Toleranz in Siebenbürgen

Der Text geht auf einen Vortrag zurück, den der Autor mehrfach gehalten hat.

Religiöse und ethnische Toleranz in Siebenbürgen

Einleitung

Siebenbürgen ist weltweit bekannt durch sein einzigartiges Ensemble an siebenbürgisch- sächsischen Kirchenburgen, die ein Zeugnis ablegen von permanenter Kriegsgefahr. In der Tat gab es insbesondere vom 15. bis zum 17. Jahrhundert kaum ein Jahr ohne militärische Auseinandersetzungen verschiedenster Art und Intensität. Es war auch die Zeit, in der sich die politische Landkarte durch den Vorstoß der Osmanen grundlegend änderte. Nachdem die Osmanen die gesamte Balkanhalbinsel und die beiden Donaufürstentümer Moldau und Walachei unterworfen hatten, fiel ihnen 1526 auch das bis dahin mächtige Königreich Ungarn zum Opfer. Nach einem daraufhin folgenden mörderischen Kriegsspektakel wurde das Königreich endgültig zerstört und es gab fortan für über 150 Jahre das „dreigeteilte Ungarn“. Ein schmaler Streifen im Westen und im Norden fiel an die Habsburger. Die große Donautiefebene sank zu einem osmanischen Paschalik herab. Einzig das im geschützten Karpatenbogen liegende Siebenbürgen konnte in lockerem und zeitweise unterbrochenem Vasallenverhältnis zur Pforte seine innere Selbständigkeit bewahren. Da sich die Osmanen wenig in die inneren Angelegenheiten, und schon gar nicht in religiöse Fragen, einmischten, sofern ihnen der Tribut regelmäßich entrichtet wurde, entwickelte sich in dieser abgeschiedenen Region ein einzigartiger modus vivendi, der in der Forschung und Literatur nicht selten als das siebenbürgische „Modell“ religiöser und ethnischer Toleranz bezeichnet wird, also eher ein Miteinander als ein Gegeneinander, welch letzteres andernorts immer wieder zu blutigen Konflikten geführt hat. Zwar gab es auch in dieser Region sehr viele blutige Konflikte und Plünderungen, vielleicht sogar noch mehr als anderswo, aber deren Ursachen waren ganz anderer Natur und hatten ihre Anlässe nicht in ethnischen oder gar religiösen Gegensätzen, die, wären sie zum Ausbruch gekommen, das gesamte staatliche und gesellschaftliche Gefüge gesprengt hätten. Die Auswirkungen dieses „Modells“ sind bis zum heutigen Tage erkennbar und geben dem Land seinen einzigartigen Charme. Selbstverständlich gibt es auch heute hier und dort Spannungen, aber im Großen und Ganzen herrscht ein friedliches, oft partnerschaftliches Zusammenleben. Spannungen werden, wenn sie überhaupt auftreten, durch Ideologen bewirkt, von notorischen Nationalisten oder religiösen Eiferern, die es auf der ganzen Welt gibt. Im alltäglichen Zusammenleben ist davon kaum etwas zu bemerken. In den ethnisch gemischten Dörfern oder Städten leben beispielsweise orthodoxe Rumänen, unitarische Ungarn und evangelisch-lutherische Sachsen in der Regel kollegial zusammen. Sie sind allesamt mehrsprachig und respektieren die jeweiligen Konfessionszugehörigkeiten. Ökumenische Gottesdienste sind auf der Tagesordnung.

Gab es in Siebenbürgen eine echte Toleranz?

Angesichts dieser Umstände könnte man zum Schluß gelangen, als hätte sich ausgerechnet in diesem weitentfernten Außenposten des christlichen Abendlandes der Toleranzgedanke bemerkenswert frühzeitig durchgesetzt und sich tief im Bewußtsein der seit eh und je gemischten Bevölkerung etabliert. Vordergründig könnte man zwar zu diesem Schluß gelangen, aber es wäre nur die halbe Wahrheit. In einem kürzlich erschienen Artikel schreibt mein rumänischer Freund Vasile Munteanu, ein orthodoxer Priester: „Dann wenn wir über religiöse Toleranz sprechen als Ausdruck des Verständnisses für interkonfessionelle und interethnische Duldsamkeit muß man sich im Klaren sein, daß diese Idee einer höheren Einsicht entspringt. Zu ihr gelangt man sehr schwer und nur mit großer Anstrengung. Dort, wo diese Einsicht fehlt, sind Spannungen, Zusammenstöße und Religionskriege eine konstante Erscheinung im Leben der Völker. Religiöse Toleranz ist ein feines Gleichgewicht, zu dem man nur durch Einsicht, durch Kenntnis deiner Nächsten und durch Hinnahme der Tatsache, daß jemand anders als du selbst ist, gelangt. Bezüglich Siebenbürgen im 16. und 17. Jahrhundert können wir nicht den aktuellen Sinn des Toleranzkonzeptes in Betracht ziehen. Wir müssen vielmehr eine klare Unterscheidung zwischen dem aktuellen Wortsinn und den Absichten der Menschen der damaligen Periode treffen. In der damaligen Zeit bestand nämlich nicht die Bereitschaft, im eigentlichen Wortsinn andere Religionen innerlich zu dulden und zu verstehen, sondern es gab eher aus politischer Einsicht das Einvernehmen zwischen den Fürsten und den staatstragenden Ständen, innere Kämpfe zu vermeiden. Die religiösen und politischen Kräfte waren austariert und alle waren sich angesichts der Umstände im Klaren, daß Entspannung nutzbringender sei als Zwietracht.“

Schon die Art ihrer Entstehung erlaubt Rückschlüsse auf das Wesen der interkonfessio- nellen Toleranz, wie sie in Siebenbürgen im 16. Jahrhundert in Erscheinung getreten
ist. Es handelte sich um eine Regelung, die so ziemlich jeglicher ideellen Grundlage ent- behrte, und die sich nur aus der inneren Situation des Landes als ein praktischer modus vivendi ergab. Während andernorts die großen Theoretiker eines frühneuzeitlichen Toleranzgedankens wirkten – Sebastiano Castellio (gest. 1562), Jacobus Acontius (gest. 1566), Fausto Sozzini (gest. 1604) – und während ihre Ideen in der Durchführung scheiterten, ging Siebenbürgen auf der Suche nach einem modus vivendi von vornherein einen anderen Weg.

In Siebenbürgen fand diese Toleranz-Literatur einen noch geringeren Widerhall als in anderen Ländern. Auch von einem Einfluß des Tamas Felegyhazi (1540—1586), der als ungarischer Verfechter der Geistesfreiheit in seiner Bedeutung Castellio wohl gleichkommt, kann man nicht viel bemerken.

Allerdings war es wiederum nicht so, daß den siebenbürgischen Religionspraktiken jegliche geistige Fundierung fehlte. Man pflegte die Zulassung der vier rezipierten Religionen immerhin – wie aus den Landtags-Beschlüssen hervorgeht – mit ihrem christlichen Charakter in Verbindung zu bringen. Geradezu modern mutet die Argumentation an, die der Kanzler Michael Csaki im Auftrag seines Fürsten Johann Sigismund den Teilnehmern einer Disputation im Jahre 1568 vorlegte, als er sich auf die Apostelgeschichte berief und verlangte, man solle nach dem Rat des Juden Gamaliel (Apostelgeschichte 5, 33-39) – ein in der Toleranz-Literatur gerne gebrauchter Beleg – die religiöse Freiheit gewähren. Dieser Sachverhalt würde Anlaß geben, das soeben dargestellte Bild des Fehlens ideeller Grundlagen zu revidieren, wenn es sich nicht – soweit die vorliegenden Quellen Auskunft geben – um einen der wenigen Einzelfälle einer Berufung auf Zitate aus dem Evangelium gehandelt hätte.

Sozzinis Lehre freilich ist bei seinen siebenbürgischen Anhängern auch in dem Gedan- ken nachweisbar, daß Christen, Juden und Mohammedaner als gleichwertig und gleichberechtigt anzusehen seien. Es sei das Beispiel des Jacobus Palaeologus (1520 – 1585) genannt, eines jener gebildeten Griechen, die im 15. und 16. Jahrhundert ein unstetes und recht abenteuerliches Wanderleben durch weite Gebiete Europas führten. Der auf Chios geborene angebliche Nachfahre des byzantinischen Kaisergeschlechtes der Paläologen gelangte über Italien, wo er in den Dominikaner-Orden eingetreten war, sich aber unter dem Einfluß der Reformation wieder von der römischen Kirche getrennt hatte, nach Polen und nach Siebenbürgen. Er übte einen nicht zu unterschät- zenden Einfluß auf die Unitarier dieser Länder aus. Mehrmalige und teils längere Aufenthalte in Siebenbürgen sind nachweisbar (in den Jahren von 1572 bis 1575). In seinem 1572 in Krakau veröffentlichten Traktat De tribus gentibus verfocht er – unter Berufung auf die Bibel – die Auffassung, Juden, Mohammedaner und die An- hänger aller christlichen Konfessionen könnten selig werden; der Unterschied in den Zeremonien, in den Bräuchen und sogar in der Lehre sei nebensächlich; Haß und Zwietracht unter den Konfessionen seien als sündhaft anzusehen.

Auch wenn solche ideellen Überlegungen in Siebenbürgen vereinzelt nachweisbar sind, zur politischen Willensbildung haben sie sicherlich nicht beigetragen.
Auch die zeitgenössische Terminologie erlaubt Rückschlüsse auf das Wesen jener kon- fessionellen Toleranz. Das Wort „Toleranz“ – zumal in seinem modernen Sinn – ist überhaupt irreführend und wird am besten durch den damaligen Begriff „Freiheit“ ersetzt – „Freiheit“ mit einer genau festgelegten Einschränkung auf einige begünstigte Gruppen. Von einer universalen Tendenz im Sinn einer Anerkennung von Christen, Nichtchristen und sogar von Atheisten kann nicht die Rede sein. Nicht einmal alle christlichen Religionen wurden einbezogen (es wurden vier Konfessionen rezipiert: Katholiken, Lutheraner, Reformierte bzw. Kalviner und Unitarier bzw. Antitrinitarier bzw. gelegentlich Arianer); die orthodoxen Rumänen blieben formell ausgeschlossen (aber praktisch geduldet). Auch waren für die freie Entfaltung der vier rezipierten Religionen nicht grundsätzliche Erwägungen bestimmend gewesen, sondern das Ausmaß ihres Erstarkens und die Fähigkeit zur Durchsetzung ihrer Ansprüche. Die rechtliche Fixierung religiöser Freiheit war also nicht ideeler Überzeugung zu verdanken, sondern war Ausdruck kluger und weitblickender Staatsräson, als solche sicherlich einzigartig in der damaligen Zeit.

Und so vermag das Fürstentum Siebenbürgen mit dem dort erreichten praktischen modus vivendi doch einen bedeutsamen, viel zu wenig beachteten Beitrag der Toleranz im 16. Jahrhundert zu geben, deren Auswirkungen bis zum heutigen Tage positiv zutage treten.

Verlauf des religiösen Ausgleichs

Die Voraussetzungen dafür, daß es dort zu einem bemerkenswerten Ausgleich der konfessionellen Spannungen gekommen war, lagen in der Sonderstellung dieses Lan- des mit seiner andersartigen inneren Struktur.
Mit der Niederlage von Mohács (1526) wurde die Einheit des Königsreichs Ungarn zerstört und es entstand in der Folgezeit das „dreigeteilte Ungarn“.

Dem Zerfall der staatlichen Einheit ging die konfessionelle Trennung nebenher. Unter dem unmittelbaren Eindruck des militärischen und politischen Zusammenbruchs und begünstigt durch eine Reihe von anderen Faktoren hatte sich die Lehre der Reforma- toren in wenigen Jahrzehnten weitgehend durchgesetzt. Allmählich stellte sich im „königlichen Ungarn“ eine gewisse Stabilisierung zwischen den konfessionellen Fron- ten ein. In der dem osmanischen Reich einverleibten Provinz zeichnete sich eine ähn- liche Entwicklung ab, wobei hier überhaupt ein sichtlicher Schwund des kirchlichen Lebens eintrat als Folge der Verminderung der Bevölkerung und der wirtschaftlichen sowie sozialen Bedrängnis unter der osmanischen Besatzung. Das benachbarte Sieben- bürgen zeigte ein anderes Bild, ein Bild ständiger Bewegung. Hier war die konfessio- nelle Entwicklung noch länger im Fluß.

Der Einbruch der Reformation bedeutete in Siebenbürgen noch stärker als in den übri- gen Teilungsgebieten Ungarns eine Umwälzung des geistigen und des politischen Lebens. Nach 1541 – dem Jahr der Einnahme der Hauptstadt Ofen durch die Osmanen – erfolgte der offene Übertritt der siebenbürgischen Bevölkerung zum Luthertum, und zwar in einem solchen Ausmaß, daß der alten Kirche zeitweise ein völliges Er- löschen zu drohen schien. In Siebenbürgen gab es seit 1542, von der kurzen Zugehörig- keit zu Österreich abgesehen (1551-1556) für anderthalb Jahrhunderte keinen katho- lischen Bischof mehr, wenn auch aus rechtlichen Gründen die Institution des Bischofs- sitzes (in Alba Iulia; Gyulafehérvár; Weißenburg; später Karlsburg) noch für wenige Jahre bis 1556 fortbestand. 1556 kam es zur Aufhebung des Bischofssitzes sowie auch zur Einziehung der Güter und Besitzungen der alten Kirche (Säkularisation). Nur bei den Szeklern behielt die katholische Kirche einen beträchtlichen Anhang.

Die Lehre der Reformatoren trat zunächst in der von Luther gegebenen Form auf.
Die sächsische „Nations-Universität“ in ihrer Gesamtheit, die Universitas Saxonum, nahm sie im Jahre 1544 an. Johannes Honterus, seit 1544 Stadtpfarrer von Kron-
stadt, der Apostel Siebenbürgens (wie ihn Luther genannt hatte), faßte die von Wit- tenberg ausgegangene Lehre in einer Bekenntnisschrift zusammen (Reformatio Eccle- siae Coronensis ac totius Barcensis provinciae; 1545), die zu einer provisorischen Glaubens- und Organisationsgrundlage der siebenbürgischen Lutheraner wurde. Unter der magyarischen Bevölkerung wirkten in diesem Sinne Gaspar Heltai (Caspar Helth; aus dem Ort Heltau) und Ferenc David (Hertel) , beides Siebenbürgener Sachsen,
die im Magyarentum aufgegangen waren. Nach mehreren Zwischenstufen übernah-
men die Sachsen schließlich im Jahre 1572 in aller Form die Confessio Augustana, und sie verblieben damit bis auf den heutigen Tag fest auf dem Boden des Luthertums. Überwog zu Lebzeiten Luthers die Anlehnung an seine Lehre, so blieb später die konfessionelle Entwicklung noch lange in Bewegung; man hielt unbekümmert nach neuen religiösen Ideen Ausschau.
Es schob sich zusehends die Schweizer Richtung, der Kalvinismus, in den Vorder- grund. In Siebenbürgen wurde das geistig stets unruhige Klausenburg zum Ausgangs- punkt dieser neuen Bewegung der Reformierten. Die Sachsen blieben Lutheraner, die magyarische Bevölkerung ging in ihrer überwiegenden Mehrheit zum Kalvinismus über, der offen als magyarische Religion (magyar vallas) verkündet wurde.
Auf Kosten des Kalvinismus gewannen die Unitarier (Anti-Trinitarier, Arianer)
immer mehr an Boden. Der am Fürstenhofe wirkende piemontesische Arzt Giorgio Blandrata, der über Polen nach Siebenbürgen gekommen war, und eine Reihe ande-
rer Männer verhalfen dieser Sekte zum Durchbruch. Ihre zentrale Figur wurde dann
der schon genannte Ferenz David, ein tatkräftiger, schnell begeisterter und auch
andere schnell begeisternder Mann, ein unruhiger Geist, der in immer radikalere Bah- nen abglitt.
Das Auftreten verschiedener Konfessionen, weswegen Siebenbürgen mit leichter Über- treibung, aber doch auch mit einer gewissen Berechtigung, vom Religionswissenschaftler Lecler ein „Babel der Religionen“ genannt worden ist, läßt sich erweitern durch die Sekte der Sabbatharier, und vor allem durch den zahlenmäßig großen Bevölkerungsteil der orthodoxen Rumänien.
Bevor allerdings die recht heftig ausgefochtenen Streitigkeiten der Theologen und sich abzeichnende Machtkämpfe ihrer weltlichen Anhänger ein verhängnisvolles Ausmaß erreichten, setzte eine für Siebenbürgen typische Entwicklung ein, nämlich die recht- liche Fundierung einer freien Entfaltung der Religionen. Um das Endergebnis vor- wegzunehmen: Am Abschluß dieser in Stufen erfolgten Entwicklung (1571) gab es in Siebenbürgen vier freie, d. h. von Staats wegen anerkannte Religionsgemeinschaften: Katholiken, Lutheraner, Reformierte (Calviner) und Unitarier. Die rumänischen Orthodoxen wurden zwar nicht anerkannt, aber doch geduldet.
Nicht auf den Disputationen der Theologen, die im allgemeinen ergebnislos verliefen und die nur zur Verhärtung der Gegensätze führten, wurden die für die Kirchenpoli- tik entscheidenden Auseinandersetzungen ausgetragen. Sie fielen vielmehr auf der Ständeversammlung, dem Landtag.
Die nun vollendete Religionsfreiheit für die vier „rezipierten Religionen“ wurde spä- ter mehrmals von den Fürsten bestätigt; sie ging in die Gesetzessammlung des Landes ein (Approbatae Constitutione Regni Transylvaniae et partium Hungariae eidem annexarum), die Georg II. Rakoczi in der Mitte des 17. Jahrhunderts in Auftrag ge- geben hatte.

Aus der Schilderung des konfessionellen Panoramas ergibt sich die Frage, wie sich diese Verschiedenheit auswirken konnte, ohne daß der ohnehin schon durch das Neben- einander mehrerer Völker belastete Staat auseinanderbrach.

Ursachen für den friedlichen Ausgleich

Die Ursache liegt, wie schon erwähnt, in erster Linie an der eigenartigen Sondersituation des Landes.
Siebenbürgen hatte schon unter den ungarischen Königen ein bemerkenswertes Eigen- leben entwickelt. Die Gründe lagen in der geographischen Gestaltung des Landes, das sich durch seinen bergigen Charakter nicht nur nach außen hin abhob, sondern auch in seinem Innern zur Individualisierung neigte. Noch weit mehr wurde diese Sonderent- wicklung durch Herkunft und Stellung seiner Bewohner bestimmt. Das Land wurde politisch und geistig von den drei nationes geprägt: den nobiles, d. h. dem magyari- schen Komitatsadel, der auf dem Adelsboden saß; dem autonomen magyarischen Stamm der Szekler mit seinem Adel an der Spitze; und den ebenfalls autonomen „Sachsen“, die nicht wegen ihrer Zahl, sondern wegen ihrer wirtschaftlichen Macht sowie wegen ihrer befestigten Burgen und Städte eine starke Stütze Siebenbürgens dar- stellten. Nationes ist dabei nicht nur im ethnischen Sinn, sondern auch als Stände zu verstehen. Diese Stände, vertreten durch den Landtag, gewannen großen Einfluß auf

die politischen Geschicke. – Eine weitere Bevölkerungsgruppe, die Rumänen, blieb ohne politische Rechte.

Die auffällige Bereitschaft zur konfessionellen Eintracht ist als eine unmittelbare Fortsetzung der von den drei nationes geschaffenen Staatsordnung zu verstehen. Bereits im Jahre 1437 hatten sich die oben schon erwähnten nationes der Magyaren, der Sachsen und der Szekler frei und ungezwungen zu einer unio zusammengefunden, einer Art Schutz- und Trutzbündnis, das bis herauf zum Jahre 1792 mehrmals erneuert wurde, und das die Grundlage des siebenbürgischen Staates darstellte. Man geht in der Annahme nicht fehl, daß die im Verlauf des Zusammenlebens der drei Nationen entwickelten und erprobten Formen des gegenseitigen Verständnisses ein günstiges Klima für die Einschränkung der konfessionellen Gegensätze schufen. Die Landstände entwickelten ein untrügliches Gefühl dafür, bis zu welchem Ausmaß Spannungen wachsen durften, ohne die Existenz des Landes zu gefährden. Die bedrohliche außenpolitische Lage Siebenbürgens im Vorfeld der osmanischen Expansion trug ein übriges dazu bei.

Diese für das 16. Jahrhundert in Europa ungewöhnliche Regelung der causa religionis läßt sich in ihrer Entstehung auch aus einem anderen Grund leichter verstehen, wenn man berücksichtigt, daß die Landstände ja eigentlich nur die schon eingetretenen und nicht mehr abzuändernden Zustände nachträglich billigten sowie gesetzlich sanktio- nierten. Die Anhänger der einzelnen Glaubensrichtungen hatten jeweils so feste Posi- tionen erreicht, daß sie ihre Ziele auch im Landtag mit genügendem Nachdruck vertreten konnten. Daß die rumänische Orthodoxie nicht rezipiert wurde, hängt ausschließlich damit zusammen, daß die Rumänen nicht organisiert und im Landtag nicht vertreten waren und so ihre Position nicht machtvoll vertreten konnten wie die etablierten Stände. Das besondere Verdienst der Stände-Vertreter bestand darin, diese

Entwicklung rechtzeitig zur Kenntnis zu nehmen und sich aus politischer Klugheit her- aus den Tatsachen anzubequemen.
Letzten Endes war es ja überhaupt auf die ständische Verfassung Siebenbürgens zurück- zuführen, daß die Reformationszeit hier anders verlaufen war als in Mittel- und Westeuropa. Nur dem politischen Gewicht der Stände war es zuzuschreiben, daß die protestantisch gewordene Landtags-Mehrheit gegen den Willen des zunächst katho- lisch gebliebenen Fürstenhauses der Reformation zum vollen Durchbruch verholfen hatte. Und nur durch das Zusammenspiel mit den Vertretern der jeweiligen Konfes- sionen im Landtag konnte andererseits der neue Herrscher Johann Sigismund

den Konfessionen zur rechtlichen Anerkennung verhelfen.

Ethnisches Zusammenleben

Siebenbürgen war von Anfang an eine eigenartige ethnisch gemischte Siedlungsregion. Mit der Landnahme durch die inzwischen christianisierten Magyaren ab dem 11. Jahrhundert etablierten sich allmählich hauptsächlich 4 ethnische Gruppen, die in mehr oder weniger friedlicher Koexistenz bis in die Neuzeit miteinander auskommen mußten. Es waren dies die Magyaren selbst, die ungarische Subethnie der Szekler, die Sachsen genannten hospites auf dem sogenannten Königsboden und die Rumänen (bis in die Neuzeit hinein wurden sie Walachen genannt). Kumanische, petschenegische und andere Restgruppen wurden frühzeitig absorbiert. Die Sachsen und Szekler siedelten überwiegend in ihrer jeweiligen Entität und erfreuten sich einer sehr weitgehenden Autonomie. Die Ungarn lebten verstreut auf Adelsboden im ganzen Land. Die Walachen siedelten entweder ebenfalls auf Adelsboden oder in ethnisch geschlossenen Distrikten, die zum Teil Lehen der walachischen Fürsten waren. Über die jeweiligen Kopfstärken geben die Quellen keine genauen Auskünfte, man kann jedoch davon ausgehen, daß die Rumänen zu Beginn des 18. Jahrhundert bereits die Mehrheit der Bevölkerung ausmachten. Der ungarische Adel, die Szekler und die Sachsen formierten sich in zähem Ringen in einer paritätisch zusammengesetzten Ständeversammlung, dem Landtag, der vor allem in der Zeit des selbstständigen Fürstentums Siebenbürgen die Geschicke des Landes maßgeblich bestimmte. Den Rumänen war es nicht gelungen, einen eigenen Stand zu entwickeln und sie blieben daher bis in die Neuzeit rechtlos. Trotz des engen Zusammenlebens der Ethnien ist es zu ethnisch bedingten Auseinandersetzungen kaum gekommen. Überlieferte Konflikte und Auseinandersetzungen war meist rechtlicher Natur (Streit um Gemarkungsgrenzen, Abgabenregelungen u.ä.). Die großen ethnischen bzw. nationalen Auseinandersetzungen kamen erst mit dem allmählichen Zerfall der Ständegesellschaft und dem modernen Nationalstaatsgedanken auf und wurden infolge des aggressiven ungarischen Nationalismus in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts und zu Beginn des 20. Jahrhunderts in aller Härte ausgetragen. Dennoch hat im alltäglichen Zusammenleben ein friedlicher, von gegenseitigem Respekt gekenntzeichneter modus vivendi bis in den neuen Staatsverband Rumänien hinein überlebt, der sich von ähnlichen ethnischen Mischgebieten Südosteuropas positiv abhebt. Ein allerdings ungelöstes Problem stellen die auf schätzungsweise 2 – 2,5 Millionen angewachsenen Zigeuner dar, die von den traditionellen Ethnien als Fremdkörper wahrgenommen werden. Diese Form des Zusammenlebens hat ihre Wurzeln wohl ebensowenig in einer höheren Einsicht in Humanität und Toleranz modernen Zuschnitts wie die religiöse Duldsamkeit, sondern eher im ausgeprägten Pragmatismus dieser Völker und in ihrer kollektiven Erfahrung vergangener äußerst kriegerischer Zeiten, in denen man aufeinander angewiesen war.

Religionspolitik der Habsburger

Die traditionelle Politik der religiösen Duldung wurde in Frage gestellt, als nach 1691mit der Umwandlung Siebenbürgens in ein österreichisches Kronland eine aggressive Phase der Gegenreformation einsetzte. Sofort nach der Inbesitznahme Siebenbürgens betrieb die Wiener Obrigkeit mit äußerster Energie die vollständige Wiederherstellung und Ausbreitung der katholischen Kirche. Das Bistum in Karlsburg wurde wieder errichtet und sehr reich mit Stiftungen bedacht. Die evangelischen ständischen Behörden wurden unter dem Druck der Militärbesatzung gezwungen, Kirchen und Schulgebäude an die Katholiken abzutreten. Ein Austritt oder Wiederaustritt aus der katholischen Kirche wurde als Abfall bzw. Apostasie unter staatliche Strafe gestellt. Bei der Ämterbesetzung wurden Katholiken unter massiver Druckanwendung bevorzugt, was jedoch nur bei einem Teil des karrierebewußten ungarischen Adel zu dem erhofften Proselytentum führte. Die Masse der Bevölkerung blieb den reformatorischen Bekenntnissen treu. Daher behalf sich die Obrigkeit für die vielfältigen Verwaltungsaufgaben in großem Stil mit dem „Import“ katholischen Personals. Auf der anderen Seite entschloß sie sich aber auch, hartnäckige evangelische Christen aus ihren anderen Erbländern (Oberösterreich, dem Salzburgischen und Kärnten) unter zum Teil drastischen Umständen nach Siebenbürgen zu deportieren (die Kinder wurden zum Teil einbehalten und in katholische Obhut gegeben). Sie ließ es auch zu, daß sich eine größere Anzahl evangelischer Baden-Durlacher und Hanauer in sächsischen Ortschaften niederließen. Ich selbst habe auch oberösterreichische (Landler) und Durlacher Vorfahren.

Größere Erfolge hatte die Gegenreformation bei den orthodoxen Rumänen, die mittlerweile die Mehrheit der Bevölkerung ausmachten. Nach mehrfachen Verhandlungen kam es schließlich zu einer Einigung: Den unionswilligen orthodoxen Geistlichen wurde die Beibehaltung des orthodoxen Ritus zugestanden; diese wiederum machten dogmatische Zugeständnisse und verpflichteten sich zur Anerkennung des Papstes als Oberhaupt, zur Anerkennung der Austeilung des Abendmahles mit ungesäuertem Brot, der Anerkennung des Fegefeuers und zur Anerkennung des Glaubenssatzes, das der heilige Geist vom Vater und vom Sohne ausgeht. Die habsburgische Regierung erhoffte sich durch diesem Kompromiß die Ausweitung des katholischen Einflusses und die Rumänen erhofften sich eine Verbesserung ihrer unterpriviligierten Lage. In der Tat wurden den Unierten eine Reihe von materiellen und bildungspolitischen Vorteilen verschafft, die ihnen größere Entfaltungsmöglichkeiten eröffneten, als es ohne die Union der Fall gewesen wäre. Aus ihren Reihen ging dann auch die berühmte „Siebenbürgische Schule“ (scoala ardeleana) hervor und es entstand eine beachtliche rumänische Geisteselite, die im späteren rumänischen Emanzipationsprozess noch eine herausragende Rolle spielen sollte. Allerdings schlossen sich nur ein Teil der Rumänen der Union an, sodaß das Rumänentum fortan in zwei Konfessionen gespalten war: die traditionelle rumänische orthodoxe Kirche und die neue unierte bzw. griechisch-katolische Kirche. Die griechisch-katolische Kirche hat unterdessen ihre ehemals herausragende Position weitgehend eingebüßt. Sie wurde nämlich 1948 verboten, ihre Würdenträger wurden fast sämtliche verhaftet, die Gläubigen mußten unter Zwang zur orthodoxen Kirche konvertieren, der auch das gesamte Vermögen zufiel. Nach ihrer Wiederzulassung im Jahre 1990 fand nur ein Teil ihrer ehemaligen Mitglieder zu ihr zurück und die orthodoxe Kirche hintertreibt, wohl auch mit staatlicher Unterstützung, die Rückerstattung der Gotteshäuser und des ehemals beträchtlichen Vermögens der Unierten. Mit Ausnahme dieses Tatbestandes hat sich an dem ethnischen und religiösen Panorama in Siebenbürgen bis heute kaum etwas geändert.

