Zoll

Seit vielen Jahren leben meine Frau und ich im sagenumwobenen Transsylvanien, meiner Heimat. Hier herrschen besondere Sitten. Die Politiker weisen es weit von sich, es herrsche dort eine grassierende Korruption. Dieses Phänomen erklären sie kurzerhand als eine besondere Kultur, sich für einen erwiesenen Gefallen zu bedanken.

Jetzt sind wir noch nicht einmal zwei Wochen in Transsylvanien und haben so viel erlebt und gewerkelt, wie normalerweise in einem halben Jahr. Man ist versucht, eine Fortsetzungsgeschichte zu schreiben.

Als Beispiel hier die erste Folge:

Am Sonntag abend, als wir in Schäßburg ankamen, gab es in unserer Wohnung nur ein ausziehbares Kanapee, auf dem wir die erste Nacht geschlafen haben. Unsere Möbel mussten noch den Zoll passieren. Am nächsten Morgen bin ich verabredungsgemäß um 9 Uhr zum Zoll gefahren, allerdings mit einem flauen Gefühl im Magen, da mir klar war, dass es zu einem balkanischen Handel kommen wird. Der Lastwagen war natürlich nicht da. Ich rief meinen Freund G., der mir den Lastwagen besorgt hatte, an, und er machte sofort alles rebellisch. Er rief mich zurück und verkündete: Wenn die in 10 Minuten nicht dort sind, schneide ich ihnen die Eier ab. Sie brauchten nur 8 Minuten. Jetzt setzte ein Lehrstück balkanischen Abpressens von Bakschisch ein. Bevor der Lastwagen auftauchte, war ich mit meinem Faktotum, Bondy, zur Frau des Zollchefs gegangen, um die Formalitäten einzuleiten. Dazu musss gesagt werden,dassss der rumänische Zoll, die Abwicklung der Formalitäten an private Kommissionärsfirmen „outgesourced“ hat. Die Inhaberin einer solchen Firma ist die Frau des Zollchefs, die arbeiten also Hand in Hand zusammen. Solche Verquickungen sind hierzulande gang und gäbe. Die Frau Kommissionärin und Ehefrau des Zollchefs, ganz egal, von welcher Seite man das sieht, begrüßte mich überschwänglich, denn sie hat ein Kind auf der Bergschule und hatte meiner Rede anlässlich der Übergabe nach der Renovierung der Bergschule andächtig zugelauscht. Bondy grinste und murmelte: „Wir haben gewonnen“. Die Dame musterte die Papiere und setzte plötzlich eine Bürokratenmiene auf. „Oh, oh, da haben wir Riesenprobleme! Sie müssen nach Klausenburg zur Oberzollbehörde fahren und sich eine Bescheinigung holen. Vor übermorgen können Sie nicht abladen“. Bondy säuselte freundlich mit ihr und stellte meine ungeheure Bedeutsamkeit für die Stadt Schäßburg heraus. „Ach, da fällt mir ein, ich habe ja in Klausenburg bei der Oberzollbehörde eine Freundin. Die faxt mir die Bescheinigung bis um zwei Uhr durch. Wir sind ja nicht so. Wir helfen, wo wir können. Gehen Sie unterdessen zum Herrn Zollchef (sie sagte nicht „meinem Mann“) und reden Sie mit ihm. Also gingen wir zum Zollchef, und Bondy lieferte die erste Probe seines Könnens ab. „Guten Tag, Herr Zollchef. Wie geht es Ihnen? Wie weit sind Sie mit Ihrem Häuschen? Sie wissen ja, ich bin Bauingenieur. Wenn Sie irgendein Problem haben, ich habe immer noch die besten Verbindungen.“ „Gut dass Sie kommen. Sagen Sie, wie bekomme ich die Nässe aus meinem Souterrain heraus. Die Isolierung ist perfekt gemacht, aber die Innenwände triefen vor Nässe. Was kann da los sein?“ „Das kenne ich. Es ist immer dasselbe. Sie haben die Ziegeln bestimmt in Schäßburg gekauft. Die sind nicht richtig gebrannt und sind jetzt durch Putz usw. klitschnass. Oh, je, das hätte ich Ihnen gleich sagen können. Warum haben Sie mich nicht gefragt? Wissen Sie was? Das trifft sich gut. Herr Dr. S. hat zwei Luftentfeuchter aus Deutschland mitgebracht. Die brauchen wir für das Haltrich-Lyzeum. Die lösen die Probleme in nullkommanix.“ Ich dachte, mich trifft der Schlag. Ich wußte nämlich, dass es nur mit großen Schwierigkeiten möglich ist, die Geräte über die Grenze zu bringen, und hatte sie in der Inventarliste unterschlagen. Bondy wußte das, und ich verdächtigte ihn, dass er mit dem Feuer spiele. „Sind die auf der Liste?