganz im Klaren war. Worum handelt es sich, wenn heute von „Lebendiger Gemeinschaft“ die Rede sein soll? Wird von der These ausgegangen, daß es in Siebenbürgen trotz der gewaltigen Umwälzungen der letzten 19 Jahre immer noch eine lebendige sächsische Gemeinschaft gibt, die es nun in ihrer Erscheinungsform zu beschreiben gilt? Oder setzt man ein deutliches Fragezeichen dahinter in der Erkenntnis, daß die Lebendigkeit unserer Gemeinschaft viel zu wünschen übrig läßt? Oder setzt man ein mahnendes Ausrufezeichen dahinter mit der Absicht, zur Revitalisierung unserer Gemeinschaft, die einzuschlummern droht, aufzurufen? Welcher dieser drei Sichtweisen wollen wir den Vorzug geben? Wie wir nun sicher alle wissen, ist die menschliche Wahrnehmung subjektiv und nicht selten selektiv. Auch die Kriterien und Merkmale, die wir mit einer lebendigen Gemeinschaft in Verbindung bringen und die Mindestanforderungen, die wir an sie stellen, sind subjektiv und nicht einheitlich definiert. Übt man sich in Genügsamkeit und beschränkt sich in seinen Erwartungen auf Weniges, dann ist die Lagebeschreibung einer lebendigen Gemeinschaft gerechtfertigt. Stellt man jedoch höhere Ansprüche, fällt das Urteil sehr viel kritischer aus. Daher ist es nicht verwunderlich, daß die Zustandsbeschreibung unserer Gemeinschaft sehr unterschiedlich ausfällt und alle drei o.g. Varianten artikuliert werden. Man hört sehr wohl Stimmen, die sehr gut funktionierende Forumsstruktur sei ein Beleg für eine lebendige Gemeinschaft. Die Forumsgliederungen sind in der Tat gut geführt und arbeiten auch effektiv, wie auch unserer Abgeordneter uns hervorragend vertritt. Eine funktionierende Organisation ist jedoch noch keineswegs ein Garant für ein dynamisches und facettenreiches Gemeinschaftsleben und genau dieses wird von nicht wenigen vermißt. Jeder definiert also seine Erwartungen an das Gemeinschaftsleben für sich und partizipiert daran oder auch nicht. Ich möchte nun im Folgenden einige Gedanken zu diesen Aspekten formulieren und eine persönliche Beurteilung abgeben.

2. „Was seid Ihr Sachsen doch für prächtige Kerle! Respekt! Respekt! Was Ihr da in Hermannstadt erreicht habt, verdient Bewunderung. Wir dachten, es gibt Euch gar nicht mehr, und nun so was! Alle Hochachtung!“ Dieses sagte mir neulich ein österreichischer Studienfreund, den ich schon lange nicht mehr gesehen hatte. Natürlich habe ich mich darüber gefreut. Und natürlich können und sollen wir alle uns freuen, daß Persönlichkeiten aus unseren Reihen so viel Anerkennung erfahren haben. Und daß da eine gehörige Portion Tüchtigkeit dahinter steckt, steht außer Frage. Läßt jedoch dieser großartige Erfolg den Schluß zu, daß unsere Gemeinschaft insgesamt intakt, dynamisch und wirkungsvoll ist? Ich habe erhebliche Zweifel und möchte daher ein paar Fragezeichen setzen. Zu einer lebensfähigen ethnischen Gemeinschaft gehören klar erkennbare Konturen in Sitten, Gebräuchen, ethischen Normen und vor allem eine selbstbewußte Identität. Darüber hinaus zeichnet sich eine vitale Gemeinschaft dadurch aus, daß sie regional fest verwurzelt ist und aus allen Generationen besteht, also aus Jung und Alt, sowie insbesondere eine leistungsstarke mittlere Generation aufweist. Unserer sächsischen Gemeinschaft fehlen jedoch in hohem Maße gerade die Leistungsträger und der Nachwuchs. Ein Zyniker sagte mir neulich: „Ihr seid eine amputierte und verstümmelte Gemeinschaft. Euch sind die beweglichen Glieder abgeschnitten worden“. Ein hartes Wort! Leider trifft es aber die Wahrheit. Unsere Mitglieder, die im übrigen in der Regel ihre überwiegende Verwandtschaft in Deutschland haben und häufig pendeln, haben in der Tat ein sehr hohes Durchschnittsalter und es wird noch steigen. Ist es angesichts dieses Umstands verwunderlich, daß für die Gestaltung des Gemeinschaftslebens, wie immer man es zu gestalten versucht, hier vor Ort kaum Amtsträger, Mitarbeiter oder aktive Helfer zu gewinnen sind? Die Arbeit wird in aller Regel von wenigen Personen geleistet, die wegen Überlastung häufig überfordert sind. Hinzu kommt, daß sie sich die Gemeinschaft zunehmend auf die Städte beschränkt. In sehr vielen Landgemeinden ist das sächsische Element beinahe oder völlig erloschen. Das ist ein sehr herber Verlust, denn gerade dort hat, wie wir alle wissen und erlebt haben, in der Vergangenheit ein sehr aktives Gemeinschaftsleben stattgefunden. Das Plakat, das uns zu diesem heutigen Sachsentreffen einlädt, spiegelt, mit Verlaub, ein euphemistisches Bild wider, denn die heutige Realität spricht leider eine ganz andere Sprache. Wo erleben wir noch einen geschlossenen Gottesdienstbesuch oder Feierlichkeiten in altsächsischer Tracht und altsächsischer Gesellungsform? Über diese Tatsache können auch die mit erstaunlich hoher Teilnehmerzahl aus Deutschland und aller Welt stattfindenden Heimattreffen in vereinzelten Ortschaften nicht hinwegtäuschen. So eindrucksvoll und bewegend sie auch sein mögen, so sind sie doch, und das sage ich provokativ, Nostalgietreffen unserer ausgewanderten Landsleute und legen für ein paar Tage einen schönen Schleier über den grauen Alltag, was wir allerdings gerne mit genießen. Nach ihrer Abreise ist jedoch alles wieder beim Alten. Ich selbst als eine Art Rückwanderer hatte gehofft, daß nach all den erfreulichen Veränderungen in Europa und in unserem Land eine große Anzahl unserer ausgewanderten Landsleute auf Zeit oder auf Dauer zurückkehren und ihre Kompetenzen aktiv unserer Gemeinschaft zur Verfügung stellen und zwar nicht nur indem sie gute Ratschläge erteilen, sondern indem sie sich bereit erklären, auch Funktionen zu übernehmen und Verantwortung zu tragen. Wir haben den großen Vorteil, mit beiden Milieus vertraut zu sein und entsprechend unserem Wirken größtmögliche Stoßkraft zu verleihen. Leider ist eine solche Rückwanderung in erstaunlich geringen Maße geschehen. Noch erstaunlicher ist, daß viele unserer ausgewanderten Landsleute, die den Sommer in ihren wieder instandgesetzten Häusern in ihren Heimatortschaften verbringen oder für längere Zeit zu Besuch kommen, ein Eigenleben führen, auf Distanz gehen und sich kaum aktiv am örtlichen Gemeinschaftsleben beteiligen. Ein Schäßburger Freund sagt mir neulich: „Die fremdeln alle, es sind keine Sachsen mehr, sie sind zu Deutschen geworden.“ Es ist nicht meine Aufgabe, das zu bewerten. Gelegentliche Kommentare über die Unzulänglichkeiten unserer Arbeit und gar Fragen wie z.B. „Meinst Du nicht, daß ja doch alles vergebliche Liebesmühe ist, denn es geht ja eh bald alles zu Ende. Warum tut Ihr euch das noch an?“, sind jedoch mehr als ärgerlich.

Ein weiteres Phänomen erfordert ein Fragezeichen, das sich allerdings nicht auf unsere sächsische Gemeinschaft beschränkt, sondern eine gesamteuropäische Erscheinung ist und in den letzten Jahren überraschend schnell evident geworden ist. Die gewaltigen gesellschaftlichen Umbrüche, der unübersehbare Paradigmenwechsel, die Folgeerscheinungen der Globalisierung und wohl auch der rasante Siegeszug der modernen Kommunikationssysteme haben geselliges Verhalten völlig verändert. Große Teile der jüngeren und mittleren Generation kommunizieren per E-Mail und SMS miteinander, unterhalten sich in Chat-Rooms. Es entwickeln sich völlig neue Formen der Gesellung. Der Soziologe Ullrich Beck konstatiert eine rasante Enttraditionalisierung der Gesellschaft mit verheerenden Folgen für das gerade in Deutschland bisher stets hochgehaltene Vereinsleben. Es fehlt allenthalben an aktivem Nachwuchs. Der Ratspräsident der EKD Huber sprach kürzlich hinsichtlich des kirchlichen Bereichs von einem signifikanten Traditionsabbruch, was natürlich das Gemeindeleben vor große Herausforderungen stellt. Vereinzelung der Menschen, diffuse Orientierungslosigkeit, Unverbindlichkeit, Beliebigkeit, Wertevakuum, Unverläßlichkeit, Gefühl der Heimatlosigkeit sind Schlagworte, die immer häufiger in der soziologischen Literatur diskutiert werden. Schon längst ist die Rede von der permissiven Gesellschaft. Sollten diese Erscheinungen, sofern sie zutreffen, angesichts der Globalisierung und der völlig offenen Grenzen ausgerechnet vor Siebenbürgen halt machen? Wohl kaum! Und welche Konsequenzen werden sie für unser ohnehin sehr geschwächtes sächsische Gemeinschaftsleben haben? Wir wissen es nicht. Noch nicht.