Schlußbemerkung

Es wäre unrealistisch anzunehmen, daß es in Siebenbürgen überhaupt keine ethnischen und religiösen Spannungen gäbe. Sie halten sich jedoch verglichen mit benachbarten Regionen in erstaunlich engen Grenzen. Wenn überhaupt, dann kommt es nur zwischen der rumänischen Mehrheitsbevölkerung und der verhältnismäßig großen ungarischen Minderheit in den Mischgebieten oder an den Siedlungsgrenzen zu Reibereien, die in der Regel aber auf ideologische Propaganda zurückzuführen sind und im alltäglichen engeren Zusammenleben kaum eine Rolle spielen. Siebenbürgen ist in der Tat ein Landstrich, in dem durch eine eigentümliche Schicksalsgemeinschaft drei Völker (Rumänen, Ungarn und Sachsen) und sechs Konfessionen (Orthodoxe, Griechisch-katholische, Katholiken, Kalvinisten, Lutheraner und Unitarier), wenn auch mit temporären Unterbrechungen, einvernehmlich miteinander bis heute koexistert haben. Insofern kann man von einem „Modell“ des Miteinanders sprechen, das von einem ausgeprägten Pragmatismus im täglichen Zusammenleben der Menschen zeugt. Lediglich die Zigeuner, also die Ethnie der Roma, ist zum großen Teil ausgegrenzt, ein Umstand, der dem Land noch große Anstrengungen abverlangen wird, bis es zu einer Lösung kommt.

SIEBENBÜRGISCHE IDENTITÄTEN

Dieser Aufsatz geht auf einen Vortrag, den der Autor anlässlich der Deutschen Kulturtage in Schäßburg gehalten hat, zurück. Deshalb wurde auf Fußnoten verzichtet.

Einleitung

Siebenbürgische Identitäten im Wandel

Nach ihrer verheerenden Niederlage am Lechfeld im Jahre 955 und ihrer endgültigen Sesshaftwerdung erkannten die Magyaren, wie bereits der Staatsgründer Stephan der Heilige seinen Sohn Emmerich in einem „Libellus de institutione morum“, einer Art Fürstenspiegel, ermahnte -, dass einwandernde „Gäste verschiedene Sprachen und Sitten, verschiedene Lehren und Waffen mit sich bringen, die alle Reiche und den königlichen Hof schmücken und erhöhen, […] denn schwach und vergänglich ist ein Reich, in dem nur eine Sprache gesprochen wird und einerlei Recht gilt“.

Diese Grundsätze der Staatspolitik hat das mittelalterliche Ungarn hartnäckig verfolgt, und diese Politik hat dazu geführt, dass speziell in Siebenbürgen, das im ungarischen Staatsverband immer eine Sonderrolle spielte, eine interessante multiethnische Gesellschaft vorherrschte, die bis heute unübersehbar ist. Die im 12. Jahrhundert im Westen angeworbenen „hospites“ kamen zwar in eine dünn besiedelte Landschaft, aber durchaus nicht in ein „desertum“, also eine Einöde, wie mittelalterliche Quellen lange Zeit missverständlich interpretiert wurden, sondern sie fanden Vorsiedler verschiedenster Art vor, zu denen sie sich geschmeidig gesellten. Im Auftrag der Zentralmacht hatten die Szekler vor allem Südsiebenbürgen militärisch erschlossen und überliessen die befriedeten Gebiete den hospites, während sie selbst weiter nach Osten vorrückten. Sie waren bei ihren Operationen auf bereits konsolidierte wlachische, im späteren Sprachgebrauch rumänische, Siedlungszentren sowie auf petschenegische bzw. kumanische und andere Volksgruppen und -grüppchen gestoßen. Letztere sind schon früh in der Geschichte versunken, sei es, weil die Kooptierung ihrer Eliten in den ungarischen Adel sie führungslos machte, sei es, weil ihre Kopfstärke so gering war, dass sie auf Dauer nicht bestehen konnten. Nach der fortgeschrittenen friedlichen Ansiedlung der hospites, aus denen sich allmählich der Neustamm der Siebenbürger Sachsen formierte, stellte sich Siebenbürgen in vier ethnisch geprägten Entitäten dar: der ungarische Adelsboden, das Territorium der Szekler im Osten Siebenbürgens, das Siedlungsgebiet der Siebenbürger Sachsen und die wlachischen Siedlungsgebiete mit den Zentren der Fogarascher Senke, des Hatzeger Gebiets und des später Marginimea genannten bzw. Hamlescher Gebiets. Wlachische Siedlungen und Siedlungsgebiete hat es in unbekannter Dichte und unbekannter Gesellungsform auch im restlichen Siebenbürgen und in der Maramures gegeben. Diese vier Entitäten traten anfänglich auch in den landtagsähnlichen Zusammenkünften in Erscheinung und sind anfänglich auch gemeinsam in Kriegsaufgeboten dokumentarisch überliefert. Ab Mitte des 14. Jahrhundert tritt die natio valachorum, wie der damalige Sprachgebrauch war, nicht mehr in Erscheinung und war nicht mehr Bestandteil des national-ständischen Gefüges in Siebenbürgen. Fortan gab es nur noch die unio trium nationum: die Nation, also der Adel, die Sachsen und die Szekler. Die natio valachorum war fortan marginalisiert. Natürlich ist der mittelalterliche Begriff der Nation nicht mit dem modernen Nationalbegriff zu verwechseln. Der mittelalterliche Begriff benannte einen Rechtsverband und nicht in ersterLinie einen ethnischen Verband.
Der Identitätsbildung und -festigung dieser Entitäten sowie dem Wandel dieser Identitäten im Verlaufe der Zeit gilt es nun schlaglichtartig nachzugehen. Hierbei wird davon ausgegangen, dass zu einer Gruppenidentität ein starkes Gefühl der Zusammengehörigkeit und der kollektive Wille, diese Zusammengehörigkeit zu festigen, gehören. Weiterhin gehört die Überzeugung dazu, dass die Gruppenmitglieder in bestimmten Charakteristika wie Sprache, Religion, Wertvorstellungen, Sitten und Gebräuchen oder sonstigen Aspekten übereinstimmen. Eine Gruppenidentität ist aber nicht nur nach innen gerichtet. Sie ist nur von Belang, wenn sie in der Kontrastierung zu anderen kollektiven Identitäten wahrgenommen wird. Deshalb ist für sie eine geographische Lokalisierung, ein Raum also, wo es auch andere Gruppen mit eigener Identität gibt, für sie unabdingbar. Der hier zur Debatte stehende Raum ist natürlich Siebenbürgen.

Die Wlachen/Rumänen

Die Wlachen hatten sich nach ihrer Ethnogenese und der Absorption anderer ethnischer Elemente sehr früh geschlossen dem byzantinischen Ritus angeschlossen und galten daher im römisch-katholischen Königreich Ungarn von Anfang an als Schismatiker. Dies spielte allerdings anfänglich eine untergeordnete Rolle, wie ihre gleichberechtigte Teilnahme an den frühen landtagsähnlichen Zusammenkünften belegt. Ihre Marginalisierung setzte erst mit den radikal-katholischen Anjou-Königen im 14. Jahrhundert ein. Insbesondere die Adelsgesetzgebung Ludwigs des Großen vom Jahre 1351 bewirkte den Verlust der Gruppenautonomie der Wlachen. Diese postulierte nämlich, dass alle Adligen des Königreiches katholisch zu sein hatten. Der wlachische Adel, also die Führungselite, musste sich entscheiden, ob er dem byzantinischen Ritus treu blieb und riskierte, den Adelsstand zu verlieren, oder ob er zum Katholizismus konvertierte und im ungarischen Adel aufging. Ein Großteil des Adels entschloss sich zur Konversion und ging dem wlachischen Ethnikum als Führungskraft verloren. Prominentes Beispiel ist die Familie Hunyadi, die es in Person von Mathias Corvinus bis zum Inhaber des ungarischen Königsthrons brachte. Die Adligen, die sich der Konversion widersetzten, sanken in den rechtlosen Zustand ab, oder überquerten die Karpaten, wo sie dann bei der Formierung der beiden rumänischen Fürstentümer eine nicht unerhebliche Rolle spielten. Die Wlachen blieben also führungslos, rutschten so nach und nach in den Hörigenstand ab und schieden aus dem national-ständischen Gefüge Siebenbürgens aus. An der Orthodoxie hielten sie aber hartnäckig fest, und die Orthodoxie war für sie bis in die Neuzeit identitätsstiftend und ist es im Prinzip für die Rumänen auch heute noch. Als im 16. Jahrhundert nach heftigen Auseinandersetzungen der siebenbürgische Landtag (mittlerweile hatte sich das siebenbürgische Fürstentum unter türkischer Oberhoheit formiert) im Jahre 1568 die vier rezipierten Konfessionen etablierte, blieb die Orthodoxie außen vor und galt fortan lediglich als geduldet. Dieser Umstand ist vor allem dadurch zu erklären, dass es den orthodoxen Rumänen (die Bezeichnung „Wlachen“ war unterdessen nach und nach dem Begriff „Rumänen“ gewichen) durch den Verlust ihrer Führungselite an einer „Lobby“ mangelte, die im Landtag wie die übrigen Stände selbstbewusst hätte auftreten können. Die vier rezipierten Konfessionen zeichneten sich interessanterweise dadurch aus, dass sie in der Regel ethnisch gegliedert waren. Die Ungarn und die Szekler wandten sich, sofern sie nicht katholisch blieben oder später wieder katholisch wurden, dem Kalvinismus und dem Unitarismus zu, während die Sachsen die lutherische Konfession annahmen. Die Rumänen hielten an der Orthodoxie fest. Dieses Spektrum hat sich im Wesentlichen bis heute erhalten.
Es gab im späten Mittelalter nicht nur eine wlachische Migration nach jenseits der Karpaten sondern auch umgekehrt eine starke wlachische Immigration nach Siebenbürgen, was darauf hindeutet, dass die Lebensbedingung in den entstehenden Fürstentümern noch schwieriger waren als in Siebenbürgen. Zu Beginn des achtzehnten Jahrhunderts schwappte infolge der dortigen chaotischen Zustände aus der benachbarten Walachei eine neue Welle rumänischer Einwanderer nach Siebenbürgen. Dies hatte zur Folge, dass die Rumänen Ende des achtzehnten Jahrhunderts mit einem Anteil von knapp 60 Prozent an der Gesamtbevölkerung die größte Volksgruppe in Siebenbürgen stellten. Von einer politischen Mitwirkung in Siebenbürgen blieben sie aber nach wie vor ausgeschlossen. Eine Modifizierung ihrer Identität, die sich auf ihre Volkssprache, ihre besonderen Lebensformen und vor allem auf ihr Bekenntnis gründete, erfolgte mit dem Auftreten der sogenannten Siebenbürgischen Schule (scoala ardeleana) deren Bedeutung für die bis in die Gegenwart wirkende Konturierung der rumänischen Identität nicht hoch genug eingeschätzt werden kann. Sie war aus der auf österreichisches Betreiben entstandenen griechisch-katholischen Kirche hervorgegangen und erwuchs rasch zum geistigen und emanzipatorischen Zentrum der siebenbürgischen Rumänen. So wurde in ihren Klöstern nicht nur die erste Generation einer rumänischen Intelligenz in Siebenbürgen herangezogen, sondern infolge der ausländischen Studienaufenthalte des griechisch-unierten Klerus machten sich die Rumänen auch mit den zeitgenössischen Geistesströmungen Westeuropas (Aufklärung) vertraut. Unter den namhaftesten Vertretern der neuen griechisch-katholischen Intelligenz befand sich die „Trias von Siebenbürgen“ (Samuil Micu-Klein, Petru Maior und Gheorghe Şincai). Zu den größten Verdiensten der „Trias“ gehören unter anderem die Durchsetzung des lateinischen Alphabets (gegenüber dem bis dahin gängigen kyrillischen Alphabet), die Erhebung des Rumänischen zur Schriftsprache und die wissenschaftliche Aufbereitung der Theorie von der dakisch-römischen Kontinuität. All dieses wurde mit Begeisterung auch jenseits der Karpaten übernommen und bewirkte dort die gleiche „neue“ Identitätsstiftung. Mitglieder des griechisch-katholischen Klerus waren auch federführend bei der Abfassung eines Memorandums (Supplex Libellus Valachorum), das im Jahr 1791 Kaiser Leopold II. unterbreitet wurde. Darin wird Leopold II. aufgefordert, die Siebenbürger Rumänen aus ihrer benachteiligten sozialen Stellung zu befreien und in den Rang einer „ständischen Nation“ – gleichberechtigt mit den Ungarn, Szeklern und Sachsen – zu erheben. Das Memorandum blieb jedoch in Wien ohne Reaktion, worauf die Rumänen ein Jahr später (1792) einen neuerlichen Versuch unternahmen, allerdings wieder vergeblich. Während der ungarischen Revolutionswirren im Jahre 1848 griffen die siebenbürgischen Rumänen erstmals auch militärisch und propagandistisch auf der Seite des Kaisers aktiv ein. Nebenbei ist erwähnenswert, dass dabei auch die heutige rumänische Nationalhymne „desteapta te romane!“ (Rumäne erwache!) als Hymne der siebenbürgischen Rumänen entstand. Ein Zusammenschluss mit den Donaufürstentümern stand für sie damals nicht zur Debatte. Dennoch gehörten die Rumänen zu den Verlierern des Bürgerkriegs, denn es wurde ihnen keine territoriale Autonomie zugestanden, wie sie es erhofft hatten. Gleichwohl brachten die darauf folgenden Jahre zumal für die Rumänen einschneidende Neuerungen mit sich. Mit der Abschaffung der Leibeigenschaft 1854 erlangten nahezu 174.000 rumänische Bauernfamilien nicht nur die Freiheit. Vielmehr wurden sie auch infolge der Entschädigungen zu unabhängigen Landbesitzern. Außerdem wurde den zwei rumänischen Kirchen, der griechisch-orthodoxen und der griechisch-katholischen, endlich die Autonomie zuerkannt. Mit dem Entstehen Großrumäniens nach dem 1. Weltkrieg war der gesamtrumänische Identitätsbildungsprozess auf der Basis der Lehren der siebenbürgischen Schule abgeschlossen. Die gewaltigen Bevölkerungsumschichtungen vor allem in der kommunistischen Zeit verschoben Regionalidentitäten außerordentlich stark. Ein regionales siebenbürgisch-rumänisches Sonderbewusstsein verblasste zwar dadurch, blieb aber in Resten noch erhalten und ist auch heute noch in bestimmten traditionellen siebenbürgisch- rumänischen Siedlungskernen zu erkennen, was in bestimmten Bukarester Kreisen nicht selten zu Misstrauen Anlass gibt. Eine Wiederbelebung könnte ein regionales Sonderbewusstsein erfahren, wenn es gelingen sollte, die längst fällige Regionalisierung Rumäniens ins Werk zu setzen.

Die Szekler

Die Szekler, die bekanntermaßen einen Stand in der Unio Trium Nationum, der Union der drei Nationen, repräsentierten, haben im Verlauf der Geschichte einen fundamentalen Identitätswechsel vollzogen. Es ist hier nicht der Ort, ihre ethnische Herkunft zu reflektieren, zumal sich die Forschung bis heute nicht einig ist. Fest steht, dass sie sich, zumindest seit es greifbare Quellen gibt, eines magyarischen Idioms bedienten. Obwohl die Mitglieder der funktionierenden mittelalterlichen ständischen Gesellschaften ethnischen Unterschieden wenig Bedeutung zuschrieben und für sie die ständisch-gesellschaftliche Gliederung und die aufgrund dieser Gliederung entstandenen Interessenverbände bestimmend waren, gab es durchaus auch ethnische Konnotationen. Es darf nicht übersehen werden, dass neben der ständischen Partikularität die spezifischen physisch-geographischen Gegebenheiten des von den Szeklern bewohnten Territoriums einen bedeutenden Pfeiler der Szekler Identität bildeten. Der stabile und hartnäckig gewahrte ständische Status bzw. die markanten landschaftlichen Merkmale führten dazu, dass wiederholt der Terminus „Szekler Volk“ verwendet wurde. Dazu hat auch beigetragen, dass sich unter den führenden ständischen Nationen Siebenbürgens, den Mitgliedern der unio trium nationum, die „Sächsische Nation“ durch Sprache, Herkunft und Kultur von der ungarischen und selbstverständlich auch von der szeklerischen ebenfalls unterschied. Es ergab sich also die logische Folgerung, dass alle drei „Nationen“ auch über spezifische ethnische Merkmale verfügten.

Der im Mittelalter ausgebildete solide Boden der szeklerischen ständischen Identität wurde ab dem 16. Jahrhundert immer unsicherer. Verursacht wurde dies durch die geopolitischen Veränderungen und durch die Veränderung der Kriegsführung. Der Wehrdienst, den die Szekler als Dienst für ihre ständischen Privilegien leisteten, hatte nicht mehr das alte Gewicht, und die Führung des Landes begann bereits in der Zeit des Fürstentums, die allmählich ohne Gegenleistung gebliebenen Privilegien einzuschränken. All dieses fügte jedoch dem ständischen Bewusstsein der Szekler keinen Schaden zu. Sie traten

weiterhin als ständische Nation auf, forderten hartnäckig die vollständige Wiederherstellung ihrer Freiheiten, und bis Mitte des 19. Jahrhunderts änderte sich diese Grundeinstellung kaum. Dies bedeutet aber nicht, dass sich die regionale Identität des Szeklertums überhaupt nicht verändert hätte. Bereits seit Mitte des 18. Jahrhunderts gibt es Anzeichen dafür, dass die auf ihre ständische Partikularität empfindlich stolzen Szekler auch ein ungarisches Bewusstsein zu entwickeln begannen. Zweifellos spielte das Sprachedikt Josephs II., also die Einführung des Deutschen als Amtssprache in der gesamten Monarchie, bei der Entstehung des ungarischen nationalen Gedankens und beim gemeinsamen Auftreten der Ungarischsprachigen eine bedeutende Rolle. Auch die kaiserliche Verwaltungsreform, die die ständischen Autonomien abgeschafft hatte, ließ den Komitatsadel und die Szekler zusammenrücken. Die spätere Zurücknahme dieser Verwaltungsreform änderte an diesem Vorgang nichts, und es entwickelte sich zunehmend eine gesamtungarischsprachige Solidarität. Dieses Phänomen hatte zur Folge, dass in den nachjosephinischen Zeiten immer mehr Äußerungen zu vernehmen waren, die die Verpflichtung zur Schicksalsgemeinschaft mit der sich entwickelnden bürgerlichen ungarischen Nation bestätigten: so vor allem die Unterstützung der Idee der Union mit Ungarn, die immer häufigere Verwendung des Begriffs „Nation“ im bürgerlichen und nicht mehr im ständischen Sinne sowie die prioritäre Behandlung der Angelegenheit der ungarischen Sprache. Die Szekler waren also auf dem Weg, eine doppelte Identität für sich zu konstruieren: Im modernen, bürgerlichen Sinn bekannten sie sich als Angehörige der ungarischen Nation, sprachen aber weiterhin über die Szekler Nation als privilegierte ständische Nation. Wenn sie das nicht getan hätten, dann hätten sie auf die gründlich abgenutzten und verstümmelten, aber in bestimmten Bereichen des öffentlichen Lebens immer noch beanspruchten alten Freiheiten verzichtet, was für sie zu dem Zeitpunkt noch nicht in Frage kam. Dadurch verflocht sich die ständische und nationale Rhetorik. Am deutlichsten hat dies Sandor Körösi Csoma im Jahre 1825 zum Ausdruck gebracht, indem er sagte, er sei „der Sohn der szeklerischen Nation“, die „Teil der ungarischen Nation ist“. Allerdings verzichtete die Szekler Nation formell auf ihren privilegierten Status, indem sie in der Sitzung von Agyafalva (rum. Lutita) 1848 beschloss: „…..rechtlich und hinsichtlich ihrer Pflichten sind alle Bürger des Szeklerlandes gleich“. Damit hörte die ständische Szekler Nation auf zu existieren. Ungeachtet dessen haben die Szekler ihren Freiheitsmythos bis zum heutigen Tage weitertransportiert und wachgehalten. Ihre hartnäckige Forderung nach einer Autonomie des Szeklerlandes (Szekelyföld, tinutul secuiesc) im zentralistischen Staat Rumänien ist ein beredter Beleg dafür.

Die Siebenbürger Sachsen

Auch die Siebenbürger Sachsen haben im Verlauf ihrer nun bald 900-jährigen Geschichte mehrfach ihre Identität modifiziert. Heute gibt es hinsichtlich ihrer Benennung eine verblüffende Konfusion. Sie selbst nennen sich Siebenbürger Sachsen, und wenn sie unter sich sind, Sachsen. In Deutschland werden Sie Deutschrumänen oder Rumäniendeutsche genannt. In der offiziellen Sprachregelung werden sie „Deutsche rumänischer Nationalität“ genannt, wie der Außenmister Steinmeier anlässlich der Jubiläumsfeier des DFDR am 09. März 2015 ausdrücklich betonte. In Rumänien werden sie „rumänische Staatsbürger deutscher Nationalität“ genannt. Also, was sind die Siebenbürger Sachsen nun?

In den ersten uns überlieferten Quellen werden die Siedler mit dem Sammelbegriff hospites, dann flandrenses, teutonici, teutones, latini und erst später saxones benannt. Diese Mehrfachbenennung deutet darauf hin, dass es sich keineswegs um eine einheitliche Siedlergruppe gehandelt hat, und in der Tat hat es mehrere Generationen gedauert, bis sich der Neustamm der Siebenbürger Sachsen formiert hat. Bei der Übertragung des Namens Saxones, der wohl zunächst ein terminus technicus für privilegierte Siedlergruppen war, auf den sich bildenden Neustamm gewann er ethnischen Charakter, und es war zunehmend die Rede von der natio saxonica oder gar der gens saxonica. Dies waren zunächst aber Bezeichnungen von außen. Dass die Siedlergemeinschaft den Begriff Saxones für sich selbst auch in Anspruch zu nehmen begannen, erfahren wir relativ spät, nämlich im ausgehenden 14. und in der ersten Hälfte des 15. Jahrhundert. In mehreren Quellen ist jedoch vorher schon von ihrer Muttersprache, der lingua materna, die Rede. Ein interessantes Detail bei der sächsischen Identitätsfindung waren ihnen von außen zuerkannte Eigenschaften, nämlich circumspecti et prudenties (umsichtig und klug), also Eigenschaften, die mit ihnen gleichgesetzt wurden. Ab da wird dieses Ausdruckspaar auch innerhalb der Siedlergemeinschaft einen nationalen Stellenwert bewahren und geradezu identitätsstiftend werden. Ihr Nationalgefühl war ab Mitte des 15. Jahrhunderts sächsisch geprägt, d. h. man betrachtete sich als Saxones, deren nationale Bedeutung vor allem in der privilegierten Gemeinschaft auf eigenem Königsboden bestand, wobei der Nationalbegriff in erster Linie territorial-ständisch aufgefasst wurde. Das 16. Jahrhundert fügte dann dem

Bewusstsein der Siebenbürger Sachsen noch andere Bestandteile hinzu, wie etwa die deutsche Abstammung und Sprache, eigene Sitten und eigene kulturelle Leistungen. Vorher schon war ein Bewusstsein der Zugehörigkeit zum deutschen Sprachraum und Kulturkreis entstanden, vermittelt durch die rege Handelstätigkeit, die Wandergesellen und die Vielzahl siebenbürgisch-sächsischer Studierender an deutschen Universitäten. Jetzt aber intensivierte sich dieses Bewusstsein und die Sachsen begannen, sich immer mehr als Deutsche zu empfinden, ein Prozess, dem die Reformation auf der Wittenberger Basis einen weiteren Schub in Richtung Deutschtum verlieh. In den Selbstbezeichnungen wurden Sachse – Deutscher und sächsisch – deutsch zu Synonymen. So konnte es auch nicht ausbleiben, dass die Mehrheit der Sachsen sich im Bürgerkrieg nach dem Untergang des ungarischen Königreiches im Jahre 1526 auf die Seite der „deutschen“ Partei stellte
(Kronstadt bildete ein Ausnahme) und auch in späteren immer wieder aufflammenden Auseinandersetzungen auf den vermeintlich deutschen Kaiser setzte. Diese Haltung wurde von den beiden anderen Ständen als Ausbruchsversuch aus dem siebenbürgischen Verband oder gar als Landesverrat gewertet und führte zu heftigen Kontroversen im Landtag. Das Desinteresse der Kaiser an den sächsischen Belangen und die Konfrontation mit der zügellosen kaiserlichen Soldateska in der Folgezeit führte zum radikalen Umschwenken der Sachsen bezüglich ihres Bewusstseins. Bereits in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts rückte das Deutschbewusstsein in den Hintergrund und man besann sich auf die genuinsächsische Identität. Treibende Kraft hierbei war Kronstadt. Das 18. Jahrhundert, als Siebenbürgen bereits habsburgisch war, war geprägt von einer unmissverständlichen Aufwertung der sächsischen Selbstbezeichnung, so dass es als das Zeitalter des genuinsächsischen Nationalgefühls bezeichnet werden kann. Allerdings traf dies nur auf die Nationsuniversität, also den Privilegienverband zu. Die hörigen Sachsen auf Komitatsboden gehörten nur zweitrangig dazu und zwar über ihre Zugehörigkeit zur evangelischen Kirche. Umso größer war der Schock, als Joseph II. die Stände auflöste. Die Sachsen empfanden dies als einen Fall ins Nichts. Auch wenn Joseph dieses Edikt auf seinem Totenbett wieder zurücknahm, so hat sich die Nationsuniversität davon nie mehr erholt. Es setzte eine Schockstarre und Resignation ein. Friedrich Teutsch hat diese Periode „die stille Zeit“ genannt.
Das 19. Jahrhundert brachte für das siebenbuügisch-sächsische Bewusstsein einen radikalenParadigmenwechsel mit sich. Noch während der „stillen Jahre“ begann die Wirtschaft infolge der langen Friedenszeit zu prosperieren. Es einstanden Manufakturen und Handelshäuser und es entwickelte sich ein wohlhabendes Wirtschafts- und ein selbstbewusstes Bildungsbürgertum. Vereinsgründungen jeglicher Art waren die Folge. Der wichtigste Verein war der „Verein für Siebenbürgische Landeskunde“. Seine Gründung war ein nationales Großereignis und er verstand sich als volkserzieherische Agentur. Er war der Humus für den beeindruckenden Höhenflug der siebenbürgisch-sächsischen Forschung, die auch in Deutschland hoch geschätzt wurde. In seinem Gefolge entstanden Gewerbevereine und zur Hebung des Bauernstandes ein Landwirtschaftsverein und eine Vielzahl von Raiffeisenvereinen, später auch Ackerbauschulen, die Hermannstätdter Sparkasse und die Bodenkreditanstalt. Auch das Geistesleben blühte wieder auf. Johann Gött gründete das „Siebenbürger Wochenblatt“ und weitere Periodika, die der Beginn einer soliden und wirkungsmächtigen Publizistik in Siebenbürgen waren. Publizisten, Dichter, Historiker und Politiker trugen in bedeutendem Maße zur Wiederbelebung des deutsch-sächsischen Bewusstsein bei. Die volkspolitischen Debatten fanden ab nun aber außerhalb der wirkungslahm gewordenen Nationionsuniversität, die sich auf verwaltungstechnische Gebiete zurückzog, statt. Ihre letzte große Tat war die zusammen mit der Kirche im Jahre 1844 gegründete Rechtsakademie mit Universitätscharakter, die jedoch schon 1887 ihre Tätigkeit wieder einstellen musste. Der nationale Aufbruch in den deutschen Ländern im Zusammenhang mit den Befreiungskriegen und das darauf gründende Einigungsbestreben in Deutschland schlug das siebenbürgisch-sächsische Bildungsbürgertum und vor allem die akademische Jugend ebenso in seinen Bann, wie das glänzende deutsche Literaturschaffen der damaligen Zeit. Schiller wurde geradezu zum Heros hochstilisiert. Kulturell fühlte man sich eins mit der deutschen Kulturnation, zu der damals selbstverständlich auch das schweizerische und das österreichische Kulturschaffen gehörten. Bischof G. P. Binder verordnete daher nicht zufällig am 09.12.1848 das Hochdeutsche zur Pflichtsprache in Kirche und Schule. Dies hatte jedoch zur Folge, dass das Siebenbürgisch-Sächsische endgültig zur Mundart herabsank. Der begeisterten und begeisternden Hinwendung zur deutsche Kulturnation wurde allerdings eine Grenze gesetzt, wie der bedeutende Publizist Franz Gebbel im Jahre 1868 im „Siebenbürgisch-Deutschen Wochenblatt“ formulierte: „Deutschland, wunderbares Wort! Deutschland, Mutter unserer Väter, Mutter unserer Sprache, unseres Glaubens, unserer Bildung (….) Heimatland unseres Geistes, Deutschland – unser bürgerliches Heimatland bist Du nicht und wirst es niemals werden! Eine andere Heimat hat uns Gott gegeben, ihr zu leben, sie zu lieben und für sie zu sterben (….).“ Dieses Credo behielt seinen Bestand auch nach der Inkorporierung Siebenbürgens in den großrumänischen Staat nach dem 1. Weltkrieg. Daran hat die kurze aber dramatische Phase der nationalsozialistischen Umgestaltung und das Bestehen der Volksgruppenführung auf den gesamtdeutschen Gedanken im Prinzip auch nichts ändern können. Allerdings haben die Sachsen später schwer unter dieser Verirrung sehr stark leiden müssen. Wenn in der Vergangenheit die sächsische Nation im ständischen Sinne des Königsbodens verstanden wurde, so sprach man jetzt nur noch vom „sächsischen Volk“ und bezog die Sachsen auf dem Komitatsboden selbstverständlich mit ein, zumal sie nach der Revolution von 1848/49 der Hörigkeit entledigt worden waren. Mit der endgültigen Auflösung der Nationsuniversität im Jahre 1876 trat die Kirche in diese hinterlassene Lücke und wurde zum Interessenvertreter des sächsischen Volkes. Sie hat unter Führung von Bischof Georg Daniel Teutsch diese Aufgabe kraftvoll angenommen und wurde zu der, wie wir gewöhnt sind zu sagen, sächsischen Volkskirche. Die Zugehörigkeit zu ihr wurde für die Sachsen geradezu identitätsstiftend und die Kirche wurde zu ihrem hauptsächlichen Kristallisationspunkt. Auch daran konnte die kirchenfeindliche nationalsozialistische Phase nichts ändern, denn, wie jemand einmal formulierte: „Die Sachsen sind der Volksgruppenführung nur mit einem Bein nachgelaufen. Das andere Bein blieb fest unter der Kanzel einbetoniert.“ Ich komme nun zum Ausblick und beschränke mich dabei auf die Siebenbürger Sachsen.

