Eine weihnachtliche Begegnung

Autobiographien sind häufig peinlich und verlogen. Dahingegen können kleinere autobiographische Episoden unterhaltsam und informativ sein. Sie sind wie Puzzlestücke eines langen Lebens und können separat gelesen werden. Auch wenn sie der subjektiven Wahrnehmung unterworfen sind fokussieren sie bestimmte Lebenssituationen. Die folgende Episode hat mich jahrelang beschäftigt und ist mir durch den genius loci (Durchfahrt durch Innsbruck) wieder in den Sinn gekommen.

Eine weihnachtliche Begegnung

Kurz vor Weihnachten 1964 saß ich in einem Innsbrucker Antiquariat und wartete auf Kundschaft. Mit dem Inhaber hatte ich mich gleich zu Beginn meiner Studienzeit angefreundet, und er ließ mich, wenn er stark beschäftigt oder außer Hauses war, etwas Geld verdienen. Die meisten Interessenten waren Studenten oder ältere Herren mit akademischer Ausbidung. Der Umsatz war oft nicht hoch, da die meisten Interessenten in den Beständen blätterten, nach dem Preis fragten und ohne zu kaufen wieder gingen. Dennoch hatte ich gelegentlich ein gutes Einkommen. Es gab nämlich etliche bibliophile Stammkunden, die nicht nur regelmäßig teure Werke kauften, sondern auch das Gespräch mit mir suchten und bei der Abrechnung beachtliche Trinkgelder hinterließen.
Draußen schneite es. Vermummte Menschen eilten rasch über den Bürgersteig, wohl auf dem Weg zu letzten Einkäufen. Niemand betrat jedoch den Raum. Seit zwei Stunden las ich in der zweibändigen „Geschichte der evangelischen Kirche in Siebenbürgen“ von Friedrich Teutsch, ein Werk, das ich mir nicht leisten konnte, das aber schon seit längerem mein Interesse geweckt hatte.
„Wieso interessieren Sie sich für Teutsch?“ Vor mir stand ein großer gepflegter Mann mit gauen Haaren und blauen Augen. „Ich bin Siebenbürger Sachse und studiere Geschichte“. „Wohl knapp bei Kasse?“ „Ja!“ „Was verschlägt einen jungen Sachsen hierher?“ „Die verrückten Zeiten!“ Die Frage war mir unangenehm, denn ich hatte keine Lust, schon wieder meinen Lebenslauf zu erzählen, der in der damaligen Zeit den meisten Menschen recht ungewöhnlich vorkam, zumal sie in der Regel von meiner Heimat Siebenbürgen keine Vorstellung hatten. „Ich kenne Ihre Heimat. Sie hat mein ganzes Leben verändert.“ „Wie kam das?“ Meine Neugier war geweckt. Der Mann starrte geradeaus und murmelte wie geistesabwesend: „Es war Gottes Fügung.“ Nach einiger Zeit strich er sich mit der Hand über die Haare und sein Gesicht entspannte sich. „Darf ich Ihnen den Teutsch schenken?“ „Aber er gehört doch Herrn Lackner.“ „Was kostet er?“ Ich nannte ihm den Preis, und er zahlte das Doppelte. „Der Rest ist für Sie.“ „Danke!“ „Schon gut, schon gut! Ich bin nicht arm.
Und außerdem ist bald Weihnachten.“ Er kaufte noch einen teuren Bildband. „Für meinen Neffen, er studiert in Wien. Bleiben Sie gesund und frohe Weihnachten!“ Bevor er zur Tür hinausging, drehte er sich noch einmal um und winkte nachdenklich. Dann war es wieder still und ich setzte mich auf meinen Platz. Die Begegnung und das Geschenk hatten mich so überrascht, daß ich nicht weiterlesen konnte. „Wer mag dieser Mann sein und was hat er in Siebenbürgen erlebt?“ frug ich mich.