3. Es ließen sich sicher noch mehr Fragezeichen setzen, die um den Weiterbestand unseres Gemeinschaftslebens fürchten lassen. Als notorischer Optimist weigere ich mich jedoch, vor lauter Fragezeichen in Resignation zu verfallen und abzuwarten, bis die Propagandisten des finis saxoniae recht bekommen. Schwierigkeiten und Gefahren sind dazu da, damit sie aus dem Weg geräumt werden, das hat die Jahrhunderte lange sächsische Geschichte bewiesen. Dies kann man jedoch nur leisten, wenn man sich der Realität stellt und dann nach Lösungen sucht. Deshalb möchte ich nun zu den Ausrufezeichen übergehen. Die Geschichte lehrt uns, daß es keinen Stillstand gibt. Das sächsische Gemeinschaftsleben, wie wir es gekannt oder es uns haben erzählen lassen, wird es nicht mehr geben. Alles vergeht, wenn sich die Lebensumstände ändern, aber es entsteht immer wieder etwas Neues und dieses Neue können wir beeinflussen, wenn wir die Realitäten akzeptieren und das Unsere zur Weiterentwicklung beitragen. Wir haben die Möglichkeit dazu, sofern wir nicht nur in die „verlorene“ Vergangenheit schauen und sie immer wieder heraufbeschwören, sondern uns bereit halten, die Zukunft zu gestalten. Die Vergangenheit ist immer verloren, die Zukunft können wir prägen. Wir müssen es nur wollen. Die sensationellen Wahlerfolge sind ein beredtes Beispiel dafür, was man alles erreichen kann, wenn man etwas will und entschlossen und energisch sein Ziel verfolgt. Allerdings muß man sich im Klaren sein, was man überhaupt will und muß das Ziel genau definieren. Wir müssen also schnellstens einen Konsens herstellen, welche Form des sächsischen Gemeinschaftslebens wir unter den neuen Bedingungen anstreben, um die geeigneten Maßnahmen ergreifen zu können. Wollen wir das traditionelle sächsische Gemeinschaftsleben revitalisieren, von der nur noch Spuren vorhanden sind? Oder wollen wir unter Einbeziehung dieser Spuren und Nutzung aller, auch neuer Ressourcen etwas Neues, den eingetretenen Realitäten Angemessenes zu Wege bringen. M. E. muß jetzt gehandelt werden, denn wir haben zu lange die Entwicklung auf uns zukommen lassen. Wir haben nicht mehr viel Zeit, denn wir werden gemeinsam immer älter und junge Mitglieder wachsen kaum heran. Wir haben aber immer noch eine Menge bisher noch ungenutzter Ressourcen, die es dringend zu mobilisieren gilt. Unsere evangelische Kirche, die dank unseres Herrn Bischof national und international ein außerordentlich hohes Ansehen genießt, ist zwar in hohem Maße eine Diasporakirche geworden, aber es gibt noch kräftige Kirchengemeinden. Warum sollen wir die Bande zwischen Kirchengemeinden und den Foren nicht noch enger knüpfen, als es bisher geschieht? Wir haben doch viele gemeinsame Schnittstellen und Anliegen. Warum bauen wir die jetzt schon vorhandenen Personalunionen in den Gremien nicht noch stärker aus? Und warum vernetzten wir die Veranstaltungen nicht stärker, was im übrigen gute sächsische Tradition ist.? Eines der Meisterstücke unserer Vorfahren war das einzigartige und hochrenommierte Schulwesen. Die Schulen funktionieren Gott sei Dank nach wie vor, wenngleich an ihnen viel nachgebessert werden müßte, wenn ihr traditionelles hohe Niveau nicht sinken soll, was, Gott sei´s geklagt, in Teilen leider schon geschehen ist. Sie, und nur sie allein sind unser Nachwuchsreservoir. Unsere Jugendforen könnten ohne sie gar nicht existieren. Wir verlieren jedoch diese vielen in deutscher Sprache erzogenen jungen Menschen nach dem Abitur, weil sie in der Regel anderen Ethnien angehören und sie in den Foren keine Vollmitglieder oder Amtsträger werden können. Wie können wir sie auch nach dem Schulabschluß an uns binden? Hier ist Phantasie gefragt. Alle Foren haben in ihren Reihen auch eine große Zahl sogenannter Sympathisanten, Angehörige anderer Ethnien, die uns sehr wohlgesonnen sind und sich der deutschen Kultur verpflichtet fühlen, die aber auch keine Vollmitglieder werden können und daher einen gewisse Distanz wahren. Selbst nichtdeutsche Ehepartner, deren Zahl noch steigen wird, können allenfalls Sympathisanten werden. Dies gilt ebenso für die vielen deutschsprachigen Staatsbürger anderer Länder, die sich aus den verschiedensten Gründen hier niedergelassen haben. Auch sie sympathisieren zwar mit uns, empfinden sich aber in der Regel als Außenstehende und können ebenfalls nicht Mitglieder in unseren Foren werden. Wir müssen dringend darüber nachdenken, wie wir hier Abhilfe schaffen können. Es ist höchste Zeit, daß wir uns für alle diese Personengruppen stärker öffnen, denn wir können nur gewinnen. Wir müssen m.E. ehestens eine Satzungsdiskussion eröffnen, so heikel sie auch sein mag. Wir sind dankbar, daß uns der Verband der Siebenbürger Sachsen in Deutschland und die Landsmannschaften in Österreich und in Übersee mit ihren Möglichkeiten unterstützen, wir müssen aber auch Wege finden, wie wir unsere ausgewanderten Landsleute, und zwar so viele wie möglich, wieder stärker in unsere tägliche Arbeit hier vor Ort integrieren können. Zudem erfahren wir europaweit, natürlich insbesondere in Deutschland, Österreich und der Schweiz große Solidarität und nicht zuletzt eine beachtliche materielle Unterstützung, Auch dafür sind wir natürlich dankbar. Erfüllen wir aber die dort gehegten Erwartungen, daß wir unermüdlich unsere deutsche Gemeinschaft, weit weg vom deutschen Sprachraum, mit allen unseren Kräften gefestigt in die Zukunft führen? Ich fürchte, wir haben sehr lange zugewartet und zu wenig vorausschauend gehandelt. Wenn wir jetzt nicht handeln, wo noch genügend Substanz vorhanden ist, werden wir eines Tages als deutsche Gemeinschaft in der Geschichte versunken sein und unser beachtliches kulturelle Erbe mit uns. Ich bin sicher, daß will niemand von uns. Lassen Sie uns die Ärmel wieder hochkrempeln und an die Arbeit gehen. Das sind wir unserer Geschichte und uns selbst schuldig. Das sächsische Volk hat viele schwere Zeiten durchlebt und sie letztendlich immer gemeistert. Auch jetzt haben wir große Chancen, wenn wir es wollen. In der Kleinen Sachsengeschichte von Friedrich Teutsch habe ich eine interessante Passage gefunden, die heute so sicher nicht mehr geschrieben würde und zu der sehr viel kritisches gesagt werden könnte, die aber doch sehr nachdenklich stimmt: „Auch ein anderes erscheint dem Rückschauenden heute von Bedeutung: jene Jahre (1780 bis 1830) hatten das Bewußtsein der politischen Zusammengehörigkeit der sächsischen Nation und ebenso den Gedanken der kirchlichen Einheit fast verloren gehen lassen und das nationale Bewußtsein war gleichfalls eingeschlafen. Vom alten Recht aber war kaum noch die Rede. Dagegen bleibt den stillen Jahren eins: in ihnen wuchsen die Männer heran, die dem Volk die neue Zeit und damit die Zukunft brachten. In Schäßburg wurde 1810 J.A. Zimmermann geboren, im selben Jahr in Agnetheln Kon. Schmidt, 1814 C. Goos und 1817 G.D.Teutsch in Schäßburg, 1823 Jak Rannicher in Hermannstadt, 1820 Jos. Gull, 1828 Fr. Müller in Schäßburg. Aller Leben ist angefüllt mit dem Kampf für das Recht und mit der Arbeit, dem sächsischen Volk neuen Lebensinhalt zu geben….Es begann eine umfassende Innenarbeit zur Erziehung des Volkes, die so tief war, daß ein Teil auch des heutigen sächsischen Lebens auf dem Grunde ruht, den sie damals legten….Die gebundenen Kräfte des Volkes sollten freigemacht werden, für jede willige Kraft sollte die rechte Stelle zur Mitarbeit gefunden werden……..den führenden Männern war klar, daß die dauernde Stärkung der geistig-sittlichen Kräfte das erste und das höchste Ziel und zugleich die Grundlage des Volkes sei. Und für dieses traten die Besten ein. Es hat keine hoffnungsreichere, keine zuversichtlichere Zeit gegeben als diese, wo es wie im Frühling allenthalben grünte und sproßte und neues Leben entstand: ….Auferwacht – ist mein Volk aus langer Nacht, das war die Morgenstimmung des aufsteigenden Tages……..Daß Vereinigung stark macht, hatte draußen die größere Welt gezeigt; sie griffen auch hier zur Vereinigung, Es ist die Zeit die der Vereinsgründungen gewesen, viele der sächsischen Volksvereinigungen gehen in diese Jahre zurück……….In den Geschicken der Völker mischt gar seltsam Schuld und Schicksal, Menschenwitz vermag gar selten auseinander zu halten. Aber wenn die Geschichte gerecht urteilen wird, dann kann sie von dem lebenden Geschlecht nur sagen, das es das ererbte Volksgut unter den schwierigsten Verhältnissen nicht nur bewahrt, sonder vielfach gemehrt hat, daß es für jene Güter nicht nur Opfer gebracht, sondern die Nachkommen zur Pflicht erzogen hat, das gleich zu tun. Der Inhalt der sächsischen Geschichte ist zu allen Zeiten gewesen: Allen Gewalten – zum Trotz erhalten, und so wie es bisher war, soll es auch in Zukunft sein.“ Soweit Friedrich Teutsch in der Sprache des damaligen Zeitgeistes.