Ausblick

Wie wir alle zur Kenntnis nehmen mussten, hat ein überwältigend großer Teil des sächsischen Volkes aus einem Knäuel von Gründen, die hier nicht zur Debatte stehen, die entscheidende Passage von Gebbels Feststellung: „Deutschland – unser bürgerliches Heimatland bist Du nicht und wirst es niemals werden! Eine andere Heimat hat uns Gott gegeben, ihr zu leben, sie zu lieben und für sie zu sterben“ für sich außer Kraft gesetzt und hat vor allem Deutschland durch die Auswanderung dorthin auch zum „bürgerlichen Vaterland“ gemacht. Ob die dortige sächsische Gemeinschaft nach dem Ableben der Erlebensgeneration ihre sächsische Identität wird bewahren können, oder ob sie zu einem Traditions- und Folkloreverband mutieren wird, soll hier ebenfalls nicht erörtert werden. Fest steht, dass die im DFDR organisierten in Rumänien verbliebenen Sachsen sich der Gebbelschen Sicht der Dinge nach wie vor verpflichtet fühlen. Das belegt ihr außerordentlich starkes und punktuell erfolgreiches kommunalpolitisches Engagement sowie die Tatsache, dass einer von ihnen es in seinem Dienst am „rumänischen Vaterland“ sogar zum Staatspräsidenten gebracht hat. Ungeachtet dessen fühlen sie sich selbstverständlich nach wie vor der deutschen Kulturnation zugehörig, was keines besonderen Beleges bedarf. Zu einer lebensfähigen ethnischen Gemeinschaft gehören, wie schon dargelegt wurde, klar erkennbare Konturen in Sitten, Gebräuchen, ethischen Normen und vor allem eine selbstbewusste Identität und ein Zusammengehörigkeitsgefühl. Darüber hinaus zeichnet sich eine vitale Gemeinschaft dadurch aus, dass sie regional fest verwurzelt ist und aus allen Generationen besteht, also aus Jung und Alt, sowie insbesondere eine leistungsstarke mittlere Generation aufweist. Das Zusammengehörigkeitsgefühl war bei den Sachsen immer sehr stark, und um es zu festigen, haben sie Gesellungsformen geschaffen, die über Jahrhunderte Bestand hatten und auch von außen mit bewunderndem Staunen betrachtet wurden: die Nachbarschaften, Bruderschaften, Schwesterschaften, später die Vereine, Kränzchen u.v.a.m. In welcher Verfassung befindet sich nun die sächsische Gemeinschaft heute? Bedauerlicherweise ist festzustellen, dass sie auf einen Bruchteil ihrer ehemaligen Kopfstärke geschrumpft ist und ein sehr hohes Durchschnittsalter aufweist, das von Jahr zu Jahr steigt. Die deutschen Schulen existieren zwar noch, werden aber mangels eigenem Nachwuchs überwiegend von andersnationalen Kindern besucht. Auch die Jugendforen setzen sich überwiegend aus nichtsächsischen Jugendlichen zusammen. Hinzu kommt noch, dass infolge der veränderten demographischen Situation gemischtnationale Eheschließungen geradezu zur Norm geworden sind. Der Nachwuchs aus diesen Familien wird seine Identität neu definieren müssen. Dieses Phänomen hat zudem zur Folge, dass die Gottesdienste der ev. Kirche zunehmend zweisprachig abgehalten werden müssen, da angeheiratete nichtsächsische Ehepartner, gelegentlich auch deren Kinder, zwar evangelisch sind, aber die traditionelle Gottesdienstsprache, nämlich das Deutsche, nicht beherrschen. Auch bezüglich der Gesellungsformen hat infolge der Globalisierung, der hohen Mobilität sowie des Siegeszugs der modernen Kommunikationstechnik ein radikaler Paradigmenwechsel stattgefunden. Große Teile der jüngeren und mittleren Generation kommunizieren per E-Mail und SMS miteinander, unterhalten sich in Chat-Rooms oder in den sozialen Netzwerken. Traditionelle Formen der Gesellung werden zur Ausnahme. Der Soziologe Ullrich Beck konstatiert eine rasante Enttraditionalisierung der Gesellschaft mit verheerenden Folgen für das gerade in Deutschland bisher stets hochgehaltene Vereinsleben. Es fehlt allenthalben an aktivem Nachwuchs. Der ehemalige Ratspräsident der EKD Huber sprach kürzlich hinsichtlich des kirchlichen Bereichs von einem signifikanten Traditionsabbruch, was natürlich das Gemeindeleben vor große Herausforderungen stellt. Vereinzelung der Menschen, diffuse Orientierungslosigkeit, Unverbindlichkeit, Beliebigkeit, Wertevakuum, Unverlässlichkeit, Gefühl der Heimatlosigkeit sind Schlagworte, die immer häufiger in der soziologischen Literatur diskutiert werden. Schon längst ist die Rede von der permissiven Gesellschaft. Sollten diese Erscheinungen, sofern sie zutreffen, angesichts der Globalisierung und der völlig offenen Grenzen ausgerechnet vor Siebenbürgen halt machen? Wohl kaum!

Dies alles kann man zwar beklagen, ändert aber dadurch nichts daran. Es ist
daher zur Kenntnis zu nehmen und zu akzeptieren. Welche Konsequenzen werden diese Erscheinungen aber für das ohnehin sehr geschwächte sächsische Gemeinschaftsleben haben? Wir wissen es nicht. Noch nicht.
Die Geschichte bleibt, wie wir alle wissen, nicht stehen. Gesellschaften entfalten und verändern sich stetig und müssen ihre Identitäten je nach Gesellschaftsbedingungen immer wieder neu begründen. Die sächsische Gesellschaft in Siebenbürgen steht also zur Zeit vor einer großen Herausforderung. Eins steht aber jetzt schon fest: Die sächsisch-deutsche Gesellschaft wird in der Zukunft ein anderes Bild bieten, als wir es aus der Retrospektive heraus kennen.

Die Handwerkerstadt Schäßburg im Rahmen der siebenbürgischen Städtentwicklung

 
Einleitung

Die sich allmählich formierenden Gesellschaften Ostmittel- und Südosteuropas, damit auch
des Königreichs Ungarn, waren rein agrarischer Natur und hatten durch die bäuerliche
deutsche Ostsiedlung bereits einen gewissen Fortschritt erzielt. Die Landesherren waren
jedoch in ihren Wirkungsmöglichkeiten durch die landbesitzende Adelsschicht erheblich
eingeschränkt. Insbesondere wegen der Abgabenfreiheit des Adels fehlte es den
Landesherren an Einnahmen. Um sich nun eine stabile Einnahmequelle zu schaffen und um
die landesspezifischen Produkte vermarkten zu können, waren sie an Städtegründungen
nach deutschen Vorbildern höchst interessiert. In raschem Tempo entstanden nun Städte, die
den gesamten ostmitteleuropäischen Raum wie ein Netz überzogen. In Böhmen, das
ohnehin zum Deutschen Reich gehörte setzte dieser Städtegründungsprozess am ehesten
ein, pflanzte sich fort in den polnischen Herzogtümern und weit darüber hinaus.

Städtegründungen in Siebenbürgen

Die Magyaren hatten frühzeitig erkannt – wie bereits der Staatsgründer Stephan der Heilige
seinen Sohn Emmerich in einem „Libellus de institutione morum“, einer Art Fürstenspiegel,
ermahnte -, dass einwandernde „Gäste verschiedene Sprachen und Sitten, verschiedene
Lehren und Waffen mit sich bringen, die alle Reiche und den königlichen Hof schmücken
und erhöhen, […] denn schwach und vergänglich ist ein Reich, in dem nur eine Sprache
gesprochen wird und einerlei Recht gilt“. Dementsprechend kamen seit der Regierungszeit
Stephans immer wieder deutsche Berater und kleinere mit Privilegien ausgestattete
Siedlergruppen ins Land. Der Höhepunkt wurde mit der Ansiedlung der Siebenbürger
Sachsen ab Mitte des 12. JH. erreicht. Hier waren die Siebenbürger Sachsen die Motoren
der Städtegründungen. In kurzer Zeit entstanden wichtige städtische Zentren wie
Hermannstadt, Kronstadt, Bistritz, Klausenburg u.a. Die Sachsen überschritten auch den
Karpatenbogen und gründeten beispielsweise Curtea de Arges, Langental, Piatra Neamt,
Cotnar bei Jasi und andere städtische Zentren in den rumänischen Fürstentümern.

Die meisten Städte Siebenbürgens und die bedeutendsten sind deutschen Ursprungs,
Hermannstadt, Kronstadt, Klausenburg, Schäßburg, Mediasch, Bistritz, Mühlbach, Broos,
Sächsisch-Reen, Thorenburg (Turda), Straßburg (Aiud), Deesch, Großsschlatten (Aprud),
Kleinschlatten (Zlagna), Offenburg (Baia de Aries), Altenberg (Baia de Cris), Rodenau
(Rodna). Die Szekler haben haben nur eine größere Stadt, Neumarkt (Maros-Vasarhely, Tg.
Mures) hervorgebracht. Andere Zentren wie Oderhellen (Odorhei), Szeklerburg (Miercurea
Ciuc) und St. Georgen (Sfantu Gheorghe) treten ebenso wie Fogarasch, Deva, Hatzeg und
Eisenmarkt (Hunedoara) viel später als Städte in die Geschichte ein. Weißenburg (später
Karlsburg, Alba Iulia) ist eine gezielte Gründung des Königs Ladislaus I. (1048-1095) als
politischer Mittelpunkt Siebenbürgens und Sitz des römisch-katholischen Bistums.
Elisabethstadt (Dumbraveni) und Gherla gehen auf Armenier zurück, die Ende des 17. Jh.
nach Siebenbürgen kamen. Die Rumänen waren aufgrund ihrer anders gearteten
Lebensführung keine städtebildende Ethnie.

Die Bergbau- und Salzabbausiedlungen wie Rodenau, Groß (Aprud)- und Kleinschlatten
(Zlagna), Straßburg (Aiud) und Deesch sind gezielt von Hospites (also überwiegend
deutschen herbeigerufenen Fachkräften) gegründet und zu Städten entwickelt worden. Sie
standen jedoch nur wenige Generationen in Blüte und verloren ihre städtische Bedeutung
gleichzeitig mit dem Niedergang ihres jeweiligen Hauptgewerbes (Bergbau und Salzabbau).
Interessanterweise stammt eines der frühesten deutschen Berg- und Stadtrechte, das man
überhaupt kennt, aus Rodenau (Rodna). Es ist dies die Rodenauer Handfeste, die dem Ort
Rodenau ab 1262 mit Einwilligung König Stephans V. von Graf Hans, den zwölf
Geschworenen der Stadt und der Gemeinde, „die das Recht gemacht haben“, verliehen
wurde. Die Stadt erlebte im 13. Jh. eine relativ kurze aber beeindruckende Blütezeit. Im
„Carmen miserabile“ des italienischen Mönches Rogerius von Apulien (1205-1266,
zeitweilig Bischof von Großwardeien) wird Rodenau als „Teutonicorum villa regis
argentifodina in qua morabatur innumera populi multitudo“ genannt, die sich 1241 als
einzige Stadt zumindest zeitweise erfolgreich gegen die Mongolen erwehren konnte und nur
durch List eingenommen wurde. Nach der Einnahme stellte der mongolische Feldherr
Cadan ein Kontingent von immerhin sechshundert ausgewählten Bewaffneten unter
Führung des Grafen Aristaldus zusammen, das ihn auf dem weiteren Feldzug begleiten
sollte. Nicht zu Unrecht wird darauf hingewiesen, dass die Ausstaffierung von sechshundert
Bewaffneten nach einer solch verheerenden Niederlage eine große Wirtschaftskraft
erforderte. Die Blüte der Stadt währte nicht lange. Um 1440 war sie bereits fast unbewohnt.
Ihr Niedergang wird mit den Folgen des zweiten Mongolenüberfalls 1284 begründet
beziehungsweise damit, dass die führenden Patrizierfamilien der Stadt nach den
Thronstreitigkeiten infolge des Aussterbens der Arpaden-Dynastie daran gehindert wurde,
die Bergbauarbeiten fortzuführen. Etliche Historiker gehen von einer massiven
Abwanderung der Bergarbeiter zu den aufblühenden Golderzlagerstätten in den
Westkarpaten aus. Später ging Rodenau in den Besitz der aufstrebenden Stadt Bistritz über,
die den Silberabbau in kleinerem Umfang wieder aufnahm, was neben ihrem umfangreichen
Warenaustausch mit der Moldau und Polen zu ihrem beträchtlichen Reichtum beitrug.

Siebenbürgisch-sächsische Städte

Die siebenbürgisch-sächsischen Städte sind, wie Thomas Nägler richtig formuliert, keine
reinen Kopien westeuropäischer Vorbilder. Sie haben eine Entwicklung durchlaufen,
wahrscheinlich von einer in der Hauptsache ländlichen Phase ausgehend, bis bei
fortschreitender Arbeitsteilung vor allem ab der zweiten Hälfte des 13. Jh. ein Überschuss
an Zunfterzeugnissen vorhanden war, der auch außerhalb des Siedlungsgebietes verkauft
werden konnte. Was einzelnen Siedlungen bei der Urbanisierung anderen Orten gegenüber
den Vorzug gab, entstand aus dem Zusammenwirkung verschiedener Ursachen. Sicher war
die Verteidigungsmöglichkeit eines Ortes ein wichtiger Faktor, denn schon hundert Jahre
nach der Einwanderung begannen die vernichtenden Stürme der Mongolen. Auch das Alter
der Siedlung konnte von Einfluss sein. Die älteste Siedlung in der Siedlergruppe nahm meist
eine Vorortstellung innerhalb derselben ein, war Mittelpunkt in kirchlichen und weltlichen
Dingen für diese Gruppe und besaß dadurch ein gewisses Übergewicht. Vom Alter einer
Siedlung war bis zu einem gewissen Grade auch die Stärke der Bevölkerung abhängig und
damit ein höheres Konsumbedürfnis, wodurch Gewerbe und Handel besonders angezogen
werden mussten. Gerade die ersten Siedlungen konnten auch als erste an eine Befestigung
gehen. Sehr wichtig war ferner die Verkehrslage. Im Fall des Wettstreits zweier Orte um die
Vorortschaft gab immer die Gunst der Verkehrslage den Ausschlag. So kämpften Birthälm
und Mediasch, Hermannstadt und Heltau sowie Schäßburg und Kaisd um den Vorrang. Den
letztendlichen Ausschlag gab in allen diesen Fallen, die günstigere Verkehrslage. Zu Beginn
der Entwicklung spielte nur die im Nahverkehr günstige Lage eine Rolle und erzeugte
Marktplätze für einen kleineren oder größeren Umkreis. Vom größeren Verkehr waren diese
Märkte unabhängig und konnten auch in entlegenen Gegenden entstehen. Erst im Verlauf
der Entwicklung gewinnt der Fernverkehr Einfluss auf die Marktsiedlungen, die gleichzeitig
eine gute geographische Lage haben, und lässt sie zu Städten heranwachsen. So vollzieht
sich allmählich ein Wandel des wirtschaftlichen Charakters. Gewerbe und Handel mit den
gewerblichen Erzeugnissen bürgern sich an bestimmten bevorzugten Orten ein, während die
Landwirtschaft hier stark in den Hintergrund tritt oder ganz verschwindet. Dieser
Umbildungsprozess erhält im 14. und 15. Jh. in gewissem Sinne einen Abschluss, indem die
Anjou-Könige, denen ein entwickeltes Städtewesen aus ihrer italienischen Heimat vertraut
war, und ihre Nachfolger diesen Orten nun auch Stadtrecht verliehen. Dagegen war die
Verleihung von Stadtrechten und Freiheiten, wo die geographischen Bedingungen fehlten,
nicht imstande, Städte nur auf dieser Grundlage hervorzubringen. Zahlreiche Orte, die
Stadtrechte erhielten, haben nie eigentlich städtischen Charakter angenommen, wie Winz,
Oberwinz und Burgberg. Es fehlten ihnen die Möglichkeiten einer gesunden Entfaltung.

Von den zahlreichen Schenkungen und Privilegien, die die ungarischen Könige den
Siebenbürger Sachsen verliehen, war der Goldene Freibrief von 1224 am wichtigsten.
Andreas II. Vereinigte damals mehrere Komitate zu einem einzigen, dem Hermannstädter
Komitat, das sich von Broos bis Draas erstreckte. Dieses war die größte, aber nicht
unbedingt die älteste von den Deutschen kolonisierte Enklave. Aus verschiedenen Artikeln
des Freibriefs ergibt sich, dass es sich nicht um ungarisches Recht handelte, sondern der
Urkunde deutsches Gewohnheitsrecht zugrunde lag. Die festgelegten Gesetze waren das
Ergebnis von Verhandlungen zwischen zwei Parteien, der Zentralmacht und den Vertretern
der Kolonisten, und enthielten auch Klauseln zugunsten des Königtums. Obwohl die
Provinz um 1300 wiederum in mehrere Stühle aufgeteilt wurde, blieb der Grundsatz, dass
alle ein einziges Volk (unus sit populus) bilden sollten, erhalten. Im Lauf des 14. Jh.
erhielten auch die Zwei Stühle (Mediasch und Marktschelken), die Distrikte Kronstadt und
Bistritz ähnliche Privilegien wie die Provinz Hermannstadt oder die Sieben Stühle (die
eigentlich acht waren: Broos, Mühlbach Reußmarkt, Hermannstadt, Leschkirch, Schenk,
Reps, Schäßburg). Mit der Zeit wurde Hermannstadt zum Sitz der Berufungsinstanz für alle
diese drei Gebiete; nur in ganz außergewöhnlichen Fällen gelangten einige Rechtssachen bis
vor den königlichen Gerichtshof. Dies galt im übrigen auch für die freie königliche Stadt
Klausenburg, die allerdings spätestens seit der Reformation eigene Wege ging. 1486
bestätigte Mathias Corvinus auf Ansuchen des Hermannstädter Bürgermeisters Tomas
Altemberger die Verfügungen des Freibriefs von 1224, mit einer Reihe von Ergänzungen
aus der Zwischenzeit, für den gesamten von den Sachsen verwalteten Königsboden. Seit
1487 und bis in die zweite Hälfte des 19. Jh. funktionierte die Einrichtung der Universitas
Saxonum, also der Nationsuniversität. Diesem Thomas Altemberger haben wir auch den
„Codex Altemberger“, ein Rechtsbuch, das Elemente des Sachsenspiegel, des Magdeburger
Stadtrechts und des Schwabenspiegel enthält, zu verdanken. Dirk Moldt hat in einer bemerkenswerten
Arbeit von 2009 nachgewiesen, dass die siebenbürgisch-sächsischen Städte ebenso wie auch
die auf deutsche Hospites zurückgehenden Städte in Ungarn selbst, insbesondere die Stadt
Ofen, auch Teile des Magdeburger Stadtrechts adaptiert haben, wenngleich große Teile ihrer
städtischen Rechtsordnung nach den regionalen und lokalen Erfordernissen gewachsen sind.

Die Marktlage in den im Aufbau befindlichen rumänischen Fürstentümer Moldau und
Walachei sowie in anderen europäischen Nachbarländern spielte dabei eine anregende
Rolle. Wem ist die Stadtwerdung in Siebenbürgen nun gutzuschreiben, dem Handel oder
dem Handwerk, das Handel erst ermöglicht? Sicher waren von Anfang an beide
Gesellschaftsschichten am Urbanisierungsprozess beteiligt. Allerdings deuten die Urkunden
darauf hin, dass der Antrieb des Handels überwog. Der Durchgangshandel mit Orientwaren,
die beispielsweise an den Donaumündungen von Genuesen oder Venezianern übernommen
werden konnten, setzte den Verkauf einheimischer Waren zwecks Kapitalbeschaffung
voraus. Der Zwischenhandel und der Handel mit der Walachei und der Moldau sind von
ausschlaggebender Bedeutung für den Urbanisierungsprozeß in Siebenbürgen gewesen.
Wertmäßig rangierten sie weit vor dem Binnenhandel, da der Warenbedarf der sächsischen,
ungarischen und rumänischen Bauern im Umland weitgehend durch örtliche Handwerker
gedeckt wurde. Lediglich bestimmte hochwertige Erzeugnisse wurden von den städtischen
Handwerkern im Austausch gegen überschüssige landwirtschaftliche Erzeugnisse bezogen.
Ein großer Teil der siebenbürgischen Handwerkserzeugnisse wurden in stadtfernen
Landesgebieten oder im Ausland abgesetzt.

Handel

Die Stadtentwicklung in Siebenbürgen wurde also hauptsächlich durch den regen Handel
mit den beiden rumänischen Woiwodschaften gefördert. Wie sehr sich auch in den Gebieten
jenseits der Karpaten die Macht des ungarischen Königs verringerte, so blieb sein intensiver
Einfluss doch erhalten. Unter seinem Schutz öffneten sich die beiden an Rohstoffen reichen
rumänischen Woiwodschaften dem siebenbürgischen Handel. Die Bewohner der mit
anfänglichen Organisationsschwierigkeiten kämpfenden Woiwodschaften (die erste
rumänische Kirche in der Walachei z. B. wurde erst Anfang des 14. Jahrhunderts errichtet)
waren auf die siebenbürgischen Zwischenhändler für ihre eigenen und die westlichen
Gewerbeprodukte angewiesen. Die planmäßige Wirtschaftspolitik König Ludwigs I., die
unter anderem danach strebte, den die Straßen Ungarns seit Jahrhunderten umgehenden
Osthandel zurückzugewinnen, förderte auch den sächsischen Handel. 1369 erhielt Kronstadt
das Stapelrecht, wodurch die polnischen und deutschen Kaufleute auf ihrer Reise in die
Walachei gezwungen wurden, ihre wichtigste Ware, das Tuch, den Kronstädtern zum
Weiterverkauf zu überlassen und die in der Walachei eingekauften Waren,
landwirtschaftliche Produkte und Tiere, ebenfalls auf dem Kronstädter Markt umzusetzen.
1378 erhielt Hermannstadt das Stapelrecht für den durch die Stadt führenden Handelsweg
und Bistritz schon 1368 für die Handelsstraße in die Moldau und nach Polen.

