Aus der Traum! Die rumänische Tragödie im Jahr 1940

DerHitler-Stalin-Pakt und das Molotow-Ribbentrop-Protokoll vom August 1939 sowie der II. Wiener Schiedsspruch vom 30.08.1940 bedeuteten nach dem Triumph von Trianon vom Juni 1920 einen Tiefpunkt in der rumänischen Geschichte.

Großrumänien nach dem I. Weltkrieg

Aus der Traum!

Die Zerschlagung Großrumäniens

Einleitung

Ende Juni 1940, also vor 84 Jahren, zerschlug Stalin in Komplizenschaft mit Hitler das durch den Vertrag von Trianon am 04.06.1920 bestätigte Großrumänien. Der Traum von Großrumänien währte also ziemlich genau 20 Jahre. Die Folgen dieses spektakulären Vorgangs sind noch heute zu spüren. Am 26.06.1940 wurde dem rumänischen Botschafter in Moskau, Gheorghe Davidescu ein Ultimatum ausgehändigt, in dem Rumänien aufgefordert wurde, Bessarabien, die Nord-Bukowina und das Gebiet um die Stadt Herta zu räumen und unverzüglich an die Sowjetunion abzutreten. Der Zeitpunkt des Ultimatums war sicher nicht zufällig gewählt worden. Am Vortag hatte nämlich Frankreich vor dem Deutschen Reich kapituliert, wodurch Rumänien ohne seine wesentliche Schutzmacht blieb.

Machtpolitisch gründete die SU diesen Anspruch auf das geheime Zusatzprotokoll (Molotow-Ribbentrop-Protokoll) zum deutsch-sowjetischen Vertrag vom 23.08.1939, der den Angriff Deutschlands auf Polen ermöglicht hatte. In diesem Protokoll hatte es unter Punkt 3 geheißen: „Hinsichtlich des Südosten Europas wird von sowjetischer Seite das Interesse an Bessarabien betont. Von deutscher Seite wird das völlige Desinteresse an diesen Gebieten erklärt.“ Auffällig ist, dass in dem Ultimatum auch ein Anspruch auf die Nord-Bukowina gestellt wurde, von der im geheimen Protokoll nicht die Rede gewesen war. Offensichtlich hat Stalin die Chance gewittert, sich über die Zugeständnisse des Protokolls hinaus weitere Gebiete aneignen zu können. Hitler hat dann ja auch trotz anfänglicher Verärgerung darüber den sowjetischen Forderungen zugestimmt, allerdings verbunden mit der Forderung, die Umsiedlung der Deutschen so wie auch der in Bessarabien nicht zu behindern.

Rechtlich argumentierte die SU dahingehend, dass Bessarabien seit 1812 rechtmäßig zu Russland gehöre und 1918/19 widerrechtlich dem jungen Sowjetstaat in einer Schwächephase entrissen worden sei. Bezüglich der Nord-Bukowina wurde geltend gemacht, die dortige Bevölkerung sei in ihrer Mehrheit ukrainisch, und somit sei es nichts wie recht und billig, wenn das Gebiet an die Ukraine angeschlossen würde. Außerdem sei es eine gewisse Kompensation für das Unrecht, das Russland und der SU durch die widerrechtliche Abtrennung Bessarabiens widerfahren sei. Um ihrer Forderung Nachdruck zu verleihen, ließ die SU ein Geschwader Kampfflugzeuge tief in bessarabisches, also rumänisches Hoheitsgebiet eindringen und drohend über Kishinev kreisen.

Vorbereitung der Annexion Bessarabien und der Nord-Bukowina durch die Sowjetunion

Andreas Hillgruber schreibt in seinem Buch „Hitler, König Carol und Marschall Antonescu, Die deutsch-rumänischen Beziehungen 1938-1944, 1954: „Selten ist eine politische Aktion so lange und gründlich vorbereitet worden wie die Annexion Bessarabiens durch die Sowjetunion.“ In der Tat hat die Sowjetunion die Zeit seit dem Abschluss des deutsch-sowjetischen Vertrags und dem geheimen Zusatzprotokoll genutzt, um das Terrain für den Akt der Annexion zu bereiten. Schon seit dem Herbst 1939 mehrten sich die Anzeichen, dass die Sowjetunion in dieser Hinsicht etwas plante. Am 29. März 1940 sprach der Außenminister Molotow in einer Rede vor dem Obersten Sowjet ganz unverblümt davon, dass es ein ungelöstes Problem zwischen der Sowjetunion und Rumänien gebe. Er betonte ausdrücklich, dass es auch keinen Nichtangriffspakt zwischen den beiden Ländern gebe. Dies und die sich häufenden provozierten Grenzzwischenfälle beunruhigten König Carol derart, dass er im Mai 1940 Deutschland um Hilfe beim Bau eines „Ostwalls“ an der rumänisch-sowjetischen Grenze bat, was allerdings ohne Reaktion blieb. Am 23.06., also 3 Tage vor dem Ultimatum teilte Molotow dem deutschen Botschafter in Moskau mit, dass die Lösung der Bessarabienfrage „keinen weiteren Aufschub“ mehr gestatte und dass der sowjetische Anspruch sich auch auf die Bukowina erstrecke, die eine ukrainische Bevölkerung habe. Ribbentrop ließ schon am 25.06. Molotow wissen: Deutschland habe in der Frage Bessarabiens entsprechend den Vereinbarungen des Moskauer Abkommens gegen den sowjetischen Vorschlag nichts einzuwenden und wünsche nur die Zukunft der etwa 100.000 Volksdeutschen sicherzustellen; der sowjetische Anspruch auf die Bukowina sei dagegen neu und man sei am Schicksal der Volksdeutschen der Bukowina besonders interessiert. „In dem übrigen rumänischen Staatsgebiet habe Deutschland stärkste Wirtschaftsinteressen. Diese umfassen sowohl die Erdölgebiete als auch das Agrarland. Deutschland wünsche nicht, dass diese Gebiete Kriegsschauplatz werden. Die Reichsregierung sei daher gegebenenfalls bereit, „der rumänischen Regierung zu einer friedlichen Bereinigung der bessarabischen Frage im russischen Sinne zu raten“. Molotow antwortete gleich am nächsten Tag, also am 26.06. und sicherte Deutschland die weitestgehende Berücksichtigung seiner wirtschaftlichen Interessen zu und die Sowjetunion habe sich darüber hinaus entschlossen, „ihre Forderung auf den nördlichen Teil der Bukowina zu beschränken“. Gleich danach, noch am selben Tage, wurde eine erste Note dem rumänischen Botschafter überreicht, in der die Abtretung Bessarabiens, der Nord-Bukowina und des Gebietes um die moldauische Stadt Herta gefordert wurde. Eine Antwort erwarte man am 27. Juni. Der Ministerpräsident Tatarescu bat über den deutschen Gesandten in Bukarest sofort um Intervention der Reichsregierung. Um 9,00 Uhr fand beim König in Anwesenheit des Kabinetts eine Unterredung mit dem deutschen Gesandten Fabricius statt, während der die Berliner Antwort eintraf. Zuvor hatte der König noch großspurig vom erbitterten Widerstand und Kampf gegen die Sowjetunion nach dem Vorbild von Finnland gefaselt. Als Fabricius die Antwort mitteilte, trat völlige Ernüchterung ein: Deutschland könne der rumänischen Regierung „im Interesse der Vermeidung eines Krieges zwischen Rumänien und der Sowjetunion nur raten“, der Forderung der Sowjetregierung zu entsprechen. Auf der anschließenden Sitzung des ad hoc einberufenen Kronrats entschied sich die Mehrheit, der sowjetischen Forderung nachzugeben. Noch am gleichen Tage teilte der rumänische Botschafter in Moskau dem sowjetischen Aussenminister diese Entscheidung mit. Daraufhin erhielt er eine zweite Note, in der die Einzelheiten der Übergabe formuliert waren. Danach sollte die Räumung am 28.06. um 14 Uhr beginnen und in vier Tagen abgeschlossen sein. Darüber hinaus sollte eine gemischte rumänisch-sowjetische Kommission zur Regelung von Einzelfragen geschaffen werden. Um 11 Uhr am nächsten Tag, als kurz vor Ablauf des vorgegebenenTermins, teilte Davidescu mit: Die rumänische Regierung sehe sich gezwungen, die Bedingungen anzunehmen, „um die Möglichkeit zu haben, sich den ernsten Folgen zu entziehen“, die bei einer Ablehnung eintreten würden. Wie vorgesehen überschritten die sowjetischen Truppen am 28.06. mittags die alte Grenze und besetzten in vier Tagen die abgetretenen Gebiete. Auf Bitten der rumänischen Regierung hatte sich die Reichsregierung an die sowjetische Regierung gewandt, um eine etappenmäßige Besetzung des abzutrennenden Gebietes zu erreichen. Dies wurde von der Sowjetregierung zwar zugesichert, aber beim Vorrücken überflügelten die russischen Truppen jedoch häufig die sich zurückziehenden Rumänen und erbeuteten auf diese Weise erhebliche Mengen an Kriegsmaterial.

Umsiedlung der Deutschen

Die Evakuierung und Umsiedlung der Deutschen aus Bessarabien und der Bukowina verlief zügig und relativ problemlos, zumal die Vorbereitungen in Deutschland schon länger im Gange waren. Die Grundlage dafür hatte Hitler bereits am 6.10.1939 in einer Reichstagsrede gelegt: „In diesem Sinne handelte es sich nicht nur um ein Problem, das auf diesen Raum (Polen) beschränkt ist, sondern um eine Aufgabe, die viel weiter hinausgreift. Denn der ganze Osten und Südosten Europas ist zum Teil mit nicht haltbaren Splittern des deutschen Volkstums gefüllt. Gerade in ihnen liegt der Grund und eine Ursache fortgesetzter zwischenstaatlicher Störungen. Im Zeitalter des Nationalitätenprinzips und des Rassegedankens ist es utopisch, zu glauben, daß man diese Angehörigen eine hochwertigen Volkes ohne weiteres assimilieren könne. Es gehört daher zu den Aufgaben einer weitschauenden Ordnung des europäischen Lebens, hier Umsiedlungen vorzunehmen, um auf diese Weise wenigstens einen Teil der europäischen Konfliktstoffe zu beseitigen“. Am 9. Oktober wurde der Reichsführer SS Heinrich Himmler als „Reichskommissar für die Festigung deutschen Volkstums“ mit der Durchführung der in Frage kommenden Umsiedlungen sowie der Neuansiedlung der Volksdeutschen betraut, die vor allem in den eingegliederten polnischen Ostgebieten erfolgen sollte. Über den genauen Vollzug der Umsiedlungen siehe: „Dokumentation der Vertreibung der Deutschen aus Ost-Mitteleuropa Band III, Seite 41E ff. Bedeutsam ist die Tatsache, dass das Deutsche Reich am 22.10 1940 mit Rumänien eine Vereinbarung traf, in der die Deutschen aus der Süd-Bukowina und der Dobrudscha in die Gesamtaktion mit einbezogen wurden. Insgesamt wurden bis Mitte Dezember 1940 214.630 Personen umgesiedelt, die wenige Jahre später in den millionenfachen Strom von Flüchtlingen und Vertriebenen einflossen.

Vorgeschichte des Zweiten Wiener Schiedsspruchs

Rumänien sah sich aber sowohl aussen- und sicherheitspolitisch als auch innenpolitisch einem Desaster gegenüber. Darüber hinaus mussten Zigtausende Flüchtlinge aus Bessarabien und der Bukowina (Beamte, Militärs mit ihren Familien und Tausende, die vor der drohenden Bolschewisierung die Flucht ergriffen hatten) untergebracht und versorgt werden. König Carol reagierte zunächst hektisch und planlos. Völlig sinnlos befahl er in der Nacht vom 27.06. auf den 28.06. die äußerst kostspielige Generalmobilmachung der rumänischen Armee und bildete die Regierung Tatarescu um. Bemerkenswert war hierbei, dass der Führer der noch vor kurzem als staatsfeindlich bekämpften Eisernen Garde Horia Sima zum Unterstaatssekretär im Kultusministerium ernannt wurde. Diese radikale klerikal-faschistische Bewegung, die in den 30er Jahren mit ihren terroristischen Anschlägen für großes Aufsehen gesorgt hatte, war mit ein Grund für den Staatsstreich König Carol vom Februar 1938 gewesen, durch den er eine autoritäre Königsdiktatur errichtete. Die Garde wurde grausam verfolgt und ihre überlebenden Führer fanden Unterschlupf in Deutschland, von wo aus sie mit wenig Erfolg versuchten, auf Rumänien Einfluss zu nehmen. Nachdem sich Rumänien mit dem Verschwinden der Kleinen Entente, der Agonie des Balkanpaktes, der Niederlage des Bündnispartners Polen und der Kraftlosigkeit der Garantiemacht Frankreich, das schon im Juni 1940 kapitulieren musste, in totaler Isolation befand, suchte es Anschluß an die Achsenmächte. Der König hoffte, mit der vorsichtigen Annäherung an die Eiserne Garde Deutschland für die Interessen Rumäniens zu gewinnen. Versuche, die Eiserne Garde an das autoritäre System Carols zu binden, waren schon seit April im Gange. Anfang Mai hatte der König eine Sonderdelegation zu Horia Sima nach Deutschland gesandt, um eine Loyalitätserklärung von ihm zu erlangen. Dieser sagte unter der Bedingung zu, daß die rumänische Außenpolitik nach Deutschland hin orientiert werde. Dem König wurde immer klarer, dass, nachdem über die zukünftigen sowjetischen Absichten völlige Unklarheit herrschte, nur Deutschland in der Lage sein konnte, Rumänien den nötigen Schutz zu gewährleisten. Kurz nach dem Kronrat vom 27. Juni bat der König den deutschen Gesandten zu sich und teilte ihm mit: Nachdem er in der Bessarabienfrage dem deutschen Rat auf Räumung ohne Widerstand gefolgt sei, „bitte er nun Hitler um die Garantie der rumänischen Grenzen und um die Entsendung einer deutschen Militärmission nach Rumänien“. Die Antwort der Reichsregierung ließ zunächst auf sich warten. Im Zusammenhang mit der Neuorientierung der rumänischen Außenpolitik erklärte der unter dem Vorsitz von Ministerpräsident Tatarescu tagende Ministerrat auf Vorschlag des Außenministers Argetoianu am 1. Juli, daß Rumänien auf die britisch-französische Garantie verzichte. Die Gestaltung der politischen Verhältnisse werde „durch die europäische Neuordnung bestimmt, die sich auf dem Wege zur Verwirklichung befinde. Um die Annäherung an Deutschland noch sichtbarer zu machen, entschloss sich König Carol am 4. Juli zu einem erneuten Kabinettswechsel. Die Eiserne Garde erhielt gleich drei Kabinettsposten. Ihre Minister traten jedoch schon am 8. Juli wieder zurück, da ihre überzogenen politischen Forderungen nicht akzeptiert worden waren. In diesem Zusammenhang wurde verschiedentlich eine Regierung unter dem sehr populären General Ion Antonescu diskutiert. Die von diesem verlangten weitreichenden Vollmachten lehnte Carol aber ab. Dubioserweise wurde Antonescu kurz danach, am 09.07., in seinem Hause in Predeal verhaftet und von schwerbewaffneten Gendarmen in einem Auto in einen Wald bei Sinaia gebracht, wo er wohl einen „Unfall“ erleiden sollte. Der Vertraute des Generals, Mihai Antonescu (nicht verwandt, sondern zufällige Namensgleichheit), der dem Wagen gefolgt war, begab sich sofort zum deutschen Gesandten Fabricius und unterrichtete ihn von dem Geschehenen. Fabricius intervenierte sofort beim Hofminister Urdareanu. Gleichzeitig baten der ehemalige Wirtschaftsminister Cancicov und der General Rozin den Sonderbeauftragten für Wirtschaftsfragen, Gesandten Dr. Hermann Neubacher, sich für die Rettung „des besten Mannes der Nation“ einzusetzen Auch dieser kam dieser Bitte unverzüglich nach, sodass Antonescu am 11. Juli wieder freigelassen wurde. Er erhielt nun das Kloster Bistrita in Oltenien am Südhang der Karpaten als Aufenthaltsort zugewiesen, wo er zwar bewacht wurde, aber das Recht hatte, Besuche zu empfangen. Unterdessen betonte die Regierungserklärung des am 4. Juli ernannten Kabinetts Gigurtu die von Rumänien erstrebte „aufrichtige Eingliederung in das von der Achse Berlin-Rom geschaffene System“. Im Zusammenhang damit erklärte die rumänische Regierung am 11. Juli den Austritt aus dem Völkerbund, ein Geste, die Deutschland gewogen stimmen sollte. Am 15. Juli sandte der Aussenminister Manoilescu ein Telegramm an Ribbentrop, in dem er das Bestreben seiner Regierung hervorhob, die Beziehungen zu Deutschland auf allen Gebieten enger zu gestalten. Inzwischen war nun auch die Antwort Hitlers auf den Vorschlag des Königs Carol, Deutschland solle die Grenzen Rumäniens garantieren und eine Militärmission entsenden, in Bukarest eingetroffen. In einem Brief vom 15. Juli erklärte Hitler dem rumänischen König, dass er nicht in der Lage sei, diesen Wünschen zu entsprechen, solange noch die Grenzprobleme gegenüber Ungarn und Bulgarien offen stünden. Sobald diese geregelt seien, werde er gerne auf die Bitte Carols zurückkommen. Damit begann der zweite Akt der rumänischen Tragödie des Jahres 1940.

Der von Hitler angeregten friedlichen Regelung der Differenzen Rumäniens mit Ungarn und Bulgarien stimmte König Carol in einem Antwortschreiben an Hitler zunächst zu. Die Gespräche mit Bulgarien verliefen einvernehmlich und man einigte sich schon am 21. August auf die Abtretung der Süddobrudscha an Bulgarien. Es zeigte sich jedoch bald, dass die eingeleiteten Verhandlungen mit Ungarn nicht zum Ziele führen würden. Rumänien setzte auf einen Bevölkerungsaustausch, wohingegen Ungarn von vorneherein auf weitgehende Gebietsabtretungen bestand. Siebenbürgen sollte zu zwei Dritteln an Ungarn gelangen und bei Rumänien lediglich ein schmaler Streifen nördlich der Südkarpaten verbleiben, ein Gebiet, in dem schon seit dem frühen Mittelalter eine rumänische Bevölkerung nachweislich siedelte. Die militärischen und aussenpolitischen Konstellationen ließen Hitler den Entschluss fassen, sich umgehend in das Geschehen einzuschalten. Zwischenfälle an der neuen sowjetisch-rumänischen Grenze im August und eine zweideutige Rede Molotows am 1. August hatten in den Augen der deutschen Führung die Lage in Südosteuropa während der vergeblichen ungarisch-rumänischen Verhandlungen immer mehr verschärft und führten am 25./26. August zur akuten Krise, als Nachrichten über starke russische Truppenkonzentrationen an der rumänischen Grenze einliefen. Gleichzeitig erhöhte sich die Spannung im ungarisch-rumänischen Grenzgebiet. Es schien Hitler also höchste Zeit zu sein, zu einer Entscheidung zu gelangen. Also liess er die Beteiligten zu einem Treffen in Wien laden, wo er ihnen seinen Schiedsspruch unterbreiten lassen wollte. Der deutsche Aussenminister Ribbentrop und der italienische Aussenminister Ciano empfingen die Delegationen am 29.08. im Schloss Belvedere und teilten diesen mit, dass sie sich zur Annahme des Schiedsspruches entscheiden müssten, ganz gleich ob er zur Zufriedenheit ausfalle oder nicht. Die Ungarn stimmten sofort zu, während die Rumänen zögerten. Die Dramatik wurde der rumänischen Delegation erst richtig klar, als die dazugehörige Karte ausgebreitet wurde, in der der gesamte nördliche Teil Siebenbürgens einschließlich des Szeklerzipfels als nun ungarisches Gebiet markiert war. Der Aussenminister Manoilescu erregte sich dermassen, dass er eine heftige Herzattacke erlitt. Carol entschied sich notgedrungen zur Annahme und Manoilescu mußte unterschreiben. In Rumänien heißt dieser Vorgang bis zum heutigen Tage nicht „Wiener Schiedsspruch“ sondern „Wiener Diktat“.

Der Kronrat und Carol hatten sich für die Annahme entschieden, weil die Rote Armee in Bessarabien Truppen konzentriert hatte und Ungarn seine Streitkräfte hatte aufmarschieren lassen. Es wurde somit ein Krieg sowohl mit Ungarn als auch mit der Sowjetunion befürchtet, was das Ende Rumäniens bedeutet hätte. Auch Hitler war bei seiner Entscheidung unter dem Eindruck eines rumänisch-ungarischen Krieges und in dessen Gefolge eines sowjetischen Griffs auf Rumänien gestanden, womit für die deutsche Kriegswirtschaft das Erdöl verloren gegangen wäre.

Der Zweite Wiener Schiedsspruch und seine Folgen

Die neue Grenzziehung traf die rumänische Öffentlichkeit bis ins Mark: Immerhin war die Befürchtung, dass auch das Banat abgetrennt würde, nicht eingetreten. Die rumänische Armee mußte innerhalb von zwei Wochen abziehen. Die neue Staatsmacht Ungarn verpflichtete sich, den Bewohnern die Staatsbürgerschaft zu gewähren. Wer die bisherige Staatsbürgerschaft behalten wollte, hatte innerhalb eines Jahres, ohne Nachteile in vermögensmäßiger Hinsicht, nach Restrumänien umzusiedeln. Der Einmarsch der ungarischen Armee war durch Aggressivität und Ausschreitungen gekennzeichnet. Flucht und Vertreibung von Rumänen aus Nordsiebenbürgen sowie von Magyaren aus dem rumänisch gebliebenen Siebenbürgen und ethnische Säuberungen folgten. Ungarn knüpfte in seiner Innen- und Nationalitäten-Politik nahtlos an die Zeit von vor 1914 an. Eine rabiate Magyarisierungspolitik wurde wieder aufgenommen. Die nach 1918 rumänisierte Universität Klausenburg (Cluj) wurde wieder ungarisch, nachdem der rumänische Lehrkörper nach Hermannstadt (Sibiu) übersiedelt war.

Man versuchte nun der rumänischen Öffentlichkeit verständlich zu machen, dass es keine Alternative zur Abtretung Nord-Siebenbürgens gegeben habe, und dass die „tragische Tatsache“ wenigstens dadurch gemildert wurde, dass Deutschland und Italien eine Garantie für die Grenzen des Reststaates und damit für seine Existenz abgaben. „Ich kehre mit schmerzerfüllter Seele aus Wien zurück und leide wie alle Rumänen“, betonte der Aussenminister Manoilescu und bemühte sich, Zuversicht zu wecken: „So lange ein rumänischer Staat besteht, der den grössten Teil der Nation umfasst, kann auch die Nation bestehen und auf eine bessere Zukunft hoffen“. Doch die Beschwichtigungen halfen wenig. Während der Verlust Bessarabiens noch einigermassen ruhig hingenommen worden war, rief die Abtretung Nord-Siebenbürgens helle Empörung hervor. Sie entlud sich in Strassenunruhen und erschütterte das politische Leben in einem Ausmaß, dass der König zur Erkenntnis kam, die Lage nur im Griff halten zu können, indem er am 04. September General Ion Antonescu zum Ministerpräsidenten ernannte und ihn mit umfangreichen Vollmachten ausstattete. Für sich behielt er nur Repräsentationsrechte. Antonescu war einer der wenigen, auf die große Hoffnung gesetzt wurde, ein Karrieresoldat seit dem Ersten Weltkrieg mit politischer Erfahrung, der auch im Ausland eine hohe Reputation genoss. Mit einem General als Regierungschef versicherte sich der König auch des Rückhalts der Armee. Antonescu benutzte seine Vollmachten, um reinen Tisch zu machen. Zwei Tage später, am 06. September 1940, zwang er den König zur Abdankung zugunsten dessen Sohnes Michael, der erneut, wie schon 1927 bis 1930, nun aber im Besitz der Volljährigkeit, dieses Amt übernahm. Die Stimmung in der Öffentlichkeit, die diesen Vorgang, obwohl es sich um einen Staatsstreich handelte, begrüßte, zeigte deutlich, wie tief das Ansehen Carols II. gesunken war. Der neue König bestätigte umgehend die Vollmachten Antonescus. Carol bleib nur die überstürzte Flucht. In Temeswar versuchten Legionäre, den Sonderzug anzuhalten, Carol die mitgeführten Wertgegenstände abzunehmen und seine Geliebte Elena Lupescu (Wolf) sowie den mitreisenden Haushofmeister in ihre Gewalt zu bringen. Der Lokführer rettete die Situation, indem er trotz Beschusses ein Haltesignal mißachtete und zur jugoslawischen Grenze durchfuhr. Eine der ersten unerfreulichen Aufgaben des Generals war die Unterzeichnung des Vertrags über die Abtretung der Süd-Dobrudscha an Bulgarien (7. September 1940). Auch hier folgten Bevölkerungsverschiebungen. Rumänen siedelten nach Rumänien und Bulgaren aus der bei Rumänien verbliebenen Nord-Dobrudscha nach Bulgarien um. Die Süd-Dobrudscha verblieb auch nach dem Ende des II Weltkrieges bei Bulgarien. Das 1918/19 entstandene und im Vertrag von Trianon bestätigte Großrumänien hatte nun insgesamt etwas mehr als ein Drittel seines Territoriums verloren.

Ungarn konnte sich aber nicht lange seines Zugewinns aus dem Zweiten Wiener Schiedsspruchs erfreuen, denn mit dem Frontwechsel Rumäniens am 23. August 1944 mußte es Nord-Siebenbürgen wieder räumen und Rumänien nahm wieder Besitz davon, was dann auf der Pariser Friedenskonferenz vom 29. Juli bis zum 15 Oktober 1946 offiziell legitimiert wurde. Bessarabien und die Nord-Bukowina blieben aber verloren. Bei dieser Gelegenheit verlor Ungarn auch die Erwerbungen aus dem Ersten Wiener Schiedsspruch vom 02. November 1938 wieder. Hierbei handelte es sich um ein breiten Streifen im Süden der Slowakei und Transkarpatien, die beide durch den Vertrag von Trianon an die Tschechoslowakei gefallen war. Auch das war nur ein kurzer Traum.

Die Demographie Nord-Siebenbürgens hatte sich in den Jahren 1940 bis 1945 allerdings erheblich verändert. Nicht nur dass durch den zweimaligen Landeswechsel Rumänen und Ungarn in erheblicher Zahl hin- und hergeschoben wurden, sondern auch die recht zahlreiche jüdische Vorkriegsbevölkerung in den Städten war fast restlos ermordet worden. Hinzu kam noch, dass die Siebenbürger Sachsen aus Nord-Siebenbürgen im Herbst 1944 durch eine großangelegte Evakuierungsaktion ihre Wohnstätten verließen und nach erheblichen Mühsalen in Österreich und Deutschland Zuflucht fanden. Es handelte sich um immerhin ca. 50.000 Personen. Nur ein sehr kleiner Teil von ihnen kehrte freiwillig oder unter Druck wieder zurück. Die Familie des Verfassers dieser Zeilen gehörte zu diesen Heimkehrern, siedelte aber Jahre später im Rahmen der Familienzusammenführung nach Deutschland über. In den verlassenen Dörfern und städtischen Wohngebieten der Siebenbürger Sachsen wurden Motzen (eine rumänische Subethnie) aus den Westkarpaten angesiedelt, oder es ließen sich Rumänen und Roma mit verschiedener Stammeszugehörigkeit aus anderen Landesteilen nieder.

Immer wieder Trianon

Für Ungarn war der Vertrag von Trianon vom 04.06.1920 eine nationale Tragödie, während er für Rumänien den größten nationalen Triumph seiner Geschichte darstellte.

Immer wieder Trianon Aktuelle Diskussionen

Der Vertrag von Trianon vom 04.06.1920 erhitzt auch 100 Jahre nach seiner Unterzeichnung immer noch die nationalistischen und ideologischen Gemüter in Ungarn und in Rumänien.
Für die ungarische Regierung ist dieser Jahrestag kein Grund zum feiern, sondern ein Tag der Trauer und der Schmach. Immerhin verlor Ungarn durch diesen Vertrag 2/3 seines Vorkriegsterritoriums und 68% seiner Vorkriegsbevölkerung. Es musste sogar hinnehmen, dass ab da ca. 3 Millionen ethnische Ungarn im Ausland lebten. Trianon wurde so zum Trauma der Ungarn und ist es bis zum heutigen Tage geblieben. Immer wieder wurde und wird dieser Tag propagandistisch beschworen. Mit außerordentlichem Pathos ließ die Regierung in Budapest in diesem Jahr anlässlich dieses Gedenktages in großem Stil die Grenzen von „Großungarn“, also die von vor dem I. Weltkrieg, propagieren und ließ verkünden „Grenzen sind Staatsgrenzen und nicht die Grenzen von Nationen“.

Auch in Rumänien wurde dieser Vertragsunterzeichnung gedacht, aber in genau umgekehrtem Sinne, nämlich als Tag des Triumphes und der nationalen Gerechtigkeit. Vielerorts wurde dieser Tag zelebriert, denn immerhin besiegelte er die nunmehr über 100-jährige Zugehörigkeit Siebenbürgens und des Banats zu Rumänien, eine Zugehörigkeit, die am Tag der Vertragsunterzeichnung schon längst Tatsache war. Die ungarische Minderheit in Rumänien deutete diesen Tag eher wie die Budapester Regierung und zog prompt heftige Kritik der rumänischen Nationalisten auf sich.

Brisanz hat dieser Tag erhalten, als fanatische Nationalisten innerhalb der PSD (Sozialdemokratische Partei) ihre Fraktion, die im Parlament die Mehrheit stellt, beschwatzten, in aller Hast und in purem Populismus ein Gesetz zu verabschieden, in dem der 04.06., also der Tag der Vertragsunterzeichnung, zum offiziellen nationalen Gedenktag bestimmt wird. Dieses Gesetz stellt nicht nur eine extreme Brüskierung der ungarischen Minderheit dar, sondern entbehrt auch jeglicher Logik, denn der Tag der nationalen Einheit ist aus guten Gründen der 01.12. Der 04.06.1920 hat die Vereinigung nicht herbeigeführt, sondern die schon längst existierende Einheit lediglich bestätigt.
Der Staatspräsident weigert sich demzufolge zu Recht, das Gesetz zu unterzeichnen, und hat es sogar an das Verfassungsgericht verwiesen. Dieses wiederum nehmen ihm die Sozialisten übel und ihr radikaler Flügel wirft ihm mangelnden Patriotismus und Verrat an den nationalen Interessen des rumänischen Volkes vor.
Angesichts derartig aufgeheizter Diskussionen um eine 100 Jahre zurückliegende Vertragsunterzeichnung scheint es sinnvoll, den Hintergründen dieses Vertrages stichwortartig nachzugehen.

Die Verhandlungen

Es gehört zu den wenig bekannten Tatsachen, dass Österreich-Ungarn einen separaten Frieden mit Frankreich, Großbritannien und den USA anstrebte und sich anbot, Deutschland zur Rückgabe vom Elsaß und von Lothringen an Frankreich zu bewegen. Im Austausch dafür erhoffte sich Karl IV. (I.) eine Garantie für die Aufrechterhaltung der Doppelmonarchie nach Kriegsende. Im Mai 1918 wurde dann aber Österreich-Ungarn von Deutschland gezwungen, ein politisches, militärisches und wirtschaftliches Bündnis zu unterzeichnen. Mit der Schließung dieses Bündnisses, das sich als kurzlebig erweisen sollte, wurden alle Chancen für einen separaten Frieden zunichte gemacht und Österreich-Ungarn wurde in den kommenden Monaten bis zum Kriegsende auf einen deutschen Satellitenstatus reduziert. Sein Schicksal war damit wohl besiegelt. Als erster sprach offiziell der US-Aussenminister Robert Lensing in einem Memorandum an den Präsidenten Wilson von einer Zerstückelung Österreich-Ungarns. Dieses Memorandum wurde zur Grundlage der später mit großem Pomp verkündeten 14 Wilsonschen Punkte. Im Gegensatz dazu zögerten die europäischen Staaten eher, auf die Zerschlagung Österreich-Ungarns zu setzen, aber die massive Beteiligung der USA an den Kriegsanstrengungen machte einen möglichen Widerstand gegen die Zerstückelung der Doppelmonarchie unmöglich. Die feste Entschlossenheit der Tschechen, Slowaken, Rumänen und der Nationen des späteren Königreichs Jugoslawien, eigene Nationalstaaten zu gründen, rückte die Idee einer Aufrechterhaltung der Monarchie in noch weitere Ferne. Die Hauptfigur in diesem Prozess war Tomas Masaryk, der massiv in den USA Lobby für diese Ideen gemacht hatte. Die Mobilisierung der slowakischen und anderer Auswanderer in den Vereinigten Staaten trug wesentlich zum Erfolg dieser Aktion bei. Weniger bekannt ist die Tatsache, dass ungarische Politiker eine Zeit lang Masaryks Bemühungen sogar unterstützten. Mihaly Karolyi sandte ihm Ende Oktober 1918 eine Nachricht, in der er seinen Wunsch nach einer Zusammenarbeit der Ungarischen Volksrepublik mit dem neuen tschechoslowakischen Staat zum Ausdruck brachte.