4. Wenn man sich entschließt, seine Phantasie und Tatkraft für einen Neuanfang, und der ist dringend geboten, und eine Weiterentwicklung Siebenbürgens einzusetzen, dann ist man gut beraten, die Realitäten vorurteilsfrei zu akzeptieren. Nur so erkennt man die Chancen und kann seine Energie sinnvoll einsetzen. Eine Revitalisierung der traditionellen sächsischen Gemeinschaft ist nicht mehr möglich. Ich bin sogar der Meinung, sie ist in vielen Facetten auch gar nicht mehr wünschenswert. Sie war in einem bestimmten gesellschaftlichen, kulturellen und ökonomischen Milieu entstanden, in dem sie ihren angemessenen Platz hatte. Sie hat funktioniert und hervorragende Leistungen hervorgebracht. Heute leben wir in einem komplett anderen Milieu und jeder Versuch, sie zu restaurieren wäre anachronistisch. Was wir aber leisten können, ist, auf den Fundamenten der ehemaligen sächsischen Gemeinschaft und unter Bewahrung noch zeitgemäßer Elemente eine der heutigen Zeit angemessene deutsche Gemeinschaft zu organisieren und mit Leben zu erfüllen. Ich plädiere dringend für die möglichst sofortige Eröffnung einer Debatte, in der wir eine Diagnose unserer gegenwärtigen Gemeinschaft vornehmen und auf der Grundlage des Befundes die konkreten Kriterien einer Neuformierung unserer Gemeinschaft formulieren. Wir werden sicher die Kraft aufbringen müssen, uns von Vertrautem zu trennen und neue Zielvorstellungen zu akzeptieren. Eine deutsche Kultur- und Sprachgemeinschaft hat durchaus beste Chancen, wenn wir alle Ressourcen nutzen. Dazu ist jedoch Tatkraft und Hartnäckigkeit von Nöten. Fast alles ist möglich, wenn man entschlossen sein Ziel verfolgt. Lassen Sie uns an die Arbeit gehen, damit wir uns noch recht häufig hier in Birthälm treffen können!

Dr. Karl Scheerer
Birthälm 20.09.2008

Zukunft und Perspektiven der deutschen Minderheit in Rumänien

Das abgedruckte Thesenpapier wurde anlässlich einer Tagung vom 13. bis 15. November 2009 in Hermannstadt von Benjamin Józsa, Dr. Hans Klein, Dr. Paul Philippi, Dr. Karl Scheerer und Winfried Ziegler vorgelegt. In diesem Papier werden Vorschläge zu einer Vitalisierung und Festigung der sehr klein gewordenen deutschen Gemeinschaft in Rumänien gemacht. Es ist eine Reaktion auf die programmatische Rede von Dr. Karl Scheerer am Sachsentreffen in Birthälm im September 2008. Während der Diskussion des Thesenpapiers wurde als wichtig erachtet, das Thema Schule ebenfalls einzubringen sowie die notwendige intensive Zusammenarbeit zwischen dem Forum und den anderen für unsere Minderheit relevanten Vereinen und Institutionen in Rumänien.

Zukunft und Perspektiven der deutschen Minderheit in Rumänien

Thesenpapier vorgelegt anlässlich einer Tagung vom 13. bis 15. November in Hermannstadt

Das DFDR hat in den 20 Jahren seiner Existenz eine hervorragende Leistung vorzuweisen und ist auch heute noch eine beachtliche und effektive gesellschaftliche Kraft. Dennoch haben es die Massenauswanderung der 90er Jahre und andere Umstände mit sich gebracht, dass die deutsche Gemeinschaft als Ganzes sehr geschwächt ist, und es besteht die Gefahr, dass sie angesichts ihres sehr hohen Durchschnittsalters und infolge des Mangels an aktiven Leistungs- und Funktionsträgern ihre Lebenskraft einbüßt. Deshalb ist es geboten, neue Wege zur Stärkung und Vitalisierung der Gemeinschaft zu suchen. Es gilt, die Ressourcen zu aktivieren und neue zu erschließen, die vorhandenen Kräfte effektiver zu koordinieren und darüber hinaus weitere Personenkreise, die sich dem Deutschtum und der deutschen Kultur verpflichtet fühlen, in die Forumsstrukturen zu integrieren. Die folgenden Vorschläge bieten die Chance, der deutschen Gemeinschaft zusätzliche Impulse zu verleihen und für das Gemeinschaftsleben neue Akzente zu setzen.

1.1 Einbeziehung von ethnisch Nichtdeutschen ins Forum

1.2 Einbeziehung von Deutschen ohne rumänische Staatsbürgerschaft

In Anbetracht einer überalterten Bevölkerungsstruktur der rumäniendeutschen Gemeinschaft und der damit verbundenen Abnahme der Zahl der Rumäniendeutschen und unter Berücksichtigung der zahlenmäßig nicht zurückgehenden zu bewältigenden Aufgaben sind zwei heranzuziehende Gruppen für das Forum von vitaler Wichtigkeit.

Das Forum muss ethnischen Nichtdeutschen, die sich der deutschen Gemeinschaft verpflichtet oder zugehörig fühlen eine erweitertere Plattform als bisher zur Verfügung stellen, damit sie sich zum Wohle der Gemeinschaft einbringen können. Dieses gebieten sowohl der Respekt vor ihren Bemühungen aber auch der Blick in die Zukunft. Die wachsenden Belange der Rumäniendeutschen können nicht mehr exklusiv von diesen wahrgenommen werden. Die in Rumänien lebenden EU-Bürger deutscher Muttersprache, die aber keine rumänische Staatsbürgerschaft besitzen, sollten aufgrund ihrer Brückenfunktion Vollmitglied im DFDR werden können, sofern sie einen festen Wohnsitz in Rumänien haben.

1.3 Einbeziehung der eigenen Mitglieder

Dieselbe Sorge muss das Forum seinen rumäniendeutschen Mitgliedern angedeihen lassen. Die Einbeziehung in die Entscheidungen der Forumsstruktur, das Heranziehen weiterer ehrenamtlicher Aktiver und die Einbindung in politische Willensbildungsprozesse sind einige Themenfelder, die weiter ausgebaut werden müssen. Jeder Aktive, der aus dem einen oder anderen Grunde dem Forum den Rücken kehrt, wird nicht mehr zu ersetzen sein.

2. Hineinwachsen der Mitglieder des Jugendforums in die Forumsstruktur

Eine grundlegende Wichtigkeit kommt in der Zukunftsperspektive des Forums der Jugend zu, ist sie doch der Teil, der per se den Fortbestand des Forums garantiert. In Anbetracht der Tatsache, dass sich die Mitglieder der Jugendforen überwiegend aus Nichtdeutschen zusammensetzen, kommt der Begleitung durch die Foren eine große Rolle zu. Jugendverantwortliche sollen durch Rat und Tat darauf hinweisen, was das Unverwechselbare der rumäniendeutschen Gemeinschaft ausmacht und den Prozess der Annäherung an gemeinsame Werte wie Gemeinschaftssinn, Korrektheit und Gestaltungswillen begleiten. Desgleichen muss dem Umstand Rechnung getragen werden, dass aufgrund der fehlenden Generation der 40- bis 50-Jährigen die Jugendlichen schneller an Aufgaben heran müssen, als es in der Vergangenheit vorgesehen war. Dem vorausschauenden Vorbereiten der geeigneten Kandidaten muss das gesamte Augenmerk gewidmet werden.

3. Optimierung der Willensbildung innerhalb des Forums

Die Forumsmitglieder müssen diejenigen sein, welche die wichtigen Entscheidungen treffen, und nicht nur gutheißen. Dafür müssen von den Leitungsgremien die notwendigen Informationen vollständig vorgelegt werden, und es muss eine Atmosphäre gesichert werden, in welcher offen über gegensätzliche Ideen kontrovers diskutiert werden kann. Eine solche Diskussionskultur muss gezielt gefördert werden. Die Auseinandersetzung mit Themen betreffend die eigene Gemeinschaft trägt zur Identifikation des Einzelnen mit eben dieser Gemeinschaft bei. Konkrete Ansatzpunkte in diese Richtung sind, abgesehen von einer entsprechenden Gestaltung der Vorstandssitzungen und Vertreterversammlungen, die Gründung von themenbezogenen Arbeitsgruppen und Kommissionen sowie die Veranstaltung von Tagungen, Gesprächsrunden und Fortbildungen. Nach dem Vorbild der Schulkommission sollten andere themenbezogene permanente Kommissionen ins Leben gerufen werden.