“ fragte der Zollchef. „Natürlich nicht. Wir wollen das ganze nicht noch verkomplizieren.“ „Na, Gott sei Dank. Aber, aber, welcher Teufel hat Sie denn geritten, dass Sie die Zimmerblumen und die Kochplatte auf die Liste getan haben? Für die Zimmerblumen brauchen Sie eine Bescheinigung von der zuständigen deutschen Agrarbehörde, dass keine Zimmerblumenkrankheit in Ihrer Gegend grassiert. Für die Kochplatte brauchen Sie eine Bescheinigung aus Bukarest vom Handelsministerium. Das kann Tage dauern. Oh, je, oh, je, was sehe ich da? Hundefutter haben Sie auch noch mitgebracht. Das ist ja die Höhe. Da kriegen wir die dicksten Probleme. Na, ja, mal sehen, was ich tun kann. Gehen Sie zurück zur Kommissionärin und erledigen Sie die Papiere. Um drei Uhr kommen Sie noch einmal bei mir vorbei. „Es sieht nicht schlecht aus“, feixte Bondy. Beim nächsten Akt geriet aber selbst er fast aus der Fassung. Die Kommissionärin und Frau des Zollchefs teilte uns freundlich, aber kurz mit, der Vorgang sei einen Stock höher bei der Konkurrenzfirma gelandet, einem Zweigunternehmen unserer Transportfirma. Die Chauffeure wären mit den Originalpapieren gleich dorthin gegangen und dort würde jetzt die Musik spielen. „Und was ist jetzt mit der Bescheinigung aus Klausenburg?“ Ich begann mich jetzt selbst einzuschalten. „Na, die besorge ich Ihnen selbstverständlich. Haben Sie mit dem Zollchef gesprochen? Irgendwie wird alles klappen!“ Das Signal war angekommen. Ich hielt es für angebracht, Annemarie auf dem laufenden zu halten. Die war allein im leeren Haus und wartete ungeduldig auf den Möbelwagen. Sie nahm alles erstaunlich gelassen hin. Ich hetzte in die Stadt, machte ein paar Besorgungen, besichtigte die Baustelle und die Bergschule. Aus allen Winkeln schossen die Leute, Lehrer, Schulangestellte usw. auf mich zu und brabbelten mir die Ohren voll. Ich war wie betäubt. Ich kam noch nicht einmal dazu, mein Büro aufzusuchen und mir einen ersten Überblick über die anfallenden Erledigungen zu machen. Anschließend hetzten Bondy und ich wieder zum Zoll, diesmal zur Konkurrenzfirma. Dort lungerten ein paar junge Leute herum und wendeten ein Papier nach dem anderen herum. Es waren unsere Zollpapiere. Es wurde sofort klar, dass die keine Ahnung hatten. Sie behaupteten aber felsenfest, sie hätten alles im Griff und sie warteten nur auf die Bescheinigung aus Klausenburg. Dann hinge alles nur noch vom Zollchef ab. Also gingen wir wieder zum Zollchef. Der hatte mittlerweile ganz glänzende Augen und roch nach Schnaps. „Die Blumen, die Blumen! Ist aber auch zu dumm. Und die Kochplatte! Ich verstehe Sie ja. Aber Sie müssen mich auch verstehen. Ich riskiere Kopf und Kragen. Wissen Sie was? Laden Sie schon mal ab! Ich nehme es auf meine Kappe. Erledigen Sie die Papiere und alles andere morgen!“ „Wieviel wollen Sie ausgeben?“, fragte Bondy beim Hinausgehen. Mir wurde blitzartig klar, was „alles andere“ hieß. Der Lkw-Fahrer grinste, zerschlug routiniert die Plombe und startete. Ich alarmierte ein paar Helfer, und los ging’s. Annemarie dirigierte das Abladen wie ein Feldmarschall und eineinhalb Stunden später saßen wir da inmitten unseres Durcheinanders. Am nächsten Morgen kaufte ich zwei Flaschen Cognac und zwei Päckchen Tschibokaffe, die eine Hälfte für die Frau des Zollchefs, die andere für die Nasenbohrer im ersten Stock. Dort wurde uns eröffnet, wir müssten beide Ladelisten (ich hatte ja auch eine Hilfssendung für das Haltrich-Lyzeum mitgenommen) Posten für Posten mit dem jeweiligen Gewicht und Preis versehen werden, eine Heidenarbeit. Bondy, der auf geheimnisvolle Weise meine Einkäufe losgeworden war, und Radu, der Administrator der Schule, machten sich an die Arbeit. Ich konnte endlich ein paar Dinge