Der rege Handel vermittelte aber anfangs nicht so sehr sächsische Handwerkserzeugnisse,
sondern eher westeuropäische Gewerbeartikel, hauptsächlich Textilien, nach Osten, denn im
14. Jahrhundert gab es noch kaum ein marktproduzierendes sächsisches Handwerk. An der
tatsächlichen Ausfuhr waren die sächsischen Kaufleute selbst kaum beteiligt, sie verkauften,
gestützt auf das Stapelrecht, auf den Märkten ihrer Städte nur ihre Waren an die den Handel
vermittelnden Kaufleute vom Balkan und von den genuesischen Kolonien am Schwarzen
Meer und übernahmen deren Tauschwaren, vorrangig Gewürze. Diese Handelsform war
keineswegs unüblich, auch die Wiener Kaufleute handelten im Mittelalter nicht anders, das
Stapelrecht erlaubte ihnen die Abwicklung des Handels an Ort und Stelle. Nach Osten
reisten die sächsischen Kaufleute höchstens gelegentlich in die rumänischen
Woiwodschaften, um dort wichtige Geschäfte abzuschließen oder heikle Angelegenheiten
zu klären; in entferntere Gebiete gelangten sie nur ausnahmsweise. Sie suchten eher die
westlichen, hauptsächlich die großen Städte Deutschlands auf, insbesondere nachdem
Ludwig der Große das Ofner Stapelrecht als für sie nicht verbindlich erklärt hatte. Sie
handelten dort mit Rohstoffen aus der Walachei und der Moldau und brachten auf dem
Rückweg Stoffe und Gewürze nach Hause. Ihre üblichen Handelsrouten waren entweder der
Weg über Kaschau, Böhmen und Polen nach Danzig oder über Ofen nach Wien, Regensburg
und Basel sowie nach Zara und Venedig. Die siebenbürgischen Städte erlebten vom 14. bis
zum 16. Jh. durch den Handel einen großen Aufschwung. Bevorteilt waren angesichts der
Handelsströme natürlich die Städte an den Karpatenpässen, nämlich Hermannstadt,
Kronstadt und Bistritz. Wie in den deutschen Reichsstädten entstand ein sehr wohlhabender
Kaufmannstand, der auch mehrheitlich das Patriziat stellte und das Stadtregiment
beherrschte. In Hermannstadt waren es beispielsweise die Familien Armbruster, Lulai und
Haller, in Kronstadt die Familien Seidlin, Seidenschwanz, Sander, später Benkner, Fuchs
und Fronius. „Ein wahrhaft königlicher Kaufmann“ war um 1500 in Kronstadt Johannes
Kylhaw, der Besitzer eines großen Handelsunternehmens. Er handelte mit Tuch aus
Maastricht, Brügge, Mecheln und Verona, ferner mit Messern aus Steyr, mit Gewürzen,
Seiden, Teppichen und anderen Waren aus dem Orient. Allein 1503 hatte er einen Umsatz
von 175.000 Gulden (zum Vergleich: Ein Patrizierhaus in Kronstadt kostete damals einige
Hundert Gulden). Von Bistritz sind Peter Kretschmer, Laurentius Rasor, Johann Kotteler,
Ladislaus Hornung, Michael Sartor und Georg Eiben überliefert. Wolf Forster agierte hier
wie ein wahrer „Renaaissencefürst“. Von Schäßburg ist nur die Familie Polner bekannt,
deren Mitglieder teilweise auch zu Trägern höchster kirchlicher Würden im Königreich
aufstiegen. Der Handel nahm zunehmend einen beträchtlichen Umfang ein. Georg
Reicherstorffer schreibt beispielsweise in seiner Corographia Transylvaniae über Kronstadt:
„Die Stadt ist gewissermassen eine Vorratskammer der benachbarten Völker“. Und der
Italiener Giovan Andrea Gromo berichtet, dass in Kronstadt: „….alle benachbarten Völker
gleichsam wie in einer gemeinsamen Warenhalle zusammenkommen und dass hier immer
Türken, Griechen, Moldauer, Muntenier, Szekler und andere Volksstämme anzutreffen
seien“. Besonders unternehmungsfreudige Kaufleute wie Peter Kretschmer und vor allem
Peter Haller pachteten sogar Münz- und Bergwerksregalien sowie Salzkammern und
erreichten dort durch bessere Arbeitsmethoden und Kapitalzufluss eine ungleich höhere
Produktivität. Sie standen den Augsburger Fuggern und Welser in ihren Unternehmungen
kaum nach. Nach heutigem Sprachgebrauch würde man sie global players nennen. Peter
Haller entstammte einer einflussreichen Nürnberger Patrizierfamilie und stand als
Bürgermeister von Hermannstadt im Krieg zwischen Ferdinand von Habsburg und Johann
Zapolya hartnäckig zum Habsburger, dessen Feldzüge er mit seinem ungeheuren
Privatvermögen finanzierte. Unter anderem hatte er allein in Nürnberg 14.900 Gulden auf
Zinsen angelegt. Für ein repräsentatives Haus am Großen Ring zahlte man damals 500
Gulden. Seine Nachfahren gingen übrigens im ungarischen Hochadel auf, von denen ein
Zweig in den Besitz von Weißkirch bei Schäßburg gelangte; die Älteren von uns werden
sich noch an das Hallersche Schloss an der Kokel erinnern. Diese auch politisch tätigen
Großunternehmer haben die eigentlich großen Jahrhunderte der siebenbürgischen Städte
herbeigeführt. Auch die Städte selbst betätigten sich mitunter als Unternehmer, pachteten
Regalien und strebten Rechte in grundherrlichen Gemeinden an. Ob es jemals in
Siebenbürgen eigentliche Kaufmannsgilden gegeben hat, lässt sich nicht mit Bestimmtheit
feststellen. Strengen Zunftcharakter haben sie gewiss nicht gehabt, sonst wären sie
anlässlich der Zunftregulation sicher erwähnt worden. Es ist aber anzunehmen, dass
Genossenschaften der fahrenden Kaufleute, wie sonst in deutschen Städten bis ins XV. Jh.
hinein auch in Siebenbürgen bestanden haben. Erstens zwang schon die Gefährlichkeit der
Handelsstrassen zu einem engen Zusammenschluss, dann aber finden wir in Hermannstadt
um die Mitte des XVI. Jh. das Amt des Hansgrafen als marktpolizeiliches Organ. Da das
Hansgrafentum sonst seinen Ursprung von den Genossenschaften fahrender Kaufleute her
ableitet, liegt der Schluss nahe, dass solche wirklich bestanden haben, auch wenn wir nichts
Näheres darüber wissen.

Interessant ist auch die Frage, wie sich der Zahlungsverkehr bei dieser intensiven und
ausgedehnten Handelstätigkeit abspielte. Es ist keine Frage, dass auch in Siebenbürgen und
Ungarn in der ersten Zeit infolge der ausgebreiteten Naturalwirtschaft der Tauschhandel
vorgeherrscht hat. Selbst der Bischof von Weißenburg zahlte 1291 den Zimmerleuten für die
Renovierung von Turm und Dom neben 90 Mark Silber 24 Ellen „Dornisches Tuch“.
Insbesondere der Handel mit der Moldau und der Walachei war fast reiner Tauschhandel.
Selbst den Fürsten mangelte es trotz der Geldeinkünfte durch Zollgebühren an Bargeld. So
zahlte Alexandru Lapusneanu für 4000 bestellte Gürtel mit Schlachtochsen. Ein anderes Mal
schreibt er: „…das wyer thuech und andere whar am Oxen Khauff nemen wöllen…“.
Geld wurde seit Stephan dem Heiligen in Ungarn geprägt, doch setzte recht früh eine rapide
Münzverschlechterung ein, die sich mit Ausnahme der Regierungszeit von Karl Robert auch
in den folgenden Jahrhunderten fortsetzte. Natürlich war neben dem ungarischen Geld auch
viel fremdes im Umlauf wie Wiener Pfennige sowie polnisches und italienisches Geld, doch
erlitten die Kaufleute beim Einwechseln nicht selten hohe Verluste. Die größten Verluste
erlitten sie durch das massenhaft im Umlauf befindliche Falschgeld. Es ist also nicht
verwunderlich, dass auch die siebenbürgischen Kaufleute auf das Kreditwesen setzten, wie
es in Italien und Westeuropa gängige Praxis war. Der Briefwechsel zwischen den Richtern
und Geschworenen der sächsischen und moldauischen Städten handeln meist von Schulden,
die nicht bezahlt worden waren. Aus einem der Briefe ist zu entnehmen, dass für den
Schuldner Bürgen eintraten, an die der Gläubiger Pfändungsrecht hatte. Auch im Verkehr
nach dem Westen wurden Käufe auf Kredit abgeschlossen, ein Zeichen dafür, dass die
siebenbürgischen Kaufleute auch in der Fremde Vertrauen genossen. So ist ein Schuldschein
eines Martin Chraus aus Hermannstadt vom 11.12.1411 erhalten, worin er sich verpflichtet,
dem Wiener Bürger Christian Pfanzagel oder dem, der ihn an seiner Statt mahnt, den 9.
März 1412 107,5 ungarische Gulden zu zahlen, die er ihm für „Gewand“ schuldet. Es
scheint, dass die großen Wiener Geschäftsleute für die siebenbürgischen Kaufleute zugleich
die Rolle der Bankiers spielten.

Gewerbe

Konnte der siebenbürgische Handel sich so erfolgreich entwickeln, weil es ein
hochentwickeltes Gewerbe gab, das die auf den Märkten gefragten Produkte herstellen
konnte, oder war die Nachfrage infolge günstiger Umstände so groß, dass sich das Gewerbe
zwangsläufig entwickelte, um diese Nachfrage zu befriedigen? Sicher trifft im 14. bis zum
16. Jh. beides zu, sodass sich Handel und Gewerbe gegenseitig befruchteten und zu
beeindruckender Entfaltung gelangten. Die fortgeschrittene Stadtwirtschaft in den
Ausgangsgebieten der Kolonisation legt den Schluss nahe, dass sich den Bauern, die bereits
gewohnt waren, auf ihren Höfen auch allen handwerklichen Anforderungen gerecht zu
werden, bei ihrem Zug nach Siebenbürgen auch bereits ausgebildete Berufshandwerker
angeschlossen haben. Leider fehlen schriftliche Unterlagen über handwerkliche Tätigkeiten
der Siedler für anderthalb Jahrhunderte nahezu ganz. Neuere archäologische
Untersuchungen jedoch belegen deutlich ein entwickeltes Handwerk bereits bei der
Besiedlung. Als dann nach den verheerenden Mongolenüberfällen im 13. Jh. eine längere
Phase der Prosperität eintrat, und die Fürstentümer jenseits der Karpaten stabile Formen
annahmen, wuchs die Nachfrage nach handwerklichen Produkten sprunghaft an. Es boten
sich für die Entfaltung des Absatzes handwerklicher Produkte zwei Felder an: erstens die
Befriedigung der Bedürfnisse der bäuerlichen Bevölkerung Siebenbürgens, Umgarns, der
Moldau und der Walachei, teils wohl auch des gesamten Balkans, also kapitalistische
Massenproduktion billiger Erzeugnisse; zweitens die Befriedigung der wohlhabenderen
Schichten, des niederen und höheren Adels Siebenbürgens und Ungarns, der moldauischen
und walachischen Fürstenhöfe, teils auch des ungarischen Königshofes, als
Kundenproduktion hochwertiger Erzeugnisse. Das Gewerbe schlug beide Wege ein, wobei
die Massenproduktion überwog. Die aufblühenden Städte waren zwar der Mittelpunkt des
Gewerbes, aber von hier aus ging das Gewerbe auch auf das Land hinaus und auch
sächsische Dörfer beteiligten sich an der Massenerzeugung der Güter. Es gab nun selbst in
manchen Dörfern und kleineren Marktflecken zunftähnliche Zusammenschlüsse wie
beispielsweise in Marktschelken, Marpod, Leschkirch, Großschenk, Heltau, Keisd, Birthälm
u.a., natürlich auch in Reps und Agneteln. Dort war wohl die Herstellung handwerklicher
Güter reine Auftragsarbeit. Es handelte sich hierbei um das System des Verlagswesens:
Die Auftraggeber belieferten die Handwerker mit den Rohstoffen und handelten
mit ihnen die Handelspreise, die Stückzahl sowie die Abgabetermine aus. Als
ab Ende des 16. Jh. die Blüte des siebenbürgischen Handels sich dem Ende
zuneigte, und sich die Auftragslage extrem verschlechterte,verschwanden auch
die dörflichen Gewerbebetriebe. Sie konnten sich mit Müh und Not
neben den Städten nur noch in den Marktflecken wie Reps, Agnetheln
und Birthälm halten.

Schäßburg

Inwiefern sich Schäßburg an der Auftragsproduktion handwerklicher Güter für große
Handelshäuser beteiligt hat, oder in der Herstellung und im Vertrieb autark war, ist unklar.
Einiges spricht dafür, dass die Stadt eigenständige Wege gegangen ist. Auf politischem
Gebiet gab es in den sächsischen Siedlungsgebieten eine relative Geschlossenheit und
Solidarität. Auf dem wirtschaftlichen Gebiet jedoch herrschte durchaus keine Einigkeit.
Ganz im Gegenteil, die Städte verstanden sich als eigenständige Wirtschaftseinheiten und
wachten eifersüchtig darauf, dass ihnen in ihren Absatzdomänen keine Konkurrenz entstand
und man kann insbesondere zwischen Hermannstadt und Kronstadt nahezu von einem
permanenten „Handelskrieg“ sprechen. Die Absatzgebiete waren mittels Privilegien und
bilateralen Abkommen klar abgesteckt. Bistritz beherrschte den Handel mit der Moldau und
Polen, Kronstadts Aktionsradius war die Moldau, die Walachei, der Balkan,und die
Schwarzmeerregion, während Hermannstadt sich über den Rotenturmpass nach der
Walachei, der Adria und nach Westen orientierte. Der Absatzmarkt der Stadt Schäßburg war
der binnensiebenbürgische Raum, also neben dem unmittelbaren Umland die benachbarten
Komitate und vor allem das Szeklerland. Das Schäßburger Handwerk hat ganz
offensichtlich die von ihm hergestellten Produkte auch selbst vertrieben und sich auch selbst
die Rohstoffe besorgt. Dabei fehlte es nicht an Auseinandersetzungen mit Handwerkern
konkurrierender sächsischer Städte. Am Fernhandel hat sich die Stadt kaum beteiligt,
weswegen wir hier auch außer der Familie Polner keinen nennenswerten patrizischen
Kaufmannsstand nachweisen können. Dies führte folgerichtig dazu, dass das Stadtregiment
in Schäßburg viel früher als anderswo und dann fast ausschliesslich in der Hand des
Handwerks lag. Ein Beleg dafür ist die Liste der Bürgermeister, fast alle dem
Handwerkerstand entstammend. Man kann also mit Fug und Recht die Behauptung
aufstellen, dass Schäßburg die klassische Handwerkerstadt war. Es steht daher sicher auch
in der Zunftordnung vom Jahre 1376 nicht zu Unrecht hinter Hermannstadt an zweiter
Stelle. Manche Historiker bestreiten allerdings, dass es in Schäßburg damals bereits alle in
der Zunftordnung aufgeführten 19 Gewerbe gegeben habe, und halten das Dokument
lediglich für eine Rahmenurkunde. Wie dem auch sei, auf jeden Fall gehörte Schäßburg
zumindest bis ins 16. Jh. hinein zu den bedeutendsten und wohl auch am besten befestigten
Städten Siebenbürgens, weswegen in der Zeit des Fürstentums Siebenbürgen der Landtag
auffällig häufig hier tagte. Über die Zünfte in Schäßburg, ihre Bedeutung und
Bestimmungen werden wir im Verlauf dieser Schäßburger Kulturtage noch einiges hören.
An dieser Stelle seien nur noch einige grundsätzliche Bemerkungen zu dem
Erscheinungsbild der Zünfte gestattet. Wie wir aus der Geschichte wissen, setzte im 16. Jh.
in ganz Siebenbürgen eine Stagnation und schließlich ein schmerzlicher Niedergang in
Handel und Gewerbe ein, und Schäßburg sank allmählich mehr oder weniger zu einer
Regionalstadt herab. Auch Hermannstadt, Kronstadt und Bistritz büßten ihre bis dahin
überragende Stellung ein, jedoch nicht in dem Grade wie die fast reine Handwerkerstadt
Schäßburg. Die Ursachen sind uns bekannt: Es waren nicht in erster Linie, wie gelegentlich
behauptet wurde, die Erschließung neuer Verkehrswege und die Verdrängung Siebenbürgens
von den Verkehrsströmen, oder das Eindringen landfremder Kaufleute (Armenier, Griechen,
Juden) nach Siebenbürgen. Es waren vielmehr die fast zwei Jahrhunderte andauernden
kriegerischen Auseinandersetzung, Zerstörungen und Verwüstungen ganzer Landstriche und
deren Folgen, Rückgang der Bevölkerungszahl, laufender Anstieg abgepresster
Kontributionszahlungen, Verarmung der Menschen und Rückgang der Kaufkraft.
Schließlich geriet Siebenbürgen auch mangels Anschluss an die technischen und
wirtschaftlichen Entwicklungen im europäischen Westen ins Hintertreffen. Erst im späten
18. Jh. und im 19. Jh. konnte mit dem Aufkommen von Manufakturen wieder zaghaft an das
europäische Niveau angeknüpft werden. Aber auch über Letzteres werden wir im Verlaufe
dieser Kulturtage noch einiges hören. Den Niedergang des siebenbürgischen Handwerks hat
man auch den immer restriktiver und starrer werdenden Zunftordnungen angelastet. Auf den
ersten Blick mag das so erscheinen. Auf den zweiten Blick jedoch stellt sich ein anderes
Bild ein. Je prosperierender das Handwerk ist, umso lockerer können die
Zunftbestimmungen sein. Wenn genügend Absatz vorhanden ist, braucht man die Zahl der
Arbeiter und die Aufnahme fremder Meister nicht zu beschränken. Man hat es nicht nötig,
sich vor Konkurrenz zu schützen, denn es ist genügend Arbeit für alle da. Je schwieriger
jedoch die Wirtschaftslage wird, umso stärker wächst das Schutzbedürfnis, und man wird
immer strengere Restriktionen in die Zunftordnung einbauen. Genau dieses ist ja dann auch
eingetreten. Die Zunftordnungen sind also gewissermassen der Spiegel oder Gradmesser der
wirtschaftlichen Zustände. An der Entwicklung der Schäßburger Zunftregulierungen kann
man diese Wechselwirkung sehr gut ablesen.

Charls Boner über Schäßburg

In den 60er Jahren des 19. Jh. unternahm der englische Schriftsteller Charles Boner eine
Reise durch Siebenbürgen und besuchte dabei selbstverständlich auch Schäßburg.
Anschließend schilderte er äußert scharfsinnig die Zustände, die er dort vorfand:

„……………..Der Abend bricht heran; sanft steigt der Weg aufwärts; auf der Spitze des Hügels
angelangt wenden wir uns und vor uns erhebt sich eine Kuppe, auf der eine Stadt von
mittelalterlichem Aussehen, mit einer Kirche, mit Mauern und Thoren steht. Unten am
Fusse der Anhöhe bergen sich zwischen Gärten niedliche Häusergruppen, von mächtigen
Pappeln hoch überragt, und grüne Felder und Auen dehnen sich bis zum Fusse einer
Hügelkette, welche diesen malerischen Ort umrahmt. Gegenüber glänzt die Kirche als der
höchste Punkt des Ortes im blassröthlichen Schimmer der untergehenden Sonne; etwas
tiefer zittert das Licht durch die Fenster alterthümlicher Häuser; auch hier sind Strebepfeiler
an den Mauern, geheime Pforten und halbverfallene Thürme. Das Hauptthor ist halb
eingestürzt und rechts und links sind die Mauern mit Gras bewachsen; das zerbröckelte
Mauerwerk ist in die Tiefe gerollt. Etliche ältere Bürger stehen hier im Freien und
besprechen sich nach gethaner Tagesarbeit untereinander; vielleicht ergehen sie sich den
Vermutungen, woher wohl der Fremde sein möge, den sie auf jenem sich herabwindenden
Wege näherkommen sehen. Noch tiefer bilden Häuser mit hohen Dächern und Bäumen und
starkes massives Mauerwerk eine so compacte Masse, dass das Auge nichts Einzelnes
unterscheiden kann. Bald wird es dunkel werden, sonst könnt Ihr wohl Halt machen und
Euch satt schauen. Das herrliche Bild erfreut Euer Auge so sehr, dass Ihr dasselbe nicht
abwenden könnt, bis sich die Strasse ganz nahe am Fusse des Berges hinwindet, so dass auf
einmal das ganze Bild den Blicken entrückt ist. Mit welch lauter Sprache erzählen nicht
diese Steine von einem anderen Zeitalter, von dahingeschwundenen Jahrhunderten, – mit
Moos bewachsen und verwittert wie sie sind, während Disteln und Strauchwerk in den
Zwischenräumen emporwachsen! Hoch oben auf der alten Mauer sind Wohnungen
eingerichtet, und auf eine ganz sonderbare, fast rätselhafte Art mit derselben in Verbindung
gebracht, ohne dass man so recht beide voneinander zu unterscheiden vermöchte. Von oben
herab schauen neugierige Köpfe durch die vergitterten Fenster……….Alles sieht gerade so aus
wie zur Zeit, da der lustige Hans Sachs seine fröhlichen Lieder sang und mit der Ahle dabei
arbeitete. ‚Ist es auch sicher‘, so fragt Ihr Euch selbst, ‚dass dies das neunzehnte Jahrhundert
und nicht das sechszehnte Jahrhundert ist?‘ Oder ist es ein Traum?…………Da lag ein Platz,
von netten Häusern mit grünen Jalousieläden und mittelalterlichen architektonischen
Verzierungen umgeben. Es herrschte hier eine gewisse stille, behagliche Ruhe. Es kam mir
so vor, als müsse der Platz vor dreihundert Jahren fast ebenso ausgesehen
haben……………..Mit welchem Staunen Ihr alle betrachtet! Die Architektur des prächtgen
Thores mit dem massiven und äusserst malerischen Thurm, der sich über demselben erhebt,
die engen Gassen, und die vielerlei Plätze und Winkel, in die Ihr bei Eurem
Umherschlendern gelangt. Man wird ganz an Nürnberg oder Ulm erinnert, oder an jene
seltsamen schmucken kleinen Städtchen, die rings von Mauern umschlossen sind, wie man
sie noch an den Ufern des Rheins findet…………
…………Daran wie an manchen anderen Dingen kann man sehen, wie wenig sich die
ursprüngliche Natur diese Leute verändert hat. Weniger dem bewegten Verkehr und den
rührigen Kämpfen auf dem grossen Schlachtplane des Lebens ausgesetzt, als ihre in der
Heimath zurückgebliebenen Landsleute, behielten sie so lange als möglich ihre
Eigenthümlichkeiten, während sich die Anderen allmählich derselben entledigten. Noch heute
zeigt sich in dem Charakter der Deutschen Siebenbürgens jene Liebe zum Formelwesen, die
das ganze gesellschaftliche und öffentliche Leben in Deutschland charakterisierte, sei es nun
dass diese eigenthümliche Vorliebe sich in der Veröffentlichung eines Gesetzes, oder in
einem Privatschreiben, oder einer diplomatischen Urkunde, in der Stylisierung eines Passes
oder endlich in der Abfassung eines gehörig ducumentierten Lehrbriefes bekundete; diese
besondere, den Deutschen eigenthümliche Vorliebe für das Formelwesen hat sich hier in
Siebenbürgen bis in die neue, wenn nicht die neueste Zeit erhalten………..

………Der hohe Grad von Wissen und Cultur, der überall in den sächsischen Städten und
Dörfern angetroffen wird, ist eine so bemerkenswerte Erscheinung, dass sie das Staunen des
fremden Reisenden erregen muss. Überall findet er, was man in früheren Zeiten ‚Studirte‘
und was wir jetzt ‚Gelehrte‘ nennen. Die Berichte von den Verhandlungen und Arbeiten des
Alterthumsvereins und der Hermannstädter Gesellchaft der Wissenschaften geben hinlänlich
Zeugnis von dem Fleisse und dem Talente dieser Männer. In Beziehung auf den
interessanten Inhalt und den tiefen Ernst der Forschung können diese Schriftwerke kühnlich
anderen Arbeiten dieser Art, wie sie Deutschland und England aufzuweisen haben, an die
Seite gestellt werden…………

………….Als ich Schäßburg zu verlassen mich anschickte, musste ich lange warten, bis der
Wagen bereit war; man gab mir dabei zu verstehen, der Fuhrmann warte möglicherweise bis
die Glocke Zwölf geschlagen; es herrscht nämlich durch ganz Siebenbürgen der Aberglaube,
dass man kein Glück habe, wenn man zu einer Reise in der Stunde zwischen Elf und Zwölf
aufbreche. Ob in Beziehung auf Eile und Pünktlichkeit bei Einhalten der Zeit der Einfluss
des Aberglaubens sich geltend macht, weiss ich nicht; aber in meinem Leben habe ich nicht
so wenig Pünktlichkeit angetroffen als hier. Bis dahin hatte ich imm er geglaubt, dass hierin
die Bayern von Niemand übertroffen werden könnten; ist doch bei ihnen das Allerbilligste
die Zeit! Allein in diesem fernen Lande hier hielt auch nicht Einer genau die festgesetzte
Zeit ein. Es wird hier für gar nicht auffallend gehalten, wenn Jemand, der ganz bestimmt um
sieben Uhr hätte eintreffen sollen, endlich um neun Uhr seine Erscheinung bewerkstelligt.
Pünktlichkeit ist hier etwas ganz Unbekanntes. Ich verliess Schässburg, – doch nicht bevor
die Glocke Zwölf geschlagen, – um meine Reise nach Kronstadt fortzusetzen. Die Strassen
sind unstreitbar in trauriger Verfassung, schlecht gepflastert, und mitten durch die breiteste
derselben fliesst ein ansehnlicher Bach mit hohen, zerrissenen Ufern. Die meisten sind sehr
schmal, wie dies übrigens nicht anders sein konnte in einer befestigten Stadt, wo der
engbegrenzte Raum äusserst werthvoll ist. Allein kein Ort in Siebenbürgen fesselt durch
seine ausnehmend pittoreske Lage so sehr Eure Aufmerksamkeit, und wenn Ihr so von der
oberen Stadt in die beiden Thäler hinabblickt, so könnt Ihr Euch gewiss nicht erinnern,
jemals früher einen so reizvollen Ort gesehen zu haben……..“

Die Bergschule von Schäßburg und ihre Ausstrahlung auf das siebenbürgische Geistesleben

„Die Sachsen mußten, was ihnen an zahlenmäßiger Masse abging, durch bessere Leistungen so zu ersetzen trachten, daß sie im Lande immer wieder als unentbehrlich empfunden und ihnen darum jederzeit die nötige Entwicklungs- und Bewegungsfreiheit eingeräumt wurde.“ Sie schrieb Friedrich Müller-Langenthal, der langjährige Schäßburger Seminardirektor und spätere Bischof, im Jahre 1930. Wenn heute davon gesprochen wird, daß in einer globalisierten Welt der Wettbewerb nur durch bessere Bildung bestanden werden kann, so war diese Tatsache für die Siebenbürger Sachsen im regionalen Rahmen von existentieller Bedeutung. Das heißt, die Siebenbürger Sachsen hatten frühzeitig erkannt, daß sie angesichts ihrer relativ geringen Kopfzahl auf Dauer nur bestehen konnten, wenn sie durch überlegene Leistungen hervorstachen. Diese Leistungen konnten sie aber nur hervorbringen, wenn sie über eine solide Bildung und Ausbildung verfügten. Es ist demnach folgerichtig, daß sie bereits zu einem sehr frühen Zeitpunkt darangingen, ein flächendeckendes, differenziertes und sehr leistungsfähiges Schulwesen zu entwickeln.

Auch in Schäßburg war eine Schule mit hoher Qualität immer ein besonderes Anliegen der Bürgerschaft, und die Gemeinde hat über die Jahrhunderte hinweg große materielle Opfer für „ihre Schule“ aufgebracht. Die Hauptstraße vom Burgplatz hinauf zu heißt nicht zufällig „Schulgasse“ und der Bergkegel heißt nicht, wie man zunächst annehmen könnte, „Kirchberg“, sondern „Schulberg“.

Der schon zitierte Friedrich Müller sagte in seiner Denkrede an Friedrich Teutsch, gehalten am 27.08.1933 aus Anlaß der 70. Hauptversammlung des Vereins für Siebenbürgische Landeskunde u.a.:

Man muß das eigentlich Unfaßbare erlebt haben, das an diesem Orte und mit diesen Menschen waltet, um zu verstehen, daß dorther ein rundes Jahrhundert lang die Geistigkeit unsere Volkes so bestimmend werden konnte………………….. . Menschen voll Eigenart gelang es, hier mit der Unergiebigkeit der Erde erfolgreich zu ringen. Und sie haben an der verkehrshemmenden Stelle innerer Verbindungslinien unseres Landes die Fähigkeit in sich ausgebildet, anderen zu dienen und doch das knorrige Selbst zu bewahren. Diese Auseinandersetzung zwischen Mensch und Natur sowie unter Menschen in ihren kräftemehrenden Ordnungen und kämpfeauslösenden Gegensätzlichkeiten geht aber in selten übersichtlicher Weise fort. Fluch und Segen wirken sich auf hart umstrittenem, kargem Boden rasch aus. Die Überlieferung gewinnt wurzelhafte Kraft, Geschichte und Gegenwart durchdringen sich. Das alles nun in der Hut von Menschen, wie sie da wuchsen und sich ausprägten, einfach und hart, in sich wurzelnd, zugleich gemeinschaftsgeneigt und brüderlich fördersam – auf sich bedacht und kärglich sparsam, zugleich ausgreifend und unternehmend, darin opfer- und gebefreudig -, im kleinen treu und engbegrenzt, zugleich in  ihren führenden, den Zusammenhang nach außen suchenden Köpfen aufgeschlossen, geistig gründig und zwingend.“

Heinz Brandsch schreibt in dem Schäßburger Heimatbuch von 1998:

…..Die Schäßburger lebten für und mit ihren Schulen: Es lebten die Schüler von dem Fleiß der Bürger dieser Stadt, es lebten die Bürger im Jahresrhythmus ihrer Schulen, im Alltag wie bei Festlichkeiten, an ernsten wie an fröhlichen Tagen. Sichtbar ‚teil-haftig‘ vereint waren sie bei allen kirchlichen und staatlichen Feiertagen, aber auch bei der Wahl der Honoratioren der Stadt und der studentischen Selbstverwaltung, bei Fasching, Richttag, Skopationsfest, Abschlußfeier und Exitus……..  .“ Dann zitiert er einen Zeitzeugen von vor 100 Jahren: „Nein, der Schäßburger hält auch jetzt noch sehr viel auf seine Schule – ja, er ist stolz darauf!“. Entsprechend hoch war dann auch das Sozialprestige der Lehrer. Brandsch  schließt seine Ausführungen mit dem nachdenklichen Satz: „Dies eine Gretchenfrage an Gegenwart und Zukunft.“

Die Existenz einer Schule in Schäßburg ist uns urkundlich 1522 definitiv belegt, wobei mit Sicherheit davon ausgegangen werden muß, daß eine solche schon viel länger bestanden hat. Die hohe Anzahl von Studenten an den Universitäten von Wien und Krakau (allein in Wien studierten in der Zeit von 1445 bis 1521 nachweislich 95 Schäßburger Studenten) lassen vermuten, daß es schon lange vorher in Schäßburg eine Schule gegeben hat. Die Quelle von 1522 ist die älteste und einzige erhalten gebliebene Gemeinderechnung (das entspricht in etwa einer städtischen Haushaltsniederschrift mit Einnahmen und Ausgaben) aus der Zeit des Königreiches Ungarn. Frühere Gemeinderechnungen hat es, wie in anderen sächsischen Städten bezeugt, sicher gegeben, sie sind jedoch verloren gegangen. Im Archiv des Vereins für siebenbürgische Landeskunde, Neue Folge, Erster Band, vom Jahre 1853 hat Georg Daniel Teutsch die Urkunde ausgiebig ausgewertet. Auf Seite 158 schreibt er: „Daß zu der Zeit eine Schule in Schäßburg bestanden, läßt sich nur aus dem erweislichen, weit frühern Dasein derselben im gesamten Sachsenlande, oder daraus schließen, daß, einfache Gewerbeleute, im Stande waren, eine umfangreiche Rechnung in lateinischer Sprache zu stellen: sondern diese führt – eine sehr werthvolle Stelle – geradezu eine auf sie verwendete Ausgabe an. Dem damaligen Rektor derselben, einem Baccalaureus, verehrte der Rath der Stadt ein Kleid im Werthe von 4 Gulden, damit er sich Mühe gäbe mit den Jünglingen (ut haberet diligentiam cum juvenibus)“. Es muß wohl ein sehr wertvolles Kleid gewesen sein, denn 4 Gulden waren zu der Zeit ein kleines Vermögen. Damals schon genossen die Lehrer offensichtlich eine hohe Wertschätzung. Die „schola maioris“ befand sich vermutlich zunächst auf der Burg in der Nähe der Kapelle, deren Grundmauern auch heute noch neben dem Eingang zur Schülertreppe und dem Predigerhof emporragen. In den Jahren 1607/08 wird die „schola maioris“ auf den Berg verlegt, etwa an die Stelle, wo heute die Bergschule steht. Das ist die Geburtsstunde des Schäßburger Gymnasiums, der Bergschule. Seither heißt der Berg auch im Volksmund Schulberg. Zur chronologischen Weiterentwicklung der Schule bis in die Gegenwart empfehle ich den Aufsatz von Egon Machat im Schäßburger Heimatbuch von 1998 und den Artikel von Hermann Baier in der Festschrift zur Wiedereinweihung der Schule im  Jahre 2007.

