Bratwurst und Leidenschaft

Die Bratwurst ist die Krönung der kulinarischen Kunst. Ich meine nicht irgendeine Bratwurst. Nein, ich meine die grobe, deftige, von Hand gemachte fränkische Bratwurst, deren Ingredienzen mir immer ein Rätsel bleiben werden. Sie ist voller Gerüche, zart und beißend zugleich, aber immer betäubend, ja betörend, vor allem wenn sie einen nur angedeuteten Hauch von Knoblauch verströmt. Keine Speise reicht auch nur annähernd an ihren Duft, ihre neckisch-lockende Farbigkeit und ihre magische Kraft, die Sehnsucht, das Verlangen nach ihr bis ins Unerträgliche, ja bis zur Ekstase zu treiben. Sie ist nicht eine gewöhnliche Speise zwecks organischer Stärkung, nein sie ist eine Offenbarung, der Höhepunkt menschlicher Glückserfüllung. Sie attackiert die Selbstbeherrschung und macht aus ihrem Liebhaber ein schmachtendes Wesen. Sie erregt sämtliche Sinne bis zum Äußersten: Oh, welch wunderbarer Anblick ist eine leicht gekrümmte Bratwurst (noch mehr zwei Bratwürste) in einer
derben Pfanne, also keine Pfanne, die mit irgendwelchen Beschichtungen das Anbrennen verhindern soll, nein, eine Pfanne voller Risse vom Scheuern mit einer silbrigschwarzen Patina und einem spürbaren Gewicht. Schwer muß eine Pfanne sein und alt, und einen langen Stiel muß sie haben. Sie muß schon Generationen von Bratwurstkennern die herrlichsten Genüsse bereitet haben. Sie muß förmlich vom Jauchzen und lustvollen Stöhnen, vom Mhm, Mhm unserer Altvorderen erzählen. Nur das ist eine der fränkischen Bratwurst angemessene
Pfanne. Bratwurst und Pfanne müssen schlicht und ergreifend zu einander passen, die Chemie muß stimmen, sie müssen ein inniges, ja symbiotisches Verhältnis zueinander haben. Schon wenn ich die Bratwurst in die Pfanne lege, beginnt die Liebesbeziehung, ein fast frivoles Sichanschmiegen der Wurst an den Pfannenboden, ein Sichwohlfühlen, ein lautloses aber lustvolles Stöhnen. Nur ein Kenner bemerkt die Zartheit und Sanftheit der Berührung. Nun liegt sie da, die Wurst. Sie ist betört und bis in die Zipfel hinein entspannt. Sie gibt sich der Pfanne völlig hin. Sie leuchtet rosarot wie ein Pfirsich, nein, nicht wie ein Pfirsich, wie der Oberschenkel eines süßlichen Mädchens von Renoir auf einer Wiese im Frühling inmitten von Klatschmohn. Welch ein Anblick.! Wie eine zarte Haut, die nach dem Bade mit grobem Tuch gescheuert wurde. Die Spannung beginnt zu steigen. Leichtes Knistern dringt an mein Ohr. Das Spiel kann beginnen. Die Wurst fängt an sich zu räkeln. Leise zunächst, jedoch immer lauter werdend prustet sie, schmatzt und zischt sie. Musik erfüllt die Küche, betörende Musik. Der Bolero von Maurice Ravel macht sich bemerkbar. Er beginnt leise und gediegen, wird immer lauter, eindringlicher und fordernder und steigert sich bis ins Rauschhafte. Auch die Bratwurst verfällt dem Rausch. Sie will hüpfen, sie zischt, sie streckt sich und krümmt sich erneut. Was geht in ihr vor? Sie erlebt eine wahrhaftige Walpurgisnacht, wie Tannhäuser im Banne der Venus. Wagners Musik nimmt mich gefangen. Sie springt über zum Walkürenritt. Erregung, Tempo, Leidenschaft! Plötzlich ertönt der Hummelflug des Rimskij-Korsakov, die reinste musikalische Orgie. Ich wende die Wurst. Welches Zischen, welche Erregung! Meine Nerven sind aufs Äußerste angespannt. Da hilft nur noch der Deckel. Also Deckel drauf und
raus! Ach, es hilft aber alles nichts. Hummelflug, Walpurgisnacht, Walkürenritt vermengen sich und erregen mich bis zur Betäubung. Die Spannung steigt ins Unerträgliche. Endlich, endlich ist es so weit! Weg mit dem Deckel! Oh, welch ein Anblick! Dampfend, siedend mit kleinen Bläschen liegt sie da, die fränkische Bratwurst. Immer noch leicht gekrümmt und was für eine Farbe! Oh, Gaugin! Wie deine Frauen auf Tahiti schimmert ihre Haut, bräunlich, gesund, knackig, durchzogen mit gelblichen, nein, goldenen Flecken. Ein wunderbares Bild, wie der goldene Helm von Rembrandt, prall, üppig und saftig wie die Weiber von Rubens. Die köstlichsten Gerüche durchströmen den Raum. Endlich, endlich! Wo ist der Senf? Der Löwensenf, nicht scharf, nicht mild, nein, mittelscharf muß er sein ! Er muß ganz fein in der Nase zwicken. Und goldgelb muß er sein, wunderbar glänzend! Nur er ist der fränkischen Bratwurst ebenbürtig. Bloß keine Pampe wie Kinderkacke! Die ist unter Niveau, ja morganatisch! Und ja nicht aus der Tube! Nein, aus einem rundlichen Glastönnchen muß der Löwensenf sein, mit Schraubdeckel, der beim Öffnen metallisch plop macht. Bloß kein Plastikdeckel! Das Messer ist tabu. Nur mit einem Teelöffelchen darf er über die Bratwurst gezogen werden. Oh, wie köstlich! Köstlich! Aber wo ist denn bloß der mittelscharfe Löwensenf? Eine fränkische Bratwurst ohne mittelscharfen Löwensenf ist wie ein Sozi ohne rote Nelke im Knopfloch, wie der nölende Udo Lindenberg ohne Hut, wie ein verliebter
Backfisch ohne Handy, oder ein Ami ohne Kaugummi. Nein, eine fränkische Bratwurst ohne mittelscharfen Löwensenf aus einem Glastönnchen mit Schraubverschluß, der ganz fein in der Nase zwickt, ist eine Schande, nein, ein Verbrechen. Wo ist der Senf? Verdammt noch mal, wo ist der Senf? Der Senf ist weg! Oh, Gott! Oh, Gott! Das Leben ist gemein! So gemein!!!

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