Bei der Beurteilung des Vertrags von Trianon muss selbstverständlich die Tatsache hervorgehoben werden, dass zum Zeitpunkt der Verhandlungen in Ungarn ein kommunistisches Regime unter Bela Kun herrschte, und die Gefahr bestand, dass die kommunistische Idee auch in den jungen Nationalstaaten auf fruchtbaren Boden fallen könnte. Der kommunistische Internationalismus kollidierte aber auch direkt mit dem Bestreben der ungarischen Eliten, in der einen oder anderen Form die Doppelmonarchie aufrechtzuerhalten. Die Tschechoslowakei wurde am 28. Oktober 1918 offiziell aus der Taufe gehoben. Kroatien und die serbisch bewohnten Gebiete in Österreich-Ungarn waren auf dem besten Wege, sich Serbien anzuschließen. Siebenbürgen hatte am 1. Dezember 1918 beschlossen, sich mit Rumänien zu vereinen, und Masaryk gelang es, die ruthenische Minderheit zu überreden, sich der Tschechoslowakei anzuschließen, indem er auch die ruthenische Diaspora in den Vereinigten Staaten mobilisierte. Andererseits bestand durchaus auch die Möglichkeit, das transkarpatische Ruthenien in einem neuen ungarischen Staat zu halten. In Ungarn dachte aber niemand daran, Gespräche mit den Ruthenen zu suchen, um herauszufinden, unter welchen Bedingungen diese sich ein Ungarn unter Einschluss Transkarpatiens vorstellen könnten.

In diesem Kontext begannen die Friedensverhandlungen im Januar 1919 in Paris. Ein Großteil der von Ungarn seit der Bildung der Doppelmonarchie im 19. Jahrhundert beherrschten Gebiete waren de facto bereits in neuen Nationalstaaten aufgegangen, die nun die offizielle Anerkennung ihrer Unabhängigkeit forderten. Ungarn selbst befand sich zum Zeitpunkt der Pariser Gespräche bereits in einem Zustand der Anarchie. Bela Kun lehnte es ab, eine ungarische Delegation zu den Friedensgesprächen zu entsenden. Die Existenz einer bolschewistischen Regierung in Budapest war sicher einer der wichtigsten Faktoren bei der Konzipierung des Vertrags von Trianon in seiner endgültigen Form. Auch ein demokratisches Ungarn hätte die Friedensverhandlungen natürlich in nur geringem Maße beeinflussen können, aber es wäre sicherlich auf mehr Offenheit gestossen. Angesichts des äußerst aggressiven Potenzials eines bolschewistischen Staates in Mitteleuropa bestand der Zweck der Friedenskonferenz nicht nur darin, die Grenzen der neuen Staaten festzulegen, sondern vor allem darin, Bestandsgarantien für die neuen Staaten zu schaffen und den Frieden langfristig zu sichern. Den ungarischen Politikern mißtraute man hinsichtlich ihres Friedenswillens. Die Zusammensetzung der Friedenskonferenz war zudem für Ungarn sehr ungünstig. Es hatte nämlich von sich aus auf die Teilnahme verzichtet und nicht erkannt, dass eine gemeinsame Verhandlung von Vorteil gewesen wäre, insbesondere was die Grenzziehungen betraf. So wurden zwei Ausschüsse gebildet, die die Frage der ungarischen Grenzen zu Rumänien bzw. der Tschechoslowakei getrennt behandelten. Erst am Ende dieser Verhandlungen erkannte Ungarn, dass die gesamten territorialen Verluste erheblich waren. Wenn eine andere, eine demokratische, Regierung in Budapest an der Macht gewesen wäre, wäre die Bitte, alle territorialen Fragen in einem einzigen Format zu erörtern, zumindest auf die Tagesordnung gelangt. Als in Paris über die Grenzen Rumäniens und der Tschechoslowakei verhandelten wurde, war noch nicht klar, dass das Ergebnis dieser Vorgespräche endgültig sein würde. Es wurde nämlich lange angenommen, dass das Ergebnis der technischen Gespräche auf politischer Ebene in nachfolgenden Verhandlungen nochmals aufgegriffen und eventuell modifiziert würde. Entscheidend dafür, dass letzteres nicht geschah, war die Unfähigkeit Ungarns, das technische Ergebnis zunächst hinzunehmen, und zu versuchen, im richtigen Augenblick mit politischen Mitteln das Ergebnis zu verbessern. Rumänien hatte in kleinerem Maßstab vor dem gleichen Problem gestanden, aber es war ihm gelungen, im richtigen Augenblick die politische Initiative zu ergreifen und zu überzeugen. Die US-Delegation bestand auf der strikten Anwendung des ethnischen Prinzips bei der Festlegung künftiger Grenzen, und diese Position war entscheidend. Der ethnische Faktor hatte Vorrang vor möglichen wirtschaftlichen Überlegungen. England hatte vorsichtig versucht, die wirtschaftliche Lebensfähigkeit dieser Staaten ins Gespräch zu bringen, aber die USA waren in ihrer Haltung unnachgiebig. Bei der Ziehung der Grenze zwischen der Tschechoslowakei und Ungarn wurden beispielsweise Straßen- oder Schienenverbindungen nicht berücksichtigt. Der amerikanische Vorschlag befürwortete eine rein ethnische Grenze, während der britische Vorschlag vorsah, den Eisenbahnlinien zu folgen, wodurch aber Zehntausende Ungarn zusätzlich zu denen, deren Schicksal bereits entschieden war, Teil der Tschechoslowakei geworden wären. Harold Nicolson vermerkte in seinem Tagebuch ausdrücklich seine Enttäuschung, dass der britische Vorschlag nicht berücksichtigt worden war. Hätten die Grenzen anders ausgesehen, wenn Ungarn aktiv an der Friedenskonferenz teilgenommen hätte? Dies erscheint eher unwahrscheinlich. Die Würfel waren bereits gefallen, denn das ethnische Argument war zu dieser Zeit unschlagbar. So paradox es auch erscheinen mag, verfolgten die USA, die sich mit ihrer Verhandlungslinie vollends durchgesetzt hatten, nur sekundär eigene Interessen. Die Interessen Frankreichs dagegen waren sehr viel vitaler. Italien konnte sich während der Friedensverhandlungen nicht wirksam gegen die Bildung eines starken jugoslawischen Staates wehren (das Problem wurde auch nach diesen Verhandlungen nicht gelöst und Italien strebte auch weiterhin danach, die Grenze in Illyrien zu revidieren, was etwas später zur Besetzung von Rijeka führte). Aufgrund dieses Problems war Italien nicht an der Frage der mitteleuropäischen Grenzen interessiert. Frankreich dagegen hatte erkannt, dass das Fehlen Italiens bei diesem Verhandlungsprozess die Frage der ungarischen Grenzen nur wenige Akteure vital interessieren würde, was natürlich die Rolle Frankreichs erheblich stärkte. Hätte Ungarn mit einer anderen Regierung an der Macht gute Beziehungen zu Italien mit dem Ziel einer konstruktiven Einigung anknüpfen können? Auch diese Möglichkeit erscheint eher unwahrscheinlich. Italien hatte, wie gesagt, eine eigene Agenda. Ein weiterer Nachteil für Ungarn war sein Status als besiegter Staat, wohingegen die Rumänen, Serben, Slowaken und Tschechen Verbündete der westlichen Staaten gewesen waren.

Die Lage Ungarns

Die bolschewistische Revolution in Ungarn hat die Arbeit der Friedenskonferenz sicher sehr beschleunigt. Die Festlegung der Grenzen auf technischer Ebene wurde politisch schnell umgesetzt. Erst mit dem Abschluss der politischen Gespräche wurde klar, dass sich insgesamt drei Millionen Ungarn außerhalb der ungarischen Grenzen befinden würden.
Es wäre ein guter Zeitpunkt für Ungarn gewesen, nun seine eigenen Argumente neu zu formulieren, aber das Fehlen eines glaubwürdigen Dialogpartners in Budapest hat dies unmöglich gemacht.
In den folgenden Monaten waren die Erfolge der russischen Revolution und die Gefahr einer Ausbreitung der kommunistischen Idee in Europa entscheidend für die Positionierung gegenüber Ungarn. Das Hauptanliegen war zwar nicht, einen Korridor zwischen Sowjetrussland und Ungarn zu legen, denn die ungarischen Streitkräfte waren auf 35.000 Freiwillige beschränkt, was nicht ausreichte, um die neuen Grenzen zu verteidigen, zumal Ungarn eventuellen Invasionen aus allen Richtungen ausgesetzt war und keine natürlichen Grenzen mehr hatte (Karpaten). Aber die Eroberung des subkarpatischen Ruthenien oder eines Teils Rumäniens durch sowjetische Truppen hätte ausgereicht, einen Invasionskorridor für die bolschewistischen Streitkräfte zu schaffen, der den Weg nach Mitteleuropa geebnet hätte. Um dieser möglichen Gefahr zu begegnen, wurde noch im gleichen Jahre unter der Patronage Frankreichs die Kleine Entente (Jugoslawien, Tschechoslowakei, Rumänien) geschaffen. Diese Kleine Entente wurde in der Literatur häufig als reines Bollwerk gegen das Wiederaufleben eines ungarischen Revisionismus gedeutet, eine Sichtweise, die den explizit antibolschewistischen Akzent des Bündnisses ignoriert.
Die Westmächte hatten richtig erkannt, dass ein für Ungarn nur sehr schwer erträgliches Ergebnis zur Radikalisierung des internen politischen Klimas, zu irredentistischen und ultra-nationalistischen Manifestationen führen würde. Immerhin hatte Lloyd George schon im März 1919 erklärt, dass es in Mitteleuropa keinen Frieden geben würde, wenn es in jedem Nachbarstaat Ungarns eine große ungarische Minderheit gäbe. Das Argument wurde aber nicht weiterverfolgt, und die Meinung von Lloyd George wurde sogar von seinem eigenen Außenministerium heruntergespielt. Im Fokus stand eindeutig die bolschewistische Gefahr, die von Ungarn ausging.
Selbst wenn es auf der Konferenz hätte mitreden können, wäre Ungarn aus innenpolitischen Gründen wohl handlungsunfähig gewesen. Nach der Beendigung des Bela Kun-Experiment war das Klima theoretisch günstiger, aber ein weiterer Faktor wirkte sich zu Ungunsten Ungarns aus: Die Müdigkeit, die sich nach vier Jahren Krieg und über einem Jahr diplomatischer Verhandlungen aufgestaut hatte. Harold Nicolson bemerkte in seinem Tagebuch, dass es ein Fehler war, dass man Ungarn nach dem Fall von Bela Kun nicht zu Gesprächen eingeladen hatte, fügte allerdings hinzu: „Es wäre sowieso nicht wichtig gewesen.“ Nicolson hatte absolut Recht: Es war zu spät, um Ungarn einzuladen. Die Entscheidungen waren bereits getroffen worden, und die Delegierten wollten diesen diplomatischen Marathon so schnell wie möglich beenden. Also erhielt Ungarn eine Einladung zur Schlusssitzung vom französischen Ministerpräsidenten Clemenceau. Die von Graf Albert Apponyi geleitete Delegation traf am 6. Januar 1920 in Paris ein. Der Vertragsentwurf, über den die Diskussionen begannen, war tatsächlich identisch mit dem Text, der zu Beginn des Jahres 1919 auf technischer Ebene vereinbart worden war. Erst von diesem Moment an begann Ungarn, seine eigenen Argumente vorzulegen. Das einzige Argument, das als akzeptabel angesehen werden konnte, betraf die Organisierung von Volksabstimmungen in Gebieten, die anderen Staaten zugefallen waren, in denen aber eine erhebliche ungarische Minderheit lebte. Aber dafür war es inzwischen zu spät. Beispielsweise der in Alba Iulia zum Ausdruck gebrachte Wille zum Anschluß Siebenbürgens an Rumänien war bereits umgesetzt worden und konnte nicht mehr angefochten werden. Da dieser Weg also derzeit nicht gangbar war, verfolgte die ungarische Delegation einen anderen Ansatz. Apponyi erkannte, dass der Logik, Grenzen nach rein ethnischen Kriterien zu ziehen, nur eine Mischung ethnischer und wirtschaftlicher Erwägungen entgegengesetzt werden konnte. Nach der Rückkehr der ungarischen Delegation nach Budapest begannen die spektakulärsten und verzweifeltsten Verhandlungen vor dem Vertrag von Trianon: Ungarn versuchte, sich an Frankreich anzulehnen, und bot ihm im März 1920 einen Vertrag über den Bau eines Handelshafens an der Donau und die Mehrheitsanteile an der ungarischen Kreditbank an. Ungarn erwartete von Frankreich eine ihm gewogenere Haltung bei den Pariser Verhandlungen mit Rumänien und der Tschechoslowakei als Gegenleistung für diese Zugeständnisse. Der Versuch Ungarns, günstigere Bedingungen herbeizuführen, wurde von Maurice Paleologue, dem neuen Generalsekretär des französischen Außenministeriums, brüsk zurückgewiesen. Frankreich war zur Ansicht gelangt, dass es seine außenpolitischen Ziele in Mitteleuropa nur auf der Grundlage seiner ursprünglichen Position wirksam durchsetzen könne, und die Zugeständnisse Ungarns wurden als belanglos eingestuft. Die Gespräche wurden im Mai 1920 unter der Führung des neuen Premierministers Etienne Millerand wieder aufgenommen, der Clemenceau abgelöst hatte. Millerand begann den Dialog mit Apponyi in einem kompromißlosen Ton: „Ein Zustand, auch ein tausendjähriger, kann nicht existieren, wenn sich herausstellt, dass er gegen die Gerechtigkeit verstößt.“ Der Antrag auf Volksabstimmungen wurde ebenfalls ausdrücklich abgelehnt. Millerands Begründung verdient es, vollständig wiedergegeben zu werden: „Der Wille des Volkes wurde im Oktober und November 1918 anlässlich des Zusammenbruchs der Doppelmonarchie zum Ausdruck gebracht, als sich die so lange unterdrückten Völker für die Einheit mit ihren italienischen, rumänischen, jugoslawischen und tschechoslowakischen Brüdern aussprachen. Die Ereignisse, die seitdem stattgefunden haben, sind ein weiterer Beweis für die Gefühle der Nationalitäten, die in der Vergangenheit der Krone des heiligen Stephanus unterworfen waren. Die verspäteten Maßnahmen der ungarischen Regierung, um die Forderung der Nationalitäten nach Autonomie zu erfüllen, können keine Illusionen hervorrufen. Seit langem sind alle Bemühungen der ungarischen Politik darauf gerichtet, dass die Stimme ethnischer Minderheiten nicht gehört wird. “

Ungarn hatte damit praktisch keine Spielkarten mehr. Die einzige Reaktion bestand folglich lediglich darin, den Vertrag von Trianon von zweitklassigen Beamten unterzeichnen zu lassen, um die Unterschrift nicht als beschämende Kapitulation erscheinen zu lassen. Der Vertrag wurde am 4. Juni 1920 von einem ungarischen Minister und dem Botschafter in Frankreich unterzeichnet. Die 1919 weitgehend abgeschlossenen Grenzziehungen hätten nur durch Bschluss der Westmächte geändert werden können, eine Möglichkeit, die allerdings nie in Erwägung gezogen wurde. Die technischen Kommissionen, die während der Pariser Friedenskonferenz arbeiteten, hatten ein begrenztes Mandat: eine Begründung für die Ziehung der Grenzen zu formulieren, die de facto bereits gezogen worden waren. Die von Ungarn vorgeschlagenen Volksabstimmungen waren damit obsolet geworden. Hätte beispielsweise eine solche Volksabstimmung im Szeklerland stattgefunden, so hätte ein Votum für Ungern dennoch keine Berücksichtigung finden können, da das Gebiet zu weit von der Grenze entfernt war. Selbst in den Grenzgebieten – Arad, Oradea, Satu Mare -, die zu dieser Zeit von einer ungarischen Mehrheit bevölkert waren, wäre eine Volksabstimmung nicht schlüssig gewesen. In diesen Städten lebten nämlich inzwischen kompakte in rasantem Anwachsen befindliche rumänische Gemeinschaften. Das gleiche wäre in den von Ungarn in der Slowakei bewohnten Gebieten gewesen. Die einzige Region, in der die Logik der Volksabstimmung hätte funktionieren können – und funktioniert hat -, war das Sopron(Ödenburg)- Gebiet. Die Volksabstimmung fand anderthalb Jahre nach dem Vertrag von Trianon im Dezember 1921 statt, und 2/3 der Befragten stimmten für die Eingliederung nach Ungarn. Es war eine minimale Entschädigung, die Ungarn erhielt – tatsächlich die einzig mögliche in diesem Zusammenhang. Wie kann man sich am Ende die Tatsache erklären, dass Ungarn 2/3 seines Territoriums und 68% seiner Bevölkerung von vor 1918 verloren hat? Dieser enorme Verlust ist nicht auf Friedensverhandlungen oder auf die Niederlage Österreich-Ungarns im Krieg zurückzuführen (Deutschland hat auch eine Niederlage erlitten und trotzdem außer den immer umstrittenen Landschaften Elsaß und Lothringen nur einen winzigen Teil seines Territoriums von vor 1918 eingebüsst). Die bolschewistische Herrschaft über Budapest spielte wohl die entscheidende Rolle für die Unfähigkeit Ungarns, einleuchtende Argumente zu seinen Gunsten zu formulieren und in Paris Gehör zu finden. Der Vertrag von Trianon war darüberhinaus die logische Folge der Verhältnisse in Ungarn im letzten Jahrhundert. Seit 1848 war die grundlegende Frage der ungarischen Liberalen, wie ein liberales und ein demokratisches Modell ohne Gleichberechtigung der Minderheiten hätte funktionieren können. Diejenigen, die argumentierten, dass eine Gleichberechtigung der Minderheiten der einzige Weg sei, das liberale Modell durchzusetzen, waren letztendlich in der Minderheit. Schließlich wurde sogar das Modell einer einzigen und einheitlichen Nation proklamiert, nämlich der ungarischen. Die Folge war eine rücksichtslose Magyarisierungspoilitik mit dem langfristigen Ziel, alle Minderheiten allmählich zu assimilieren. Rumänen, Slowaken, Kroaten, Serben usw. betrachteten Ungarn folglich nicht mehr als ihren Staat. Ihr Streben nach Unabhängigkeit und ihre Schritte dazu fügten sich nahtlos in in das mittlerweilemzur Norm erhobene Prinzip des Selbstbestimmungsrechts der Völker, das in den 14 Wilsonschen Punkten seinen politischen Niederschlag fand. Die entscheidenden strukturellen Weichenstellungen erfolgten aber, wie oben dargelegt, fast vollständig im Vorfeld des Vertrags von Trianon, der diese Entscheidungen dann lediglich legitimierte.

Schlußfolgerungen

Tatsächlich hat das Datum des 4. Juni 1920 nicht die Bedeutung eines historischen Ereignisses an sich, sondern die eines Augenblicks, an dem eine historische Periode endete. Für die Ungarn war und ist dieser Moment ideologisch übersteigert und bis heute wird dieses Datum nationalpathetisch als säkulares Unrecht gebrandmarkt und das Vorkriegsungarn nostalgisch beschworen. Für Tschechen, Rumänen, Slowaken, Kroaten und Serben gibt es aber auch keinen keinen Grund zum Feiern – die Forderungen dieser Nationen wurden allesamt schon vor dem 4. Juni 1920 vollständig erfüllt. Für die Gegenwart ist wichtig: Die Idee, die Unterzeichnung des Vertrags von Trianon in Rumänien zu feiern, hat keine Grundlage, weil sie nicht auf der Kette historischer Ereignisse beruht, sondern aktueller ideologischer Propaganda geschuldet ist. Sobald die Trianon-Obsession bei den Ungarn und den Rumänien verschwindet, ist der Weg zur Aussöhnung zwischen Ungarn und Rumänen offen.

1921, Jahr der Entscheidungen in Rumänien

Dieser Text geht auf einen Vortrag zurück, den der Autor anläßlich der Deutschen Kulturtage 2021 in Schäßburg gehalten hat.

1921, ein Jahr der Entscheidungen in Rumänien

1. Einleitung

Spätestens im Juni 1920 mit dem Abschluss des Vertrags von Trianon waren alle vertraglichen Regelungen zur Schaffung eines erheblich vergrößerten Rumäniens, im Sprachgebrauch euphorisch „Großrumänien“ genannt, zum Abschluss gebracht worden. Dem sogenannten „Altreich“, also dem Königreich Rumänien zu Beginn des 1. Weltkrieges, waren Bessarabien, die Bukowina, die Süddobrudscha, das historische Siebenbürgen, das Sathmarer Gebiet, das Kreischgebiet, die Maramuresch und das östliche Banat angegliedert worden. Das große Ziel, alle Rumänen zu vereinen, war so gut wie erreicht. Außerhalb des Staatsgebietes blieben Angehörige des rumänischen Volkes nur noch in Jugoslawien, nämlich im westlichen Teil des Banats mit einem dortigen Bevölkerungsanteil von 10%. Andererseits war kein geschlossener Nationalstaat entstanden, weil in beträchtlichem Maße eine nichtrumänische Bevölkerung mit übernommen wurde, die noch Probleme bereiten sollte. Rumänien war nun aber ein Land geworden, dessen Territorium und dessen Bevölkerung sich mehr als verdoppelt hatten, und es galt als „saturiert“.

Die Freude, die das Rumänentum darüber erfasste, dass es jetzt gemeinsam in einem Staat leben konnte, verdeckte nur unzureichend die erheblichen wirtschaftlichen, sozialen und politischen Probleme, die nun bewältigt werden mussten. Die hinzugewonnen Gebiete waren nicht nur historisch sehr unterschiedlich gewachsen und infolge dessen sehr heterogen, sondern standen wirtschaftlich, sozial und kulturell auch auf sehr unterschiedlichen Stufen. Umso schwieriger wurde ihre Integrierung, als die Bukarester Führung sich bei der Neugestaltung des Staates am französischen Modell eines rigorosen Zentralismus orientierte. Seine Durchsetzung führte vielerorts zu großer Unzufriedenheit und zu erheblichen Spannungen.

Zwei Problemfelder bedurften darüberhinaus einer vordringlichen und möglichst sofortigen Bewältigung:

  1. die längst überfällige Lösung der „Bauernfrage“ (chestia taraneasca)
  2. Absicherung gegenüber eventuellen Revisionsbestrebungen der Verliererstaaten, die die neu hinzugewonnenen Gebiete hatten abtreten müssen.

Beide Probleme erfuhren 1921 eine weitgehende Behandlung, wenn auch nicht eine abschließende und voll befriedigende Lösung.

2. Die Bodenreform von 1921

2.1. Allgemeines

In der Literatur wird das Gesetzeswerk zur Landwirtschaft vom Jahre 1921 in der Regel als Agrarreform bezeichnet. Dieser allgemeine Begriff trifft aber nicht den tatsächlichen Tatbestand und die dahintersteckende Absicht der Gesetzgeber. Es handelte sich nämlich vielmehr um eine Landreform bzw. Bodenbesitzreform in großem Ausmaß. Alleiniges Ziel war es, die Masse der verarmten Bauern mit ausreichend großem Landbesitz zu versorgen, um sie in die Lage zu versetzen, sich selbst zu ernähren. Großzügige Änderungen in den landwirtschaftlichen Produktionstechniken und -methoden bzw. Vermarktungsmechanismen waren nicht Gegenstand der Gesetzgebung.

2.2. Die Bauernfrage, ein politischer „Dauerbrenner“ in Rumänien

Die Bauernfrage in Rumänien ist so alt wie der Staat selbst. Als Alexandru Ion Cuza im Januar 1859 in beiden Donaufürstentümern, also Moldau und Walachei, zum Fürsten gewählt wurde, und wodurch der Staat Rumänien seinen Anfang nahm, trat er an die Spitze eines infolge seiner spezifischen Geschichte äußerst rückständigen Landes. Der französisch geprägte und aufgeklärte Offizier Cuza war beseelt von den Idealen der französischen Revolution und hatte sich auch an den Wirren des Jahres 1848 beteiligt. Am augenfälligsten war für ihn die extrem missliche Lage der Bauern, die die überwältigende Bevölkerungsmehrheit des Landes ausmachten. Mit einem ungezügelten Ehrgeiz machte er sich sofort daran, auf allen Gebieten Reformen in die Wege zu leiten mit dem Ziel, das Land binnen kürzester Zeit zu modernisieren. Bei dem Vorhaben, die Bauernfrage zu lösen, stieß er, wie zu erwarten war, auf den erbittertsten Widerstand der äußerst konservativen Führungsschicht. Während der Debatten um die Lösung der Bauernfrage bildeten sich im übrigen die politischen Parteien, die dann die Geschicke des Landes bis in die Zeit nach dem 1. Weltkrieg bestimmten: Die Liberale Partei, die überwiegend von dem aufgeklärten Bürgertum getragen wurde und die Konservative Partei, die die großen Grundbesitzer repräsentierte. Um eine Lösung der Bauernfrage zu erzwingen, löste er am 2. Mai 1864 in einem Staatsstreich das Parlament auf und ließ sich per Volksabstimmung das alleinige Recht, Gesetze einzubringen, verleihen. Sein loyaler Mitarbeiter Mihai Kogalniceanu brachte dann auch problemlos ein umfangreiches Agrargesetz durch. Die Regelungen stellten insofern einen Fortschritt dar, als sie die Bauern von den bisher erzwungenen Arbeitsleistungen und von sonstigen Zwangsabgaben befreite und sie zu freien Eigentümern machte. Etwa 500.000 Bauern erhielten ein Stück Land. Doch wie sich bald zeigte, reichten die zugeteilten Flächen vielfach nicht einmal für das Existenzminimum aus. Die Folge waren Verschuldungen sowie die Notwendigkeit, Felder hinzu zu pachten oder schlecht entlohnte Dienstleistungen für Grundeigentümer zu erbringen. Im Lauf der Jahre verarmte das Gros der Bauern weiter, und ihre Lage blieb nach wie vor das gravierende Problem Rumäniens.

Es kamen auch nach dem Sturz von Cuza im Jahre 1866 (Sein Nachfolger wurde bekanntlich Fürst Karl von Hohenzollern-Sigmaringen.) in kurzen Abständen immer wieder landwirtschaftliche Gesetze zustande, die allerdings keine befriedigende Lösung dieser eminent wichtigen Frage erreichen konnten.. In den Jahren, die dem großen Bauernaufstand von 1907 vorausgingen, war wieder ein Höhepunkt der Auseinandersetzung um die Bauernfrage zu erkennen. Hauptsächlich innerhalb der Liberalen Partei nahmen sich immer mehr Politiker dieser Fragen an. Aber auch in konservativen Kreisen und solchen, die außerhalb der beiden großen Parteien standen, spielte sie wieder eine bedeutendere Rolle. Ihre damals aktuelle Bedeutung beschreibt in Jahre 1906 Vasile M. Kogalniceanu, der Sohn des Bauernbefreiers von 1864 Mihai Kogalniceanu: „In letzter Zeit … hat die Bauernfrage wieder begonnen, die Gemüter zu beschäftigen; das Interesse für diese große Frage beginnt sich mächtig zu manifestieren und die aufgeklärten Meinungen unseres Landes sind überzeugt davon, daß die Lage der Dinge im Bezug auf die Bauernschaft nicht auf einen gesunden, festen Fundament ruht“. Allgemein wurde die Bedeutung der Bauernfrage gespürt. G. Ionescu- Sisesti schrieb 1916: „Nach 1900 waren Gewitterwolken zu erkennen. Männer mit Bildung, die verstanden, daß das Land nicht nur uns allein gehört, sondern auch den unfertigen Generationen, die nach uns kommen werden, fühlten, daß die Luft schwer war und der Leidenskelch umherging“. Über die Bedeutung der Bauernfrage waren sich in der Tat auch alle Politiker einig. In der Auseinandersetzung ging es deshalb auch nur um die Methode ihrer Lösung.

Da die Konservativen in starkem Maße den rumänischen Großgrundbesitz repräsentierten, waren sie natürlicherweise auch versucht, den Großgrundbesitz möglichst zu erhalten und konnten an einer Umstrukturierung der landwirtschaftlichen Besitzverhältnisse nicht interessiert sein. Es wurde innerhalb der beiden konservativen Gruppierungen viel geschrieben und gesprochen, und alle waren sich darin einig, daß man den Großgrundbesitz so erhalten müsse, wie er im Augenblick war. Als Zusammenfassung aller konservativen Meinungen zur Bauernfrage kann eine Parlamentsrede des Junimisten (Die Junimisten waren ein Parteiflügel unter Führung des großen Staatsmannes Petru Carp, der aus einem stark germanophilen literarischen Zusammenschluß hervorgegangen war. Zu den Junimisten zählten bedeutende Dichter und Literaten wie Mihai Eminescu, Vasile Alexandri, Barbu Delavrancea und Titu Maiorescu.) N. Filipescu gelten, die 1907 auch als Broschüre in den Handel kam. Sein programmatischer Standpunkt lautete: „Wir Konservative wollen eine möglichst aktive Intervention des Staates bezüglich der Produktion … Was die Umverteilung anbelangt, so wollen wir lieber den Arbeitern unsere Hilfe geben, damit ihnen eine möglichst große Gerechtigkeit widerfährt, bei den Verträgen zwischen den zwei Produktionsfaktoren, aber nur soweit, daß die Energie des einzelnen nicht nachläßt . . . Sie (die Liberalen) haben eine andere Konzeption. In der Frage der Produktion intervenieren sie nicht, tun sie nichts. Was aber die Umverteilung anbelangt, geben sie sich einer Operation von extremer Vereinfachung hin, die darin besteht, daß man dem einen nimmt, und dem anderen gibt, ganz gleich ob es sich lohnt oder nicht“. Seine These war, daß genügend Verdienstmöglichkeiten bestünden und die Bauern sie nur nicht ausnutzten. Die einzige Lösung bestehe in der beruflichen und kulturellen Erziehung der Bauern, eine These, die alle Konservativen von Petru Carp übernommen hatten.

Ganz anders waren viele Auffassungen im liberalen Lager. Seit der Jahrhundertwende begann eine Reihe von liberalen Historikern und Politikern, sich in verstärktem Maße der Bauernfrage anzunehmen, und zwar nicht vom alleinigen Standpunkt des Großgrundbesitzers aus wie die Konservativen, sondern sie gingen daran, die wirtschaftliche und soziale Lage der Bauernschaft gründlich zu analysieren und weitgehende Modelle zur Lösung der Bauernfrage zu entwickeln. Besonders engagiert waren Radu Rosetti, G. D. Scraba, G. D. Creanga, Spiru Haret und Vasile M. Kogalniceanu. Radu Rosetti, der eines seiner Bücher unter dem Eindruck der Aufstände kurzfristig in „Pentru ce s’au rasculat taranii“ (Warum haben sich die Bauern erhoben?) umbenannt hatte, wies in seiner Schlußfolgerung auf die Brisanz und fundamentale Bedeutung der Bauernfrage hin: „Sind wir im Recht, wenn wir folgern, daß, wenn sich im augenblicklichen Stand der Dinge keine Änderung vollzieht, die Zeit nicht weit ist, in der der Bauer sich mit einem Zehntel begnügen muß und der Herr die übrigen neun Zehntel für sich in Anspruch nimmt . . . ? Wundern wir uns noch, daß er unzufrieden ist, daß seine Unzufriedenheit im Laufe der Jahre zu kochen beginnt? Wessen Schuld ist es, wenn diejenigen, deren Pflicht es ist, Obacht zu geben, die Augen schließen, damit sie nicht sehen, wie es kocht, und sich einbilden, das Überlaufen der Unzufriedenheit zu verhindern, wenn sie den Deckel festhalten? Haben sie nicht daran gedacht, daß die siedende Unzufriedenheit das ganze Gefäß in Stücke reißen kann“? Sehr prophetische Worte!

2.3. Der Bauernaufstand vom Frühjahr 1907 und seine Folgen

Die äußerst beklagenswerte Lage der Bauern erfuhr eine Verschärfung durch ein Phänomen, das es in anderen Ländern der Region so nicht gab: Das Zwischenpächtertum.
Die meisten landbesitzenden Bojaren, die sich überwiegend in der Hauptstadt oder im Ausland (bevorzugte Aufenthaltsorte waren Paris oder Monte Carlo) aufhielten, verpachteten ihren Grundbesitz exklusiv an Pachtunternehmer, die in der Regel das Land en gros oder parzelliert an Unterpächter weitergaben, und die nun ihrerseits Pachtverträge mit Unterunterpächtern oder direkt mit den Bauern abschlossen. Auf allen Ebenen dieser Pachtgeflechte wurden auf Kosten der Bauern hohe Gewinne erzielt. Im Verlauf der Jahre entstanden monopolartige Pächtertrust, die den Bauern immer höhere Verpflichtungen aufzwangen und die weitere Verarmung der Landbevölkerung massiv vorantrieben. Diese Pächtertrusts setzten sich speziell in der Moldau überwiegend aus jüdischen Familien aus der Bukowina zusammen (Fischer, Costiner, Juster waren die bekanntesten Namen), die über riesige Landflächen verfügten. Allein die Familie Fischer hatte in den Bezirken Dorohoi, Botosani und Iasi über 100.000 Hektar unter Kontrolle. Sie verwalteten aber nicht nur Privatländereien, sondern auch Staatsgüter und Besitzungen von Versicherungen und Stiftungen. Der Publizist Nicolae Iorga nannte diese Gebiete sarkastisch „Fischerland“. Es ist also nicht

verwunderlich, dass es Agitatoren, wie es damals auch Iorga war, leicht fiel, in der Bauernschaft, die ohnehin gegenüber allen Fremden Mißtrauen entgegenbrachte, einen aggressiven Antisemitismus zu schüren. Es ist auch nicht verwunderlich, dass im Februar 1907 die blutigste Bauernrevolte der Neuzeit in Europa ihren Ausgang auf den von Marcu Fischer in Pacht gehaltenen Gütern im Bezirk Botosani nahm. Und es ist schließlich auch nicht verwunderlich, dass die plündernden und mordenden Bauernbanden anfänglich den Eindruck hinterließen, es handele sich um ein ausgedehntes Judenpogrom, wie es in Russland häufiger vorkam. Leidtragende waren Tausende von Juden in den Kleinstädten und Marktflecken, die häufig selbst in großer Armut lebten und jetzt ihr kärgliches Hab und Gut verloren, sofern ihnen nicht rechtzeitig die Flucht in die größeren Städte oder in die Bukowina gelang. Etliche Hundert kamen dabei sogar ums Leben.