Seit 1545 sind uns alle Rektoren, unter denen es bedeutende Persönlichkeiten gegeben hat, namentlich bekannt. Von Anfang an verstanden sich die Lehrer bzw. Professoren, wie sie später genannt wurden, nicht nur als Pädagogen, sondern auch als Wissenschaftler. Martin Kelb legte den Grundstein für die einzigartige Schul- bzw. Dokumentarbibliothek, die uns Gott sei Dank bis zum heutigen Tag erhalten geblieben ist, im Jahre 1684. Die Schule erfuhr mehr und mehr Zuspruch, sodaß auf Betreiben des überregional bekannten Rektors Johann Gottlieb Mild in den Jahren 1792/93 ein neues Schulgebäude errichtet wurde. Seither schmückt die Schule die Aufschrift : PATRIAE FILIIS VIRTUTI PALLADIQUE SESE VOVENTIBUS SACRUM (den Söhnen des Vaterlandes, die sich der Tugend und Wissenschaft weihen, ein Heiligtum). Die Schulpraxis entsprach kurze Zeit danach aber durchaus nicht mehr der Aufschrift. Georg Paul Binder, der spätere Bischof, schildert in seinen Lebenserinnerungen „…das Elend unserer Schule…. Als ich endlich im Sommer 1798 als Chlamydat an das Gymnasium promoviert wurde, befand sich dasselbe, was ich schon damals fühlte, in einem kläglichen Zustande. Der sonst gutgesinnte Rector war selbst ganz neu und unerfahren, die übrigen Gymnasiallehrer mittelmäßig oder gar schwach, wenigstens ohne Credit…. Wenn irgend etwas bewußtlosen Vorsatz in mir niederlegte, künftig einmal, falls mein Schicksal es so fügen würde, zur Verbesserung des Schäßburger Gymnasiums mein Theilchen beizutragen, so war es die Wahrnehmung dieses, von mir und meinem wackeren Freunde Mich. A. Bertleff von Kleinschenk, der aber schon nach einem Jahre Schäßburg mit Hermannstadt vertauschte, schon damals oft besprochenen Elends unter den Lehrern sowohl als auch unter den Schülern auf demselben..“.  Die Gelegenheit sollte bald kommen, denn bereits 1808 wurde Binder „Honorär-Extraordinarius“ an der Bergschule und begann unverzüglich im Einvernehmen mit dem Rektor Martin Zay mit energischen Reformbemühungen. „…Wir Lehrer traten unabhängig und selbstständig zusammen; denn der damalige Stadtpfarrer und Schulinspector kümmerte sich theils wegen seines vorgerückten Alters, theils wegen angewöhnter Bequemlichkeit wenig um Schule und Schulwesen, und das Ortsconsistorium ließ uns ebenfalls unbeaufsichtigt und unbeirrt gewähren…“ Als nun Binder 1822 selbst Rektor wurde, konnte er auf die bereits realisierten inneren Reformen aufbauen und schuf die Grundlagen für den späteren Höhenflug der Schule, dies insbesondere durch das Heranziehen tüchtiger und  wissenschaftlich renommierter Lehrkräfte wie Wilhelm Seiwerth, Michael Schuller und vor allem Carl Goos d. Ä.. Friedrich Teutsch sagt in seiner Denkrede auf Georg Daniel Teutsch zur Eröffnung der 46. Generalversammlung des Vereins für siebenbürgische Landeskunde am 17.  August 1894: „ Mit dem letzteren (Carl Goos) insbesonders, der seines Lehrers, des späteren Bischofs Binder, Traditionen fortsetzte, war der lebendige Hauch der deutschen Wissenschaft in die Schule mächtig eingezogen…Er hat mit G. P. Binder der Schäßburger Schule den Charakter des Ernstes aufgeprägt, den Teutsch später weitergebildet hat….“. Der eigentliche Höhenflug trat Mitte des 19. Jahrhunderts mit dem Auftreten von Georg Daniel Teutsch ein. In erster Linie ihm, aber auch  seinen nicht minder begabten Lehrerkollegen, die er um sich scharte, sowie seinen Nachfolgern im Amte ist es zu verdanken, daß das Schäßburger Gymnasium für beinahe ein Jahrhundert zur führenden siebenbürgischen Bildungsstätte, zur „Referenz-Schule“ wurde. Es war daher auch nicht verwunderlich, daß das Unterrichtsministerium1864 die Schäßburger Schule neben dem Hermannstädter Gymnasium als einzige Anstalt zum Schulaustausch mit Deutschland bestimmte. Michael Albert, unser großer Dichter, selbst Schüler und Lehrer an der Bergschule, schrieb in seinen „Tage(n) der Erinnerung“: „Wir fühlten uns beseelt und gehoben durch die Ideale des wissenschaftlichen Geistes, der auf dem waldumgrünten hohen Schulberge, von lebhaften, ehrenvollen Traditionen getragen, eine eifrig gepflegte Heimstätte fand. Die Schuldisziplin war eine strenge, aber nicht kleinlicher Art….Römische Mannestüchtigkeit, die ‚virtus‘, stand täglich gebieterisch vor unserer Seele… geistige Strebsamkeit, unnachsichtige Pflichterfüllung, strenges Rechtsbewußtsein lehrte man uns als edlen Stolz empfinden“. 

Mit seinem Dienstantritt an der Bergschule im Jahre 1842 als Geschichtslehrer begann Teutsch sofort mit ungeheurer Energie und Schaffenskraft seine pädagogischen und wissenschaftlichen Aktivitäten zu entfalten. Der junge Historiker, geprägt vom Nestor der deutschen Geschichtsschreibung, Leopold von Ranke, den er in Berlin gehört hatte, wurde auch sehr schnell zu einem Kristallisationspunkt des 1840 gegründeten und 1842 in Schäßburg mit seinen Aktivitäten startenden „Verein(s) für siebenbürgische Landeskunde“, der vor allem in Deutschland bald sehr hohe Anerkennung fand. Der Verein war zwar eine sächsische Einrichtung, stand aber ungarischen und rumänischen Wissenschaftlern offen gegenüber. Gerngesehene Mitglieder waren beispielsweise die Ungarn Istvan und Josef Teleki, Paul Bethlen, die Nachfahren des Fürsten Achatius Barcsay (1658 – 1660), Kuun Laszlo, Martin Debreczeni, der ungarische Polyhistor sächsischer Abstammung Samuel Brassai, der Politiker und zeitweilige Gouverneur Siebenbürgens Imre Miko sowie der rumänische Gelehrte George Baritiu. Auf Teutschs Anregung hin beschloß der Verein 1843, ein Urkundenbuch zu Geschichte der Siebenbürger Sachsen nach dem Vorbild der von Freiherr von Stein initiierten „Monumenta Germaniae Historicae“  erstellen zu lassen, mit dessen Vorbereitungen er selbst beauftragt wurde. Das Projekt scheiterte zwar zunächst aus verschiedenen Gründen, wurde aber später von Franz Zimmermann wieder aufgegriffen und in die Tat umgesetzt. Gleichzeitig arbeitete er an seinem bahnbrechenden Werk „Geschichte der Siebenbürger Sachsen für das sächsische Volk“, das 1852 bis 1856 in einzelnen Heften erschien. Daneben veröffentlichte er zahllose Einzeluntersuchungen, unter anderem „Die Schäßburger Gemeinderechnung von 1522“, der wir den ältesten urkundlichen Hinweis auf eine Schule in Schäßburg verdanken. Der Geschichtsforschung und dem Landeskundeverein, dessen Vorstand er 1870 wurde, blieb er lebenslang treu. Seine wissenschaftliche Solidität brachte ihm hohe Anerkennung ein: Ehrendoktorwürde der Universitäten Berlin und Jena, Mitgliedschaft im Gelehrtenausschuß des Germanischen Museums in Nürnberg, Mitgliedschaft in der Bayerischen Akademie der Wissenschaften und der Göttinger Gesellschaft für Kirchenrecht, Ordensverleihung durch Herzog Ernst von Sachsen, Ehrenmitgliedschaft im Leipziger Schillerverein u.a. Mit den Historikern Wilhelm Wattenbach (Herausgeber der MGH), Dahlmann und Weitz (beide Herausgeber der berühmten „Quellenkunde der deutschen Geschichte“) sowie Johann Gustav Droysen (Autor des Standardwerks „Geschichte des Helenismus“) stand er in enger Beziehung.

Selbst wenn er auch als Bischof und Politiker der Geschichtswissenschaft treu blieb, so war seine wissenschaftlich fruchtbarste Phase, die Zeit seines Lehramtes und Rektorats in Schäßburg. Es gelang ihm, in der Schule ein Klima der wissenschaftlichen und pädagogischen Ernsthaftigkeit zu schaffen, das seine Lehrerkollegen mitriß.

Egon Machat schreibt im Schäßburger Heimatbuch von 1998: „Die kirchliche Schule bildete den geistig-kulturellen Lebensnerv des Sachsenvolkes und wurde zur Quelle sächsischer Lebenseinstellung. Geistiger Träger einer solchen Schule in Schäßburg war auch das Lehrerkollegium, das das Glück hatte, nicht nur vier Rektoren in lückenloser Reihenfolge als Bischöfe in Hermannstadt zu sehen (1843 – 1867 Georg Paul Binder, 1867 – 1893 Georg Daniel Teutsch, 1893 – 1906 Friedrich Müller d. Ä., dann von 1906 – 1933 Friedrich Teutsch, der Sohn von Georg Daniel Teutsch), die fast ein Jahrhundert lang die Geschichte der Siebenbürger Sachsen wesentlich mitbestimmten, sondern daneben in seinen Reihen auch Persönlichkeiten zu haben, die als Pädagogen und Wissenschaftler weit über ihre Schule hinaus bekannt waren. Ein handfester Beweis sind die wissenschaftlichen Arbeiten, die diese Lehrer jeweils am Ende des Schuljahres von 1852 bis 1914 im sogenannten ‚Programm des evangelischen Gymnasiums A. B. In Schäßburg‘ veröffentlicht haben. In diesen 62 Jahren finden wir im ‚Programm‘ 42 Namen (manche mehrere Male)“. In der tat war es ein Glücksfall, daß gleichzeitig mit Teutsch und danach etliche hochrenommierte Wissenschaftler als Pädagogen wirkten und den Ruf der Schule außerordentlich erhöhten.

Der langjährige Lehrerkollege und Nachfolger im Amt des Rektors war Friedrich Müller, der ihm später auch im Amt des Bischofs folgte. Später erzählte man sich scherzhaft: Wer nicht die Bergschule durchlaufen hat, sei es als Lehrer, oder zumindest als Schüler, ist nicht ‚papabel‘.

Müller galt als „durus Segesvarinus“, also als sturer Schäßburger, was er ja wohl auch war. Er achtete auf eiserne Disziplin und forderte strenge Zucht und Pflichterfüllung, Forderungen, die er auch an sich selbst richtete. Sein gründlich vorbereiteter Unterricht und seine eindrucksvolle frei Rede faszinierte die Schüler und sie brachten ihm trotz seiner Strenge große Achtung entgegen. Anders als Teutsch war er in seiner wissenschaftlichen Arbeit nicht am „großen Wurf“ interessiert, sondern konzentrierte sich auf mannigfaltige Einzelthemen, die allerdings sehr weit gestreut waren. Nach zahlreichen Arbeiten über Baugeschichte ging er nach vielfältigen Forschungen zur siebenbürgischen Glockenkunde, dann zur Archäologie und Vor- und Frühgeschichte über. Auf diesem Gebiet leistete er gemeinsam mit dem Hammersdörfer Pfarrer und renommierten Mineralogen, Geologen und Frühgeschichtler Johann Michael Ackner, ebenfalls ein Schäßburger, aber auch ganz selbständig, Hervorragendes. Die Sammlung römischer Inschriften aus Siebenbürgen, ein Gemeinschaftswerk Müllers mit Ackner, erhielt die Anerkennung des großen Historikers und späteren Nobelpreisträgers Theodor Mommsen. Darüber hinaus sammelte er siebenbürgische Sagen und Sprachdenkmäler und schrieb Aufsätze zur Kirchengeschichte.

Nicht weniger fruchtbar war sein wesentlich jüngerer Fachkollege Carl Goos d. J., der allzu früh mit 37 Jahren starb. Dieser war der Sohn seines verehrten Lehrers gleichen Namens. Goos galt als überhaupt bester Kenner des trajanischen Daziens und als Historiker von Format. Gleichzeitig war er ein begeisternder Geschichtslehrer. Seine „archäologischen Analecten“ riefen in Deutschland so große Aufmerksamkeit hervor, das Theodor Mommsen, der große Hoffnungen in ihn setzte, es sich nicht nehmen ließ, sie im berühmten „Corpus inscriptionum Latinorum“ veröffentlichen zu lassen. Seine herausragenden Werke sind seine „Studien zur Geographie und Geschichte des Trajanischen Daziens (mit Karte)“ sowie seine „Untersuchungen über die Innenverhältnisse des Trajanischen Daziens“.

Georg Daniel Teutschs Schwager und enger Freund, Joseph Haltrich, der heutige Namensgeber der Schule, galt als liebenswürdigste Persönlichkeit im Schäßburger Schuldienst. Er hat ihm in seiner Denkrede zur Eröffnung der 40. Generalversammlung des Vereins für siebenbürgische Landeskunde am 22. August 1887 ein schönes Denkmal gesetzt. Wir kennen Haltrich vor allem als emsigen Sammler siebenbürgisch-sächsischer Märchen. In der Tat galt der Welt der Märchen sein Hauptinteresse. Unermüdlich und über Jahrzehnte widmete er sich dieser Aufgabe und erntete damit nationale und internationale Anerkennung. Kein geringerer als Jacob Grimm, mit den Brüdern Grimm stand er auf vertrautem Fuß, sorgte dafür, daß seine gesammelten Märchen zuerst in Berlin erschienen. Es folgten mehrere Auflagen in Siebenbürgen selbst, aber auch in Wien. Er korrespondierte mit allen führenden Germanisten in Deutschland, unter ihnen Karl Simmrok, dem wir bis heute die beste Übersetzung des Nibelungenliedes verdanken. Daneben beschäftigte er sich auch intensiv mit anderen Aspekten der siebenbürgisch-sächsischen Volkskunde wie dem sächsischen Volkswitz und Volkshumor, der „Macht und Herrschaft des Aberglaubens“, der „Kulturgeschichte der Sachsen in Siebenbürgen“. Von großer Bedeutung waren auch seine Vorarbeiten zur Herstellung eines „Wörterbuchs der sächsischen Mundart“ Er war es nämlich, der den „Plan zu Vorarbeiten für ein Idiotikon der siebenbürgischen Volkssprache“ erstellte. Generationen von Forschern haben dieses Werk fortgesetzt, das aus den verschiedensten Gründen aber leider immer noch nicht zu einem endgültigen Abschluß gelangt ist. Er unterrichtete mit großem Erfolg Latein, Griechisch, Deutsch, philosophische Propädeutik, gelegentlich auch Geographie und Geschichte. Die Kenntnisse zur Geschichte erwarb er sich durch aktive Mitarbeit an dem Projekt eines Urkundenbuches, daß Georg Daniel Teutsch in Angriff genommen hatte. Nicht zuletzt war er auch der Initiator eines geregelten Turnunterrichts, der später zu beachtlicher Blüte gelangte. Auf ihn geht der Turnplatz, der an der Südseite der Schule angelegt wurde, zurück. Zum Anlaß der Einweihung der Turnhalle im Jahre 1863, heute die Totenhalle der evangelischen Kirchengemeinde, verfasste er ein Festgedicht, dessen erste Strophe lautete:

Denn in des Leibes kraftgewandtem Ringen

Erwachsen auch der Seele neue Schwingen;

Gesunder, freier regt sie sich im Schaffen,

Kann auch der Leib zur Freiheit auf sich raffen.

Daß er auch über ein gerüttelt Maß an feinem Humor verfügte, schildert eine Episode, die Teutsch in seiner Denkrede berichtete: „Wenn der Sommer dort das graue Gemäuer mit dem Blütenduft der alte Linde durchhauchte, und der Blick entzückt über die Giebel und Thürme der unter ihm liegenden, an geschichtlichen Erinnerungen so reichen ‚Burg‘ hinüberflog zum formschönen, mit Rebengrün und dunkelm Laubwald geschmückten Bergzug, an dessen Fuß durch wolgepflegtes Thalgelände sich windungsreich die Kokel sich hindurchschlängelt, da fragt er wol mit herzlicher Freude lachenden Auges den, von solcher landschaftlichen Schönheit überraschten Gast, wie hoch doch der Wert solcher Zugabe zu seinem Gehalt zu veranschlagen sei“.

Natürlich ließen sich noch weitere bedeutenden Lehrerpersönlichkeiten schildern: den Botaniker und Volkskundler Franz Friedrich Fronius, den Historiker Karl Fabritius, dem wir die Veröffentlichung der Chronik von Georgius Krauss zu verdanken haben, den Germanisten Johann Mätz, der in enger Zusammenarbeit mit Haltrich sächsische Sitten, Gebräuche, herkömmliche Reden und Redensarten sammelte, den Käferforscher Karl Petri, den Kunsterzieher und Pionier der Photographie Ludwig Schuller, der Vater der Malerin Betty Schuller, und viele andere mehr. Ein großer Gewinn für die Schule war auch Michael Albert, der im Verlaufe der Zeit durch sein dichterisches Werk im ganzen Land mehr und mehr populär wurde. Gott sei Dank fanden sich auch würdige Nachfolger. Ich nenne die Rektoren Daniel Höhr (1878 – 1905), Dr. Johann Wolff (1905 – 1927) und Dr. Julius Hollitzer (1927 – 44), denen es gelang, das Niveau der Schule weitgehend zu halten. Zu erwähnen ist noch die bedeutende Lehrerpersönlichkeit Heinrich Höhr (1875 – 1949), der Sohn des Rektors Daniel Höhr. Als Naturkundelehrer wirkte er von 1900 bis 1949. Daneben betätigte er sich intensiv als Botaniker, Zoologe, Ornithologe und Geologe. Etwa 100 Arbeiten und Artikel stammen aus seiner Feder. Die bedeutendsten Arbeiten sind: „Schäßburgs Archegoniaten“, „Die Vogelwelt der beiden Kokeltäler in Siebenbürgen“ und „Die geologisch-paläontologischen Verhältnisse des Groß-Kokelgebiets bei Schäßburg“.

Dank seines pädagogischenGeschicks verstand er es, die Schüler für die Naturkunde dermaßen zu begeistern, daß er mit ihnen zusammen in den Jahren 1906 bis 1910 auf mehreren Flächen im Bereich des Gymnasiums und der Bergkirche den legendären Schäßburger Botanischen Garten mit etwa 205 Pflanzenarten anlegen konnte, von dem jedoch heute leider nichts mehr zu erkennen ist. Sein Hauptwerk war jedoch der Ausbau der naturwissenschaftlichen Lehrmittelsammlung des Gymnasiums in ein naturwissenschaftliches Museum mit über 3.800 geologisch-mineralogischen und zoologischen Sammelobjekten, einem Herbarium mit etwa 3.300 Pflanzenbelegen und die Erstellung einer 451 Titel umfassenden Fachbibliothek. Diese Sammlungen sind in den letzten Jahrzehnten bedauerlicherweise sehr vernachlässigt worden und nicht wenige Objekte sind abhanden gekommen. Anlässlich der Generalsanierung des gesamten Haltrichlyzeums in den Jahren 2002 bis 2007 wurden sie in einen separaten Raum im Alberthaus verlegt und harren dort einer fachgerechten museumspädagogischen Aufbereitung.

Beginnend mit dem Eintritt von Georg Daniel Teutsch in den Dienst der Schäßburger Schule wurde  das humboldtsche universitäre Prinzip der Einheit von Lehre und Forschung ein Jahrhundert lang in idealer Weise verwirklicht, wodurch der legendäre Ruf der Schule begründet wurde. In diesem geistigen Klima erhielten viele Schüler ihre Prägung, die später zu nationaler und internationaler Bedeutung gelangten. Ich nenne nur drei: den Journalisten und Wirtschaftsfachmann Carl Wolff, Hans Otto Roth und natürlich den Raketenforscher Hermann Oberth.

So konnte es nicht ausbleiben, daß immer mehr Schüler von fern und nah um Aufnahme ansuchten.  Sie kamen nicht nur aus Siebenbürgen, sondern auch aus dem Banat, dem Buchenland, der Dobrudscha und aus Bessarabien, und die Schule drohte bereits in den 1880er Jahren aus allen Nähten zu platzen. So entschloß man sich schließlich, die Schule aufzustocken und für die vielen auswärtigen Schüler ein Internat zu errichten. Die Schule wurde 1901 umgebaut und erweitert, wohingegen das Internat neben dem Stundturm bereits 1898 fertiggestellt werden konnte. Das Internat erhielt dem großen sächsischen Volksdichter zu Ehren den Namen „Alberthaus“. Beide Gebäude blieben im Wesentlichen bis heute unverändert.

Wenn man den Siebenbürger Sachsen die Tendenz zur Isolation nachsagt, so trifft das auf ihr Bildungssystem sicher nicht zu. Alle Schulen, natürlich auch die Bergschule, waren für andere Nationalitäten immer offen. Nicht wenige Rumänen, Ungarn, Armenier und Juden haben sie durchlaufen. Allein in den Jahren 1864 bis 1923 haben 327 Rumänen in der Bergschule ihre schulische Ausbildung genossen. Ein großer Teil von ihnen trat später in den rumänischen Schuldienst ein, wo sie dann als segensreiche Deutschlehrer und Pädagogen wirkten. Andere nahmen in der rumänischen Gesellschaft bedeutende Positionen ein. Besonders zu erwähnen sind der international renommierte Elektrophysiker Remus Radulet, der hochbegabte Literat und Journalist Ilarie Chendi und der bedeutende rumänische Gelehrte Zaharia Boiu. 

Der Durleser orthodoxe Pfarrerssohn Ilarie Chendi (1871 – 1913) studierte nach seinem Bakkalaureat in Schäßburg, das er mit Bravour ablegte, zunächst in Hermannstadt orthodoxe Theologie, wandte sich aber dann dem Literaturstudium in Bukarest zu. Daraufhin arbeitete er an der Herausgabe der Rumänischen Enzyklopädie unter Leitung von Corneliu Diaconovoci in Hermannstadt und in der Redaktion der Zeitschrift „Tribuna poporului“ in Arad mit. 1898 zog er endgültig nach Bukarest, wurde Bibliothekar an der Akademie der Wissenschaften und rief mehrere Zeitschriften ins Leben. Es sind dies: „Viata literarea“ (1906, „Viata literara si artistica“ (1907), und „Cumpana“ (1909), letztere zusammen mit Mihail Sadoveanu, Stefan Octavian Iosif und Dimitrie Anghel, und war führend tätig im Rumänischen Schriftstellerverband. Er schrieb eine Unzahl literarischer Artikel, Rezensionen, literarische Porträts und Essays . Er galt als der profundeste Kenner des rumänischen geistigen und literarischen Lebens. Am 23. Juni 1913 setzte er auf tragische Weise seinem Leben ein Ende. Der Anlaß dazu war der überraschende Tod seines engen Freundes, des hochbegabten Poeten und Übersetzers Stefan Octavian Iosif, der unter anderem die Romanzen von Heinrich Heine brillant ins Rumänische übertragen hat. Sie beide hatten in jungen Jahren Blutsbrüderschaft getrunken und sich geschworen, auch im Tode vereint zu bleiben. Nicht bestätigte Überlieferungen wollen wissen, daß Chendi mit diesem Ritual im Schäßburger Cötus, also der burschenschaftlich organisierten Schülerselbstverwaltung, vertraut geworden sei und daß er zur Begründung seines Selbstmordes auf Deutsch gesagt haben soll: „Ein Mann, ein Wort“. Auch wenn wir dieses in den Bereich der Legende verweisen wollen, so ist aber bestätigt, daß er über seine Schäßburger Schulzeit stets in anerkennender Weise berichtet hat.

Der bedeutendste rumänische Bergschüler war zweifellos Zaharia Boiu. Eine ausführliche Würdigung dieser Persönlichkeit hat Claudiu Pop in der Festschrift zur Wiedereinweihung der Schule im Jahre 2007 vorgenommen. Der Pfarrerssohn Zaharia Boiu wurde im Jahre 1834 im Schäßburger Stadtteil Cornesti geboren und war der erste Schäßburger Rumäne, der eine höhere Schulbildung genoß. Zu seinen Lehrern gehörten Georg Daniel Teutsch, Friedrich Müller und Joseph Haltrich und zu seinen Mitschülern Michael Albert und Carl Goos d. J.. Nach seinem glänzenden Bakkalaureat wirkte er zunächst so erfolgreich als Lehrer in Sacele, daß Andrei Saguna auf ihn aufmerksam wurde und ihn als Professor für Pädagogik an die theologische Hochschule nach Hermannstadt berief. Zur wissenschaftlichen Weiterbildung schickte er ihn zum Studium nach Leipzig, wo der junge Pädagoge sich mit den Ideen von Johann Heinrich Pestalozzi und Adolph Diesterweg vertraut machte. Nach seiner Rückkehr schrieb er mehrere bahnbrechende rumänische Schulbücher, die sich auch jenseits der Karpaten großer Beliebtheit erfreuten. Kein Geringerer als Ion Creanga schätzte sie über alle Maßen. Darüber hinaus betätigte er sich auch als Wissenschaftler und Poet. Besondere Aufmerksamkeit erregten seine Arbeiten „Elemente de istorie a naturii si fizicii (Elemente der Naturgeschichte und der Physik)“ und „Elemente de geografie (Elemente der Geographie)“. Zu seinem literarischen Oeuvre gehört die Sammlung „Sunete si resunete“. Dank seines deutschen Bildungshintergrundes beschäftigte er sich zeitlebens mit der deutschen Literatur und verfertigte im Originalmetrum eine Übersetzung des dramatischen Gedichts „Nathan der Weise“ von Gotthold Ephraim Lessing. Daß er sich ausgerechnet dieses Zeugnis religiöser Toleranz auswählte, war nicht zufällig, denn als talentierter Redner sowie als Sekretär des „Asociatiunii transilvane pentru literatura romana si cultura poporului roman (Siebenbürgischer Verein für rumänische Literatur und Kultur des rumänischen Volkes)“  – ASTRA – entfaltete er eine rege publizistische Tätigkeit und kämpfte entschieden für die Gleichberechtigung des rumänischen Volkes in Siebenbürgen, wobei er sich nicht selten auf Stephan Ludwig Roth berief. 1877 wurde er korrespondierendes Mitglied der Akademie der Wissenschaften und 1890 deren Vollmitglied. 1903 verstarb er im Alter von 69 Jahren.