4. Vitalisierung und Koordinierung des Gemeinschaftslebens

Das hergebrachte Gemeinschaftsleben der deutschen Minderheit ist fast vollständig verschwunden. Der Gebrauch der Muttersprache geht zurück, emotionale Bindekräfte innerhalb der Gemeinschaft und das Zusammengehörigkeitsgefühl (Wir-Gefühl) verlieren zunehmend an Bedeutung. Zur Vitalisierung und Koordinierung des Gemeinschaftslebens bieten sich folgende konkrete Schritte an:

1. Verstärktes Zusammenbringen der Mitglieder zu Veranstaltungen, welche das Gemeinschaftsbewusstsein wecken, das Gemeinschaftsgefühl stärken und gemeinschaftliche Handeln fördern

2. Nutzung der modernen Medien über die traditionellen hinaus

3. Zusammenarbeit der Institutionen und Verantwortlichen innerhalb unserer Gemeinschaft um nicht in Konkurrenz zueinander zu geraten, sondern gemeinsam aufzutreten

4. Sinnvollen Einsatz der vorhandenen Ressourcen für gemeinschaftsfördernde Maßnahmen

 

5. Umgang mit den Organisationen unserer Ausgewanderten

Die Organisationen unserer Ausgewanderten sind seit ihrem Richtungswechsel auf verstärkte Zusammenarbeit mit dem DFDR eingestellt und erkennen, dass sie auf die Rückbindung an die Deutschen in Rumänien auch für ihre eigene Identität angewiesen sind. Sie übernehmen (hauptsächlich, aber nicht nur, als Heimatortsgemeinschaften) vermehrt Verpflichtungen in der „alten Heimat“ und sind zu struktureller Investivhilfe bereit. Diese Bereitschaft gilt es anzunehmen und partnerschaftlich auszubauen.

Andererseits hat sich aber auch ein Klima herausgebildet, in dem beide Seiten das Ausgewandertsein als selbstverständlich gelten lassen, so als sei eine Existenz als Siebenbürger Sachse oder Banater Schwabe in Deutschland ebenso authentisch möglich wie in Siebenbürgen oder im Banat, ja, vielleicht sogar noch authentischer (bezeichnend ist der zunehmend zu beobachtende Wechsel in der Redeweise von „alter Heimat“ zu „Herkunftsgebiet“). Diese Fehleinschätzung von Heimatverbundenheit gilt es, freundlich aber deutlich zu entmythologisieren. Mit den Organsiationen der Ausgewanderten sollten wir Deutsche in Rumänien uns über die unterschiedliche Wertigkeit siebenbürgisch-sächsischer bzw. schwäbischer Existenz hier bzw. dort verständigen und im Dialog eigenständige Wertkategorien artikulieren.

Auf jeden Fall sollte aber der partnerschaftliche Dialog und Informationsfluss weiter intensiviert werden.

6. Programm für Neu- und Rücksiedlung

Ein wesentlicher Impuls für die Vitalisierung der deutschen Gemeinschaft könnte eine verstärkte Neu- bzw. Rücksiedlung jüngerer Leistungsträger sein, seien es Ausgewanderte, seien es andere Personengruppen aus dem deutschsprachigen Raum, die im Rumänien von heute die Chance eines Neuanfangs sehen. Einige, jedoch zu wenige, sind diesen Weg schon gegangen. Hier gilt es, unse-rerseits initiativ zu werden und für eine solche Rück- bzw. Neusiedlung zu werben.

Wirkungsvoll könnte ein Kontaktbüro sein, das folgende Funktionen erfüllen sollte:

1. fachmännische juristische und organisatorische Beratung Ansiedlungswilliger und Hilfestellung bei anfänglichen Alltagsproblemen

2. Werbeaktionen im deutschsprachigen Raum, insbesondere bei Organisationen und Veranstaltungen ausgewanderter Deutscher aus Rumänien

3. Hilfe bei der Integration in die deutsche Gemeinschaft in Rumänien, Ermunterung zur Teilnahme am deutschen Gemeinschaftsleben und Motivierung zur Übernahme ehrenamtlicher Verantwortung Die Möglichkeit der Mitgliedschaft im Forum sollte für Neu- und Rücksiedler deutscher Sprache aus EU-Ländern als gegeben angesehen werden, sofern sie sich „zur deutschen Minderheit bekennen“.

7. Zusammenarbeit Forum Kirche (speziell Siebenbürgen)

Da sowohl die evangelische Kirche als auch die einzelnen Foren es in ihrer jeweiligen Arbeit im Wesentlichen mit demselben Personenkreis zu tun haben, also sie „im gleichen Weinberg“ arbeiten, bietet sich eine engere Zusammenarbeit geradezu an. Möglichkeiten einer Bündelung der Kräfte bieten folgende Bereiche:

1. engere Zusammenarbeit im Bereich Immobilien: Rückerstattung, Management, Instandsetzungen und Nutzungen

2. Abstimmung der jeweiligen Publikationen

3. bessere Koordinierung und Abstimmung der jeweiligen Veranstaltungen

4. vermehrte Planung gemeinsamer Veranstaltungen (z. B. gemeinsame Sommerfeste und andere Aktivitäten)

5. Intensivierung der Zusammenarbeit zwischen Kirche und Forum auf allen Ebenen durch laufenden Dialog und gegenseitige Präsenz in den Gremiensitzungen

6. kirchliche Unterstützung des Neu- und Rücksiedlerkonzepts

7. Ermunterung zur besseren Vernetzung Forum – Kirche auf allen Ebenen (Engagement und Funktionsübernahme in beiden Bereichen)

8. verstärkte Kooperation in der Jugendarbeit

9. verstärkte gemeinsame Bemühungen zur Festigung und Zukunftssicherung der EAS als Gemeinschaftseinrichtung

Eine enge Zusammenarbeit zwischen der Kirche und den weltlichen Strukturen der Gemeinschaft ermöglicht eine wesentliche Effektivitätssteigerung und entspricht darüber hinaus guter sächsischer Tradition.

Um die deutsche Gemeinschaft in Rumänien zu erhalten, ist ein Bündel von Maßnahmen erforderlich. Jede oben vorgeschlagene Maßnahme für sich reicht nicht aus. Die Summe der Maßnahmen jedoch bietet eine realistische Chance, den Weiterbestand der deutschen Gemeinschaft zu sichern.

Das abgedruckte Thesenpapier wurde von Benjamin Józsa, Dr. Hans Klein, Dr. Paul Philippi, Dr. Karl Scheerer und Winfried Ziegler vorgelegt. Während der Diskussion des Thesenpapiers wurde als wichtig erachtet, das Thema Schule ebenfalls einzubringen sowie die notwendige intensive Zusammenarbeit zwischen dem Forum und den anderen für unsere Minderheit relevanten Vereinen und Institutionen in Rumänien.

Historikerstammtisch 2008

Jede Wissenschaft hat ihr Fachchinesisch. Der Historiker bedient sich entweder einer Aneinanderreihung von Jahreszahlen oder von Orten, wo etwas mehr oder weniger entscheidendes geschah. Vor allem die Franzosen lieben dies. Aber auch wir Teutonen zeigen mit dieser Methode den Laien, wo es langgeht.

Professor: „Was wird die Fachschaft heuer feiern? Ich hoffe doch Münster und Osnabrück!“

Student: „Wir hatten eher an Frankfurt gedacht.“

Professor: „Nein, nein, Frankfurt war doch ein Hirngespinst. Münster und Osnabrück waren viel entscheidender. Immerhin gingen Holland und die Schweiz verloren.“

Student: „Aber Rom, Augsburg und Genf konnten doch wieder irgendwie koexistieren.“

Professor: „Das schon, aber dieses elende Prag, das mit Münster und Osnabrück nach dreißig Jahren endlich endete, hat viel Leid über unsere Altvorderen gebracht. Es hat über hundert Jahre gedauert, bis ein anderes Prag kam.“

Student: „Ihm folgte aber Kolin.“

Professor: „Was ist Kolin gegen Roßbach, Leuthen und Zorndorf?“

Student: „Und was ist Kunersdorf?“

Professor: „Sie haben recht, das war nicht schön. Aber es folgten schließlich Liegnitz und Torgau und schlußendlich Hubertusburg.“

Student: „Wenige Jahrzehnte später aber folgte Paris, Paris und noch einmal Paris.“

Professor: „Das ist wohl war. Valmy war eine Riesenblamage. Ebenso Luneville und Campo Formio. Und dann auch noch Ulm, Austerlitz und Jena und Auerstedt und schließlich Tilsit.

Student: „Na, ja, es folgten aber dann Tauroggen und Leipzig.“

Professor: „Es war auch höchste Zeit. Ohne Leipzig hätte es kein Wien und sicher auch kein Waterloo gegeben. Aber sagen Sie, wie kommen Sie auf Frankfurt?“

Student: „Nun ja, Frankfurt war doch ein Lichtblick nach Karlsbad und Göttingen.“

Professor: „Und was hat es gebracht? Nichts! Da war doch Königsgrätz etwas ganz anderes.“

Student: „Es führte aber auch nach Bad Ems.“

Professor: „Was aber auf kürzestem Wege nach Sedan führte.“

Student: „Ja, ja, und was hat es gebracht, trotz Berlin kam es zu Sarajevo und schließlich zu Versailles.“

Professor: „Aber es gab auch Tannenberg und Brest-Litowsk. Nur Verdun, das war hart. Ohne Verdun hätte es nie Versailles gegeben.“

Student: „Versailles hat aber auch Weimar möglich gemacht.“

Professor: „Weimar, Weimar! Weimar hat nie eine Chance gehabt: Da gab es doch gleich zweimal München.“

Student: „Wenn es Bad Harzburg nicht gegeben hätte, dann hätte Weimar vielleicht doch eine Chance gehabt.“

Professor: „Nach Bad Wiessee, war aber alles vorbei. Dann kam noch einmal München, was dann zu Gleiwitz führte.“

Student: „Und was ist mit Dachau, Buchenwald und Flössenburg?“

Professor: „Hören Sie bloß auf, das wissen wir doch alle. Es kam ja dann auch noch Wannsee und Auschwitz. Aber lassen wie das! Das neue Versailles war Potsdam, aber viel schlimmer.“