Je weiter sich die Revolte nach Süden ausdehnte, wo der jüdische Bevölkerungsanteil immer geringer wurde, umso mehr nahm das Plündern und Morden anarchischen und unübersichtlichen Charakter an. Die Situation spitzte sich dramatisch zu und es wurde immer klarer, dass die von den Konservativen geführte Regierung nicht mehr Herr der Lage war. Wie ernst die Lage war, zeigten auch öffentliche Überlegungen der österreichisch-ungarischen Regierung, militärisch einzugreifen und das Land von außen her zu befrieden. Um dem zuvorzukommen entließ der König die Regierung und ernannte den Liberalen D.A.Sturdza zum Regierungschef mit dem klaren Auftrag, die Bauernerhebung mit allen erforderlichen Mitteln niederzuschlagen. Diese Aufgabe oblag nun nicht mehr den überforderten Polizeikräften sondern dem neuen Kriegsminister Alexandru Averescu und der Armee. Averescu ergriff auch sofort energische Maßnahmen und ging sogar mit schwerer Artillerie gegen die Bauern vor. Ohne Rücksicht auf Tausende von Opfern kartätschte er binnen weniger Tage die Bauernbanden zusammen und stellte so die Ruhe wieder her. Seither hing ihm der Ruf des Bauernschlächters an, und es gehört zu der Ironie der Geschichte, dass es 1921 ausgerechnet ihm als Ministerpräsidenten oblag, die längst fällige Bodenreform durchzuführen. Die blutigen Ereignisse während des Aufstandes und sein tragisches Ende hinterließen in der rumänischen Öffentlichkeit eine tiefe Betroffenheit und sind im kollektiven Gedächtnis bis heute präsent.
Unmittelbar nach der Niederschlagung des Aufstandes wurden in aller Hast die dringlichsten Gesetze zur Entspannung der Lage verabschiedet, die jedoch von Anfang an als Provisorium verstanden wurden. Eine umfangreiche Agrargesetzgebung wurde auf einen späteren Zeitpunkt verschoben. Diese vorläufigen Gesetze waren folgende:

  1. Gesetz zur Regelung der landwirtschaftlichen Kontrakte
  2. Gesetz zur Schaffung einer Agrarbank
  3. Gesetz zur Einschränkung der Trusts

2.4. Gesetzliche Regelungen der Bodenreform von 1921

Die drei nach der Niederschlagung des Bauernaufstandes von 1907 erlassenen Gesetze kamen trotz der großen Betroffenheit, die der Aufstand verursacht hatte, nicht gleich zur Anwendung, sondern wurden wie vieles in der rumänischen Geschichte verschleppt. Die Balkankriege und der 1. Weltkrieg ließen dann natürlich die Bauernfrage zusätzlich verblassen. Erst in der größten militärischen Not erinnerte sich König Ferdinand daran, daß seine Soldaten in ihrer überwältigenden Mehrheit Bauernsöhne waren, und kündigte zu ihrer Aufmunterung und Stärkung ihrer Kampfkraft in zwei Reden am 5. und 6. April 1917 eine umfassende Agrarreform an: „Bauernsöhne…….Land wird euch gegeben“. Damit war die Bauernfrage wieder auf der Tagesordnung, und es wurde ein Versprechen abgegeben, das Ferdinand nach dem für Rumänien glücklichen Kriegsausgang nun auch einhalten mußte.

In der Tat trat Rumänien nach der vertraglichen Absicherung „Großrumäniens“ durch die Pariser Verträge in sozialpolitischer Hinsicht mit einem Paukenschlag an, mit einer umfassenden Bodenreform.
Durch die schon lange zurückliegende Reform unter Fürst Cuza 1864 hatten die Bauern in der Walachei und der Moldau eigenes Land bekommen, das aber für den Lebensunterhalt nicht ausreichte. Der große Aufstand 1907 hatte drastisch vor Augen geführt, daß Änderungen unumgänglich waren. Diese waren um so dringender, als drei Viertel der Bevölkerung von diesen Schwierigkeiten betroffen waren; so hoch war der Anteil derjenigen an der Gesamtbevölkerung, die auf dem Land und vom Land lebten. Von ihnen verfügten sogar 77% nur über kleine und kleinste Flächen (unter 5 ha). Die Lage vieler Kleinbauern wurde verschärft durch den Geburtenüberschuss sowie durch die geringe Ertragskraft ihrer ohnehin kleinen Flächen. Pachtung von zusätzlichen Feldern, deren Pachtkosten dann doch nicht erwirtschaftet werden konnten, sowie Verschuldungen aus anderen Gründen waren die Folgen. Ein ähnlich ungünstiges Bild bot sich in den neuen Gebieten. Ausnahmen waren lediglich Siebenbürgen und das Banat. Hier bestand zwar ebenfalls ein ausgedehnter Großgrundbesitz, aber er war durch ein solides Mittelbauerntum aufgelockert. Zu letzterem gehörten die Siebenbürger Sachsen, die Szekler und die Banater Schwaben, die seit Jahrhunderten eigenen Grund und Boden besessen hatten.

Nachdem König Ferdinand I. im April 1917 die Agrarreform verkündet hatte, trieb Bessarabien, das sich auf dem Weg zum Anschluß an Rumänien befand, die Entwicklung voran. Dort war es im Sommer 1917 zu spontanen Landesbesetzungen gekommen; Bauern hatten Güter des abgedankten Zaren, abwesender Grundeigentümer und sonstige Landflächen an sich genommen. Der ab November 1917 als Landesparlament amtierende Sfat Tarii (Landesrat) stellte sich hinter diese Entwicklung und machte sie, neben einer Autonomie des Landes, zur Bedingung für den Anschluß an Rumänien. Weil der administrative Zusammenschluss der verschiedenen Gebiete noch im Gange war, das Projekt aber eilte, wurde es durch Einzelgesetze in Angriff genommen. Im Dezember 1918 ergingen für Bessarabien sowie für das Altreich solche Gesetze. 1919 folgte das siebenbürgische provisorische Landesgremium (Consiliul Dirigent) für Siebenbürgen. Die endgültigen Fassungen kamen 1920 und 1921, wiederum in getrennten Gesetzen, für die Süd-Dobrudscha jedoch erst 1924. Eine Regierung unter dem „Kriegshelden“ Averescu, der 1907 die Bauernerhebung zusammengeschlagen hatte, trug 1920 und 1921 die Verantwortung für die Durchführung der Agrargesetze. Interessenvertreter der Großgrundbesitzer hatten darauf gedrängt, das Verfahren zum Abschluss zu bringen, um noch radikalere Enteignungen zu verhindern.

Die Gesetze hatten zum Inhalt: vollständige Enteignung der Ländereien der Krone, der Ausländer, von „Absentisten“ (Personen, die ihr Land über längere Zeit hinweg verpachtet hatten) sowie von Körperschaften. Aller übrige Grundbesitz war ebenfalls zu enteignen, wobei 100 bis 500 ha (je nach Bodenqualität) verbleiben durften. Die Entschädigung übernahm der Staat durch langfristige Schuldverschreibungen. Von den Entschädigungen hatten diejenigen Bauern, die Land erhielten, die Hälfte zu übernehmen. Die Regelung hinsichtlich der Süd-Dobrudscha zog sich bis 1924 hinaus, weil hier Besonderheiten aus der türkischen Zeit zu überwinden waren. Es gab Eigentum (mülk) und Nutzung (müre), die jedoch nicht streng auseinandergehalten worden waren. Die Rechtslage war in Einzelprüfungen zu klären.

2.5. Die Bodenreform von 1921 und die Siebenbürger Sachsen.

Eines der Hauptprobleme dieses Reformwerkes war, dass die Landesteile sehr unterschiedliche Voraussetzungen mitbrachten und nicht einer einheitlichen Behandlung hätten unterworfen werden sollen. Nicht nur die Größenordnungen der Besitzverhältnisse waren sehr unterschiedlich, sondern auch die Eigentumsformen divergierten zum Teil gravierend. Die riesigen Latifundien, wie sie im Altreich vorzufinden waren, gab es in Siebenbürgen nicht. Andererseits gab es in Siebenbürgen viel Gemeinschaftsbesitz (Gemeindegrund, Hutweide usw.), was im Altreich nicht der Fall war. Ebenso hatte es das Pachtunwesen, das im Altreich zu den grotesken Verwerfungen geführt hatte, in Siebenbürgen nie gegeben. Auch die Produktivität der Böden und ihre landwirtschaftliche Nutzung war in den verschiedenen Landesteilen sehr unterschiedlich. Zwar hat man versucht, durch verschiedene regionsbezogene Gesetze diesen Tatbeständen Rechnung zu tragen, aber das Bedürfnis nach Nivelierung kennzeichnet letztendlich doch alle diese Gesetze. Ihre Durchführung wurde zudem durch unterschiedlich Auslegung und Korruption konterkariert. In großen Teilen des Altreiches wurde beispielsweise die Bemessung der zu enteignenden Flächen nach einzelnen Gütern und nicht nach Besitzern einer Gesamtfläche wie in Siebenbürgen berechnet. Eine praktische Erschwernis war auch die Tatsache, dass es in Siebenbürgen und dem Banat seit dem 19. Jahrhundert Katasterämter gab, die im Altreich komplett fehlten und dort deren Schaffung erst nach 1990 in Angriff genommen wurde. Bei der dort notwendigen Landvermessung waren der Korruption Tür und Tor geöffnet. Das galt auch für die Kategorie der „Absentisten“, d.h. für Eigentümer, die seit Jahrzehnten im Ausland lebten und sich um ihre Besitzungen nicht persönlich kümmerten.

In der subjektiven Wahrnehmung empfanden die Ungarn, Szekler, Sachsen und Schwaben dieses Reformwerk als nationale Benachteiligung und den Versuch der Rumänisierung ihrer Siedlungsgebiete. Natürlich waren die Profiteuere in erster Linie die rumänischen Bauern, da die Ungarn und Sachsen und Schwaben in der Regel ausreichend mit Land versorgt waren und eher Bodenflächen abtreten mußten als welche zuerkannt zu bekommen. Dass eine beabsichtigte „Rumänisierungspolitik“ nicht ganz aus der Luft gegriffen war, zeigte die Tatsache, dass freie Grundstücksflächen in den Städten, deren Bevölkerungscharakter stark ungarisch oder sächsisch geprägt war, mit Vorliebe an rumänische Beamte und Unternehmer vergeben wurden, und so die nationale Homogenität dieser Stadtteile durchbrochen wurde.

Schon in den Karlsburger Beschlüssen war eine umfassende Agrarreform proklamiert worden. Im Gegensatz zum rumänischen Altreich kamen in den früher zu Ungarn gehörigen Teilen Großrumäniens zu den sozialen auch nationale Gründe hinzu. Die Bestimmungen unterschieden sich deutlich voneinander.

Unter den Sachsen gab es nur wenige größere Grundeigentümer.
Deshalb waren die den sächsischen Privatpersonen enteigneten Flächen auch nicht sehr erheblich. Um so schlimmer erging es den sächsischen Körperschaften und Stiftungen. Die Nationsuniversität verlor mit einem Schlag ihren großen Grundbesitz, vor allem die vorbildlich bewirtschafteten Siebenrichter-Waldungen. Die Kirchengemeinden durften höchstens 32 Kat.-Joch (18,4 ha) behalten. Damit verlor die evangelische Kirche 55 % ihres Landbesitzes, aus dessen Erträgen sie ja bisher das deutschsprachige Schulwesen finanziert hatte. Auch die sächsischen Gemeinden wurden hart betroffen. In den Dörfern des früheren Königsbodens machte die Gemeinerde (Allmende), die ihrem Wesen nach nicht Gemeinde-, sondern Gemeindegliedervermögen darstellte – aber bei der Agrarreform nicht so behandelt wurde -, im Durchschnitt bis zur Hälfte der Gesamtgemarkung aus. Sie war ein wichtiger Teil der Ertragsbasis der Kleinbetriebe. Auch davon wurden große Flächen enteignet. Die Gesamtdaten wurden zwar nicht veröffentlicht; wir wissen aber, daß z. B. die Gemeinden Großau, Heltau und Talmesch 57 % ihres Gemeinbesitzes verloren.

Mit der Enteignung des Gemeinschaftsbesitzes wurde nicht nur die wirtschaftliche Basis der bäuerlichen Kleinbetriebe geschmälert; es fehlten vor allem die Einnahmen zur Deckung der Ausgaben für das deutschsprachige Schulwesen. Deshalb mußten die Schul- und Kirchensteuern empfindlich angehoben werden; sie waren nun in der Regel höher als die direkten Steuern des Staates!
Den Gemeinschaftseinrichtungen der Siebenbürger Sachsen kamen auch weitere wichtige Einkünfte nicht mehr zugute. Vor allem jene der sächsischen Banken, die satzungsgemäß mindestens 10 % ihres Gewinns-in der Regel erheblich mehr-gemeinnützigen Einrichtungen spendeten. Durch einen ungünstigen Währungsumtausch, die Zeichnung hoher Staatsanleihen, die mit einem Schlag nur noch Altpapierwert hatten, und eine Inflation verloren sie ihre gesamten Reserven. Der nächste Schlag kam durch die Weltwirtschaftskrise mit ihren Zusammenbrüchen und späteren Umschuldungsaktionen. Durch diese Entwicklung hatten die sächsischen Banken trotz großer Fusionen nur noch einen Bruchteil ihrer früheren wirtschaftlichen Bedeutung.
Das wiederum wirkte sich auf die gesamte Wirtschaft der Siebenbürger Sachsen äußerst ungünstig aus; es kam zu einem chronischen Kapitalmangel bei schlechter Auftragslage. Die Situation verbesserte sich erst kurz vor Beginn des Zweiten Weltkrieges, vor allem durch einen deutsch- rumänischen Wirtschaftsvertrag.
Die sächsische Landwirtschaft hatte nicht nur die „Agrarreform“ mit ihren Unsicherheiten zu verkraften; auch die Kommassationen (Flurbereinigungen) wurden eingestellt. Die sächsischen Landwirte wurden von den Ausfuhrsperren bis zur Mitte der zwanziger Jahre, durch die sie von alten Märkten verdrängt wurden, am härtesten betroffen. Nach einer kurzen Erholungszeit brachen die Agrarpreise als Folge der Weltwirtschaftskrise zusammen. Geld war in den kleinbäuerlichen Betrieben so knapp, daß nur die allernötigsten Ersatzinvestitionen getätigt werden konnten und zum Beispiel Zucker ein Luxusartikel wurde. Die landwirtschaftliche Umschuldung kam vor allem Großbetrieben zugute, so daß sich die wirtschaftliche Lage der Kleinbetriebe erst ab 1939 besserte.

2. 6. Ergebnisse

Als Ergebnis der „Agrarreform“ gingen etwa 30% der Nutzungsfläche an Klein- und Kleinstbauern über, die ihren Grund und Boden vergrößern konnten. Damit war die Reform sozialpolitisch zunächst ein Erfolg. Die Landbevölkerung beruhigte sich. Dennoch wirkte das Resultat ernüchternd: 1938 hatten immer noch ca. 75% der Bauern weniger als 5 ha Land. Bessere Ergebnisse waren nicht erzielbar. Das Land reichte nicht aus, um allen einen Besitz von 5 ha als Existenzminimum zu ermöglichen. Ebensowenig war die Reform betriebs- und volkswirtschaftlich ein Erfolg. Rentabilität und Leistungsfähigkeit der Betriebe verbesserten sich nicht, und die Grundprobleme waren nicht aus der Welt geschafft, am wenigsten das der „landwirtschaftlichen Überbevölkerung“. Letzteres wäre nur durch neue Arbeitsplätze in anderen Wirtschaftszweigen zu lösen gewesen, die aber gab es nicht. Weil die weizenerzeugenden Großgüter verschwunden waren und die Kleinbauern auf dem hinzugewonnenen Land lieber den üblichen Mais anpflanzten und diesen überdies weitgehend selbst verbrauchten, sank auch die für den Export Rumäniens wichtige Weizenproduktion.

3. Absicherung „Großrumäniens“ nach außen

3.1. Allgemeines

Durch den für die Entente erfolgreichen Ausgang des Krieges und den Ausfall Russlands als machtpolitische Faktor nach der bolschewistischen Revolution konnte Rumänien trotz seiner militärischen Niederlagen alle nationalen Ziele erreichen. Das 1812 und erneut 1878 von der Moldau abgetrennte und von Russland annektierte Bessarabien wurde im Dezember 1918 an Rumänien angegliedert, nachdem der von den bessarabischen Ständen geplante Anschluß an eine demokratische russische Föderation durch die Oktoberrevolution überholt war.

Während der Erwerb Bessarabiens wirtschaftliche und strategische Bedeutung besaß, ging mit dem Gewinn ganz Siebenbürgens und eines Großteils des Banats die nationale Sehnsucht Rumäniens in Erfüllung. Obwohl in diesem Land starke deutsche und madjarische Volksteile siedelten, machten doch die Rumänen hier die Mehrheit der Bevölkerung aus. Bedenklich war, daß die rumänischen Gewinne über das eigentliche Siebenbürgen hinausgingen und auch einige Grenzgebiete mit überwiegend ungarischer Bevölkerung umfaßten. Das Verhältnis Großrumäniens zu dem auf sein Kerngebiet eingeschränkten Ungarn in den Grenzen von Trianon wurde so von vornherein über das Unvermeidliche hinaus belastet. Hinzu kam, daß auch das Eingreifen Rumäniens in die ungarischen Wirren zur Zeit Bela Khuns lange nachwirkte. Vom 4. August bis 13. November 1919 hatten rumänische Truppen Budapest besetzt, und erst im März 1920 war Ungarn völlig von den Rumänen geräumt worden.

Ein besonderes Problem stellte die Bukowina dar. Sie war seit 1775 österreichisches Kronland und wurde im nördlichen Teil vorwiegend von Ukrainern bewohnt. Die Gunst der Zeit ausnutzend, gelang es Rumänien 1918, das gesamte Gebiet zu gewinnen. Da Polen durch den Frieden von Riga 1921 weite Gebiete der Ukraine an sich zog und so eine breite gemeinsame Grenze mit dem verbündeten Rumänien gewann, trat die Problematik dieser Lösung bis 1939/ 40 (gemeint ist hier die territoriale Umgestaltung Osteuropas durch das Zusatzprotokoll des Molotow-Ribbentrop- Paktes) in den Hintergrund.

Die Beziehungen Rumäniens zu Bulgarien blieben infolge der territorialen Bestimmungen des Friedens von Neuilly gespannt. Hier hatten die Alliierten festgelegt, daß die Grenze des Bukarester Friedens von 1913 wiederherzustellen und somit die ganze Dobrudscha an Rumänien abzutreten sei, deren südlicher Teil bei starker Mischbevölkerung einen bulgarischen Kern aufwies.

Rumänien, durch diese Gebietserweiterungen zu einem saturierten Staat geworden, mußte seine Außenpolitik ganz darauf abstellen, seinen gewonnenen Besitz zu erhalten, seine Grenzen nach drei Seiten zu sichern.

3.2. Die Kleine Entente

In erster Linie ging es Rumänien darum, die Gebietserwerbungen nach dem Ersten Weltkrieg gegen die „revisionistischen“ Staaten, Ungarn und Bulgarien, abzusichern. Des weiteren sollte die Wiederentstehung (Restauration) der Habsburger Monarchie verhindert werden, die im Bereich des Möglichen lag, solange der letzte Kaiser von Österreich und König von Ungarn, Karl, noch am Leben war. Diese Ziele deckten sich mit denjenigen Jugoslawiens und der Tschechoslowakei.

Die Tschechoslowakei, Jugoslawien und Rumänien schlossen nun jeweils bilaterale, explizit gegen Ungarn gerichtete Defensiv-Verträge ab, die in ihrer Gesamtheit ein Bündnissystem bildeten, das unter dem – von einer ungarischen Zeitung geprägten und ursprünglich despektierlich gemeinten – Namen „Kleine Entente“ lief. Den Anfang machte die Tschechoslowakei durch einen Vertrag mit Jugoslawien (14. August 1920): „Für den Fall eines nichtprovozierten Angriffs Ungarns gegen einen der Hohen vertragschließenden Teile verpflichtet sich der andere Teil zur Verteidigung des angegriffenen Teils … beizutragen“ (Artikel 1). Es folgten ein etwa gleichlautender Vertrag mit Rumänien (23. April 1921) sowie ein solcher zwischen Rumänien und Jugoslawien (7.Juni 1921). Militärkonventionen legten die Zusammenarbeit auf militärischer Ebene fest. Die Außenminister der drei Staaten suchten auf regelmäßigen Konferenzen ihre Außen- und Wirtschafts- und Militärpolitik abzustimmen und Gemeinsamkeiten festzulegen.

Schon während ihrer Gründung musste die Kleine Entente ihre Entschlossenheit und Fähigkeit unter Beweis stellen, dass sie in der Lage sei, eine erneute Machteroberung der Habsburger in Ungarn zu verhindern. Zunächst kehrte Karl I. von Österreich am 26. März 1921 aus der Schweiz nach Ungarn zurück. Es gelang ihm zwar, den ungarischen Thron zurück zu erobern, jedoch der Reichsverweser Miklos Horthy versagte ihm aus welchen Gründen auch immer jegliche Unterstützung. So musste Karl am 1. April 1921 das Land schon wieder verlassen. Am 20. Oktober 1921 kehrte er jedoch nach Ungarn zurück und erneuerte seine Ansprüche. Die Situation wurde durch die Tatsache kompliziert, dass Karl es geschafft hatte, die Unterstützung eines bestimmten Teils der Armee zu gewinnen. Die Kleine Entente reagierte sofort unter der Leitung des tschechoslowakischen Präsidenten Benes. Die Mitgliedstaaten begannen, ihre Armeen zu mobilisieren, und die Gefahr eines militärischen Eingreifens drohte unmittelbar. Darüber hinaus sprachen sich auch andere europäische Mächte gegen Karls Wiederherstellungsversuche aus. Die ungarische Regierung ging nun energisch gegen Karls Anhänger vor und verhaftete ihn am 24. Oktober 1921. Als dann die ungarische Regierung aber dennoch zögerte, Karl seine Titel abzuerkennen, stand ein Einmarsch der verbündeten Truppen kurz bevor. Erst da entschloss sich die ungarische Regierung, ein Gesetz zu verabschieden, in dem es Karl sämtliche herrscherlichen Rechte entzog. Am 1. April 1922 verstarb Karl im Alter von 35 Jahren im portugiesischen Exil. Die „Kleine Entente hatte ihre erste Bewährungsprobe bestanden.

Ein größeres Projekt, das Rumänien unterstützt hatte, nämlich ein Bündnis von fünf Staaten unter Einbeziehung Polens und Griechenlands, ließ sich nicht verwirklichen. Ein Anfang war immerhin durch einen Defensivvertrag zwischen Rumänien und Polen gemacht, der am 3. März 1921 zustande gekommen war, noch bevor Rumänien der sich bildenden „Kleinen Entente“ beitrat. Polen war seinerseits seit 1921 mit Frankreich durch einen Bündnisvertrag liiert; die Tschechoslowakei, Rumänien und Jugoslawien unterzeichneten ihrerseits 1924 bis 1927 Verträge mit Frankreich. Damit genoss die „Kleine Entente“ Rückendeckung durch Frankreich und war an Frankreich angebunden; sie galt deshalb als „verlängerter Arm“ der französischen Politik im östlichen Europa. Frankreich seinerseits verstand dieses Bündnisgeflecht als „Cordon Sanitaire“ gegenüber der Sowjetunion und als östlichen Arm zur Einkreisung Deutschland.

Als sich Ungarn und Italien Anfang der 30er Jahre annäherten, verstärkte dies den Willen der „Kleinen Entente“ zu einer noch engeren Zusammenarbeit. In einem „Organisationspakt“ (16. Februar 1933) wurden ein „Ständiger Rat“ (der Außenminister), ein „Sekretariat des Ständigen Rates“ sowie ein „Wirtschaftsrat“ ins Leben gerufen. Der „Ständige Rat“ tagte von 1933 bis zuletzt im August 1938 jährlich mindestens einmal. Wenn Rumänien den Vorsitz innehatte, fanden die Tagungen in Sinaia statt. Ab 1929 waren auch jährliche Treffen der Generalstabschefs zur Regel geworden. 1931 trat eine einheitliches Militärabkommen in Kraft.

3. 3. Der Vertrag mit Polen und der Balkanpakt

Waren die Grenzen Rumäniens gegenüber Ungarn und Bulgarien durch die Friedensverträge von Trianon (4. Juni 1920) und Neuilly (27. November 1919) völkerrechtlich festgelegt, so war die rumänische Ostgrenze von der Sowjetunion nicht anerkannt und auch von den anderen Mächten nicht garantiert.

Den einzigen Schutz vor einer plötzlichen sowjetischen Aktion gegen Bessarabien bot das rumänisch-polnische Bündnis vom 3. März 1921. Seinem Wortlaut nach galt es zwar „contra omnes“(gegen alle), sein Militärabkommen legte aber nur eine gemeinsame Verteidigung beider Staaten im Falle eines sowjetischen Angriffs gegen einen Vertragspartner fest. Dieses Bündnis war bis zum Frühjahr 1939 der wichtigste Faktor der rumänischen Außenpolitik. Bis zu diesem Zeitpunkt traf die rumänische Regierung keine politische Entscheidung, ohne deren Auswirkung auf Polen in Betracht zu ziehen.

Polen war nämlich der einzige Staat, auf dessen Unterstützung Rumänien im Ernstfalle mit Sicherheit rechnen konnte, während der am 10. Juli 1926 abgeschlossene und 1936 verlängerte rumänisch-französische Freundschafts- und Nichtangriffsvertrag zwar der allgemeinen kulturellen und gefühlsmäßigen Zuneigung Rumäniens zu der größeren lateinischen Schwester entsprach, jedoch keinen konkreten Bündnisfall vorsah. Polen, das sich große Gebiete der Ukraine gesichert hatte und mit Rumänien eine gemeinsame Grenze besass, mußte zur Abwehr gegen eventuelle sowjetischen Revisionsversuche natürlich bestrebt sein, schlagkräftige Bündnispartner zu haben. Da bot sich selbstverständlich Rumänien mit seinem Bessarabien-Problem förmlich an. Das rumänisch- sowjetische und das polnisch-sowjetische Verhältnis war von Anfang an sehr getrübt, da die sowjetische Regierung nicht bereit war, den Anschluss Bessarabiens an Rumänien und den Anschluß der ukrainischen Gebiete an Polen anzuerkennen. Das führte schließlich auch dazu, dass die Aufnahme diplomatischer Beziehungen zueinander erst 1934 erfolgte. Die Sowjetunion erhielt den völkerrechtlichen Rechtsanspruch auf Bessarabien auch dadurch aufrecht, dass sie am östlichen Ufer des Djestr eine fiktive Moldauische AASR gründete und geltend machte, das Hauptgebiet der Moldau (also Bessarabien) sei ihr in einer ihrer Schwächephasen widerrechtlich entrissen worden. Nach dem Abtreten Bessarabiens durch Rumänien infolge des Hitler-Stalin-Pakts vom August 1939 wurden diese beiden Gebiete auch konsequenterweise vereinigt und zur Moldauischen Sozialistischen Sowjetrepublik erhoben. Nach der Auflösung der Sowjetunion trennte sich der östliche Teil, also die ehemalige fiktive Moldauische AASR, vom Mutterland Moldawien und ist heute das völkerrechtlich nicht anerkannte, aber unter russischer Patronage stehende „Transnistrien“.

1934 erhielt die „Kleine Entente“ eine Ergänzung durch den „Balkanpakt“, zu dem sich am 4. Februar 1934 Jugoslawien, Rumänien, Griechenland und die Türkei zusammengefunden hatten. Er war als Antwort auf das Erstarken Deutschlands, Italiens und der Sowjetunion gedacht, richtete sich aber in erster Linie gegen Bulgarien. Die Unterzeichnerstaaten garantierten gegenseitig ihren Gebietsstand: „die Sicherheit aller ihrer Grenzen auf dem Balkan“ (die kleinasiatischen Grenzen der Türkei waren damit nicht eingeschlossen). Weiter hieß es im Text: „ … verpflichten sich, sich über die Maßnahmen zu verständigen, die im Fall von Eventualitäten zu unternehmen seien, die ihre Interessen verletzen könnten“ (Artikel 2). Der „Balkanpakt“ war durch Rumänien und Jugoslawien mit der „Kleinen Entente“ verbunden.

3.4. Ergebnisse

Im ganzen gesehen konnten die Grenzen Rumäniens als gesichert gelten, solange das seit 1919 bestehende politische Kräfteverhältnis in Südosteuropa nicht gestört wurde, d. h. Deutschland und Rußland nicht in der Lage waren, aktive Politik in diesem Raum zu betreiben.
Rumänien als territorial abgesättigtes Land, ohne Wünsche nach einer Gebietserweiterung, förderte daher so lange es ging neben seinen Bündnisvereinbarungen auch alle Bestrebungen, die auf internationaler Ebene zur Friedenssicherung, Kriegsächtung und Abrüstung liefen. Nicolae Titulescu, 1920-1936 ständiger Vertreter Rumäniens beim Völkerbund, 1930 und 1931 dessen Vorsitzender, 1927-1928 und 1932-1936 Außenminister, machte sich hierbei international einen Namen und verschaffte seinem Land allgemeine Achtung.

Das Wiederaufleben der deutschen Macht nach 1933 hatte den französischen Einfluss in den Ländern der Kleinen Entente allmählich untergraben und mit dem Münchner Abkommen vom 29. September1938, durch das die Tschechoslowakei mit Zustimmung Frankreichs gezwungen wurde, das überwiegend deutsch besiedelte Sudetenland an das Deutsche Reich abzutreten, machte alle bisherigen Sicherungsvereinbarungen zunichte. Die Kleine Entente und die anderen ostmitteleuropäischen Bündnisse wurden obsolet und hörten auf zu bestehen. Der Völkerbund hatte schon länger aufgehört, eine Rolle zu spielen. Es zeichneten sich neue Machtkonstellation und dramatische Ereignisse am Horizont ab, an deren Ende Rumänien für Jahrzehnte seine außenpolitische Souveränität verlor, aber auch Bessarabien, die Bukowina und die Süddobrudscha wieder einbüsste. Siebenbürgen, das Sathmarer Gebiet, das Kreischgebiet, das östliche Banat und die Maramures konnte es behaupten.

4. Schluß

Weitere für Rumänien wichtige Ereignisse des Jahres 1921, die in einem anderen Rahmen eine gesonderte Betrachtung verdienen, waren folgende:

  1. Am 25. Oktober 1921 wurde der letzte rumänische König Michael von Hohenzollern- Sigmaringen geboren, der am 23. August 1944 Rumänien aus dem Krieg führte und hinnehmen mußte, dass er Ende 1947 entthront wurde und ins Exil gehen mußte.
  2. 1921 hatte sich eine Gruppe von der Sozialdemokratischen Partei Rumäniens abgespalten, die sich 1922 den Namen Partidul Comunist Roman gab. Sie war zwar eine sehr kleine Gruppierung, gelangte aber nach dem 2. Weltkrieg mit Hilfe der Sowjetunion an die Macht und regierte das Land bis zum Staatsstreich vom Dezember 1989, wobei ihr Einfluss noch bis Anfang des 21. Jahrhundert spürbar war.

Schließlich sei noch daran erinnert, dass der große sächsische Staatsmann und Kunstmäzen Samuel Baron von Brukenthal am 26. Juli 1721 in Leschkirch (Nocrich) geboren wurde.

Der Frontwechsel Rumäniens am 23.08.1944

Dieser Vorgang hatte erhebliche Folgen für das weitere Kriegsgeschehen. Darüberhinaus hat er die Nachkriegsentwicklung Rumäniens und Ostmitteleuropas als Ganzes maßgeblich beeinflusst. Auch die Familie des Autors dieser Zeilen wurde davon betroffen. Nachdem sich das Ereignis in diesem Sommer zum 80sten Mal jährt, erscheint es sinnvoll, seiner zu gedenken.

Der Frontwechsel Rumäniens am 23.08.1944 ,Befreiung oder Verrat?

Einleitung

Am 23. August 1944 wechselte Rumänien die Front und verschärfte dadurch wesentlich die für Deutschland negative Wende des Krieges. Was sich tatsächlich an diesem Tag im Königspalast von Bukarest zugetragen hat, und wie der Frontwechsel vonstatten ging, ist noch nicht eindeutig geklärt. Eine Variante bietet Walter Hagen in seinem Buch Die geheime Front, Wien 1950, Seite 305/6 an:

„Diese historisch so interessante Unterredung zwischen dem König und dem Staatsführer wurde angeblich auch durch ein verborgenes Mikrophon auf einem Schallband aufgenommen. Die amerikanische Zeitschrift „Time“ veröffentlichte den Wortlaut dieses Gespräches, das damals im Königsschloß zu Bukarest auf dem Stahlband aufgenommen worden sein soll. Wenn auch gewisse Bedenken gegen die Echtheit dieses Dokumentes bestehen – so zum Beispiel scheinen dort die damals ohne Zweifel anwesenden Ministerpräsident Antonescu und General Sanatescu nicht auf, und auch der Ton, den Mihai darin anschlägt, erscheint wohl wenig königlich – soll es hier für alle Fälle auch wiedergegeben werden (Hinter Walter Hagen verbirgt sich Obersturmbannführer Dr. Wilhelm Höttl. In der fraglichem Zeit war er enger Mitarbeiter von Walter Schellenberg im Amt VI des Sicherheitsdienstes, zuständig für Balkan. Seine Informationen gelten als sehr verlässlich. Nach 1945 arbeitete er für westliche Geheimdienste):

Antonescu tritt in das Arbeitszimmer des Königs.