Abschließend ist sicher mit gutem Recht festzuhalten, daß kaum eine Schule in Siebenbürgen so stark auf das siebenbürgische Geistesleben ausgestrahlt hat wie gerade die Schäßburger Bergschule. Dies ist im kollektiven Gedächtnis haften geblieben, und auch heute noch zehrt die Schule von diesem Ruf.

Wenn wir uns aber nochmals die Aufschrift am Eingang unserer Schule in Erinnerung rufen:

PATRIAE FILIIS VIRTUTI PALLADIQUE SESE VOVENTIBUS SACRUM (den Söhnen des Vaterlandes, die sich der Tugend und Wissenschaft weihen, ein Heiligtum), die Generationen von Schülern und Lehrern beflügelt hat, müssen wir uns die Frage stellen, wie wir heute mit dieser Aussage umgehen. Ich möchte keine Antwort geben und schließe mit dem Zitat von Heinz Brandsch: „Dies (ist) eine Gretchenfrage an Gegenwart und Zukunft“.

Der Anschluss Siebenbürgens an Rumänien und die Siebenbürger Sachsen

Einleitung

Die Siebenbürger Sachsen hatten trotz ihrer Enttäuschung über die Habsburger, die ihre Interessen nur halbherzig unterstützt hatten, und insbesondere ihrer schlechten Erfahrungen mit dem übersteigerten Nationalismus der Budapester Regierung nach dem österreichisch-ungarischen Ausgleich vom Jahre 1867 begeistert an der Seite der Doppelmonarchie an den Kämpfen im Ersten Weltkrieg teilgenommen und einen hohen Blutzoll geleistet. Sie hatten 4850 Tote und Vermisste sowie 4779 Verwundete, unter ihnen 1449 Kriegsinvaliden, zu beklagen. Ihre Loyalität galt nach wie vor ungebrochen der Habsburger Monarchie, ja sogar dem ungarischen Staat, mit dessen Regierung sie sich zu Beginn des Jahrhunderts nach schweren Kämpfen irgendwie arrangiert hatten.

Die rumänische Nationalversammlung am 01.12.1918

Nach dem desaströsen Ausgang des Krieges für die Doppelmonarchie überschlugen sich die Ereignisse und die Siebenbürger Sachsen befanden sich plötzlich in einer sehr schwierigen Situation, ja in einem Dilemma:

Auf der einen Seite fand am 01.12.1918 die legendäre „Nationalversammlung“ der in Siebenbürgen, dem Banat und in Ungarn lebenden Rumänen mit an die 100.000 Teilnehmern statt. Unter tosendem Beifall wurde die Vereinigung der von ihnen bewohnten Gebieten mit Rumänien und eine Resolution beschlossen, in der es u.a. hieß:

I. Die Nationalversammlung aller Rumänen aus Siebenbürgen, dem Banat und Ungarn, die durch ihre beglaubigten Vertreter am 01.12.1918 (18.11.1918 nach altem Stil) in Karlsburg versammelt sind, beschließt die Vereinigung dieser Rumänen und aller von ihnen bewohnten Gebiete mit Rumänien. Die Nationalversammlung verkündet insbesondere das unveräußerliche Recht der rumänischen Nation auf den ganzen Banat, eingeschlossen von den Flüssen Marosch, Theiß und Donau.
II. Die Nationalversammlung behält allen oben genannten Gebieten die provisorische Autonomie bis zum Zusammentritt der auf Grund des allgemeinen Wahlrechts gewählten Konstituante vor.
III. Im Zusammenhang mit dieser als dem Grundprinzip für die Gestaltung des neuen rumänischen Staates verkündet die Nationalversammlung das Folgende:

  1. Die volle nationale Freiheit für alle mitbewohnenden Völker. Jedes Volk wird den Unterricht, die Verwaltung und die Rechtspflege in seiner eigenen Sprache durch Individuen aus seiner eigenen Mitte haben, und jedes Volk wird das Recht der Vertretung in den gesetzgebenden Körperschaften und in der Regierung im Verhältnis der Zahl der zu ihm gehörigen Individuen haben.
  2. Gleichberechtigung und volle autonome konfessionelle Freiheit für alle Konfessionen im Staate.
    3.Volle Verwirklichung eines rein demokratischen Regimes auf allen Gebieten des öffentlichen Lebens. Allgemeines, direktes, gleiches, geheimes, gemeindeweises Proportionalwahlrecht für beide Geschlechter im Alter von 25 Jahren für die Vertretung in Gemeinde, Bezirk oder Parlament.
  3. Vollständige Preß-, Vereins- und Versammlungsfreiheit; freie Propaganda aller menschlichen Gedanken.
  4. Eine gründliche Agrarreform. Es wird eine Zusammenschreibung sämtlicher Besitze gemacht werden, insbesondere der großen Grundbesitze. Auf Grund dieser Zusammenschreibung, indem die Fideikommisse aufgehoben werden, und auf Grund des Rechts, nach Bedarf die Latifundien zu verkleinern, wird es dem Landmann möglich gemacht werden, sich seinen Besitz zu schaffen (Ackerland, Weide Wald) wenigstens von solcher Größe, als er mit seiner Familie bearbeiten kann. Der leitende Grundsatz dieser Agrarpolitik ist einerseits die Förderung der sozialen Gleichheit, andererseits die Steigerung der Produktion.
  5. Der industriellen Arbeiterschaft werden dieselben Rechte und Vorteile zugesichert, die in den fortschrittlichen Industriestaaten des Westens gesetzlich festgelegt sind.
    IV. Die Nationalversammlung gibt ihrem Wunsche Ausdruck, der Friedenskongreß möge die Gemeinschaft der freien Nationen in solcher Weise zustande bringen, daß das Recht und die Freiheit für alle Nationen groß und klein in gleicher Weise gesichert sei und daß in Zukunft der Krieg als Mittel für die Regelung der internationalen Beziehungen ausgeschaltet sei………………………………………………………………………..

Darüber hinaus wurde ein Nationalrat eingesetzt, der nun seinerseits einen Regierungsrat (Consiliu Dirigent) wählte, welcher als eine Art Übergangsregierung fungieren sollte. Ihm gehörten bedeutende Persönlichkeiten an, die auch von den Siebenbürger Sachsen hoch geschätzt wurden. Es waren dies u.a. Juliu Maniu (Vorsitzender), Vasile Goldis, Alexandru Vaida-Voevod, Octavian Goga und Valeriu Braniste. Dieser Regierungsrat nahm dann seinen Sitz in Hermannstadt, sah sich jedoch zunächst einem Chaos gegenüber und hielt die öffentliche Ordnung nur mit Müh und Not aufrecht. Die deutschen Truppen unter Mackensen hatten sich aufgelöst und rückten ab, die rumänische Armee rückte zwar in Siebenbürgen ein, kontrollierte es aber nur teilweise.

Auf der anderen Seite war die neue ungarische Regierung unter dem Grafen Mihaly Karoly nicht bereit, Siebenbürgen preiszugeben, und ordnete einheitliche Bürgerwehren an, die Hab und Gut der Bürger schützen sollten, konnte sich aber nicht durchsetzen, so dass sich allerorts ethnisch getrennte Bürgerwehren bildeten. Wolfgang Rehner zitiert im Jahrbuch 2018 des „Hilfskomitee – Gemeinschaft ev. Siebenbürger Sachen“ den damaligen Stadtprediger von Mühlbach, der treffend die Stimmung wiedergab: „Ungarische Soldaten und Gendarmen sowie Beamte waren verschwunden. Eine sächsische Garde beschützte die innere Stadt, bis im Januar 1919 rumänisches Militär einrückte und Ordnung machte, denn wir gehörten ja nun zum vergrößerten Königreich Rumänien, was uns schwer einleuchten wollte…..“. Die Repräsentanten der Siebenbürger Sachsen befanden sich in einem tiefen inneren Zwiespalt und wussten zunächst nicht, wie sie sich verhalten sollten. Der ungarische Staat, dem über Jahrhunderte die Loyalität der Siebenbürger Sachsen gegolten hatte, existiert ja noch, aber es waren Entwicklungen im Gange, die völlig neue Tatsachen zu schaffen schienen, die nicht ignoriert werden konnten. Waren die Karlsburger Beschlüsse schon eine Vorentscheidung, oder konnte sich noch etwas ändern? Was war also in einer solchen Lage zu tun? Die Devise hieß zunächst: abwarten. Die Siebenbürger Sachsen hatten bereits seit der Zerschlagung des Königsbodens im Jahre 1876 einen Zentralausschuss zur Vertretung ihrer Interessen im ungarischen Staat. Dieser war am 29 Oktober 1918 in Hermannstadt zusammengetreten und hatte erklärt, „dass das sächsische Volk…. fest und unerschütterlich zum ungarischen Vaterland steht.“ Der bisherige Präsident, Dr. Carl Wolff, trat aus Altersgründen zurück, Dr. Adolf Schullerus, der Stadtpfarrer von Hermannstadt, wurde Präsident und Dr. Hans Otto Roth Sekretär des Zentralausschusses. Am 2. November 1918 rief der neugewählte Präsident die in Hermannstadt anwesenden Mitglieder, sowie die sächsischen Abgeordneten im Budapester Reichstag zusammen und diese elf Personen konstituierten sich als „vorläufiger Deutsch-Sächsischer Vollzugsausschuss zur Vertretung unserer Volksrechte“ und gab sich bald danach die Bezeichnung „Deutsch-sächsischer Nationalrat“. Fast gleichzeitig wurde der „Deutsche Volksrat in Ungarn“ gegründet, der den Anspruch erhob, 2,5 Millionen Deutsche in Ungarn zu vertreten, und dem auch die sächsischen Abgeordneten unter Leitung von Rudolf Brandsch geschlossen beitraten. Dieser Volksrat trat vehement für die „Unversehrtheit des ungarischen Staatsgebietes …“ ein. Der „Deutsch-sächsische Nationalrat“ war nicht bereit, sich dem Volksrat zu unterstellen, befürwortete aber eine enge Kooperation. Auf die verzweifelten Versuche Ende November/Anfang Dezember der Budapester Regierung, die Sachsen auf Ihre Seite zu ziehen, indem sie neue Töne anschlug und großzügige Angebote hinsichtlich des sächsischen Schulwesens machte, reagierten diese bereits zurückhaltend.

Die Anschlusserklärung der Siebenbürger Sachen am 08.01.1919

In der Zwischenzeit war nämlich unter den Sachsen ein Umdenken im Gange. Beispielsweise nahm am 16. November 1918 Hans Otto Roth im „deutsch-sächsischen Vollzugsausschusses“ Bezug darauf, dass sich der rumänische Nationalrat in Arad für Großrumänien entschieden habe, und forderte eine Neuorientierung in der Politik: „Die nationalen Freiheiten, die uns zugesichert werden, werden jedenfalls bedeutend größer sein, als wir sie im Staate Ungarn genossen haben. Wollen wir diese für uns günstige Stimmung ausnützen, so müssen wir darauf dringen, dass unsere Abgeordneten die Richtung ihrer Politik so bald als möglich ändern“. Am 9. Dezember versammelten sich unter dem Vorsitz von Dr. Adolf Frank über 500 in Bukarest wohnende Sachsen im „Transsylvania-Saal“ und sprachen sich für den „Geist des Rechts und der Freiheit“ aus, der aus der Erklärung von Karlsburg spreche und gaben ihre Zustimmung zum Anschluss Siebenbürgens an Rumänien. Da sie sich zu einer solchen Erklärung nicht autorisiert fühlten, beschlossen sie, eine Delegation nach Hermannstadt zum „deutsch-sächsischen Nationalrat“ zu schicken, um „ihren Volks- und Glaubensgenossen in der Heimat den gut gemeinten Rat zu erteilen, ….für die Vereinigung Siebenbürgens mit Rumänien zu stimmen.“ Auch der Regierungsrat drängte energisch auf eine Entscheidung der Sachsen, und so wuchs der Druck auf Adolf Schullerus und den Nationalrat enorm. Nach fieberhaften Diskussionen wurde schließlich entschieden, den durch die Ersatzmitglieder erweiterten Zentralausschuss als sächsische „Nationalversammlung“ nach Mediasch einzuberufen und eine Erklärung der Siebenbürger Sachsen zum Anschluss Siebenbürgens an Rumänien abzugeben. Die Erklärung erfolgte am 08.01.1918 und hat folgenden Wortlaut:

„Die Weltereignisse haben für das Gebiet, auf dem das Volk der Siebenbürger Sachsen vor fast 800 Jahren seine Heimat begründet hat, neue Tatsachen geschaffen, König Ferdinand von Rumänien hat in seinem Dekrete vom 27. Dezember 1918 die Herrschaft über dieses Gebiet ausgesprochen und angetreten. Der zahlreichste Volksstamm Siebenbürgens und der angrenzenden Teile Ungarns aber hat in seiner Karlsburger Nationalversammlung den Anschluß an Rumänien erklärt. Durch die Vereinigung Siebenbürgens und und der von Rumänen bewohnten Teile Ungarns mit Rumänien wird ein Gesamtgebiet geschaffen, dessen Zusammengehörigkeit in den ethnographischen Verhältnissen begründet ist.

Angesichts dieser Tatsachen und in der Überzeugung, daß sich hier ein weltgeschichtlicher Vorgang vollzieht, spricht das sächsische Volk in Siebenbürgen, indem es sich auf den Boden des Selbstbestimmungsrechtes der Völker stellt, seinen Anschluß an das Königreich Rumänien aus und entbietet dem rumänischen Volke seine brüderlichen Grüße und herzlichen Glückwünsche zur Erfüllung seiner nationalen Ideale.

Das sächsische Volk Siebenbürgens trägt damit nicht nur der weltgeschichtlichen Entwicklung Rechnung, sondern auch dem inneren Rechte des rumänischen Volkes auf Vereinigung und Staatenbildung und spricht die zuversichtliche Erwartung aus, daß sich das rumänische Volk und der rumänische Staat, dem das sächsische Volk seine altererbte Tüchtigkeit zur Verfügung stellt, ihm gegenüber immer durch vornehme und gerechte Gesinnung leiten lassen wird. Das sächsische Volk, das Jahrhunderte hindurch eine verfassungsmäßige Selbstverwaltung besaß, die ihm entgegen feierlicher und gesetzlicher Zusicherung widerrechtlich entzogen wurde, erwartet ferner, daß es ihm niemals unmöglich gemacht werde, sich als eine ihres Volkstums bewußte nationale und politische Einheit in aller Zukunft zu behaupten und zu entwickeln, in der Voraussetzung, dass der neue Staat ihm alles gerne bieten und geben wird, was es als seine Lebensbedingung ansieht.

Eine Gewähr hierfür sieht es in den Karlsburger Beschlüssen der rumänischen Nationalversammlung, in denen ausgesprochen ist, daß jedes Volks sich in seiner eigenen Sprache und durch seine Söhne leiten, unterrichten, verwalten, rechtsprechen und in Gesetzgebung und Regierung die entsprechende Vertretung erhalten soll, die für Kirche und Schule Autonomie gewährleisten und überhaupt eine gerechte und wohlwollende Berücksichtigung aller freiheitlichen, nationalen, wirtschaftlichen und kulturellen Rechte der Völker und damit auch unseres Volkes verbürgen.

Das sächsische Volk stimmt ferner dem Beschlusse der Karlsburger Nationalversammlung zu, wonach auf dem Friedenskongreß die Gerechtigkeit und die Freiheit für die großen und kleinen Nationen gleichmäßig gesichert werden sollen, und sieht darin eine dauernde Bürgschaft für den Frieden der Völker.

Es hofft und wünscht, daß auch die übrigen deutschen Volksgenossen im neuen Staate seinem Vorgehenn sichanschließen werden, und spricht die Erwartung aus, daß die Rechte, die ihm gebühren, auch den übrigen Deutschen zuerkannt werden und daß die völkische und politische Zusammengehörigkeit aller Deutschen in dem neuen Staate anerkannt wird!

Im vollen Bewußtsein der Bedeutung seines Entschlusses, betrachtet sich das sächsische Volk von heute an als ein Glied des rumänischen Reiches, seine Söhne und Töchter als Bürger dieses Staates. Es bittet Gott, daß er den verantwortungsvollen Schritt, den es zu tun sich verpflichtet fühlte, zum Guten lenke und mit seinem Segen begleite.“

Die Erklärung wurde wohlwollend vom König und der Bukarester Regierung entgegengenommen. Den Text hatte der sächsische Abgeordnete im ungarischen Reichstag und zeitweiliger Schriftleiter des Siebenbürgisch Deutschen Tageblattes Dr. Rudolf Schuller verfasst, der in vielerlei Hinsicht im Gegensatz zu Rudolf Brandsch stand. Sicher hat diese Erklärung nicht den Ausschlag für den Anschluss Siebenbürgens gegeben, aber die rumänischen Politiker legten großen Wert auf den Standpunkt der Sachsen, und diese waren auch der Meinung, sich positionieren zu müssen, um ihre Erwartungen an den neuen Staat deutlich zu machen. Auch die Broschüre „Cine sint si ce vor sasii din Ardeal? (Wer sind und was wollen die Sachsen aus Siebenbürgen?)“ wurde wohlwollend entgegengenommen. Paul Philippi schreibt in einem Nachwort zur zweisprachigen Neuauflage der Broschüre im Jahre 1968, also zum 50sten Jahrestag der Anschlusserklärung der Siebenbürger Sachsen: „…Sie war an die große Mehrheit der Bewohner des neuen Staatsverbandes gerichtet, in den Siebenbürgen 1919 gerade eingetreten war. Es war gewissermaßen ein Akt der Vorstellung: Die Siebenbürger Sachsen machten sich ihren neuen Mitbürgern jenseits der Karpaten bekannt, und sie taten es, guter Sitte entsprechend, nicht nur durch sich selbst; sie ließen sich von einem hervorragenden Mitglied der Gesellschaft in den Kreis derer einführen, zu denen sie von nun an gehören wollten: Kein geringerer als Nicolae Iorga hat dies Amt des Eingrüßens übernommen und zu seinem eigenen Anliegen gemacht. Er wird sich dessen bewusst gewesen sein, damit eine Mission zu erfüllen, die ihm als Historiker und Patrioten unverwechselbar zugewachsen war….“ Es handelte sich beim Text um eine Selbstdarsrellung der Sachsen unter verschiedenen Aspekten:

  1. Wer sind die Sachsen und wo wohnen sie?
  2. Aus der Vergangenheit der Siebenbürger Sachsen
  3. Die soziale Lage der Sachsen
  4. Die sächsischen Landwirtschaft
  5. Handwerk, Industrie, Handel und Bamkwesen bei den Sachsen
  6. Schule und Kirche bei den Sachsen
  7. Das geistige Leben bei den Sachsen
  8. Die Organisation der Sachsen
  9. Der nationale Charakter der Sachsen
  10. Was erwarten die Sachsen von ihrem neuen Vaterland?

Eine solche Darstellung war sicher sehr hilfreich, denn man konnte nicht davon ausgehen, dass die Rumänen im Altreich, also in der Moldau und in der Walachei, viel Kenntnis über die Siebenbürger Sachsen hatten. Man hat jahrzehntelang gerätselt, wer der Autor des Textes war, Iorga hatte ja nur das Vorwort geschrieben. Der Historiker Vasile Ciobanu hat erst 1991 herausgefunden, dass es sich um den sächsischen Journalisten und Reichstagsabgeordneten Emil Neugeboren handelt.

Schluss

Im Jahre 1919 schickten sich die Sachsen nun an, alle Vorbereitungen zur Mitwirkung im neuen Staate zu treffen. Nach vielen Debatten wurde zum 6. November 1919 ein großer Sachsentag nach Schäßburg einberufen, der die Anschlusserklärung vom 8. Januar 1919 billigte und das „Sächsische Volksprogramm“, das als Basis der sächsischen politischen Mitwirkung im neuen Staate dienen sollte, verabschiedete. Dieses Volksprogramm bestand auf die Erfüllung der Karlsburger Beschlüsse und ergänzte diese durch konkrete inhaltliche und organisatorische Programmpunkte. Die Führungsrolle fiel nicht zuletzt wegen seiner hervorragenden Vernetzung mit führenden rumänischen Politikern dem ehemaligen ungarischen Abgeordneten Rudolf Brandsch zu, der in der Folge auch eine große Rolle auf nationaler und internationaler Ebene im Kampf um die Minderheitenrechte spielen sollte. Im November rückten dann auch die sächsischen Abgeordneten in das rumänische Abgeordnetenhaus und in den Senat ein, voller Hoffnung, dass jetzt eine befriedigende neue Ära anbrechen würde. Umso größer war die Enttäuschung, als sie feststellen mussten, das das rumänische Parlament und die Regierung gar nicht daran dachten, die Versprechungen der Karlsburger Nationalversammlung einzuhalten. Es wurden lediglich kleinere und halbherzige Zugständnisse gemacht, und selbst die wurden in der Folgezeit nicht immer eingehalten. Die Agrarreform von 1920, die die Sachsen und vor allem die für das sächsische Schulwesen verantwortliche evangelische Kirche empfindlich schädigte, tat ein Übriges, um bei den Sachsen eine große Unzufriedenheit hervorzurufen. Insofern ist es auch folgerichtig, dass die sächsischen Abgeordneten die neue Verfassung vom März 1923, die erheblich vom Inhalt der Karlsburger Beschlüsse abwich, ablehnten. Der Geist der Dambovita wehte nun kräftig auch über Siebenbürgen. Und das tut er bis zum heutigen Tage! Es blieb aber den Sachsen nichts anderes übrig, als sich mit der neuen Lage abzufinden, nicht zu resignieren und sich mit den Verhältnissen irgendwie zu arrangieren, wie so oft in ihrer vielhundertjährigen Geschichte. Die folgenreichen späteren Verwerfungen der 30er und 40er Jahre, deren eine der Wurzeln auch darin gelegen haben mag, konnte damals noch niemand vorausahnen. Heute haben sich die Siebenbürger Sachsen mit dem Anschluss Siebenbürgens an Rumänien vollends ausgesöhnt und wirken am Staate konstruktiv mit. Die Tatsache, dass einer von Ihnen es sogar zum Staatspräsidenten gebracht hat, ist ein schlagender Beweis dafür.

Die Entstehung der siebenbürgisch-sächsischen Kirchenburgen-Historischer Kontext

Einleitung

Siebenbürgen ist weltweit bekannt durch den sehr fragwürdigen, ja unwürdigen Draculakult, der in seiner Primitivität und Geschichtsvergessenheit seinesgleichen sucht. Auch Schässburg kann ein Lied davon singen.

Siebenbürgen ist aber auch weltweit bekannt durch seine Burgenlandschaft, deren Herzstück die siebenbürgisch-sächsischen Kirchenburgen sind. Nirgends auf der Welt gibt es eine solche Dichte und Vielfalt von Wehrkirchen und Kirchenburgen wie im relativ engen Raum des Siedlungsgebietes der Siebenbürger Sachsen. Sie sind steinerne Zeugen einer höchst bewegten und gefahrvollen Zeit und haben ihren Erbauern größte Anstrengungen abverlangt, dies umso mehr, als sie nicht von der Obrigkeit ins Werk gesetzt wurden, sondern auf eigene Kosten und in Eigenregie der Bevölkerung. Welche Umstände haben nun zu ihrer Entstehung und ihrem stetigen Ausbau geführt? Im Folgenden wird der historische Kontext in Erinnerung gerufen, in dem nicht nur die Burgenlandschaft entstanden ist, sondern in dem auch die Menschen in Siebenbürgen ihre spezifische Prägung erfahren haben, eine Prägung, die bis heute noch in Sitten und volkscharakterlichen Eigenschaften zu erkennen sind. Dabei stütze ich mich neben der traditionellen siebenbürgisch-sächsischen Historiographie auf einschlägige neuere Veröffentlichungen von Hermann Fabini, Harald Roth, Konrad Gündisch und Thomas Nägler.

Ungarische Landnahme in Siebenbürgen

Für unseren Zusammenhang wesentlich ist die grundlegende Veränderung der Machtverhältnisse im Donau-Karpatenraum an der Wende des 9. zum 10. Jahrhundert. Beginnend mit dem Jahr 895 nahmen die finno-ugrischen Magyaren (Ungarn), aus dem nördlichen Schwarzmeergebiet über die Waldkarpaten eindringend, die pannonische Tiefebene in ihren Besitz. Zur Sicherung der neuen Heimat und zur Abschreckung der Nachbarn unternahmen sie bald Streifzüge nach Westen, die in Raub- und Beutezüge ausarteten und das spätkarolingische Westeuropa ein halbes Jahrhundert lang in Angst und Schrecken versetzten. Bereits 898 drangen die Magyaren in Oberitalien ein, 907 schlugen sie die Bayern unter Markgraf Luitpold vernichtend. Sengend und plündernd gelangten sie in der Folgezeit bis nach Otranto im Süden, nach Spanien im Südwesten und nach Bremen im Nordwesten.

Erst König Otto I. ist es auf dem Lechfeld bei Augsburg (955) gelungen, die Magyaren vernichtend zu schlagen. Sein Sieg, der ihm den Beinamen „der Große“ eingetragen hat, setzte den ungarischen Einfällen ein Ende. Die Zeitgenossen, auch die unterlegenen Magyaren, werteten das Ereignis als einen Sieg der Christenheit. Die Schlacht trug dazu bei, dass sich die Magyaren unter ihrem Großfürsten Geysa (972-997) aus dem Geschlecht der Arpaden dem Christentum zuwandten und sich staatlich zu organisieren begannen. Statt der Konfrontation suchten sie nun die Kooperation mit dem Abendland, dessen Religion sie übernahmen und deren staatliche Organisationsformen sie als Vorbild betrachteten.
Zwischen dem Deutschen und dem Byzantinischen Reich, den beiden Imperien, die jeweils für sich die Nachfolge des Römischen Reiches beanspruchten, entwickelte sich Ungarn zu einem wichtigen Faktor der ostmittel- und südosteuropäischen Politik. Seine Expansionsbestrebungen galten im Südwesten dem Zugang zum Adriatischen Meer, im Osten dem Erwerb Siebenbürgens, wegen seiner Bodenschätze, besonders wegen des für die Viehzucht dringend benötigten Salzes und wegen seiner Funktion als natürliches Bollwerk gegen Angriffe aus dem Osten und Südosten des Kontinents.

Das Vorrücken der Magyaren in Siebenbürgen im 10.-12. Jahrhundert wirkte sich nachhaltig auf die geschichtliche Entwicklung des Landes aus, das sie, von Pannonien aus gesehen, als „Land jenseits der Wälder“ bezeichneten. Die Landnahme Siebenbürgens erfolgte in mehreren Etappen, die von der innenpolitischen Situation in Ungarn, vom Widerstand der kleineren siebenbürgischen Herrschaftsbildungen, von den Beziehungen zum Byzantinischen Reich und zum Walachisch-Bulgarischen Zarat bestimmt wurden.

Dem Schutz der im Nordwesten Siebenbürgens angelegten Salzminen, neben denen bald Orte mit Hospites-Beteiligung entstanden, dienten jeweils zugeordnete Burgen, die sich ihrerseits in die planmäßige Struktur der Eroberung und des Landesausbaus einfügten: Östlich der Gebirge entstand bis zu den Südkarpaten hin eine Kette von Burgen, die als Ausgangspunkte für den Ausbau von Komitaten dienten und diesen oft den Namen gaben; so erklärt sich deren häufig anzutreffende längliche West-Ost-Ausdehnung. Dem Schutz des in Besitz genommenen Gebiets diente ein Verhausystem: dichten Wäldern vorgelagerte breite Ödlandstreifen, die ein Abfangen des Feindes möglich machen sollten. Nach der nächsten Verlegung der Verhaue wurde der Ödlandstreifen aufgesiedelt. Dieser Vorgang erfolgte in mehreren Etappen, 1150 wurde die Altlinie und um 1200 wurden die Karpaten erreicht. Der Grenzschutz richtete sich neben Byzanz vor allem gegen die Petschenegen und Kumanen, die gelegentlich, nachdem es sich in beiden Fällen um turkstämmige Ethnien handelte, in der Überlieferung verwechselt wurden.

