Weihnachten in Nadesch

Zu Weihnachten 2023 fiel mir unser Weuhnachtsfest 1954 in meiner Heimatgemeinde in Siebenbürgen wieder ein. Für meine Freunde, aber auch für meine Familie und Nachkommen habe die Erinnerung festgehalten.

Weihnachten in Nadesch

Meine Heimat ist Transsylvanien, das Land hinter den Wäldern im südöstlichen Karpatenbogen. Wir bevorzugen die Benennung Siebenbürgen. Es ist ein multiethnisches Land und die dort lebenden Menschen sind in der Regel mehrsprachig.

In meinem Heimatdorf Nadesch waren die Mehrheit Deutsche, die seit dem Mittelalter dort siedelten und sich seit dem 16. Jahrhundert zur Evangelisch-Lutherischen Konfession bekannten. Daneben gab es orthodoxe Rumänen, unitarische Ungarn, einige Armenier und über 100 Zigeuner. Letztere waren sehr kinderreich und wohnten am Dorfrand in windschiefen Hütten. Jede Zigeunerfamilie fühlte sich zu einem deutschen Hof zugehörig und die Erwachsenen arbeiteten dort gelegentlich als Tagelöhner. Zu der Entlohnung gehörte unter anderem die Erledigung von Schreibarbeiten, da sie allesamt Analphabeten waren. Das Oberhaupt „unserer“ Zigeunerfamilie war der alte Russi, ein virtuoser Geiger, der im Heeresmusikkorps der K.u.k.-Armee gedient hatte und ein drolliges Wiener Kucheldeutsch sprach. Er war eine Respektsperson und genoss bei allen Ethnien ein hohes Ansehen. Ich mochte ihn sehr gerne, denn er war mein Geigenlehrer und brachte mir als erstes Stück „Ich bete an die Macht der Liebe“ aus dem Großen Zapfenstreich bei.

Geboren wurde ich 1943 in einer anderen deutschen Gemeinde, wo mein Vater evangelischer Pfarrer gewesen war. Ich hatte noch einen älteren Bruder und eine ältere Schwester. Noch vor meiner Geburt war mein Vater gegen seinen Willen von der örtlichen Volksgruppenführung und der reichsdeutschen Besatzungsarmee in die Waffen-SS gepresst worden. Ein Jahr danach erhielt meine Mutter die offizielle Mitteilung, mein Vater sei im heldenhaften Kampf für das Großdeutsche Reich gefallen.

Ende 1944 erging der Befehl der Wehrmacht, dass alle Deutschen in dem nördlichen Teil Siebenbürgens, der damals vorübergehend zu Ungarn gehörte und in dem wir lebten, sich unverzüglich auf die Flucht nach Westen zu begeben hätten. Im südlichen, zu Rumänien gehörenden größeren Teil Siebenbürgens, wo auch alle unsere Verwandten wohnten, durfte niemand das Land verlassen. Aus unserem Dorf machten sich die meisten mit ihren Wägen und ihrem Vieh in einem Treck auf den Weg und gelangten später bis nach Österreich, wo sich die meisten dauerhaft niederliessen. Meine Mutter wurde mit ihren drei kleinen Kindern in einem vollgestopften Zug für Viehtransporte nach Westen verfrachtet, ein Transport der ständigen Luftangriffen durch die Alliierten ausgesetzt war. Viele verloren ihr Leben. Weihnachten verbrachten wir wie auch die anderen verängstigten Mitreisenden auf einem Abstellgleis in Prag. Danach langte der lädierte Zug im übervölkerten Dresden an, das eine Art Sammelbecken für Flüchtlinge aus dem Südosten war. Kurz vor dem verheerenden Bombardement der Stadt wurde unsere Familie zu unserem Glück ins Erzgebirge evakuiert, so dass wir überlebten. Als die Rote Armee das Erzgebirge überrollte, wurden wir mit Gewalt nach Siebenbürgen zurückgetrieben. Wir fanden Unterschlupf auf dem Hof meiner Großeltern mütterlicherseits in Nadesch im rumänischen Teil Siebenbürgens, wo ich dann auch aufwuchs. Allerdings gab es in der deutschen Gemeinschaft nur Kinder und alte Menschen, da die gesamte arbeitsfähige Generation, auch meine Verwandtschaft, in die Sowjetunion zur Zwangsarbeit verschleppt worden war. Viele von ihnen arbeiteten in den Gruben des Donbas, andere im Ural und in Sibirien.

Noch ging es uns in der neuen Heimat gut. Mein Großvater war sehr vermögend gewesen, war aber gleich nach dem Einmarsch der Roten Armee gestorben. In dem sehr geräumigen Haus lebten meine Urgroßmutter, meine Großmutter, ein damals 10-jähriger Cousin von uns, der kriegsbedingt zur Waise geworden war, und wir. Die Idylle endete abrupt, als im Jahre 1948 die vollständige Enteignung stattfand und wir uns allesamt mit einem einzigen Zimmer begnügen mussten. Später, als eine Schwester meiner Mutter von der Zwangsarbeit im Ural-Gebirge zurückkehrte, erhielten wir noch ein zweites Zimmer zugeteilt. Zunächst lebten wir sehr ärmlich von den Reserven. Die Lage entspannte sich etwas, als meine Mutter eine Anstellung als Hilfslehrerin erhielt, und meine Tante zur Sekretärin der Kolchose ernannt wurde.

Unser schönster und glücklichster Tag der damaligen Zeit war der Heilige Abend 1954:
Zunächst besuchten wir wie alle Deutschen den feierlichen Gottesdienst in der geräumigen Kirche. Die Konfirmanden saßen auf der Empore und schmetterten laut

Lobt Gott, ihr Christen, alle gleich
in seinem höchsten Thron,
der heut‘ schließt auf sein Himmelreich und schenkt uns seinen Sohn
.

In der Apsis vor dem Altar standen die Konfirmandinnen mit ihren aus Immergrün geflochtenen Leuchtern und antworteten mit

So nimm denn meine Hände und führe mich
bis an mein selig Ende und ewiglich.
Ich mag allein nicht gehen, nicht einen Schritt: wo du wirst gehn und stehen, da nimm mich mit.

Die ganze Gemeinde lauschte andächtig diesem traditionellen Wechselgesang.
Nach dem Gottesdienst stürmten wir nach Hause. Dort brannten die Petroleumlampen und es roch nach Bratwurst und Kraut. Nach dem Essen und dem Dankgebet sagte meine Großmutter feierlich: „Liebe Kinder, heute gibt es ein ganz besonderes Weihnachtsgeschenk. Unser Herrgott hat es möglich gemacht. Nun hört gut zu: Ihr wißt ja, dass vor ein paar Tagen der Georg Schuster aus Österreich zurückgekommen ist.“ „Ist das der mit den Rasierklingen?“, fragte meine Schwester. Zu der damaligen Zeit gab es im ganzen Land keine Rasierklingen zu kaufen. Auf dem Schwarzmarkt wurden sie sehr teuer gehandelt. Besagter Georg Schuster hatte die Lage erkannt und ein Köfferchen voller nagelneuer Wilkinson- Rasierklingen aus Österreich mitgebracht. Er galt für lange Zeit als der reichste Mensch des Dorfes. „Also der Georg Schuster mit den Rasierklingen war gestern hier und hat uns mitgeteilt, dass Euer Vater in Linz an der Donau lebt und dort im Rahmen der evangelischen Kirche Österreichs eine hohe Funktion bekleidet. Herr Schuster hat mit ihm gesprochen und erfahren, dass er glaubt, ihr wärt auf der Flucht ums Leben gekommen. Von einer Todesmeldung durch die Armee wußte er nichts. Die Mitteilung an Eure Mutter war ein Irrtum.“ Minutenlang war es im Raum totenstill. Meiner Mutter liefen die Tränen über die Wangen. Diese Nachricht war in der Tat ein wunderbares Weihnachtsgeschenk. Der Herrgott hatte uns unseren Vater zurückgegeben. „Warum kommt er nicht auch nach Hause?“ fragte mein Bruder. „ Das geht nicht, denn erstens hat er auf der Seite der Deutschen am Krieg teilgenommen und zweitens ist er ja Pfarrer. Das ist heutzutage ein gefährlicher Beruf. Die Kommunisten würden ihn sofort für viele Jahre zur Zwangsarbeit am Donau-Schwarzmeer-Kanal abtransportieren. Das Beste ist, wenn ihr zu eurem Vater nach Österreich zieht, natürlich wenn man euch lässt.“ Man ließ uns jahrelang nicht ziehen. Als meine Mutter mit Hilfe des Roten Kreuzes die Adresse meines Vaters ausfindig gemacht hatte, nahm sie Kontakt zu ihm auf, und er fiel aus allen Wolken, als er las, dass seine Familie am Leben war.
Für uns begann aber eine jahrelange Zeit der Not und der Angst. Meine Mutter hatte in der Kreisstadt Schäßburg die Ausreisepapiere nach Österreich beantragt, was die kommunistischen Behörden ihr sehr übel nahmen. Sie wurde in Haft genommen und aufgefordert, meinen Vater zur Rückkehr zu drängen. Als sie sich weigerte, wurde sie in Sippenhaft genommen und täglich drangsaliert. Besuche durfte sie nicht empfangen. Meine Großmutter verständigte meinen Vater auf verschlungenen Wegen, beschwor ihn aber, nicht zurückzukehren, da ihm eine hohe Haftstrafe drohe. Wir Kinder lebten in ständiger Angst, insbesondere weil die Securitate auch uns nicht in Ruhe ließ. Oft ging ich in ein nahegelegenes Wäldchen, hockte mich mit dem Rücken an einen Baum gelehnt hin und weinte. Abwechslung fand ich auf dem Speicher unseres Hauses, wo mein Großvater, der ebenfalls Pfarrer gewesen war, ein riesige Bibliothek hinterlassen hatte. Die Kommunisten waren bei der Enteignung zu faul gewesen, auf den Speicher zu steigen, und so blieb uns die Bibliothek erhalten. Hier fand ich Trost und las und las und las, auch wenn ich nicht alles verstand. Diese Lektüre kam mir später in Deutschland bis zum Abitur sehr zustatten.

Jahre später mußte mein Vater krankheitsbedingt seine aufreibende Tätigkeit in Österreich aufgeben und ließ sich in Mainz zum Pfarrer an der Christuskirche wählen, wo der Dienst etwas gemächlicher war. Von dort setzte er alle Hebel in Bewegung, um unsere Ausreise zu erwirken. Dabei floß, wie das damals üblich war, auch viel Geld. Endlich nach langer Zeit erhielten wir die Ausreisegenehmigung und verließen kurz vor Weihnachten das Land mit einem Koffer. Die Situation bei unserer Ankunft in Mainz war sehr sonderbar. Wir hatten plötzlich einen Vater und er hatte auf einmal halberwachsene Kinder. Auch waren wir aus der tiefsten Provinz Transsylvaniens in eine pulsierende deutsche Großstadt gekommen, an die wir uns erst gewöhnen mussten. An das Gute und Schöne gewöhnt man sich erfahrungsgemäß sehr schnell. So ging es auch uns. Die vielen Sorgen, die ständige Angst und die materielle Not lagen jetzt endgültig hinter uns. Darüber waren wir sehr froh. Das erste Weihnachtsfest, an dem wir wiedervereinigt waren, gehört zu meinen schönsten Erinnerungen. Alle waren fröhlich, auch meine verhärmte und vielgeplagte Mutter. Mein Vater stellte sich als ein wunderbarer Mann heraus, und ich habe ihn bis zu seinem Tode sehr verehrt. Nach dem Weihnachtsessen dankte er in einem Gebet für die glückliche Fügung unserer Wiedervereinigung. Dann hielt er eine kurze Andacht zum Psalm 23, die mir in plastischer Erinnerung ist: Der HERR ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln. Er weidet mich auf einer

grünen Aue und führet mich zum frischen Wasser. Er erquicket meine Seele. Er führet mich auf rechter Straße um seines Namens willen. Und ob ich schon wanderte im finstern Tal, fürchte ich kein Unglück, denn du bist bei mir, dein Stecken und Stab trösten mich.
Anschließend schenkte er meinen Geschwistern und mir je eine Armbanduhr und eine Geldbörse mit 20 Mark. „Das ist für den Start in das neue Leben. Ihr habt jetzt alle Chancen der Welt. Ihr müsst sie nur nutzen“.

Mein weiterer Lebensweg eröffnete mir in der Tat alle Chancen, Chancen, die ich in Siebenbürgen niemals gehabt hätte. Ich war überzeugt, dass mein Weg, auch wenn er teilweise schwer war, in der sicheren Hand Gottes gelegen hatte. Dieser Überzeugung bin ich heute noch.

Deutsche evangelische Kirche von Nadesch

Avram

Ich bin in Siebenbürgen aufgewachsen. Die Geschichte schildert die letzten Wochen und Tage vor meiner Auswanderung nach Deutschland im Jahre 1957.

Der Schnellzug ratterte rhythmisch und gedämpft wie auf Polstern. „Wann sind wir in Bukarest?“ Seppi fingerte ungeduldig an seinen Gesichtspickeln. „Na, das dauert noch, wir sind gerade über den Predealpaß gefahren.“ Marthatante streichelte ihm lachend über den Kopf. „Ich will aber endlich raus aus diesem beschissenen Land.“ „Sei still und mach` uns nicht schon wieder Ärger!“ Mutter war zusammengezuckt und schaute sich ängstlich um. Sie hatte auch allen Grund ängstlich zu sein. Seit sie die Ausreisebewilligung, also den „Pass“, in den Händen hatte, war sie zweimal zur Miliz zitiert worden und konnte den Einzug der Papiere nur mit einem Eimer Wein und zwei Kilo Honig verhindern. Im einen Fall hatte Seppi laut auf der Straße über Staat und Partei geschimpft, im anderen Fall war ich mit dem Fahrrad des Lehrers Roth freihändig die Straße hinunter gefahren, was der Dorfpolizist zum Anlass genommen hatte, mich für ein paar Stunden im Rathaus einzusperren und die Papiere zu verlangen. Nach diesen Vorfällen hatten wir dann bis zur Ausreise Hausarrest.Mutter begann zu weinen und suchte nach einem Taschentuch. „Joi, Mutter, wein` doch nicht schon wieder, es wird ja jetzt alles gut!“ Hertamaria, meine Schwester, kratzte sich aufgeregt am Kopf. Außer uns saß noch eine ältere Rumänin mit rosa getönten Haaren und bläulich gefärbten Lippen im Abteil. Sie hatte bisher geschwiegen, uns aber genau gemustert. „Machen Sie sich keine Sorgen! Ich bin auch auf dem Weg nach Bukarest. Sie haben meinen Mann im Frühjahr eingesperrt. Ich will jetzt sehn, was ich tun kann. Haben Sie keine Angst vor mir!“