erledigen (Kontoeröffnung, Büroarbeiten u.a.). In der Zwischenzeit bekam ich einen Anruf von der Frau Zollchefin, sie würde jetzt doch alles für uns erledigen, denn der Bruder des Inhabers der Konkurrenzfirma sei besoffen in die Kokel gefahren und alle Angestellten müssten zur Beerdigung. Als wir die Listen wieder zurückbrachten, hieß es plötzlich, die Preise seien nicht in Lei, sondern in EURO anzugeben. Also musste alles noch einmal geschrieben werden. Mittlerweile hatte sich auch der Schuldirektor dazugesellt und drückte die geschätzten Preise auf ein Minimum. Die Listen, die in der Eile handschriftlich erstellt worden waren, wurden wieder zurückgewiesen. Sie müssten auf Schreibmaschine oder Computer geschrieben werden und wir sollten morgen um 8 Uhr noch einmal kommen. Und das mit den Blumen und der Kochplatte sei aber immer noch ein Riesenproblem, und erst das Hundefutter! Bondy raunte mir zu: „Ich halte 50 EURO für angemessen. Der Kaffe und der Cognac für die Trottel da oben waren leider eine totale Fehlinvestition“. Radu versicherte, er würde um Punkt 8 Uhr die Listen sauber getippt zum Zoll bringen. Am nächsten morgen um 9 Uhr rief mich die Zollchefin an, wo denn die Listen blieben. Ohne die Listen könnte sie die Bescheinigung aus Klausenburg nicht beschaffen und dann hätten wir ein dickes Problem. Dass die Listen nach Klausenburg gefaxt werden sollten, war eine völlig neue Variante. Vorher hieß es immer, sie seien für die Akten im Hinblick auf eine eventuelle spätere Kontrolle vonnöten. Ich hetzte zu Radu, der im Zweifingersystem an seinem Computer herumhackte und sich alle 20 Sekunden den Schweiß von der Stirn wischte. Ob er denn das nicht die Sekretärin schreiben lassen könne? Es sei schließlich halb zehn. Das könne die nicht, das seien wichtige Papiere und die müsse er schon selber schreiben. In zehn Minuten sei er fertig. Sein Drucker sei zwar kaputt, aber irgendwie würde er es schon schaffen. Ich flitzte hin und her. Bondy hatte auch zu tun. Nach einer Stunde wieder ein Anruf, wo die Listen blieben. Ich zu Radu. Er sei gleich fertig, nur noch zwei Stunden. „Sind Sie wahnsinnig?“ Ich war am verzweifeln. Anruf, wo die Listen blieben. Außerdem sollten wir sofort eine Kopie meines Reisepasses durchfaxen. Das sei bisher vergessen worden, und ohne diese Kopie sei alles für die Katz. Natürlich war der Kopierer im Sekretariat kaputt. Radu wischte sich den Schweiß von der Stirn, versetzte dem Kopierer einen Fausthieb und oh Wunder, er funktionierte wieder. Ich wischte mir auch den Schweiß von der Stirn. Bondy und ich fuhren zum Zoll. Attila, der Mitarbeiter der Chefin schrieb an seinem Computer. Die Chefin war abwesend. Er schien uns erwartet zu haben. Bondy palaverte mit ihm auf ungarisch und beide fingen an zu lachen. Wie durch einen Zaubertrick hatte der Umschlag mit den 50 EURO die Taschen gewechselt. Ich hatte nichts bemerkt und mir wurde klar was für ein Stümper ich bin. „Kommen Sie! Wir gehen einen Kaffe trinken.“ Bondy war bestens gelaunt. Im Café wurde ich aufgeklärt. Die Liste sei zwar unbedingt nötig, aber man bräuchte sie eigentlich gar nicht, alles Ermessensfrage, und jetzt sei ja sowieso alles geregelt. Und was sei nun mit den Blumen und der Kochplatte? Davon sei überhaupt keine Rede mehr. Und überhaupt! Es sei doch eigentlich alles prima gelaufen. Als wir wieder zum Zoll schlenderten kam Radu angehetzt und hatte ein paar verschmierte Zettel in der Hand und fluchte über seinen Drucker. Als ich sie kritisch betrachtete, grinste er und meinte, es sei ja alles nicht so wichtig. Ich war anscheinend der einzige der das ganze Spiel nicht durchschaute. Wir gingen zu Attila, tauschten ein paar Höflichkeiten aus und 5 Minuten später war alles erledigt. Als wir das Haus verließen, ging gerade der Zollchef vorbei und nickte mir huldvoll zu.