Zu den wichtigsten Grenzwächtern Ungarns gehören die Szekler. Sie sind wohl ursprünglich ein Türk-Stamm, der sich früh den Magyaren anschloss. Szeklerorte sind sowohl an der West- als auch an der Ostgrenze Ungarns nachweisbar, in Siebenbürgen jeweils entlang der Verhausäume, die im Zuge der etappenweisen Eroberung mehrmals verlegt worden sind, bis die Szekler um die Mitte des 12. Jahrhunderts ihr heutiges Siedlungsgebiet in den Senken am Fuße der Ostkarpaten erreichten. So wurden sie beispielsweise aus der „terra Syculorum terrae Sebus“ bei Mühlbach in den späteren Szeklerstuhl Sepsi an den Ostkarpaten umgesiedelt.

Nach jedem Vorschieben der Grenze blieb das Ödland der alten Verhausäume frei und fiel an den König. Die Besiedlung dieses deshalb so genannten Königsbodens war aus strategischen und wirtschaftlichen Gründen wichtig. Notwendig erschien es, hier, im Vorfeld der neu errichteten Verhausäume, eine kriegstüchtige Bevölkerung anzusiedeln, die zugleich im Stande sein sollte, das Land durch Rodung urbar zu machen, Ackerbau, Handwerk und Handel zu treiben, möglichst auch den wachsenden Bedarf an Salz und Edelmetallen durch Erschließung der Bodenschätze zu decken.

Wie Thomas Nägler überzeugend nachgewiesen hat, waren diese zur Besiedlung freigemachten Flächen durchaus nicht ein „leeres, wüstes, herrenloses Gebiet“, wie die überlieferten Begriffe „terra deserta“ und terra vacua et inhabitata“ glauben machen könnten, sondern ein „verlassener Boden“ mit Bezug auf die Szekler, wobei nach neueren Forschungen auch von in unterschiedlicher Streuung vorhandenen rumänischen Siedlungen ausgegangen werden muss. Es muss auch davon ausgegangen werden,dass nicht alle Szekler ihre Wohngebiete verlassen haben, wie es auch Reste petschenegischer Siedlungsgruppen oder -grüppchen gegeben haben dürfte. Völlig menschenleer war also der den Neusiedlern zur Verfügung gestellte Boden nicht.

Ansiedlung der Siebenbürger Sachsen

Der riesigen Aufgabe der Verteidigung und wirtschaftlichen Erschließung der erworbenen Territorien waren die Magyaren allein wegen ihrer geringen Bevölkerungszahl nicht gewachsen, auch die als Grenz- und Hilfsvölker integrierbaren Bevölkerungsgruppen (oftmals waren es Flüchtlinge aus der südrussischen Steppe) wurden rar, und der Mangel an qualifizierten Fachkräften machte sich bald besonders im Bergbau bemerkbar. Die Magyaren erkannten – wie bereits der Staatsgründer Stephan der Heilige seinen Sohn Emmerich in einem „Libellus de institutione morum“, einer Art Fürstenspiegel, ermahnte -, dass einwandernde „Gäste verschiedene Sprachen und Sitten, verschiedene Lehren und Waffen mit sich bringen, die alle Reiche und den königlichen Hof schmücken und erhöhen, […] denn schwach und vergänglich ist ein Reich, in dem nur eine Sprache gesprochen wird und einerlei Recht gilt“. Dementsprechend kamen seit der Regierungszeit Stephans immer wieder deutsche Berater und kleinere mit Privilegien ausgestattete Siedlergruppen ins Land.

Ab Mitte des 12. Jh. wurde in rascher Folge die Hermannstädter Provinz, das Harbachtal, das Repser Land, der Unterwald und kurz danach Schäßburg besiedelt. 1224 erwähnt der Goldene Freibrief das Gebiet von Broos bis Draas, die sogenannten Sieben Stühle oder der Königsboden. Es folgten die Zwei Stühle Mediasch und Schelk. Gleichzeitig fand im Nösner Land und im Reener Ländchen eine rege Siedlungstätigkeit statt. Die Siedler ließen sich auch außerhalb des Königsbodens, also auf Adelsboden, nieder, wobei die ihnen dort zunächst gewährten Privilegien im Verlauf der Zeit immer mehr streitig gemacht wurden, sodass sie schließlich in den Hörigenstand herabsanken.

Der Deutsche Orden im Burzenland

Zu dieser Zeit berief König Andreas II. auch den Deutschen Orden ins Burzenland. Dieses im Karpatenbogen gelegene Gebiet, in das mehrere Pässe aus dem Osten und Süden führten, war besonders gefährdet und strategisch wichtig. Die Ritter gründeten mehrere Ortschaften und bauten eine erste Marienburg am Alt als Ordenssitz. In die Gründungen riefen sie deutsche Siedler, vornehmlich aus der Hermannstädter Provinz. Jüngste, noch nicht abgeschlossene Ausgrabungen deuten aber auch auf eine frühere Anwesenheit abendländischer Kolonisten in diesem Gebiet.

Der Aufenthalt des Deutschordens in Siebenbürgen blieb eine Episode:
vierzehn Jahre später, 1225, wurde er des Landes verwiesen. Der Orden beabsichtigte anscheinend von Anfang an, eine über das Burzenland hinausgreifende Eigenstaatlichkeit zu entwickeln und Steinburgen zu bauen, wie er es später in Preußen dann auch tatsächlich tat. Der König war nicht bereit derlei Eigenmächtigkeiten zu dulden.

Herkunft der Siebenbürger Sachsen

Die Auswanderung der Siedler erfolgte, darin sind sich die Wissenschaftler heute einig, weder aus einem eng begrenzten Raum, noch in einer erheblich großen Zahl. Sprachwissenschaftliche Studien lassen den Schluss zu, dass die ersten Siedlergruppen aus der Rhein-Moselgegend, aus Flandern und aus Nordfrankreich nach Siebenbürgen gekommen sind. Im weiteren Verlauf der Besiedlung sind auch aus anderen Teilen Deutschlands Auswanderer gekommen. Nach Th. Nägler kam der größere Teil der Siedler im 12. Jh. aus linksrheinischen Gebieten, während sich im 13. Jh. die Auswanderung von Franken nach Mittel- und Süddeutschland verlagerte. Die Siedler werden in den Urkunden zunächst als Teutonici, Flandreses und Latini bezeichnet. Erstmals erscheinen sie in der königlichen Kanzlei 1206 als Saxones, also Sachsen. Als Sachsen werden allerdings überall im mittelalterlichen Ungarn die Inhaber von Privilegien bezeichnet, die zunächst von sächsischen Bergleuten ausgehandelt worden sind, die man als seltene Fachleute für den Abbau der Bodenschätze dringend benötigte, in der Zips oder in Siebenbürgen ebenso wie in Bosnien und Serbien. Die Bergrechte, die man ihnen zusicherte, um sie ins Land zu locken und zum Bleiben zu veranlassen, enthalten den ganzen Katalog von Vorrechten, den mittelalterliche Kolonisten in Ungarn beanspruchen konnten: persönliche Freiheit, vererbbaren Besitz, eigene Verwaltung und Gerichtsbarkeit, kirchliche Autonomie durch freie Pfarrerwahl, geregelte, damit kalkulierbare Abgaben und sonstige Pflichten. „Sachse“ war somit synonym mit einem Rechtsstatus und nicht, wenn überhaupt, ein Herkunftsname.

Aufgrund von oft widersprüchlichen Forschungsergebnissen kann die Herkunftsfrage der Siebenbürger Sachsen nicht als abschließend geklärt betrachtet werden. Eine Klärung ist angesichts der Quellenlage auch kaum zu erwarten und erübrigt sich, wenn man davon ausgeht, dass die Kolonisten in kleinen Gruppen aus allen Gebieten des damaligen Reiches ausgewandert, unterschiedlicher regionaler und ethnischer Herkunft sind, und erst in Siebenbürgen zur einer Gruppe mit eigenem Identitätsbewusstsein, mit deutscher Sprache und Kultur zusammengewachsen sind.

Privilegierung

Die vorteilhaften Bedingungen des ungarischen Gastrechtes hat Geysa II. jenen angeboten, die er in sein Reich gerufen hat. Schriftlich festgehalten wurden sie 1224 im „Goldenen Freibrief“ seines Nachfolgers Andreas II., der „das am besten ausgearbeitete und weitestgehende Siedlerrecht, das westlichen Siedlern in Osteuropa verliehen wurde“ enthält. Zentrale Rechte waren die Selbstverwaltung, die freie Richter- und Pfarrerwahl und die gemeinschaftliche Steuerleistung. Der Gruppe stand bis ins 15. Jh. ein vom König ernannter Königsrichter, danach wurde er ebenfalls gewählt, die Rechtsgemeinschaft und ihr Territorium im Status eines Komitats waren königsunmittelbar.

Dieser Freibrief steht vermutlich im Zusammenhang mit der Goldenen Bulle von 1222, dem Grundgesetz des mittelalterlichen Ungarn, die der Adel dem König abgetrotzt hatte und in der dem Adel seine Freiheitsrechte einschließlich der Steuerfreiheit und des Widerstandsrechtes eingeräumt wurde. Diese weitgehenden Privilegien erinnern an das Liberum Veto in Polen, das die polnischen Herrscher so sehr schwächte. Auch die Auseinandersetzung mit dem Deutschen Orden zeichnete sich sicher schon ab. Der König brauchte also dringend ein loyales und kräftiges Gegengewicht, das er, wie die weitere Geschichte zeigte, zu Recht in den Siedlern sah. Dieser Freibrief, der im Verlauf der Jahrhunderte noch wiederholt bestätigt werden sollte, wurde so zur existentiellen Grundlage der erfolgreichen Entwicklung der Siebenbürger Sachsen.

Siedlungsform

Bezeichnend für die Siedler war, dass sie sich offensichtlich der ihnen zugewiesenen Rolle, nämlich Landesausbau und Verteidigung, voll bewusst waren. Die Eigenart der deutschen Siedlungen in Siebenbürgen besteht darin, dass die Aufteilung der Ackerfläche nach dem System des Gewanndorfes mit flämischen Hufen erfolgte. Dabei liegen im Unterschied zum Waldhufendorf die Äcker nicht unmittelbar hinter dem Haus, sondern außerhalb der Ortschaft, so dass die Häuser in geschlossenen Zeilen eng beieinander stehen und ein Straßen- Anger- oder Platzdorf bilden. Es liegt auf der Hand, dass das enge Zusammenrücken der Wohnhäuser gemeinschaftsfördernd ist und auch verteidigungstechnische Vorteile hat. Dass bei den deutschen Ortsgründungen Siebenbürgens dieser Siedlertyp gewählt wurde, deutet darauf hin, dass schon anfangs eine äußere Bedrohung vorhanden war, die die Neuankömmlinge veranlasste, diese Siedlungsform zu wählen. Diese Weichenstellung ist eine Grundvoraussetzung für die spätere Entwicklung der Kirchenburgen, die in einer Streusiedlung kaum vorstellbar sind. Ebenso wären die starken nachbarschaftlichen Bindungen, eine wesentliche Voraussetzung für das Zusammenschmelzen der heterogenen Gruppen zum Neustamm der Siebenbürgen Sachsen, nicht möglich gewesen. Schließlich ließ diese Siedlungsform, wie Th. Nägler nachweist, auch zu, dass auf Eigentumsrechte von vorhandenen Vorsiedlern (Rumänen, Szekler) geschmeidig Rücksicht genommen wurde.

Frühe Siedlungszeit

Diese „Siebenbürger Sachsen“ haben die ihnen zugewiesenen Gebiete in kurzer Zeit wirtschaftlich erschlossen, nicht nur den Boden nutzbar gemacht und die Agrartechnik verbessert, sondern auch die edelmetallreichen Gebiete der West- und Ostkarpaten (Siebenbürgisches Erzgebirge, Rodenauer Berge) und die Salzstöcke im Siebenbürgischen Hochland erschlossen, Gewerbe und Handel vorangebracht.

Bei dem mit voller Wucht 1241/2 hereinbrechenden Westfeldzug der Mongolen versagte ihr Verteidigungssystem jedoch vollständig. Zentrale Orte und Burgen wurden genauso überrannt wie die zahlreichen jungen sächsischen Siedlungen. Zu den materiellen Schäden kam die Halbierung der Bevölkerung und der Verlust großer Teile der Eliten. Obwohl König Bela bei Gewährung mehrerer Privilegien eine energische Neukolonisierung betrieb, blieben zahlreiche Orte dauerhaft Wüstungen. Ein neues Burgensystem, die massive Förderung der Städte und deren Wehranlagen sowie eine im Großen und Ganzen erfolgreiche Binnensiedlung brachten recht bald einen beachtlichen Aufschwung. Diese neuorganisierte Landesverteidigung konnte so tatsächlich dem zweiten Mongolensturm von 1285 und weiteren Tatareneinfällen der Goldenen Horde trotz hoher Verluste standhalten. Auf dem Königsboden ging man nach diesen schrecklichen Erfahrungen zügig daran die Städte massiv zu befestigen; auch in den ländlichen Siedlungen begann man allmählich mit dem Hochziehen von Ringmauern um die Kirchen herum und diese für Verteidigungszwecke auszubauen. Unter diesen eher günstigen Voraussetzungen setzte trotz gelegentlicher Erbfolgekriege eine etwa 100-jährige Blütezeit ein, die ihren Höhepunkt während der Regierungszeit Ludwig I. gegen Ende des 14. Jh. erreichte. Es war eine Zeitspanne, die G. D. Teutsch als „das Jahrhundert der Anjou, der Sachsen schönster Zeitraum“, bezeichnet hat.

Türkengefahr

Gegen Ende des 14. Jh. brach eine neue existentielle Gefahr über das Land herein, die über mehrere Jahrhunderte andauerte und das Land sowie seine Siedler bis aufs Äußerste herausforderte: Die Türkengefahr.
Die Osmanen fielen 1395 erstmals in Siebenbürgen ein, die Walachei war ihnen bereits 1387 tributpflichtig geworden. 1396 erlitt ein Kreuzzugheer bei Nikopolis eine schwere Niederlage, worauf das Reich Bayezids I. bis unmittelbar an die Grenzen Ungarns reichte. Die Reorganisation des ungarischen Verteidigungswesens löste die wenig zuverlässigen Adelsaufgebote zwar ab, konnte der Gefahr der Feldzüge der Osmanen und der andauernden Streifzüge ihrer Verbündeten jedoch nicht wirksam begegnen. Nach 1420 häuften sich die Einfälle und insbesondere die Grenzgebiete des Südens wie der Brooser Stuhl wurden in den folgenden Jahrzehnten wiederholt überrannt und gebrandschatzt, durch Vernichtung und Versklavung der Bewohner entvölkert, viele Städte (etwa Mühlbach und Broos) in ihrer Entwicklung dauerhaft beeinträchtigt. Berüchtigt waren vor allem die sogenannten „Renner und Brenner“, von den Sultanen geduldete berittene Freischärler, die Jahr für Jahr ihre Beutezüge machten und weit über die osmanischen Grenzen hinaus ausschwärmten und sogar bis tief nach Kärnten und die Steiermark vorstießen. Siebenbürgen war eines ihrer bevorzugten Ziele. Die permanente und unberechenbare Bedrohung führte zu einer starken Befestigung der Städte – zumal reiche Fernhandelsstädte wie Hermannstadt und Kronstadt wurden zu uneinnehmbaren Festungen – und in vielen Dörfern vor allem im Süden und Osten Siebenbürgens zum systematischen Ausbau der Kirchen zu Wehrkirchen und Kirchenburgen, wodurch sich die in dieser Region bis heute größte Konzentration solcher Baudenkmäler in Europa erklärt; Fliehburgen verloren nun, gerade für die Städte, ihre bisherige Bedeutung.

So wurden die ummauerten Städte seit dem Ende des 14. Jahrhunderts zum wirksamsten Schutz gegen die wachsende Bedrohung durch die osmanischen Türken. Sie widerstanden auch längeren Belagerungen und behinderten den Vormarsch größerer Truppenverbände, während die befestigten Dorfkirchen Schutz gegen kleinere Beutezüge boten. Solche Beutezüge waren geradezu auf der Tagesordnung, denn große Truppenverbände, die sich auf dem Vormarsch befanden, mussten ernährt und versorgt werden. Fouragetrupps schwärmten permanent aus, raubten, plünderten und mordeten. Wallenstein hat später diese Praxis zum Prinzip erhoben, nämlich: „Der Krieg ernährt sich selbst“, ein Prinzip, das bei einem Vormarsch großer Verbände einen bis zu 150 km breiten völlig verwüsteten Streifen zur Folge hatte.
Mit diesem einzigartigen System der Wehrkirchen und befestigten Städten fügten sich die Siebenbürger Sachsen in das vielgerühmte „Antemurale Christianitatis“ ein, in die Vormauer der Christenheit, welche die südosteuropäischen Völker gegen die vordringenden Türken gebildet haben. Nach dem Fall von Konstantinopel (1453) konnte der Bürgermeister von Hermannstadt stolz schreiben, seine Stadt sei nun „nicht allein des Königreichs Ungarn, sondern auch der ganzen Christenheit Schild und Schirm“.

Nationsuniversität

Die osmanische Bedrohung, aber auch die Gefährdung des privilegierten Rechtsstandes durch den ungarischen Adel bestimmten das städtische Bürgertum – angeführt von seiner patrizischen Oberschicht (Gräfen, später Kaufleute, reiche Handwerker und Bergbauunternehmer) die Initiative zum politischen Zusammenschluss der deutschen Siedlergemeinschaften zu ergreifen, die in vier territorial nicht ganz zusammenhängenden Gebieten lebten (den sog. Sieben Stühlen der Hermannstädter Provinz, den Zwei Stühlen des Kokelgebietes, dem Nösner und dem Burzenländer Distrikt). Unter Rückgriff auf die Vorgabe des Andreanischen Freibriefs („unus sit populus“ – einig sei die Gemeinschaft) wuchsen diese zur Sächsischen Nationsuniversität (Universitas Saxonum, die Gesamtheit der Sachsen) zusammen, der übergeordneten politischen, administrativen und gerichtlichen Instanz der freien Deutschen aus Siebenbürgen, einer Institution, die in manchem den Städtebünden in Westeuropa ähnlich ist. Der langwierige Prozess fand 1486 seinen Abschluss.

Es entstand damit ein starkes Gemeinwesen, das sich selbst verwaltete und dessen Bevölkerung allmählich zu einem Volk deutscher Muttersprache zusammenwuchs, mit dem eigentümlichen Dialekt einer Reliktmundart, die dem Luxemburgischen ähnelt, zu einem Volk mit einer besonderen Rechtsstellung im mittelalterlich-ungarischen, sich ständisch gliedernden Staat, mit eigenen Bewusstseinsinhalten, Erfahrungsräumen und Bewertungsmaßstäben und mit einem besonderen Zusammengehörigkeitsgefühl. Die Sächsische Nationsuniversität repräsentierte einen Stand freier, privilegierter Bürger und Bauern, war dessen Interessenvertretung im siebenbürgischen Landtag, dem außerdem der ungarische Adel und die freien szeklerischen Wehrbauern angehörten.

Das Wort Nation wurde damals im Sinne von Stand gebraucht – die Nationsuniversität repräsentierte ebenso wenig wie die ungarischen Adelskongregationen die Hörigen gleicher Sprach- bzw. Volkszugehörigkeit. Ebenso wie die ungarischen oder die rumänischen Hörigen (die übrigens schon damals die Bevölkerungsmehrheit in Siebenbürgen bildeten), waren die auf Adelsboden lebenden Deutschen in Siebenbürgen durch die Nationsuniversität nicht vertreten.

Dieser unter „Nationsuniversität“ subsummierte Nationsbegriff ist also primär nicht Ausdruck einer Volks-, sondern einer Standeszugehörigkeit, als Nebenprodukt verfassungsgeschichtlicher Abläufe das Ergebnis des bewussten Strebens nach Zusammenschluss und Verteidigung von Rechtspositionen einer privilegierten Gruppe. Insoweit weist die Nationsuniversität auch über den Rahmen der mittelalterlichen Universitäts- oder Konzilsnationen hinaus (siebenbürgisch-sächsische Studierende hatten überhaupt keine Hemmungen, sich nach dem Territorialitätsprinzip der „natio Hungarica“ anzuschließen). Sie bewährte sich deshalb in der frühen Neuzeit.

Zusammenbruch des Königreichs Ungarn

Gleichzeitig mit der inneren Konsolidierung der Siebenbürger Sachsen wuchs jedoch ihre äußere Bedrohung durch fortgesetzte türkische Überfälle trotz der zeitweise erfolgreichen Gegenwehr durch den erfahrenen Militärstrategen J. Hunyadi. Hinzu kamen noch Adels- und Szekleraufstände sowie 1514 ein Bauernaufstand unter Georg Dozsa, ein Bauernaufstand noch nie gekannter Ausmaße. Wegen zusätzlicher innerstaatlicher politischer Kämpfe und dem damit verbundenen Machtverlust des Königshauses war es kein Wunder, dass die weitaus unterlegenen ungarischen Streitkräfte in der Schlacht von Mohacs von den glänzend organisierten Truppen des Sultans vernichtet wurden und dem ungarischen Reich der Todesstoß versetzt wurde. Selbstverständlich wurde das sächsische Siedlungsgebiet trotz des inzwischen weitestgehend ausgebauten Verteidigungssystems erheblich in Mitleidenschaft gezogen. Wohnten noch um 1350 im Gebiet der Sieben Stühle ca. 70-80.000 Menschen, so verringerte sich diese Zahl im 15. und zu Beginn des 16. Jh. Auf 40-50.000. Besonders in der Umgebung von Broos, Mühlbach und im Harbachtal konnten sich zahlreiche sächsische Dörfer von den Zerstörungen nicht mehr erholen, sie wurden in der Folgezeit von Rumänen neu besiedelt oder blieben für immer Wüstungen bzw. der Boden wurde später unter den Nachbargemeinden aufgeteilt.

Nach dem Tod König Ludwigs II. in der Schlacht bei Mohacs kam es zur verhängnisvollen Doppelwahl, sowohl der Woiwode von Siebenbürgen Johann Zapolya als auch der Habsburger Erzherzog Ferdinand, der Bruder Kaiser Karls V. wurden von ihren jeweiligen Parteien auf den Thron gehoben. Der Thronstreit, der nun entbrannte und über 12 Jahre andauerte brachte erneut viel Leid und Elend über Siebenbürgen. Die Sachsen schwankten zwischen Johann und Ferdinand und wurden schließlich Parteigänger Ferdinands, eine völlige Fehlentscheidung, wie sich bald zeigen sollte. 1538 obsiegte Johann weitgehend. Der Westen und Norden Ungarns fiel allerdings an Ferdinand und das gesamte Land sollte nach dem Tode Johanns in der Hand Ferdinands wiedervereint werden. Dazu kam es jedoch nicht, denn nach dem Tode Johanns im Jahre 1540 wurde der Kanzler der Königin Isabella, der Witwe Johanns, der undurchsichtige und intrigante Mönch Martinuzzi, zur Schlüsselfigur im siebenbürgischen Geschehen. Unter ihm vollzog sich die Loslösung Siebenbürgens von Ungarn und die Gründung des selbständigen Fürstentums unter türkischer Oberhoheit. Auch er starb keines natürlichen Todes, er wurde später im Auftrag des kaiserlichen Generals Castaldo ermordet. Als entgegen der Abmachung mit Ferdinand der minderjährige Sohn Johanns, Johann Sigismund, zum König von Ungarn gewählt wurde, rückte Ferdinand gegen Buda vor. Die Türken machten nun kurzen Prozess eroberten in einem Feldzug Mittelungarn und verdrängten Ferdinand auf den West- und Nordteil Ungarns. Wieder wälzten sich Truppenverbände durch Siebenbürgen und hinterließen ihre grausamen Spuren. Es begann nun die 150-jährige Dreiteilung Ungarns. Der West- und Nordteil verblieb bei Habsburg, das leicht vergrößerte Siebenbürgen wurde selbständiges Fürstentum unter türkischer Oberhoheit, Mittelungarn mit Buda wurde als türkisches Paschalik integraler Bestandteil des Osmanischen Reiches.

Während all dieser politischen Verwicklungen waren häufig ausländische Heere im Land: Zapolya rief die Türken zu Hilfe, der Woiwode Siebenbürgens Stefan Mailath den Woiwoden der Moldau Petru Rares, und Martinuzzi hatte seine eigenen Söldner. Als 1550 österreichische Truppen ins Land kamen, begrüßte man sie als Befreier vom Türkenjoch, allein das Verhalten dieser Söldner war keinesfalls besser als das der anderen. Aus dieser geschichtlichen Sicht wird deutlich, dass die Kirchenburgen, ursprünglich der Türkengefahr wegen gebaut, ihre Bewährungsprobe gegen Gesetzlosigkeit, Anarchie und Verwirrung zu bestehen hatten. Nicht nur die großen Heere der Türken oder des Kaisers waren ihre eigentlichen Feinde, sondern die umherstreifenden Haufen von Söldnern und Abenteurern, die kein Recht und keine Ordnung kannten und die nur danach trachteten, zu plündern und möglichst viel Beute zu machen. In diesen Wirren betraten auch die schillerndsten Gestalten den siebenbürgischen Schauplatz, wie etwa der ehemalige Hermannstädter Stadtschreiber Reicherstorffer, der im Auftrage Ferdinands in Siebenbürgen umherreiste und mit seinen Söldnern zur allgemeinen Verwüstung des Landes beitrug.

Reformation

Vor diesem Hintergrund, der zeitweilig apokalyptische Formen annahm, wurde auf kirchlichem Gebiet die Reformation in Siebenbürgen vollzogen, die bereits in den 20er Jahren Anhänger hatte und sich nach 1541 mit grosser Schnelligkeit ausbreitete. Während die ersten Landtage des sich allmählich formierenden Fürstentums sich noch abwartend verhielten, wurde bereits 1552 entschieden, niemanden in der Ausübung der eigenen Religion zu behindern Die Landtage von 1557 und 1558 bekräftigten diese Entscheidung und erhoben die Glaubensfreiheit zum Gesetz, ein einmaliger Vorgang in Europa. 1571 fand die siebenbürgische Religionsgesetzgebung ihren Abschluss und der Fürst musste einen Eid auf die Wahrung der vier „rezipierten“, also voll anerkannten Konfessionen leisten. Es waren dies der katholische und der lutherische Glaube sowie der Calvinismus und der Unitarismus (Antitrinitarismus). Die Orthodoxen galten als toleriert.

Die Siebenbürger Sachsen hatten sich in enger Verbindung mit den deutschen Reformatoren für das Luthertum entschieden, und 1550 wurde durch einen Beschluss der Nationsuniversität eine neue, nun evangelische, Kirchenordnung zur allgemeinen Richtschnur erhoben. Die Reformation hatte erhebliche prägende Auswirkungen auf die Siebenbürger Sachsen. Die hochdeutsche Sprache fand Eingang in die geistige und geistliche Welt und das Schulwesen erhielt durch den reformatorischen Impuls seine über Jahrhunderte sehr geschätzten hohen Standards, die sich sogar bis in die Gegenwart auswirken. Die evangelischen Gemeinden und an ihrer Spitze die von ihnen selbst gewählten Pfarrer und Schultheissen scharten sich selbstbewusst um ihre Kirchen, verteidigten sich gemeinschaftlich in ihren Kirchenburgen und wurden so zu einer kirchlichen und politischen Einheit.

Siebenbürgen als Fürstentum

Um die Mitte des 16. Jh. verschlechterte sich die Lage in Siebenbürgen erneut. Nachdem 1553 die kaiserlichen Truppen abgezogen waren, musste das Fürstentum die türkische Oberhoheit endgültig anerkennen und einen jährlichen Tribut zahlen. Hinzu kam im gleichen Jahr eine Pestepidemie, die Tausende von Bürgern in Hermannstadt, Kronstadt und anderen Ortschaften dahinraffte. Königin Isabella und nach ihrem Tod 1559 ihr Sohn Johann Sigismund konnten der Verwüstung im Land nicht Einhalt gebieten. Dem Gebot der Zeit gehorchend bauten die Sachsen die Wehranlagen ihrer Städte und Burgen der neuen Kriegstechnik entsprechend aus. Nach dem Tod Johann Sigismunds wurde 1571 Stefan Bathory zum Fürsten gewählt, ihm folgte 1575 nach seiner Wahl zum König von Polen sein Bruder Christoff Bathory und nach dessen Tod 1581 der minderjährige Sigismund Bathory Die Außenpolitik des jungen Fürsten Sigismund am Ende des 16. Jh. offenbarte die labile Lage und die Machtlosigkeit des Fürstentums sowie seine Abhängigkeit vom Gleichgewicht zwischen den Machtblöcken: Als der Fürst 1594 der gegen die Osmanen gerichteten Heiligen Liga unter Führung der Habsburger beitrat, zeigte der sogenannte „Lange Türkenkrieg“ 1599 – 1605 auch im Landesinneren Konsequenzen. Während dieser Zeit kam es zu Zuständen, die ansatzweise bereits aus den 1550er Jahren bekannt waren: Kaiserliche Truppen besetzten das Land mehrmals und beanspruchten die Herrschaft im Namen des habsburgischen Königs von Ungarn, sie lieferten sich Auseinandersetzungen mit den Osmanen, setzten die Landesverfassung außer Kraft, unterbanden die Religionsfreiheit und betrieben die Rekatholisierung des Landes. Die Stände wehrten sich dagegen heftig, doch vergebens. Bis 1605 wechselte die Landesherrschaft mehrmals von Sigismund Bathory zu den kaiserlichen Generälen, von den Favoriten der Habsburger zu jenen der Osmanen oder Polens.