Student: „Ja, Potsdam! Es gab aber dann auch noch Stuttgart, London und München.“

Professor: „Hat alles nichts genutzt. Nach Prag und Berlin konnte es nur noch Frankfurt und Bonn geben. Jetzt ist es schon spät. Wenn ich jetzt nicht nach Hause gehe, muß ich nach Canossa. Auf Wiedersehen!“

Student: „Auf Wiedersehen!“

Florica

Blumen kauft man in Schäßburg an einer belebten Straßenecke in der Unterstadt bei Zigeunern. „Frische Rosen aus Bulgaria, ganz billig!“ „Hier, Tulipanen aus Olanda!“ „Kommt zu mir Herr, ganz billig!“ „Kauft bei mir, Herr, ich habe zwölf Kinder.“ „Hier, die habe ich selbst gepflückt. Heute morgen.“ „Sei still, Florica, du alte Vettel, du hast kein Recht , hier zu stehen. Wo hast du die wieder gestohlen?“ Die Alte musterte mich mit stechenden Augen und streckte mir einen Frühlingsstrauß entgegen. Ihre Hand war runzelig. „Was willst du haben?“ „Fünfzig (gemeint waren fünfzigtausend Lei)!“ „Was, fünfzig will die haben? Das Gras ist keine fünf Wert. So eine Unverschämtheit! Gebt Ihr fünf, damit sie verschwindet!“ Die Augen der Alten kannte ich. „Kommst du aus Nadesch?“ „Wer will das wissen?“ „Der Ungar Karli.“ „Ungar Karli, so ein verrückter Name! Ungar Karli!“ Die Alte starrte mich an. „Ich kenne keinen Ungar Karli. Habt Ihr Nadesch gesagt?“ „Ja.“ „Dieses gottverdammte Nest! Ungar Karli! Ihr sagt aus Nadesch?“ „Ja.“ „Ich weiß nicht mehr. Ich habe 16 oder 17 Kinder geboren, ich weiß nicht mehr. Niemand kümmert sich um mich. Nur meine Enkelin, die Florica, sie bringt mir manchmal Brot. Sie ist 13 und wird bald heiraten. Ihr Vater hat sich mit einem aus Dumbraveni besoffen. Und der wird sie jetzt heiraten. Ein Auto will er hergeben. Dann bin ich ganz allein. 16 oder 17 Kinder und ganz allein!“ „Hier hast du fünfzig!“ „So ein Verrückter! Der gibt ihr tatsächlich fünfzig für das Gras!“ „Vergelt´s Gott, Ungar Karli!“ Ihr Augen waren glänzend und schön. „Ungar Karli,“ rief sie hinter mir her, „gib acht auf dich! Du bist ein guter Mensch.“ Die Blumen hatte ich eigentlich gekauft, um einen Besuch abzustatten, aber ich trug sie in mein Zimmer und stellte sie in einer Vase auf meinen blauen sächsischen Tisch. Sie rochen gut.

Florica! Florica! Ein sonniger Herbstnachmittag in Nadesch. Wir hatten noch Schulferien. Seiler Mischi riß unsere Hoftür auf und brüllte: „Karli, komm, wir gehen um Buretz!“ Buretz war die volkstümliche Bezeichnung für Pilze. „Warte, ich will nur meine Peitsche holen.“ „Du brauchst keine Peitsche. Wir gehen zum Tanzplatz hinauf. Da gibt es keine Zigeuner.“ Im Pfaffental war tiefer Morast, es hatte in der Nacht geregnet. Am letzten Hof stand das Tor auf. Unser Schulfreund Heini hackte wütend auf einem Scheit Holz herum. „Hast du wieder Dresche bekommen?“ „Halt´s Maul!“ Am Berghang brach Mischi einige junge Maiskolben ab und verstaute sie in einem Leinenbeutel. „Jetzt sind sie genau richtig. Weiter oben holen wir uns noch ein paar Kartoffeln.“ „Ich denke, wir gehen um Buretz.“ „Wart´ ab, Zwiebel und Salz habe ich auch eingesackt.“ Auf dem Tanzplatz, einem mit Gras bewachsenen, ebenen Rondell am Berghang oberhalb des Dorfes, steuerte er schnurstracks auf einen Hexenring Champignons zu. „Das gibt ein Festmahl!“ Die geschälten Maiskolben mit noch milchigen Körnern und die Kartoffeln lagen im Feuer und zischten. „So, jetzt tun wir die Buretz dazu.“ Zwei geschälte und geviertelte Zwiebel lagen im Gras. Mischi streute Salz darüber. „Gleich ist es so weit.“ „Gebt ihr mir auch was?“ Ein Zigeunermädchen mit stechenden Augen stand plötzlich neben uns. „Was willst du hier? Verschwinde! Das ist unser Tanzplatz!“ „Das war eurer, jetzt gehört er allen.“ „Wir hätten doch unsere Peitschen mitnehmen sollen.“ Mischi suchte nach einem Stock. „Bist du der Ungar Karli?“ „Ja, warum?“ „Mein Großvater ist dein Freund.“ „Ich habe keine Freunde unter den Zigeunern.“ „Doch, mein Großvater hat es gesagt.“ „Wer ist dein Großvater?“ „Na, der Russi, der Musikant.“ „Ach der! Ja ,der ist mein Freund. Aber der ist ja gar kein richtiger Zigeuner. Der kann ja lesen und schreiben.“ Der alte Russi war als junger Musikant Geiger im k.u.k. Heeresmusikkorps gewesen und hatte dort lesen und schreiben gelernt, allerdings nur deutsch. Er sprach ein Wiener Kucheldeutsch und tadellos sächsisch. Ihn hatte meine Großmutter beauftragt, mir gegen eine wöchentliche Ration Honig das Violinspielen beizubringen. Da meine Mutter eine passionierte Imkerin war, litten wir nie Mangel an Honig, damals ein seltener Luxus. Das erste Stück, das er mir beibrachte war „Ich bete an die Macht der Liebe“ aus dem Großen Zapfenstreich. Dabei erzählte er burleske Episoden aus seiner Militärzeit. Ich mochte ihn sehr gerne. Er war in unserer aller Achtung sehr gestiegen, als er unsere alte Familiengeige auf geheimnisvolle Weise so gespannt hatte, daß sie danach wie eine echte Konzertgeige klang. „Na, siehst Du? Mein Großvater lügt nie. Ich heiße Florica.“ „Also gut, setz dich hin! Aber nicht zu nahe! Du hast bestimmt Läuse und Flöhe.“ Mischi war versöhnlich geworden. „Ich habe keine Läuse.“ „Aber Flöhe? He?“ „Manchmal.“ Mischi warf ihr ein Stück Zwiebel zu, das sie geschickt auffing. Unten im Dorf war es still. Alle waren auf dem Feld. Nur meine Großmutter ging mit einem Buch in der Hand im Hof auf und ab. Gegenüber, am anderen Hang, auf dem „Putzireech“ (Zigeunerberg), wo eine Menge windschiefer und bunter Hütten stand, kläfften die Hunde. „Jetzt haben wir das Wasser vergessen. Die Buretz machen durstig.“ Mischi wischte sich den Mund mit dem Ärmel ab. „Wollt ihr Trauben?“ Schnell holte Florica einen vollen Korb aus dem Gebüsch. „Wo hast du die denn gestohlen?“ „Na, da unten aus dem Garten.“ „Der gehört doch dem alten Zintz. Wenn der dich erwischt, der schlägt dich blau.“ „Er hat mich aber nicht erwischt.“ Der Korb war schnell leer und Mischi rülpste. „Ich werde bald heiraten.“ „Donnerwetter! Wie alt bist du?“ „Ich glaube zwölf oder dreizehn.“ „Und da willst du schon heiraten?“ „Mein Vater hat sich mit dem Ioane in Zuckmantel besoffen, und jetzt wird der mich heiraten.“ „Was gibt er für dich?“ „Zwei Fohlen und einen Jagdhund.“ „Du bist aber teuer.“ Florica knöpfte ihre Bluse auf. „Ich habe ja auch die schönste Brust im Dorf.“ Mischi wurde ganz rot im Gesicht und stocherte im Feuer herum. „Joi, jetzt muß ich noch einmal zum alten Zintz. Wenn ich ohne Trauben nach Hause komme, schlägt mich meine Mutter blau.“ Florica sah uns mit stechenden Augen an und lief dann die Böschung hinunter. „Das ist ein Volk! Aber so eine Brust habe ich noch nie gesehen. Und die soll erst zwölf sein. Das kann ich nicht glauben.“ Wir packten zusammen und gingen nach Hause. Der Frühlingsstrauß auf meinen blauen sächsischen Tisch verwelkte. Ich warf ihn weg und ging zu den Zigeunern an der Ecke. „He, das ist doch der Ausländer, der der Florica für Gras einen Fünfziger gegeben hat. So ein Spinner.“ „Frische Rosen aus Bulgaria, ganz billig!“ „Tulipanen aus Olanda!“ „Kauft von mir, Herr, ich habe zwölf Kinder!“ „Ganz billig! Nur dreißig für diesen Strauß!“ „Wo ist die Alte?“ „Ach, die! Die ist nicht mehr hier. Die Polizei hat sie verjagt. Die hat niemals Standgebühr bezahlt.“ „Was wollt ihr von der? Die ist doch verrückt. Vielleicht ist sie zurück nach Nadesch.“ „Hier, Herr, ganz frisch aus dem Garten. Kostet fast nichts.“

Ich habe keine Blumen mehr gekauft.