Nachspiel:

„Guten Tag Herr Doktor, wie geht es Ihnen? Haben Sie sich schon eingerichtet?“ „Danke der Nachfrage. Wir sind fast fertig. Ohne Ihre freundliche Hilfe und die Großzügigkeit Ihres Mannes wäre es sicher nicht so reibungslos gegangen. Wir sind Ihnen sehr dankbar.“ „Oh, nicht doch! Das war doch eine Selbstverständlichkeit. Man hilft sich doch gegenseitig, nicht wahr? Wenn Sie wieder irgendein Problem haben, wenden Sie sich ruhig an uns. Wir tun dann, was wir können. Übrigens, mein Mann ruft Sie die nächsten Tage an. Auf Wiedersehen und alles Gute!“ „Auf Wiedersehen!“…….Ich habe dazugelernt. Findet Ihr nicht auch?

Otto

Seit meiner Schülerzeit verfasse ich gerne Limericks und tausche mich mit Gleichgesinnten aus.

Der Otto ging eilig aufs Klo.
Dort wartete ruhig ein Floh,
biss Otto am Po
und hurtig er floh.
Dem Otto entfuhr nur ein „OH“!

Penelope

Ein Leben ohne Weihnachtsplätzchen ist möglich, aber sinnlos.

Weihnachten ist der Höhepunkt des Jahres, eine Zeit der Glückseligkeit. Nicht der Weihnachtsbaum mit seinem Glitzerzeug, nicht die obligatorischen Geschenke und nicht das Oh-du-fröhliche-Gedudel sehne ich innig herbei. Nein, es sind die Plätzchen, denen ich schon in der Adventszeit entgegenfiebere. Sie allein geben dem Fest aller Feste den Glanz. Nun meine ich natürlich nicht irgendwelche Plätzchen, nein, schon gar nicht das gekaufte, hermetisch dicht in Plastiktüten gestopfte Fabrikgebäck. Es sind die Plätzchen meiner Penelope, meiner treuen und umsichtigen Hausfrau, die meine Sinne erregen. Penelope ist beschenkt mit Zauberhänden, mit denen sie wahre Wunder der Backkunst vollbringt. Wären die alten Götter nicht im Hades versunken, so säße sie schon längst im Olymp und Gottvater Zeus würde nicht mehr jedem Weiberrock nachlaufen, sondern nur noch von ihren Plätzchen naschen. Hera könnte ihren Hallodri endlich beruhigt und sorgenfrei am Kinn kraulen.

Am dritten Advent beginnt die Erregung. Stundenlang steht Penelope in der Küche, rührt, knetet, walkt und sticht mit runden, gezackten und eckigen Formen aus. Geduldig legt sie die weißlichgelben Rohlinge in Backbleche, um sie dann in den vorgewärmten Backofen zu schieben. Oh, welch heilige Handlung! Nervös gehe ich auf und ab. „Setz‘ Dich hin und lies in deinen gescheiten Büchern. Gut Ding will Weile haben und ich kann dich hier nicht gebrauchen.“ Penelope schiebt mich sanft zur Tür hinaus. Also setze ich mich hin und lese. Aber ach, meine Gedanken schweifen ab. Es zieht sie in die Küche. Meine Nase wittert süße Köstlichkeiten. Ich schiele in die Küche. Penelope hantiert mit Eiweißschaum, Kokosraspeln, Puderzucker, Zimt, Safran, Korinthen und Sultaninen, Ingwer, Honig und natürlich Vanille herum und summt vergnügt bayerische Schnadahupferl. Gläser mit Marmeladen und Gelees stehen bereit. Die Königin der Früchte ist die Himbeere, blaßrot und duftend. Neidisch blickt ihre derbere Schwester, die Brombeere, auf sie und ärgert sich schwarz. Himbeermarmelade treibt mich zur Extase. Für sie könnte ich zum Einbrecher werden. Mit einigem Abstand folgt das Quittengelee, gelb und zittrig, doch selbstbewußt und stolz. Ich halte die Spannung nicht mehr aus. Ich muß hinaus in die Natur. Gedankenverloren irre ich durch die Straßen. Bekannte drehen sich verwundert nach mir um und schütteln verständnislos ihr Haupt. Penelope und ihre Plätzchen sausen in meinem Kopf herum.

Jetzt muß es so weit sein. Voller Vorfreude mach ich mich auf den Heimweg. Penelope führt mich am Arm ins Wohnzimmer. „Nicht anfassen! Die müssen zehn Tage ruhen.“ Der Duft überwältigt mich: zwei große Kristallschüsseln aus Bodenmais, die eine muranorot, die andere weißlich glitzernd voller bunter Spezereien! Oh, welch ein Anblick! Kulleraugen, Spekulatius, Zimtsterne, Marmeladenecken, Himbeerherzen, Limetten-Taler, Linzer Plätzchen, Prinzenecken, Non-plus-ultra, Husarenkipfel und natürlich die unübertroffenen Vanillipipferl!!!! Vanillikipferl sind die Krönung, der Gipfel kulinarischer Glückserfüllung. Oh, wie sie mich alle anlächeln! Können denn Weihnachtsplätzchen lächeln? Ich versichere bei meiner Ehre: Sie können! „Wie bitte? Zehn Tage ruhen? Schrecklich! Unmenschlich! Nun gut, ich werde es erdulden. Verzicht ist die Tugend großer Männer.“

Die zehn Tage der Wehmut, des Schmachtens, ja des Leidens gehen schließlich zu Ende. Endlich, endlich ist es so weit. Penelope nimmt vorsichtig die Abdecktücher von den Schalen. Ein unbeschreiblicher Anblick! Die bunte Pracht lächelt immer noch. „Greif zu!Greif zu!“ höre ich sie säuseln. Hurra, hurra! Freudig greife ich zu. Das Glück ist unbeschreiblich. Welch ein Genuss! Alle Widerwärtigkeiten des Daseins sind vergessen. Das Leben ist schön. Wohlbehagen durchströmt meinen Leib und meine Seele. Mein Weihnachten hat begonnen. Endlich! Penelope grinst zufrieden vor sich hin.