Es wurde Abend. Herr Lackner war zurückgekommen und ich machte gerade die Abrechnung, als die Tür aufging und der große, gepflegte Mann eintrat. „Grüß Gott Herr Lackner! Ich habe Sie heute nachmittag vermißt.“ „Grüß Gott Herr Doktor! Ich war in Schwaz, Auflösung einer Hausbibliothek.“
„Der junge Mann hat Sie gut vertreten. Wie geht es der gnädigen Frau?“ Sie unterhielten sich
noch eine Zeit lang, während ich meine letzten Aufräumungsarbeiten verrichtete. „Junger Sachse, was machen Sie heute abend? Haben Sie schon etwas vor?“ „Nein, ich fahre erst übermorgen nach Hause zu meinen Eltern.“ „Kommen Sie um 8 Uhr zu mir! Wir speisen zusammen.“ Bis ich seine Adresse, die er mir nannte, notiert hatte, war er schon gegangen. Herr Lackner musterte mich verwundert.
„Kennen Sie den Herrn Notär näher? Seit seine Frau Gemahlin, eine schöne Meranerin,
gestorben ist, hat er kaum noch Gäste.“
Leicht aufgeregt betrat ich einen gepflegten Vorgarten einer hell erleuchteten Villa. „Treten Sie ein! Der Herr Notär erwartet Sie.“ Eine gut gekleidete Frau mit weißer Schürze nahm mir den Mantel ab und führte mich in ein großes Zimmer mit antiken Möbeln und Regalen voller Bücher. Auf einem kunstvoll eingedeckten Tisch brannten zwei Kerzen. „Kommen Sie! Heute machen wir zwei einen Herrenabend.“ Nach der Vorspeise, einem Südtiroler Speckteller, klingelte das Telefon. „Frau Moser, ich bin für niemanden zu sprechen. Meine Vergangenheit sitzt vor mir.“ Frau Moser trug ein Viergängemenue auf. Dazu gab es verschiedene Südtiroler Weine und Mineralwasser.
„Sind Sie gläubig?“ Die Frage überraschte mich. „Ja natürlich. Ich bin doch ein Sachse.“ Zum ersten Mal hörte ich den Mann herzhaft lachen. „So kenne ich euch.“ Sein Gesicht wurde ernst und nachdenklich. „Jetzt hören Sie die Geschichte meiner Neugeburt in Siebenbürgen:
Meine Heimat ist das Sarntal in Südtirol, wo mein Vater Schulmeister war. Ich hatte sechs Geschwister, drei Brüder und drei Schwestern. Mein Vater war streng völkisch gesinnt und gehörte der Schönererbewegung an. Die Anexion Südtirols durch Italien empfand er als nationale Katastrophe. Das zusammengeschnurrte Deutschösterreich, dem der Anschluß an das Deutsche Reich verwehrt worden war, und die dort einflußreichen Sozialisten verachtete er. Den klerikalen Ständestaat des Engelbert Dollfuß haßte er. Sein Blick richtete sich nach Deutschland, er konnte sich jedoch mit dem Weimarer System nicht abfinden. Seine Hoffnung war auf eine Erstarkung der völkischen Bewegung und eine Revision der Pariser Vorortsverträge gerichtet. Ins Deutsche Reich auswandern, wie etliche seiner Gesinnungsgenossen, wollte er nicht. Zwei meiner Brüder und ich jedoch gingen nach der Matura nach Deutschland. Ich studierte Jura, meine Brüder Medizin und Pharmazie. Beide,
wie auch der dritte Bruder, der später nachkam, sind gefallen. Von den Schwestern leben noch zwei, die eine in Wien, die andere in Rom, sie wurde vom Vater verstoßen, als sie einen Adjutanten des Grafen Ciano heiratete. Er verabscheute alle Italiener. Der Aufstieg der Nationalsozialisten faszinierte mich, und ich schloß mich sehr bald der SA an. Später stieß ich zur SS und freundete mich mit Gunter und Rolf d’Alquen an. Etliche Artikel in dem von ihnen herausgegebenen „Schwarzern Korps“ stammen von mir. Ihr eiskalter Intellekt und ihr nihilistischer Fanatismus zogen mich an. Über Luis Trenker lernte ich Göbbels und Himmler kennen. Mit Walter Schellenberg und sogar mit Heydrich war ich bald auf vertrautem Fuß. Ich brachte es schnell zum Sturmbannführer. 