Laßt die Dicken in Ruhe!

Um es vorwegzunehmen: Ich bin besorgt. Kaum daß unsere Ordnungshüter und ihre verkniffenen Mitstreiter das Rauchverbot in geschlossenen Räumen und Gaststätten verhängt haben, bereiten sie ihre nächste Attacke vor. Der Triumph über die Qualmer beflügelt sie. Jetzt ist das Essen dran. Der Verzehr von Nahrungsmitteln auf Kosten der Solidargemeinschaft der Versicherten soll bestraft werden.
Das Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz hat prompt mit großem Aufwand eine umfangreiche „Nationale Verzehrsstudie“ erstellen lassen, die, wie sollte es anders sein, zu verheerenden Ergebnissen gelangt. 80 Milliarden Euro an Zusatzkosten zu Lasten der Solidargemeinschaft verursachen demnach die ernährungsbedingten Gesundheitsschäden. Unerhört!!!! Und das auch noch angesichts der chronisch defizitären Sozialkassen! „Da muß und wird etwas geschehen!“ So ein hoher Ministerialbeamter. Besagte Studie bietet ja bereits eine unanfechtbare wissenschaftliche Grundlage für drakonische Maßnahmen. Noch beschränkt sich das Ministerium allerdings auf bundesweite „Aufklärungskampagnen“. Aber es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis das Kabinett die Beseitigung des Dickseins auf die Agenda setzen wird. Siegmar Gabriel macht vorsorglich bereits eine Abmagerungskur.
Auch in Brüssel brüten schon längst Heerscharen von magersüchtigen Eurokraten über Plänen, wie der homo europeanus gertenschlank gezüchtet werden kann. Selbst die Hausschlachtungen haben sie im Visier, da diese ja den Dicken ein ideales Schlupfloch bieten. Bislang kommen sie jedoch noch nicht recht weiter, da die Lobbyisten aller Art, Agrarfunktionäre, Metzgerinnungen, Tierärzteverbände, Lebensmittelhändler, Pharmavorstände, Ärztevertreter, Bekleidungsunternehmer u.a., sie permanent in Atem halten. Sie wären aber keine Eurokraten, wenn sie nicht doch in absehbarer Zeit Verordnungen und Normen gegen unsere Dicken zustande brächten.
Der Hotel- und Gaststättenverband weiß das und plant daher, um nicht wieder wie bei der Nichtraucherschutzregelung von EU-Auflagen überrascht zu werden, Gerüchten zufolge sogar vorsorglich, in Pilotprojekten sogenannte Nichtesser-Restaurants zu erproben. Alternativ dazu wird an verschiedenen Speisekarten gearbeitet, solchen für Dünne und solchen für Dicke. An jedem Tisch wird eine Waage stehen und das Küchen- und Bedienungspersonal wird fachlich und psychologisch geschult werden müssen, um den zu erwartenden Protesten der Dicken geschmeidig zu begegnen.
Supermarktketten sollen sogar schon errechnet haben, wie hoch ihr Verlust sein wird, wenn ein Verbot von Lebensmittelverkäufen an Übergewichtige verhängt wird. Die Mitarbeiterzahl muß wesentlich erhöht werden, um die Dicken von den Kaufberechtigten auszusortieren. Auch Strategien gegen Lebensmitteldiebstähle hungriger Molliger sind angeblich in Arbeit. Um Ordungsdienste, bewehrt mit Gummiknüppeln, wird man wohl nicht herumkommen. All dieses wird zu einer völlig neuen Preisgestaltung führen, damit die Verluste im Dienste der menschlichen Verschlankung ausgeglichen werden. Wie werden die Dünnen auf die zu erwartenden Preiserhöhungen reagieren?
Die Gewerkschaft, die sich bisher nur um die Anerkennung des sogenannten Servicesyndroms als Berufskrankheit bemüht hat, hält inzwischen die Arbeitsbedingungen in Speiselokalen überhaupt für unzumutbar, denn die Kellner leiden angeblich schon seit langem unter dem Passivverzehr beim Anblick der Nahrungsaufnahme. Depressionen, Widerwärtigkeiten, ja sogar Alkoholismus seinen häufige Folgeerscheinungen. Da muß Abhilfe geschaffen werden. Angesichts der konzertierten Aktion gegen die Dicken können natürlich die Medien nicht fehlen. Eingefallene Münder in verknitterten Gesichtern, aus denen stechende Fieberaugen zucken, stoßen in diversen Talkshows Beschimpfungen gegen alle Dicken aus. Auf solarbetriebenen Rechnern wird ermittelt, was jedes Gramm Übergewicht die Solidargemeinschaft kostet. Und dann der abstoßende Anblick jedes Dicken!!!! Widerlich, widerlich!!!! Da wird sogar von einer Verstopfung der sozialen Zukunft durch die Leibesfülle der Dicken und namentlich im Hinblick auf die Jugend von einem inakzeptablen gesellschaftlichen Beispiel durch ungebremste Verzehrsfreude gesprochen. Von wegen „fat is beautyfull“! Knöcherne Gestalten mit faltiger Lederhaut, durch die jedes Äderchen drückt, sind die Ideale. Verachtung und Haß durchströmt die Studios. Die Dicken sind der Belzebub schlechthin. Reumütige Mollige werden als Kronzeugen der Kampagne vorgeführt, befragt und bemitleidet und das Studiopublikum klatscht.
Den Dicken stehen also schwere Zeiten bevor, denn nur notorische Naivlinge unter ihnen können annehmen, daß sie ungeschoren, besser gesagt unabgespeckt, davon kommen werden. Es wogt vielmehr ein Tsunami auf sie zu. Dabei mag ich doch die Dicken so gerne. Sie sind so menschlich!
Und sollten wir, ob dick oder dünn, nicht alle menschlich sein? Und schließlich: Schönheit ist keine Frage des Gewichtes. Oder sind alle Mageren schön und alle Dicken häßlich? Nun, Geschack ist ja bekanntlich so eine Sache.
Laßt mir also die Dicken in Ruhe! Sie sind ja schließlich auch nicht teurer als die Autofahrer, die Extremsportler, die Hektiker, die Rentner und, und…. Oder wollt Ihr alle Kostenverursacher liquidieren?

Schöne Neue Welt!

Schäßburg

Annerl und ich leben ja seit einigen Jahren überwiegend in meiner Heimatstdt Schäßburg in Siebenbürgen, wo wir vielfältig ehrenamtilichtätig sind. Es ist eine schöne Stadt und das mittelalterliche Ensemble (die Burg) ist Weltkulturerbe der Unesco.