Rettet das „ß“

Europa! Europa! Das 21. Jahrhundert im Zeichen Europas! Euro! Erweiterung! Verfassungsvertrag! Die Schlachtrufe sind unüberhörbar. Der Moloch Europa frißt alles auf. Er ist wie Saturn, der seine eigenen Kinder frißt. Alles stopft er in sein gefräßiges Maul, zermalmt es und preßt den Brei in seinen gewaltigen Magen. Seine Agenten hetzen auf dem gesamten Kontinent herum und tapezieren ihn mit ihren Normenvorschriften. Nichts ist vor ihnen sicher. Gerüchten zufolge soll demnächst sogar das Spitzen des Mundes beim Küssen normiert werden. Die Normen versuchen selbst bis ins Schlafzimmer vorzudringen. Geduldig ertragen wir alles und fügen uns in unser Fatum.
Die EU-Norm 272829/30 hat es aber geschafft, mich, einen friedlichen Zeitgenossen, einen gutmütigen und gläubigen Europäer, zum Revolutionär zu machen, zum Widerstandskämpfer, ja, vielleicht sogar zum Attentäter. Man stelle sich vor: Besagte Norm will mir mein „ß“ rauben, den Stolz meiner Schrift, das liebenswürdige, edle, grazile, elegante, bescheidene „ß“. Es ist ein Buchstabe, den ich über alles liebe. Er ist der größte Schatz meiner Schrift. Gibt es einen anderen Buchstaben, an dessen anmutiger Linienführung sich das Auge kaum satt sehen kann? Keine Ecken, keine Kanten, nur Rundungen und sanfte Wölbungen, und das alles bar jeder Symmetrie. Er ist ein Kunstwerk, geradezu eine Offenbarung. Er ist wie das Lächeln der Mona Lisa, bezaubernd, süß und geheimnisvoll, ein Kleinod.
Böse Zungen behaupten nun, er sei ein B mit Rüssel. Das ist Rufmord, ein abgefeimtes Spiel! Prompt fühlt sich Brüssel durch das „B mit Rüssel“ herausgefordert und hat meinem geliebten „ß“ den Kampf angesagt. Wie sagt der große Winckelmann: „Edle Einfalt, stille Größe!“ Mein „ß“ verzichtet in edler Schönheit und stiller Genügsamkeit auf einen Großbuchstaben. Nie will es am Anfang eines Wortes stehen. Das ist wahre Größe! Es will auch namenlos sein, voller Bescheidenheit. Zotige Männer nennen es ein „scharfes s“, unerhört! Andere nennen es Eszett oder sonstwie. Nein, mein „ß“ ist namenlos, wie die blaue Blume. Und diese großartigen Eigenschaften werden ihm nun zum Verhängnis. Brüssel will es nicht mehr dulden. Jeder Buchstabe hat, verdammt nochmal, einen Großbuchstaben zu haben und einen Namen! Wo kommen wir denn dahin, wenn jeder Buchstabe macht, was er will! Niemals! Alles muß normiert sein. Wenn das „ß“ es also nicht schafft oder sich weigert, einen Großbuchstaben zu haben und sich taufen zu lassen, muß es weg! Weg, weg! Es stört die Systematik! Aus! Basta! Jede Blume, jedes Tier, ja jeder Wurm genießt heutzutage Artenschutz. Nicht so mein „ß“! Es soll ausgerottet werden, auf ewig verschwinden. Niemand kommt auf die Idee der Mona Lisa das Lächeln zu verbieten, nur weil die andern Gemälde im Louvre grimmig dreinschauen. Mein „ß“ aber soll verschwinden. Reicht es nicht, daß unsere Kulturokraten in vorauseilen- dem Gehorsam dabei waren, wie üble Mordgesellen das Vernichtungswerk beinahe vollständig zu verrichten, ein Werk, das sie voller Heimtücke Rechtschreibreform nannten? Nein, jetzt soll mein „ß“ auch aus den letzten Reservationen, in die es die Sprachanarchisten gesperrt hatten, verjagt werden. Oh, weh! Der unschuldigste wiewohl deutscheste Buchstabe wird dann gänzlich zu SS. Nein, ich wage gar nicht weiterzudenken. Mir reicht’s! Das ist Terror! Das mache ich nicht mit! Niemals! Niemals!
Komm’ zu mir geliebtes „ß“! Bei mir findest du Asyl. Ich werde dich hegen und pflegen, so lange ich lebe. Ich werde dich beschützen. Ich baue dir ein Biotop. Dort sollst du blühen und gedeihen. Du bist schön! Ich liebe dich!

Historikerstammtisch 2008

Jede Wissenschaft hat ihr Fachchinesisch. Der Historiker bedient sich entweder einer Aneinanderreihung von Jahreszahlen oder von Orten, wo etwas mehr oder weniger entscheidendes geschah. Vor allem die Franzosen lieben dies. Aber auch wir Teutonen zeigen mit dieser Methode den Laien, wo es langgeht.

Professor: „Was wird die Fachschaft heuer feiern? Ich hoffe doch Münster und Osnabrück!“

Student: „Wir hatten eher an Frankfurt gedacht.“

Professor: „Nein, nein, Frankfurt war doch ein Hirngespinst. Münster und Osnabrück waren viel entscheidender. Immerhin gingen Holland und die Schweiz verloren.“

Student: „Aber Rom, Augsburg und Genf konnten doch wieder irgendwie koexistieren.“

Professor: „Das schon, aber dieses elende Prag, das mit Münster und Osnabrück nach dreißig Jahren endlich endete, hat viel Leid über unsere Altvorderen gebracht. Es hat über hundert Jahre gedauert, bis ein anderes Prag kam.“

Student: „Ihm folgte aber Kolin.“

Professor: „Was ist Kolin gegen Roßbach, Leuthen und Zorndorf?“

Student: „Und was ist Kunersdorf?“

Professor: „Sie haben recht, das war nicht schön. Aber es folgten schließlich Liegnitz und Torgau und schlußendlich Hubertusburg.“

Student: „Wenige Jahrzehnte später aber folgte Paris, Paris und noch einmal Paris.“

Professor: „Das ist wohl war. Valmy war eine Riesenblamage. Ebenso Luneville und Campo Formio. Und dann auch noch Ulm, Austerlitz und Jena und Auerstedt und schließlich Tilsit.