1939 heiratete ich meine Jugendliebe Gertrud. Wir haben zwei Söhne, beide leben in Deutschland. Beim Rußlandfeldzug war ich im Stab von Otto Ohlendorf, dem Leiter der Einsatzgruppe D. Er wurde nach dem Krieg hingerichtet. Die Zeit war grauenvoll. Viel Blut klebt auch an diesen Händen.“ Er betrachtete mit gerunzelter Stirn seine Hände und schwieg ein paar Minuten. „Mich plagten keine Zweifel. Gunter d’Alquen hatte mich überzeugt: Das deutsche Volk ist auserwählt und hat das Recht, sich über alle Konventionen hinwegzusetzen. Alle seine Feinde müssen liquidiert werden. Es geht um einen säkularen, gigantischen Kampf, der nur durch Härte und bedingungslose Konsequenz zu gewinnen ist. Über Bedenken meiner streng katholisch erzogenen Frau setzte ich mich hinweg.
1943 wurde ich nach Bukarest abkommandiert. Ich gehörte zu einem Stab von SS-Chargen, die nach einigen Vorkommnissen die Botschaft zu überwachen hatten. Der Botschafter Manfred von Killinger, ein hoher SA-Führer, der dem Massaker von 1934 in Bad Wiessee durch Zufall entgangen war, galt als unzuverlässig und unterstützte den Volksgruppenführer Andreas Schmidt nur halbherzig. Den Volksgruppenführer hatte ich im Hause seines Schwiegervaters, Gruppenführer Gottlob Berger, kennengelernt. Er war ein primitiver, selbstherrlicher Funktionärstyp und widersprach meinem Bild von den Siebenbürger Sachsen, das ich mir in Gesprächen mit meinem väterlichen Freund, Obergruppenführer Arthur Phleps, selbst ein Sachse und ehemals General der rumänischen Armee, dann Brigadekommandeur der Waffen-SS und schließlich Kommandeur der Waffen-SS-Division Wiking, von ihnen gemacht hatte. Es war die Zeit, als die Siebenbürger Sachsen und Banater Schwaben für den Dienst in der Waffen-SS angeworben werden sollten, was der Volksgruppenführung jedoch nicht so reibungslos gelang, wie Andreas Schmidt nach Berlin berichtet hatte. Ich bereiste
wochenlang Siebenbürgen, um mir eine Übersicht zu verschaffen. Was ich dort vorfand, änderte mein ganzes Leben. Die nationale Begeisterungswelle hatte auch diesen abgeschiedenen Volkssplitter erfasst und in einen kollektiven Rausch versetzt. Seine Jahrhunderte alten weltlichen Organisationsstrukturen, die sich in ständigem Abwehrkampf herausgebildet hatten, funktionierten immer noch tadellos. Es war der Volksgruppenführung zwar gelungen, sie größtenteils formal unter Kontrolle zu bringen und die Menschen zu mobilisieren, eine totale Gleichschaltung der sächsischen Gesellschaft scheiterte jedoch an einer Institution, die sich ebenfalls im Jahrhunterte langen Kampf um Eigenständigkeit herausgebildet hatte: der sächsischen evangelischen Kirche. Arthur Phleps formulierte es einmal so: Das Sachsenvölkchen wird der Volkgruppenführung nur mit einem Bein nachlaufen. Das andere Bein ist unter der Kanzel einbetoniert, doch das wird der Trottel aus Donnersmarkt (gemeint war Andreas Schmitt) nie begreifen. Seinen Schwadroneur auf dem Bischofsstuhl, den er dorthinbugsiert hat, nimmt doch keiner ernst. Der sächsische Klerus hebelt ihn aus. Nur Karieristen stehen auf seiner Seite.