Bratwurst und Leidenschaft

Die Bratwurst ist die Krönung der kulinarischen Kunst. Ich meine nicht irgendeine Bratwurst. Nein, ich meine die grobe, deftige, von Hand gemachte fränkische Bratwurst, deren Ingredienzen mir immer ein Rätsel bleiben werden. Sie ist voller Gerüche, zart und beißend zugleich, aber immer betäubend, ja betörend, vor allem wenn sie einen nur angedeuteten Hauch von Knoblauch verströmt. Keine Speise reicht auch nur annähernd an ihren Duft, ihre neckisch-lockende Farbigkeit und ihre magische Kraft, die Sehnsucht, das Verlangen nach ihr bis ins Unerträgliche, ja bis zur Ekstase zu treiben. Sie ist nicht eine gewöhnliche Speise zwecks organischer Stärkung, nein sie ist eine Offenbarung, der Höhepunkt menschlicher Glückserfüllung. Sie attackiert die Selbstbeherrschung und macht aus ihrem Liebhaber ein schmachtendes Wesen. Sie erregt sämtliche Sinne bis zum Äußersten: Oh, welch wunderbarer Anblick ist eine leicht gekrümmte Bratwurst (noch mehr zwei Bratwürste) in einer
derben Pfanne, also keine Pfanne, die mit irgendwelchen Beschichtungen das Anbrennen verhindern soll, nein, eine Pfanne voller Risse vom Scheuern mit einer silbrigschwarzen Patina und einem spürbaren Gewicht. Schwer muß eine Pfanne sein und alt, und einen langen Stiel muß sie haben. Sie muß schon Generationen von Bratwurstkennern die herrlichsten Genüsse bereitet haben. Sie muß förmlich vom Jauchzen und lustvollen Stöhnen, vom Mhm, Mhm unserer Altvorderen erzählen. Nur das ist eine der fränkischen Bratwurst angemessene
Pfanne. Bratwurst und Pfanne müssen schlicht und ergreifend zu einander passen, die Chemie muß stimmen, sie müssen ein inniges, ja symbiotisches Verhältnis zueinander haben. Schon wenn ich die Bratwurst in die Pfanne lege, beginnt die Liebesbeziehung, ein fast frivoles Sichanschmiegen der Wurst an den Pfannenboden, ein Sichwohlfühlen, ein lautloses aber lustvolles Stöhnen. Nur ein Kenner bemerkt die Zartheit und Sanftheit der Berührung. Nun liegt sie da, die Wurst. Sie ist betört und bis in die Zipfel hinein entspannt. Sie gibt sich der Pfanne völlig hin. Sie leuchtet rosarot wie ein Pfirsich, nein, nicht wie ein Pfirsich, wie der Oberschenkel eines süßlichen Mädchens von Renoir auf einer Wiese im Frühling inmitten von Klatschmohn. Welch ein Anblick.! Wie eine zarte Haut, die nach dem Bade mit grobem Tuch gescheuert wurde. Die Spannung beginnt zu steigen. Leichtes Knistern dringt an mein Ohr. Das Spiel kann beginnen. Die Wurst fängt an sich zu räkeln. Leise zunächst, jedoch immer lauter werdend prustet sie, schmatzt und zischt sie. Musik erfüllt die Küche, betörende Musik. Der Bolero von Maurice Ravel macht sich bemerkbar. Er beginnt leise und gediegen, wird immer lauter, eindringlicher und fordernder und steigert sich bis ins Rauschhafte. Auch die Bratwurst verfällt dem Rausch. Sie will hüpfen, sie zischt, sie streckt sich und krümmt sich erneut. Was geht in ihr vor? Sie erlebt eine wahrhaftige Walpurgisnacht, wie Tannhäuser im Banne der Venus. Wagners Musik nimmt mich gefangen. Sie springt über zum Walkürenritt. Erregung, Tempo, Leidenschaft! Plötzlich ertönt der Hummelflug des Rimskij-Korsakov, die reinste musikalische Orgie. Ich wende die Wurst. Welches Zischen, welche Erregung! Meine Nerven sind aufs Äußerste angespannt. Da hilft nur noch der Deckel. Also Deckel drauf und
raus! Ach, es hilft aber alles nichts. Hummelflug, Walpurgisnacht, Walkürenritt vermengen sich und erregen mich bis zur Betäubung. Die Spannung steigt ins Unerträgliche. Endlich, endlich ist es so weit! Weg mit dem Deckel! Oh, welch ein Anblick! Dampfend, siedend mit kleinen Bläschen liegt sie da, die fränkische Bratwurst. Immer noch leicht gekrümmt und was für eine Farbe! Oh, Gaugin! Wie deine Frauen auf Tahiti schimmert ihre Haut, bräunlich, gesund, knackig, durchzogen mit gelblichen, nein, goldenen Flecken. Ein wunderbares Bild, wie der goldene Helm von Rembrandt, prall, üppig und saftig wie die Weiber von Rubens. Die köstlichsten Gerüche durchströmen den Raum. Endlich, endlich! Wo ist der Senf? Der Löwensenf, nicht scharf, nicht mild, nein, mittelscharf muß er sein ! Er muß ganz fein in der Nase zwicken. Und goldgelb muß er sein, wunderbar glänzend! Nur er ist der fränkischen Bratwurst ebenbürtig. Bloß keine Pampe wie Kinderkacke! Die ist unter Niveau, ja morganatisch! Und ja nicht aus der Tube! Nein, aus einem rundlichen Glastönnchen muß der Löwensenf sein, mit Schraubdeckel, der beim Öffnen metallisch plop macht. Bloß kein Plastikdeckel! Das Messer ist tabu. Nur mit einem Teelöffelchen darf er über die Bratwurst gezogen werden. Oh, wie köstlich! Köstlich! Aber wo ist denn bloß der mittelscharfe Löwensenf? Eine fränkische Bratwurst ohne mittelscharfen Löwensenf ist wie ein Sozi ohne rote Nelke im Knopfloch, wie der nölende Udo Lindenberg ohne Hut, wie ein verliebter
Backfisch ohne Handy, oder ein Ami ohne Kaugummi. Nein, eine fränkische Bratwurst ohne mittelscharfen Löwensenf aus einem Glastönnchen mit Schraubverschluß, der ganz fein in der Nase zwickt, ist eine Schande, nein, ein Verbrechen. Wo ist der Senf? Verdammt noch mal, wo ist der Senf? Der Senf ist weg! Oh, Gott! Oh, Gott! Das Leben ist gemein! So gemein!!!

Eine weihnachtliche Begegnung

Autobiographien sind häufig peinlich und verlogen. Dahingegen können kleinere autobiographische Episoden unterhaltsam und informativ sein. Sie sind wie Puzzlestücke eines langen Lebens und können separat gelesen werden. Auch wenn sie der subjektiven Wahrnehmung unterworfen sind fokussieren sie bestimmte Lebenssituationen. Die folgende Episode hat mich jahrelang beschäftigt und ist mir durch den genius loci (Durchfahrt durch Innsbruck) wieder in den Sinn gekommen.