Student: „Na, ja, es folgten aber dann Tauroggen und Leipzig.“

Professor: „Es war auch höchste Zeit. Ohne Leipzig hätte es kein Wien und sicher auch kein Waterloo gegeben. Aber sagen Sie, wie kommen Sie auf Frankfurt?“

Student: „Nun ja, Frankfurt war doch ein Lichtblick nach Karlsbad und Göttingen.“

Professor: „Und was hat es gebracht? Nichts! Da war doch Königsgrätz etwas ganz anderes.“

Student: „Es führte aber auch nach Bad Ems.“

Professor: „Was aber auf kürzestem Wege nach Sedan führte.“

Student: „Ja, ja, und was hat es gebracht, trotz Berlin kam es zu Sarajevo und schließlich zu Versailles.“

Professor: „Aber es gab auch Tannenberg und Brest-Litowsk. Nur Verdun, das war hart. Ohne Verdun hätte es nie Versailles gegeben.“

Student: „Versailles hat aber auch Weimar möglich gemacht.“

Professor: „Weimar, Weimar! Weimar hat nie eine Chance gehabt: Da gab es doch gleich zweimal München.“

Student: „Wenn es Bad Harzburg nicht gegeben hätte, dann hätte Weimar vielleicht doch eine Chance gehabt.“

Professor: „Nach Bad Wiessee, war aber alles vorbei. Dann kam noch einmal München, was dann zu Gleiwitz führte.“

Student: „Und was ist mit Dachau, Buchenwald und Flössenburg?“

Professor: „Hören Sie bloß auf, das wissen wir doch alle. Es kam ja dann auch noch Wannsee und Auschwitz. Aber lassen wie das! Das neue Versailles war Potsdam, aber viel schlimmer.“

Student: „Ja, Potsdam! Es gab aber dann auch noch Stuttgart, London und München.“

Professor: „Hat alles nichts genutzt. Nach Prag und Berlin konnte es nur noch Frankfurt und Bonn geben. Jetzt ist es schon spät. Wenn ich jetzt nicht nach Hause gehe, muß ich nach Canossa. Auf Wiedersehen!“

Student: „Auf Wiedersehen!“

Laßt die Dicken in Ruhe!