An die darauf folgenden Gespräche kann ich mich nicht mehr erinnern. Draußen war es dunkel und nur ab und zu flog ein Licht vorbei. Die Sitze waren weich und es roch nach Leder. Nach einiger Zeit wurde es ganz hell und die Sonne schien. Es war sehr warm. Über der Weide war Nebel. Die schwarz-weiß gefleckten Kühe dampften und schnaubten ab und zu. „Jetzt soll der Cula noch einmal kommen! Den hau` ich windelweich, den elenden Walachen. Er hat uns schon wieder ein Fenster eingeworfen.“ Seiler Mischi knallte mit seiner neuen Peitsche, die er sich aus Hanf geflochten hatte. „Hast du noch Hanf? Ich brauche auch eine Peitsche. Die Zigeuner stehlen uns die Kirschen.“ Umständlich machte ich mich ans Flechten. „Wofür braucht ihr die Peitschen? Eure Kühe sind ja ganz lahm.“ Ein junger Rumäne hielt seinen Hund fest. Über seinen Schultern hing ein Hirtenpelz. Auf den schwarzen Locken saß ein randloses Filzhütchen. „Was machst du hier? Du redest so komisch, woher kommst du?“ Mischi hob seine Peitsche hoch. „Langsam, langsam, ich bin ein Motze und komme aus dem Erzgebirge. Seid ihr Sachsen?“ „Glaubst du wir sind Zigeuner, he?“ „Ich bin zum ersten mal hier. Ich kenne die Sachsen nicht.“ „Dann sieh zu, dass du verschwindest. Es gibt hier schon genug von eurer Sorte. Warum lasst ihr uns nicht in Ruhe?“ „Keine Angst! Wir ziehen heute noch weiter. Wir treiben unsere Schafe in die Harghita.“ „Die Szekler werden euch schon Mores lehren. Die sind nicht so gutmütig wie wir.“ So unfreundlich hatte ich Mischi noch nie erlebt. Der Rumäne blieb regungslos stehen. „Ich heiße Avram,“ sagte er nach einiger Zeit. „Wie heißt dein Hund?“ „Burkusch!“ „Burkusch, friss deinen Herren!“ Die schwarzen Augen des Rumänen blitzten. Plötzlich lachte er laut, seine Zähne leuchteten weiß. „Habt ihr Molke?“ Mischi wurde allmählich freundlich. „Kommt mit! Vergesst aber eure Kühe nicht!“ „Wen bringst du uns, Avram?“ Eine üppige Frau mit schwarzen Locken in der Stirn und ganz weißen Zähnen legte Holz in das Feuer unter dem Kessel. „Zwei Sachsen, sie wollen Molke trinken.“ „Auf der Heide blüht ein kleines Blümelein.“ Ein großer Mann mit schwarzen Locken unter dem Filzhütchen und ganz weißen Zähnen kam singend aus dem Zelt. „Und das heißt Erika!“, grölte Mischi. An der Viehtränke standen zwei Gebirgspferde und vier Packesel. Etwas weiter weg kläfften ein paar Hunde und rannten um eine Schafherde herum. „Ich kenne noch mehr deutsche Lieder. Die darf man aber nicht mehr singen“. „Die Fahne hoch! Ich weiß.“ Ich hatte die ganze Zeit auch etwas sagen wollen, war aber bisher noch nicht dazu gekommen. „Sei bloß still! Die Spitzel haben überall ihre langen Ohren,“ knurrte der Mann. „Das ist Florica. Sie ist 16 Jahre alt.“ Die Frau tätschelte das Mädchen am Arm. Die ganze Familie hatte schwarze Locken und weiße Zähne. Die Molke war ganz frisch und es roch überall nach Käse. „Wo sind eure Väter?“ „Mein Vater ist in Deutschland.“ Mischi antwortete nicht. Er starrte nur Florica an. „Ich war auch in Deutschland, aber ich bin wieder zurückgekommen. „Der Mann drehte sich eine Zigarette. „He, Ion, mach langsam! Du brichst dir noch den Hals.“ Ein etwa zwölfjähriger Junge sprang vom Pferd. Auch er hatte schwarze Haare und weiße Zähne. „Ich war im Dorf. Dort gibt es viele Sachsen. Sie haben aber alle Angst. Ihre Häuser sind wie Burgen.“ „Ja, ich kenne sie. In meiner Einheit waren mehrere. Sie sind gute Reiter.“ „Ihr müsst wissen, mein Mann war bei der Kavallerie.“ „Er war sogar bis in der Kalmückensteppe.“ „Wo ist das?“ Mischi war neugierig geworden. „Am Ende der Welt.“ Ion grinste hinüber zu seinem Vater. „Wie seid Ihr nach Deutschland gekommen?“ Ich konnte mir nicht erklären, wie ein rumänischer Schafhirte nach Deutschland gelangen konnte. „Pass auf, das ist eine lange Geschichte. Ich war ja bei der Kavallerie. Das war die beste Truppe der ganzen Welt. Lauter Rumänen aus Siebenbürgen und der Bukowina, ein paar Sachsen und Szekler. Unser Regimentskommandeur war der tapferste Offizier der gesamten Ostfront. Mit den Deutschen zusammen sind wir bis zum Kaukasus und noch weiter vorgerückt. Niemand konnte uns aufhalten. Weiß der Teufel, warum wir uns zurückziehen mussten. Auf jeden Fall waren wir plötzlich wieder am Pruth. Da haben sie auf einmal unseren Führer, den Antonescu, eingesperrt, später haben die Schweine ihn aufgehängt, nicht einmal erschießen wollten sie ihn, und sind zu den Bolschewiken übergelaufen. Selbst den König haben sie beschwatzt. Na ja, jetzt haben sie den Salat. Überall laufen die kommunistischen Spähhunde herum und bringen alles durcheinander. Unser Kommandeur, ein toller Kerl, machte Appell und sagte: „Ihr seid mit mir bis zu den Schlitzaugen geritten. Ihr seid die besten Soldaten der ganzen Welt. Wollt ihr jetzt zu Verrätern werden? Links um! Auf zu den Deutschen! Hurra, Hurra, Hurra, weg waren wir. In der Kesselschlacht um Budapest haben wir fürchterlich Prügel bezogen. Der Rest schlug sich durch bis zu den Amerikanern, die sich schon in Deutschland festgefressen hatten. Ich bin ihnen aber entwischt und war drei Monate später bei meiner Elena. Sie ist ein tolles Weib!“ Die Frau kicherte in sich hinein. Viele Jahre später lernte ich Ion Emilean, einen hochdekorierten ehemaligen rumänischen Kavallerieoffizier kennen. Er war mit 28 Jahren bereits Präfekt des Kreises Roman in der Moldau gewesen und galt damals als die große Hoffnung der deutschfreundlichen nationalpatriotischen Partei von A.C.Cuza. Er hatte am 23. August1944 mit seinem gesamten Regiment den Frontwechsel verweigert und war nach abenteuerlichen Jahren in Fürstenfeldbruck gelandet, wo er die patriotischen Exilzeitung „Stindardul“ (Die Standarte) herausgab. Ich erzählte ihm von der Hirtenfamilie, worauf er laut lachte und meinte: „Das war bestimmt der Korporal Avram Dunca, ein verrückter Kerl! Alle übriggebliebenen Motzen hat er überredet, mit ihm aus dem amerikanischen Gefangenenlager zu fliehen. Ich freue mich, dass er überlebt hat. Im vaterländischen Unterricht hat er eine flammende Rede auf Avram Iancu, den Helden von 1848/49, gehalten und stur und steif behauptet, der sei einer seiner Vorfahren gewesen. Mag sein, oder auch nicht. Auf jeden Fall war er trotz seiner außergewöhnlichen Tapferkeit so undiszipliniert, dass er nie dekoriert werden konnte. Die Kommunisten haben sicher keine Freude an ihm.“ „Die Mistkerle haben mich zwei Jahre lang eingesperrt und jeden Tag verprügelt. Als sie mich wieder freiließen, habe ich alles verkauft, mir Schafe angeschafft und seitdem sind wir die freiesten Menschen der Welt.“ „Jetzt wollen sie uns aber die Schafe wegnehmen, und wir sollen in so eine idiotische Genossenschaft eintreten, alles zum Wohle der Arbeiterklasse.“ „ Hab keine Angst Weib! Ich scheiß auf die Arbeiterklasse. Ich will meine Freiheit und vor allem meine Ruhe haben! Niemand nimmt mir etwas weg. Lieber verschenke ich die ganze Herde an das Zigeunerpack.“ „Das Essen ist fertig.“ Florica brachte auf einem großen Brett Maisbrei, frischen Käse und Zwiebel. Mischi und ich aßen wie die anderen mit großem Appetit. „Wann kommt dein Vater zurück?“ Der Hirte drehte sich wieder eine Zigarette. „Er kommt nicht zurück. Wir wollen hinauf ins Reich, aber man lässt uns nicht.“ „Na, dann wird es bei euch noch Tränen geben. Man wird euch noch viel drangsalieren. Ich kenne diese Schweine. Aber vielleicht habt ihr Glück und man lässt euch eines Tages ziehen. Ich wünsche es euch, denn ihr gefallt mir.“ Der junge Avram war ganz nahe an mich herangerückt. Er roch nach Schafen, was mich aber damals nicht störte. „Wir ziehen ins Hochgebirge, dort haben wir unsere Ruhe.“ „Wollt ihr nicht in die Harghita zu den Szeklern?“ Der Hirte reckte seinen Oberkörper und blies den Zigarettenrauch durch die Nase. Es sah aus wie der Atem eines schnaubenden Pferdes bei Frost. Ich hatte das noch nie gesehen. „Was schaust du mich so an? Sieh her!“ Auf einmal fing er an seine Ohren zu bewegen. „Das habe ich von einem Russen gelernt. Der hatte so viel Angst, als wir ihn gefangen hatten, dass er ständig mit den Ohren wackelte.“ Mischi lachte so laut, dass er husten musste. „Ich habe in der Harghita einen Kameraden, er ist zwar ein Szekler, aber ein ganz anständiger Kerl. Der hat da irgend so ein Amt unter sich, das alle Schafe aufkauft. Der macht mir bestimmt einen guten Preis und dann verschwinden wir in die Berge.“ „Was macht ihr in den Bergen?“ „Wozu war ich bei der Armee? In Resinar, das ist nicht weit von eurer Hauptstadt (Hermannstadt), am Fuße der Südkarpaten, dort habe ich einen Kriegskameraden, der war mit mir in Deutschland, der hat tausend Schafe im Gebirge. Die Leute in Resinar kümmern sich einen Scheißdreck um den Kommunismus. Die Bukarester Banditen lassen sie irgendwie in Ruhe. Oj, haben die Geld! Mein Kamerad hat sich aber das Bein gebrochen und kann nur noch humpeln. Wir werden seine Schafe hüten bis ich wieder eine eigene Herde habe. So einfach ist das.“ „Muss der kleine Ion nicht in die Schule?“ Der Alte musterte mich beleidigt: „ Ihr Sachsen glaubt, nur ihr könnt lesen und schreiben. Ich bringe ihm alles bei, was er braucht. Hast du mich verstanden?“ „Es ist höchst Zeit, dass wir zusammenpacken. Gott beschütze euch, ihr hübschen Sachsen! Vielleicht kommt ihr mal in die Berge von Resinar, dann bekommt ihr einen Extratopf Molke.“ Die Frau ging ins Zelt. Der junge Avram stand auf und holte unter seinem Pelz eine Flöte hervor. „Für dich! Wenn du nach Deutschland kommst, schickst du mir eine Mundharmonika!“ Mischi schenkte ihm sein Taschenmesser, schielte dabei aber immer auf Florica. „Lasst euch niemals etwas gefallen! Auch wenn wir verschiedene Sprachen sprechen, wir sind Siebenbürger!“ Der Alte streckte uns seine Hand entgegen. Avram begleitete uns noch ein Stück. Nach einiger Zeit drehte er sich wortlos um und ging zurück. Wir setzten uns hin und schwiegen. Ich bemerkte jetzt erst, dass Mischi ganz rot im Gesicht war. Er dachte sicher an Florica, ich dachte, wie es wohl sein würde, falls wir doch noch den Pass bekämen. Dann murmelte Mischi: „Wai war die schön! Glaubst Du, ich habe ihr auch gefallen?“ Die Hirten waren am Packen. Wir hörten Schreie und Pfiffe und auf einmal ein leises rhythmisches Rattern, gedämpft wie auf Polstern. Das Rattern wurde lauter. Draußen war es wiederdunkel und ab und zu flog ein Licht vorbei. Die Sitze waren weich und es roch nach Leder. „Willst du ein Käsebrot? Wir haben alle schon gegessen. Du hast so tief geschlafen, wir wollten dich nicht wecken.“ Mutter sah mich lächelnd an, es ging ihr wieder besser. „Nein danke,ich hab` schon…. nein danke, ich habe keinen Hunger.“ Der Schnellzug fuhr unruhig über etliche Weichen und wackelte hin und her. Nach fünf Minuten fuhren wir im Nordbahnhof von Bukarest ein. So einen riesigen Bahnhof hatte ich noch nie gesehen. Das große Abenteuer begann.

Der Schnapsbaron

Diese Episode wird demnächst in meinem Buch „Rückblicke“ erscheinen.

Die Kriegsumstände hatten mich nach Mainz verschlagen, wo mein Vater als Gemeindepfarrer wirkte. Unweit vom Pfarrhaus befand sich das Egli-Heim, eine Aufnahmestätte für Nichtsesshafte und Obdachlose, die von der schweizerischen Missionarsfamilie Egli ins Leben gerufen worden war. Bis zum Bau des Hauses im Jahre 1960 nutzte die Familie Egli die Katakomben des inzwischen verschwundenen Forts Hauptstein in der Mainzer Wallstrasse. Tausenden von Gestrandeten und Entwurzelten der Nachkriegszeit wurden hier Schlaf- und Versorgungsmöglichkeiten geboten. Mit der Errichtung des Egli-Heimes konnte die Arbeit in geregeltere Bahnen gelenkt werden. Die Seelsorge oblag meinem Vater als zuständigem Gemeindepfarrer.

Am Heiligen Abend des Jahres 1963, ich war damals 20 Jahre alt und stand kurz vor dem Abitur, begleitete ich meinen Vater zur gesonderten Christmette und nahm auch die Schriftlesung vor. In dem Gemeinschaftsraum, in dem der Gottesdienst stattfand, sassen um die 40 Männer an Tischen, tranken Tee und rauchten. Gelegentlich griffen einige von ihnen unter den Tisch, holten verstohlen eine Flasche Wein oder Schnaps hervor, nahmen einen hastigen, tiefen Schluck und verbargen die Flasche ebenso schnell wieder. Der Heimleiter sah großzügig darüber hinweg. Die meisten Männer waren wohl über 50 Jahre alt und machten einen verwahrlosten Eindruck. Einige von ihnen hatten Zahnlücken und Frostbeulen im Gesicht. Es gab aber auch welche, die saubere Kleidung trugen, frisch rasiert und sorgfältig gekämmt waren. Diese sassen an gesonderten Tischen. Auf provozierende Zurufe von den anderen Tischen reagierten sie nicht. In einer Ecke sass ein einzelner Mann an einem kleinen Beistelltisch. Er hatte graumelliertes Haar, einen kurz geschnittenen grauen Bart und klare schwarze Augen. Er trug einen schwarzen Anzug, der tadellos sass. Seine gepflegten Hände umfassten eine halbvolle Flasche Korn, aus der er ab und an mit ruhiger Hand in ein Glas goss. Als der Heimleiter, der neben mir sass, meinen fragenden Blick sah, flüsterte er mir zu: „Das ist ein besonderes Exemplar, er darf das. Das wissen auch die anderen und respektieren es. Er ist unser Schnapsbaron und stammt aus dem Baltikum.“ Meine Neugier war geweckt und ich betrachtete ihn genauer. Jetzt fiel mir seine Eleganz und sein vergeistigtes Gesicht auf. Wer mochte dieser Mensch sein? Was hatte ihn in diese Herberge geführt? Auf dem Heimweg befragte ich meinen Vater nach ihm, er konnte mir aber keine genau Auskunft geben. Er wußte nur, dass er jedes Jahr vor Weihnachten auftauchte und nach den Feiertagen gleich wieder verschwand. Er sei ein Adliger aus Livland mit akademischer Ausbildung, immer höflich und sehr wortkarg.

Ich legte mein Abitur ab und begann mein Studium. Gelegentlich dachte ich noch an den Schnapsbaron, denn er hatte großen Eindruck auf mich gemacht. Jahre später sass ich in der Nationalbibliothek in der Wiener Hofburg, ich hatte mittlerweile meinen Hochschulort gewechselt, und wertete Quellen für meine Doktorarbeit aus. Plötzlich tippte mir jemand auf die Schulter. Erschreckt sah ich auf und erkannte den Schnapsbaron. „Sie wollen auch Historiker werden, Herr Kollege? Ich kenne Sie aus Mainz.“ Sein baltischer Akzent war unüberhörbar.Ich war so verblüfft, dass ich nichts erwidern konnte. Er war immer noch eine elegante Erscheinung, aber seine Kleidung war inzwischen abgetragen und er roch nach Schnaps. „Sie wundern sich sicher, mich hier zu sehen, denn eigentlich bin ich ja einTippelbruder, wie man uns Obdachlosen nennt. Ich bin hier auch nur geduldet, weil ich den Direktor in guten Zeiten gekannt habe.“ „Erzählen Sie mir bitte von sich! Sie sind mir schon in Mainz aufgefallen.“ „Da gibt es nichts zu erzählen. Ich bin aus der Zeit gefallen und passe nirgends mehr hinein. Ich versuche nur noch, den letzten Rest meiner Würde zu bewahren.“ Als er sich zum Gehen anschickte, bemerkte er wohl meine Enttäuschung und trat wieder näher. „Also gut, wenn Sie mich auf einen Obstler einladen, ich bin völlig mittellos, sollen Sie die Geschichte eines Irrläufers hören. Sie sind der Erste, der sich für jemanden, der in der Vergangenheit stecken geblieben ist, interessiert.“

Die Szene war sonderbar. Ein junger Siebenbürger Sachse, den das Schicksal schon viel herumgeschoben hatte, sass mit einem baltischen Baron in einem typischen Wiener Beisl und hörte bei Schrammelmusik dessen eigentümlichen Lebensweg.

„Meine Familie gehörte zum jahrhundertealten deutschen Adel in Livland. Ihre Güter befanden sich in der Nähe von Dorpat. Enge verwandtschaftlicheVerbindungen gab es zu den Wrangels, Ungern-Sternbergs und von Rosens. Bis zum Ende des Ersten Weltkriegs führten wir ein hochherrschaftliches Leben. Danach wurden wir unserer Privilegien beraubt und mussten uns mehr und mehr einschränken. Deshalb verließen meine beiden älteren Brüder wie auch viele andere Livländer den neuen Staat Estland und gingen nach Deutschland. Dort schlossen sie sich zunächst der Hugenberg-Partei und dem Stahlhelm und später den Nationalsozialisten an. Sie machten schnell Karriere in der Industrie und wurden einflussreich und wohlhabend. Meine Eltern verkauften 1930 ihr restliches Vermögen und zogen ebenfalls nach Deutschland. Nach meinem Abitur, das ich noch in Dorpat ablegte, studierte ich in Königsberg Geschichte und Philosophie. Meine Dissertation reichte ich mit gutem Erfolg beim deutschnationalen Juden, Prof. Hans Rotfels, ein, den ich auch heute noch sehr schätze. In Königsberg hatte ich mehrere Studienkollegen aus Siebenbürgen, mit denen mich eine enge Freundschaft verband. Sie waren, so wie ich, auch Auslandsdeutsche mit einem stabilen Nationalbewusstsein und einer engen Bindung an die evangelische Kirche. Sehen Sie, als ich Ihrem Herrn Vater zum ersten Mal im Egli-Heim begegnete, fühlte ich mich stark an die glückliche Zeit in Königsberg erinnert und seither bin ich bemüht, keinen seiner Weihnachtsgottesdienste zu versäumen. Er ist ein großartiger Prediger und hat das Herz auf dem rechten Fleck, wie Luther gesagt hätte. Nichts Modernistisches, das dem jeweiligen Zeitgeist hinterherhechelt, nein, ein ehrlicher Verkünder des Wortes Gottes, ungekünstelt und geradlinig.“ „Danke, ich werde es ihm ausrichten.“ Nicht nötig. Ein Mensch wie er braucht kein Lob.“ „Herr Wirt, bitte noch einen Obstler!“ Ich selbst bestellte nichts mehr, denn mein Geld war knapp bemessen.

„Ich hatte mich auf die Geschichte des Baltikums und des Ostseeraumes spezialisiert und hatte die gesamte einschlägige Literatur im Kopf. Damals schon entdeckte ich meine Fähigkeit, mir Texte jeglicher Länge merken zu können, eine Gabe, für die ich bis heute dankbar bin. So kam es, dass ich mir in meinem Kopf eine komplette Bibliothek einzurichten begann, auf die ich jederzeit zurückgreifen kann. Ihr Aufbau ging schrittweise voran. Zunächst füllte ich sie mit Werken zur Geschichte des Baltikums, wobei ich vor allem Wert auf visionäre Publikationen zur Wiederherstellung der Vorkriegszustände legte. Heute bin ich erstaunt, wie viele Autoren, mich eingeschlossen, damals an diese Möglichkeit glaubten. Die politischen Wirren der Nachkriegszeit in Deutschland interessierten mich nicht, ja sie stießen mich ab. Das untergegangene Kaiserreich war mir gleichgültig und die Weimarer Demokratie hielt ich für einen Irrweg. Oswald Spengler war einer meiner Propheten und seinen ‚Untergang des Abendlandes‘ kann ich heute noch beinahe komplett auswendig. Noch faszinierender waren für mich die Protagonisten der sogenannten Konservativen Revolution, wie die Bewegung später genannt wurde. Möller van den Bruck, Edgar Jung, Ernst und Friedrich Georg Jünger, Friedrich Hielscher und Ernst Niekisch waren einige meiner Gesinnungsgenossen, auch wenn jeder für sich unterschiedliche Akzente setzte. Eins war ihnen gemeinsam: Sie waren keine Reaktionäre, die dem Kaiserreich nachtrauerten, lehnten aber allesamt die Weimarer Republik ab und entwarfen fantastische Visionen zur geistigen Erneuerung des Reiches. ‚Das Dritte Reich‘ von Möller van den Bruck, den Begriff haben die Nationalsozialisten später usurpiert und pervertiert, war geistvoll durchstrukturiert und gehört zu den bemerkenswertesten Zeugnissen der Gedankenwelt dieses Kreises. Die Bibliothek in meinem Kopf schwoll immer mehr an und ich hatte Mühe, sie zu systematisieren. Meine Sammelleidenschaft wurde zur Obsession. Die baltische Tradition und die Ideenwelt dieses Kreises nahmen mich gefangen und haben mich bis heute nicht losgelassen. Ich lebe immer noch in ihnen. Meine Bibliothek ist inzwischen geordnet und ich lese täglich darin.

So konnte es nicht ausbleiben, dass es mich mit Macht nach Berlin zog. Dort gärte es und dort und nur dort glaubte ich, zu einer geistigen Erfüllung zu gelangen. Deshalb schlug ich das Angebot von Hans Rotfels aus, mir eine Assistentenstelle zu verschaffen mit der Aussicht auf eine gesicherte akademische Laufbahn. In Berlin fand ich sehr schnell Anschlusss an den Juniklub in der Motzstrasse 22, speziell zu Edgar Jung, die Brüder Jünger, Ernst von Salomon und viele andere Konservativrevolutionäre. Ich nahm auch Verbindung zum George-Kreis, wo ich den Grafen Schenk von Stauffenberg kennenlernte, und zum Tat-Kreis auf. Hans Zehrer und Giselher Wirsing habe ich viel zu verdanken. Ich war endlich in meiner Welt angekommen und Teil der national-konservativen Boheme geworden. Den aufstrebenden Nationalsozialismus lehnte ich kategorisch ab. Arnolt Bronnen, der von den Kommunisten zu ihm hinüber geschwenkt war, wollte mich eine Zeit lang für ihn gewinnen, aber diese Bewegung war mir zu primitiv-aktivistisch und zu unästhetisch. Damals ahnte ich aber noch nicht, welches Unheil sie uns noch bescheren sollte. Lediglich mit dem Jungdeutschen Orden, der dann in der Demokratischen Partei aufging, liebäugelte ich eine Zeit lang, aber seine antisemitische Ausrichtung hielt mich von einem Beitritt dann doch ab. In diesem Kokon überlebte ich die sogenannte Machtergreifung und die radikale Umformung Deutschlands. Meinen Lebensunterhalt verdiente ich mir mit Rezensionen, gelegentlichen Veröffentlichen in nicht, oder noch nicht, gleichgeschalteten Zeitschriften und Zeitungen und mit Nachhilfestunden für Söhne großbürgerlicher Familien. Der Reichsschrifttumskammer bin ich nie beigetreten. Die Ehe, die ich 1937 mit einer entfernten Verwandten einging, hielt nur 2 Jahre. Meine Frau verließ mich, um einen hohen SS-Offizier zu heiraten, der nach dem Krieg in Frankreich zu lebenslangem Zuchthaus verurteilt wurde und nach 5 Jahren Haft in seiner Zelle Selbstmord beging. Heute ist sie in dritter Ehe mit einem vermögenden Amerikaner verheiratet und lebt in den USA. Meine Familie hatte schon längst den Kontakt zu mir abgebrochen. Für sie war ich eine ziel- und charakterlose Kreatur. Meine Brüder hatten sich sofort nach der sogenannten Machtergreifung mit der neuen Obrigkeit gemein gemacht und waren zu großem Einfluss gelangt. Sie waren beide der SS beigetreten und verkehrten eng mit Göring und anderen NS-Potentaten. Ich lebte zunehmend isoliert. Die Bibliothek in meinem Kopf wurde zu meiner täglichen Zuflucht. Ich genoss meine Wehmut und Melancholie. Allerdings gab es keine Neuzugänge. Welche auch? Das NS-Geschreibsel las ich nicht. Eine Rarität habe ich dann doch noch hineingestellt: ‚Auf den Marmorklippen‘ von Ernst Jünger, ein wunderbares Buch.