Antonescu: Lang lebe der König!

König Mihai: Es ist jetzt keine Zeit zu vergeuden. Trotz allen meinen Ermahnungen haben Sie unser Land in eine Situation gebracht, in der einzig und allein die sofortige Beendigung der Feindseligkeiten und die Vertreibung der Deutschen uns retten kann.

Antonescu: Sie irren sich.

König: Bitte, gewöhnen Sie sich an eine korrekte Anrede. Was heißt „Sie“?

Antonescu: Sie – Euer Majestät – Euer Majestät sind heute nervös.

König: , Ja, weil Sie mich wie ein Nichts behandelten, als ich Sie heute morgen anrief. Ich erlaube Ihnen nicht, sich meiner Person gegenüber Freiheiten herauszunehmen. Glauben Sie, ich gestatte Ihnen, daß Sie meine Vorrechte an sich reißen, und sehe wie ein Narr zu, wie mein Vaterland

zerbröckelt?

Antonescu: Und wer zerstört es?

König: Sie alle. Wenn ich Sie rufe, haben Sie nie Zeit für den König.

Antonescu: Ich möchte Ihnen nur sagen, Sie irren, wenn Sie glauben, daß Sie unser Land durch einen Waffenstillstand retten können.

König: Ich habe Sie nicht um Ihren Rat oder Ihre Meinung gefragt. Ich habe Sie rufen lassen, damit Sie das Telegramm über die Einstellung der Feindseligkeiten an die Vereinten Nationen absenden.

Antonescu: Wer hat es entworfen?

König: Was geht Sie das an? Wenn Sie damit nicht einverstanden sind, werde ich es selbst absenden.

Antonescu: Wie können Sie nur denken, daß der Marschall die deutschen Verbündeten verrät und sie den Russen in die Arme wirft?

König(schreiend): Wer verrät, Sie oder die Deutschen? Garantieren Sie Deutschlands Grenzen oder sichert Deutschland Rumäniens Grenzen?

Antonescu (laut): Ich bin nicht taub. Warum schreien Sie so?

König: Doch, Sie sind es. Sonst würden Sie das Murren im Land gehört haben. Mit einem Wort: Marschall, wollen Sie das Telegramm absenden oder nicht?

Antonescu: Nein, in dieser Form nicht.

König: Wie denn?

Antonescu: Ich muß mich mit den Deutschen in Verbindung setzen!

König: Was wollen Sie verhandeln, Herr Antonescu?

Antonescu: Marschall Antonescu.

König: Herr Antonescu. Vier Jahre lang haben Sie meine Rechte an sich gerissen. Sie hatten niemals mein Vertrauen oder meine Sympathie. Seit Monaten habe ich mit der Opposition gearbeitet, um mein Land zu retten. Sie sehen in mir ein dummes lallendes Kind, das weiß ich. Meine Rumänen werden darüber urteilen. Aber wenn Sie in mir einen Verräter sehen, dann werde ich Sie gründlich aus Ihrem Wahn reißen. Ich bin der König meines Landes und ich hin Ihr König. Ich will mein Land retten und (schreiend auf den Tisch schlagend) niemand kann mich daran hindern.

Antonescu: Euer Majestät sind jung und unerfahren.

König: Sie haben Unrecht. Leid ist eine Erfahrung.

Antonescu: Sie können nicht über das Land bestimmen, wenn ……

König (unterbricht ihn): Ich bin der Befehlshaber der Armee und ich habe einen Befehl gegeben .

Antonescu (heftig); Gegeben? Welchen Befehl? Wissen Eure Majestät, daß Eure Majestät den Thron verlieren kann?

König: Wollen Sie mir drohen? Glauben Sie, daß Sie die Macht haben, irgend etwas irgendwann zu befehlen? Von heute an werde ich die Entscheidungen treffen. Sie sind verhaftet!

Die Türen des Arbeitszimmers fliegen auf und Angehörige der königlichen Leibgarde kommen herein, mit Gewehren in den Händen.

Antonescu (aufbrausend): Was? Ich? Der Marschall des Landes? Nein!

König: Unsinn! Führt ihn ab !

Man bringt Antonescu weg und sperrt ihn in ein Gewölbe, in dem Mihais Vater seine Markensammlung aufbewahrt hatte.“

Der tatsächliche Ablauf der Absetzung und Verhaftung des Staatsführers Marschall Ion Antonescu durch den damals 23-jährigen König Michael I. von Hohenzollern-Sigmaringen ist, wie geagt, bis heute noch nicht widerspruchsfrei rekonstruiert worden. Es gibt neben der Variante, die Dr. Höttl überliefert hat, noch verschiedene weiter Varianten über den Ablauf und die beteiligten bzw. anwesenden Personen. Eine davon stammt vom damaligen Generaldirektor des rumänischen Rundfunks, Vasile (Lulu) Ionescu, der sich zu dem Zeitpunkt des Geschehens am Nachmittag dieses ereignisreichen Tages im Königspalast befand und in seinen handschriftlichen Aufzeichnungen berichtete, dass außer der üblichen Leibgarde, der Palastwache und zusätzlichem, über die übliche Stärke hinausgehende Wachpersonal, der Abteilungsleiter im Auswärtigen Amt Grigore Niculescu-Buzesti, der Oberhofmeisters Ion Mocscony-Starcea und die Generäle Constantin Sanatescu und Aurel Aldea mit Gewissheit anwesend gewesen seien. Er ging von der Anwesenheit auch weiterer Personen aus, ohne aber bestimmte Namen nennen zu können. Vehement bestritt er jedoch die Anwesenheit des kommunistischen Parteiführers Emil Bodneras, wie die spätere kommunistische Geschichtsschreibung kolportierte, um die „bedeutende“ Rolle der Kommunistischen Partei beim Umsturz hervorzuheben. Der Verfasser dieser Zeilen hatte im Jahre 1969 Gelegenheit diese mittlerweile verschollenen Aufzeichnungen zu lesen und eine deutsche Übersetzung von ihnen anzufertigen. Auch diese Übersetzung ist verschollen. Es ist davon auszugehen, dass des Königs Privatsekretär Mircea Ioanitiu und der Stabschef des Militärkommandos Bukarest Dumitru Damascanu auch anwesend waren. Ioanitiu ging später mit dem König ins Exil. Damascanu befehligte die militärische Absicherung des Putschs, wurde Anfang September zur Mitunterzeichnung des Waffenstillstandes nach Moskau entsandt und gehörte auch zu den Mitunterzeichnern des Friedens von Paris vom 10. Februar 1947. Der stellvertretende Ministerpräsident und Aussenminister Mihai Antonescu befand sich auch im Schloß und wurde auch dort verhaftet. Ob er im Audienzsaal oder anderswo war, ist unbekannt. Der unmittelbar danach erfolgten Einberufung einer Kabinettssitzung durch General Sanatescu folgten nur der Innenminister General Pikki Vasiliu und der Kriegsminister Mihai Pantazi. Beide wurden sofort verhaftet. Die anderen Kabinettsmitglieder hatten Verdacht geschöpft und tauchten unter. Walter Hagen (= Wilhelm Höttl) berichtete, dass der Geheimdienstchef Oberst Eugen Christescu sich in die deutsche Botschaft flüchtete, wo er vom Gesandten Manfred von Killinger aber nicht ernst genommen worden sei. General Sanatescu wurde noch am Abend mit der Regierungsbildung beauftragt, und daher ist mit Sicherheit davon auszugehen, dass sich noch eine Vielzahl weiterer Personen einfand.

Dass dieses Ereignis natürlichen einen längeren Vorlauf hatte, und eine Fülle von Personen an diesem Vorlauf beteiligt waren, liegt auf der Hand.

Die Akteure

Um die Rolle der vielen Akteure am politischen Geschehen in Rumänien in den Jahren 1941 bis 1944 und weit darüber hinaus zu verstehen, ist es notwendig, einen Blick auf die Besonderheiten der rumänischen politischen Prozesse und der Entscheidungsfindungen zu werfen:

Rumänien galt spätestens seit der Niederschlagung des Legionärsputsches vom Januar 1941 als eine Militärdiktatur unter strenger Führung durch den Staatsführers (Conducator) Marschall Ion Antonescu mit einem Marionettenkönig als Staatsoberhaupt. Jegliche Opposition war untersagt und die politischen Parteien waren verboten. Dies hinderte jedoch die Parteien nicht daran, ein halböffentliches Leben weiterzuführen und politische Aktivitäten ungebrochen zu entfalten. Die Parteiführer traten öffentlich in Erscheinung und pflegten ihre Kontakte untereinander, aber auch zur Staatsmacht und der Entourage des Königs unbeirrt weiter. Ja, sie unterhielten auch intensive Kontakte zu ausländischen und insbesondere zu westalliierten Politikern und Geheimdiensten. Dabei bedienten sie sich sogar staatlicher Stellen, wie etwa der Chiffrierabteilung des Auswärtigen Amtes, deren Abteilungsleiter der äußerst umtriebige Grigore Niculescu-Buzesti war. Dieser unterstand zwar dem Außenminister Mihai Antonescu, dem er emsig zuarbeitete, unterhielt aber gleichzeitig enge Kontakte zu den Oppositionsparteien, dem Königshaus und zur Generalität. Sämtliche Kontakte zum Ausland, sei es durch die Staatsmacht, sei es durch die Opposition oder das Königshaus, liefen über sein Amt. Diese Monopolstellung nutzte er sogar aus, um auf eigene Faust Mitteilungen an Emissäre zu lancieren. Er hatte also eine Schlüsselstellung inne. So ist es auch nicht verwunderlich, dass der Historiker Mircea Ciobanu sein Interview mit dem König im Jahre 1991 mit der Frage begann: “ Einige behaupten, dass Niculescu-Buzesti der Hauptregisseur der Ereignisse vom 23. August 1944 gewesen sei. Glauben Sie, dass die Behauptung richtig ist?“ „ Keineswegs. Er war einer der Urheber dieser Ereignisse. Dies schmälert keineswegs seine Verdienste. Ich könnte sagen, dass es einen zu benennenden Initiator des Kampfes zum Austritt aus der Achse überhaupt nicht gegeben hat. Es waren viele, aber sie haben die wahre Meinung des rumänischen Volkes über die Fortsetzung des Krieges repräsentiert. Wir haben zusammengearbeitet. Es ist war, dass die Präsenz der Kommunisten und Sozialisten uns von den Alliierten aufgezwungen wurde. Es ist wahr, dass uns diese Anwesenheit in Verlegenheit gebracht hat, um nicht mehr zu sagen. Aber neben Patrascanu (Kommunist d.V.) und Titel Petrescu (Sozialist d.V.) waren so viele andere – die Kommunisten hatten nicht die Mehrheit in unserer Aktion (…..). Dieses muß man wissen: dass der Akt vom 23. August nicht einem einzigen Gedanken zu verdanken ist und seine Vorbereitung in einem Augenblick begonnen hat, in dem die Fortsetzung des Krieges für viele eine absurde Tatsache geworden war.“ Dieses Zitat ist dem sehr schwer zu lesenden Buch :Mihai Fatu, Antonescu si Opozitia, Editura Tipoalex, 2000, Seite 460 entnommen.

Oberste Autorität in der Opposition mit besten Kontakten zum Staatsführer war zweifellos der Vorsitzende der nationalen Bauernpartei Iuliu Maniu, der bei der Eingliederung Siebenbürgens nach Rumänien eine entscheidende Rolle gespielt hatte, gefolgt vom Führer der Nationalliberalen Dinu Bratianu. Aber auch eine Fülle anderer Persönlichkeiten unterhielten untereinander und zur Staatsmacht enge Kontakte. Dieses Phänomen hing mit der Tatsache zusammen, dass die gesamte rumänische Gesellschaft traditionell aus einem Geflecht von engmaschigen Netzwerken bestand und bis heute besteht. Jedes dieser Netzwerke verfügt über einen „Patron“, um den sich alles schart. Die Patrone bilden übergeordnete Netzwerke, innerhalb derer die entscheidenden Fragen des Landes entschieden werden. Über der Gesellschaft lag und liegt also bis heute ein engmaschiges Geflecht von Netzwerken, das kaum zu durchschauen ist. Für das politische, wirtschaftliche aber auch persönliche Fortkommen war und ist es notwendig, einem oder mehreren dieser Netzwerken anzugehören. Das heißt, man unterhielt eine Fülle von Bekanntschaften und Beziehungen, auf die man sich verlassen konnte und an die man jederzeit appellieren konnte. Dieses System wurde sorgfältig gepflegt und erwiesene Gefälligkeiten wurden aufmerksam erwidert. Es war der Ort, gemeinsame Interessen zu verfolgen und durchzusetzen oder widersprüchliche Interessen auszugleichen. Wenn man zu keinem Kompromiss gelangen konnte kam es zu heftigen öffentlichen Auseinandersetzungen und Beschuldigungen, bis sich die Lage wieder beruhigte. So ist es auch heute noch. Natürlich verleitete dieses Gehabe zu Nepotismus und Bestechung, was aber in der subjektiven Wahrnehmung nicht als Korruption sondern als natürliches, ja moralisch gewünschtes zwischenmenschliches Verhalten empfunden wurde. Die ehemalige Ministerpräsidentin Viorica Dancilla hat dies einmal in ihrer Unbedarftheit so formuliert: „Bei uns gibt es keine Korruption. Das was man im Ausland Bestechung nennt, ist bei uns die Kultur des Dankes für erwiesene Gefälligkeiten.“ Diese Überlebenstechnik entstand in der Phanariotenzeit und wurde im 19. und 20. Jahrhundert perfektioniert. Dies führte dazu, dass auch in der sogenannten demokratischen Periode in den 1920er 1930er Jahren wichtige wirtschaftliche und politische Entscheidungen bis in die Details in diesen Netzwerken ausgehandelt wurden, bevor sie in den Volksvertretungen abschließend behandelt wurden. Die Volksvertretungen dienten dazu, die ausgehandelten Ergebnisse justiziabel zu machen. Sie waren auch der Schauplatz zur Knüpfung neuer Netzwerke und deren Festigung. Fraktionen waren sehr durchlässig und Parteiübertritte an der Tagesordnung. Ein Sitz in der Volksvertretung wurde gern angestrebt, da ein Abgeordnetenmandat 100%ge Immunität bedeutete, was vor allem für die Knotenpunkte der Netzwerke sehr wichtig war, da sie sich ständig am Rande der Strafgesetze bewegten. Aufschlußreich bezüglich dieses Fragenkomplexes sind die berühmten Aufzeichnungen des bekannten Journalisten Constantin Bacalbasa: „Bucurestii de alte data“ und die politischen Notizen des konservativen Politikers Alexandru Marghiloman. Diese Praxis funktionierte auch in den Phasen der Königsdiktatur und der Militärdiktatur des Marschalls Antonescu bestens. Ein Meister in der Nutzung von Netzwerken war zweifellos Barbu Stirbey, der 1943 und 1944 in Ankara und vor allem in Kairo als Emissär der Opposition mit Unterstützung der Staatsmacht die Verhandlungen mit den Westalliierten zur Herauslösung Rumäniens aus dem Krieg führte. Er war selbst fürstlicher Abstammung und hatte engste Kontakte zum Hof. In seinen jungen Jahren hatte er eine heftige Affäre mit der Königin Maria und wurde zum Vater des Prinzen Mircea und wahrscheinlich auch der Prinzessin Ileana. Dieses aristokratische Milieu hinderte ihn nicht, enge Beziehungen zum Linkssozialisten Dobrogeanu-Gherea und zum Linksliberalen Spiru Haret zu unterhalten. Selbstverständlich verkehrte er sehr vertraulich mit den Nachkriegspolitikern Avarescu, Duca, Maniu, Bratianu usw. Auch zu dem Kommunisten Lucretiu Patrascanu und dem Sozialisten Titel Petrescu pflegte er ständigen Kontakt. Ja, selbst mit den Führern der Eisernen Garde und zu dem notorischen Antisemiten A.C.Cuza stand er auf vertrautem Fuße. Mit dem großen Liberalen Ionel Bratianu war er verschwägert und der Intrigant Niculescu-Buzesti war sei Schwiegersohn. Ein weiterer Schwiegersohn war der Engländer Charles Boxhall, ein Major im britischen Intelligence Service, der ihn bei seinen Verhandlungen beriet.

Angesichts dieses gesellschaftlichen und politischen Phänomens ist es sehr schwer auszumachen, wer tatsächlich und in welchem Umfang an der Vorbereitung und dem Ablauf des 23. August 1944 mitgewirkt hat. Der König hat also recht wenn er sagt: „Ich könnte sagen, dass es einen zu benennenden Initiator des Kampfes zum Austritt aus der Achse überhaupt nicht gegeben hat. Es waren viele, aber sie haben die wahre Meinung des rumänischen Volkes über die Fortsetzung des Krieges repräsentiert. Wir haben zusammengearbeitet.“ Mit „rumänischem Volk“ kann aber nur die Meinung der Netzwerke gemeint sein. Es ist auch nicht auszumachen, ob der König an diesem denkwürdigen Tag letztendlich autonom gehandelt hat oder ob er ein getriebener war. Vieles spricht für Letzteres.

Das auf einem Geflecht von Netzwerken und teilweise auf Familienclans beruhende gesellschaftliche und politische Organisationsprinzip hat den Kommunismus überdauert und ist auch heute noch ein großes Problem für eine moderne Demokratisierung des Landes.

Vorverhandlungen zum Kriegsaustritt

Umfangreiche Informationen zu diesem gesamten Themenkomplex hat Andreas Hillgruber in seinem Buch Hitler, König Carol und Marschall Antonescu, Wiesbaden 1954 zusammengetragen. Auch bei Walter Hagen und in Ion Gheorghes Buch Rumäniens Weg zum Satelliten-Staat, Heidelberg 1952 sind etliche Details nachzulesen. Ion Gheorghe war im fraglichen Zeitraum rumänischer Gesandter in Berlin.

Seit der Katastrophe von Stalingrad, die auch die rumänische Armee empfindlich getroffen hatte, war für jedermann in Rumänien klar geworden, dass der Krieg nicht mehr zu gewinnen war, und man Wege finden müsse, sich aus dem Krieg herauszulösen. Darin waren sich alle einig: der Hof, die Opposition und die Regierung. Weiterhin war man sich einig, dass dies nur im Zusammenspiel mit den Westalliierten geschehen solle, da man eine Invasion durch die Sowjetunion und eine damit verbundene Bolschewisierung des Landes auf jeden Fall vermeiden wollte. Für Antonescu gab es noch eine weitere rote Linie, die er nicht überschreiten wollte, nämlich niemals rumänische Waffen gegen den aktuellen Bündnispartner Deutschland zu richten. Das verbiete ihm seine soldatische Ehre, ließ er wiederholt wissen.

Ab diesem Zeitpunkt ließ Marschall Antonescu seinem Aussenminister Mihai Antonescu freie Hand, nach Verhandlungswegen mit den westlichen Alliierten zu suchen und zu sondieren, wie sich Rumänien aus dem Krieg herauslösen könnte. Kontakte zur Sowjetunion lehnte der Marschall damals noch strikt ab. Als erstes trat der Aussenminister im Januar 1943 in Kontakt zum italienischen Gesandten Renato Bova-Scoppa und unterbreitete ihm den Vorschlag, gemeinsam mit Italien zu den Alliierten Kontakt aufzunehmen, um Europa vor der Bolschewisierung zu verteidigen. Mussolini lehnte aber derartige Gedanken kategorisch ab. Darauf wandte sich Antonescu im Februar über den rumänischen Gesandten in der Schweiz, Nicolae Lahovary, an den Apostolischen Nuntius in Bern, Filippo Bernardini, mit der Bitte um Vermittlung. Auch eine türkische Vermittlung über den mit ihm befreundeten türkischen Gesandten in Bukarest, Suphi Tanriöer, fasste er ins Auge. Auch zu dem portugiesischen Ministerpräsidenten Salazar wurden im April Kontakte angeknüpft. Gemäß den Aufzeichnungen des Sekretärs des Staatsführers, Gheorghe Barbul, hatte Mihai Antonescu dem deutschen Gesandten Manfred von Killinger ein von diesem gebilligtes Memorandum an den Reichsaußenminister von Ribbentrop übergeben. Beim kurz danach stattgefundenen Treffen zwischen Hitler und Marschall Antonescu im Schloß Kleßheim bei Salzburg kam es darüber zum Eklat. Hitler forderte kategorisch die Abberufung Mihai Antonescus und der in diese Gespräche verwickelten Gesandten in Bern, Lissabon und Madrid wegen Verrats. Der Marschall blieb jedoch standhaft und ließ Mihai Antonescu weiter gewähren. Dieser ließ über Bova-Scoppa am 17. Mai an den Staatssekretär im Auswärtigen Amt, Guiseppe Bastianini, ein Angebot übermitteln, in dem er Italien die Bildung einer „Mittelmeer-Entente“ unter Einschluss Rumäniens vorschlug. Am 01. Juli reiste Mihai Antonescu selbst nach Rom und wurde dort von Mussolini empfangen. Der Duce erklärte ihm, er stimme zwar prinzipiell mit seinen Ansichten überein, glaube jedoch, noch zwei Monate warten zu sollen, bis eine günstigere militärische Lage einen besseren Ausgangspunkt für die geplanten Friedensfühler geschaffen habe. Der Sturz Mussolinis am 25 Juli machte jedoch alle Bemühungen Antonescus in dieser Richtung zunichte. Insgesamt hatten sich die Chancen Rumäniens für Gespräche mit den westlichen Alliierten in dieser Phase erheblich verschlechtert. Durch die Ereignisse in Italien war der Gedanke einer gemeinsamen Politik aller kleinen Verbündeten unter Führung Italiens von der Entwicklung überholt. Die politische Zielsetzung mußte daher aufgrund der veränderten Lage überprüft werden. Diese Überprüfung führte zum Entschluss, den ehemaligen Generalsekretär im Auswärtigen Amt, Alexandru Cretzianu zum Gesandten in Ankara zu ernennen mit dem Auftrag, in Gesprächen mit Vertretern der Westalliierten in der Türkei doch noch das zu erreichen, was auf dem Wege über Italien nicht gelungen war. Dabei verschob sich das ursprüngliche Anliegen einer politischen Beeinflussung der Westmächte im antisowjetischen Sinne immer mehr zu einem Versuch, Rumänien ganz aus dem Krieg herauszuführen und ihm dabei wenigstens mit Hilfe der westlichen Alliierten das Schicksal einer Besetzung durch die „Rote Armee“ zu ersparen. Wie weit dabei im einzelnen Marschall Antonescu, Mihai Antonescu oder Cretzianu und die hinter ihm stehende rumänische Oppositionsgruppe um Iuliu Maniu und Dinu Bratianu oder auch die Kreise um den König die Akzente setzten, ist schwer zu entscheiden. Es scheint eine weitgehende Meinungsübereinstimmung gegeben zu haben. Die erste Nachricht, die Cretzianu auf seine Sondierungen in der türkischen Hauptstadt erhielt, war eine Botschaft der britischen Regierung Anfang November 1943. Kurz vorher, vom 18. bis 30. Oktober, hatte in Moskau eine Konferenz der Außenminister Großbritanniens, der Vereinigten Staaten und der Sowjetunion stattgefunden, bei der ein Informationsaustausch über alle Friedensfühler der mit Deutschland verbündeten Länder zwischen den drei alliierten Großmächten vereinbart worden war. Dementsprechend lautete die Botschaft: Großbritannien könne Angebote der rumänischen Regierung oder einzelner rumänischer Persönlichkeiten nur dann in Erwägung ziehen, wenn sie sich auch gleichzeitig an die Vereinigten Staaten und die Sowjetunion richteten. Solche Angebote sollten zudem die bedingungslose Übergabe an die drei Hauptalliierten enthalten. Damit riß der Gesprächsfaden zunächst ab. Gleichzeitig mit der Entsendung Cretzianus nach Ankara fand auch ein Wechsel auf dem Posten des Gesandten in Stockholm statt. Der neue Gesandte Frederic Nanu erhielt den allgemeinen Auftrag, jede günstige Gelegenheit zu nutzen, um die Reaktion der alliierten Vertreter in der schwedischen Hauptstadt auf eventuelle Friedensfühler der rumänischen Regierung festzustellen. Antonescus Kabinettschef, Gheorghe Barbul, teilte zu diesem Sachverhalt in seinen Aufzeichnungen eine interessante Einzelheit mit: Dem rumänischen Gesandten Frederic Nanu war signalisiert worden, dass die Gesandtin Alexandra Kollontai, übrigens eine ehemalige enge Weggefährtin des Staatsgründers Lenin, bereit sei, ihn zu Gesprächen zu empfangen. Bedingung der Gespräche sollte aber sein, dass Nanu bezüglich dieser Kontaktaufnahme absolutes Stillschweigen bewahren müsse, sowohl den Westalliierten gegenüber als auch dem eigenen Botschaftspersonal gegenüber. Anscheinend wollte die Sowjetunion anders als ihre Verbündeten geheim im Trüben fischen. Gespräche fanden dann tatsächlich statt und Nanu teilte Anfang Februar 1944 mit, die Sowjetregierung habe versprochen, die Souveränität und Unabhängigkeit Rumäniens zu respektieren und Siebenbürgen bei einem Krieg zu retten. Antonescu ging aber nicht weiter darauf ein, denn zu dem damaligen Zeitpunkt zog er es noch vor, mit dem Westen zu verhandeln. Nanu erhielt allerdings auch die Anweisung, die Beziehungen zur sowjetischen Gesandtschaft nicht ganz abreißen zu lassen.

Die Mission des Prinzen Stirbey in Kairo

In der Zwischenzeit waren die Bemühungen der rumänischen Regierung, um jeden Preis mit den Westmächten in Fühlung zu bleiben in ein neues Stadium getreten. Am 31. Januar 1944 hatte Marschall Antonescu den rumänischen Militärattaché in einem neutralen Land angewiesen, dem dortigen amerikanischen Militärattaché mitzuteilen, dass die Zusammenarbeit Rumäniens mit den Alliierten von politischen Garantien abhinge. Rumänien dürfe nicht aufgefordert werden, dem Beispiel Italiens zu folgen, denn dies würde nur eine Besetzung durch deutsche Truppen nach sich ziehen, die bald von sowjetischen abgelöst würden. Die neu geschöpfte Hoffnung stützte sich auf die Ende Dezember herbeigeführte Einigung mit der Oppositionsgruppe Maniu-Bratianu über den politischenWeg, der eingeschlagen werden müsse, um eine Katastrophe für Rumänien zu vermeiden. Im Verlauf der Besprechungen zwischen Regierung und Opposition bat Marschall Antonescu den Führer der Nationalen Bauernpartei, Iuliu Maniu, seinerseits zu versuchen, von den Alliierten annehmbare Garantien für die Freiheit und Sicherheit Rumäniens zu erhalten. Er habe nicht die Absicht, sich an die Macht zu klammern, wenn er dem Wohl Rumäniens im Wege stehe, sondern sei bereit zurückzutreten, falls Maniu Erfolg habe.

So einigte man sich, den polyglotten ehemaligen Ministerpräsidenten Prinz Barbu Stirbey, der über ausgezeichnete Verbindungen in Großbritannien verfügte, zu Geheimbesprechungen nach London zu schicken. Am 1. Februar wurde jedoch dem Gesandten in Ankara von britischer Seite mitgeteilt, dass die Gespräche mit den Vertretern der drei Hauptalliierten in Kairo stattfinden würden. Trotz dieser bedeutsamen Änderung verließ Stirbey am 1. März im Auftrag von Maniu und Bratianu und mit Zustimmung des Marschalls Rumänien und bergab sich auf dem Weg über die Türkei nach Kairo, wo am 17. März die geheimen Gespräche mit den Vertretern der Alliierten, Lord Moyne (Großbritannien), MacVeagh (Vereinigte Staaten) und Nowikow (Sowjetunion), eröffnet wurden. Stirbey begann die Verhandlungen mit der Feststellung, dass die rumänische Opposition an die Bemühungen der Regierung, Rumänien aus dem Krieg herauszuführen, anknüpfe. Die Opposition sei entschlossen, notfalls selbst die Verantwortung zu übernehmen, um auf jeden Fall die Zusammenarbeit mit den Alliierten zu sichern, wenn Marschall Antonescu etwa zögern sollte. Doch verlange die rumänische Opposition von den Alliierten eine Garantie für die Freiheit der rumänischen Nation, die Unabhängigkeit des rumänischen Staates und die Anerkennung von Rumäniens Ansprüchen auf Siebenbürgen. Das schon länger für den gleichen Zeitraum geplante Treffen zwischen Antonescu und Hitler im Schloß Kleßheim bei Salzburg verärgerte die Alliierten sehr und der alliierte Oberbefehlshaber im Mittelmeerraum, General Wilson, stellte in einem Telegramm an die rumänische Regierung die Forderungen, Rumänien solle sofort den drei Großmächten übergeben und den rumänischenTruppen die Einstellung des Kampfes gegen die sowjetischen Truppen befohlen werden. Die Art der Friedensbedingungen für Rumänien werde weitgehend von dem Maße seines Beitrags zur Niederwerfung Deutschland abhängen. In einer zweiten Botschaft vom 29. März forderte Wilson Antonescu auf, sofort mit dem sowjetischen Oberkommando Verbindung aufzunehmen, um den gemeinsamen Einsatz der sowjetischen und rumänischen Truppen gegen die deutsche Wehrmacht zu vereinbaren. Als Antonescu darauf nicht reagierte, forderte Wilson am 2. April den Oppositionsführer Maniu auf, Antonescu zu stürzen, weil dieser es ablehne, mit Deutschland zu brechen. Maniu zögerte aber aus den gleichen Gründen wie der Marschall, enthielten doch alle Vorschläge nur Forderungen, aber keine Garantien. Damit blieb die Situation in Rumänien in der Schwebe. Immerhin kam Bewegung in die Angelegenheit, als der sowjetische Botschafter in Kairo, Nowikow, am 2. April den Fürsten Stirbey wissen ließ, solange rumänische Truppen mit deutschen Verbänden vermischt an der Front eingesetzt würden, sei ein Waffenstillstand ausgeschlossen. Am 12. April übergab dann Nowikow schließlich an Stirbey die „Minimalbedingungen“ für einen Waffenstillstand mit Rumänien:

  1. Bruch mit Deutschland und gemeinsamer Kampf gegen die deutsche Wehrmacht;
  2. Anerkennung der sowjetisch-rumänischen Grenze vom 22. Juni 1941(also nach Abtrtung der Nordbukowina und Bessarabiens an die Sowjetunion);
  3. Zahlung von Reparationen;
  4. Entlassung aller alliierten Kriegsgefangenen;
  5. Bewegungsfreiheit für die Rote Armee auf rumänischem Territorium;
  6. Einverständnis der Sowjetregierung sowie der Westalliierten damit, daß der Wiener Schiedssprung annulliert wird, und Bereitschaft der Sowjetunion, Rumänien bei der Wiedergewinnung Nordsiebenbürgens zu unterstützen.

Während die Regierung Antonescu nach einigem Zögern am 15. Mai die Vorschläge offiziell ablehnte, antwortete Maniu am 19. April mit Gegenvorschlägen, um doch noch zu seinem Ziel zu gelangen. Er schlug vor, einen Waffenstillstand abzuschließen, von dem er die deutsche Regierung informieren wolle. Bei Einsetzen deutscher militärische Gegenmaßnahmen solle eine rumänische Kriegserklärung an Deutschland abgegeben werden. Da die rumänischen Truppen allein in der Lage seien, einer deutschen Aktion zu begegnen, sollten nur auf ausdrückliche Forderung der rumänischen Regierung fremde Truppen ins Land kommen. Gleichzeitig erbat er vom alliierten Oberkommando Mittelosten die Entsendung von zwei Luftlandedivisionen. Die Alliierten ließen sich auf Manius Vorschläge überhaupt nicht ein und forderten am 21. April eine klare Annahme oder Ablehnung des vorgesehenen Sechspunkteprogramms. Noch ehe diese Nachricht in Bukarest eintraf, hatte Maniu am 20. April Stirbey mitgeteilt, er nehme die alliierten Vorschläge als Gesprächsbasis an und werde ihm zu seiner Unterstützung einen weiteren Emissär entsenden. Die Wahl fiel auf seinen engen Vertrauensmann Constantin Visoianu. Damit hatten sich die Wege Marschalls Antonescu und Manius getrennt. Während die Regierung die Hoffnung auf einen erfolgreichen Ausgang der Verhandlungen in Kairo aufgab, glaubte Maniu immer noch, durch die dortigen Verhandlungen wenigstens eine einseitige Kapitulation vor der Sowjetunion vermeiden zu können. Eine dadurch erhoffte dramatische Wendung blieb aus. Visoianu war am 26. Mai in Kairo eingetroffen und hatte am folgenden Tag einen Bericht über die Lage in Rumänien gegeben. Daraus ging hervor, dass Maniu bereits eine von den Alliierten erwartete Koalition der „demokratischen“ Parteien (Nationale Bauernpartei, Nationalliberale Partei, Kommunistische Partei und Sozialdemokratische Partei) angeregt hatte. Wenn auch diese Erklärung Visoianus von den Vertretern der Alliierten begrüßt wurde, so lehnte der Delegierte der Sowjetunion m 1. Juni doch jede Diskussion über das Sechspunkteprogramm, wie sie Maniu vorgeschlagen hatte, ab. Daraufhin sah sich Maniu am 10. Juni gezwungen, dem Abschluss des Waffenstillstandes auf der festgelegten Basis endgültig und ohne weitere Verhandlungen zuzustimmen. Am 20. Juni sandte er einen Sonderkurier nach Kairo, der den Alliierten den Plan der Führer der Oppositionsparteien mitteilen sollte. Danach war beabsichtigt, Antonescu zu stürzen und selbst eine Regierung zu bilden, um den sofortigen Abschluss eines Waffenstillstandes zu proklamieren. Zum Gelingen der Operation sei es aber notwendig, dass drei alliierte Luftbrigaden in Rumänien abgesetzt würden. Außerdem bat Maniu, den Schwerpunkt der Luftangriffe auf Ungarn und Bulgarien zu legen, um den Antransport neuer deutscher Truppen nach Rumänien zu verhindern. Auf diese Initiative ist trotz wiederholter Anmahnung durch Maniu nie eine Antwort erfolgt, da längst in direkten Verhandlungen zwischen der Sowjetunion, Großbritannien und denVereinigten Staaten das zukünftige Schicksal Rumäniens entschieden worden war, ohne dass die rumänische Regierung oder die Opposition und ihre Emissäre in Kairo irgendeine Mitteilung darüber erhalten hatten. Durch die am 6. Juni beginnende Invasion in der Normandie hatte sich die strategische Lage in Europa völlig verändert und Rumänien war endgültig zur ausschliesslichen Interessensphäre der Sowjetunion geworden.