Auf meiner Inspektionsreise besuchte ich viele Gottesdienste, in den Städten, aber vor allem in den Dörfern. Die feierliche Atmosphäre, die ernsthaften, kraftvollen und zugleich tröstlichen Predigten und die tiefgläubigen und andächtigen Gemeinden beeindruckten mich stark. Allmählich dämmerte mir: diese Menschen brauchen dich nicht! Sie haben ihren Glauben, ihren Halt. Was hast Du? Deine Uniform! Dein Parteiprogramm! Ich begann sie zu beneiden. Tagsüber empfand ich eine innere Leere und nachts plagten mich Alpträume. Ich fürchtete, in Depressionen zu verfallen. Dr. Wagner, der Stadtpfarrer von Schäßburg, eine hochgebildetete Persönlichkeit wie viele eurer Pfarrherren, schenkte mir nach einem langen Gespräch ein Neues Testament in der Übersetzung von Martin Luther, es liegt jetzt auf meinem Nachtkästchen und ich lese täglich darin. Ich erhoffte mir Linderung von meiner Unruhe in den Bergen. Nach einer ausgedehnten Wanderung im Zibinsgebirge, wo ich nicht nur keine Ruhe fand, sondern der Verzweiflung nahe war, suchte ich den Stadtpfarrer von Hermannstadt, euren heutigen Bischof, auf und bat ihn, mir die Beichte abzunehmen. Die ganze Sinnlosigkeit meines Lebens, meine Verbrechen in der Ukraine, meine Hybris, alles redete ich mir von der Seele. Pfarrer Müller hörte geduldig zu und sagte schließlich: Ich kann Ihnen nicht vergeben,
das kann nur Gott. Aber ich kann Ihnen versichern, es ist nie zu spät. Mein Gott ist ein Gott der Gnade. Kehren Sie um! Verlassen Sie diesen gottlosen Weg und beten Sie! Dann wird er Ihnen vergeben. Gott liebt Sie und läßt Sie nicht im Stich, das hat uns Jesus Christus gelehrt. Auch ich werde für Sie beten. Amen.
Zurückgekehrt nach Berlin rief mich Schellenberg zu sich: Vorsicht, Vorsicht, Kilian! Du fängst an, Fehler zu machen. Nimm zwei Wochen Urlaub und besinne Dich! Übrigens, Best in Kopenhagen plagen die gleichen Zweifel wie Dich. Ich kann euch sogar verstehen. Aber Vorsicht, Vorsicht!
Meine Frau war glücklich, als ich mich ihr offenbarte, hatte aber auch große Angst um mich. Ich entschloß mich, meine Versetzung zur Wehrmacht an die Front zu beantragen. Allerdings landete ich, wie zu erwarten war, im Strafbataillon 999. Es war hart, aber ich überlebte. Die Entnazifizierungsbehörden verhörten mich lang, ließen mich aber schließlich laufen. Mein innerer Friede und meine Gelassenheit hatten Bestand, wofür ich Gott täglich danke. Ich weiß, er hat mir vergeben, und nur das zählt. Wir ließen uns hier in Innsbruck nieder und ich konnte befreit von der Vergangenheit meine Kanzlei aufbauen. Das alles, junger Freund, verdanke ich eurem schönen Siebenbürgen, dem leider noch schwere Zeiten bevorstehen. Aber ihr habt ja euren Glauben, es ist auch mein Glaube geworden. Gott ist auf eurer Seite. Das weiß ich. Ich wünsche Ihnen frohe Weihnachten!“
1966 schickte mir Herr Lackner eine Nachricht der Tiroler Zeitung: Vergangene Woche verstarb Notär Dr. Kilian H. überraschend nach einem Bergunfall im Dachsteingebirge……
Die Söhne haben die Villa verkauft, die Bibliothek gelangte ins Antiquariat von Herrn Lackner.
Herr Lackner verstarb unerwartet 1968, das Antiquariat existiert nicht mehr.

Dezember 2008

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*