1939 wurde ich eingezogen. Einer meiner Brüder wollte mich davor bewahren und mich in einem seiner ‚kriegswichtigen‘ Betriebe pro forma einstellen. Zum Entsetzen meiner gesamten Familie lehnte ich ab. Den Krieg habe ich an beinahe allen Fronten erlebt und brachte es sogar bis zum Hauptmann. 1944 geriet ich in sowjetische Gefangenschaft und blieb dort bis 1955. Es waren trübe Jahre. Auch Workuta blieb mir nicht erspart. Im Großen und Ganzen habe ich sie aber besser überstanden als viele andere. Ich hatte ja mein eigens Reich: meine Bibliothek, die ich täglch aufsuchte und immer wieder neu ordnete. Die baltische Geschichte und meine Berliner Jahre liefen wie ein Endlosfilm vor mir ab. Es war schön.

Mit einem der letzten Gefangenentransporte des Jahres 1955 kam ich nach Frankfurt. Niemand erwartete mich. Die Bahnhofmission nahm mich freundlich auf und half mir bei der Suche nach meiner Familie. Meine Brüder waren sehr überrascht, denn sie hatten mich für tot gehalten. Die Eltern waren, wie ich von ihnen erfuhr, 1945 hochbetagt bei einem der letzten Luftangriffen ums Leben gekommen. Den Brüdern war die Front erspart geblieben. Ihre Betriebe waren für den Rüstungsminister Albert Speer unentbehrlich gewesen. Sie hatten sich dann rechtzeitig in die amerikanische Zone abgesetzt, wo sie nur kurz interniert wurden. Es war ihnen offensichtlich gelungen, ihre Verquickung mir dem Regime gegenüber den Ermittlern zu bagatellisieren, denn sie wurden als einfache Mitläufer eingestuft. Nach der Währungsreform hatten sie in der rasch wachsenden Industrie sofort wieder Fuß gefasst und gehörten schon längst wieder zur führenden Wirtschaftselite. Der eine platzierte sich politisch in der FDP, der andere in der CDU. Von ihrer SS-Vergangenheit war nicht mehr die Rede. Beide haben später das Bundesverdienstkreuz erhalten. Der CDU-Bruder wollte mich in einer christlichen Bildungsstätte unterbringen. Aber ich lehnte ab und wurde zum Tippelbruder, zum Streuner, der in seiner eigenen Welt lebt. Seither bin ich ziellos unterwegs. Reisegeld verdiene ich mir durch gelegentliche Artikel über Persönlichkeiten, denen ich in Berlin nahestand, oder Reflexionen über die untergegangene Welt. Es finden sich immer wieder Verleger, die noch einen Zugang zu meiner Welt haben. Bescheidene Zuwendungen erhalte ich gelegentlich auch von ehemaligen Weggefährten, wie Ernst von Salomon und die Brüder Jünger. Meine einzigen verbliebenen Liebhabereien sind Museen und Bibliotheken. Manchmal wird mir der Zutritt verwehrt, manchmal nicht. Hier und dort finde ich sogar Ergänzungen für meine Bibliothek, die mir bisher entgangen waren. Ich lerne sie dann schnell auswendig und reihe sie in meine Regale ein. Inzwischen kenne ich auch viele Obdachlosenasyle, angenehme und weniger angenehme. Ich nehme sie hin, wie sie sind. Respektlosigkeiten erfahre ich selten. Man nimmt mich auch hin, wie ich bin, ein Mensch einer fernen Vergangenheit, der an der Gegenwart vorbeilebt. Ich habe gelernt, alles mit Würde zu tragen. Eins weiß ich aber mit Gewissheit: Meine kleine vergangene Welt hier in meinem Kopf ist einzigartig. Sie ist mein alleiniges Eigentum und niemand kann sie mir nehmen. Das macht mich zufrieden. Sie ist mein fester Wohnsitz“ Der Mann machte eine längere Pause. „Jetzt wollen Sie sicher auch wissen, wie ich zum Schnapsbaron wurde. Nun, ich könnte es mir einfach machen und sagen: Ich bin halt ein Balte. Nein, der Alkohol hat mich seit meiner Berliner Zeit begleitet. Er war stets präsent, wenn ich ihn wollte, auch in der Gefangenschaft, anschmiegsam und hilfsbereit. Er führte mich zielstrebig immer wieder in mein Reservat und hielt mich von der widerwärtigen Gegenwart fern. Deshalb schätzte ich ihn so sehr. Er war mein zuverlässiger Wegweiser. Manchmal schlug er in Aggressivität um, dann habe ich ihn eine Zeit lang gemieden. Er kam aber immer wieder an mich herangekrochen und bat um Verzeihung. Ich weiß, am liebsten würde er über mich herfallen und mich erdrosseln, aber ich bin auf der Hut. Noch bin ich der Stärkere und ich gönne ihm nicht den Triumph über mich. Letztendlich wird er ja wohl siegen und er beißt mir die Kehle durch. Dann versinkt auch meine Welt unwiderruflich und für immer. Meine Bibliothek verweht und wird zum Nichts. Ich hinterlasse keine Spuren. Vielleicht ist es auch gut so.“

Der Mann stand auf, reichte mir die Hand und sagte: „Leben Sie wohl!“ Als er das Lokal verlassen hatte, blieb ich noch lange sitzen, zahlte dann und ging zu meiner Unterkunft.

Nochmals Jahre später erzählte mir mein Vater, der Schnapsbaron sei noch einmal gekommen, dann nicht mehr. Auch der Heimleiter habe nie wieder etwas von ihm gehört. Unsere Begegnung in Wien habe er nicht erwähnt.

Gawan

Dieser Text erscheint auch in meinem Buch „Rückblicke“.

Als ich kürzlich wieder einmal in Dieter Kühns „Der Parzival des Wolfram von Eschenbach“ blätterte, kam mir nach längerer Zeit mein zeitweiliger Weggefährte Wolfram von F. in den Sinn. Wir hatten uns im Sommersemester 1964 in den ersten Tagen unseres Studienbeginns an der Universität Mainz in einer Vorlesung von Hans Ulrich Instinsky über römische Geschichte kennengelernt. Wolfram konnte wohl sehr gut Latein, denn seine Notizen waren gespickt mit lateinischen Begriffen. Wir hatten beide das Studium der Germanistik, Geschichte und Politologie begonnen, wobei Wolfram zusätzlich einen Intensivkurs in Russisch belegt hatte. Nach der Vorlesung gingen wir in die „Schwemme“, ein Lokal unterhalb der Universitätsmensa, wo sich täglich oft schon am Vormittag eine bunte Mischung des sogenannten „Universitätsvölkchens“ ein Stelldichein gab. Auffällig waren die bärtigen „Existentialisten“, deren Idole Jean Paul Sartre und Albert Camus waren und bei denen unklar war, ob sie überhaupt studierten, oder nur „philosophierten“. Es gab aber auch Korporationsstudenten, die in ständigem Streit mit den Existentialisten lagen, und natürlich viele Studienanfänger, wie wir es waren. Auch in der Folgezeit diente uns die Schwemme als Treffpunkt in den Vorlesungspausen, und dort lernten wir uns näher kennen.

Ich wohnte zu dem Zeitpunkt noch in meinem Elternhaus unweit der Universität. Wolfram war im Oldenburgischen aufgewachsen und wohnte bei entfernten Verwandten in Mainz-Kastel. Sein Vater war Baltendeutscher und war seit Mitte der 30er Jahre enger Mitarbeiter von Admiral Wilhelm Franz Canaris in der „Abwehr“ gewesen. Nach dessen Verhaftung wurde er kaltgestellt, entging jedoch einer Verhaftung. Nach dem Krieg versuchten die Amerikaner, ihn für die Organisation Gehlen, dem späteren Bundesnachrichtendienst, anzuwerben, was er jedoch ablehnte. Er zog es vor, sich als Lokalredakteur einer oldenburgischen Provinzzeitung eine bescheidene Existenz aufzubauen. Von Wolframs Mutter hatte er sich gleich nach dem Kriege getrennt. Sie stammte aus Nürnberg und war im Dunstkreis des Nürnberger Gauleiters Julius Streicher aufgewachsen und hatte in ihrer Jugend auch begeistert eine Zeit lang an Streichers antisemitischer Hetzzeitschrift „Der Stürmer“ mitgearbeitet. Später machte sie als klassische „Arierin“, sie war groß, blond und blauäugig gewesen, eine beachtliche Karriere in der NS-Frauenschaft. Adolf Hitler war für sie der Messias des deutschen Volkes, und von dieser Bewunderung hat sie auch nach dem Kriege nicht abgelassen. Sie blieb vielmehr ihrer nationalsozialistischen Überzeugung fanatisch treu und bedauerte sogar, dass die Ausrottung der Juden nicht vollends gelungen sei. Dies war der Grund, dass sich Wolframs Vater von ihr trennte und jeglichen Kontakt zu ihr abbrach. Wolfram und seine ältere Schwester wuchsen beim Vater auf und haben ihre Mutter nie mehr gesehen. Diese legte selbst auch keinen Wert mehr auf ihre Familie und tummelte sich nur noch in allerlei rechtsradikalen Kreisen. Sie war Mitbegründerin der Sozialistischen Reichspartei und verpasste nur um Haaresbreite den Einzug in das niedersächsische Landesparlament. Nach dem Verbot der Sozialistischen Reichspartei im Jahre 1952 arbeitete sie für die HIAG (Hilfsgemeinschaft auf Gegenseitigkeit der Angehörigen der ehemaligen Waffen-SS) und war Mitglied weiterer zum Teil illegaler Nachfolgegruppen und -grüppchen der NSDAP. Später wurde sie zur Mitbegründerin der NPD, stand aber in heftiger Opposition zu dem Vorsitzenden Adolf von Thadden, der ihr zu lasch und zu gemäßigt war. Dies hatte Wolfram aus der Presse erfahren.

Im zweiten Semester wechselten wir beide den Hochschulort. Ich ging nach Innsbruck, Wolfram nach München. Wir blieben jedoch in Kontakt und trafen uns auch gelegentlich, mal in Innsbruck, mal in München. Unabhängig voneinander hatten wir in dieser Zeit damit begonnen, unseren Studienschwerpunkt im Fach Geschichte auf Ost- und Südosteuropäische Geschichte zu legen. Wolfram lernte daher, konsequent wie er war, intensiv Serbokroatisch. Russisch sprach er mittlerweile fließend. Alle beide kehrten wir aus unterschiedlichen Gründen nach einem Jahr an die Mainzer Universität zurück und trachteten danach, möglichst die selben Lehrveranstaltungen zu besuchen. Wir beschäftigten uns u.a. mit Ivan Grozny (Iwan dem Schrecklichen), den polnischen Teilungen, der Geschichte des Deutschen Ordens und natürlich mit der Geschichte Südosteuropas. Wir wurden beide, weil wir gut formulieren konnten, als Protokollanten herangezogen, was zwar viel Arbeit war, uns aber in späteren Prüfungen auch viel geholfen hat, da wir bei den Prüfungsvorbereitungen auf diese Protokolle zurückgreifen konnten. Wolframs Texte waren besser als meine, präzise, stringent und stilistisch auf hohem Niveau. Im Fach Politologie legten wir den Schwerpunkt auf politische Theorien und hier vor allem auf die Varianten des Marxismus. Wolfram war der festen Überzeugung, dass der Kommunismus auf Dauer nicht würde bestehen können. Dafür fehle ihm der Sinn für eine realistische Anthropologie: „Die Kommunisten gehen von einem Menschen aus, den es nicht gibt. Daran wird ihr System zugrunde gehen. Sowie ihre Gewalt erschlafft, oder ihre Wirtschaft scheitert und sie wird scheitern, werden sich die im Untergrund brodelnden Nationalismen rühren und das Kunstgebäude zum Einsturz bringen. Was wir von sogenannten Ostexperten lesen und hören, ist nur die aktuelle Oberfläche, also die Analyse der Propaganda. Ihre Diagnosen und Prognosen sind daher fehlerhaft und irreführend und können einer realistischen und sachgerechten „Ostpolitik“ kaum von Nutzen sein. Wir müssen in tieferen Schichten wühlen. Dort spielt die Musik. Wer diese Kunst beherrscht, kann realistisch prognostizieren. Carl Gustav Ströhm ist so einer. Ich habe ihn bei Prof. Stadtmüller in München kennengelernt. Er ist der festen Überzeugung, dass zuerst Jugoslawien explodieren wird, dann gleich danach die ‚ruhmreiche Sowjetunion‘ und ihr Glacis“. „Wann wird das sein?“ „Wohl Ende der 80er Jahre, und da will ich dabei sein. Deshalb habe ich Russisch und Serbokroatisch gelernt.“ Seine Gewissheiten habe ich damals nicht geteilt, erinnerte mich aber in der zweiten Hälfte der 80er Jahre an dieses Gespräch, als die ersten Risse in Jugoslawien und kurz danach in der Sowjetunion sichtbar wurden.

Die sogenannte Studentenbewegung, die damals die deutschen Universitäten zu erschüttern begann und die sich die verschiedensten Marxismusvarianten, gespickt mit politischem Sektierertum und Antiamerikanismus, auf die Fahnen schrieb, lehnten wir beide ab. „Das sind pubertäre Fürze“, war Wolframs lakonischer Kommentar. „Die meisten werden sehr rasch in den bürgerlichen Schoß zurückkehren und nach einer gesicherten Beamtenpension streben. Einige allerdings werden sich selbst radikalisieren und eine blutige Spur hinterlassen. Das sind Desperados, ein Menschentyp also, den es immer schon gegeben hat.“ Er sollte recht behalten.

Im Fach Germanistik, das für uns nicht mehr im Vordergrund stand, trachteten wir danach, möglichst rasch alle Scheine für die Zwischenprüfung (Gotisch, Althochdeutsch, Mittelhochdeutsch und Literaturgeschichte) zu erwerben. Dies war mehr oder weniger zur Pflichtübung geworden. In einem Seminar zu Eschenbachs Epos „Parzival“ langweilten wir uns beinahe zu Tode. Plötzlich hatte Wolfram eine Idee: „Was hältst Du davon, wenn wir als Seminararbeit ein Filmdrehbuch ‚Parzival im wilden Westen‘ schreiben? Dem Prof. wird es sicher gefallen.“ Es war gerade die Zeit, als die sogenannten Film-Remakes en vogue waren. In einem Mainzer „Experimentier-Kino“, in dem regelmäßig besondere Filme gezeigt und diskutiert wurden, hatten wir vor einiger Zeit den japanischen Klassiker „Die sieben Samurai“ und die Westernversion „Die glorreichen Sieben“ mit Yul Brynner, Horst Buchholz, Steve MacQueen, Eli Wallach, Charles Bronson und anderen damals bekannten Schauspielern gesehen und uns köstlich amüsiert. Jetzt wollten wir also ein mittelalterliches Epos in den wilden Westen verlegen. Der Professor war zwar skeptisch, ließ uns aber gewähren. König Arthur wurde zum Rancher Big Arthur, Lanzelot zum Cowboy Lancy, Parzival, der Gralssucher, zu Percy, der immer auf der Suche nach El Dorado war. Jedem Ritter der Tafelrunde wurde ein Stetson auf den Kopf gesetzt, ein Colt umgeschnallt und ein alliterierter Cowboynamen gegeben. Die Königin Condwiramour, die Parzival von feindlichen Belagerern befreit und dann geheiratet hatte, wurde zu einer Apachensquaw und erhielt den Namen Lieblicher Tau. Ihr Vater, der Häuptling eines Pueblo-Dorfes, war kürzlich verstorben und hatte ihr die Verantwortung für den Stamm hinterlassen, der jetzt von Komantschen angegriffen wurde. Percy verjagte natürlich die Komantschen und nahm Lieblicher Tau zur Frau. Kontroversen hatten wir über die Frage, welche Rolle der zweite Protagonist des Epos‘, Gawan, in unserem Drehbuch spielen sollte. Ich plädierte dafür, ihn einfach wegzulassen, um die Handlung nicht zu verkomplizieren. Wolfram bestand darauf, dass er seinen gebührenden Platz in der Handlung erhalten solle. So wurden die Abenteuer des Schwerenöters und jetzt zum Revolverhelden Gave mutierten Gawan ins Drehbuch eingefügt. Percy fand schließlich nach mehreren Zweikämpfen und Abenteuern El Dorado, ein bestens verborgener und behüteter Indianergoldschatz, ließ ihn jedoch unberührt und lebte bis ans Ende seiner Tage glücklich mit Lieblicher Tau, die ihm zwei Söhne schenkte: Lohan (Lohengrin in der Sage), der den Schatz bewachte, und Kardy (Kardeiz in der Sage), der zum Häuptling der Apachen gewählt wurde. Das Drehbuch wurde recht lang, da wir den Ehrgeiz hatten, möglichst alle Episoden der mittelalterlichen Vorlage in Westernmanier zu verarbeiten. Der eher humorlose und trockene Professor fand diese sicher ungewöhnliche Seminararbeit köstlich und sagte, er habe sich selten so amüsiert. Er attestierte uns dann auch: „So, wie Sie das Epos umgesetzt haben, zeigt, dass Sie es verstanden haben.“

Nach einiger Zeit trennten sich unsere Wege wieder. Ich hatte mittlerweile eine Dissertation in Angriff genommen und versprach mir in Wien bessere Forschungsmöglichkeiten. Wolfram ging zurück nach München und wurde Doktorand bei Georg Stadtmüller, dem damals berühmtesten Südosteuropaforscher. Später ging ich nach Bukarest, Wolfram nach Belgrad. Wir hielten zwar noch Kontakt, aber die Zeitabstände wurden immer länger. Wir waren beide in unsere eigenen Welten eingetaucht.

Jahre später, ich war frisch verheiratet und bereitete mich gerade auf das Rigorosum vor, klingelte es an unserer Wohnungstür in Mainz-Bretzenheim. Als ich öffnete lachte mich Wolfram an und sagte: „Percy, alter Kamerad, was treibst Du so?“ „Gawan, gibt es Dich noch?“ „Ich habe letzte Woche promoviert und bin nun gekommen, Abschied zu nehmen. Wir werden uns so bald nicht wieder sehen.“ „Wieso? Was hast Du vor?“ „Nächste Woche schlüpfe ich in eine andere Haut und niemand wird mich mehr unter meinem Namen finden.“ „War etwa Diethelm K. auch bei Dir? Bei mir war er vor einem Monat und wollte mich für den BND anwerben. Ich habe abgesagt. Ich bin nicht der Typ für so etwas.“ K. war ein Beamter des BND und hatte wohl die Aufgabe, junge Hochschulabsolventen mit guten bis sehr guten Kenntnissen über Ost- und Südosteuropa und mit einschlägigen Sprachkenntnissen für den Dienst anzuwerben. Wolfram sah mich zunächst verblüfft an und sagte dann lachend: „Recht hast Du. Jeder Mensch ist anders. Du bist eher der bürgerliche Typ. Ich will aber in tieferen Schichten graben und ich weiß auch schon wo. Weshalb habe ich denn Russisch und Serbokroatisch gelernt? Eins sollst Du aber wissen: Es war sehr schön mit Dir.“ Wir plauderten noch eine Zeit lang. Dann sagte er sehr ernst: „So, es ist Zeit. Lass uns kein Drama machen! Wenn meine Zeit des Grabens vorbei ist, besuche ich Dich wieder.“ „Ich weiß ja gar nicht, wo ich dann sein werde.“ „Mein lieber Freund, ich werde Dich finden, wo immer Du dann sein magst. ‚Gawan‘ sei unser Code-Wort für alle Fälle.“ Dann stand er auf und ging wortlos zur Tür hinaus.