Verhandlungen in Stockholm

Die Regierung Antonescu hatte die starren Bedingungen der drei alliierten Vertreter in Kairo vor allem deswegen schließlich abgelehnt, weil sie in den Geheimverhandlungen in Stockholm eine unvergleichbar größer Chance erblickte. Diese hatten auf sowjetische Initiative hin am 11. April wieder begonnen. Hierbei zeigten die sowjetischen Unterhändler, die nicht an die Kompromissformeln mit den Westalliierten gebunden waren, eine viel geschmeidigere Haltung. In dem Gespräch mit dem Gesandten Frederic Nanu am 11. April verlas der stellvertretende sowjetische Gesandte Semjonow eine Botschaft seiner Regierung, in der es hieß, dass die Sowjetregierung es vorziehen würde, mit der gegenwärtigen Regierung zu verhandeln, und sie sei vorbereitet, ihr bei der Vertreibung der deutschenTruppen zu helfen. Sollte sich jedoch Antonescu nicht zum Widerstand gegen Deutschland entschließen, werde sich die Sowjetregierung an die Oppositionsgruppe Maniu-Bratianu wenden. Obwohl sich in der folgenden Unterredung zwischen Nanu und der sowjetischen Gesandtin Alexandra Kollontai im Grand Hotel Saltsjöbaden bei Stockholm keine neuen Gesichtspunkte ergaben, steigerte dieses Gespräch die Hoffnung auf rumänischer Seite, in Stockholm voran zu kommen. Als jedoch die am 13. April von Semjonow überreichten Waffenstillstandsbedingungen lediglich die sechs Punkte, die man am Tage zuvor schon Stirbey eröffnet hatte, enthielten, trat wieder eine Pause in den Stockholmer Gesprächen ein. Nachdem Nanu am 22. Mai einen Wink erhalten hatte, entschloß er sich aufgrund einer allgemeinen Weisung Mihai Antonescus am 29. Mai zu einem Memorandum an die Sowjetregierung. Darin hieß es:

Der Frontwechsel Rumäniens müsse ohne Bürgerkrieg erfolgen. Daher bestehe die rumänische Regierung auf folgenden Zusatzbestimmungen zum sowjetischen Waffenstillstandsangebot:

  1. Den deutschen Truppen müsse eine Frist von 15 Tagen zum freien Abzug aus Rumänien gewährt werden. Halte die deutsche Führung diese Frist nicht ein, werde Rumänien der Roten Armee bei der Vertreibung der deutschen Truppen Unterstützung gewähren.
  2. Da die zivile Macht in Rumänien in den Händen der eigenen Regierung bleiben müsse, dürfe ein gewisses Gebiet als Sitz der rumänischen Regierung von Verbänden der Roten Armee nicht betreten werden.
  3. Das Schicksal der Nordbukowina und Bessarabiens könne erst bei Abschluss eines Friedensvertrages entschieden werden.
  4. Die Frage der Reparationen bedürfe einer eingehenden Prüfung.

Die sowjetische Antwortnote vom 31. Mai zeigte sich durchaus kompromissbereit. Zwar könnten die Punkte 1, 2 und 5 der Waffenstillstandsbedingungen nicht geändert werden, doch sei die Sowjetregierung zu einer Reduzierung der Reparationszahlungen bereit. Auch hinsichtlich der rumänischen Verwaltung werde man sich einigen können. Noch weiter ging eine neue sowjetische Note vom 2. Juni, in der es hieß: Wenn der von der Sowjetregierung nicht erwartete Fall eintreten sollte, dass die deutschen Truppen Rumänien binnen 15 Tagen räumten, hätte die Sowjetregierung nichts dagegen, wenn Rumänien neutral bliebe. Um die Verhandlungen zum Abschluss zu bringen, bitte sie um eine sofortige Entsendung einer rumänischen Delegation in die UdSSR. Als aber die Geheimgespräche in Stockholm so weit fortgeschritten waren, dass es nur noch auf eine letzte Entscheidung des Staatsführers ankam, zögerte der Marschall erneut. Er neigte nämlich aus seiner ganzen Grundeinstellung heraus zu einer Westlösung. Deshalb fürchtete er, ein übereiltes Festlegen auf die sowjetische Linie, könne andere, auch jetzt noch vorhandene Möglichkeiten ausschließen. In diesem Sinne gab er Nanu die Anweisung, auf Zeitgewinn zu arbeiten. Am 22. Juni mußte Nanu dem sowjetischen Geschäftsträger auf Anfrage mitteilen, er habe noch keine Nachricht aus Bukarest erhalten. Auf eine erneute Weisung Mihai Anonesus vom 5. August, bei sowjetischem Drängen eine hinhaltende Taktik zu verfolgen, entschloss sich Nanu zu einem Privatbrief an Mihai Antonescu, in dem er mit Nachdruck betonte, es sei aussichtslos, auf Hilfe von den Westmächten zu hoffen. Daher müsse man jetzt handeln, sonst sei alles verloren. Er sollte recht behalten.

Weitere Maßnahmen

Am königlichen Hof plante man parallel zu den diversen Sondierungen und Gesprächen, sich des unbequem gewordenen Antonescu durch einen Putsch an der Front zu entledigen. Man dachte sich das so, dass die rumänischen Frontgenerale eine Gegenregierung einsetzen und dieser Truppen zur Verfügung stellen sollten. Zugleich dachte man daran, einen Aufstand im Norden hervorzurufen und hoffte durch einen „Marsch nach Bukarest“, die Hauptstadt und das ganze Land rasch in die Hand zu bekommen. Der Chef der königlichen Militärkanzlei, General Constantin Sanatescu, reiste im Mai 1944 an die Ostfront, um die Frontkommandeure für diesen Plan zu gewinnen. Diese lehnten aber allesamt kategorisch ab. Auch die Opposition versuchte einmal auf eigene Faust entscheidend tätig zu werden, indem sie den General Aurel Aldea beauftragte, unmittelbare Verhandlungen mit der „Roten Armee“ aufzunehmen, und ermächtigte ihn, im Namen des rumänischen Volkes den Waffenstillstand abzuschließen. Eine diesbezügliche Urkunde wurde am 17. August 1944 von den vier Parteivorsitzenden des Im Juni 1944 gebildeten National-Demokratischen Blocks unterzeichnet. Auch Prinz Stirbey in Kairo und Alexandra Kollontai in Stockholm wurden davon in Kenntnis gesetzt. Aber die Russen kümmerten sich nicht um den rumänischen Unterhändler. Sie dachten zu dem Zeitpunkt nicht daran, ihre militärischen Operationen wegen des rumänischen Waffenstillstandsangebotes abzuändern.

Am Abend des 22. August 1944 aber teilte Marschall Ion Antonescu dem deutschen Minister Carl Clodius mit, dass er angesichts der kritischen Situation an der Front eine letzte große Anstrengung unternehmen werde, um die Russen aufzuhalten, und dass er sich im Falle eines Scheiterns das Recht vorbehalten würde, zu handeln, wie er es für richtig hielte. Nach dem Treffen mit Clodius schickte Mihai Antonescu einen Kurier nach Stockholm und wies Nanu an, Alexandra Kollontai die Bereitschaft der rumänischen Regierung mitzuteilen, einen Waffenstillstand abzuschließen. Der Kurier, ein gewisser Djuvara Neagu, Geheimdienstmann und „Mädchen für alles“, kam am 24. August, also einen Tag nach dem Putsch, an seinem Ziel an. Nanu wurde in der durch die Verspätung obsolet gewordenen Weisung aufgefordert, sich nur an Alexandra Kollontai zu wenden und sie zu fragen, ob die von den Russen versprochenen älteren Bedingungen noch gültig waren oder neu verhandelt werden müssten. Nanu wurde auch aufgefordert, er solle den Briten und Amerikanern nichts von diesen Gesprächen mit den Sowjets erzählen. Offensichtlich war das Vertrauen der Antonescus in die Westalliierten endgültig verloren gegangen, und er hoffte nun, sich mit diesem verzweifelten Schritt irgendwie mit den Sowjets einigen zu können. Die Ereignisse haben ihn jedoch überrollt.

Der Coup

Während die Regierung auf Verhandlungserfolge in Stockholm und die Opposition immer noch auf solche in Kairo hofften, ergriffen der König und seine Berater die Initiative. Sie waren zur Überzeugung gelangt, dass Fortschritte in Richtung eines Waffenstillstandes nur ohne Antonescu möglich seien und planten seinen Sturz. Dieser sollte am 26. August stattfinden. Durch Zufall erfuhr jedoch der König am 22. August, dass der Marschall für den 24. August einen mehrtägigen Frontbesuch plante. Daher wurde in aller Hast umdisponiert und der Sturz des Staatsführers auf den 23. August vorverlegt. Der König verließ seinen ständigen Wohnsitz, das Schloß Peles in Sinaia, und begab sich heimlich nach Bukarest. Nach außen ließ er verkünden, er sei unterwegs zu einer Entenjagd. Offiziell zitierte er den Marschall für den 23. August zu einer Audienz. Sicherheitshalber veranlasste er Iuliu Maniu und dessen Stellvertreter Ion Mihalache, den Marschall zu bewegen, auch selbst um eine Audienz anzusuchen. Dass der Marschall dabei verhaftet werden sollte, konnte sich Maniu nicht vorstellen. Er ging lediglich von einer Entmachtung aus. Es kam jedoch anders. Es fand eine spektakuläre Verhaftung statt. Dies war auch der Grund warum Maniu lange zögerte, am Abend des 23. August in die neu gebildete Regierung Sanatescu einzutreten. Ein weiterer Grund war die Tatsache, dass die Sowjetunion keine Anstalten machte, sich auf einen irgendwie gearteten Waffenstillstand einzulassen, sondern energisch weiter in rumänisches Territorium eindrang. Es war also genau das eingetreten, was bisher alle drei handelnden Parteiungen, die Regierung, die Opposition (mit Ausnahme der Kommunisten) und der Hof hatten vermeiden wollen, nämlich dass sowjetische Truppen das Land okkupierten. So bestand das Dilemma darin, dass Rumänien den Frontwechsel vollzogen und die Abwehr der „Roten Armee“ eingestellt hatte, ohne sich durch einen Waffenstillstand, den die Sowjets bewußt verschleppten, abgesichert zu haben. Somit behandelte die „Rote Armee“ die Rumänen weiterhin als Kriegsgegner, nahm rumänische Soldaten gefangen und verschleppte sie in die Sowjetunion (es sollen 130.000 Mann gewesen sein. Insgesamt befanden sich nun 277.00 rumänische Soldaten in sowjetischer Kriegsgefangenschaft. Auch Waffen und militärisches Gerät wurde erbeutet. Noch standen aber auch deutsche Truppen im Lande und die Regierung mußte handeln. Noch am Abend des 23. August wurde der Gesandtschaftsrat Dr. Stelzer als deutscher Geschäftsträger in das königliche Schloß berufen, wo ihm der neue Außenminister Niculescu-Buzesti offiziell den Abbruch der Beziehungen Rumäniens zu den Achsenmächten mitteilte. Den deutschen Truppen bot der Minister freien Abzug an, unter der Voraussetzung, dass sie, sich jeder Feindseligkeit enthielten. Letzteres stand allerdings im Gegensatz zum Entwurf des geplanten Waffenstillstandes. In der Zwischenzeit begaben sich nach und nach alle wesentlichen deutschen Persönlichkeiten in die deutsche Gesandtschaft, die anschließend von rumänischen Sicherheitskräften abgeriegelt wurde. Dennoch gelang es dem Chef der Luftwaffenmission, General Gerstenberg, das Gebäude zu verlassen. Sofort leitete er militärische Gegenmaßnahmen ein, nachdem inzwischen auch der Befehl Hitlers zur Niederschlagung des Putsches eingetroffen war. Diese Maßnahmen erwiesen sich als großer Fehler und waren schon wegen der Schwäche der deutschen Truppen bar jeder Erfolgsaussichten. Mit den von ihm befohlenen Stuka-Angriffen auf Bukarest in der Nacht vom 23. auf den 24. August zerstörte er darüber hinaus auch die berechtigte Hoffnung, dass ein nicht unerheblicher Teil der rumänischen Armee sich weigern könnte, gegen den bisherigen Bündnispartner vorzugehen. Die Kriegsereignisse führten jedoch dazu, dass Rumänien am 25. August Deutschland den Krieg erklärte und die rumänischen Truppen nun Seite an Seite mit der „Roten Armee“ gegen die deutsche Wehrmacht kämpfte. Besonders tragisch war dieser Umstand für die Siebenbürger Sachsen und Banater Schwaben, durch die Tatsache, dass ein erheblicher Teil von ihnen in die Einheiten der Waffen-SS eingegliedert worden war, während der andere Teil auf rumänischer Seite unter Waffen stand. Es war auch diesbezüglich genau das eingetreten, was Antonescu, aber auch die demokratische Opposition auf jeden Fall hatten vermeiden wollen. Die Kämpfe zogen sich nun in großer Schnelligkeit hin. Am 30. August wurde das Erdölgebiet um Ploesti nach großen Verlusten geräumt. Am 31. August zog die „Rote Armee“ in Bukarest ein. Der Gesandte Manfred von Killinger entzog sich der Gefangennahme durch die Sowjets und erschoss sich und seine Sekretärin Petersen. Das übrige Personal wurde in die Sowjetunion abtransportiert, wo sich seine Spur verläuft. Der Wirtschaftsgesandte Carl August Clodius soll später als Wirtschaftsfachmann im Dienste der Sowjetunion gestanden haben. Ein skurriles propagandistisches Detail war das Herausstreichen der Division „Tudor Vladimirescu“, die mit den sowjetischen Truppen mitmarschiert war. Es handelte sich um eine von Ana Pauker in der Sowjetunion aufgestellten „Freiwilligen-Truppe“, die aus Kriegsgefangenen und Überläufern bestand. Aus propagandistischen Gründen kam sie auch später immer wieder zum Einsatz. Der national und international hochrenommierte Schriftsteller Mihail Sadoveanu (1880 – 1961) hat dieser Truppe mit seinem opportunistischen Roman Mitrea Cocor ein fragwürdiges literarisches Denkmal gesetzt, wodurch er sich eine glänzende Karriere im kommunistischen Regime sicherte, aber seine hohe moralische Reputation vollends einbüßte.

Nachdem die Sowjetunion das ganze Land besetzt hielt, bequemte sie sich endlich dazu, den Waffenstillstand abzuschließen. Dieser Akt fand am 12. September 1944 in Moskau statt. Seitens der Sowjetunion unterschrieb ihn Marschall Malinkow, für die rumänische Seite wurden eingeladen: General G. Popp für die nationale Bauernpartei, L. Patrascanu für die Kommunisten, S. Voitec für die Sozialdemokraten und G. Fotino für die Nationalliberalen. Hinzu kamen noch die Unterhändler in Kairo, Prinz Barbu Stirbey und C. Visoianu. Mit dieser Unterschrift setzte die sowjetische Dominanz über das Land ein. Die Westalliierten hatten zudem inzwischen auf einen größeren Einfluss in Südosteuropa verzichtet und das Geschehen dort der Sowjetunion überlassen. Im Gegenzug hatten sie sich die Dominanz in Griechenland und im Mittelmeerraum gesichert. Der Sowjetisierung in Rumänien stand international also nichts mehr im Wege.

Die Sowjetisierung

Aufschlussreich für diesen Komplex sind die Ausführungen von Ekkehard Völkl in seinem Buch Rumänien Vom 19. Jahrhundert bis in die Gegenwart, Regensburg 1995.

Die Machtübernahme durch die Kommunisten verlief in allen Staaten Ostmittel- und Südosteuropas nach einem ähnlichen Drehbuch ab. Die sowjetischen Kommandanturen gaben den einheimischen Kommunisten Hilfestellung und behinderten die anderen Parteien. Kommunisten und ihnen willfährige Mittelsmänner wurden Staatssekretäre, Minister oder gar Ministerpräsidenten. Dann traten die Kommunistischen Parteien im Bündnis mit anderen Parteien zu Wahlen an, hielten sich aber geschickt im Hintergrund. Manipulationen und offener Druck verhalfen zu einem Wahlerfolg, wobei nach außen hin großer Wert auf die Aufrechterhaltung von Koalitionen gelegt wurde. Die anderen Parteien wurden in einer Atmosphäre von Terror und Einschüchterung „gleichgeschaltet“ oder dezimiert und ganz verboten. Es entstand schließlich eine Einparteienherrschaft totalitärer Prägung. Der „Sowjetisierung“ stand nichts mehr im Wege. Auch in Rumänien verlief die „Sowjetisierung“ nach diesem Strickmuster. Mit der hauptsächlich aus parteilosen Fachleuten bestehenden Regierung Sanatescu, die der König am späten Abend des 23. August 1944 eingesetzt hatte, übernahmen zunächst nach einigem Zögern von allem durch Iuliu Maniu von der nationalen Bauernpartei auch die vier Parteien Verantwortung, die sich im Juni 1944 zum „Nationaldemokratischen Block“ zusammengefunden hatten Es waren die Nationale Bauernpartei, die Nationalliberale Partei, die Sozialdemokratische Partei und die Kommunistische Partei (Letztere war auf ausdrückliche Forderung der Alliierten in den Block aufgenommen worden). Ihre Vorsitzenden traten als Minister ohne Geschäftsbereich in die Regierung ein. Mit Blick auf die Sowjetunion wurden nun die beiden linken Parteien sehr wichtig, vor allem die Kommunisten. Bisher hatten sie in Rumänien nur geringe Bedeutung gehabt und sie war nie in einer Regierung vertreten gewesen. Die Partei, seit ihrem Verbot (1924) im Untergrund stehend, dürfte 1944 über kaum mehr als tausend Mitglieder verfügt haben. Die meisten ihrer Führungspersonen befanden sich in Haft, darunter der spätere Parteichef Gheorghe Gheorghiu-Dej. Andere lebten im Exil in der Sowjetunion. Mit dem Sturz Antonescus kamen die Inhaftierten frei, und die „Moskauer“ kehrten zurück. Unter ihnen gaben Vasile Luca und Ana Pauker (geb. Hannah Rabinsohn) den Ton an. Deren Mann, Marcel Pauker, hatten die sowjetischen Behörden als „Trotzkisten“ erschießen lassen. Dennoch stellte sie sich bedingungslos in den Dienst Stalins, der sie 1943 mit der Aufstellung der Division „Tudor Vladimirescu“, der besagten „Freiwilligentruppe“, bestehend aus rumänischen Kriegsgefangenen, betraut hatte. Nach dem Sturz Antonescus baute die Kommunistische Partei ihre Organisation aus und warb erfolgreich um Mitglieder. Wer immer sich der Partei, dem Jugendverband und anderen Organisationen im politischen Umfeld anschloss, war willkommen. Sogar Angehörige der „Eisernen Garde“, die sich auf diese Weise einer Verfolgung entzogen, fanden Aufnahme. Im Oktober beendete die Kommunistische Parte das Aktionsbündnis mit der Bauernpartei und der Nationalliberalen Partei und formte ein engeres, linksgerichtetes, Bündnis, die „National-Demokratische Front (Frontul National-Democrat)“. Ihm gehörten neben den Kommunisten die Sozialdemokraten, eine Splitterpartei, „Frontul Plugarilor (Front der Pflüger)“, unter dem späteren Miniastpräsidenten Petru Groza, sowie zwei Gruppierungen, die sich von der Nationalen Bauernpartei und der Nationalliberalen Partei aus opportunistischen Gründen abgespalten hatten, aber weiter unter diesen Namen auftraten, was für erhebliche Verwirrung sorgte. Die „Front“ schaffte es bald durch ständige Demonstrationen und eine aggressive Agitation gegen die „Faschisten“, wie die bürgerlichen Parteien nun genannt wurden, das politische Leben lahm zu legen. Eine Großdemonstration der Nationalen Bauernpartei am 13. Oktober 1944 wurde sowjetischerseits massiv als pro-faschistisch diffamiert und die Bestrafung der Initiatoren gefordert. Der sowjetische Vertreter in der Alliierten Kontrollkommission und die „National-Demokratische Front“ erzwangen den Rücktritt der Regierung Sanatescu. Der König beauftragte ihn zwar erneut mit der Regierungsbildung, aber dieses mal musste der Vorsitzende der Kommunistischen Partei, Gheorghe Gheorghiu-Dej in das Kabinett aufgenommen werden. Sanatescu hielt dem dauernden Druck nicht mehr stand und trat im Dezember endgültig zurück. Sein Nachfolger, General Radescu, galt von vorneherein als Übergangslösung. Die entscheidende Initiative zur endgültigen Umwandlung Rumäniens in einen kommunistischen Staat ergriff der hemdsärmlige und skrupellose stellvertretende sowjetische Außenminister, Andrei Januarjewitsch Wyschinski, der sich wiederholt in Bukarest aufhielt, um „nach dem Rechten zu sehen“. Er war übrigens der Chefankläger bei den vielen Schauprozessen in der Sowjetunion Ende der 30er Jahre gewesen. Anlass zum „großen Reinemachen“ bot ihm der blutige Ausgang einer von der National-Demokratischen Front organisierte Massendemonstration unter der Parole „NDF an die Macht“. Die entscheidenden Schüsse waren bewusst von einem agent provocateur abgegeben worden. Jetzt hatte er die gewünschte Handhabe. Schroff forderte er den König auf, Petru Groza zum Ministerpräsidenten zu ernennen. Als Michael zögerte, kam es zu lautstarken Auseinandersetzungen. Schließlich lenkte Michael ein und ernannte den Vorsitzenden der Front der Pflüger, Petru Groza, am 6. März 1945 zum neuen Ministerpräsidenten. Radescu floh über Zypern nach Amerika. Von 18 Kabinettssitzen wurden 14 mit Vertretern der NDF besetzt. Die Westalliierten erkannten allerdings die neue Regierung erst an, als sie aus Moskau die Zusage freier Wahlen und die Aufnahme von Vertretern der nationalen Bauernpartei und der Nationalliberalen Partei erhielten. Die Anerkennung erfolgte im Februar 1946. In der Zwischenzeit waren von 58 Präfekturen 56 an Kommunisten gefallen, das heißt, die gesamte Verwaltung war bereits gleichgeschaltet. Als erste größere Maßnahme hatte die Regierung Groza 1945 ein Gesetz zur Agrarreform erlassen, nach den Reformen unter Cuza und denjenigen von 1920-21 die dritte Maßnahme dieser Art in Rumänien. Dahinter stand die Absicht, durch Landzuteilungen unter dem Bauernproletariat Anhänger zu gewinnen. Mann griff auf die Bauernhöfe der deutschen Bevölkerung sowie rumänischer „Kriegsverbrecher“ und

„Kollaborateure“ (Diese beiden Begriffe wurden juristisch nie genau definiert, sondern willkürlich gehandhabt.) sowie auf Grund und Boden, die der Eigentümer nicht selbst bearbeitete, zurück. Des weiteren wurde, mit bestimmten Ausnahmen, die Obergrenze der landwirtschaftlichen Güter auf 50 ha herabgesetzt und die darüber liegenden Flächen enteignet. Als im März 1949 auch diese noch verbliebenen Güter der ehemaligen Großgrundbesitzer, diejenigen bis 50 ha, ganz enteignet wurden und die gesamte Aktion zum Abschluss kam, waren 1.468.000 ha an 918.000 landlose und landarme Bauern vergeben. 359.000 ha behielt der Staat als Reserve.

Am 19 November 1946 fanden schließlich die in Aussicht gestellten Wahlen statt, die ersten seit 1937, erstmals unter Beteiligung von Frauen. Unter dem Schutz der sowjetischen Militäradministration warenTerrorisierung, Straßenschlachten, Erpressungen und Einschüchterungen durch die Kommunisten und ihre Verbündeten an der Tagesordnung. Es ist also nicht verwunderlich dass diese schließlich von 414 Sitzen 378 Sitze errangen. Die Regierung Groza hatte damit ihre Stellung erheblich gefestigt. Die beiden Antonescus und einige Minister waren nach ihrer Verhaftung mit Gewalt in Gewahrsam der „Patriotischen Garden“ geraten, einer adhoc geschaffenen kommunistischen Parteimiliz, die sie später zur Aburteilung an die Sowjets übergaben. Sie wurden dann nach einem Schauprozess am 1. Juni 1946 hingerichtet. Im Februar 1947 schloß Rumänien mit seinen ehemaligen Gegnern im Zweiten Weltkrieg in Paris einen Friedensvertrag, in dem Nordsiebenbürgen an Rumänien zurückgegeben wurde, wohingegen die Nordbukowina , Bessarabien und die Süddobrudscha abgetrennt wurden. Die Sowjetunion erhielt das Recht „so viele bewaffnete Streitkräfte für die Aufrechterhaltung der Verbindung der Sowjetarmee mit der sowjetischen Besatzungszone in Österreich braucht“. Scheibchenweise schritt nun die „Sowjetisierung“ weiter voran, bis schließlich auch die letzte bürgerliche Bastion niedergerissen wurde: die Monarchie. Am 30.12.1947 legten der Ministerpräsident Petru Groza und der KP-Chef Gheorghe Gheorghiu-Dej dem König eine Abdankungsurkunde zur Unterschrift vor. Mihai müsse verstehen, dass in Rumänien kein Platz mehr für einen König sei. Der Palast war von Truppen der Division „Tudor Vladimirescu“ sowie von Polizei umstellt, die Telefonverbindungen waren unterbrochen. Groza drohte, eine Weigerung des Königs würde Blutvergiessen und vielleicht auch einen Bürgerkrieg nach sich ziehen. Mihai unterzeichnete in dieser aussichtslosen Situation die Verzichts-Erklärung und verließ samt seiner Familie das Land. Noch am selben Tag rief das Parlament die „Rumänische Volksrepublik (Republica Populara Romana)“ aus. Bei den Wahlen zur verfassungsgebenden Nationalversammlung im März 1948 trat die „Rumänische Arbeiterpartei (Partiul Muncitoresc Roman)“, die Kommunistische und Teile der Sozialdemokratischen Partei hatten sich mittlerweile vereinigt, unter der Sammelliste „Frontul National Democrat“ an und erhielt 405 von 414 Sitzen. Die neue Verfassung wurde bereits am 13. April 1948 angenommen.

Schluß

Die Sowjetunion hatte für die Zwecke ihrer Propaganda eine Version über die Ereignisse in Südosteuropa während der Schlussphase des Krieges verbreitet, die sie als die allein zulässige zu verbreiten suchte. Danach sei die Befreiung der Länder Südosteuropas von der Roten Armee im Zusammenwirken mit einer mächtigen kommunistischen Widerstandsbewegung vollzogen worden, die sich mit der Gewalt einer nationalen Revolution durchgesetzt habe. Dies ist in Wirklichkeit nichts andere als eine politische Legende. Gerade im Falle Rumäniens hat die kommunistische Partei eine sehr marginale Rolle gespielt. Die zentrale Rolle, die Patrascanu und Emil Bodnaras mit ihren riesigen Anhang gespielt haben sollen, ist Geschichtsklitterung, wird aber bis heute in bestimmten Kreisen kolportiert.

Den tatsächlichen Akteuren auf dem Weg zu den denkwürdigen Ereignissen am 23. August 1944 und bei den epochalen Entscheidungen dieses Tages war es nicht vergönnt, die Früchte ihres Handelns zu ernten:

Ab Anfang 1947 gingen die Kommunisten mit tatkräftiger Hilfe durch die sowjetische Militäradministration zur gnadenlosen Verfolgung ihrer politischen Rivalen und Gegner über und stützten sich dabei auf einen Passus im Waffenstillstand vom 12. September 1944, in dem es hieß, Organisationen „faschistischen Charakters“ und solche die gegen die Sowjetunion oder andere Staaten „feindliche Propaganda „ betrieben, zu verbieten seien. Ein Dekret vom 20. Januar 1945 hatte zudem die Bestrafung von Kriegsverbrechen zum Inhalt. Die Verfolgung mit massenhaften Verurteilungen war systematisch und beinahe lückenlos.

Der König starb hochbetagt am 05. Dezember 2017 in der Schweiz. Sein Land besuchte er zum ersten Male nach 45 Jahren im Jahre 1992 wieder, nachdem er beim ersten Versuch im Jahre 1990 vom damaligen Machthaber Iliescu des Landes verwiesen worden war. Sein Oberhofmeister Ion Mocsony-Starcea wurde ab 1947 mehrfach verurteilt und 1964 amnestiert. Er starb 1992 im Schweizer Exil. General Constantin Sanatescu starb am 1.11.1947 an Lungenkrebs. Vorher war er bereits angeklagt worden. General Nicolae Radescu floh am 15. Juni 1946 nach Zypern. Er starb 1953 in New York. General Aurel Aldea starb 1949 im Gefängnis. Grigore Niculescu -Buzestii floh Ende 1946 in die Schweiz und starb 1953 in New York. Iuliu Maniu starb 1954 im Gefängnis. Sein Stellvertreter Ion Mihalache starb 1963 im Gefängnis. Lucretiu Patrascanu fiel dem Machtkampf innerhalb seiner eigenen Partei zum Opfer und wurde 1954 hingerichtet. Titel Petrescu starb 1957 an den Folgen einer mehrjährigen Haft. Barbu Stirbey starb am 25. März 1946 an einer Vergiftung, höchstwahrscheinlich auf Befehl des sowjetischen Hochkommissars Wyschinski. Constantin Visoianu starb hochbetagt im amerikanischen Exil. Ghita Popp, der Mitunterzeichner des Waffenstillstandes vom 12.09.1944 starb nach mehrjähriger Haft im Jahre1967 in der Verbannung in der Baragan-Steppe. Dumitru Damascanu, in der fraglichen Zeit Militärkommandeur von Bukarest und Mitunterzeichner des Friedensvertrags vom 10. Februar 1947 wurde kurz danach degradiert und aus der Armee entfernt. Er starb verarmt im Jahre 1978. Gheorghe Fotino, ein Mitunterzeichner des Waffenstillstands vom 12. 09. 1944 wurde 1964 aus einer langjährigen Gefängnishaft entlassen und arbeitete bis zu seinem Tode im Jahre 1969 im historischen Forschungsinstitut „Nicolae Iorga“, wo der Verfasser dieser Zeilen noch Gelegenheit hatte, ihn kennenzulernen. Frederic Nanu starb 1991 mit 107 Jahren im spanischen Exil.

Der starke Mann, der sich hartnäckig gegen alle seine innerparteilichen Rivalen durchsetzte, wurde schließlich Gheorghe Gheorghiu-Dej, der dann die Partei und den Staat bis zu seinem Tode im Jahre 1965 mit eiserner Hand führte. Sein Nachfolger wurde der unselige Nicolae Ceausescu.

Das ab 1948 endgültig etablierte kommunistischen Regime dauerte über 40 Jahre an. Seine Auswirkungen sind auch heute noch, 30 Jahre nach seinem Zusammenbruch, zu spüren. Der 23. August, der 40 Jahre lang Nationalfeiertag war, wird heute nicht einmal mehr als Gedenktag begangen.

Der 23. August 1944 und seine Folgen haben auch das Schicksal des Verfassers dieser Zeilen und das seiner Familie maßgeblich beeinflußt.

Jacob Basilikus Heraklides

Die interessante Geschichte eines genialen Abenteurers und Hochstaplers, der es zum Fürsten des Donaufürstentums Moldau brachte.

Jacob Basilikus Heraklides
ein genialer Abenteurer und Hochstapler

1954 veröffentlichte der damalige Bundespräsident Theodor Heuss das Buch „Schattenbeschwörungen, Randfiguren der Geschichte“. Dort erschien unter anderem die Lebensbeschreibung von zwei Abenteurern bzw. Hochstaplern, die heute in Vergessenheit geraten sind. Es handelt sich erstens um den westfälischen Baron Theodor von Neuhoff, der es im 18. Jahrhundert auf grotesk-abenteuerliche Weise zum kurzzeitigen König von Korsika brachte. Zweitens ging es um den Grafen Moritz von Benjowski, einen Kleinadligen slowakisch-ungarisch- polnischer Herkunft, der im 7-jährigen Krieg als österreichischer Offizier in russische Gefangenschaft geriet und nach konspirativen Umtrieben auf die Halbinsel Kamtschatka verbannt wurde. Dort zettelte er eine Revolte an, floh mit seinen Spiessgesellen auf einer gekaperten Galiote und gelangte über Macao, Mauritius und Madagaskar nach Frankreich, wo er Ludwig XVI. für das Projekt einer Eroberung und Kolonisierung Madagaskars gewann. Mit französischen Truppen machte er sich ans Werk, eroberte rasch die Insel und ließ sich von den ihm wohlgesonnenen Eingeborenen zum König erheben. Nach einer französisch-königlichen Inspektion der Insel segelte er nach Frankreich, um sich zu rechtfertigen. Obwohl im die Rechtfertigung gelang, kehrte er nicht auf die Insel zurück, sondern vagabundierte in Europa und Amerika herum bis er schließlich wieder Dienst in Österreich-Ungarn nahm. 1783 startete er erneut erfolgreich ein Madagaskar- Unternehmen, dieses Mal unter österreichischer Flagge. 1785 intervenierten französische Truppen von Mauritius aus und 1786 erlag Benjowski seinen Verletzung im Kampf gegen die Franzosen.