Eine weihnachtliche Begegnung

Kurz vor Weihnachten 1964 saß ich in einem Innsbrucker Antiquariat und wartete auf Kundschaft. Mit dem Inhaber hatte ich mich gleich zu Beginn meiner Studienzeit angefreundet, und er ließ mich, wenn er stark beschäftigt oder außer Hauses war, etwas Geld verdienen. Die meisten Interessenten waren Studenten oder ältere Herren mit akademischer Ausbidung. Der Umsatz war oft nicht hoch, da die meisten Interessenten in den Beständen blätterten, nach dem Preis fragten und ohne zu kaufen wieder gingen. Dennoch hatte ich gelegentlich ein gutes Einkommen. Es gab nämlich etliche bibliophile Stammkunden, die nicht nur regelmäßig teure Werke kauften, sondern auch das Gespräch mit mir suchten und bei der Abrechnung beachtliche Trinkgelder hinterließen.
Draußen schneite es. Vermummte Menschen eilten rasch über den Bürgersteig, wohl auf dem Weg zu letzten Einkäufen. Niemand betrat jedoch den Raum. Seit zwei Stunden las ich in der zweibändigen „Geschichte der evangelischen Kirche in Siebenbürgen“ von Friedrich Teutsch, ein Werk, das ich mir nicht leisten konnte, das aber schon seit längerem mein Interesse geweckt hatte.
„Wieso interessieren Sie sich für Teutsch?“ Vor mir stand ein großer gepflegter Mann mit gauen Haaren und blauen Augen. „Ich bin Siebenbürger Sachse und studiere Geschichte“. „Wohl knapp bei Kasse?“ „Ja!“ „Was verschlägt einen jungen Sachsen hierher?“ „Die verrückten Zeiten!“ Die Frage war mir unangenehm, denn ich hatte keine Lust, schon wieder meinen Lebenslauf zu erzählen, der in der damaligen Zeit den meisten Menschen recht ungewöhnlich vorkam, zumal sie in der Regel von meiner Heimat Siebenbürgen keine Vorstellung hatten. „Ich kenne Ihre Heimat. Sie hat mein ganzes Leben verändert.“ „Wie kam das?“ Meine Neugier war geweckt. Der Mann starrte geradeaus und murmelte wie geistesabwesend: „Es war Gottes Fügung.“ Nach einiger Zeit strich er sich mit der Hand über die Haare und sein Gesicht entspannte sich. „Darf ich Ihnen den Teutsch schenken?“ „Aber er gehört doch Herrn Lackner.“ „Was kostet er?“ Ich nannte ihm den Preis, und er zahlte das Doppelte. „Der Rest ist für Sie.“ „Danke!“ „Schon gut, schon gut! Ich bin nicht arm.
Und außerdem ist bald Weihnachten.“ Er kaufte noch einen teuren Bildband. „Für meinen Neffen, er studiert in Wien. Bleiben Sie gesund und frohe Weihnachten!“ Bevor er zur Tür hinausging, drehte er sich noch einmal um und winkte nachdenklich. Dann war es wieder still und ich setzte mich auf meinen Platz. Die Begegnung und das Geschenk hatten mich so überrascht, daß ich nicht weiterlesen konnte. „Wer mag dieser Mann sein und was hat er in Siebenbürgen erlebt?“ frug ich mich.
Es wurde Abend. Herr Lackner war zurückgekommen und ich machte gerade die Abrechnung, als die Tür aufging und der große, gepflegte Mann eintrat. „Grüß Gott Herr Lackner! Ich habe Sie heute nachmittag vermißt.“ „Grüß Gott Herr Doktor! Ich war in Schwaz, Auflösung einer Hausbibliothek.“
„Der junge Mann hat Sie gut vertreten. Wie geht es der gnädigen Frau?“ Sie unterhielten sich
noch eine Zeit lang, während ich meine letzten Aufräumungsarbeiten verrichtete. „Junger Sachse, was machen Sie heute abend? Haben Sie schon etwas vor?“ „Nein, ich fahre erst übermorgen nach Hause zu meinen Eltern.“ „Kommen Sie um 8 Uhr zu mir! Wir speisen zusammen.“ Bis ich seine Adresse, die er mir nannte, notiert hatte, war er schon gegangen. Herr Lackner musterte mich verwundert.
„Kennen Sie den Herrn Notär näher? Seit seine Frau Gemahlin, eine schöne Meranerin,
gestorben ist, hat er kaum noch Gäste.“
Leicht aufgeregt betrat ich einen gepflegten Vorgarten einer hell erleuchteten Villa. „Treten Sie ein! Der Herr Notär erwartet Sie.“ Eine gut gekleidete Frau mit weißer Schürze nahm mir den Mantel ab und führte mich in ein großes Zimmer mit antiken Möbeln und Regalen voller Bücher. Auf einem kunstvoll eingedeckten Tisch brannten zwei Kerzen. „Kommen Sie! Heute machen wir zwei einen Herrenabend.“ Nach der Vorspeise, einem Südtiroler Speckteller, klingelte das Telefon. „Frau Moser, ich bin für niemanden zu sprechen. Meine Vergangenheit sitzt vor mir.“ Frau Moser trug ein Viergängemenue auf. Dazu gab es verschiedene Südtiroler Weine und Mineralwasser.
„Sind Sie gläubig?“ Die Frage überraschte mich. „Ja natürlich. Ich bin doch ein Sachse.“ Zum ersten Mal hörte ich den Mann herzhaft lachen. „So kenne ich euch.“ Sein Gesicht wurde ernst und nachdenklich. „Jetzt hören Sie die Geschichte meiner Neugeburt in Siebenbürgen:
Meine Heimat ist das Sarntal in Südtirol, wo mein Vater Schulmeister war. Ich hatte sechs Geschwister, drei Brüder und drei Schwestern. Mein Vater war streng völkisch gesinnt und gehörte der Schönererbewegung an. Die Anexion Südtirols durch Italien empfand er als nationale Katastrophe. Das zusammengeschnurrte Deutschösterreich, dem der Anschluß an das Deutsche Reich verwehrt worden war, und die dort einflußreichen Sozialisten verachtete er. Den klerikalen Ständestaat des Engelbert Dollfuß haßte er. Sein Blick richtete sich nach Deutschland, er konnte sich jedoch mit dem Weimarer System nicht abfinden. Seine Hoffnung war auf eine Erstarkung der völkischen Bewegung und eine Revision der Pariser Vorortsverträge gerichtet. Ins Deutsche Reich auswandern, wie etliche seiner Gesinnungsgenossen, wollte er nicht. Zwei meiner Brüder und ich jedoch gingen nach der Matura nach Deutschland. Ich studierte Jura, meine Brüder Medizin und Pharmazie. Beide,
wie auch der dritte Bruder, der später nachkam, sind gefallen. Von den Schwestern leben noch zwei, die eine in Wien, die andere in Rom, sie wurde vom Vater verstoßen, als sie einen Adjutanten des Grafen Ciano heiratete. Er verabscheute alle Italiener. Der Aufstieg der Nationalsozialisten faszinierte mich, und ich schloß mich sehr bald der SA an. Später stieß ich zur SS und freundete mich mit Gunter und Rolf d’Alquen an. Etliche Artikel in dem von ihnen herausgegebenen „Schwarzern Korps“ stammen von mir. Ihr eiskalter Intellekt und ihr nihilistischer Fanatismus zogen mich an. Über Luis Trenker lernte ich Göbbels und Himmler kennen. Mit Walter Schellenberg und sogar mit Heydrich war ich bald auf vertrautem Fuß. Ich brachte es schnell zum Sturmbannführer. 1939 heiratete ich meine Jugendliebe Gertrud. Wir haben zwei Söhne, beide leben in Deutschland. Beim Rußlandfeldzug war ich im Stab von Otto Ohlendorf, dem Leiter der Einsatzgruppe D. Er wurde nach dem Krieg hingerichtet. Die Zeit war grauenvoll. Viel Blut klebt auch an diesen Händen.“ Er betrachtete mit gerunzelter Stirn seine Hände und schwieg ein paar Minuten. „Mich plagten keine Zweifel. Gunter d’Alquen hatte mich überzeugt: Das deutsche Volk ist auserwählt und hat das Recht, sich über alle Konventionen hinwegzusetzen. Alle seine Feinde müssen liquidiert werden. Es geht um einen säkularen, gigantischen Kampf, der nur durch Härte und bedingungslose Konsequenz zu gewinnen ist. Über Bedenken meiner streng katholisch erzogenen Frau setzte ich mich hinweg.
1943 wurde ich nach Bukarest abkommandiert. Ich gehörte zu einem Stab von SS-Chargen, die nach einigen Vorkommnissen die Botschaft zu überwachen hatten. Der Botschafter Manfred von Killinger, ein hoher SA-Führer, der dem Massaker von 1934 in Bad Wiessee durch Zufall entgangen war, galt als unzuverlässig und unterstützte den Volksgruppenführer Andreas Schmidt nur halbherzig. Den Volksgruppenführer hatte ich im Hause seines Schwiegervaters, Gruppenführer Gottlob Berger, kennengelernt. Er war ein primitiver, selbstherrlicher Funktionärstyp und widersprach meinem Bild von den Siebenbürger Sachsen, das ich mir in Gesprächen mit meinem väterlichen Freund, Obergruppenführer Arthur Phleps, selbst ein Sachse und ehemals General der rumänischen Armee, dann Brigadekommandeur der Waffen-SS und schließlich Kommandeur der Waffen-SS-Division Wiking, von ihnen gemacht hatte. Es war die Zeit, als die Siebenbürger Sachsen und Banater Schwaben für den Dienst in der Waffen-SS angeworben werden sollten, was der Volksgruppenführung jedoch nicht so reibungslos gelang, wie Andreas Schmidt nach Berlin berichtet hatte. Ich bereiste
wochenlang Siebenbürgen, um mir eine Übersicht zu verschaffen. Was ich dort vorfand, änderte mein ganzes Leben. Die nationale Begeisterungswelle hatte auch diesen abgeschiedenen Volkssplitter erfasst und in einen kollektiven Rausch versetzt. Seine Jahrhunderte alten weltlichen Organisationsstrukturen, die sich in ständigem Abwehrkampf herausgebildet hatten, funktionierten immer noch tadellos. Es war der Volksgruppenführung zwar gelungen, sie größtenteils formal unter Kontrolle zu bringen und die Menschen zu mobilisieren, eine totale Gleichschaltung der sächsischen Gesellschaft scheiterte jedoch an einer Institution, die sich ebenfalls im Jahrhunterte langen Kampf um Eigenständigkeit herausgebildet hatte: der sächsischen evangelischen Kirche. Arthur Phleps formulierte es einmal so: Das Sachsenvölkchen wird der Volkgruppenführung nur mit einem Bein nachlaufen. Das andere Bein ist unter der Kanzel einbetoniert, doch das wird der Trottel aus Donnersmarkt (gemeint war Andreas Schmitt) nie begreifen. Seinen Schwadroneur auf dem Bischofsstuhl, den er dorthinbugsiert hat, nimmt doch keiner ernst. Der sächsische Klerus hebelt ihn aus. Nur Karieristen stehen auf seiner Seite.
Auf meiner Inspektionsreise besuchte ich viele Gottesdienste, in den Städten, aber vor allem in den Dörfern. Die feierliche Atmosphäre, die ernsthaften, kraftvollen und zugleich tröstlichen Predigten und die tiefgläubigen und andächtigen Gemeinden beeindruckten mich stark. Allmählich dämmerte mir: diese Menschen brauchen dich nicht! Sie haben ihren Glauben, ihren Halt. Was hast Du? Deine Uniform! Dein Parteiprogramm! Ich begann sie zu beneiden. Tagsüber empfand ich eine innere Leere und nachts plagten mich Alpträume. Ich fürchtete, in Depressionen zu verfallen. Dr. Wagner, der Stadtpfarrer von Schäßburg, eine hochgebildetete Persönlichkeit wie viele eurer Pfarrherren, schenkte mir nach einem langen Gespräch ein Neues Testament in der Übersetzung von Martin Luther, es liegt jetzt auf meinem Nachtkästchen und ich lese täglich darin. Ich erhoffte mir Linderung von meiner Unruhe in den Bergen. Nach einer ausgedehnten Wanderung im Zibinsgebirge, wo ich nicht nur keine Ruhe fand, sondern der Verzweiflung nahe war, suchte ich den Stadtpfarrer von Hermannstadt, euren heutigen Bischof, auf und bat ihn, mir die Beichte abzunehmen. Die ganze Sinnlosigkeit meines Lebens, meine Verbrechen in der Ukraine, meine Hybris, alles redete ich mir von der Seele. Pfarrer Müller hörte geduldig zu und sagte schließlich: Ich kann Ihnen nicht vergeben,
das kann nur Gott. Aber ich kann Ihnen versichern, es ist nie zu spät. Mein Gott ist ein Gott der Gnade. Kehren Sie um! Verlassen Sie diesen gottlosen Weg und beten Sie! Dann wird er Ihnen vergeben. Gott liebt Sie und läßt Sie nicht im Stich, das hat uns Jesus Christus gelehrt. Auch ich werde für Sie beten. Amen.
Zurückgekehrt nach Berlin rief mich Schellenberg zu sich: Vorsicht, Vorsicht, Kilian! Du fängst an, Fehler zu machen. Nimm zwei Wochen Urlaub und besinne Dich! Übrigens, Best in Kopenhagen plagen die gleichen Zweifel wie Dich. Ich kann euch sogar verstehen. Aber Vorsicht, Vorsicht!
Meine Frau war glücklich, als ich mich ihr offenbarte, hatte aber auch große Angst um mich. Ich entschloß mich, meine Versetzung zur Wehrmacht an die Front zu beantragen. Allerdings landete ich, wie zu erwarten war, im Strafbataillon 999. Es war hart, aber ich überlebte. Die Entnazifizierungsbehörden verhörten mich lang, ließen mich aber schließlich laufen. Mein innerer Friede und meine Gelassenheit hatten Bestand, wofür ich Gott täglich danke. Ich weiß, er hat mir vergeben, und nur das zählt. Wir ließen uns hier in Innsbruck nieder und ich konnte befreit von der Vergangenheit meine Kanzlei aufbauen. Das alles, junger Freund, verdanke ich eurem schönen Siebenbürgen, dem leider noch schwere Zeiten bevorstehen. Aber ihr habt ja euren Glauben, es ist auch mein Glaube geworden. Gott ist auf eurer Seite. Das weiß ich. Ich wünsche Ihnen frohe Weihnachten!“
1966 schickte mir Herr Lackner eine Nachricht der Tiroler Zeitung: Vergangene Woche verstarb Notär Dr. Kilian H. überraschend nach einem Bergunfall im Dachsteingebirge……
Die Söhne haben die Villa verkauft, die Bibliothek gelangte ins Antiquariat von Herrn Lackner.
Herr Lackner verstarb unerwartet 1968, das Antiquariat existiert nicht mehr.

Dezember 2008