Im Jahre 2012 lud mich ein ehemaliger Bundeswehroffizier, mit dem ich im Rahmen der Inneren Führung der 12. Panzerdivision jahrelang zusammengearbeitet hatte, der aber dann zum BND gegangen war und über 20 Jahre eine andere Identität angenommen hatte, zu einem Wiedersehenstreffen ein. Er war mittlerweile pensioniert und hatte seine bürgerliche Identität wieder angenommen. Die Wiedersehensfreude war groß und wir plauderten über vergangene gemeinsame Zeiten. Bezüglich seiner Einsatzzeit beim BND unterlag er immer noch der Schweigepflicht, erzählte aber dann doch unverfängliche Episoden. Lange Zeit war er in Afghanistan im Einsatz gewesen und ab 1992 in Bosnien und im Kosovo. Ich fragte ihn, ob ihm dabei vielleicht Wolfram über den Weg gelaufen sei, indem ich ihn genau beschrieb. Er dachte lange nach und sagte dann, im Kosovo sei einer gewesen, auf den die Beschreibung passen könnte. Den Namen wisse er nicht mehr. Das sei aber auch gleichgültig, denn der damalige Name sei ja ohnehin nicht der ursprüngliche gewesen. Alle hätten ihn Gawan genannt, ein Spitzname, den er wohl selbst gestreut habe. „Das ist er! Das weiß ich.“ Ich erzählte ihm von unserem Filmdrehbuch und seinem Abschiedsbesuch bei mir. Dann fing er an zu erzählen. „Gawan“ sei der einzige Zivilist in der Crew auf dem Balkan gewesen, habe sich aber den militärischen Gepflogenheiten voll unterworfen. Darüber hinaus hätten viele Gerüchte über ihn die Runde gemacht. Beispielsweise sei er noch zur Zeit der sowjetischen Besetzung in Afghanistan im Einsatz gewesen, allerdings im Auftrag der CIA, die damals das Monopol für derlei Einsätze dort gehabt habe. Möglicherweise habe ihn der BND der CIA ausgeliehen. Er sei dann in sowjetische Gefangenschaft geraten und beim Abzug der sowjetischen Truppen vom Oberkommandierenden Alexander Lebed höchstpersönlich in Freiheit gesetzt worden. Auf dem Balkan sei er 1990 aufgetaucht, habe aber immer eine Sonderrolle gespielt, da er nicht zuletzt wegen seiner exzellenten Sprachkenntnisse über beste Informationen verfügt habe. Nicht selten sei er dann auch als einziger zur Sonderberichterstattung in die Zentrale gerufen worden. Seine Briefings und Rebriefings vor Ort seien hervorragend und sehr klar gewesen. Einer seiner Standardsätze sei gewesen: „Man muß in tieferen Schichten wühlen. Die Oberfläche ist irreführend.“ Man habe aber immer den Eindruck gehabt, dass er nicht alle seine Informationen preisgegeben habe. 1996 sei er mit seinem Geländefahrzeug (er sei ein Einzelgänger gewesen und meistens allein gefahren, was nicht den gängigen Regeln entsprochen habe) im Kosovo auf eine Landmine gefahren und samt Fahrzeug in die Luft geflogen. Zwar habe es eine strenge Nachrichtensperre gegeben, aber dennoch habe das Gerücht kursiert, der damalige UCK-Kommandeur Hasim Thaci, der später Premierminister des Kosovo wurde, habe persönlich dahinter gesteckt, weil Gawan kompromittierende Informationen über ihn besessen habe. Die UCK war damals als paramilitärische albanische und rigoros antiserbische Organisation im Aufbau begriffen und verübte unterhalb der „patriotischen“ Oberfläche allerhand Greuel. Darüber hinaus soll sie sich mit Drogen- und Organhandel finanziert haben. Die Nato benutzte sie dennoch später als verbündete Kampftruppe. Der Internationale Strafgerichtshof für das ehemalige Jugoslawien in den Haag stellte ab 2000 und dann wieder ab 2011 zwar mehrere ehemalige UCK-Kommandeure unter Anklage, konnte ihnen aber nichts nachweisen, und alles verlief im Sande.

In welchen Schichten hat „Gawan“ da bloß herumgestochert? Thaci wird sicher nichts davon preisgeben. Und so wird wohl alles im Dunkeln bleiben, wie vieles aus diesem unseligen Krieg.

Lieber Wolfram, Adieu!!!!!!!!

Nicolae

Diese Episode erscheint auch in meinem Buch „Rückblicke“

Im Frühherbst 1968 fuhr ich mit einem Zug von Graz nach Wien. In Graz hatte ich gerade einen Sommerkurs am „Graz-Center“ zur ost- und südosteuropäischen Geschichte absolviert. Das Graz-Center war eine Einrichtung mehrerer amerikanischer Universitäten, u.a. der Universitäten von Dallas, Williamsburg und Delaware, für europäische Studien. Zu den amerikanischen Studenten wurden auch einige ausgewählte Studenten deutscher und österreichischer Universitäten eingeladen. Ich war vom Institut für Osteuropakunde der Universität Mainz dorthin delegiert worden. Außer mir nahmen noch drei weitere Studenten aus Deutschland an dem Lehrgang teil, eine Exilbulgarin von der Universität München und je ein Student der Universitäten Freiburg und Marburg. Der große Vorteil für mich war, daß ich, nachdem die Lehrveranstaltungen in englischer Sprache abgehalten wurden, mein Schulenglisch erheblich ausbauen konnte. Die Veranstaltungen waren sehr lehrreich, der Höhepunkt war jedoch eine Exkursion mit der Eisenbahn in die Voivodina und nach Banja Luka in Bosnien. Auffällig war, daß die amerikanischen Studenten, obwohl sie europäische Geschichte studierten, von der politischen Geographie Europas eine nur sehr oberflächliche Ahnung hatten. Auch die Mehrsprachigkeit der Menschen in der Region rief bei ihnen große Verwunderung hervor. Im Übrigen waren die Professoren und Studenten aus Amerika fast zur Gänze glühende Anhänger der Republikaner und damit des Präsidentschaftskandidaten Richard Nixon.1 Ich war jetzt wieder auf dem Weg zurück nach Wien, wo ich seit einigen Monaten Quellen für meine Dissertation auswertete. Meine hauptsächlichen Fundorte waren das Haus-Hof- und Staatsarchiv auf dem Josephsplatz, das Militärarchiv in der Stiftsgasse und die Nationalbibliothek in der neuen Hofburg, wo ich meinen festen Arbeitsplatz hatte.

Mir gegenüber im Abteil saß ein dunkelhaariger Mann im Alter von ca. 30 bis 35 Jahren. Seine Kleidung und seine Schuhe waren abgetragen. Sein Gesicht war eingefallen und sein linkes Auge war blau-gelb unterlaufen, als hätte er vor Kurzem eine Schlägerei gehabt. Auffällig war seine große Nervosität. Ich fragte ihn, ob er auch auf dem Weg nach Wien sei, und er antwortete in sehr schlechtem Deutsch, daß er aus Rumänien geflohen sei und jetzt zu Verwandten nach Wien fahre. Als ich ihm sagte, daß ich aus Siebenbürgen stamme und recht gut rumänisch könne, wich seine Nervosität schlagartig und seine Augen begannen zu glänzen. Seine Worte überschlugen sich geradezu, als er sagte: „Oh, wie ist es schön, daß ich nach Wochen wieder in meiner geliebten Muttersprache sprechen kann. Meine Muttersprache, mein Volk und mein Gott sind mein Halt. Alles andere ist unwichtig. Ich bin auch ein Siebenbürger. Mein Geburtsort ist Mandra,2 woher auch Horia Sima3 stammt. Meine Eltern waren wie fast das ganze Dorf glühende Anhänger der Legion und trugen mit Stolz das grüne Hemd und das Kreuz der Legion.4 Sie flohen nach dem mißglückten Putsch gegen Antonescu mit Horia Sima nach Deutschland, entschlossen sich aber, nach dem Verrat Rumäniens im August 1944 in die Heimat zurückzukehren und sich dem bewaffneten Widerstand in den Südkarpaten anzuschließen.5 Andere Legionäre sind nicht diesen Weg gegangen. Sofern sie sich nicht im Westen niedergelassen haben, haben sie versucht, sich mit dem neuen Regime zu arrangieren und sind teilweise sogar der kommunistischen Partei beigetreten. Gott hat diese Verräter hart bestraft, denn sie sind allesamt späteren Säuberungswellen zum Opfer gefallen. Von meinen Eltern habe ich nie wieder etwas gehört. Entweder sind sie im Kampf gefallen, oder sie wurden gefangenengenommen und sind in einem Arbeitslager oder Gefängnis zugrunde gegangen. Sie tauchten nämlich auch nach der Generalamnestie des Jahres 19646 nicht auf. Ich bin deshalb bei meinen Großeltern aufgewachsen, die beide insgeheim bis heute treue Verehrer des Capitan Codreanu sind. Auf Sima sind sie weniger gut zu sprechen. Sie werfen ihm vor, zu viel mit ausländischen Geheimdiensten paktiert und die reine Lehre der Legion verfälscht zu haben. Sie haben mich im Geiste von Codreanu erzogen und dafür bin ich ihnen dankbar. Angesichts dieser Umstände wurde ich von jeglicher höherer Bildung ausgeschlossen. Man steckte mich zwangsweise in eine Berufsschule, wo ich recht und schlecht zum Metallarbeiter ausgebildet wurde. Die Aufforderung, mich in der Pionier- und in der kommunistischen Jugendorganisation zur sozialistischen Persönlichkeit umerziehen zu lassen, lehnte ich ab, was zu erheblichen Schikanen durch die Lehrer und den Parteisekretär der Schule führte. Zum regulären Militärdienst wurde ich nicht zugelassen, sondern musste einen dreijährigen Ersatzdienst in einer Arbeitsbrigade am Bau des Donau-Scharz-Meer-Kanals ableisten.7 Dort arbeitete ich mit vielen politischen Gefangenen und Straftätern zusammen. Es waren schwere Jahre, aber ich überstand sie unbeschadet. Die vielen Schikanen und Herabsetzungen, denen ich ausgesetzt war, brachten mich schließlich zur Überzeugung, daß ich im gegenwärtigen Rumänien keine Zukunft mehr hatte. Auch glaubte ich, daß ich, wenn mir die Flucht in den Westen gelingen würde, dort durch Aufklärung und Aufrüttelung der Öffentlichkeit viel mehr für mein Volk tun könnte als in meiner Heimat. Monatelang spielte ich in Gedanken alle Fluchtmöglichkeiten durch, bis ich mich schließlich entschloss, bei Orsova über die Donau nach Jugoslawien zu schwimmen und mich dann nach Österreich durchzuschlagen. Ich verfiel deshalb auf diesen Gedanken, weil kürzlich erst zwei meiner Cousins diesen Weg erfolgreich gegangen waren.

Der Mann sah müde aus und schloß die Augen. Nach einiger Zeit sagte er: „Ich heiße Nicolae und du?“ „Karl“ erwiderte ich. „Meine Flucht war gut vorbereitet. Nicht nur daß ich kräftig im Alt trainiert habe, nein, ich habe mir sogar bei einem Zigeuner in Hermannstadt ein paar Hundert Deutsche Mark besorgt8, die ich mit meinen Papieren wasserdicht verpackt und mit einem Leinengürtel um den Bauch gebunden habe. Allerdings mußte ich für das Geld den gesamten Schmuck meiner Mutter, den sie vor ihrer Flucht ins Gebirge auf dem Speicher unseres Hauses versteckt hatte, hergeben. Ich erkundete tagelang den günstigsten Ort an der Donau, wo ich losschwimmen konnte, und beobachtete die Grenzsoldaten sehr genau. Ich wußte, wann Wachablösung war und sogar wann sie zu saufen begannen. In einem mir günstig erscheinenden Moment sprang ich ins Wasser und schwamm los. Die Kugeln der Wachsoldaten, die sie schreiend hinter mir herschossen, verfehlten mich weit. Auf der anderen Seite wurde ich sofort von den Serben verhaftet. Als erstes nahmen sie mir mein Geld weg. Die Papiere durfte ich behalten. Die Serben waren überhaupt sehr unangenehm. Erst wollten sie mich gleich wieder nach Rumänien abschieben. Die Verständigung war sehr schwierig, denn sie konnten weder Rumänisch noch Englisch, das ich einigermaßen beherrsche. So behalf ich mir mit meinen Russischkenntnissen, die ich mir in der Schule erworben hatte.9 Als ich massiv gegen die Rückführung nach Rumänien protestierte, kam ich zunächst für drei Wochen in ein Massengefängnis, wo noch mehr rumänische Flüchtlinge einsaßen und darauf warteten, nach Österreich abgeschoben zu werden. Eines Tages wurde ich wieder verhört und gründlich untersucht, da die Serben vermuteten, ich hätte noch weiteres Geld in meine Kleidung eingenäht. Bei dieser Gelegenheit wurde ich auch brutal verprügelt. Daher habe ich das blaue Auge. Schließlich wurde ich in ein kroatisches Gefängnis verlegt, wo ich sehr korrekt behandelt wurde. Gestern wurde ich dann in aller Form nach Österreich abgeschoben. Die österreichischen Behörden waren sehr freundlich, gaben mir einen Passierschein nach Wien und sogar eine Fahrkarte dorthin. Ich hatte nämlich geltend gemacht, dass ich dort nahe Verwandte hätte, die sich weiter um mich kümmern würden. Sie machten mir lediglich zur Auflage, mich gleich nach der Ankunft in Wien bei der Polizei zu melden. Da ich auch müde wurde, beendeten wir das Gespräch und dösten beide vor uns hin. Am Wiener Südbahnhof zeigte ich Nicolae, mit welcher Tram er nach Ottakring zu seinen Verwandten gelangen konnte, gab ihm von meinem spärlichen Bargeld noch ein paar Schillinge für die Fahrkarte und wollte mich verabschieden. „Wo finde ich Dich?“ fragte er vor dem Einsteigen. Ich gab ihm schnell meine Adresse und die Telefonnummer meines Verbindungshauses, in dem ich damals wohnte, und ging meiner Wege.

Es vergingen einige Wochen und meine Quellenstudien, die Aktivitäten meiner Verbindung, der ich mich angeschlossen hatte, und meine Liebschaft, die ich während meines Studiums in Innsbruck kennengelernt und in Wien wieder getroffen hatte, nahmen mich so in Anspruch, daß ich nicht mehr an Nicolae dachte. Eines Tages ging ich die Treppe der neuen Hofburg zum Heldenplatz hinunter, als mich jemand auf Rumänisch anrief: „He, sasule (He, Sachse) kennst Du mich nicht mehr?“ Es war Nicolae, den ich tatsächlich kaum wieder erkannte. Er sah sehr gut aus. Er trug neue Schuhe, eine gut gebügelte schwarze Hose und ein grünes Hemd mit Epauletten. Um seinen Hals hing ein Legionärskreuz. Auf dem Kopf trug er ein grünes Uniformschiffchen leicht zur rechten Seite geneigt. Über seiner Schulter hing eine nagelneue braune Ledertasche. „Na, sowas, du siehst ja aus wie ein Legionär.“ „Mein Leben lang habe ich davon geträumt, ein Legionär zu sein. Jetzt habe ich schon das Hemd und das Kreuz. Ein alter Legionär, der hier in Wien lebt, hat mir die seinen geschenkt. Er ist inzwischen zu gebrechlich, um sie noch zu tragen. Mir fehlt nur noch die Initiation. Ich werde nach Spanien fahren und sie von Horia Sima persönlich vornehmen lassen. Dann werde ich den Dienst an meinem Volk von dort aus aufnehmen. Komm, ich lade dich zu einem Kaffee ein, dann erzähle ich dir alles.“ Hast du überhaupt Geld?“ „Mehr als ich brauche. Mein Vater hat meinen Verwandten während des Aufstandes der Legion in Bukarest im Januar 1941 unter eigener Lebensgefahr das Leben gerettet und jetzt haben sie sich revanchiert und mir zum Abschied 100.000 Schilling geschenkt. Obwohl ich mich im Zorn von ihnen getrennt habe, habe ich das Geld genommen. Erstens haben sie genug davon und zweitens bin ich es meinem Vater schuldig. Sie wohnen übrigens in einem hochherrschaftlichen Haus in einer ruhigen Strasse von Ottakring.“ Wir gingen in das Selbstbedienungscafé der Nationalbibliothek und setzten uns an einen Tisch in einer Ecke, wo niemand uns zuhören konnte. „Na, meine Verwandten sind eine der größten Enttäuschungen meines Lebens. An einem der ersten Abenden nach meiner Ankunft in Wien führten sie mich in das Restaurant Bukarest, wo man viele Landsleute antreffen könne, war die Begründung. In der Tat waren dort neben anderen viele Rumänen, allerdings ein durcheinadergewürfelter Haufen. Von wohlhabenden und ärmlichen Exulanten, Angehörigen des alten rumänischen Adels, rumänischen Geschäftsleuten aus anderen Ländern und Angehörigen der aktuellen diplomatischen Vertretung Rumäniens war alles vorhanden. Alle parlierten vertraulich miteinander, soffen zusammen und grölten laut. Es war eine groteske Gesellschaft. Daruberhinaus fiedelte ununterbrochen eine Zigeunerkapelle, und der schmierige Primas mit fettigen langen Haaren ließ sich lächelnd beklatschen und heimste enorme Trinkgelder ein. All das hatte nichts mit legionärer Moral zu tun und widerte mich an. Als meine Tante dann auch noch einen fetten Rumänen umarmte und auf die Backe tätschelte und nachher sagte, das sei der Botschaftssekretär gewesen, der Stammgast hier sei, war ich regelrecht erschrocken. Auch meine Verwandten schienen Stammgäste zu sein, denn sie wurden von allen Seiten angesprochen und tauschten mit fast jedem Höflichkeiten aus. Auffällig war auch, daß immer wieder drahtige Männer in dunklen Anzügen auftauchten, kurze Gespräche führten, unauffällig Briefumschläge austauschten und wieder verschwanden. Mit meinen Verwandten gingen zweimal je einer von ihnen kurz hinaus und meine Verwandten kamen mit je einem Umschlag wieder herein, legten ihn mit einem triumphierenden Lächeln in die Tasche und parlierten unbefangen weiter. Damals konnte ich mir noch keinen Reim darauf machen. Der Alte, der mir seine Legionärskleidung geschenkt hatte, klärte mich auf. Er sei ein einziges Mal im Restaurant Bukarest gewesen und ihm sei sofort klar geworden, welcher Abschaum an Menschen sich dort versammele. Nicht nur daß man dem Gefiedel der widerlichen Zigeuner nach jedem Stück frenetischen Beifall zolle, nein, die ganze Gesellschaft sei durch und durch korrupt. Ehemalige Legionäre wie meine Verwanden fraternisierten mit den Kommunisten in der rumänischen Botschaft und verkauften skrupellos gegen viel Geld Informationen an alle möglichen Geheimdienste. Ob es sich um KGB, Mossad oder CIA handele, sei ihnen gleichgültig. Sie seien nur an Geld interessiert. Ja, sie schreckten auch nicht vor Denunziationen zurück, was etlichen ihrer treu gebliebenen Landsleuten das Leben gekostet habe.10 Die ganze Gesellschaft, auch meine Verwandten, seien demoralisiert und gewissenlos. Alle paktierten nicht nur mit den Geheimdiensten, sondern gingen auch anderen undurchsichtigen Geschäften nach. Am meisten würden sie aber mit dem Verkauf gestohlener Ikonen und anderer liturgischer Gegenstände sowie illegaler beschaffter Wertgegenstände verdienen. Als ich meine Verwandten zur Rede stellte, lachten sie mich aus und nannten mich einen Träumer. Auch Codreanu sei ein weltfremder Träumer und Idiot gewesen. Sie hätten lange gebraucht, um dies zu begreifen. Man müsse schließlich sehen, wo man bleibe. Ihnen ginge es jetzt besser denn je. Die Legion sei eine Verirrung der Geschichte gewesen. Wortlos verließ ich ihr Haus und wohne seither beim Alten. Dorthin ließen sie mir auch die 100.000 Schillinge kommen. Ich weiß, daß es schmutziges Geld ist, aber ich brauche es für meine Aufgabe.“ Ich wußte zunächst nicht, was ich zu dem Erzählten sagen sollte, und schwieg. Nach einiger Zeit sagte Nicolae: „Du Sachse, ich habe Euch immer bewundert. Ihr habt Euch über Jahrhunderte eine Lebensform geschaffen, die ihresgleichen sucht. Euer Gemeinschaftssinn, eure Tüchtigkeit und hohe Bildung hatte ein stabiles Fundament: eure feste Verankerung in eurem evangelischen Glauben. Jedes Volk, das mit sich im Reinen ist, ist verwurzelt in in seinem unerschütterlichen Glauben. Wird dieser Glaube infrage gestellt, zerfällt das Volk und wird früher oder später untergehen. Der Nationalsozialismus hatte ursprünglich gute und edle Ansätze. Erst als er dem Größenwahn und der Gottlosigkeit verfiel, war er zum Scheitern verurteilt. So hat auch eure Volksgruppenführung11 das Sachsenvolk in die gefährlichste Krise seiner Geschichte gestürzt. Ihre nihilistische Arroganz und Machtbesessenheit hat euch zerstört. Einer meiner Onkel war Verbindungsmann der Legion zur Volksgruppenführung und war gar nicht gut auf den Volksgruppenführer Andreas Schmidt zu sprechen. Ich habe ihn nur einmal gesehen, als er meinen Onkel in Mandra besuchte. Ich war aber noch ein Kind und habe daher nur eine blasse Erinnerung an ihn. Jetzt rate ich euch aber dringend: Findet zu eurem Glauben zurück! Bringt eure Volksseele zu dem zurück, was sie einmal war! Dann könnt ihr wieder genesen und habt mit Gottes Hilfe eine Überlebenschance. Für mein Volk ist der angemessen Glaube die unverfälschte Orthodoxie. Sieh her!“: Dann zog er ein Büchlein aus seiner Tasche. „Dies sind die Grundsätze unseres ermordeten Capitans. Er war unser Messias. Das wussten seine Feinde und haben ihn deshalb heimtückisch umgebracht. Sie hatten Angst vor ihm. Sie fürchteten ihn zu Recht, denn sie waren alle Opfer der jüdischen Korrumpierung, wie auch der Kommunismus eine jüdische Machenschaft ist. Auch die westlichen Demokratien sind jüdisch verseucht, wie auch das jüdische Kapital der Wallstreet die amerikanische Politik kontrolliert. Oder schau dir eure Studenten in Deutschland an, die in diesen Tagen wüst herum randalieren und den Marxismus verkünden. Auch sie sind Opfer einer zerstörerischen jüdischen Strategie. Wenn sie so weitermachen, wird auch eure sogenannte Demokratie zugrunde gerichtet. Hier drin aber steht das Gegenprogramm des Capitans, seine Botschaft. Sein Aufruf, dem Weltjudentum mit ganzer Kraft entgegenzutreten. Das Buch ist mein Leitfaden, an den ich mich mein Leben lang halten werde. Du solltest es auch lesen.“ Mir wurde allmählich unwohl bei diesen Ungeheuerlichkeiten. „Ich merke, das gefällt dir alles nicht“, fuhr er fort. „Wir brauchen den neuen Menschen, wie der Capitan ihn entworfen hat. Dann erst werden die Völker zur Ruhe kommen und sich nicht mehr gegenseitig zerfleischen. Bis dahin ist aber ein gnadenloser Kampf nötig, und wir dürfen auch nicht vor Gewalt zurückschrecken. Diesem Kampf will ich ab jetzt mein Leben widmen.“ Seine Auslassungen wurden mir nun endgültig zu viel und erschreckten mich geradezu. Ich hatte den Eindruck, daß er sich im Verlauf seines Wiener Aufenthalts selbst erheblich radikalisiert hatte und möglicherweise zu allem fähig war. Er war nicht mehr der eher nüchterne Nicolae, den ich im Zug von Graz nach Wien kennengelernt hatte. Ich fragte mich, wie so etwas möglich war, fand aber keine Antwort. Mich begann vielmehr zu schaudern. Deshalb bedankte ich mich bei ihm für den Kaffee, wünschte ihm alles Gute und verabschiedete mich von ihm. Er schaute mich verblüfft an und winkte mir zaghaft hinterher.