Inspiriert durch diese beiden Figuren kam mir nach langer Zeit eine andere abenteuerliche historische Gestalt in Erinnerung, die mit der Geschichte des Donaufürstentums Moldau eng verbunden ist: Jakob Basilikus Heraklides, Fürst der Moldau 1661-1563. In der rumänischen Historiographie wird dieser Fürst Despot-Voda genannt. Despot war ein griechischer Herrschertitel, also ein terminus technicus. Der Einfachheit halber wird Jacob Basilikus Heraklides in den folgenden Zeilen auch so genannt. Der beste Kenner dieses sonderbaren Abenteurers ist Hans Petri, ehemals evangelisch-lutherischer Pfarrer in Bukarest, der in der Zeit nach dem I. Weltkrieg allen erreichbaren Hinweisen und deren Verästelungen nachgegangen ist. 1927 veröffentlichte er im „Archiv des Vereins für siebenbürgische Landeskunde, Neue Folge, 44 Band, 1. Heft“ : Das Leben des Jakob Basilikus Heraklides, Fürsten der Moldau (1561-1563) aus dem lateinischen Text des Johann Sommer übersetzt, mit einer Einleitung und Anmerkungen versehen.

Es handelte sich um einen Augenzeugenbericht und um die wohl objektivste Darstellung des späten Lebensweges dieser schillernden Figur. In großen Teilen folgt der Autor dieser Zeilen diesem Augenzeugenbericht und der Einleitung sowie den Anmerkungen Petris.

Nach der osmanischen Eroberung Konstantinopels im Jahre 1453 und der ägäischen Inseln, das griechische Festland war vorher schon von den Osmanen okkupiert worden, tauchten in ganz Europa zahlreiche tatsächliche oder angebliche Nachfahren byzantinischer Kaiserhäuser und hochadliger Familien auf: Cantacuzinos, Paleologen, Komnenos und viele andere. Tatsächliche Nachfahren und Hochstapler waren kaum noch auseinander zu halten. Es tummelten sich neben ernsthaften Persönlichkeiten die abenteuerlichsten und dubiosesten Gestalten auf den europäischen Höfen herum und versuchten mit den erlauchten Namen ihr Glück zu machen. Manchen gelang es, manchen nicht.

Über die Herkunft des Despoten gibt es die verschiedensten und widersprüchlichsten Varianten. Er selbst gab vor, der Sohn des Despoten von Samos zu sein, der als einziger dank seiner Amme den Massakern durch die osmanischen Eroberer entkommen sei. Später sei er von einem griechischen Gelehrten namens Hermodorus Lestarchus auf Chios in Obhut genommen worden. Je nach Opportunität hat er seine Herkunftslegende immer wieder modifiziert. Kritiker beschreiben ihn als Sohn eines kretischen Lohnschiffers, der in Flandern durch Betrug in den Besitz von adligen Herkunftspapieren gelangt sei. Er sei nämlich in Brüssel in den Dienst des landflüchtigen Despoten von Samos und Paros getreten und habe durch seine Gewandtheit das Zutrauen seines Herren erworben und habe sich nach dessen Tode seiner Papiere bemächtigt, auf Grund derer er sich nun selbst als erbberechtigter Prinz von Samos ausgebe. Ein anderes Mal will er auf Rhodos geboren sein. Nicht nur über seiner Herkunft, sondern auch über seiner Jugend liegt ein Schleier. Angeblich ist er über Rom und Malta nach Montpellier gelangt, wo er studiert und eine Familie gegründet haben soll. Später findet man ihn in der Umgebung des Kaisers Karl V. in Flandern, an dessen Feldzügen er teilgenommen hat. Nach Frankreich ist er nie wieder zurückgekehrt, da er dort wegen Mordes gesucht wurde. Angeblich soll er dem Liebhaber seiner liederlichen Frau aufgelauert haben und ihn heimtückisch ermordet haben. Nach seinem Aufenthalt in Flandern verbringt er längere Zeit am Hofe des Grafen Volrad von Mansfeld und in der Umgebung von Günther von Schwarzburg, über die er in enge Verbindung zu Melanchthon und Luthers Schwiegersohn Georg von Kunheim tritt. Auch Luthers Sohn Paul, einen berühmten Prominentenarzt, will er gekannt haben. Auf jeden Fall hing er zu diesem Zeitpunkt schon der lutherischen Lehre an. Nach einem Aufenthalt am dänischen Königshof hat er angeblich an der Rostocker Universität als Professor für Mathematik, seine große Leidenschaft, wie Sommer bestätigt, gearbeitet. Schließlich gelangt er mit diversen Empfehlungsschreiben versehen zu Herzog Albrecht von Hohenzollern nach Königsberg, der ihm sehr wohlgesonnen war und der ihn in den polnischen Hof in Krakau eingeführt hat. In Polen lernt er alle wichtigen Persönlichkeiten kennen und freundet sich mit Albert Lasky, einem über die Massen reichen Condotiere, an. Auch die Beziehungen zum Kaiserhof weiß er zu pflegen. Der Nachfolger Karls, sein Bruder Ferdinand, und dessen Sohn Maximilian hatten für alle Einflüsterungen des Despoten ein offenes Ohr. So verfestigt sich allmählich die Idee, mit Hilfe des Despoten sich des moldauischen Thron zu bemächtigen und auf dieser Basis nach Siebenbürgen und in die Walachei vorzudringen und so die Osmanen allmählich zurückzudrängen. Ein verwegener Plan! Der Despot muss wohl nicht nur eine erstaunliche Sprachbegabung, sondern auch ein äußerst einnehmendes Wesen und eine große Überzeugungskraft besessen haben. Anders ist sein Einfluß auf diese führenden Köpfe nicht zu erklären. Bereits im Frühjahr 1558 stattete er Alexander Lapusneanu, dem Fürsten der Moldau, gewissermaßen als Erkundungsoperation, einen freundschaftlichen Besuch ab und versuchte diesen in den Glauben zu versetzen, er wolle von hier aus seine ihm zustehenden Herrschaft auf Samos zurückerobern und erbat zu diesem Zweck von Alexander Waffen und Geschütze. Dabei machte er geltend, er sei ja schließlich mit Alexanders Gattin Ruxandra, einer Tochter des serbischen Despoten, eng verwandt. Er bat also um einen Verwandtschaftsdienst. Hierbei hat er bezüglich seiner Herkunft wieder einmal dicke Schminke aufgetragen, wie auch später, als er im Kampf gegen Alexander den moldauischen Bojaren gegenüber geltend machte, er sei moldauischen Blutes, denn sein Vater habe am moldauischen Hof eine herausragende Rolle gespielt, sei aber von Alexander meuchlings ermordet worden. Der notorisch mißtrauische Alexander durchschaute jedoch das Spiel und der Despot musste Hals über Kopf fliehen. Er fand zunächst Unterschlupf in Kronstadt. Dort gab er dann seine absurde Ahnentafel heraus, in der er seinen Stammbaum bis auf Herakles zurückführte. Daher auch sein angenommener Name Heraklides. Er mußte aber auch von dort fliehen, da die reichen Kronstädter Kaufleute nicht bereit waren, sich um seinetwillen mit ihrem wichtigen Handelspartner Alexander zu überwerfen.

Als er nach Polen zurückgekehrt war, begann er unermüdlich alle Fäden zu spinnen und schuf eine starke „Koalition der Willigen“ zur militärischen Eroberung des moldauischen Throns. Um dieses Unternehmen zu finanzieren lieh er sich unter Vermittlung durch Albrecht von Preußen bei Albert Lasky 10.000 Goldstücke, eine für damalige Verhältnisse ungeheuer hohe Summe. Lasky war ein äußerst wohlhabender polnischer Magnat, der seinen Sitz in der an ihn verpfändeten Stadt Käsmark in der Zips hatte. Er galt als skrupellos und brutal. Der Kaiser stellte ihm auch eine gewisse Summe zur Verfügung. Mit diesen Geldern warb er nun nicht nur eine größere Söldnertruppe sondern in Gestalt des Söldnerführers Antonius Szekeli auch einen begabten Feldherren an. Damit war alles für eine Invasion vorbereitet und alle Beteiligten erhofften sich große Gewinne: Der Kaiser hoffte auf eine erfolgreiche Zurückdrängung der Osmanen, sein Komplize und spätere Gegner Lasky noch mehr Reichtum und Macht, Szekeli hohen Sold und Möglichkeiten zur Plünderung und schließlich der Despot selber einen Fürstenthron mit der Aussicht auf die Eroberung auch von Siebenbürgen und der Walachei. Die Invasion verlief erfolgreich und fast unblutig, denn Alexander verlor sehr rasch die Nerven und floh nach Istanbul zum Sultan. So konnte sich der Despot problemlos mit Hilfe der von Alexander vertriebenen und jetzt zurückkehrenden Bojaren auf den Thron setzen. Sofort begann er mit einer umfangreichen Reformpolitik und Modernisierung des Landes, die aber in der noch sehr archaischen Gesellschaft nicht verfingen. Erstaunlicherweise akzeptierte der Sultan diese ungewöhnliche Thronbesteigung, allerdings verbunden mit exorbitant hohen Tributforderungen.

Natürlich geriet er in große Geldnot, zumal das Land schon von Alexander fast völlig ausgeplündert worden war. Das Einschmelzen wertvoller Kultgegenstände zum Zweck der Münzprägung reichte bei weitem nicht aus, erregte aber großen Unmut in der konservativen orthodoxen Bevölkerung. Seine Forderung an das Fürstentum Siebenbürgen, ihm die moldauischen Lehensgüter Cetatea de Balta (Kokelburg) und Ciceu, die frühere moldauische Fürsten erworben hatten, mittlerweile aber wieder verloren gegangen waren, zurückzuerstatten, blieb erfolglos. Er mußte daher den steuerlichen Druck auf die Bevölkerung und vor allem auf die Bojaren empfindlich erhöhen, was zu großer Unzufriedenheit und allmählich wachsendem Widerstand führte. Besonders allergisch reagierte die Bevölkerung auf die Zurückdrängung der Orthodoxie zugunsten des lutherischen Bekenntnisses und die massive Bevorzugung deutscher und ungarischer Siedler, von denen es zu der Zeit sehr viele gab. Ganze Städte und ausgedehnte Landstriche waren wie in Siebenbürgen deutsch besiedelt, was sich natürlich sehr positiv für das lutherische Bekenntnis auswirkte. Die Schaffung einer deutsch-evangelischen Bildungsanstalt auf hohem Niveau mit Schule, Bibliothek und Forschungszentrum in Cotnar erregte höchstes Mißtrauen. Zum Leiter der Bildungsanstalt ernannte er den Verfasser des von Hans Petri übersetzten und veröffentlichen Augenzeugenberichts Johannes Sommer. Schließlich berichten Sommer und andere Augenzeugen von einem wachsenden Cäsarenwahn des Fürsten. Zu allem Überfluss erklärte ihm auch Albert Lasky die Feindschaft und forderte seine Leihgabe zurück. Ganz offen näherte sich dieser dem undurchsichtigen und draufgängerischen Kosakenhetman Dmytro Wyschneweckyi an, der nun den Despoten von Lemberg aus bedrohte. Der Fürst hatte sich also mittlerweile zwischen alle Stühle gesetzt. Auch strategisch befand er sich in einer Sackgasse. Seinen Feldherrn Szekeli hatte er zwar reich entlohnt entlassen, die zahlreichen und kostspieligen Söldner aber weiterhin in voller Gänze unter Waffen gehalten, was vom Sultanshof äußerst mißtrauisch beobachtet wurde. Andererseits wäre eine Abrüstung auf völlige Missbilligung durch den Kaiser gestoßen, da eine Zurückdrängung der Osmanen dadurch wieder in weite Ferne gerückt wäre. Diese prekäre Lage verschlimmerte sich, als die aufgebrachten Bojaren sich um einen gewissen Stefan Tomsa scharten und diesem den Thron anboten. Die Bojaren selbst scheuten sich, für sich nach dem Thron zu greifen, da dieses Unterfangen erfahrungsgemäß mit großer Gefahr für Leib und Leben und vielen Unwägbarkeiten verbunden war. Die Festung Suceava, in der sich der Despot verschanzt hatte, wurde nach monatelanger Belagerung schließlich durch Verrat eingenommen und Tomsa erschlug eigenhändig den gefangenen Despoten. Den rivalisierenden Kosakenhetman ließ er ebenfalls fangen und nach Istanbul schaffen, wo er eines grausamen Todes starb. Dieser Sieg blieb jedoch nicht von langer Dauer, denn Tomsas viele Eigenmächtigkeiten erregten großen Missmut am Sultanshof und der Sultan entschied, Alexander erneut auf den Thron zusetzen. Dieser rückte daraufhin mit türkischen und tatarischen Truppen vor und vertrieb Tomsa samt dessen verbündeten Bojaren. Auf sein energisches Betreiben hin wurden sie alle im polnischen Lemberg hingerichtet. Mit der zweiten Regierungszeit Alexanders wurde seine grausame Terrorherrschaft der ersten Regierungszeit fortgesetzt. Die zweijährige widersprüchliche Regierungszeit des griechischen Abenteurers blieb Episode.

Der Autor des von Hans Petri übersetzten und herausgegebenen Augenzeugenberichtes Johannes Sommer gehört auch in die Reihe der Abenteurer, die es im 16. Jahrhundert so häufig gab. Johannes Sommer wurde 1541 in Pirna geboren. 1562 finden wir ihn als Studenten an der Universität von Frankfurt an der Oder. Seine ausgeprägte Abenteuerlust führt ihn aber im gleichen Jahr in die Moldau zu dem Despoten, von dem offensichtlich in ganz Europa rühmlich gesprochen wurde. Dieser verwendete ihn zunächst als Schreibkraft und machte ihn später zum Leiter der Bildungsanstalt in Cotnar. Nach dem Sturz des Despoten musste er fliehen und irrte drei Monate lang in Bauernkleidung durch Weingärten und Wälder, bis er endlich nach Kronstadt in Siebenbürgen gelangte. Dort war er dann 1565 bis 1567 Rektor der vom Reformator Johannes Honterus gegründeten Schule. Anschließend ging er in gleicher Eigenschaft nach Bistritz und siedelte schließlich 1570 nach Klausenburg über, wo er abermals Schulleiter wurde. Hier trat er nun mit den Führern der unitarischen Bewegung in Beziehung und besonders mit Franz Davidis, dessen Schwiegersohn er wurde. 1574 starb er zusammen mit seiner Gattin und seiner Schwiegermutter an der Pest. Sein Nachfolger an dem inzwischen unitarischen Kolleg wurde der bedeutende Gelehrte und Theologe Jakob Paleologus, der wohl tatsächlich von der byzantinischen Kaiserdynastie der Paleologen abstammte und nach einer langen und zum Teil gefährlichen Odyssee über Italien, Frankreich und Polen nach Klausenburg gelangt war.

Der Siebenbürger Sachse Franz Davidis wurde nach seinem Studium in Wittenberg evangelisch- lutherischer Pfarrer in der konfessionell und ethnisch gespaltenen Stadt Klausenburg. Die Deutschen wandten sich dort wie im übrigen Siebenbürgen der lutherischen Lehre zu, wohingegen die Ungarn der Lehre von Johannes Calvin anhingen. Später wechselte er zum Kalvinismus und schließlich zum Unitarismus, wodurch er völlig magyarisiert wurde. Gegen Ende seines Lebens radikalisierte er sich noch mehr und näherte sich den Nonadoranten und schließlich den Sabbatariern an. Deswegen und wegen seines aussergewöhnlich streitbaren Temperaments ließ ihn der Fürst verhaften und er starb 1579 als Gefangener auf der Festung in Deva.

Der phantastische Ritt Karls des XII. von Schweden

Inspiriert durch die Erzählungen von Theodor Heuss in seinem Buch „Schattenbeschwörungen“ habe ich einige sonderbare historische Persönlichkeiten beschrieben. Die erste dieser Beschreibungen bezieht sich auf den schwedischen König Karl XII., dfer im Jahr 1714 einen Gewaltritt von 2150 km von Pitesti in der Walachei nach Stralsund binnen 15 Tagen zurückgelegt hat, eine phantastische reiterliche Leistung.

Das türkische Abenteuer und der Gewaltrittdurch Siebenbürgen
des Königs Karl XII von Schweden

Einleitung

Im Alter von 13 Jahren las ich in der Bibliothek meines Großvaters in meinem Heimatort Nadesch in Siebenbürgen ein Heftchen mit dem Titel „Karl XII., ein deutscher Held auf dem schwedischen Thron“. Das Heftchen war ein Überbleibsel der reichsdeutschen Pimpfe, die Anfang der 40er Jahre in mehrere Sommerlager nach Siebenbürgen, auch nach Nadesch, verschickt worden waren, um das damals hochgehaltene Auslandsdeutschtum kennenzulernen. Andere ähnliche Heftchen beschäftigten sich mit Hermann dem Cherusker, dem letzten Staufer Konradin, den Helden des Lützowschen Freikorps, dem U-Boot-Kommandanten Otto Weddigen, Albert Leo Schlageter, der 1923 während der Ruhrbesetzung von den Franzosen wegen bewaffneten Widerstandes hingerichtet worden war, und natürlich mit Horst Wessel. Dass diese Heftchen nationalsozialistisches Propagandamaterial für die Hitlerjugend waren, ist mir erst nachträglich bewusst geworden. Damals war ich aber von den beschriebenen Heldentaten fasziniert. Eine andere Hinterlassenschaft der Hitlerjungen war ein khakifarbenes Epaulettenhemd, das mir tadellos passte. Von besonderer Pikanterie war die Tatsache, dass ich es bei offiziellen Schulanlässen mit umgebundenem roten Pionierhalstuch der kommunistischen Schülerorganisation trug, ohne dass irgendjemand daran Anstoß nahm. Besonders bewundert habe ich den Gewaltritt Karls XII., der 1714 eine Strecke von 2150 km (von Pitesti in der Walachei bis Stralsund an der Ostsee) binnen 15 Tagen zurücklegte, also durchschnittlich 143 km pro Tag. Dass er dabei auch durch Siebenbürgen gekommen war, erregte meine Neugier in besonderem Maße. Später habe ich mich natürlich mit diesem König und dem von ihm entfesselten Großen Nordischen Krieg beschäftigt und auch die einschlägige Literatur dazu gelesen. Seinen Aufenthalt in der Türkei nach der verlorenen Schlacht bei Poltawa in der Ukraine und seine aufsehenerregende Rückkehr habe ich dann aber nicht weiter verfolgt. Diese hochinteressante Episode kam mir erst wieder in den Sinn, als ich kürzlich in der mehrbändigen „Geschichte des Osmanischen Reiches“ des rumänischen Polyhistors Nicolae Iorga stöberte und dabei auch auf sie stieß. Iorga beendet verständlicherweise seine diesbezüglichen Darlegungen mit der Ankunft Karls in Pitesti. Zusätzliche Einzelheiten sind auch bei den rumänischen Chronisten Ioan Neculce und Gheorghie Sincai zu finden. Seinen Ritt von Pitesti durch Siebenbürgen beschreibt aber einigermassen ausführlich Franz Zimmermann in seinem Aufsatz „Der Schweden Durchzug durch Siebenbürgen um das Jahr 1714“ vom Jahre 1882 in „Archiv des Vereins für siebenbürgische Landeskunde, Neue Folge. Siebzehnter Band. I. Heft, Hermannstadt 1882“. Er verwendete dabei alle damals zugänglichen Quellen. Eine umfängliche und zeitraubende Internet- Recherche förderte dann noch etliche weitere Details zutage, sowohl zu seinem Zwangsaufenthalt in der Türkei, als auch zu seinem Gewaltritt, sodass ein einigermassen klares Bild entstehen konnte. Das Buch von Robert Denndorf: Als König Karl XII. von Schweden Gast der Rumänen war, 2017, wurde aus technischen Gründen nicht ausgewertet.

Die folgende Darstellung endet mit der Ankunft des Königs in Nordwestsiebenbürgen. Hinsichtlich seines weiteren Weges haben sich die Quellen verflüchtigt, oder ich habe sie nicht freilegen können.

Persönlichkeit Karls XII

Das Urteil über Karl XII ist sehr zwiespältig. Bewundernswerter „Heldenkönig“ oder verantwortungsloser Abenteurer? Dazwischen bewegen sich alle Stellungnahmen der Zeitgenossen und späterer Analytiker. Das ausgewogenste Urteil hat wohl Friedrich der Große in einem Essay von1759 abgegeben: „……………..Faßt man die verschiedenen Charakterzüge dieses eigenartigen Königs zusammen, so findet man, daß er mehr tapfer als geschickt, mehr tätig als klug, mehr seinen Leidenschaften unterworfen als seinem wahren Vorteil zugetan war. Ebenso kühn wie Hannibal, aber weniger schlau, mehr dem Pyrrhus als Alexander ähnlich, glänzend wie Condé bei Rocroy (1643), Freiburg (1644) und Allersheim (1645), aber niemals mit Turenne zu vergleichen, noch so bewundernswert wie dieser in den Schlachten bei Gien (1652), in den Dünen unweit Dünkirchen (1658), bei Kolmar und besonders in seinen beiden letzten Feldzügen.

Welchen Glanz auch die Taten unseres berühmten Helden verbreiten, man darf ihm doch nur mit Vorsicht nachahmen. Je mehr er blendet, desto geeigneter ist er, die leichtfertige, brausende Jugend irrezuführen. Ihr kann man nicht genug einschärfen, daß Tapferkeit ohne Klugheit nichts ist und daß ein berechnender Kopf auf die Dauer über tollkühne Verwegenheit siegt. Ein vollkommener Feldherr müßte den Mut, die Ausdauer und die Tatkraft Karls XII., den Blick und die politische Klugheit Marlboroughs, die Pläne, Hilfsmittel und Fähigkeiten des Prinzen Eugen, die List Luxemburgs, die Klugheit, Methode und Umsicht Montecuccolis mit der Gabe Turennes, den Augenblick zu erfassen, vereinigen. Aber ich glaube, dieser stolze Phönix wird nie erscheinen…… …..Aber, wird man sagen, mit welchem Rechte wirfst du dich zum Richter der berühmtesten Krieger auf? Hast du, großer Kritiker, denn selbst die Lehren befolgt, die du so freigebig erteilst? Ach nein! Ich kann hierauf nur das eine antworten: Fremde Fehler fallen uns auf, aber die eigenen übersehen wir……“

Immerhin genoß Karl einen solch großen europäischen Ruhm, dass selbst der große französische Philosoph und Publizist Voltaire es sich nicht nehmen ließ, 1731 eine vielbeachtete Biografie vom Leben Karls XII. zu publizieren, die auch Friedrich den Großen beeinflusst hat. Im letzten Kapitel gab er ein Gesamturteil zum Wirken Karls XII. ab, der „durchlebt“ habe, „was nur das Glück Großes und was nur das Unglück Hartes enthält, ohne auch nur einen Augenblick lang durch das erstere verweichlicht oder durch das letztere erschüttert worden zu sein………aber er steigerte alle Heldentugenden bis zu einem Grade, daß sie ebenso gefährlich wurden wie die entgegengesetzten Laster. Seine Festigkeit wurde zum Starrsinn …; seine Freigebigkeit ging in Verschwendung über und ruinierte Schweden … und in den letzten Jahren näherte sich die Art seiner Regierung der Tyrannei……….. Er griff selbst nie jemand zuerst an, aber er war in seiner Rachsucht mehr unversöhnlich als klug. Er war der erste, der den Ehrgeiz besaß, Eroberer zu sein, ohne seine Staaten zu vergrößern; er wollte Reiche nur gewinnen, um sie zu verschenken. Seine Leidenschaft für den Ruhm, den Krieg und die Rache verhinderte ihn ein guter Politiker zu sein, ohne welche Eigenschaft es nie einen Eroberer gab…..Er war nicht so sehr ein wirklich großer als ein außerordentlicher Mensch und mag wohl Bewunderung erregen, doch er ist nicht nachahmenswert……“

Karl XII. entstammte der Pfalz-Zweibrücken-Kleeburgischen Linie des Hauses Wittelsbach, die nach der Abdankung der Tochter Gustav Adolfs, Königin Christine, im Jahre 1660 auf den schwedischen Thron gelangt war. Er wurde am 27. Juni 1682 als ältester Sohn des amtierenden Königs Karl XI. in Stockholm geboren. Schon sehr früh zeichnete er sich durch ein ausgesprochen draufgängerisches und ungestümes Wesen aus. Sein Selbstbewusstsein war so stark ausgeprägt, dass er es nach dem Tode seines Vaters energisch durchsetzte, im Alter von nur 15 Jahren bereits die Volljährigkeit zuerteilt zu bekommen. Außerdem setzte er sich zu aller Verblüffung und entgegen der damaligen Etikette die Königskrone eigenhändig auf. Sowie er die Regierungsgewalt übernommen hatte, etablierte er eine auf seine Person zugeschnittene autokratische Herrschaft. Seinen außerordentlich Ruhm erlangte er, als er nach der Entfesselung des Großen Nordischen Kriegs (Seine Gegner waren Dänemark, Polen-Litauen-Sachsen und Russland.) erst 18-jährig von Sieg zu Sieg eilte. Besondere Beachtung fand sein Sieg über die Russen bei Narwa, wo es ihm gelang, mit nur 10.000 Mann ein russisches Heer von 40.000 Mann vernichtend zu schlagen. Er schien ab da nicht mehr aufzuhalten zu sein und genoß eine europaweite Bewunderung. Die Anteilnahme wich auch nicht, als ihn das Kriegsglück verlassen hatte, und er nach der verlorenen Schlacht bei Poltawa im Jahre 1709 in der Türkei Zuflucht suchen musste. Bewundert wurde vor allem seine spartanische Lebensführung. Er hatte keine Frauenaffären, verzichtete völlig auf Alkohol und ernährte sich sehr einfach. Auch scheute er sich nicht, im Felde mit seinen Soldaten zusammen zu biwakieren. Zu seiner Lebensführung gehört auch seine starke, ja, fanatische Bindung an die lutherische Kirche. Daher verwundert es nicht, dass er auf dem Höhepunkt seiner Macht in der Altranstädter Konvention vom 31.08.1707 energisch zugunsten der schlesischen Protestanten beim Kaiser Josef I. intervenierte. Er fühlte sich wie der große Wasa-König Gustav Adolf als Protektor des Protestantismus.

Seine spektakuläre Heimkehr aus der Türkei nach mehrjähriger Abwesenheit brachte ihm kein Glück. Es gelang ihm nicht mehr, die inzwischen zusammengebrochene Grossmachtstellung Schwedens wieder aufzurichten und er fiel am 30. November 1718 bei der Belagerung von Frederikshald in Norwegen 36-jährig unter noch ungeklärten Umständen. Schweden aber hatte sämtliche Besitzungen auf dem Kontinent eingebüsst. Russland war nun die aufstrebende Macht im Baltikum und an der östlichen Ostsee.

Die Tragik dieses ungewöhnlichen Herrschers besteht darin, dass er sich zwar zeitlebens als Kriegsheld, als „Nordischer Alexander“, bewährte, jedoch das Gebiet der Diplomatie, das die Regenten und Staatsmänner seines Jahrhunderts so kunstvoll beherrschten, ihm gänzlich fremd blieb. Seine persönliche Starrheit und Einseitigkeit haben letztlich den Fall Schwedens verschuldet. Das Urteil der Geschichte blieb also bis heute schwankend. In scharfem Kontrast stehen „die anziehende Persönlichkeit des Heldenkönigs“ und die durch ihn bewirkte katastrophale Zertrümmerung der schwedischen Großmacht nebeneinander. Er war auch der erste Kriegsfürst, dessen sonst glänzend bewährte Strategie an Russland zerbrach. Andere sollten ihm darin folgen.

Die Invasion in Russland und die Wende von Poltawa

Wie später Napoleon Bonaparte und Adolf Hitler glaubte Karl, nunmehr auf dem Höhepunkt seiner Macht und in der Überzeugung unbesiegbar zu sein, mit Russland leichtes Spiel zu haben und es rasch niederzwingen zu können.
Im September 1707 verließ die schwedische Armee Sachsen. Die Soldaten hatten sich mehrere Monate ausruhen können und waren in guter Verfassung. In den Kabinetten der europäischen Großmächte zweifelte kaum jemand an einem Sieg der Schweden.

Bis in den Sommer 1708 hinein marschierte die schwedische Armee in Richtung Moskau. Nun wurde der Proviant allmählich knapp und die Soldaten waren erschöpft, und Karl XII. gab schließlich den Befehl, Richtung Süden zu schwenken. Dort wollte er den Kosaken-Hetman Mazeppa mit angekündigten 20 000 Mann und Nachschub erwarten. Am 11. Oktober 1708 erreichte eine kaum noch kampffähige schwedische Armee die Grenze zur Ukraine. Doch dann häuften sich die Hiobsbotschaften.

Die schwedische Entsatzarmee unter General Adam Ludwig Lewenhaupt war am 27. September 1708 bei Lejasna von den Russen vernichtend geschlagen worden. 6400 Mann schafften es zwar bis zum Hauptquartier des schwedischen Königs, aber die Lebensmittel waren verloren.

In der Ukraine konnte die Armee im Herbst 1708 zwar wieder ein wenig ihre Kräfte sammeln, aber kurz vor Weihnachten kam es zu einem strengen Wintereinbruch. Trotz der ungewöhnlichen Kälte ließ Karl XII. seine Truppen gnadenlos weitermarschieren, wobei er 2.000 Tote hinnehmen musste. Er hoffte aber immer noch auf die Hilfe des Kosaken-Hetmans Iwan Mazeppa, der kurz vorher die Fronten gewechselt hatte und sich vom russischen Zaren Peter losgesagt hatte. Als Vergeltung für diesen Verrat hatte Peter einen Vernichtungsfeldzug gegen das Hetmanat geführt und die Bevölkerung dermassen eingeschüchtert, dass sie Mazeppas Aufruf zu den Waffen nicht Folge leistete. Lediglich die Kosaken der Saporoger Sic folgten ihm bedingungslos. Zusätzlich mangelte es ihm ebenso wie dem schwedischen Heer an Nachschub.

Im Mai 1709 begann Karl mit der Belagerung der Festung Poltawa. Hier hoffte er, Lebensmittel und Schutz zu finden. Auch der russische Zar war nach dem Sieg bei Lesjana zu einer Schlacht bereit und marschierte auf Poltawa, um die Festung zu entsetzen.
Als es endlich zu der von Karl gesuchten Schlacht kommen sollte, war die schwedische Armee kaum noch einsatzfähig. Viele Soldaten litten an Durchfall und Wundfieber.

Zu allem Übel verletzte sich Karl am 17. Juni 1709 bei einem Erkundungsritt auch noch so schwer, dass er das Kommando nur noch von einer Bahre aus führen konnte.
Am Abend des 7. Juli 1709 gab Karl XII. von Schweden den Befehl, in der Nacht Poltawa zu stürmen. Die Infanterie sollte in mehreren Kolonnen in der Nacht die Palisaden der Festung überwinden. Der Plan setzte voll und ganz auf den Überraschungseffekt. Da Karl XII. immer noch eine Tragbahre benutzen musste, übernahm General Renkiöld das Kommando.

Schon der Aufmarsch der Kolonnen vollzog sich chaotisch. Erst im Morgengrauen konnten die Schweden angreifen und schienen um 5.00 Uhr in der Früh auf dem linken Flügel auch tatsächlich Erfolg zu haben, aber das Zentrum und der rechte Flügel scheiterten kläglich. Zar Peter hatte mittlerweile sein Heer alarmiert und bis 9.00 am Vormittag neu formiert. 22 000 Russen standen nun 4000 Schweden gegenüber. General Renkiöld gab schließlich den Befehl zum Angriff. Schon oft in diesem Krieg konnten die Soldaten Karls XII. durch beherztes Handeln die Lage wenden. In der Schlacht von Poltawa gelang dies nicht mehr. Die russische Übermacht setzte sich auf der ganzen Linie durch. In der schwedischen Armee kam es zu wilden Auflösungserscheinungen, und auch die nachrückende Kavallerie konnte die totale Niederlage nicht mehr verhindern.

In der Literatur über diese Schlacht wird oft die Frage gestellt, wer die entscheidenden Fehler begangen hat. Sicher war es von Nachteil, dass Karl XII. nicht persönlich führen konnte. Voltaire meinte dazu lakonisch: „Die Erinnerung von Narwa ist schuld am Untergang bei Poltawa“. Das heißt, Karl XII. hatte seinen Gegner sträflich unterschätzt. Mit Müh und Not entging Karl einer Gefangennahme und rettete sich in Richtung auf osmanisches Territorium. Nach vielen Mühen und hohen Verlusten langte er schließlich mit ca. 1.000 Schweden und zusätzlich einer unbekannten Zahl moldauischer und walachischer Söldner und Kosaken in der Festung Ozcakow am Schwarzen Meer an. Nach kurzer Zeit wurde ihm in aller Form als Aufenthaltsort Bender (heute Tighina am Dnjestr im Machtbereich der von Moldawien abtrünnigen „Republik Transnistrien“) zugewiesen. Kommandeur der Region Bender war der polnische Renegat Jussuf Pascha, der die Aufgabe hatte, auf diesem vorgelagerten Posten des Reiches für Informationen aus dem Norden zu sorgen.