Um es vorwegzunehmen: Ich bin besorgt. Kaum daß unsere Ordnungshüter und ihre verkniffenen Mitstreiter das Rauchverbot in geschlossenen Räumen und Gaststätten verhängt haben, bereiten sie ihre nächste Attacke vor. Der Triumph über die Qualmer beflügelt sie. Jetzt ist das Essen dran. Der Verzehr von Nahrungsmitteln auf Kosten der Solidargemeinschaft der Versicherten soll bestraft werden.
Das Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz hat prompt mit großem Aufwand eine umfangreiche „Nationale Verzehrsstudie“ erstellen lassen, die, wie sollte es anders sein, zu verheerenden Ergebnissen gelangt. 80 Milliarden Euro an Zusatzkosten zu Lasten der Solidargemeinschaft verursachen demnach die ernährungsbedingten Gesundheitsschäden. Unerhört!!!! Und das auch noch angesichts der chronisch defizitären Sozialkassen! „Da muß und wird etwas geschehen!“ So ein hoher Ministerialbeamter. Besagte Studie bietet ja bereits eine unanfechtbare wissenschaftliche Grundlage für drakonische Maßnahmen. Noch beschränkt sich das Ministerium allerdings auf bundesweite „Aufklärungskampagnen“. Aber es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis das Kabinett die Beseitigung des Dickseins auf die Agenda setzen wird. Siegmar Gabriel macht vorsorglich bereits eine Abmagerungskur.
Auch in Brüssel brüten schon längst Heerscharen von magersüchtigen Eurokraten über Plänen, wie der homo europeanus gertenschlank gezüchtet werden kann. Selbst die Hausschlachtungen haben sie im Visier, da diese ja den Dicken ein ideales Schlupfloch bieten. Bislang kommen sie jedoch noch nicht recht weiter, da die Lobbyisten aller Art, Agrarfunktionäre, Metzgerinnungen, Tierärzteverbände, Lebensmittelhändler, Pharmavorstände, Ärztevertreter, Bekleidungsunternehmer u.a., sie permanent in Atem halten. Sie wären aber keine Eurokraten, wenn sie nicht doch in absehbarer Zeit Verordnungen und Normen gegen unsere Dicken zustande brächten.
Der Hotel- und Gaststättenverband weiß das und plant daher, um nicht wieder wie bei der Nichtraucherschutzregelung von EU-Auflagen überrascht zu werden, Gerüchten zufolge sogar vorsorglich, in Pilotprojekten sogenannte Nichtesser-Restaurants zu erproben. Alternativ dazu wird an verschiedenen Speisekarten gearbeitet, solchen für Dünne und solchen für Dicke. An jedem Tisch wird eine Waage stehen und das Küchen- und Bedienungspersonal wird fachlich und psychologisch geschult werden müssen, um den zu erwartenden Protesten der Dicken geschmeidig zu begegnen.
Supermarktketten sollen sogar schon errechnet haben, wie hoch ihr Verlust sein wird, wenn ein Verbot von Lebensmittelverkäufen an Übergewichtige verhängt wird. Die Mitarbeiterzahl muß wesentlich erhöht werden, um die Dicken von den Kaufberechtigten auszusortieren. Auch Strategien gegen Lebensmitteldiebstähle hungriger Molliger sind angeblich in Arbeit. Um Ordungsdienste, bewehrt mit Gummiknüppeln, wird man wohl nicht herumkommen. All dieses wird zu einer völlig neuen Preisgestaltung führen, damit die Verluste im Dienste der menschlichen Verschlankung ausgeglichen werden. Wie werden die Dünnen auf die zu erwartenden Preiserhöhungen reagieren?
Die Gewerkschaft, die sich bisher nur um die Anerkennung des sogenannten Servicesyndroms als Berufskrankheit bemüht hat, hält inzwischen die Arbeitsbedingungen in Speiselokalen überhaupt für unzumutbar, denn die Kellner leiden angeblich schon seit langem unter dem Passivverzehr beim Anblick der Nahrungsaufnahme. Depressionen, Widerwärtigkeiten, ja sogar Alkoholismus seinen häufige Folgeerscheinungen. Da muß Abhilfe geschaffen werden. Angesichts der konzertierten Aktion gegen die Dicken können natürlich die Medien nicht fehlen. Eingefallene Münder in verknitterten Gesichtern, aus denen stechende Fieberaugen zucken, stoßen in diversen Talkshows Beschimpfungen gegen alle Dicken aus. Auf solarbetriebenen Rechnern wird ermittelt, was jedes Gramm Übergewicht die Solidargemeinschaft kostet. Und dann der abstoßende Anblick jedes Dicken!!!! Widerlich, widerlich!!!! Da wird sogar von einer Verstopfung der sozialen Zukunft durch die Leibesfülle der Dicken und namentlich im Hinblick auf die Jugend von einem inakzeptablen gesellschaftlichen Beispiel durch ungebremste Verzehrsfreude gesprochen. Von wegen „fat is beautyfull“! Knöcherne Gestalten mit faltiger Lederhaut, durch die jedes Äderchen drückt, sind die Ideale. Verachtung und Haß durchströmt die Studios. Die Dicken sind der Belzebub schlechthin. Reumütige Mollige werden als Kronzeugen der Kampagne vorgeführt, befragt und bemitleidet und das Studiopublikum klatscht.
Den Dicken stehen also schwere Zeiten bevor, denn nur notorische Naivlinge unter ihnen können annehmen, daß sie ungeschoren, besser gesagt unabgespeckt, davon kommen werden. Es wogt vielmehr ein Tsunami auf sie zu. Dabei mag ich doch die Dicken so gerne. Sie sind so menschlich!
Und sollten wir, ob dick oder dünn, nicht alle menschlich sein? Und schließlich: Schönheit ist keine Frage des Gewichtes. Oder sind alle Mageren schön und alle Dicken häßlich? Nun, Geschack ist ja bekanntlich so eine Sache.
Laßt mir also die Dicken in Ruhe! Sie sind ja schließlich auch nicht teurer als die Autofahrer, die Extremsportler, die Hektiker, die Rentner und, und…. Oder wollt Ihr alle Kostenverursacher liquidieren?

Schöne Neue Welt!