Ob Nicolae seiner Überzeugung treu geblieben ist, vermag ich nicht zu sagen, denn ich habe ihn nie wieder gesehen und auch nie wieder etwas über ihn erfahren.

  • 1Der Präsidentschaftswahlkampf zwischen dem Republikaner Richard Nixon und dem Demokraten Hubert Humphrey war gerade in der Schlußphase und die Demoskopen prognostizierten ein Kopf-an-Kopf-Rennen.
  • 2Mandra ist eine rumänische Ortschaft an den Ausläufern des Fogarascher Gebirges im Kreis Kronstadt.
  • 3Horia Sima (1906 – 1993) wurde nach der Ermordung des Gründers und „Capitans“ der „Legion des Erzengels Michael“ bzw, der personell identischen Kampforganisation „Eiserne Garde“, Corneliu Zelea Codreanu (1899 – 1938), dessen Nachfolger. Die Eiserne Garde war eine klerikal-faschistische, radikal antisemitische, antiziganistische und antikommunistische Organisation. Von allen faschistischen Organisationen der Zwischenkriegszeit ist sie am ehesten mit der kroatischen Ustascha von Ante Paveleci zu vergleichen, wobei allerdings die Ustascha radikal-katholisch war und die Eiserne Garde sich einer mystischen Orthodoxie verpflichtet fühlte. Auf das Konto der Eisernen Garde gingen mehrere politische Morde und Attentate. Mit Unterstützung durch das Dritte Reich ging jedoch die Legion unter Horia Sima eine Koalition mit Marschall Ion Antonescu (1882 – 1946) ein und beteiligte sich an dem kurzlebigen „nationallegionären Staat“ (September 1940 – Januar 1941). Als die Legion im Januar 1941 gegen Antonsecu putschte, ließ Hitler die Eiserne Garde fallen und stellte sich auf die Seite von Antonescu. Sima floh mit einer Schar von Gesinnungsgenossen nach Deutschland und wurde dort in „Schutzhaft“ genommen. Nach dem am 23.08.1944 erfolgten Frontwechsels Rumäniens führte Sima bis zum Kriegsende eine wirkungslose Exilregierung in Wien und ließ sich dann in Spanien nieder, wo er bis zu seinem Tode im Jahre 1993 unbehelligt die Ideologie der Legion weiter propagierte. In Rumänien wurde er in Abwesenheit mehrfach zum Tode verurteilt. Die in Rumänien verbliebenen Legionäre waren nach dem mißglückten Putsch gegen Antonescu unter seiner Herrschaft, aber auch unter dem späteren kommunistischen Regime mehreren Verfolgungswellen ausgesetzt. Eine Wiederbelebung des legionären Gedankens nach 1989 durch überlebende Altlegionäre gelang nur vereinzelt, aber ohne irgendeine Wirkkraft im späteren politischen Geschehen.
  • 4Die Legion war straff in sogenannten „Nestern“ organisiert. Äußeres Erkennungsmerkmal war des grüne Uniformhemd und das Keltenkreuz, das jeder Legionär um den Hals trug.
  • 5Bereits nach dem Frontwechsel Rumäniens im Jahre 1944 verschanzten sich heterogene bewaffnete Gruppen in den Süd- und Westkarpaten, dem Donaudelta, im Banat und an verschiedenen anderen unwegsamen Orten und widersetzten sich dem unter Kontrolle der Sowjetarmee stehenden Übergangsregime. Es handelte sich um Angehörige der königlichen Armee, die den Frontwechsel verweigert hatten und nicht wie andere Einheiten mit den deutschen Truppen abgezogen waren, um versprengte deutsche Wehrmacht- und Waffen-SS-Angehörige, Gefolgsleute des Marschalls Antonescu, verschiedene andere antikommunistische Gruppen und Grüppchen sowie um im Lande verbliebenene oder zurückgekehrte Legionäre. Die im Volksmund „Partisanen“ , vom Regime „Terroristen“ genannten Widerstandskämpfer wurden ausreichend von der umliegenden Bevölkerung mit Nahrungsmitteln unterstützt, waren gut bewaffnet, litten jedoch unter empfindlichem Munitionsmangel. Nach Ausbruch des kalten Krieges wurden sie in geringem Umfang von westlichen Geheimdiensten mit Munition und anderem Material unterstützt und vereinzelt sogar personell aufgestockt. Da die Widerstandsgruppen sehr heterogen waren, gab es kein koordiniertes Vorgehen und es kam sogar zu massiven inneren Konflikten, was ihre Schlagkraft sehr schwächte. Der Widerstand brach Ende 1956 allmählich völlig zusammen, als nach der Niederschlagung des Volksaufstandes in Ungarn deutlich wurde, daß von den Westalliierten keine aktive Hilfe mehr zu erwarten war. Einige wenige Widerstandsnester sollen aber bis zum Jahre 1970 durchgehalten haben. Im Übrigen kam es bis zum Jahre 1956 landesweit immer wieder auch zu mehr oder weniger intensiven bäuerlichen Revolten gegen die Zwangskollektivierung der Landwirtschaft.
  • 6In den 1960er Jahren drang kaum etwas über politischen Widerstand in Rumänien nach außen. Wie in allen Ostblockstaaten kam es allerdings auch in Rumänien zu einer Reihe von Schauprozessen. 1964 wurde eine Amnestie ausgerufen, bei der angeblich alle politischen Gefangenen, mehr als 50.000, freigelassen wurden. Später stellte sich heraus, dass ein erheblicher Teil der politischen Gefangenen nicht unter die Amnestie gefallen war und weiter einsaß, wobei die Kriterien ihrer Nichtfreilassung unklar blieben.
  • 7In diese Arbeitsbrigaden wurden alle Wehrpflichtigen, die eine „ungesunde Herkunft“ hatten, gesteckt, wie die Söhne von „Chiaburen (Großbauern)“, ehemaligen Unternehmern, nichtorthodoxen Geistlichen, ehemaliger nichtkommunistischer Politiker, Legionäre und vor allem der meisten Angehörigen der deutschen Minderheit. Sie wurden beim Bau von Großprojekten wie dem Donau-Schwarzmeer-Kanal und dem Bicaz-Stausee sowie im Straßenbau eingesetzt.
  • 8Es gab vor allem in Hermannstadt einen Zigeunerstamm, der insgeheim mit Gold handelte und über eine große Menge an Devisen verfügte. Die Polizei hat diese illegale Tätigkeit trotz regelmäßiger Razzien nie ganz unterbinden können.
  • 9Mit der Schulreform von 1948 wurde das Russische als Pflichtsprache ab der vierten Jahrgangsstufe in allen Schulen eingeführt, was zu einer kuriosen Situation führte. Über Nacht mussten mehrere Tausende Russischlehrer aus dem Boden gestampft werden. In Schnellkursen bildete man ausgewählte Lehrkräfte dafür aus, was dazu führte, daß die Lehrkräfte das Russische genauso mangelhaft beherrschten wie ihre Schüler. Ende der 50er Jahre wurde das Russische als Pflichtsprache wieder abgeschafft.
  • 10In der Tat war Wien in der letzten Phase des Krieges, aber vor allem nach dem Krieg ein Tummelplatz internationaler Geheimdienste und ist es etwas abgeschwächt bis heute geblieben. Treffpunkte waren Lokale wie das Restaurant Bukarest aber auch viele andere konspirative Orte. Von hier aus gingen viele politische Mordaufträge aus. Das KGB bediente sich dabei insbesondere des bulgarischen Geheimdienstes, auf dessen Konto nicht wenige Morde in ganz Europa gingen.
  • 11Im August 1940 wurde Siebenbürgen im Zweiten Wiener Schiedsspruch geteilt und die NSDAP der deutschen Volksgruppe in Rumänien übernahm die alleinige Vertretung der im rumänischen Teil lebenden Volksdeutschen. Am 27. September 1940 wurde der Siebenbürger Sachse und SS-Offizier Andreas Schmidt vom Leiter der Volksdeutschen Mittelstelle, SS-Obergruppenführer Werner Lorenz, zum Volksgruppenführer in Rumänien ernannt und war nun der mächtigste Mann unter den Rumäniendeutschen. Zudem war er ein Schwiegersohn des Leiters des SS-Hauptamtes und Generals der Waffen-SS, Obergruppenführer Gottlob Berger, und hatte damit beste Beziehungen zur obersten SS-Führung. Die Volksgruppenführung wurde auf Berliner Druck hin zur Körperschaft des öffentlichen Rechts erhoben und entzog sich dadurch der direkten Einflußnahme durch die rumänische Regierung. Dabei zeigte sich bald, daß Schmidt ein reiner Karrierist war und jegliche Befehle der übergeordneten Stellen im Deutschen Reich auszuführen bereit war, auch wenn dies mit Risiken und Nachteilen seiner Landsleute verbunden war. Als es im Januar 1941 zu einer Rebellion der Eisernen Garde gegen den rumänischen Diktator Ion Antonescu kam, konnte er sich weiter profilieren und sich in Berlin als wichtigster Ansprechpartner im Land präsentieren. Im Inneren der sächsischen Gesellschaft liquidierte er alle überkommenen Einrichtungen und traditionellen Lebensformen und setzte an ihre Stelle nach den Vorbildern im Deutschen Reich NS-Organisationen und NS-Rituale. Als entschiedener Atheist brachte er die evangelische Kirche unter seine Kontrolle und ließ durch seinen von ihm eingesetzten Bischof das „deutsche Christentum“ propagieren. Das bisher kirchliche und hoch entwickelte deutsche Schulwesen unterstellte er der Volksgruppenführung. Nach dem Frontwechsel Rumäniens im August 1944 versuchte er noch einen bewaffneten Widerstand gegen die vorrückenden sowjetischen Truppen zu organisieren. Er geriet jedoch sehr bald in sowjetische Gefangenschaft und starb unter ungeklärten Umständen im Gefangenenlager Workuta. Seine Gesinnungsgenossen wurden entweder gefangen genommen oder flohen ins Deutsche Reich. Einige wenige schlossen sich dem bewaffneten Widerstand in den Südkarpaten an.