Fünf Jahre Ränkeschmieden in der Türkei

Hier setzte Karl nun alles daran, die Pforte zu einem Vergeltungskrieg gegen Russland zu bewegen. An diesen Aktionen, Verhandlungen und Intrigen waren eine Fülle von Personen mit sehr unterschiedlichen Interessen beteiligt. Auf schwedischer Seite waren dies neben Karl selbst und seinen Offizieren unter anderem der von ihm auf den polnischen Thron gesetzte, aber inzwischen wieder vertriebene König von Polen, Stanislaw Leszczinski, August der Starke hatte ihn vom Thron wieder verdrängt, der polnische Magnat Stanislaw Poniatowski, der mehr und mehr zu seinem Verhandlungsführer in Istanbul wurde, der litauische Magnat Jozef Potocki und der Diplomat Friedrich Ernst von Fabrice, der sich im Auftrag von Holstein-Gottorf zu Karl begeben hatte und dort 5 Jahre lang als einer seiner engsten Vertrauten galt. Er war nach Karls Rückkehr dessen Missionär in England, trat aber dann in den Dienst des Königs von England, Georg I. von Hannover. Die Karl-Biographie von Voltaire, der sich gleichzeitig in England aufhielt, geht hauptsächlich auf Informationen von Fabrice zurück. Er hat auch selbst Publikationen über Karl herausgegeben, die aber kaum noch zugänglich sind. Eine undurchsichtige Rolle spielte auch der deutsche Abenteurer Martin Neugebauer, der 1704 aus russischen Diensten zu Karl übertrat und vor allem ab 1709 zusammen mit Poniatowski dessen Interessen am Hof des Sultans vertrat. Er beherrschte die dort geltenden Spielregeln perfekt und nutzte sie skrupellos. Russischerseits war die entscheidende Figur der kluge und rücksichtslose Gesandte Pjotr Alexejewitsch Tolstoi, der virtuos die Kunst der Bestechung beherrschte. Auf osmanischer Seite waren es neben dem Sultan Achmed mehrere Wesire und Regionalpaschas, die landesüblich immer wieder mal wechselten, und der Khan der Krimtataren. Eine gewisse Rolle spielten auch der Hetmann der Kosaken und die Fürsten der Moldau und der Walachei. Der Kosaken-Hetman Mazeppa war ein hochgebildeter ukrainischer Adliger und hatte u.a. am Jesuitenkolleg in Warschau studiert. Er starb aber schon am 21. September 1709 in Bender (heute Tighina in Transnistrien) und wurde in der Kirche St. Georg in Galatz beerdigt. 1711 haben ihn die Türken ausgegraben und den Leichnam in die Donau geworfen. Von entscheidender Bedeutung waren auch die vielen europäischen Diplomaten am Sultanshof sowie eine unübersehbare Zahl von Agenten, Kaufleuten und Spekulanten sowie Spionen. Sie alle betrieben intensive Lobbyarbeit, sammelten Informationen, streuten Falschinformationen und waren Meister der Bestechung. In der 5-jährigen Anwesenheit Karls in der Türkei herrschte ein reger Verkehr zwischen seinem Aufenthaltsort und Istanbul bzw. Edirne (Adriananopol). Karl empfing von überall in Europa, speziell aus Schweden, Boten und sandte selbst massenhaft welche aus. Sein Hauptproblem bestand darin, dass er völlig mittellos war und auf die Alimentierung durch den Sultan angewiesen war. Im Übrigen machte er völlig unbefangen enorme Schulden.

1710/11 schien sich die Hoffnung Karls auf einen Vergeltungskrieg zu erfüllen. In der Türkei hatte sich eine Machtverschiebung vollzogen, nachdem Achmed III. 1703 durch einen Putsch an die Macht gelangt war und nach der Wiedererlangung der Festung Azov strebte, die 1696 an Russland verlorengegangen war. Darüberhinaus war der leidenschaftliche Russlandgegner Devlet II. Girai 1709 erneut zum Khan der Krimtataren ernannt wurden und setzte alles daran, einen Krieg gegen Russland anzuzetteln. Ihm zur Seite standen die Saporoger Kosaken, mit denen er sich nach langjähriger Gegnerschaft ausgesöhnt hatte. Der neue Hetman Filip Orlyk, Mazeppa war ja 1709 gestorben, galt ebenfalls als leidenschaftlicher Russlandgegner. Alle diese Kräfte wurden durch ein diplomatisches Trommelfeuer am Sultanshof durch Karls Emissäre dahingehend beeinflußt, dass sich der Sultan schließlich zu einer Kriegserklärung an Russland entschloss. Daran konnten auch die enormen Bestechungsgelder des russischen Gesandten Tolstoi nichts mehr ändern. Auch die Vermittlungsversuche Englands, Frankreichs und der Generalstaaten halfen nichts. Die Kriegserklärung erfolgte im November 1711. Karl schien am Ziel seiner Hoffnungen angelangt zu sein, doch es sollte anders kommen. Peter glaubte, den Türken durch einen Gegenschlag zuvorkommen zu können, indem er versuchte die Balkanvölker zu einem Aufstand gegen die Türken aufzuwiegeln. Anknüpfend an alte Hoffnungen der balkanischen Christen auf russische Hilfe rief Peter in Proklamationen die Glaubensbrüder auf dem Balkan auf, sich gegen die ungläubigen Unterdrücker zu erheben. Ihnen folgten jedoch lediglich eine kleine Schar von Montenegrinern. Für die Wirksamkeit dieser Idee war es zu dem Zeitpunkt noch zu früh. Erst im 19. Jahrhundert gelangte die russische Variante des Panslawismus zur vollen Geltung, nachdem sie ein ideologisches Fundament erhalten hatte, und der Schutz der orthodoxen Balkanvölker zur russischen Staatsraison wurde. Er selbst brach mit einem Heer in Richtung Donau auf. Der undurchsichtige Großwesir Baltaci Mehmed Pascha, der den Feldzug leitete, verschleppte zunächst den Abmarsch und den späteren Aufmarsch der türkischen Truppen aus unbekannten Gründen und gab Peter Gelegenheit, seine Armee zu sortieren und in die Moldau einzurücken. Obwohl der Fürst der Moldau Dimitrie Cantemir inzwischen offen und der der Walachei Constantin Brancoveanu verdeckt zugunsten des Zaren agierten, gelang es diesem trotz der Zögerlichkeit des Großwesirs nicht, rechtzeitig einen ausreichenden Nachschub sicherzustellen. In der Nähe von Husi am Pruth, in Stalinesti, wurde die russische Armee von einer überlegenen türkischen Streitmacht eingekesselt und Peter konnte sich mangels Lebensmitteln kaum noch wehren. Für ihn gab es schließlich nur noch zwei Möglichkeiten: Gefangennahme oder Tod. Da geschah das rätselhafte „Wunder am Pruth“, wie es in der Literatur heißt. Die Türken nutzten ihre Chance nicht, und der Großwesir verzichtete auf die Vollendung seines militärischen Triumphes und die Gefangennahme des Zaren und damit auf alle sich daraus ergebenden Möglichkeiten. Wie ist das zu erklären? Bei den Verhandlungen mit dem Großwesir war auch die Zarin Katharina ohne Peter in dessen Zelt erschienen, und das Ergebnis war, dass die Russen mit dem Zaren an der Spitze freien Abzug erhielten. Mit Musikbegleitung und wehenden Fahnen zogen die Besiegten in voller Ordnung ab, als wären sie die Sieger. Allerdings war der Großwesir jetzt um ein Vielfaches reicher als vorher und zusätzlich im Besitz des gesamten Schmuckes der Zarin. Dass sie bei der Gelegenheit auch die Geliebte des Großwesirs gewesen sei, wie hartnäckig kolportiert wurde, gehört sicher in den Bereich der Legenden. Der Historiker Reinhard Wittram bietet eine ganz andere, sehr viel einleuchtendere, Erklärung für das „Wunder am Pruth“ an: Es sei vor allem die Furcht vor einem Eingreifen Österreichs bei einer Zerschlagung Russlands gewesen, die dem Interesse von Wien zuwider gelaufen sei, zumal es nach der Niederschlagung des Rakoczi-Aufstandes (Kuruzzen- Krieg) die Hände wieder frei hatte, und mit dem Prinzen Eugen an der Spitze seiner Streitkräfte einen furchterregenden Gegner darstellte. Einem solchen Gegner sei die Türkei nicht gewachsen gewesen und deshalb sei der Wesir vor einer Vernichtung Russlands zurückgeschreckt. Für die Türkei waren die relativ milden Kapitulationsbedingungen akzeptabel: Die Festung Asov und die kurz vorher errichteten Verteidigungsanlagen mußte Russland an die Türkei abtreten, die neu errichtete Schwarzmeerflotte war an die Türkei zu verkaufen, Russland musste Polen räumen und Karl XII. die Heimkehr durch Polen gestattet werden, die jetzt wieder aufgenommenen Tributzahlungen an die Tataren durften aber geheim bleiben. Auch mußte sich Russland bequemen, zuzulassen, dass der verjagte polnische König Leszczinski wieder auf den polnischen Thron gesetzt werde. Für Karl war das Ergebnis dieser Kampagne eine Katastrophe. Empört intervenierten er und sein Agent Funk beim Sultan und forderten die Absetzung des Großwesirs, was dann mit einiger Verzögerung am 20. November 1711mit der Anschuldigung der Bestechlichkeit auch geschah. Die Türkei blieb jedoch bei den Abmachungen mit Russland. Karl wurde sogar bedeutet, sich unverzüglich auf den Weg über Polen in sein Heimatland zu machen. Gleichzeitig wurden ihm die zum Lebensunterhalt notwendigen Tagegelder gesperrt und die Paschas Kara-Mohammed und Hassan nach Bender beordert, um ihn durch Polen zu geleiten. Karl dachte gar nicht daran, sich fortzubewegen, und liess den Wesir wissen, dass er auf den ersten Türken, der sich ihm feindlich zu nähern wage, feuern werde. Dem neuen Wesir Jussuf Dschurdchi gegenüber erklärte der „heroische Eisenkopf“ (Demirbasch), er gedenke nur mit einem ansehnlichen Armeekorps und 600.000 Skudi in den Taschen das türkische Gebiet zu verlassen. Im übrigen sei er bereit, gegen die zu Feinden gewordenen Gastgeber kämpfend zu sterben. Immerhin erhielt Karl daraufhin wenigstens seine Tagegelder wieder. Als sich herausstellte, dass Peter die Erfüllung seiner Auflagen aus der Abmachung vom Pruth verschleppte, verhärteten sich die Beziehungen zwischen der Türkei und Russland wieder, und es entstand wieder eine wachsende Kriegsgefahr. Jetzt erst lenkte Peter ein und begann damit, die Friedensauflagen zu erfüllen. Am 21. April 1712 ließ dann der Sultan den König wissen, dass der ins Auge gefasste Krieg gegen die Russen nach der im Verhalten Peters eingetretenen Wendung fallen gelassen worden sei. Nach der Vermittlung durch die Vertreter Englands und der Generalstaaten kam es sogar zu einem Vertrag auf 25 Jahre. Dieser Nachricht fügte der Sultan eigenhändig hinzu: „Diesem meinem kaiserlichen Briefe gemäß wurde die Leitung Ihrer friedlichen Rückreise nach Schweden durch Polen dem Krimkhan und dem Pascha Ismael von Bender anvertraut; Sie müssen also nun auch tun, was dieser unser Brief empfiehlt.“ Karl dachte erneut nicht daran, sich fortzubewegen, zumal er, wie er auch geltend machte, völlig mittellos war. Bis Oktober 1712 geschah also gar nichts. Bewegung kam in die Angelegenheit, als immer klarer wurde, dass Peter doch nicht bereit war, Polen gänzlich zu räumen und zuzulassen, dass Lesczcinski wieder auf den polnischen Thron gesetzt wurde. Auf das Betreiben des Khans hin erfolgte eine erneute, aber eher halbherzige, Kriegserklärung an Russland. Immerhin wurden die Tataren großzügig ausgestattet, und der König erhielt 1.000 Beutel Gold, um seine Angelegenheiten zu regeln. Karl nannte den Sultan überschwänglich einen „unschätzbaren Diamanten“, nachdem ihm die frohe Botschaft mit Militärmusik überbracht worden war. Weiterhin wurden alle notwendigen Kriegsvorbereitungen getroffen. Doch dieses Mal verdarb Karl selbst seine Sache. Er verteilte das erhaltene Geld sogleich an seine Gläubiger und Offiziere, ja sogar an die Musikanten des Paschas von Bender, und verlangte immer neue Summen, um die großen Schulden, die er bei allerhand fragwürdigen Geschäftsleuten gemacht hatte, bezahlen zu können. Er ließ mitteilen, dass er sich nicht von der Stelle bewegen würde, bis dies nicht geschehen sei. Hartnäckig verweigerte er seine Rückkehr zur See und über Frankreich sowie durch Polen und lehnte auch anderweitige Vermittlungsversuche kategorisch ab. Diese starre Haltung führte letztendlich dazu, dass sein Beauftragter Funk in Istanbul verhaftet wurde und der Sultan beim Mufti eine Fatwa erwirkte, dass auch der König verhaftet werden sollte. Dieser wehrte sich in einem aussichtslosen Kampf, dem 150 Türken und Tataren zum Opfer fielen, mußte sich aber am 12. Februar 1713 schließlich leicht verwundet gefangen geben. Unter strenger Bewachung wurde er dann zum Schloß Timuratsch bei Demotika in der Nähe von Istanbul gebracht, wo er bis zu seiner Abreise als Gefangener des Sultans lebte.

In der Zwischenzeit unternahm der Sultan einen Schachzug gegen Russland, der aber wohl nur als Drohgeste gedacht war. Die Vertreter des Zaren hatten nämlich im Sommer 1713 wieder einmal den Tribut in Höhe von 40.000 Dukaten verweigert und den Sultan dadurch sehr verärgert. Dieser entschloß sich nun nach außen hin zu verkünden, dass er den wieder abgesetzten König von Polen, Stanislaw Leszczinski, der sich als Gast der Türkei in Bender befand, wieder auf den polnischen Thron zu setzen und August den Starken aus Polen hinauszutreiben gedenke. In Wirklichkeit waren die Maßnahmen zu diesem Schritt eine Drohkulisse gegenüber Russland. Anfang 1714 lenkte dann Russland wieder einmal ein und der Spielball Leszczinski musste sich wieder ins Exil nach Ungarn (Kronstadt) begeben. Karl verlieh ihm nach seiner Rückkehr nach Schweden ein unbefristetes Aufenthaltsrecht in Zweibrücken, das in Personalunion mit Schweden regiert wurde. Nach Karls Tod im Jahre 1718 allerdings wurde dieses Aufenthaltsrecht aufgekündigt, da die äußerst kostspielige Hofhaltung Leszczinskis die finanziellen Möglichkeiten des Fürstentum überstieg. Er fand dann Zuflucht beim Herzog Leopold von Lothringen, zog es aber aus Angst vor Anschlägen durch August den Starken vor, sich in den französischen Festungen Landau und Weißenburg im Elsaß zu verschanzen. Nach der Eheschließung seiner Tochter mit Ludwig XV. von Frankreich wurde ihm das sehr repräsentative Schloß Chambord an der Loire in der Nähe von Blois als Wohnort zugewiesen. Im polnischen Erbfolgekrieg gelangte er nochmals für kurze Zeit auf den polnischen Thron (September 1733 bis Januar 1734) und wurde schließlich mit dem Herzogtum Lothringen belehnt. Der vorherige Herzog Franz Stephan, der spätere Ehemann von Maria Theresia und spätere Kaiser, wurde mit dem Herzogtum Toscana abgefunden. Nach dem Tod Lezczinskis im Jahr 1766 fiel Lothringen an Frankreich.

Karl lebte nach seiner Gefangennahme verbittert und apathisch in seinem Zwangsaufenthaltsort und machte keinerlei Anstalten, die Türkei zu verlassen. Weder die vielen Vermittlungsangebote ausländischer Mächte, noch die Herabsetzung der Tagegelder auf ein Minimum und die erneute Verhaftung seines Agenten Funk konnten ihn umstimmen. Die großzügige Offerte des Kaisers Karl VI., ihn im Falle einer Rückkehr nach Schweden in allen Ehren und in gebührender Weise an der österreichische Grenze zu empfangen und ihn durch kaiserliches Gebiet zu geleiten, ließ er unbeantwortet. Erst als Anfang 1714 General Liewen im Auftrag von Karls Schwester Ulrike Eleonore von Stockholm aus in Demotika eintraf und ihm mitteilte, dass seine unverzügliche Heimkehr angesichts der desaströsen Lage des Reiches dringend geboten sei, erwachten seine alten Lebensgeister wieder, und er entschloss sich zur frühestmöglichen Abreise aus der Türkei. Der Sultan war erleichtert, als nun die Aussicht bestand, seinen unerwünschten königlichen Gast endlich los zu werden, und wendete sich anderen Belangen des Reiches zu. Ein für die Türkei inzwischen eher marginaler Bereich, für die Donaufürstentümer aber von schicksalhafter Bedeutung, war die Nachfolgeregelung für die wegen ihrer Schaukelpolitik zwischen der Türkei und Russland in Ungnade gefallenen Fürsten der Moldau und der Walachei. Der Fürst der Moldau, Dimitrie Cantemir, der schon vor dem „Wunder vom Pruth“ offen zu Russland übergelaufen war, entging seinen Häschern nur durch den Umstand, dass die Zarin Katarina, die nach der Einigung mit dem Großwesir freien Abzug genoss, ihn in ihrem Wagen mitnahm. So rettete sie sein Leben und er wurde zu einem der engsten Berater des Zaren. International gelangte er wegen seiner literarischen Tätigkeit zu hohen Ehren und wurde u.a. Mitglied der „Brandenburgischen Sozietät der Wissenschaften“. Sein walachischer Kollege Constantin Brancoveanu hatte weniger Glück. Nach einer Phase strengster Überwachung wurde er schließlich zusammen mit seinen vier Söhnen nach Istanbul verbracht, wo der Henker auf sie wartete. Die Hinrichtung erfolgte am 15. August 1715. Cantemir und Brancoveanu waren für über 100 Jahre die letzten einheimischen Fürsten gewesen. An ihrer Stelle wurden nun hochrangige griechische Adlige und Geschäftsleute aus dem Istanbuler Stadtteil Phanar zu Fürsten ernannt. Diese erkauften sich für viel Geld den Thron und nutzten die in der Regel kurzen Herrscherzeiten, um das Land gründlich auszupressen und sich exorbitant zu bereichern. Sie schufen ein Klima der Rechtsunsicherheit und der Korruption, in dem die Simonie und die Erpressung blühten. Es war auch die Zeit, in der die für Rumänien so typischen Überlebenstechniken wie das System der Clanbildung und die vielfältigen Methoden, sich mit Hilfe von Seilschaften auf Staatskosten persönlich zu bereichern, entstanden, und die die Phanariotenzeit bis heute überdauerten. Die Phanarioten wechselten sich in der Herrschertätigkeit ab, aber einige schafften es, wiederholt den Thron zu besteigen. Besonders hervorzuheben ist Constantin Mavrocordat, der es sechsmal zum Fürsten der Walachei und viermal zum Fürsten der Moldau brachte. Die Hauptleidtragenden waren die Bauern, die die überwältigende Mehrheit der Bevölkerung ausmachten, ein Umstand, der immer wieder zu mehr oder weniger heftigen Bauernunruhen führte, zuletzt 1888 und dann schließlich zum staatserschütternden Bauernaufstand von 1907.

Vorbereitungen zur Heimkehr

Nach seiner Entscheidung, die Türkei zu verlassen, ging Karl fieberhaft daran, die nötigen Vorbereitungen zu treffen. Es war kein leichtes Unterfangen, alles minutiös zu planen, wie es seine Art war. Ihm waren noch ca. 1.000 Soldaten und Offiziere verblieben, und nun mußte für alle eine Reiseroute, die realistischen Reiseetappen und die für die Reise nötigen Unterkünfte organisiert werden. Außerdem mußte das nötige Begleitpersonal wie Dolmetscher und Führer sichergestellt werden. Sein Hauptproblem war aber, die nötigen Mittel zu beschaffen, nachdem ihm der Sultan signalisiert hatte, dass seitens der Türkei nichts zu erwarten sei. Nachdem er sich hohe Darlehen in Istanbul beim englischen Kaufmann Cook und beim französischen Gesandten Desalleurs, der sich sehr umtriebig immer wieder um Vermittlung zugunsten Karls bemüht hatte, beschafft hatte, brach er am 1. Oktober in Begleitung eines türkischen Ehrengeleites von Demotika in Richtung Norden auf. Der Zug bestand aus 300 Pferden und 60 Wagen. Am 4. Oktober erreichte er Pitesti, wo der vereinbarte letzte Sammelpunkt auf türkischem Boden war. Hier wartete er das Eintreffen der vom kommandierenden General in Siebenbürgen, Stephan compte de Steinville, geliehenen 50.000 Gulden ab, um die er einen seiner Beamten nach Kronstadt geschickt hatte. Währenddessen teilte er sein inzwischen angewachsene Gefolge in Abteilungen unter dem Kommando von Hauptleuten ein und gab ihnen genaue Instruktionen für ihre Weiterreise durch Siebenbürgen, Ungarn, Österreich und Deutschland nach Stralsund. Er selbst begab sich dann auf ein Landgut in der Nähe von Pitesti, um in engerem Kreise seine eigene Weiterreise zu organisieren. In seiner Begleitung befanden sich der General Poniatowski, Graf Thure Bielcke, Oberst Bosquet, Oberst Buddenbrook, Gardekapitän Adlerfeld, Oberst Düring, Generaladjutant Gustav Friedrich von Rosen, des Königs Kammerdiener Melchior Neumann, der Dolmetscher Babtista Savari, zwei Lakaien und zwei Stallknechte. Buddenbroock, den Dolmetscher Savari, den Kammerdiener Neumann und einen Lakaien schickt er in Richtung Belgrad, von wo aus sie die Reise fortsetzen sollten. Alle anderen bis auf von Rosen und Düring wies er an, ihm einen Tag nach seinem Aufbruch zu folgen. Er selbst wollte allein und inkognito, nur von von Rosen und Düring begleitet, die Reise antreten.
Der Wiener Hofkriegsrat, die oberste Militärverwaltung, maß dem Fall hohe Bedeutung bei und traf diverse Vorkehrungen. Man wollte ganz augenscheinlich verhindern, dass die Schweden ohne Kontrolle Siebenbürgen und Ungarn passierten. Zu tief sass noch der Schock, den Franz Rakoczi mit seinem gefährlichen Aufstand, dem Kuruzzenkrieg, hervorgerufen hatte, und der vom Ausland aus immer noch versuchte, Bündnisse gegen den Kaiser zustande zu bringen. Schon am 14. Juni, Karl hatte gerade dem Sultan offiziell mitgeteilt, er wolle nun das Land verlassen, und um einen Pass gebeten, erhielt der kommandierende General in Siebenbürgen Stephan de Steinville die Weisung, den König für den Fall, dass er seine Durchreise nicht besonders anmelden sollte, „mit aller Höflichkeit und Ehrerbietung“ und unter Salutschüssen zu empfangen und mit einer entsprechenden Ehrenwache zu umgeben. Weiterhin sollte dem König bedeutet werden, dass ein würdigerer Empfang nicht erfolgen könne, da dieser es versäumt habe, seine Ankunft anzuzeigen. Noch ging man davon aus, Karl werde den Weg über Peterwardein, eine österreichische Festung an der Donau gegenüber vom heutigen Novi Sad, nehmen. Als der österreichische Gesandte in Istanbul Fleischmann dann aber berichtete, der König sei unterwegs nach Siebenbürgen über Bukarest und Targoviste, wurde Fleischmann angewiesen, den genauen Grenzübergang und die geplante Route anzufordern. Gleichzeitig sollte Fleischmann dem schwedischen Abgesandten Grothausen, der sich gerade in Istanbul befand, um Geldanleihen vorzunehmen, unmissverständlich mitteilen, dass der König, nachdem er sich nun entschlossen hätte, über Siebenbürgen zu reisen, unbedingt die Route Großwardein, Ofen und Niederösterreich zu nehmen habe, da nur so die Beförderung und Einquartierung sichergestellt werden könne. Schlesien sei dagegen strikt zu meiden, da man anderenfalls befürchten müsse, dass der König von den nordischen Mächten angegriffen, und so der Krieg in die kaiserlichen Lande getragen werde. In Wirklichkeit wollte der Kaiser den König aus Schlesien fernhalten, weil er tumultartige Sympathiekundgebungen der evangelischen Schlesier befürchtete, nachdem Karl ihnen in der Altranstädter Konvention zu einer befriedigenden Existenz verholfen hatte. In der Weisung des Hofkriegsrates hieß es dann wörtlich: „…..Zum Beweise besonderer Freundschaft und Hochachtung aber gestatte der Kaiser nicht nur den Durchzug des Königs und seines Hofstaates sondern auch den der ganzen Suite, doch müsse dieselbe des Unterhalts wegen in 2 oder 3 Routen getrennt marschieren und wäre über dieselbe eine genaue Liste an den Hofkriegsrath zu richten…..“. Schließlich wurde Fleischmann beauftragt, den Zeitpunkt des Übertritts der Schweden auf österreichisches Gebiet zu melden und dafür zu sorgen, dass sich unter ihnen keine politisch verdächtigen Personen befänden. Sicher waren unter „politisch verdächtige Personen“ Rakoczi-Anhänger gemeint, wie überhaupt der Hofkriegsrat ganz offenbar die Befürchtung hegte, eine eventuell unkontrollierbare Zusammenrottung könnte durchaus zur Gefahr werden. Diese Befürchtung wurde noch deutlicher in der Weisung, die an den kommandierenden General in Siebenbürgen erging, nämlich, dass dieser die Schweden persönlich durch das Land geleiten und streng darauf achten solle, dass der König auf keinen Fall den Weg durch Schlesien einschlage. Außerdem solle er den Durchzug streng überwachen und den zu erwartenden großen Zulauf des Volkes an „lutherischen Orthen“ unterbinden. Gemeint waren natürlich die Ortschaften der ausnahmslos lutherischen Siebenbürger Sachsen und der lutherischen Ungarn und Szekler, letztere vor allem im Burzenland beheimatet. Auch wurde angekündigt, dass zur Unterstützung des Generals der Feldmarschallleutnant Graf Welczek und dessen Stellvertreter Generalfeldwachtmeister Graf Tollet entsandt worden seien. Schließlich wurde dem General am 1. Oktober direkt aufgetragen, den König nötigenfalls darauf aufmerksam zu machen, dass der Kaiser ihm unter keiner Bedingung gestatten könne, einen Weg durch kaiserliches Gebiet zu nehmen, den er vorher der Regierung nicht angezeigt habe. Die Aufregung im Hofkriegsrat muss also erheblich gewesen sein. Die Lage entspannte sich erst, als der schwedische Legationssekretär Stiernhöck am 18. Oktober in Wien verkündete, der König werde nicht durch Schlesien ziehen, wünsche aber, für seine Person unerkannt zu reisen, und verzichte daher auf jeglichen pomphaften Empfang durch die Behörden. Weiterhin teilte er mit, dass die Liste des ca. 1.000 Mann umfassenden Gefolges ehestens zugestellt werde. Nicht ohne Ironie teilte er dann auch mit, dass sich bezüglich der vom Hofkriegsrat befürchteten „verdächtigen Personen“ „….kheine Ungarn von denen, die an der jezo gedämpften Rebellion Theil gehabt….“ dabei befinden würden. Dennoch erhielt Graf Welczek am 22. Oktober nochmals genaue Instruktionen, in welcher Form die Überwachung des Schwedenkönigs zu erfolgen habe. Unterdessen hatte der kommandierende General die siebenbürgische Landesregierung, das königliche Gubernium in Hermannstadt aufgefordert, für den Empfang und den Unterhalt der Schweden die entsprechenden Maßnahmen zu ergreifen. Die beiden adhoc ernannten Kommissäre Gubernialrat Graf Michael Mikes und Stephan Kornis sollten alles koordinieren. Da man erwartete, dass der König über den Törzburgpass nach Kronstadt reisen würde, begab sich Steinville dorthin, um ihn persönlich zu empfangen. Ein Kronstädter Zeitgenosse berichtete darüber: „1714 den 21 Oktober kam der commandierende General von Siebenbürgen Graf Steinville in Kronstadt an und traf nebst dem hier bereits anwesenden Michael Mikes die Anstalten zum Empfang des Königs. Der erstere hatte 600 Reiter, Mikes dagegen 300 Szekler in Bereitschaft, dem König an die Gränze der Walachei entgegenzugehen und denselben mit dieser Mannschaft durch ganz Siebenbürgen zu begleiten. Die Wände der Zimmer des Rosenauer Pfarrhauses wurden mit persischen Teppichen bekleidet, dem König ein angemessenes Quartier zu gewähren, eine große Küche auf dem Markt dieses Ortes errichtet und ein Silberservice im Werth von 1.500 Gulden vom commandierenden Generalen zur Besetzung der Tafel nach Rosenau geführt“. Am 23. Oktober befahl der Hofkriegsrat sämtlichenTruppenkommandanten in Ungarn, die Anordnungen der den schwedischen König begleitenden Kommandeure Graf Tollet und Graf Welczek zu befolgen und den Durchzug in jeglicher Weise zu fördern. Zugleich erhielt Steinville zwei Marschrouten übersendet, auf welche das Gefolge zu verteilen sei. Sammelpunkt sollte in jedem Fall der Knotenpunkt Szilaghyi-Somlyo ( Schomlenmarkt, rum. Simleu Silvaniei, ganz in der Nähe von Zalau) sein, von wo aus der Marsch dann weiter gehen sollte.

Die Heimkehr

Während Steinville in Kronstadt auf Posten stand, und alle Welt auf die Ankunft des Königs wartete, passierte dieser unerkannt den Rotenturmpass. In der Nacht vom 6. auf den 7. November waren der König und seine beiden Begleiter ohne Führer und nur mit je einem zusätzlichen Handpferd versehen aufgebrochen, nachdem sie sich die Tarnnamen Peter Frisch, Johann Palm und Erik Ungarn zugelegt hatten. Den Rotenturmpass erreichten sie jedoch verspätet, weil sie ohne Führer auskommen wollten und sich in dem großen Wald davor hoffnungslos verirrten.Nach längerem Suchen trafen sie schließlich auf einen an seinem Feuer eingeschlafenen Schweinehirten, der sie gegen Entlohnung zur Landstrasse hinführte. In Kinen (rumänisch Caineni) machten sie kurz Rast und der König ritt mit Düring in hohem Tempo weiter. Von Rosen hatte Weisung erhalten, ihnen in vier Stunden zu folgen und ihnen dann immer auf den Fersen zu bleiben. Um 11 Uhr erreichten sie Hermannstadt, hielten sich aber dort nicht auf, sondern galoppierten unter Führung von zwei Postillionen über Großau in Richtung Westen. Oberst Düring war solchen Strapazen nicht gewachsen und stürzte noch vor der nächsten Poststation ohnmächtig vom Pferde. Man brachte ihn an ein nahes Wasser, wobei der König selbst mit Hand anlegte. Dieser setzte nun mit einem der Postillionen den Weg fort, geriet aber zwischendurch auf Abwege, so dass Düring, der, sowie er sich etwas erholt hatte, nachgeritten war und sogar noch vor Karl auf der nächste Station ankam. Von hier aus eilten sie dann an Klausenburg, Zalah (Zalau, Zillenmarkt) und Szilaghyi-Somlyo (Schomlenmarkt, Simleu Silvaniei) vorbei. Hier überholten sie den zu ihrer Überwachung abkommandierten Grafen Welczek, ohne dass dieser sie erkannt hatte. Über die Kumanensteppe und über die noch heute befahrene Steinbrücke bei Hortobaghy ging es dann in atemberaubenden Tempo weiter nach Ofen und über Ungarisch-Altenburg (Mosonmagyarovar) nach dem Knotenpunkt Bruck an der Leitha und dann weiter über Wien, Passau Regensburg, Nürnberg, Würzburg, Hanau, Kassel, Göttingen, Braunschweig, Güstrow, Loitz und Tribsen nach Stralsund, wo sie in der Nacht vom 21. auf 22. November unter tosendem Beifall eintrafen. Dieser phantastische Ritt Karls XII. ist in die Annalen der Weltgeschichte eingegangen, denn der nun legendäre König von Schweden hatte über Stock und Stein 2.150 km in nur 15 Tagen hoch zu Ross zurückgelegt. Wie viele Pferde er dabei zuschanden geritten hat, ist nicht überliefert.

In der ersten Novemberhälfte rückte auch das Gefolge des Schwedenkönigs über den Törzburgpass auf Rosenau vor. Fieberhaft aber vergeblich fahndete die österreichische Seite nach dem König. Der war inzwischen Hunderte von Meilen entfernt. Nach dem Bericht des damaligen Kronstädter Stadtprediger Daniel Fronius trafen ein „am 9. November 1714 zuerst eine, wie es hiess, 300 Mann starke Abteilung Schweden, welche sich gleich weiter nach Heldsdorf begab. Die zweite Abteilung folgte am folgenden Tage nach , gleichfalls in 300 Mann bestehend; und am 11. November erschien daselbst auch die dritte Abteilung mit dem Hofprediger Karl Sternelle, welcher auch in die Stadt fuhr, den Stadtpfarrer sowie den Stadtprediger Daniel Fronius zu besuchen. An dem nämlichen Tag wurde den in die Stadt gekommenen Schweden auf den Wunsch des Hofkanzlers Baron Molern in der großen Kirche von Stadtpfarrer Paul Neidel in hochdeutscher Sprache gepredigt.“ Am 12. November folgte die vierte ,am 13. November zog die fünfte und letzte Abteilung durch Weidenbach. Die um die 1.500 Mann starke Mannschaft logierte in Rosenau, Heldsdorf und Nussbach. Hinzu kamen noch Polen, Türken, Tataren und Juden.