Bratwurst und Leidenschaft

Die Bratwurst ist die Krönung der kulinarischen Kunst. Ich meine nicht irgendeine Bratwurst. Nein, ich meine die grobe, deftige, von Hand gemachte fränkische Bratwurst, deren Ingredienzen mir immer ein Rätsel bleiben werden. Sie ist voller Gerüche, zart und beißend zugleich, aber immer betäubend, ja betörend, vor allem wenn sie einen nur angedeuteten Hauch von Knoblauch verströmt. Keine Speise reicht auch nur annähernd an ihren Duft, ihre neckisch-lockende Farbigkeit und ihre magische Kraft, die Sehnsucht, das Verlangen nach ihr bis ins Unerträgliche, ja bis zur Ekstase zu treiben. Sie ist nicht eine gewöhnliche Speise zwecks organischer Stärkung, nein sie ist eine Offenbarung, der Höhepunkt menschlicher Glückserfüllung. Sie attackiert die Selbstbeherrschung und macht aus ihrem Liebhaber ein schmachtendes Wesen. Sie erregt sämtliche Sinne bis zum Äußersten: Oh, welch wunderbarer Anblick ist eine leicht gekrümmte Bratwurst (noch mehr zwei Bratwürste) in einer
derben Pfanne, also keine Pfanne, die mit irgendwelchen Beschichtungen das Anbrennen verhindern soll, nein, eine Pfanne voller Risse vom Scheuern mit einer silbrigschwarzen Patina und einem spürbaren Gewicht. Schwer muß eine Pfanne sein und alt, und einen langen Stiel muß sie haben. Sie muß schon Generationen von Bratwurstkennern die herrlichsten Genüsse bereitet haben. Sie muß förmlich vom Jauchzen und lustvollen Stöhnen, vom Mhm, Mhm unserer Altvorderen erzählen. Nur das ist eine der fränkischen Bratwurst angemessene
Pfanne. Bratwurst und Pfanne müssen schlicht und ergreifend zu einander passen, die Chemie muß stimmen, sie müssen ein inniges, ja symbiotisches Verhältnis zueinander haben. Schon wenn ich die Bratwurst in die Pfanne lege, beginnt die Liebesbeziehung, ein fast frivoles Sichanschmiegen der Wurst an den Pfannenboden, ein Sichwohlfühlen, ein lautloses aber lustvolles Stöhnen. Nur ein Kenner bemerkt die Zartheit und Sanftheit der Berührung. Nun liegt sie da, die Wurst. Sie ist betört und bis in die Zipfel hinein entspannt. Sie gibt sich der Pfanne völlig hin. Sie leuchtet rosarot wie ein Pfirsich, nein, nicht wie ein Pfirsich, wie der Oberschenkel eines süßlichen Mädchens von Renoir auf einer Wiese im Frühling inmitten von Klatschmohn. Welch ein Anblick.! Wie eine zarte Haut, die nach dem Bade mit grobem Tuch gescheuert wurde. Die Spannung beginnt zu steigen. Leichtes Knistern dringt an mein Ohr. Das Spiel kann beginnen. Die Wurst fängt an sich zu räkeln. Leise zunächst, jedoch immer lauter werdend prustet sie, schmatzt und zischt sie. Musik erfüllt die Küche, betörende Musik. Der Bolero von Maurice Ravel macht sich bemerkbar. Er beginnt leise und gediegen, wird immer lauter, eindringlicher und fordernder und steigert sich bis ins Rauschhafte. Auch die Bratwurst verfällt dem Rausch. Sie will hüpfen, sie zischt, sie streckt sich und krümmt sich erneut. Was geht in ihr vor? Sie erlebt eine wahrhaftige Walpurgisnacht, wie Tannhäuser im Banne der Venus. Wagners Musik nimmt mich gefangen. Sie springt über zum Walkürenritt. Erregung, Tempo, Leidenschaft! Plötzlich ertönt der Hummelflug des Rimskij-Korsakov, die reinste musikalische Orgie. Ich wende die Wurst. Welches Zischen, welche Erregung! Meine Nerven sind aufs Äußerste angespannt. Da hilft nur noch der Deckel. Also Deckel drauf und
raus! Ach, es hilft aber alles nichts. Hummelflug, Walpurgisnacht, Walkürenritt vermengen sich und erregen mich bis zur Betäubung. Die Spannung steigt ins Unerträgliche. Endlich, endlich ist es so weit! Weg mit dem Deckel! Oh, welch ein Anblick! Dampfend, siedend mit kleinen Bläschen liegt sie da, die fränkische Bratwurst. Immer noch leicht gekrümmt und was für eine Farbe! Oh, Gaugin! Wie deine Frauen auf Tahiti schimmert ihre Haut, bräunlich, gesund, knackig, durchzogen mit gelblichen, nein, goldenen Flecken. Ein wunderbares Bild, wie der goldene Helm von Rembrandt, prall, üppig und saftig wie die Weiber von Rubens. Die köstlichsten Gerüche durchströmen den Raum. Endlich, endlich! Wo ist der Senf? Der Löwensenf, nicht scharf, nicht mild, nein, mittelscharf muß er sein ! Er muß ganz fein in der Nase zwicken. Und goldgelb muß er sein, wunderbar glänzend! Nur er ist der fränkischen Bratwurst ebenbürtig. Bloß keine Pampe wie Kinderkacke! Die ist unter Niveau, ja morganatisch! Und ja nicht aus der Tube! Nein, aus einem rundlichen Glastönnchen muß der Löwensenf sein, mit Schraubdeckel, der beim Öffnen metallisch plop macht. Bloß kein Plastikdeckel! Das Messer ist tabu. Nur mit einem Teelöffelchen darf er über die Bratwurst gezogen werden. Oh, wie köstlich! Köstlich! Aber wo ist denn bloß der mittelscharfe Löwensenf? Eine fränkische Bratwurst ohne mittelscharfen Löwensenf ist wie ein Sozi ohne rote Nelke im Knopfloch, wie der nölende Udo Lindenberg ohne Hut, wie ein verliebter
Backfisch ohne Handy, oder ein Ami ohne Kaugummi. Nein, eine fränkische Bratwurst ohne mittelscharfen Löwensenf aus einem Glastönnchen mit Schraubverschluß, der ganz fein in der Nase zwickt, ist eine Schande, nein, ein Verbrechen. Wo ist der Senf? Verdammt noch mal, wo ist der Senf? Der Senf ist weg! Oh, Gott! Oh, Gott! Das Leben ist gemein! So gemein!!!