Vogelmilch

Wegen gräßlicher Magenschmerzen ließ ich mich eines Sonntags von meiner Frau in das Kreiskrankenhaus Bad Königshofen fahren, wo ich mir rasche Linderung erhoffte. Nach nicht enden wollenden Untersuchungs- und Therapieprozeduren begann ich meinem Freund, dem Chefarzt, allmählich zu glauben, daß der Faktor Zeit auch in der modernen Medizin keinesfalls vernachlässigt werden dürfe, was für mich jämmerlich leidende Kreatur wohl heißen sollte: „Sei still und warte erst einmal ab!“ Er meinte also nicht die philosophische oder gar poetische Dimension der Zeit, sondern ausschließlich die brutal naturwissenschaftliche. Ich begann, mich in mein Fatum zu fügen, und befolgte sogar seine Anweisung, tagelang zu hungern und zu dürsten. Besonders der Durst plagte mich sehr. Ich begann mir vorzustellen, wie der erste Schluck Wasser schmecken würde. Die Gier nach Indian Tonic Water beherrschte mich ganz stark. Nach einiger Zeit gesellte sich neben eine 1,5-Liter Plastikflasche Tonic, die ich jüngst in Frankreich kennengelernt hatte, ein großer Becher mit Vanilleeis. Erst waren es sechs Kugeln, dann zwölf. Seltsame, schlumpfähnliche, winzige Wesen spannten grinsend ihre blauen, grünen und roten Sonnenschirmchen aus Creppapier auf, legten sich darunter und begannen mit Plastiklöffelchen ihre Unterlage aufzuessen. Die Eiskugeln wurden aber nicht kleiner, sondern sie wuchsen erstaunlich schnell und hatten bald die Ausdehnung von Tennisbällen und schließlich sogar von Handbällen. Dies ergötzte die kleinen Wesen anscheinend so sehr, daß sie zu tanzen anfingen, zunächst jedes für sich, dann alle im Kreis, immer schneller, immer schneller, immer schneller. Sie waren nicht mehr von einander zu unterscheiden. Das zunächst leise und dann immer lauter werdende scheppernde Geräusch kannte ich. Ich sah genauer hin. Die Wesen waren verschwunden und die runzelige Hand meiner damals über 85-jährigen Urgroßmutter, Grißi genannt, rührte mit einem emaillierten Schöpflöffel rhythmisch in einer mir wohlbekannten, ebenfalls emaillierten Schüssel, innen hellblau, außen dunkelrot. Grißi rührte in einer fast vollen Schüssel Vogelmilch. Ich muß damals ungefähr neun Jahre alt gewesen sein und wartete mit sicher ganz weit aufgerissenen Augen auf meine Kelle. Vogelmilch gab es gelegentlich an sehr warmen Tagen zum Mittagessen. Es war mit Vanillegeschmack versetzte und mit viel Honig gesüßte Milch, in der schneeweiße Flocken von steif geschlagenem Eiweiß schwammen. Wir saßen im Garten an einem langen Tisch unter einem Birnbaum und zwei Tannen neben dem Schafstall. „Wer bekommt heute zuerst?“ „Ich!“ Mein Bruder Seppi streckte unmißverständlich seinen Teller hin. „Jetzt ich! Jetzt ich!“ Grißi tat, als höre sie mich nicht. Hertamaria, meine Schwester, meine Mutter, Omama. Marthatante und sie selbst löffelten alle bereits die Vogelmilch. „Joi! Karli! Dich habe ich ja ganz vergessen. Weil Du aber so bescheiden warst, bekommst Du einen Extralöffel Honig.“ „Schaut, wie er jetzt strahlt! Gib ihm doch bitte zwei Extralöffel!“ Marthatante lachte, wie es mir bei ihr immer so gut gefallen hat. Sie war wie eine Heilige für mich, seit sie vor einiger Zeit aus russischer Zwangsarbeit in der Taiga zurückgekehrt war, wo sie ihre Jugendträume verloren hatte. Nach dem Essen hieß es: „Kinder geht spielen!“ Bruder und Schwester waren sofort weg. Ich sagte: „Ich gehe in den Wald.“ „Aber nur, wenn der Mischi mitgeht, und vergiß deinen Pyjama nicht!“ Seiler Mischi war mein bester Freund und wir beide blieben oft tagelang „im Wald“, der eigentlich kein Wald war, sondern eine weit vom Dorf entfernte Flur, die unserem Hansonkel gehörte. Gleich angrenzend an die Äcker und Wiesen war allerdings ein riesiger fast undurchdringlicher Wald, der tief in das Szeklergebiet hineinreichte. Unser Steffen Hansonkel war eine wichtige Persönlichkeit. Er war nicht nur Kirchenvater und später sogar Kirchenkurator gewesen, allein das ist in einer siebenbürgischen Gemeinde etwas ganz besonderes, sondern er war auch einer der wohlhabendsten Bauern und hatte es sogar fertiggebracht als allerletzter vor dem Kommunismus zu kapitulieren und seine Selbständigkeit aufzugeben. Das habe ich allerdings nicht mehr beobachten können. Die Steffens, die eigentlich Baier hießen, Familiennamen spielten in unserem Dorf kaum eine Rolle und etliche meiner Schulkameraden haben erst in der Schule erfahren, wie sie wirklich hießen, die Steffens also, waren eine der angesehendsten Freundschaften, d.h. Verwandtschaften, zu der wir auch irgendwie gehörten. Hansonkel war im Dorf unser Nachbar, hielt sich aber sehr oft mit seiner gesamten Familie, er hatte zwei Töchter und drei Söhne, von denen zwei auch in russischer Verschleppung gewesen waren, in seinem bescheidenen Aussiedlerhof „im Wald“ auf. Einmal strich er mir über den Kopf und sagte: „Weißt du Karli, hoffentlich gelangt ihr bald hinauf ins Reich zu eurem Vater. Hier habt ihr keine Zukunft, und deine Mutter wird noch ganz krank und schwermütig. Kommunismus und dann auch noch mit den Walachen, das endet nur im Elend. Ich hoffe daß ich das Ende dieses Skandals noch erleben werde, aber dann wird es keinen Wald mehr geben und die Weinberge deines Großvaters wird es auch nicht mehr geben. Sie ruinieren alles. Ich kann sie nicht mehr sehen. Deshalb bin ich viel lieber hier draußen.“ „Hier finden uns auch die Russen nicht so leicht.“ „Hast du Angst, die Russen würden wieder kommen? Die kommen nicht mehr. Sie haben ja ihre Brut hier gelassen und uns auch noch das Kolonistenpack aus dem Erzgebirge hergeschickt, die nur Löffel schneiden können, hier aber die großen Herren spielen und dann das ganze Zigeunervolk!“ Seiler Mischi, der ständig auf der Flucht vor den Erziehungsmaßnahmen seiner drei älteren Schwestern war, und ich waren im Sommer und im Herbst mehr bei den Steffens als zu Hause. Also gingen wir auch häufig mit in den Wald. Heute wollten wir uns alleine auf den Weg machen. Mischi war aus irgendeinem Grunde schon vorausgegangen. In den „7 Dörfern“, der letzten Gasse vor dem Dorfausgang, wo nur die Schwachen wohnten, wie man landläufig sagte, fühlte ich mich nie wohl. Im letzten Haus auf der linken Seite, am Fuße des Bulzerich, des höchsten Berges der Gemarkung, rief mich Lenchentanti auf ein Glas Milch herein, Milch, die sie irgendwo, möglicherweise sogar bei uns, erbettelt hatte. Balasi Lenchen war halb Ungarin, halb Sächsin und lebte allein. Unmittelbar nach dem Krieg war sie Kommunistin gewesen. Man hatte ihr aber übel mitgespielt, und sie war jetzt eine verbitterte und verarmte Frau. Sie lebte von der Nachernte, was streng verboten war. Sie mußte eine höhere Schulbildung genossen haben, denn oft saß sie mit Omama, einer gewesenen Lehrerin, in unserer Küche und sie unterhielten sich über Geschichte und andere schwierigen Dinge, die ich damals nicht verstand. Ich habe sie immer gerne gehabt, nicht zuletzt weil ich ihr aus der legendären Mansardenbibliothek meines Ungar-Großvaters oft Bücher, die meisten in ungarischer Sprache, bringen durfte. Mir prophezeihte sie dann immer eine große Zukunft, „wenn diese schlechten Zeiten vorbei sind.“ Die Milch war schal und sie stillte meinen Durst nicht. „Wenn du in den Wald gehst, dann sag eurem Hansonkel, er soll mir nach der Ernte einen Sack Korn oder wenigstens Türkisches Korn (Mais) über das Geländer werfen. Das macht er aber doch nicht, denn er haßt uns Ungarn.“ „Die Walachen aber noch mehr!“ „Geh’ jetzt Karli! Ich habe zu tun.“ Der schnelle Lauf zur Brombeerhecke hatte sich nicht gelohnt, denn die Früchte waren noch ganz grün. Dafür leuchteten die dicken Pflaumen an der Abzweigung zum Wald, halblinks ging es nach Pipe, einem Szeklerdorf, rotblau, und ich rupfte gleich eine ganze Hand voll ab. Sie waren aber sauer und hart. Die Frühpflaumen am Dorfschild von Pipe waren süß, aber allesamt verwurmt. Auf der halben Strecke zum Dorfbrunnen vor der Kirche, die Szekler in Pipe waren durchwegs unitarisch, hüpften drei Buben auf dem Weg herum. Sie waren wie ich auch barfuß. Alle Kinder liefen im Sommer barfuß herum, mit Ausnahme in der Kirche, versteht sich. Zwei von ihnen hatten „Korkpilzmützen“, eine Spezialität der Szekler, auf dem Kopf, der dritte war kahl geschoren, und seine Kopfhaut war von der Sonne ganz rot verbrannt. Im Sommer waren fast alle Buben kahl geschoren, ob Sachsen, Walachen oder Szekler, alle, die Zigeunerbuben sowieso. Ich selbst hatte seit einiger Zeit immer ein Büschel auf der Stirn. „Wie ein Hitlerjunge!“ hatte Steffen Hans gesagt, als er seine Stutzmaschine absetzte. Der Junge mit der roten Kopfhaut hatte ein Stück Brot und durchwachsenen Speck in der Hand und bot mir stumm davon an. Rumänisch oder Sächsisch konnte er sicher nicht, konnte aber auch nicht damit rechnen, daß ich Ungarisch könne. Während ich nach meinem Taschenmesser griff, bemerkte ich, daß seine Hände graubraun vor Dreck glänzten. Auch er betrachtete jetzt seine Hände, legte das Brot und den Speck auf einen Stein neben dem Straßengraben und begann sich in einem Rinnsal zu waschen. In dem Augenblick schnappte ein streunender Hund nach dem Speck und floh mit eingezogenem Schwanz davon. Die drei Buben warfen fluchend mit Steinen hinter ihm her und hatten ihr ganzes Interesse an mir verloren. „Hast Du Durst? Willst du ein Töpfchen Wasser?“ Am Brunnen schöpfte ein großer und starker Mann einen Eimer Wasser und sprach Hochdeutsch mit mir. Gierig trank ich das Töpfchen aus und bemerkte, daß der große Mann ein riesiges Kinn hatte. Ein so großes Kinn hatte ich bisher noch nicht gesehen. Seine wulstige Unterlippe hing tief nach unten. Viele Jahre später, als ich zum ersten Mal von der „Habsburgerlippe“ erfuhr, erinnerte ich mich wieder an den Mann. „Wie heißt du?“ „Ich heiße Karl Scheerer, aber die Leute sagen Ungar-Karli zu mir.“ „Ach, von meinem Freund und Amtsbruder Ungar bist du ein Enkel? Ich bin der Pfarrer von Pipe. Komm mit mir!“ Auf der Veranda des Pfarrhofes saßen an einem Tisch eine große, etwas traurig blickende Frau und zwei Buben in meinem Alter. Beide hatten das gleiche gewaltige Kinn wie ihr Vater und die wulstige herabhängende Unterlippe. „Das ist meine Frau und hier sind meine Söhne Imre und Sandor.“ Dann sagte er schnell etwas auf Ungarisch, von dem ich nur die Hälfte verstand. Die Augen der traurigen Frau wurden freundlich und sie sagte auf Sächsisch, daß sie meinen Großvater gut gekannt habe und sie überhaupt über uns und unser Schicksal alles wisse. Mit den Buben konnte ich nur Rumänisch sprechen, das sie allerdings viel schlechter als ich beherrschten. Sächsisch und Hochdeutsch verstanden sie nicht. „Schau! Karoly, diesen Sohn habe ich nach unserem großen Tököly Imre genannt. Einer meiner Vorfahren war sein Kammerdiener in Käßmark in der Tatra. Tököly war unser „König“. Wir Szekler gehören so zur großen ungarischen Nation wie ihr Sachsen zu den Deutschen gehört. Damals habt ihr Sachsen zum Kaiser gehalten, wir Szekler aber zu unserm Tököly. Es ist auch in Ordnung so. Jeder muß wissen wohin er gehört. Heute gehören wir Szekler und ihr Sachsen zusammen, vor allem wir Evangelischen.“ Damals wußte ich nicht, daß ich ein Dutzend Jahre später eine Seminararbeit über den „Kuruzzenkönig“ Tököly schreiben und vierzig Jahre später an seinem Grabmal in Käßmark stehen sollte. „Dieser Sohn heißt nach Petöfi Sandor, der bei Schäßburg im Kampf gegen die Kaiserlichen gefallen ist. Ihr habt euren Theodor Körner, wir haben unseren Petöfi.“ Über Petöfi wußte ich gut Bescheid, denn ich hatte immer sehr gut zugehört, wenn Balasi Lenchen und Omama sich in der Küche unterhielten, und dabei war oft die Rede von Petöfi. „Sandor will aber Pfarrer werden, wie ich. Das möchte auch seine Mutter gerne.“ „Ich will auch Pfarrer werden!“ „Du bist aber keck! Sieh’ zu, daß du erst ins Reich kommst. Hier hast du keine Zukunft.“ Nachdem er seinen Söhnen alles übersetzt hatte, sah mich vor allem Sandor unentwegt an. Ich konnte seinem Blick nicht standhalten und fühlte mich unwohl. Auch quälte mich der Durst wieder, obwohl ich etliche Töpfchen Wasser trank. Der riesige Mann schien das zu bemerken und sagte: „So, jetzt gehst du nach Hause, sonst machen sich deine Leute Sorgen. Grüße sie schön von uns!“ Ich schämte mich zu sagen, daß ich ja eigentlich in den Wald gehen wollte. Dann sagte er etwas auf Ungarisch, von dem ich nur so viel verstand, daß die beiden Buben mich ein Stück begleiten sollten. Unterwegs warfen wir mit Steinen hinter den Vögeln her und riefen uns das eine oder andere auf Rumänisch zu. Am Haus von Lenchentanti blieben Imre und Sandor stehen. Das riesige Kinn von Sandor bebte und es schien mir, als habe er Tränen in den Augen. Plötzlich drückte er mir einen Kuß auf die Wange und sagte „Prieten!“ (Freund). Mein Kopf wurde ganz heiß und als ich mich noch einmal umdrehte standen sie immer noch da, das Kinn von Sandor bebte. Dreißig Jahre später sah ich aus dem Fenster eines Reisebusses das gleiche bebende Kinn. Es war an einer Baustelle vor der Einfahrt nach Suceava, wo ich auf einer Studienreise zu den Moldauklöstern unterwegs war. Ein großer starker Mann in Arbeiterkleidung starrte mich an und sein gewaltiges Kinn bebte. Seine wulstige Lippe zitterte und er hob kaum bemerkbar und eher verunsichert seine rechte Hand wie zum Gruß. „Sandor!“ schoß es mir durch den Kopf. Der Bus bog um die Ecke. Lenchentanti hatte die Szene über das Geländer beoabchtet und rief mich in den Hof. „Schau, schau, drei Pfarrersbuben! Willst du frischen Apfelmost? Ich habe gerade welchen gemacht. Die Äpfel habe ich am Bulzerich aufgelesen. Es kümmert sich ja kein Mensch mehr um das Obst. Das sind Zeiten!“ Der Most schmeckte gut, löschte aber meinen Durst nicht. „Die Szeklerbuben werden es schwer haben, aber du wirst einmal ein großer Herr. Das sehe ich in deinen Augen.“ Hinter den „7 Dörfern“ auf dem Weg zum „Hügel“ saß ein alter Mann auf einer Bank vor dem Tor und fragte mich, ob ich einer der Ungarenkel sei und woher ich komme. „So, so, du kommst von Wepperschdorf. Pipe sagen nur die Walachen. Auch dort gab es einmal Sachsen, aber sie sind erdrückt worden.“ „Hat man sie erwürgt?“ „Nein, nein, die Szekler sind anständige Leute, aber die Sachsen konnten sich dort nicht halten und sind zu uns gekommen. Deshalb gehört auch der Wald vom Steffen Hans zu uns. Wißt ihr etwas neues von eurem Vater? Ist er noch in Österreich oder ist er schon im Reich?“ Vor unserem Tor stand Grißi mit einer Nachbarin, die gerade bei uns frisches Wasser geholt hatte, und unterhielt sich. „Joi, Karli, bist du nicht im Wald?“ „Nein, ich war nur bis Pipe, jetzt habe ich Durst.“ „Lauf schnell hinauf in die Küche! Es ist noch Vogelmilch da.“ Als ich atemlos die Tür aufriß, stand in grellem Licht eine weiß bekleidete Krankenschwester und sagte: „Haben Sie einen Wunsch, Herr Dr. Scheerer?“ „Ja, Vogel…., nein danke!“ „Dann Gute Nacht!“ „Gute Nacht!“ Zu der 1,5-Literflasche Tonic gesellte sich wieder ein Becher mit Vanilleeis, zuerst sechs Kugeln, dann zwölf.

War es ein Traum? War es eine Erinnerung?

Joschka

„Laßt uns beten!“ Die Kirche war halb leer. Die alten Männer in ihren Kirchenpelzen erhoben sich krachend im Gestühl des Seitenschiffes. Auch die gebockelten (1) Frauen und die Kinder standen auf. „…………Wir beten für unsere Jugend und alle unsere 183 Männer und Frauen, die im fernen Rußland schwerste Arbeit verrichten müssen, seit sie verschleppt worden sind. Lieber Vater, wir bitten Dich, verleihe ihnen viel Kraft, auf daß sie unbeschadet an Leib und Seele zu uns zurückkehren und auf daß ihre Drangsal bald beendet wird. Wir bitten Dich………“ Rosinchen, meine Spielkameradin, wimmerte leise. Sie hatte vor drei Jahren mit angesehen, wie ihre beiden Eltern in die Stadt zum Bahnhof getrieben worden waren. „………Lieber Vater, heute beten wir für all diejenigen, die sich anschicken, das 9. und das 10. Gebot zu mißachten. Sei ihnen gnädig, denn sie wissen nicht was sie tun. Gib uns die Kraft, sie nicht zu hassen und sei auch uns gnädig! Wir legen unser Schicksal in Deine Hand. Amen!“ Die Männer sahen sich an und ein leises Raunen drang aus dem Gestühl. Der Pfarrer blieb nach dem Segen vor dem Altar stehen und ging nicht, wie sonst üblich, in die Sakristei. Zuerst verließen die Kinder die Kirche. Es folgten die Frauen und dann die Männer. Ich wartete im Kirchhof, denn ich war mit meinem Großonkel verabredet. Die Kinder und die Frauen hatten den Kirchhof verlassen. Die Männer stellten sich in zwei Reihen vor das Portal und schwiegen. Der Kurator war einmal um die Kirche herumgegangen und hatte dann das Tor des Kirchhofs von innen verriegelt. Er stellte sich vor das Portal und wartete schweigend. Nach einiger Zeit trat der Pfarrer aus der Kirche heraus und gab dem Kurator die Hand. „Herr Pfarrer, wir sind allein. Niemand kann uns hören. Ist es also so weit?“ „Ja, in den nächsten Tagen. Unser Herr Bischof ist in Bukarest bei Groza (2) und versucht noch einmal zu retten, was zu retten ist. Ich fürchte aber, ihr müßt mit dem Schlimmsten rechnen. Bewahrt Ruhe! Widerstand macht alles noch schlimmer. Gott ist bei uns. Wir werden auch diese Prüfung überstehen. Gott segne euch!“ Draußen regnete es und es war kalt. Der Lehmboden in der Sommerküche war naß. „Dreht die Lampe herunter, wir haben kein Petroleum mehr. Auch das haben sie uns weggenommen.“ Grißi, meine weit über achtzigjährige Urgroßmutter rührte energisch in einem Topf voll Maisbrei. „Wir müssen noch die Strohsäcke aufschütteln, sonst können wir wieder nicht schlafen“. Mein Bruder und ich gingen hinter meiner Mutter die breite Treppe unseres geräumigen Hauses hinauf. Vor ein paar Tagen hatte die Polizei uns des Hauses verwiesen mit der Mitteilung, wir hätten lange genug die Herren gespielt und sollten froh sein, daß man uns die Sommerküche und ein Zimmer überlasse. Der Hinweis, wir seien drei Frauen und vier Kinder, wurde überhört. Das Vieh hatte man schon vorher weggetrieben. „Sollen wir denn vor Hunger sterben?“ Meine protestierende Großmutter wurde wortlos umgestoßen. Die Kuh, ein Schwein, ein paar Hühner, zwei Säcke Maismehl und ein Stück Speck hatte man uns gelassen. Alles übrige, einschließlich der landwirtschaftlichen Geräte hatte man an Kolonisten verteilt. Diese waren Motzen (3) aus den Westkarpaten, die man in die zwangsgeräumten sächsischen Häuser eingewiesen hatte. Da unser Haus sehr geräumig war, wurde es in eine Krankenstation umgewandelt, wohin auch die Arztfamilie einzog. „Den Garten dürft ihr vorläufig noch behalten. Der Weinkeller ist konfisziert.“ Seither schliefen wir alle auf Strohsäcken in einem Zimmer und wohnten in der Sommerküche. Die fremde Arztfamilie erwies sich jedoch später als sehr zuvorkommend und räumte uns heimlich einen weiteren Wohnraum ein. Dies war nicht ungefährlich, denn man hatte sie ausdrücklich darauf hingewiesen, daß die Faschisten und Hitleristen jetzt für ihre Verbrechen büßen müßten, und jedes Entgegenkommen würde bestraft. Als wir die Strohsäcke aufgeschüttelt hatten, gingen wir wieder in die Sommerküche. Die Lampe glimmte mit kleiner Flamme. „Kommt her, ich erzähle euch eine Geschichte!“ Meine Großmutter, eine gewesene Lehrerin und Pfarrerswitwe, erzählte uns oft Geschichten. Wir hörten gebannt zu. Nur meine Mutter weinte still vor sich hin. Daran hatten wir uns schon gewöhnt. Plötzlich hörten wir Hufschläge und dann schwere Schritte im Hof. Grißi klemmte wortlos ihre Stuhllehne unter die Türklinke. Meine Schwester kroch unter den Tisch. Mein Bruder Seppi griff nach einem Messer. Mein Cousin Willibald, der als Waisenkind bei uns in der Familie lebte, wurde aschfahl. Das leise Pochen an der Tür erschreckte mich so sehr, daß ich auch unter den Tisch kroch. „Das ist der Joschka!“ Grißi nahm den Stuhl weg und öffnete die Tür. Joschka, ein etwa vierzigjähriger Szekler (4), trat ein und zog seinen nassen Überhang aus. Meine Schwester sprang unter dem Tisch hervor. „Joschka! Joschka!“ Sie drückte und küßte den unrasierten Mann. Meine Mutter lachte vor Freude. Joschka gehörte seit seiner frühen Jugend irgendwie zu unserem Hof. Er stammte aus einem kleinen Szeklerdorf hinter den Waldbergen und war als Knabe von meinem Großvater in den Dienst genommen worden. Er hatte als Stallknecht und Kutscher gearbeitet. Später war er in sein Dorf zurückgekehrt, wo er ein kleines Anwesen geerbt hatte, heiratete und wurde Vater von acht Kindern. Er schien jedes Mal zu ahnen, wenn es auf unserem Hof Schwierigkeiten gab, denn immer wenn er gebraucht wurde, war er ungerufen zur Stelle. Aus einer Satteltasche holte er einen Laib Käse, eine Kochwurst und Brot. „Wir haben gehört, was im ganzen Sachsenland passiert. Es ist eine Schande!“ „Wir können dich nicht bezahlen. Sie haben uns alles weggenommen.“ Grißi wollte alles wieder in die Tasche tun. „Ich weiß, ich weiß. Ist schon gut! Bei uns waren sie noch nicht. Ist auch nicht viel zu holen. Wir haben aber genug zu essen. So! Jetzt muß ich erst mein Pferd versorgen.“ Joschka ging hinaus. „Immer wenn wir in Not sind, schickt uns der Herrgott diesen Mann“. Meine Großmutter wurde feierlich. „Was hätten wir am Kriegsende ohne ihn getan? Ich weiß es nicht. Erst starb der Großvater. Die Umstände haben ihn umgebracht. Dann kam die Aushebung. Joschka war zur Stelle. Eure Tante wollte er im Szeklerland verstecken. Sie weigerte sich aber zu fliehen und nahm das Schicksal der Verschleppung mit allen anderen auf sich. Sie ist ein gutes Mädchen und Gott wird sie behüten. Ich bete täglich für sie.“ „Mutter, erzähl’ uns bitte noch einmal die Geschichte unserer Flucht!“ (5) Meine Schwester war ganz rot im Gesicht. „Heute nicht! Mir wird immer ganz schlecht, wenn ich daran denke. Der Viehwaggon, die Bomben, ich höre sie jede Nacht. Der Hunger und die Angst in Deutschland, Krankheiten, Karli ist fast gestorben, die Russen, der Rücktransport, das Lager in Sächsisch Regen, wohin wir gesteckt wurden, der Hunger und der Dreck, es war schrecklich. Eines Tages aber tauchte Joschka auf, gab uns zu essen und schaffte uns durch die Wälder mit einem Leiterwagen hierher. Es war wie ein Wunder“. „Ja, ja, wie ein Wunder“, meine Großmutter erzählte, eines Abends sei Joschka wieder aufgetaucht. „Ich habe gehört, Ihre Tochter und die Kinder sind wieder da. Sie sind in Sächsisch Regen eingesperrt und leiden Hunger. Im Szeklerland weiß man alles, oder fast alles. Geben Sie mir Geld, die Pferde und einen Leiterwagen! Ich hole sie. Ich weiß, wie man mit diesen Banditen umgeht. Sie sind alle gierig“. „So kamt ihr hierher und ich mußte euch erst einmal gesundfüttern. Karli haben wir mit Büffelmilch hochgepäppelt. Damals ging es uns noch gut“. Meine Mutter fing an zu weinen. Joschka trat wieder ein, erzählte von seinen Kindern, streichelte mir die Haare und ging zurück in den Stall, wo er neben seinem Pferd schlief. Am nächsten Morgen war er verschwunden. In den folgenden Jahren kam er gelegentlich noch vorbei, brachte Wurst und Käse und reparierte das eine und das andere. Dann kam er nicht mehr. Wie wir später hörten, hatte er große Schwierigkeiten mit den Behörden, wohl auch unseretwegen, und wurde sogar für einige Zeit in ein Arbeitslager gesteckt. Ein Bauarbeiter aus seinem Dorf erzählte mir kürzlich, die Familie sei in der kommunistischen Zeit völlig verarmt. Joschka sei auf einer Baustelle von einem herabstürzenden Träger erschlagen worden. Man wisse nicht, wo er begraben sei. Die ganze Familie habe das Dorf verlassen, etliche seiner Kinder seien nach Ungarn ausgewandert.