Um die gleiche Zeit erreichten auch der holsteinische Bevollmächtigte und enge Vertraute des Königs, Friedrich Ernst von Fabrice, sowie der Kaufmann de la Motraye von Targoviste kommend Kronstadt, die „gut befestigte Stadt, stark bevölkert mit Magyaren, echten Sachsen, Deutschen und einigen walachischen und bulgarischen Flüchtlingen“, wie Fabrice schreibt. Die Behörden waren sehr befremdet, als sie von Fabrice erfuhren, dass der König unter allen Umständen inkognito reisen wolle. Der Gast und sein Wegbegleiter empfingen in ihrer Wohnung die Spitzen der Kronstädter Gesellschaft und waren Gegenstand allgemeiner Aufmerksamkeit. Am 29. November reisten sie in Richtung Hermannstadt und stellten unterwegs zu ihrer Verblüffung fest, dass die Behörden immer noch nach dem Verbleib des Königs fahndeten, zu einem Zeitpunkt, als dieser schon längst wieder in Stralsund war. In Hermannstadt mussten sie sich sofort gegenüber den Behörden ausweisen, da man sie für Schweden hielt. Auch die Hermannstädter Gesellschaft machte ihnen ihre Aufwartung und drückten bei dieser Gelegenheit „ihre Verehrung für einen Fürsten aus, welchen sie für einen zweiten Gustav Adolph oder für eine der hervorragendsten Stützen des Protestantismus hielten“. Während eines Besuches beim Hermannstädter Bürgermeister Johann Hossmann von Rothenfels traf ein Kurier von seinem Vorgesetzten, dem 1. Minister von Holstein Georg Heinrich von Görtz ein, der ihn zu einer sofortigen Begegnung aufforderte. Nach wenigen Stunden traf er auf Görtz und sie reisten dann gemeinsam über Weissenburg, Klausenburg und Debrecen nach Wien und von dort zu Karl nach Stralsund. Karl machte Görtz daraufhin zu seinem Generalbevollmächtigten, was diesem in Schweden viele Feinde eintrug. Insbesondere bei Karls Schwester Eleonore und ihrem Mann, dem späteren König Friedrich I. von Hessen Kassel galt er als „Verderber“ Schwedens und wurde am 19. Februar 1719 enthauptet.
Die schwedischen Soldaten zogen nach einer vom 8. November datierten Marschroute über Rosenau, Heldsdorf Nussbach, Vargyas (rum. Varghis), Sommerburg (rum. Jimbor), Reps, Deutschkreuz, Schaas, Zuckmantel, Band, Mehes (Bienendorf, rum. Mihesu de Campie), Doboka (rum. Dobaca) nach Szilagyi-Somlyo (Schomlenmarkt, rum. Simleu Silvaniei) und von dort in Richtung Ungarn. Die letzten kamen im Sommer 1715 in Schweden an.

Schluss

Von Karls Mannschaft waren, bevor er noch ernstlich an das Verlassen des türkischen Bodens dachte, grössere und kleinere Trupps, auch einzelne Offiziere, durch Siebenbürgen gezogen. Die ersten Durchzügler erschienen schon im Jahre 1710, wenigstens ist zu diesem Jahr folgende Widmung in das Kirchenbuch der evangelischen Gemeinde in Honigberg bei Kronstadt eingetragen: „Legata. 1710 schenken die durchpassierenden Schweden Geld bey die hiesige Kirche, woraus der Altar ist gemacht worden.“ Auch später passierten wieder Schweden die Gemeinde, denn auf demselben Blatt steht: “171(?) ist auch das Positiv aus dem Legat Gustavi Soldan eines schwedischen Offiziers gemacht worden. Gegen Ende des Jahres 1711 zog Andreas Heldmann aus Hermannstadt mit einem schwedischen Offizier nach Schweden. In Uppsala machte er später eine akademische Karriere. Vor dem Jahr 1713 sind Schweden auch durch Kronstadt gezogen. Sie wussten nur rühmliches zu erzählen über den dortigen lutherische Gottesdienst und über die Gastfreundschaft der Kronstädter, wie der aus Kronstadt stammende Hallenser Historiker Martin Schmeitzel zu berichten weiss. Nach Karls Gefangennahme im Februar 1713 zogen sich etliche seiner Landsleute nach Kronstadt zurück. Beispielsweise verließ Professor Magister Wirfel aus Greifswald am 13. März 1713 nach achttägigem Aufenthalt in Begleitung zweier schwedischer Offiziere die Stadt. Schmeitzel berichtet: „Da aber der König in Schweden Carolus XII. seit der anni 1709 fatalen Schlacht bey Pultawa sich mit dem Rest seiner Völker in der Moldau bey Bender aufgehalten und dieses Jahr (1713) von den Türken und Tataren feindlich angehalten und gefangen weggeführt worde so habenn, sich viele von seinen Leuthen hoc anno nach Cronstadt reteriert, ja die gantze Zeit über sind beständig Schwedische Herren ab und zugereiset, wie denn auch ein Graf Torstenson daselbst gestorben und in die grosse Kirche begraben worden.“

Da das Zurückfluten der Schweden in Siebenbürgen natürlich großes Aufsehen erregt hatte, konnte es nicht ausbleiben, dass sich sehr bald eine Sagen- und Legendenbildung dieses Ereignisses bemächtigte. In Kronstadt wurde verbreitet, der König habe noch von türkischem Boden aus inkognito einen Abstecher nach Kronstadt gemacht und dort einem Gottesdienst in hochdeutscher Sprache beigewohnt. In Heldsdorf hielt sich bis in die Neuzeit hinein die Sage, Karl habe hier das Abendmahl eingenommen und der Kirche dafür die Altrarblätter mit Gemälden aus der Leidensgeschichte Jesu geschenkt. Auch die Schmiede, in der Karls Pferde beschlagen worden sein sollen, wurde noch bis Ende des 19. Jahrhunderts gezeigt. In Reps erzälte man sich, Karl sei nach der Einnahme des Abendmahls vom Pfarrer Paul Figuli zu Tisch gebeten worden, und nach der Aufhebung der Tafel habe man einen Zettel mit der Aufschrift gefunden: „Beten Sie für den unglücklichen König von Schweden.“ In Hermannstadt soll er an einem Ball teilgenommen und bis in die frühen Morgenstunden mit einer Hermannstädterin getanzt haben. In Kirchberg bei Agnetheln, wo es viele hochgewachsene, blonde und blauäugige Menschen gab, wurde lange Zeit erzählt, dies seien die Nachfahren von Schweden, die sich auf ihrem Rückmarsch hier niedergelassen hätten. Schließlich wurde bis in die jüngere Vergangenheit hinein das Gerücht verbreitet, Karl habe gleich nach seiner Rückkehr ein Dekret erlassen, nach dem jeder siebenbürgisch-sächsische Theologiestudent ein großzügiges schwedisches Staatsstipendium erhalten solle, wenn er sein Studium in Uppsala aufnehmen wolle. Dies sei der Dank für die freundliche Aufnahme, die er während seiner Heimkehr in den evangelischen siebenbürgisch- sächsischen Pfarrhäusern genossen habe. Das Dekret ist nie aufgefunden worden. Sicher gab es noch viel mehr Gerüchte und Legenden über dieses spektakuläre Ereignis, die aber im Verlauf der Zeiten verblasst sind.

Nicht nur die Persönlichkeit sondern auch der Tod Karls XII. gibt Rätsel auf. Bis heute ist nämlich ungeklärt, ob er durch eine feindliche Kugel zu Tode kam, oder ob er einem heimtückischen Mordanschlag aus den eigenen Reihen zum Opfer fiel.

Die Bedeutung und Entwicklung der deutschen Sprache in Ostmitteleuropa

Vorbemerkung

In der EU gibt es über 100 Millionen Menschen mit deutscher Muttersprache, das sind ca. ein Viertel aller EU-Bürger. Hinzu kommen noch zwischen 10 und 20 Millionen Europäer, die das Deutsche gut bis sehr gut beherrschen. Deutsch ist also eine der wichtigsten europäischen Sprachen. Insbesondere im ostmitteleuropäischen Raum = OME (aus mir unerfindlichen Gründen hat sich in der jüngeren Literatur und in amtlichen Verlautbarungen der Begriff Mittelosteuropa = MOE eingeschlichen, der jeglicher Logik entbehrt). Wenn wir uns auf den traditionellen Europabegriff verständigen, nämlich die Landmasse vom Atlantik bis zum Ural, dann liegt der Mittelpunkt Europas in Litauen. Mitteleuropa wäre demnach Deutschland und der östlich davon liegende Staatengürtel von der Ostsee bis zum Schwarzen Meer. Die Bedeutung und Entwicklung der deutschen Sprache in diesem Raum, also dem ostmitteleuropäischen Raum, ist Gegenstand dieser Ausführungen.

Begriffsklärung

Wir können feststellen, daß gerade in diesem Raum die deutsche Sprache eine herausragende Rolle gespielt hat und auch heute noch spielt, wenn sie auch durch den weltweiten Siegeszug des Englischen nur noch an zweiter Stelle steht. Bevor wir uns den Ursachen und dem Verlauf dieses Phänomens zuwenden, müssen wir uns darüber verständigen, was wir unter Deutsch verstehen wollen. Wir unterscheiden drei Kategorien: zum einen Hochsprache, Literatursprache, Nationalsprache, Schriftsprache, Kultursprache, Einheitssprache, Verkehrssprache, Umgangssprache, dann Dialekt, Mundart, Verkehrsmundart, Halbmundart und schließlich Volkssprache, Gemeinsprache und Sondersprache. Die Problematik dieser Terminologie ist wissenschaftlich noch keineswegs geklärt. An wenigen Beispielen möchte ich die Problematik andeuten: Was ist das Siebenbürgisch-Sächsische? Ein Dialekt, eine Mundart, eine Volkssprache oder eine Sondersprache? In der Literatur herrscht keine Klarheit. Oder das Jiddische, das bis zum Holocaust von vielen Millionen Menschen gesprochen wurde? Ich neige dazu, sie für Sondersprachen zu halten. Beide sind keine traditionellen Schriftsprachen, spielten jedoch in ihrem Geltungsbereich eine große Rolle als Verkehrssprache. Die vielen deutschen Sprachinseln im europäischen Osten, die zu unterschiedlichen Zeiten entstanden sind und häufig keine Verbindung zueinander pflegten, haben unterschiedliche Idiome entwickelt, die auf ihre geographische Umgebung als Kommunikationsinstrument jeweils entscheidend einwirkten und nicht selten die Nachbarsprachen beeinflußten. Denken Sie hierbei an die vielen deutschen Lehnwörter vor allem im handwerklichen Bereich.
Sicher haben die deutschen Sprachinseln eine große Rolle für die Verbreitung und Verwendung der deutschen Sprache gespielt, es gab aber auch andere Ursachen, denen wir in groben Zügen nachgehen wollen. Dabei wollen wir uns aber auf die Hoch- bzw. Schriftsprache beschränken, nachdem die Mundarten infolge der gewaltigen Bevölkerungsverschiebungen im 20. Jh. ihre Bedeutung nahezu vollständig eingebüßt haben.

Mittelalterliche deutsche Ostsiedlung

Ausgangspunkt für die Bedeutung des Deutschen im Osten Europas war zweifellos die große deutsche Ostsiedlung, die die gesamte Region in ethnischer aber insbesondere in kultureller Hinsicht umformte. Auch die Siebenbürger Sachsen und die Zipser in der Slowakei gehören in diesen Zusammenhang. Entgegen einiger Polemiken in jüngerer Zeit handelte es sich bei dieser frühen Ostsiedlung nicht um eine von Deutschland her betriebenen imperialistische Kolonisierung, sondern genau umgekehrt um ein großes Anliegen der Landesherren in den jeweiligen Aufnahmeländern.

Nachdem der ostmitteleuropäische Raum endgültig christianisiert war und sich Landesherrschaften herausgebildet hatten, war ein deutliches kulturelles und wirtschaftliches Gefälle erkennbar, das die Landesherrn durch Anwerbung mittel- und westeuropäischer Bauern, Handwerker, Bergleute und Kaufleute auszugleichen suchten. Im großen Stil wurde den Siedlern Gemarkungen zur Verfügung gestellt und großzügige Privilegien verliehen. Der Adreanische Freibrief der Siebenbürger Sachsen ist ein Beispiel dafür. Es kamen nicht nur Deutsche,sondern auch Flamen, Wallonen und Franzosen, wobei sich aber das deutsche Element recht früh durchsetzte. Die Siedler behielten ihre mitgebrachten Lebensformen bis in die Neuzeit bei und prägten dadurch auch ihre Umwelt. Es ist hier nicht der Ort, die vielen Verästelungen der deutschen Ostsiedlung zu erörtern, wichtig ist hier nur, daß sie den Grundstein für die Verbreitung der deutschen Sprache legte.

Städtegründungen in Ostmittel- und Südosteuropa

Vielleicht noch bedeutsamer für den Aufstieg des deutschen Kultureinflusses und die Verbreitung der deutschen Sprache waren die umfangreichen Städtegründungen bis nach Rußland hinein. In Deutschland war der Städtebildungsprozess bereits weit fortgeschritten, wohingegen dem Osten Europas dieser Prozeß noch bevorstand. Die sich allmählich formierenden Gesellschaften Ostmittel- und Südosteuropas waren rein agrarischer Natur und hatten durch die bäuerliche deutsche Ostsiedlung bereits einen gewissen Fortschritt erzielt. Die Landesherren waren jedoch in ihren Wirkungsmöglichkeiten durch die landbesitzende Adelsschicht erheblich eingeschränkt. Insbesondere wegen der Abgabenfreiheit des Adels fehlte es den Landesherren an Einnahmen. Um sich nun eine stabile Einnahmequelle zu schaffen und um die landesspezifischen Produkte vermarkten zu können, waren sie an Städtegründungen nach deutschen Vorbildern höchst interessiert. In raschem Tempo entstanden nun Städte, die den gesamten ostmitteleuropäischen Raum wie ein Netz überzogen. In Böhmen, das ohnehin zum Deutschen Reich gehörte setzte dieser Städtegründungsprozeß am ehesten ein, pflanzte sich fort in den polnischen Hezogtümern und weit darüberhinaus. Im Königreich Ungarn waren die Siebenbürger Sachsen die Motoren der Städtegründungen. In kurzer Zeit entstanden wichtige städtische Zentren wie Hermannstadt, Kronstadt, Bistritz, Klausenburg u.a. Die Sachsen überschritten auch den Karpatenbogen und gründeten beispielsweise Curtea de Arges, Langental, Piatra Neamt, Cotnar bei Jasi und andere städtische Zentren in den rumänischen Fürstentümern. Im Baltikum waren durch die Siedlungstätigkeit des Deutschen Ordens rein deutsche Landstriche entstanden. Aber auch außerhalb des Ordensgebiets entstanden deutsche Städte und es etablierte sich eine wohlhabende und starke deutsche Ritterschaft. Eine Sonderform der Expansion deutschen Städtewesens waren die rege Handelstätigkeit der Deutschen Hanse. Sie unterhielt ihre Kontore sogar in der russischen Stadt Novgorod, dem äußersten Vorposten des Städtebundes. Die Ostsee galt über zwei Jahrhunderte als deutsches Meer. Deutsch entfaltete sich ganz zwangsläufig als lingua franka nicht nur an der Küste, sondern auch im Binnenland, wo in raschem Tempo Städte nach deutschem Vorbild und mit deutscher Bürgerschaft entstanden. Alle Städte etablierten das deutsche Stadtrecht, wobei das lübische und das Magdeburger Recht dominierten, aber auch das Wiener und Nürnberger Recht übten großen Einfluß aus und diese rechtsgebenden Städte wurden auch zu den Vororten, d.h. Gerichtshöfen bei eventuellen Rechtsstreitigkeiten.

Städte und Deutschtum in Ostmitteleuropa

Die überwiegend deutsche Bürgerschaft konnte sich auf den wirkungsvollen Schutz der Landesherren insbesondere gegen den agrarischen und steuerbefreiten Adel stützen und entfaltete sich rasch. Das Handwerk, der Bergbau und der Handel blühten in kürzester Zeit und brachten nicht nur der Bürgerschaft, sondern auch den Landesherren enorme Einnahmen. Bis in die beginnende Neuzeit, teilweise sogar bis ins ausgehende 18. Jh., konnten die Städte, aber auch die deutschen bäuerlichen Siedlungen ihren deutschen Charakter bewahren. In der jüngeren Literatur ist dieser Umstand teilweise als pangermanischer Imperialismus interpretiert worden, was jedoch den wahren Sachverhalt verkennt. Dieses Phänomen hing nämlich weniger mit ethnisch-nationalistischem Denken zusammen, das späteren Jahrhunderten vorbehalten war, sondern mit der allenthalben vorherrschenden Ständestruktur. Die Gesellschaften Ostmittel-und Südosteuropa waren zu dem damaligen Zeitpunkt noch rein agrarische Feudalgesellschaften, in denen die Landesherren ihre finanzielle Unabhängigkeit mit Hilfe der Städte und den freien bäuerlichen Siedlungen zu sichern bestrebt waren. Beide, die Städte und die freien deutschen Siedlungen, stellten auf landesherrliches Betreiben hin ein Gegengewicht gegen den steuerbefreiten Feudaladel dar und entwickelten sich rasch als kraftvolle Stände im Staatsgebilde. Der deutschsprachige Charakter dieser neuen Stände war rein siedlungsgeschichtlich und rechtshistorisch und nur scheinbar ethnisch-national bedingt. Bekanntermaßen war der Wechsel von einem zum anderen Stand nur dann möglich, wenn man sich den Rechtsgepflogenheiten des jeweiligen Standes unterwarf. Ein Adliger beispielsweise konnte die Bürgerschaft in einer Stadt nur dann erwerben, wenn er auf die adligen Privilegien verzichtete und sich in das städtische Milieu integrierte. Da das städtische Milieu deutsch war, blieb es nicht aus, daß in solchen Fällen das Deutschtum angenommen wurde. Aber auch umgekehrt, wenn ein städtischer Bürger zum Landbesitzer wurde, ging er in dem anderen Ethnikum auf. Das galt auch für die freien bäuerlichen Siedlungen. Wenn ein höriger Bauer, der in der Regel einem nichtdeutschen Ethnikum angehörte, es schaffte sich freizukaufen und sich in einer freien bäuerlichen Siedlung niederließ, ging er im Deutschtum auf, wie auch umgekehrt, freie Bauern, die in die Hörigkeit absanken, nach kurzer Zeit ihr Deutschtum verloren. Die letzteren Fälle waren häufiger als die ersteren. In Siebenbürgen konstatieren wir hinsichtlich der deutschen Siedler auf Komintatsboden einen Sonderfall.

Universitäten und Buchdruck

Ein neuer Aufschwung des deutschen Sprach- und Kultureinflusses erfolgte mit den Universitätsgründungen in rascher Folge. In Prag entstand 1348 die erste deutsche Universität, Prag wurde durch die Luxemburger und Habsburger Kaiser auch zum politischen Zentrum des Deutschen Reiches. 1364 folgte die Universität Krakau, beide waren deutsch geprägt und spielten später mit dem Aufkommen des Humanismus eine entscheidende Rolle. Zwar war die Wissenschaftssprache immer noch Lateinisch, aber das Deutsche begann sich spätestens mit dem Buchdruck, der von Mainz aus seinen Siegeszug nahm, noch mehr zu etablieren und es erschienen massenhaft auch Schriften in deutscher Sprache. Deutsche Papiermühlen und Druckereien überschwemmten ganz Ostmittel- und Südosteuropa. Die Nationalsprachen schienen auf das Niveau von Volkssprachen oder Gemeinsprachen herabzusinken. Die vielen deutschen Universitätsgründungen in rascher Folge brachten es mit sich, daß nicht mehr Paris und die italienischen Universitäten zentrale Studienorte für die gebildete Schicht Ostmitteleuropas war, sondern die deutschen Länder.

Reformation und Entdeckung neuer Verkehrswege

Das 16. Jahrhundert brachte in vielerlei Hinsicht einen dramatischen Wandel mit sich. Die Erschließung neuer Handelswege und das Aufkommen einer modernen Geldwirtschaft mit weltweit gespannten Handelsströmen ließen die ostmitteleuropäischen Städte ins Hintertreffen geraten. Sie verloren nach und nach ihre einstmals bedeutende Wirtschaftskraft. Auch der einstmals stark deutsch geprägte Charakter dieser Städte wandelte sich hin zu mehrsprachigen Gebilden, nachdem sich ein zunehmend autochthones städtisches Bürgertum etablierte. Die siebenbürgisch.sächsischen Städtebildeten auch hier noch eine Ausnahme. Die Reformation, die anfänglich in Ostmitteleuropa auf große Resonanz stieß, brachte ebenso große Veränderungen mit sich. Zwar schien die deutsche Sprache durch die reformatorischen Schriften einen neuen Aufschwung zu erfahren, aber der nicht zuletzt durch die Reformatoren selbst angeregte Druck geistlicher Schriften in den Nationalsprachen ließ diese wieder erstarken und ein intellektuelles Profil gewinnen. Die deutsche Sprache verlor nach und nach ihre überragende Bedeutung, obgleich sie immer noch für längere Zeit dominant blieb. Erste Ansätze eines „Sprachenkampfes“, vor allem in Polen und den ungarischen Ländern, der vor allem das 19.Jahrhundert prägte, wurden allerdings jetzt schon bemerkbar.

Wiederbelebung der deutschen Sprache im Zeitalter der Aufklärung

In der Folgezeit verschob sich die Kulturlandschaft erneut zugunsten der deutschen Sprache durch den Umstand, daß Deutschland zum fast alleinigen Vermittler der europäischen politischen und kulturellen Strömungen, also des Absolutismus, des Rationalismus und der Aufklärung, des Barock auf dem Gebiet der Architektur und der Kunst, sowie des Merkantilismus auf dem Gebiet des Wirtschaftens wurde. Nicht nur Peter der Große sondern fast alle Landesherren holten massenhaft Deutsche an ihre Höfe mit dem Ziel, ihre Länder zu modernisieren. Auch eine gewaltige neue Welle der deutschen Ostsiedlung wurde vor allem im 18. Jahrhundert in Gang gesetzt, die dem Deutschtum und damit der deutschen Sprache neuen Auftrieb gab. Nachdem sich die deutsche Literatur der französischen Dominanz entledigt hatte und in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts ihren Höhenflug antrat, wurde sie für lange Zeit zum entscheidenden Impulsgeber und zum Vorbild der in diesen Ländern entstehenden Nationalliteraturen. Man denke nicht zuletzt an die große Rolle, die die deutsche Literatur, aber auch die deutsche Philosophie für Mihai Eminescu später gespielt hat.

Deutsch als Verwaltungssprache in der Habsburger Monarchie

In der durch die Zurückdrängung des Osmanischen Reiches und die polnischen Teilungen gewaltig angewachsenen Habsburger Monarchie, die einen Großteil Ostmittel- und Südosteuropas umfaßte, wurde 1784 schließlich das Deutsche sogar als ausschließliche Verwaltungssprache verordnet, sodaß die Beherrschung der deutschen Sprache geradezu lebenswichtig wurde. Dies stieß allerdings im ungarischen Reichsteil, aber auch in den polnischen Gebieten auf großen Widerspruch. Gerade bei diesen beiden Völkern hatte sich anders als bei den anderen Völkern schon recht früh ein ausgeprägtes National- und Sprachbewußtsein entwickelt und die Gegenreaktion ließ nicht lange auf sich warten.

Nationalismus im 19. Jahrhundert

Der durch die Ideen der französischen Revolution populär gewordene Begriff der modernen Nation ergriff auch die Völker Ostmittel- und Südosteuropas mit einer Wucht, die die Leidenschaften hochpeitschte und in ihrer Schärfe zu bisher unbekannten ethnischen Spannungen führte. Vor allem bei den Ungarn, aber auch bei anderen Völkern der Habsburger Monarchie erfolgte eine leidenschaftliche Besinnung auf das eigene Ethnikum und die eigene Sprache mit dem Endziel einer nationalstaatlichen politischen Ordnung, die alle multiethnischen Herrschaftsgebilde rigoros in Frage stellte. In Polen, das von der politischen Landkarte getilgt worden war, war schon längst ein nationales Zusammengehörigkeitsgefühl und ein polnischer Patriotismus entstanden. In einem solchen Klima war die bisherige Dominanz des Deutschen selbstverständlich ein Ärgernis und wurde jäh in Frage gestellt. Die Ironie der Geschichte wollte es, daß ein anderer starker Impuls für die Besinnung auf das eigene Ethnikum und das Verwerfen der deutschen Sprache ausgerechnet vom Wirken der deutschen Romanitik ausging. Johann Gottfried Herder, der große deutsche Theoretiker und Volkskunler hat diesen Prozeß maßgeblich in Bewegung gesetzt. Die Sprachen dieser Völker waren durch die Reformation zu Schriftsprachen geworden, im Zeitalter der Aufklärung aber wieder auf den Stand von Haus- und Umgangssprachen zurückgefallen. Sie schienen keine Zukunft zu haben. Das Tschechische beispielsweise war geradezu am Erlöschen. Seine Ideen waren beseelt von der gottgewollten Originalität der Völker, die sich in Sprache und Dichtung, Volkskunst und Brauchtum offenbarte. In seinen „Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit“ schuf er unter anderem das überaus wirksame Bild von einem heiter-friedlichen, demokratischen Volk der Slawen, das von den Deutschen brutal unterdrückt worden sei, aber nun ein neues Zeitalter des Friedens und der Humanität heraufzuführen bestimmt sei. Deutsche Forscher und Gelehrte nahmen sich hiervon inspiriert diesen Völkern und Sprachen an und legten die Grundlage für die Wiederbelebung dieser Sprachen. Den Deutschen folgten bald Literaten und Wissenschaftler dieser Völker selbst, die allesamt durch die Schule der deutschen Romantik gegangen waren. Sie erforschten ihre Grammatik, bereicherten ihren Wortschatz, indem sie ihre Sprachen von Germanismen reinigten und sie dadurch literaturfähig machten. In erstaunlicher kurzer Zeit gelang es allenthalben Literatursprachen mit beeindruckender Tiefenwirkung aus dem Boden zu stampfen. Es war nur eine Frage der Zeit, bis das dadurch stark geförderte Selbstwertgefühl der Völker in politische Forderungen nach staatlicher Selbstbestimmung umschlug, ein Vorgang, der später sogar zur völkerrechlichen Norm des „Selbstbestimmungsrechts der Völker“ wurde. Sehr schnell stellte sich in der Propaganda auch die passende Parole ein, nämlich die „Wiedergeburt“, ein Begriff, der bis heute als Schlagwort verwendet wird. Die Folge war ein Sprachenkampf, der dann in verschiedenen Facetten die folgende Zeit bestimmen sollte. Der Erste Weltkrieg, der die überkommene politische Landkarte zerfetzte, hatte seine Ursachen nicht zuletzt in dieser kulturell-politischen Gärung und verhalf dem Nationalstaatsprinzip zum Durchbruch, ein Prinzip, das angesichts der europäischen Integration anscheinend seinen Zenit schon wieder überschritten hat. Der bisherige dominierende Rang der deutschen Sprache schien damit endgültig verloren zu gehen.

Deutsch als Wissenschaftssprache

In geradezu dialektischer Weise erreichte die deutsche Sprache aber gerade in dieser Phase erneut eine große Bedeutung, jetzt nicht mehr so sehr als Verkehrssprache, sondern als Wissenschafts- und Kultursprache. Nicht zuletzt durch die Humboldtschen Bildungsreformen erfuhr die deutsche Wissenschaft in allen Disziplinen einen ungeheuren Aufschwung. Die deutschsprachige Philosophie, Literatur- und Geschichtforschung, die Musik, die Naturwissenschaften und die Technik, gelangten zu ihrem Höhepunkt und erreichten die Weltspitze. Bis in die unselige Zeit des Nationalsozialismus war die führende Wissenschaftssprache das Deutsche. So blieb es nicht aus, daß die Eliten aller ostmitteleuropäischen Länder ihre wissenschaftliche Ausbildung überwiegend in Deutschland genossen, wodurch die Beherrschung der deutschen Sprache in den Bildungsschichten zur Selbstverständlichkeit wurde. Auch die rumänischen Eliten genossen ihre akademische Ausbildung außer in Frankreich zum großen Teil in Deutschland. Diesen hohen Rang hat, wie wir alle wissen, das Deutsche mittlerweile eingebüßt. Das Englische ist zur weltweiten lingua franca, auch als Wissenschaftssprache, geworden.

Die Rumänen und die deutsche Sprache

Die deutsche Sprache hat in Rumänien aufgrund seiner historisch-territorialen Geschichte eine unterschiedliche Verbreitung gefunden. In Siebenbürgen und später im Banat hat sie selbstverständlich eine große Rolle gespielt. Das außerordentlich hoch entwickelte deutsche Schulwesen war auch ein Magnet für die Eliten der anderen Völker, nicht zuletzt der Rumänen. Viele rumänische Gelehrte, Geistliche und Politiker haben das sächsische Schulwesen durchlaufen und waren mit der deutschen Kultur vertraut. Von Siebenbürgen ging dann auch die sogenannte Wiedergeburt der Rumänen aus und strahlte von hier aus ins Altreich hinein. Der griechisch-katholische Bischof I. Micu-Klein hätte ohne die perfekte Kenntnis der deutschen Sprache seinen beachtlichen Kampf für die Rechte der Rumänen nicht führen können. Auch die Verfasser des Supplex Libellus Valachorum hatten einen deutschen Bildungshintergrund. Als sich die vereinigten rumänischen Fürstentümer für den Fürsten Karl von Hohenzollern-Sigmaringen entschieden, erlebte die deutsche Sprache auch im Altreich einen Aufschwung. Während die politisch-kulturellen Eliten der Walachei eher der französischen Sprache und der französischen Kultur zuneigten, formierte sich in der Moldau, vor allem in Jassy, eine germanophile Gruppierung, die in der Folgezeit sowohl kulturell wie auch politisch eine außerordentlich große Rolle spielen sollte, die „Junimea“. Gründer dieser Bewegung war Petre Carp, der sein Studium in Bonn absolviert hatte und in Jassy sogar in Nachahmung deutscher studentischer Vereinigungen eine Art Verbindung ins Leben rief. Zu ihr gesellten sich hochbegabte junge Intellektuelle wie der Kronstädter Titu Maiorescu, Barbu Delavrancea und später auch Mihai Eminescu und viele andere Literaten, Gelehrte und Politiker. Eminescu hatte das deutsche Lyzeum in Czernowitz besucht und später in Wien und Berlin studiert. Eine Zeit lang war er herausgeber des Organs der Junimea „Timpul“. Von dieser Vereinigung, die später auch politisch sehr aktiv war, gingen wichtige Impulse für das rumänische Kulturleben aus. Während in Bukarest nach wie vor die französische Sprache favorisiert wurde, dominierte in Jassy das Deutsche. Bis heute ist Jassy eine Hochburg der Germanistik. Ein Großteil der studentischen Jugend war fasziniert von der deutschen Wissenschaft und studierte mindestens teilweise in Deutschland. Als Beispiel für viele andere sei stellvertretend der Historiker Nicolae Iorga genannt.

Die Bukowina und die deutsche Sprache

Einen zusätzlichen Bedeutungsschub erfuhr die deutsche Sprache in Rumänien, als nach dem Ersten Weltkrieg die Bukowina angegliedert wurde. In diesem bisherigen österreichischen Kronland war eine einzigartige Kulturlandschaft entstanden, die beachtliche deutschsprachige Kulturleistungen vor allem auf dem Gebiet der Literatur hervorbrachte. Das besondere daran war, das die Träger der deutschsprachigen Kultur vor allem Juden waren. Rose Ausländer, Paul Celan und viele andere sind Beispiele dafür. Diese Region hat für die Verbreitung der deutschen Sprache und die deutschsprachige Kultur eminent viel geleistet. Der nationalsozialistische Rassenwahn hat tragischerweise auch dieser Kulturlandschaft brutal ein Ende gesetzt.

Schlußbemerkung

Abschließend ist festzuhalten, daß die deutsche Sprache in Ostmittel- und Südosteuropa immer noch eine große Rolle spielt, auch wenn sie den ersten Rang zugunsten des Englischen eingebüßt hat. Dies gilt besonders für Rumänien, das als einziges Land des sowjetischen Machtbereichs die Deutschen nicht vertrieben und auch das deutsche Schulwesen im wesentlichen intakt belassen hat.
Speziell in Siebenbürgen erfreut sich die deutsche Sprache immer noch einer außergewöhnlichen Beliebtheit. 95% der Schüler an unseren deutschsprachigen Schulen sind mittlerweile ethnische Rumänen, was für ihre sehr hohe Akzeptanz spricht. Bliebe noch zu fragen, ob die Ursache dafür vor allem an der deutschsprachigen Tradition der Region und der Sympathie für deutsche Sprache und Kultur liegen, oder ob mittlerweile vielmehr andere Interessen, wie bessere Karrierechancen eine Erklärung sind. Wie dem auch sei! Wir freuen uns über die große Beliebtheit der deutschen Sprache, aus welchen Gründen auch immer, und betrachten sie als Ansporn für unsere Tätigkeit.