1
Die verheirateten Frauen gingen „gebockelt“ in die Kirche, d.h. sie trugen zu ihrer Tracht kompliziert gewundene Kopftücher, die mit edelsteinbesetzten Nadeln festgehalten wurden.

2
Petru Groza war der damalige Ministerpräsident und spätere Präsident. Sachsenbischof Friedrich Müller unterhielt enge persönliche Beziehungen zu ihm und konnte auf diese Weise etliche Erleichterungen für die Sachsen erwirken.

3
Die Motzen sind eine rumänische Subethnie in den höheren Lagen der Westkarpaten.

4
Die Szekler sind eine ungarische Subethnie, die vor allem bei der Landnahme der Ungarn eine herausragende militärische Rolle gespielt hat. Nach mehrfacher Dislozierung bevölkern sie seit dem Mittelalter den mittleren und südlichen Teil der Ostkarpaten.

5
Mein Geburtsort liegt in Nordsiebenbürgen, das durch den II. Wiener Schiedsspruch an Ungarn gefallen war. Die dortige Volksgruppenleitung und die deutsche Wehrmacht hatten entschieden, daß vor dem Herannahen der sowjetischen Truppen alle Nordsiebenbürger Sachsen ins Deutsche Reich evakuiert werden sollten. Die Dorfbewohner flohen mit ihren Viehwägen, die Städter, denen sich meine Mutter angeschlossen hatte, mit bereitgestellten Eisenbahntransporten. Ein Teil der Flüchtlinge, wie auch meine Familie, wurden von den sowjetischen Truppen überrollt und zurücktransportiert. Einige wenige kehrten freiwillig zurück. Die Masse verblieb in Österreich und in Deutschland. Die Mehrheit der Siebenbürger Sachsen, so auch meine gesamte Verwandtschaft, lebte im rumänisch verbliebenen Südsiebenbürgen und wurde nicht evakuiert.

Der König von Indien

Auf dem Wiener Westbahnhof war es sehr kalt. „Bitte eensteegen. Der Oosteendeexpress foart gleech ob.“ Ich saß allein im Abteil. Die Stimme im Lautsprecher erinnerte mich an Apfelstrudel mit viel Puderzucker. Seit ich denken konnte, fesselte mich die Kunst meiner Tante, den Apfelstrudelteig so lange zu dehnen, zu ziehen, bis er hauchdünn den ganzen Tisch bedeckte. „Das Wetter ist schlleecht, oober deenken´s droon, heeit is Weenochten, Guete Foart!“ Im Abteil war es schön warm. „Noch frei?“ „Bitte schön!“ „Spassiba! Kössönäm seepän! Mulzumesk! Habe die Ehre!“ „Siväschän!“ „“Seid Ihr Habsburrgerr?“ „Oh, je! Schwer zu sagen. Ich bin Siebenbürger.“ „Krrutzitürrken! Iberrall diese Sachsen!“ Der Mann schüttelte seine langen schwarzen Haare und ließ sich auf den Sitz fallen. Den braunen Geigenkasten legte er neben sich. Aus seiner eng anliegenden violetten Weste holte er eine flache Flasche. „Frroche Weihnachten!“ Es war ein scharfer Barack und ich mußte husten. „Ha! Ha! Gutt! Serr gutt!“ Als der Zug durch St. Pölten brauste, war die Flasche leer. Der Mann rülpste und steckte seine Pfeife in die Westentasche. „Gutt! Gutt!“ Kurz danach schlief er ein. Vor der Abfahrt hatte ich mir in einem Antiquariat Egon Hajeks Lebensbeschreibung von Nikolaus Lenau gekauft.

Drei Zigeuner fand ich einmal
Liegen an einer Weide,
Als mein Fuhrwerk mit müder Qual
Schlich durch sandige Heide.

Hielt der eine für sich allein
In den Händen die Fiedel,
Spielte, umglüht vom Abendschein,
Sich ein feuriges Liedel.

Hielt der zweite die Pfeif´ im Mund,
Blickte nach seinem Rauche,
Froh, als ob er vom Erdenrund
Nichts zum Glücke mehr brauche.

Und der dritte behaglich schlief,
Und sein Cimbal am Baum hing,
Über die Seiten der Windhauch lief,
Über sein Herz ein Traum ging.

An den Kleidern trugen die drei
Löcher und bunte Flicken,
Aber sie boten trotzig frei
Spott den Erdengeschicken.

Dreifach haben sie mir gezeigt,
Wenn das Leben uns nachtet,
Wie man´s verraucht, verschläft, vergeigt,
Und es dreimal verachtet.

Nach den Zigeunern lang noch schaun
Mußt´ ich im Weiterfahren,
Nach den Gesichtern, dunkelbraun,
Den schwarzlockigen Haaren.

Der Banater Schwabe Nilolaus Lenau endete tragisch. Er hatte es nicht verstanden, sich in dieser Welt einzurichten. Seine Zigeunerlieder aber werden heute noch gesungen.

Der Mann gegenüber lächelte im Schlaf. Sein weißes Gebiß war tadellos. „Linz an der Donau. Der Zug hat 10 Minuten Aufenthalt.“ Rattattata, rattattata. Es war dunkel geworden. Rattattata, rattattata, rattattata………… Der Schnaps hatte mich müde gemacht. Plötzlich stand ich auf der Empore hinter der Orgel in der Kirche von Nadesch, meinem Heimatort. Ratsch, ratsch, pffff! Ratsch, ratsch, pffff! Ratsch, ratsch, pffff! Seiler Mischi trat ernst den Blasebalg. „Ein feste Burg ist unser Gott, ein gute Wehr und Waffen“ Die Konfirmanden übertönten mit ihren Stimmen die Orgel. Es roch nach Kerzenrauch, wie immer am Heiligen Abend. „….Nehmen sie den Leib, Gut, Ehr, Kind und Weib; laß fahren dahin, sie habens kein Gewinn, das Reich muß uns doch bleiben“. Die Gemeinde erhob sich. „Der Herr segne Euch und behüte Euch! Der Herr lasse sein Angesicht leuchten über Euch und sei Euch gnädig! Der Herr erhebe sein Angesicht auf Euch und gebe Euch seinen Frieden! Amen“. Der Organist Wellmann klappte die Orgel zu. Die Gemeinde strömte aus der Kirche, zuerst die Kinder, dann die Konfirmanden. Es folgten die Unverheirateten, dann die Frauen und schließlich die Männer, alle dem Alter nach. „Weißt du schon, was du bekommst?“ Mischi wischte sich das Gesicht mit dem Ärmel ab. Er hatte stark geschwitzt. „Ein Taschenmesser mit zwei Schneiden. Es ist aus Deutschland und ganz rot. Ich habe gesehen, wie meine Mutter es eingepackt hat.“ „Ich bekomme auch ein Taschenmesser, aber ich habe es noch nicht gesehen“. „Kommst Du nachher zu mir? Ich will dein Messer sehen.“ Bei uns zu Hause brannten die Petroleumlampen. Es roch nach Bratwurst und Kraut. „Die Bescherung gibt es erst in einer Stunde. Geht schnell austragen!“ In unserem Dorf war es üblich, daß am Heiligen Abend je eine rumänische und eine ungarische Familie von uns Sachsen mit Weihnachtsessen und Plätzchen beschenkt wurden. Dies entsprach jahrhundertealtem Brauch. Die größte Portion erhielten aber die „Hauszigeuner“. Mein Bruder ging zum Rumänen Simon, meine Schwester zum Ungarn Arpad und ich mußte wieder einmal zu den Zigeunern gehen. „Karli, bleib nicht zu lange! Das letzte Mal warst du voller Flöhe, als du wieder kamst. Und vergiß die Bibel nicht! Die Zigeuner wollen bestimmt wieder die Weihnachtsgeschichte hören“. Ich ging gerne zu den Zigeunern. Sie waren immer sehr freundlich zu mir. Der alte Russi, der angesehendste Zigeuner des Dorfes, war ja auch mein Freund. Er war mein Geigenlehrer, und das respektierten alle. Es war mittlerweile stockfinster geworden und ich fand die Hütte vom Vasile erst, als sein Hund, die Lilli, bellte. Ich stieß die Tür auf. „Komm rein Ungar-Karli! Wir warten schon auf dich.“ Valeria, eine dicke, immer kauende Fünfzigerin drückte mich an sich. Sie roch nach alten Kleidern und nach Tabak. In dem kleinen Raum saßen etwa ein Dutzend Erwachsene und Kinder auf dem Boden mit dem Rücken an der Wand. Zigeuner saßen immer so. Sie schliefen auch im Sitzen. Auf der Feuerstelle kochte ein Kessel mit Maisbrei. Der Rauch biß mich in die Augen. Die Kinder schüttelten mir die Hand und schauten neugierig in die Tasche. „Erzähle uns wieder Eure Weihnachtsgeschichte! Sie ist so schön!“ „Ihr versteht sie ja überhaupt nicht. Ich kann sie nur auf Deutsch.“ „Das macht nichts. Ein wenig verstehen wir bestimmt. Sie ist so schön!“ „Es begab sich aber zu der Zeit, dass ein Gebot von dem Kaiser Augusts ausging, dass alle Welt geschätzt würde. Und diese Schätzung war die allererste und geschah zu der Zeit, da Cyrenius Landpfleger von Syrien war. Und jedermann ging, dass er sich schätzen ließe, ein jeglicher in seine Stadt. Da machte sich auf auch Joseph aus Galliläa, aus der Stadt Nazareth, in das jüdische Land in die Stadt Davids, die da heißt Bethlehem, darum dass er von dem Hause und Geschlechte Davids war, auf dass er sich schätzen ließe mit Maria, seinem vertrauten Weibe, die war schwanger…….“ Der Raum war ganz still. Nur das Holz knackte im Feuer. Ich las vom Stern, den Hirten und vom Stall. „Und die Hirten kehrten wieder um, priesen und lobten Gott um alles, was sie gehört und gesehen hatten, wie denn zu ihnen gesagt war. …Ich muß jetzt gehen. Frohe Weihnachten und guten Appetit!“ „Du hast was vergessen. Wie war das mit den Königen aus Indien? Unser König war auch dabei!“ „Das ist eine andere Geschichte. Die steht nicht bei Lukas, die steht bei Matthäus.“ „Sie steht aber auch im heiligen Buch. Los, erzähle sie uns!“ „Da Jesus geboren war zu Bethlehem im jüdischen Lande, zur Zeit des Königs Herodes, siehe, da kamen die Weisen vom Morgenlande gen Jerusalem und sprachen: ’Wo ist der neugeborene König der Juden? Wir haben seinen Stern gesehen im Morgenland, und sind gekommen, ihn anzubeten’. Da das der König Herodes hörte, erschrak er und mit ihm das ganze Jerusalem; und ließ versammeln alle Hohepriester und Schriftgelehrten unter dem Volk und erforschte von ihnen, wo Christus sollte geboren werden. Und sie sagten ihm: ‚Zu Bethlehem im jüdischen Lande, denn also steht geschrieben durch den Propheten: Und du Bethlehem im jüdischen Lande bist mitnichten die kleinste unter den Fürsten Judas; denn aus dir soll mir kommen der Herzog, der über mein Volk Israel ein Herr sei’. Da berief Herodes die Weisen heimlich, und erlernte mit Fleiß von ihnen, wann der Stern erschienen wäre, und wies sie gen Bethlehem und sprach: ‚Ziehet hin und forschet fleißig nach dem Kindlein; und wenn ihr’s findet, so sagt’s mir wieder, dass ich auch komme und es anbete.’ Als sie nun den König gehört hatten, zogen sie hin. Und siehe, der Stern, den sie im Morgenland gesehen hatten, ging vor ihnen hin, bis dass er kam und stand oben über, da das Kindlein war. Da sie den Stern sahen, wurden sie hoch erfreut und gingen in das Haus, und fanden das Kindlein mit Maria, und fielen nieder und beteten es an und taten ihre Schätze auf, und schenkten ihm Gold, Weihrauch und Myrrhe. Und Gott befahl ihnen im Traum, daß sie sich nicht wieder zu Herodes lenken; und sie zogen durch einen anderen Weg wieder in ihr Land.“ „Unser König zog nach Indien.“ Vasile räusperte sich: „Er hat uns befohlen, das Kind zu suchen. Seither sind wir unterwegs. Ob wir es noch finden?“ „Grüble nicht so viel, Vasile! Du bist immer so miesepetrig. Los, Mihai, hol‘ Deine Geige und spiel!“ Der älteste Sohn zupfte schon an den Saiten. Er begann ganz langsam und wurde immer schneller. Die Melodien waren mir fremd. „Sing mir was vor, und ich spiele es nach!“

„So nimm denn meine Hände
und führe mich
bis an mein selig Ende
und ewiglich!“

„Das ist schön!“ Mihai spielte mehrstimmig und improvisierte die Melodie immer auf’s neue. Bald war der Choral nicht mehr zu erkennen und die Musik war ein Czardas geworden. „Jetzt kommt was schnelles.“ Er sprang auf und fiedelte die Ciocarlie (die Lerche). Der Bogen raste über die Saiten und die ganze Familie wippte im Takt. Auf einmal drehte sich alles. Mir wurde ganz schwindelig. Ich schlug die Augen auf und vor mir spielte der Mann mit der violetten Weste die Ciocarlie. Er lachte mich an: „Das ist Musik! Das kennen nurr wirr. Seit zweitausend Jahren iben wirr. Wirr suchen den Heiland, wie unser Kenig hatt befollen. Wirr wollen ihn anbetten mit Musik.“ Der Zug fuhr im Frankfurter Hauptbahnhof ein. Der Mann packte seine Geige ein, strich mir über die Haare und stand auf. „Chier muß ich aussteigen. Ich fahre zum Schnuckenack nach Unna. Wir wollen machen Musik Hui! Wirrd scheen!“
Nach Mainz war es nicht mehr weit, und ich kam rechtzeitig zur Christmette.

Karl Scheerer

Florica

Blumen kauft man in Schäßburg an einer belebten Straßenecke in der Unterstadt bei Zigeunern. „Frische Rosen aus Bulgaria, ganz billig!“ „Hier, Tulipanen aus Olanda!“ „Kommt zu mir Herr, ganz billig!“ „Kauft bei mir, Herr, ich habe zwölf Kinder.“ „Hier, die habe ich selbst gepflückt. Heute morgen.“ „Sei still, Florica, du alte Vettel, du hast kein Recht , hier zu stehen. Wo hast du die wieder gestohlen?“ Die Alte musterte mich mit stechenden Augen und streckte mir einen Frühlingsstrauß entgegen. Ihre Hand war runzelig. „Was willst du haben?“ „Fünfzig (gemeint waren fünfzigtausend Lei)!“ „Was, fünfzig will die haben? Das Gras ist keine fünf Wert. So eine Unverschämtheit! Gebt Ihr fünf, damit sie verschwindet!“ Die Augen der Alten kannte ich. „Kommst du aus Nadesch?“ „Wer will das wissen?“ „Der Ungar Karli.“ „Ungar Karli, so ein verrückter Name! Ungar Karli!“ Die Alte starrte mich an. „Ich kenne keinen Ungar Karli. Habt Ihr Nadesch gesagt?“ „Ja.“ „Dieses gottverdammte Nest! Ungar Karli! Ihr sagt aus Nadesch?“ „Ja.“ „Ich weiß nicht mehr. Ich habe 16 oder 17 Kinder geboren, ich weiß nicht mehr. Niemand kümmert sich um mich. Nur meine Enkelin, die Florica, sie bringt mir manchmal Brot. Sie ist 13 und wird bald heiraten. Ihr Vater hat sich mit einem aus Dumbraveni besoffen. Und der wird sie jetzt heiraten. Ein Auto will er hergeben. Dann bin ich ganz allein. 16 oder 17 Kinder und ganz allein!“ „Hier hast du fünfzig!“ „So ein Verrückter! Der gibt ihr tatsächlich fünfzig für das Gras!“ „Vergelt´s Gott, Ungar Karli!“ Ihr Augen waren glänzend und schön. „Ungar Karli,“ rief sie hinter mir her, „gib acht auf dich! Du bist ein guter Mensch.“ Die Blumen hatte ich eigentlich gekauft, um einen Besuch abzustatten, aber ich trug sie in mein Zimmer und stellte sie in einer Vase auf meinen blauen sächsischen Tisch. Sie rochen gut.

Florica! Florica! Ein sonniger Herbstnachmittag in Nadesch. Wir hatten noch Schulferien. Seiler Mischi riß unsere Hoftür auf und brüllte: „Karli, komm, wir gehen um Buretz!“ Buretz war die volkstümliche Bezeichnung für Pilze. „Warte, ich will nur meine Peitsche holen.“ „Du brauchst keine Peitsche. Wir gehen zum Tanzplatz hinauf. Da gibt es keine Zigeuner.“ Im Pfaffental war tiefer Morast, es hatte in der Nacht geregnet. Am letzten Hof stand das Tor auf. Unser Schulfreund Heini hackte wütend auf einem Scheit Holz herum. „Hast du wieder Dresche bekommen?“ „Halt´s Maul!“ Am Berghang brach Mischi einige junge Maiskolben ab und verstaute sie in einem Leinenbeutel. „Jetzt sind sie genau richtig. Weiter oben holen wir uns noch ein paar Kartoffeln.“ „Ich denke, wir gehen um Buretz.“ „Wart´ ab, Zwiebel und Salz habe ich auch eingesackt.“ Auf dem Tanzplatz, einem mit Gras bewachsenen, ebenen Rondell am Berghang oberhalb des Dorfes, steuerte er schnurstracks auf einen Hexenring Champignons zu. „Das gibt ein Festmahl!“ Die geschälten Maiskolben mit noch milchigen Körnern und die Kartoffeln lagen im Feuer und zischten. „So, jetzt tun wir die Buretz dazu.“ Zwei geschälte und geviertelte Zwiebel lagen im Gras. Mischi streute Salz darüber. „Gleich ist es so weit.“ „Gebt ihr mir auch was?“ Ein Zigeunermädchen mit stechenden Augen stand plötzlich neben uns. „Was willst du hier? Verschwinde! Das ist unser Tanzplatz!“ „Das war eurer, jetzt gehört er allen.“ „Wir hätten doch unsere Peitschen mitnehmen sollen.“ Mischi suchte nach einem Stock. „Bist du der Ungar Karli?“ „Ja, warum?“ „Mein Großvater ist dein Freund.“ „Ich habe keine Freunde unter den Zigeunern.“ „Doch, mein Großvater hat es gesagt.“ „Wer ist dein Großvater?“ „Na, der Russi, der Musikant.“ „Ach der! Ja ,der ist mein Freund. Aber der ist ja gar kein richtiger Zigeuner. Der kann ja lesen und schreiben.“ Der alte Russi war als junger Musikant Geiger im k.u.k. Heeresmusikkorps gewesen und hatte dort lesen und schreiben gelernt, allerdings nur deutsch. Er sprach ein Wiener Kucheldeutsch und tadellos sächsisch. Ihn hatte meine Großmutter beauftragt, mir gegen eine wöchentliche Ration Honig das Violinspielen beizubringen. Da meine Mutter eine passionierte Imkerin war, litten wir nie Mangel an Honig, damals ein seltener Luxus. Das erste Stück, das er mir beibrachte war „Ich bete an die Macht der Liebe“ aus dem Großen Zapfenstreich. Dabei erzählte er burleske Episoden aus seiner Militärzeit. Ich mochte ihn sehr gerne. Er war in unserer aller Achtung sehr gestiegen, als er unsere alte Familiengeige auf geheimnisvolle Weise so gespannt hatte, daß sie danach wie eine echte Konzertgeige klang. „Na, siehst Du? Mein Großvater lügt nie. Ich heiße Florica.“ „Also gut, setz dich hin! Aber nicht zu nahe! Du hast bestimmt Läuse und Flöhe.“ Mischi war versöhnlich geworden. „Ich habe keine Läuse.“ „Aber Flöhe? He?“ „Manchmal.“ Mischi warf ihr ein Stück Zwiebel zu, das sie geschickt auffing. Unten im Dorf war es still. Alle waren auf dem Feld. Nur meine Großmutter ging mit einem Buch in der Hand im Hof auf und ab. Gegenüber, am anderen Hang, auf dem „Putzireech“ (Zigeunerberg), wo eine Menge windschiefer und bunter Hütten stand, kläfften die Hunde. „Jetzt haben wir das Wasser vergessen. Die Buretz machen durstig.“ Mischi wischte sich den Mund mit dem Ärmel ab. „Wollt ihr Trauben?“ Schnell holte Florica einen vollen Korb aus dem Gebüsch. „Wo hast du die denn gestohlen?“ „Na, da unten aus dem Garten.“ „Der gehört doch dem alten Zintz. Wenn der dich erwischt, der schlägt dich blau.“ „Er hat mich aber nicht erwischt.“ Der Korb war schnell leer und Mischi rülpste. „Ich werde bald heiraten.“ „Donnerwetter! Wie alt bist du?“ „Ich glaube zwölf oder dreizehn.“ „Und da willst du schon heiraten?“ „Mein Vater hat sich mit dem Ioane in Zuckmantel besoffen, und jetzt wird der mich heiraten.“ „Was gibt er für dich?“ „Zwei Fohlen und einen Jagdhund.“ „Du bist aber teuer.“ Florica knöpfte ihre Bluse auf. „Ich habe ja auch die schönste Brust im Dorf.“ Mischi wurde ganz rot im Gesicht und stocherte im Feuer herum. „Joi, jetzt muß ich noch einmal zum alten Zintz. Wenn ich ohne Trauben nach Hause komme, schlägt mich meine Mutter blau.“ Florica sah uns mit stechenden Augen an und lief dann die Böschung hinunter. „Das ist ein Volk! Aber so eine Brust habe ich noch nie gesehen. Und die soll erst zwölf sein. Das kann ich nicht glauben.“ Wir packten zusammen und gingen nach Hause. Der Frühlingsstrauß auf meinen blauen sächsischen Tisch verwelkte. Ich warf ihn weg und ging zu den Zigeunern an der Ecke. „He, das ist doch der Ausländer, der der Florica für Gras einen Fünfziger gegeben hat. So ein Spinner.“ „Frische Rosen aus Bulgaria, ganz billig!“ „Tulipanen aus Olanda!“ „Kauft von mir, Herr, ich habe zwölf Kinder!“ „Ganz billig! Nur dreißig für diesen Strauß!“ „Wo ist die Alte?“ „Ach, die! Die ist nicht mehr hier. Die Polizei hat sie verjagt. Die hat niemals Standgebühr bezahlt.“ „Was wollt ihr von der? Die ist doch verrückt. Vielleicht ist sie zurück nach Nadesch.“ „Hier, Herr, ganz frisch aus dem Garten. Kostet fast nichts.“

Ich habe keine Blumen mehr gekauft.

Eine weihnachtliche Begegnung

Autobiographien sind häufig peinlich und verlogen. Dahingegen können kleinere autobiographische Episoden unterhaltsam und informativ sein. Sie sind wie Puzzlestücke eines langen Lebens und können separat gelesen werden. Auch wenn sie der subjektiven Wahrnehmung unterworfen sind fokussieren sie bestimmte Lebenssituationen. Die folgende Episode hat mich jahrelang beschäftigt und ist mir durch den genius loci (Durchfahrt durch Innsbruck) wieder in den Sinn gekommen.

Eine weihnachtliche Begegnung

Kurz vor Weihnachten 1964 saß ich in einem Innsbrucker Antiquariat und wartete auf Kundschaft. Mit dem Inhaber hatte ich mich gleich zu Beginn meiner Studienzeit angefreundet, und er ließ mich, wenn er stark beschäftigt oder außer Hauses war, etwas Geld verdienen. Die meisten Interessenten waren Studenten oder ältere Herren mit akademischer Ausbidung. Der Umsatz war oft nicht hoch, da die meisten Interessenten in den Beständen blätterten, nach dem Preis fragten und ohne zu kaufen wieder gingen. Dennoch hatte ich gelegentlich ein gutes Einkommen. Es gab nämlich etliche bibliophile Stammkunden, die nicht nur regelmäßig teure Werke kauften, sondern auch das Gespräch mit mir suchten und bei der Abrechnung beachtliche Trinkgelder hinterließen.
Draußen schneite es. Vermummte Menschen eilten rasch über den Bürgersteig, wohl auf dem Weg zu letzten Einkäufen. Niemand betrat jedoch den Raum. Seit zwei Stunden las ich in der zweibändigen „Geschichte der evangelischen Kirche in Siebenbürgen“ von Friedrich Teutsch, ein Werk, das ich mir nicht leisten konnte, das aber schon seit längerem mein Interesse geweckt hatte.
„Wieso interessieren Sie sich für Teutsch?“ Vor mir stand ein großer gepflegter Mann mit gauen Haaren und blauen Augen. „Ich bin Siebenbürger Sachse und studiere Geschichte“. „Wohl knapp bei Kasse?“ „Ja!“ „Was verschlägt einen jungen Sachsen hierher?“ „Die verrückten Zeiten!“ Die Frage war mir unangenehm, denn ich hatte keine Lust, schon wieder meinen Lebenslauf zu erzählen, der in der damaligen Zeit den meisten Menschen recht ungewöhnlich vorkam, zumal sie in der Regel von meiner Heimat Siebenbürgen keine Vorstellung hatten. „Ich kenne Ihre Heimat. Sie hat mein ganzes Leben verändert.“ „Wie kam das?“ Meine Neugier war geweckt. Der Mann starrte geradeaus und murmelte wie geistesabwesend: „Es war Gottes Fügung.“ Nach einiger Zeit strich er sich mit der Hand über die Haare und sein Gesicht entspannte sich. „Darf ich Ihnen den Teutsch schenken?“ „Aber er gehört doch Herrn Lackner.“ „Was kostet er?“ Ich nannte ihm den Preis, und er zahlte das Doppelte. „Der Rest ist für Sie.“ „Danke!“ „Schon gut, schon gut! Ich bin nicht arm.
Und außerdem ist bald Weihnachten.“ Er kaufte noch einen teuren Bildband. „Für meinen Neffen, er studiert in Wien. Bleiben Sie gesund und frohe Weihnachten!“ Bevor er zur Tür hinausging, drehte er sich noch einmal um und winkte nachdenklich. Dann war es wieder still und ich setzte mich auf meinen Platz. Die Begegnung und das Geschenk hatten mich so überrascht, daß ich nicht weiterlesen konnte. „Wer mag dieser Mann sein und was hat er in Siebenbürgen erlebt?“ frug ich mich.
Es wurde Abend. Herr Lackner war zurückgekommen und ich machte gerade die Abrechnung, als die Tür aufging und der große, gepflegte Mann eintrat. „Grüß Gott Herr Lackner! Ich habe Sie heute nachmittag vermißt.“ „Grüß Gott Herr Doktor! Ich war in Schwaz, Auflösung einer Hausbibliothek.“
„Der junge Mann hat Sie gut vertreten. Wie geht es der gnädigen Frau?“ Sie unterhielten sich
noch eine Zeit lang, während ich meine letzten Aufräumungsarbeiten verrichtete. „Junger Sachse, was machen Sie heute abend? Haben Sie schon etwas vor?“ „Nein, ich fahre erst übermorgen nach Hause zu meinen Eltern.“ „Kommen Sie um 8 Uhr zu mir! Wir speisen zusammen.“ Bis ich seine Adresse, die er mir nannte, notiert hatte, war er schon gegangen. Herr Lackner musterte mich verwundert.
„Kennen Sie den Herrn Notär näher? Seit seine Frau Gemahlin, eine schöne Meranerin,
gestorben ist, hat er kaum noch Gäste.“
Leicht aufgeregt betrat ich einen gepflegten Vorgarten einer hell erleuchteten Villa. „Treten Sie ein! Der Herr Notär erwartet Sie.“ Eine gut gekleidete Frau mit weißer Schürze nahm mir den Mantel ab und führte mich in ein großes Zimmer mit antiken Möbeln und Regalen voller Bücher. Auf einem kunstvoll eingedeckten Tisch brannten zwei Kerzen. „Kommen Sie! Heute machen wir zwei einen Herrenabend.“ Nach der Vorspeise, einem Südtiroler Speckteller, klingelte das Telefon. „Frau Moser, ich bin für niemanden zu sprechen. Meine Vergangenheit sitzt vor mir.“ Frau Moser trug ein Viergängemenue auf. Dazu gab es verschiedene Südtiroler Weine und Mineralwasser.
„Sind Sie gläubig?“ Die Frage überraschte mich. „Ja natürlich. Ich bin doch ein Sachse.“ Zum ersten Mal hörte ich den Mann herzhaft lachen. „So kenne ich euch.“ Sein Gesicht wurde ernst und nachdenklich. „Jetzt hören Sie die Geschichte meiner Neugeburt in Siebenbürgen:
Meine Heimat ist das Sarntal in Südtirol, wo mein Vater Schulmeister war. Ich hatte sechs Geschwister, drei Brüder und drei Schwestern. Mein Vater war streng völkisch gesinnt und gehörte der Schönererbewegung an. Die Anexion Südtirols durch Italien empfand er als nationale Katastrophe. Das zusammengeschnurrte Deutschösterreich, dem der Anschluß an das Deutsche Reich verwehrt worden war, und die dort einflußreichen Sozialisten verachtete er. Den klerikalen Ständestaat des Engelbert Dollfuß haßte er. Sein Blick richtete sich nach Deutschland, er konnte sich jedoch mit dem Weimarer System nicht abfinden. Seine Hoffnung war auf eine Erstarkung der völkischen Bewegung und eine Revision der Pariser Vorortsverträge gerichtet. Ins Deutsche Reich auswandern, wie etliche seiner Gesinnungsgenossen, wollte er nicht. Zwei meiner Brüder und ich jedoch gingen nach der Matura nach Deutschland. Ich studierte Jura, meine Brüder Medizin und Pharmazie. Beide,
wie auch der dritte Bruder, der später nachkam, sind gefallen. Von den Schwestern leben noch zwei, die eine in Wien, die andere in Rom, sie wurde vom Vater verstoßen, als sie einen Adjutanten des Grafen Ciano heiratete. Er verabscheute alle Italiener. Der Aufstieg der Nationalsozialisten faszinierte mich, und ich schloß mich sehr bald der SA an. Später stieß ich zur SS und freundete mich mit Gunter und Rolf d’Alquen an. Etliche Artikel in dem von ihnen herausgegebenen „Schwarzern Korps“ stammen von mir. Ihr eiskalter Intellekt und ihr nihilistischer Fanatismus zogen mich an. Über Luis Trenker lernte ich Göbbels und Himmler kennen. Mit Walter Schellenberg und sogar mit Heydrich war ich bald auf vertrautem Fuß. Ich brachte es schnell zum Sturmbannführer. 1939 heiratete ich meine Jugendliebe Gertrud. Wir haben zwei Söhne, beide leben in Deutschland. Beim Rußlandfeldzug war ich im Stab von Otto Ohlendorf, dem Leiter der Einsatzgruppe D. Er wurde nach dem Krieg hingerichtet. Die Zeit war grauenvoll. Viel Blut klebt auch an diesen Händen.“ Er betrachtete mit gerunzelter Stirn seine Hände und schwieg ein paar Minuten. „Mich plagten keine Zweifel. Gunter d’Alquen hatte mich überzeugt: Das deutsche Volk ist auserwählt und hat das Recht, sich über alle Konventionen hinwegzusetzen. Alle seine Feinde müssen liquidiert werden. Es geht um einen säkularen, gigantischen Kampf, der nur durch Härte und bedingungslose Konsequenz zu gewinnen ist. Über Bedenken meiner streng katholisch erzogenen Frau setzte ich mich hinweg.
1943 wurde ich nach Bukarest abkommandiert. Ich gehörte zu einem Stab von SS-Chargen, die nach einigen Vorkommnissen die Botschaft zu überwachen hatten. Der Botschafter Manfred von Killinger, ein hoher SA-Führer, der dem Massaker von 1934 in Bad Wiessee durch Zufall entgangen war, galt als unzuverlässig und unterstützte den Volksgruppenführer Andreas Schmidt nur halbherzig. Den Volksgruppenführer hatte ich im Hause seines Schwiegervaters, Gruppenführer Gottlob Berger, kennengelernt. Er war ein primitiver, selbstherrlicher Funktionärstyp und widersprach meinem Bild von den Siebenbürger Sachsen, das ich mir in Gesprächen mit meinem väterlichen Freund, Obergruppenführer Arthur Phleps, selbst ein Sachse und ehemals General der rumänischen Armee, dann Brigadekommandeur der Waffen-SS und schließlich Kommandeur der Waffen-SS-Division Wiking, von ihnen gemacht hatte. Es war die Zeit, als die Siebenbürger Sachsen und Banater Schwaben für den Dienst in der Waffen-SS angeworben werden sollten, was der Volksgruppenführung jedoch nicht so reibungslos gelang, wie Andreas Schmidt nach Berlin berichtet hatte. Ich bereiste
wochenlang Siebenbürgen, um mir eine Übersicht zu verschaffen. Was ich dort vorfand, änderte mein ganzes Leben. Die nationale Begeisterungswelle hatte auch diesen abgeschiedenen Volkssplitter erfasst und in einen kollektiven Rausch versetzt. Seine Jahrhunderte alten weltlichen Organisationsstrukturen, die sich in ständigem Abwehrkampf herausgebildet hatten, funktionierten immer noch tadellos. Es war der Volksgruppenführung zwar gelungen, sie größtenteils formal unter Kontrolle zu bringen und die Menschen zu mobilisieren, eine totale Gleichschaltung der sächsischen Gesellschaft scheiterte jedoch an einer Institution, die sich ebenfalls im Jahrhunterte langen Kampf um Eigenständigkeit herausgebildet hatte: der sächsischen evangelischen Kirche. Arthur Phleps formulierte es einmal so: Das Sachsenvölkchen wird der Volkgruppenführung nur mit einem Bein nachlaufen. Das andere Bein ist unter der Kanzel einbetoniert, doch das wird der Trottel aus Donnersmarkt (gemeint war Andreas Schmitt) nie begreifen. Seinen Schwadroneur auf dem Bischofsstuhl, den er dorthinbugsiert hat, nimmt doch keiner ernst. Der sächsische Klerus hebelt ihn aus. Nur Karieristen stehen auf seiner Seite.
Auf meiner Inspektionsreise besuchte ich viele Gottesdienste, in den Städten, aber vor allem in den Dörfern. Die feierliche Atmosphäre, die ernsthaften, kraftvollen und zugleich tröstlichen Predigten und die tiefgläubigen und andächtigen Gemeinden beeindruckten mich stark. Allmählich dämmerte mir: diese Menschen brauchen dich nicht! Sie haben ihren Glauben, ihren Halt. Was hast Du? Deine Uniform! Dein Parteiprogramm! Ich begann sie zu beneiden. Tagsüber empfand ich eine innere Leere und nachts plagten mich Alpträume. Ich fürchtete, in Depressionen zu verfallen. Dr. Wagner, der Stadtpfarrer von Schäßburg, eine hochgebildetete Persönlichkeit wie viele eurer Pfarrherren, schenkte mir nach einem langen Gespräch ein Neues Testament in der Übersetzung von Martin Luther, es liegt jetzt auf meinem Nachtkästchen und ich lese täglich darin. Ich erhoffte mir Linderung von meiner Unruhe in den Bergen. Nach einer ausgedehnten Wanderung im Zibinsgebirge, wo ich nicht nur keine Ruhe fand, sondern der Verzweiflung nahe war, suchte ich den Stadtpfarrer von Hermannstadt, euren heutigen Bischof, auf und bat ihn, mir die Beichte abzunehmen. Die ganze Sinnlosigkeit meines Lebens, meine Verbrechen in der Ukraine, meine Hybris, alles redete ich mir von der Seele. Pfarrer Müller hörte geduldig zu und sagte schließlich: Ich kann Ihnen nicht vergeben,
das kann nur Gott. Aber ich kann Ihnen versichern, es ist nie zu spät. Mein Gott ist ein Gott der Gnade. Kehren Sie um! Verlassen Sie diesen gottlosen Weg und beten Sie! Dann wird er Ihnen vergeben. Gott liebt Sie und läßt Sie nicht im Stich, das hat uns Jesus Christus gelehrt. Auch ich werde für Sie beten. Amen.
Zurückgekehrt nach Berlin rief mich Schellenberg zu sich: Vorsicht, Vorsicht, Kilian! Du fängst an, Fehler zu machen. Nimm zwei Wochen Urlaub und besinne Dich! Übrigens, Best in Kopenhagen plagen die gleichen Zweifel wie Dich. Ich kann euch sogar verstehen. Aber Vorsicht, Vorsicht!
Meine Frau war glücklich, als ich mich ihr offenbarte, hatte aber auch große Angst um mich. Ich entschloß mich, meine Versetzung zur Wehrmacht an die Front zu beantragen. Allerdings landete ich, wie zu erwarten war, im Strafbataillon 999. Es war hart, aber ich überlebte. Die Entnazifizierungsbehörden verhörten mich lang, ließen mich aber schließlich laufen. Mein innerer Friede und meine Gelassenheit hatten Bestand, wofür ich Gott täglich danke. Ich weiß, er hat mir vergeben, und nur das zählt. Wir ließen uns hier in Innsbruck nieder und ich konnte befreit von der Vergangenheit meine Kanzlei aufbauen. Das alles, junger Freund, verdanke ich eurem schönen Siebenbürgen, dem leider noch schwere Zeiten bevorstehen. Aber ihr habt ja euren Glauben, es ist auch mein Glaube geworden. Gott ist auf eurer Seite. Das weiß ich. Ich wünsche Ihnen frohe Weihnachten!“
1966 schickte mir Herr Lackner eine Nachricht der Tiroler Zeitung: Vergangene Woche verstarb Notär Dr. Kilian H. überraschend nach einem Bergunfall im Dachsteingebirge……
Die Söhne haben die Villa verkauft, die Bibliothek gelangte ins Antiquariat von Herrn Lackner.
Herr Lackner verstarb unerwartet 1968, das Antiquariat existiert nicht mehr.

Dezember 2008