Eine Episode war dabei 1600 die kurzzeitige Vereinigung der Woiwodenwürden der Walachei und der Moldau sowie der Herrschaft über Siebenbürgen in der Hand des walachischen Landesherrn Michael, die sich aus dem wirren Machtringen ergab; in der rumänischen Historiographie wird dieses Ereignis als vermeintliche erste Vereinigung der „drei rumänischen Länder“ im Vorgriff auf den Nationalstaat bis in die Gegenwart mythisch überhöht.

Eine dramatische Folge der unübersichtlichen Verhältnisse war eine Verwüstung ganzer Landstriche einschließlich der Zerstörung der Orte und aller materiellen Ressourcen sowie einer radikalen Dezimierung der Bevölkerung bis hin zu deren völligen Auslöschung. Es kam im Fürstentum somit erstmals zu Verhältnissen, wie sie der Dreißigjährige Krieg schon bald nach Mitteleuropa bringen sollte. Das blutige Regiment des kaiserlichen Generals Giorgio Basta und seiner Offiziere in Siebenbürgen, das die politische Freiheit der Stände und vor allem die Religionsfreiheit drastisch beschnitt oder aufzuheben versuchte, beschwor schließlich einen Aufstand herauf. So wie die Fürsten Siebenbürgens bis Mitte des 17. Jh. überwiegend aus den großen und begüterten Magnatenfamilien des kaiserlichen Oberungarn stammten, die auf diese Weise im Fürstentum eine Zuflucht zur Wahrung ihrer Standesfreiheit suchten, so ging auch die Bewegung unter Stefan Bocskai 1604 von dort aus. Bocskai fand die Anerkennung der Pforte, sodass der Kaiser sich im Wiener Frieden von 1606 notgedrungen mit ihm arrangieren musste. Das Land atmete auf und hoffte nun endlich Frieden zu finden.

Der bald danach gewählte geradezu paranoide Fürst Gabriel Bathory jedoch hat in seiner kurzen Regierungszeit (1608-1613) mehr Unglück über das Land gebracht, als je ein anderer unter seinen Vorgängern oder Nachfolgern. Geradezu krankhaft blutrünstig, gewalttätig und gleichzeitig übersteigert ehrgeizig verfolgte er seine Ziele. In seiner Raffgier stürzte er sich vor allem auf die Städte und Dörfer der Sachsen und vernichtete alles, was im hinderlich war. Besonders zu leiden hatte Hermannstadt, dessen er sich durch List bemächtigte und beinahe ausrottete. Sein anschließender Verwüstungszug durch das Burzenland kam schließlich vor den Mauern Kronstadt zum Stillstand, wobei aber Kronstadt in der berühmten Schlacht bei Marienburg einen hohen Blutzoll zahlen musste. Selbst die Osmanen wollten diesem Treiben nicht mehr länger zusehen und ernannten Gabriel Bethlen zum Fürsten, der dann mit einem großen türkischen Heer heranrückte. Gabriel Bathory wurde auf der Flucht von seinen eigenen Leuten erschlagen. Erst die folgenden calvinistischen Fürsten Siebenbürgens brachten das Land allmählich zur Ruhe. Unter ihnen ragt Gabriel Bethlen hervor, der das Land allmählich wieder zu einer bescheidenen Blüte führte.

Die außenpolitischen Eskapaden des Fürsten Georg II. Rakoczi ab 1657 machten jedoch das sogenannte „Goldene Zeitalter“ des siebenbürgischen Fürstentums wieder zunichte. Strafexpeditionen großer osmanischer Heere mit krimtatrischen, walachischen und moldauischen Truppen, habsburgische Interventionen, wiederholte innersiebenbürgische Zwistigkeiten und Gegenfürsten brachten dem Fürstentum bis 1662 abermals Verwüstungen, die mit der massiven Zerstörung von lebens- und Wirtschaftsräumen sowie menschlichen Lebens an den Rand des Abgrunds führten. G. D. Teutsch beschreibt die Zeit mit den Worten „Schrecken ohne Ende“. Zusammen mit den Verheerungen der vorangegangenen Jahrhundertwende kam dies einem nicht wieder aufzufangenden Aderlass des Landes gleich, in dessen Freiräume nun verstärkt neue Gruppen stießen: Neben einzelnen kleinen Gemeinschaften wie Juden, Täufern, Bergbauleuten, katholischen Bulgaren oder Armeniern waren dies vor allem Orthodoxe, also Rumänen, aus den weniger gefährdeten Berg- und Gebirgsregionen und aus den Nachbarprovinzen, die hier als Arbeitskräfte und Steuerzahler zunächst nicht ungern gesehen waren. Erst unter dem 1661 von der Pforte gegen Widerstände durchgesetzten Fürsten Michael Apafi (bis 1690) kam es dann wieder zu einer vorübergehenden Verschnaufpause, die jedoch immer wieder unterbrochen wurde, durch den Durchzug tatarischer und türkischer Verbände angesichts der sich zuspitzenden habsburgisch-türkischen Auseinandersetzung. Weitere Verwüstungen in dem ohnehin schon verödeten Land waren die Folge.

1699 mit dem Frieden von Karlowitz wurde zwar die österreichische Herrschaft über Ungarn und Siebenbürgen völkerrechtlich festgeschrieben, aber die Habsburger waren dadurch noch keineswegs endgültig etabliert. Die bereits seit den 1660er Jahren gärende Unruhe, die sich etwa in Oberungarn zunächst in einer Erhebung des Adels, der Städte und entwurzelter Bauern, dann in der Opposition unter Imre Thököly (erster Kuruzzenkrieg) manifestierte, fand ab 1703 im sogenannten zweiten Kuruzzenkrieg unter Franz Rakoczi ihre Fortsetzung. Dessen Erfolge und die weitverbreitete Unzufriedenheit über die neue habsburgische Landesherrschaft führten schon 1704 zu seiner Fürstenwahl durch den Landtag. Die nun folgenden Jahre, die in der ungarischen Historiographie national verklärt als „Freiheitskampf“ bezeichnet werden, sind am ehesten mit Bürgerkrieg zu vergleichen. In diesem standen sich nicht nur unzufriedener Hoch- und Kleinadel im Bündnis mit Städten und Bauern einer österreichischen Soldateska, sondern auch die Nationen der Szekler und Sachsen gegenüber, dazwischen tatarische, walachische, moldauische Bündnistruppen der Osmanen. Unablässige Scharmützel und Kämpfe ruinierten das Land ein weiteres Mal. Schließlich ermattete der Krieg angesichts der Verödung des Landes und es kam endlich 1713 zum Friedensschluss von Sathmar. Die Habsburger übernahmen nun endgültig ein weitgehend zerstörtes, verarmtes und abermals entvölkertes Land, das durch die wiederholten verheerenden Kriegswirren nicht nur geographisch zu einer Randprovinz eines Riesenreiches wurde. Die Kirchenburgen hatten sich jedoch auch in dieser Situation als letzter Zufluchtsort für Leben und Gut noch einmal bewährt.

Schlussfolgerungen und Schluss

Durch die Herrschaft der Habsburger in Siebenbürgen verlor das Selbstverteidigungssystem der Sachsen allmählich seinen Sinn. Trotzdem bleiben die Kirchenburgen auch während der folgenden Jahrhunderte bestehen, sei es aus Ehrfurcht und Erinnerung an schwere Zeiten, oder weil sie als Schöpfungen des Gemeinschaftswesen der Dorfbewohner auch weiterhin eine Aufgabe erfüllen konnten. Im Unterschied zu den Stadtbefestigungen, die im 19. Jh. mit Ausnahme von Schäßburg abgetragen wurden, hat man im Zuge der Modernisierung der sächsischen Dörfer Ende des 19. Jh. nur in wenigen Ortschaften die Burgringe abgetragen, um aus den Baumaterialien Schulen zu errichten. So kommt es, dass auch heute noch eine stattliche Anzahl von Kirchenburgen in ihrer durch das Mittelalter geprägten Form erhalten sind.

Zur Anhänglichkeit der siebenbürgisch-sächsischen Bauern an ihre Kirchenburg gibt Hermann Fabini eine plausible Erklärung:
Unter dem äußeren Druck, der de facto ein ständiger Begleiter sächsischer Geschichte war, haben sich beginnend mit der Ansiedlung ausgeprägte Formen des Gemeinschaftswesens herausgebildet. Es ist anzunehmen, dass die Anfänge dieser Gemeinschaftsformen auf die militärische Gliederung der Ansiedler zurückgehen, da Aufbau und Verteidigung Hand in Hand gingen. Schon bei der Anlage der Ortschaften war eine Tendenz zu räumlichem Zusammenrücken der einzelnen Wirtschaften festzustellen. Dieses war notwendig, um Gefahren von außen mit wirksamem, gemeinsamem Handeln zu begegnen. So entwickelte sich ein Not- und Hilfsgemeinschaft, die später auch auf den Gebieten der Religion, Wirtschaft, Verwaltung, Verteidigung, des Glaubens und der Geselligkeit mehrfach Aufgaben übernommen hat. Verschiedene nebengeordnete Gemeinschaften sind seit dem Mittelalter bekannt: Zehntschaften, Nachbarschaften, Bruder- und Schwesternschaften. Ohne das Nachbarschaftswesen sind Struktur und Charakter des sächsischen Dorfes nicht zu erfassen. Diese gesellschaftliche Organisationsform war sicher sehr effektiv bei der Notwendigkeit ständig verteidigungsbereit und verteidigungsfähig zu sein, nachdem ein regelmäßiges Exerzieren oder Drill für eine bäuerliche Bevölkerung nicht in Frage kam. Eine Wechselwirkung zwischen einer spezifischen Ausformung der Überlebenskapsel Kirchenburg und der durchorganisierten Gesellungsform ist daher sicher nicht von der Hand zu weisen.

Bemerkenswert ist eine Feststellung, die der englische Schriftsteller Charles Boner anlässlich einer Reise durch Siebenbürgen 1863/4 machte: Allein ich kann nicht umhin zu gestehen, dass, als ich öfter mit den Dorfbewohnern zusammenkam und näher mit ihnen bekannt wurde, es mir schien, als ob in ihrem Benehmen etwas Conventionelles liege, etwas Manieriertes und Gezwungenes, das ihnen aber durch lange Gewohnheit schließlich zur zweiten Natur geworden sein mag….. unter diesen Landleuten herrscht überall dieselbe Ruhe, dieselbe starre Gleichförmigkeit in Haltung und Benehmen…….Im Umgang mit den sächsischen Landleuten wird man gewiss eine übertriebene Förmlichkeit auffallend finden……Strenge Ordnung, wunderbare Regelmäßigkeit in allen seinen Einrichtungen war stets die Grundlage seiner Existenz. Davon hing übrigens sein politisches wie sein gesellschaftliches Leben ab in Zeiten, wo er ohne diese Eigenschaften den ihn umgebenden feindlichen Einflüssen rettungslos hätte erliegen müssen. Wir haben gesehen, dass er selbst heutigen Tages weder säet oder erntet, wie oder wann es ihm gerade gelegen wäre, sondern zu den von der Gemeinde festgesetzten Zeiten; so ist er gewöhnt, seinen Willen anderen unterzuordnen. Daher mag es auch kommen, dass man bei diesen Leuten so geringe Selbstbestimmung, so wenig natürliche Spontaneität des Wollens und Fühlens findet.

Gewiss ist die Beobachtung richtig, dass dem sächsischen Bauern im nachbarschaftlichen organisierten Gemeinschaftsbereich außerhalb seines Haushalts kaum individuelle Freiheit zugestanden wurde. Doch findet hier ein Übergang der individuellen Freiheit in die Freiheit der Gemeinde statt. Die Preisgabe der Freiheit des Einzelnen setzt sich in historisch notwendige Unabhängigkeit der Gemeinschaft um, schöpferische Kräfte werden auf der Gemeindeebene ausgelebt. Wenn Architektur als Abbild ihrer Erbauer zu sehen ist, ergibt sich folgende Parallele: Wenn das Bauernhaus die Widerspiegelung der Familie, des Haushalts ist, so ist die Kirchenburg das Spiegelbild der nachbarschaftlich organisierten Gemeinde. Für jeden Kenner der Kirchenburgen ist klar ersichtlich, dass die enorme Vielfalt von architektonischen Formen, die unter anderem ihre Klassifizierung unmöglich macht, Ausdruck jener angestrebten Freiheit der Gemeinde ist. Einer ähnlichen Vielfalt begegnen wir auch auf anderen Gebieten, zum Beispiel im Bereich der Dialekte.
In der Sublimierung der persönlichen Freiheit zur Gemeindefreiheit ist letztendlich auch die Erklärung für die nahtlose ästhetische und funktionale Eingliederung der Kirchenburg in das Ortsbild zu finden. Sicher beruht ein guter Teil der Aussagekraft der Kirchenburgen darauf, dass der Beschauer im Unterbewusstsein den Vorgang der Konzentration vieler individueller Kräfte zu einer Gesamtleistung miterlebt. Es muss aber nochmals darauf hingewiesen werden, dass es sich um eine Wechselbeziehung Gemeinde – Kirchenburg handelt, dass die Burg zum Identifikationsraum der Gemeindemitglieder wird, dass sie folglich nicht nur ein Symbol der Gemeinschaft ist, sondern in bescheidenem Raum auch Äußerungen individueller Art ermöglicht, wie etwa in der Kirche angebrachte Epitaphe, Gedenktafeln und -fahnen einzelner Familien sowie eigene Gaden, Getreidetruhen u. dgl. innerhalb der Ringmauern.

Bis heute besteht eine enge emotionale Verknüpfung zwischen Kirchenburg und Gemeindegliedern; die häufigen Geschenke ehemaliger Dorfbewohner zur Verschönerung oder Restaurierung der Burg lassen darauf schließen, dass diese Bindung tief reicht und dass selbst radikalste Änderungen des Lebensstils – wie etwa die Auswanderung- sie nicht völlig zerstören konnten. Trotz des Widerspruchs zwischen ihrem mittelalterlichen Charakter und unserer Zeit hat die Kirchenburg bis heute ihre gemeinschaftsprägende Funktion nicht verloren. Sie ist für viele, bewusst oder unbewusst, Ausdruck des Selbstverständnisses der Siebenbürger Sachsen geblieben.

Mai 2011

Karl Scheerer

Schäßburger Spurensuche

Vortrag anlässlich der Deutschen Kulturtage
31.05.2011

Wir haben uns an diesen Kulturtagen aufgemacht, um Spuren zu suchen, Spuren aus der Vergangenheit und Gegenwart unserer Stadt, Spuren, die zu dem Erscheinungsbild führen, das unsere Stadt heute ausmacht.
Wenn wir eine 800-jährige Eiche auf der Breite betrachten, dann müssen wir wissen, dass sich ein ungeheures Wurzelwerk unter dem äußeren Erscheinungsbild der Eiche verzweigt, das sich über Jahrhunderte in die Erde gegraben hat und die Eiche ernährt. Auch eine Stadt wie Schäßburg in ihrer Einzigartigkeit hat ein solch gewaltiges Wurzelwerk, das in der Geschichte vergraben liegt. Wenn wir uns nun ans Graben machen, dann können wir nicht die gesamte Vergangenheit und ihre Entwicklungslinien freilegen. Das ist Aufgabe der Historiker und Archäologen. Und wir haben im Werk von Gh. Baltag und vielen anderen Detailveröffentlichungen, nicht zuletzt der HOG-Schäßburg, schon reichhaltiges Material. Wir können uns an Tagen wie diesen lediglich ausgewählte Spuren der Vergangenheit etwas genauer ansehen und würdigen.

Freilich stellt sich die Frage, warum man überhaupt auf Spurensuche gehen soll. Genügt es nicht, wenn man die Stadt, wie sie sich heute präsentiert, auf sich wirken lässt und das Ambiente genießt? Natürlich kann man das, und manche mögen das so halten. Wer auf die Breite geht, genießt mit Staunen das Eichenensemble, doch kaum jemand macht sich Gedanken über das Fundament, das Wurzelwerk. Damit hört aber der Vergleich auch schon auf.
Es ist etwas anderes, wenn man ein Naturdenkmal auf sich wirken lässt, oder ob man sich mit dem Ort seiner Persönlichkeitsprägung, seiner Sozialisation, ja seiner Identitätsentwicklung auseinandersetzt. Zum besseren Verständnis möchte ich einen meiner Professoren zitieren, wie ich es schon bei anderer Gelegenheit getan habe: „Menschen schaffen Kulturlandschaften und die Kulturlandschaften prägen die Menschen. Vergessen Sie nie diese Wechselwirkung und nehmen Sie sie ernst! Ihre Vorfahren sind Schöpfer der Kulturlandschaft, die Sie wiederum mitgeformt hat. Gehen Sie also mit Ihrer Heimatgeschichte redlich um! Beschönigen Sie nichts, verschweigen Sie nichts und verfälschen Sie nichts! Sie beschädigen sich selbst, wenn Sie mit Ihrer eigenen Heimatgeschichte manipulativ herumhantieren.“ Es geht also darum, sich seiner eigenen Identität immer wieder aufs Neue zu vergewissern, denn ohne klare Identität kann der Mensch nicht selbstbewusst und souverän leben. Identität ist die emotionale Verortung des Menschen in einem bestimmten historischen, gesellschaftlichen und kulturellen Milieu, zu dem geschichtlich erworbene Aspekte wie etwa gemeinsame Sprache, Religion, Wertvorstellungen, Sitten und Gebräuche gehören. Kulturelle Identität ist selbstverständlich stark von Gefühlen geprägt, wobei ein Sicherheits-, Geborgenheits- und Heimatgefühl zu kollektiven Bindungen und oft auch zu einem Verantwortungsgefühl für die eigene Gemeinschaft führt. Wir Sachsen haben nun einmal eine sehr emotionale Beziehung zum Begriff der Heimat. Schon in unsere Hymne wird er gleich am Anfang beschworen: „Siebenbürgen, süße Heimat!“

Der Begriff Heimat verweist zumeist auf eine Beziehung zwischen Mensch und Raum. Im allgemeinen Sprachgebrauch wird er auf den Ort angewendet, in den ein Mensch hineingeboren wird und in dem die frühesten Sozialisationserlebnisse stattfinden, die zunächst Identität, Charakter, Einstellungen und Weltauffassungen prägen. Unsere Heimat ist Siebenbürgen im Allgemeinen und die Stadt Schäßburg im Besonderen. Hier haben wir unsere Prägung erfahren, wodurch wir zu dem geworden sind, was wir heute darstellen. Heimat ist ein realer Ort, zu dem wir eine tiefe emotionale Bindung haben. Wir nennen dieses Gefühl im Allgemeinen Heimatverbundenheit. Zur Heimatverbundenheit gehört auch, dass man sich seiner Herkunft immer neu versichert und auf Spurensuche geht, denn nur wer die Geschichte kennt, kann die Gegenwart verstehen und die Zukunft gestalten. Wie sagte unser großer Historiker G. D. Teutsch: „Wer seine Geschichte vergisst, kann sich gleich zu den Toten legen.“ Voraussetzung allerdings ist, dass man bei der historischen Wahrheit bleibt und sich nicht in den Dienst ideologischer Absichten nehmen lässt oder in reine Apologie verfällt. Zu unserer Geschichte gehören großartige Errungenschaften und beeindruckende Persönlichkeiten. Es gehören aber auch abstoßende Aspekte und Ereignisse dazu. Ich erinnere beispielsweise an die Verbrechen des Abenteurers und Bürgermeisters Schuller von Rosenthal Ende des 17. Jahrhunderts, wie überhaupt das 17. Jh. von sittlichem und moralischem Verfall gekennzeichnet war. Beides gehört zu unserer Vergangenheit, Positives wie Negatives und wir müssen das akzeptieren.
Wo erfährt der Mensch seine Verwurzelung am unmittelbarsten, am sichtbarsten? Sicher in seiner Stadt, in seiner Lebensumwelt! Hier gilt es also auch Spurensuche zu gehen.

Wenn man nun auf Spurensuche geht, muss man sich freilich fragen, welche Spuren man freilegen will. In jedem Fall sollte man sich bei der Suche der Wahrhaftigkeit und historischen Wahrheit verpflichtet fühlen. Sine ira et studio, wie schon der große römische Historiker Tacitus es gefordert hat. Die geradezu peinliche Kultivierung der albernen Draculalegende sollte sicher nicht dazugehören. Wir haben in Schäßburg nämlich das große Glück, über einen ungeheuren Reichtum an Hinterlassenschaften zu verfügen, deren Spuren wir sichern können. Wir brauchen keine absurde Geschichtsklitterung zu unserer Identitätssicherung. Das Demokratische Forum der Deutschen in Schäßburg hat sich getreu dieser Devise seit Beginn der deutschen Kulturtage auf Spurensuche begeben. So haben wir uns im letzten Jahr den Schäßburger Wehranlagen gewidmet. Ich erinnere auch an die wiederholten Fackelzüge entlang der Burgmauer unter geistreicher Führung unseres verehrten Prof. Hermann Baier. Wir haben uns an bedeutende Schäßburger Persönlichkeiten erinnert: Georgius Krauss, Georg Daniel Teutsch, Joseph Haltrich, Michael Albert, Hans Otto Roth, Hermann Oberth, um nur einige zu nennen.

Vieles, ja sehr vieles gilt es noch zu untersuchen. Es sind zum einen die Fülle an ungewöhnlich beeindruckenden sakralen, profanen und verteidigungstechnischen Baudenkmälern samt ihren reichhaltigen Ausstattungen, die von einer sehr wechselvollen Geschichte zeugen. Es ist zum anderen die große kulturelle und wissenschaftliche Tradition der Stadt, in erster Linie die außergewöhnliche pädagogische und wissenschaftliche Leistung der Bergschule und ihres Lehrpersonals. Es sind schließlich die vielen Schäßburger Persönlichkeiten, die weit über die Stadt hinaus, ja teilweise sogar weltweit Bedeutung und Reputation erlangt haben. Nicht zu vergessen ist aber auch das über Jahrhunderte lebendige wirtschaftliche und gesellschaftliche Leben der Stadt, das die Menschen in ihrem Lebensvollzug maßgeblich geprägt hat.
Schäßburg war immer eine Stadt des Handwerks und der Zünfte. Die großen Kaufmannsfamilien waren eher in Hermannstadt, Kronstadt und Bistritz, also an den Karpatenpässen, zu finden. Die Handwerker haben die Stadt geschaffen und regiert. Die Zünfte haben die Wehranlagen und Wehrtürme, von denen glücklicherweise noch viele erhalten sind, gebaut und verteidigt. Es war eine großartige Leistung und zeugte nicht nur von baulicher Kompetenz, sondern auch von beachtlichem ästhetischen Verständnis. Wer waren diese Handwerker? Wer waren die Zunftmeister? Von einigen wissen wir es, aber beileibe nicht von allen, nicht einmal von der Mehrzahl von ihnen. Wer waren die Bürgermeister und Ratsherren? Von ihnen wissen wir zwar viele Namen, aber über ihr Wirken sind wir nur lückenhaft informiert. Es waren große Namen unter ihnen: Johannes Aurifaber, also der Goldschmied, Valentinus Pictor, der Maler, Georgius Philippi, Petrus Philippi, natürlich Martin Eisenburger, dem wir die Naye Schul zu verdanken haben. Es war aber auch der Verbrecher Johannes Schuller von Rosenthal. Man könnte noch viele tüchtige und sicher auch weniger tüchtige aufzählen. Der letzte deutsche Bürgermeister war Dr. Wilhelm Schiewerth 1932 bis 1933.
Wie steht es mit dem System der Nachbarschaften, ohne die das gesellschaftliche Leben in Schäßburg nicht hätte existieren können? Wir wissen zwar einiges darüber, aber noch längst noch alles. Wäre es nicht wert, auch hier auf Spurensuche zu gehen?

Wie gestaltete sich das sehr lebendige Vereinsleben in Schäßburg? Auch hierüber wissen wir einiges, aber immer noch kennen wir nicht alle Facetten. Die Schäßburger sind bekannt durch ihre ausgeprägte Geselligkeit. Ist daher verwunderlich, dass das Vereinsleben blühte? Mehrfachmitgliedschaften waren nicht selten. Ich zähle nur einige Vereine auf:

  • Verein für siebenbürgische Landeskunde
  • Gustav-Adolf-Verein
  • Schäßburger Frauenverein
  • Siebenbürgischer Karpatenverein
  • Sebastian-Hann-Vetrein
  • Musikalische Gesellschaft und Musikverein
  • Schäßburger Männergesangsverein
  • Schäßburger Bürger- und Gewerbeverein
  • Schäßburger Feuerwehrverein
  • Verein für Frauenbildung
  • Schäßburger Schützenverein
  • Schäßburger Männerturnverein
  • Schäßburger Eislaufverein
  • Schäßburger Schwimmschulverein
  • Frauen-Badegesellschaft
  • Schäßburger Jagdgesellschaft
  • Schäßburger Stadtverschönerungsverein

Alle diese Vereine haben Beachtliches geleistet. Die Leitung der Vereins für siebenbürgische Landeskunde, der sehr bald ein europäisches Renommee erlangte, lag lange in der Hand der Schäßburger Bergschulprofessoren. Die Konzerte und Theateraufführungen in Schäßburg erregten wegen ihres sehr hohen Niveaus landesweit großes Aufsehen.

Was aber assoziiert der siebenbürgische Bildungsbürger in erster Linie mit Schäßburg? Natürlich unsere altehrwürdige Bergschule. Wenn ich mir jetzt schon erlaube darf, der gleich anschließend zu eröffnenden Ausstellung zur Schäßburger Postgeschichte vorzugreifen, so möchte ich darauf hinweisen, dass Sie ein einzigartiges Exponat finden werden, nämlich einen Briefumschlag, aufgegeben in Washington D.C. im Jahre 1874 mit der ausschließlichen Postadresse „Gymnasium Schäßburg“. Welchen Ruf muss die Schule gehabt haben, dass die Sendung via New York – Wien binnen dreier Wochen angekommen ist. Sie gehört in der Tat zu den einzigartigen und herausragenden Bildungsstätten im südosteuropäischen Raum.

Hervorragende Persönlichkeiten, Wissenschaftler, Künstler, Theologen und Politiker haben entweder hier ihre Ausbildung genossen, oder haben hier als Pädagogen und Rektoren gewirkt. Alle Rektoren seit 1522 sind uns mit Namen bekannt. Ich möchte nur einige erwähnen: Georg Haner, der spätere Bischof, der Schulreformer Johann Mild, G. Paul Binder, Carl Goos, Michael Schuster, G. D. Teutsch, Friedrich Müller, Joseph Haltrich, Daniel Höhr, Dr. Johann Wolff und Dr. Julius Hollitzer. Immerhin mehr als ein Drittel aller sächsischen Bischöfe haben die Bergschule durchlaufen und waren teilweise auch Lehrer oder Rektor der Schule, nämlich:
Georg Haner, Christian Barth, Lukas Hermann, Paul Zekelius, Stefan Adami, Georg Kraus, Lukas Graffius, Georg Paul Binder, G. D. Teutsch, Friedrich Müller d.Ä, Friedrich Teutsch und Albert Klein. Lohnt es sich da nicht, auf Spurensuche zu gehen. Ich meine, sehr wohl lohnt es sich.

Lassen Sie mich exemplarisch noch einige weitere Persönlichkeiten erwähnen, die aus Schäßburg stammen, oder die Bergschule durchlaufen haben, alle können wir nicht nennen, es sind deren zu viele:
Ich nenne die hochbegabte Familie Polner, die mehrere Bürgermeister, aber auch Bischöfe noch vor der Reformation hervorgebracht hat. Ich nenne den großen Chronisten Georgius Krauss, den Sachsengrafen Andreas Teutsch, den Ritterkreuzträger des Militärischen Maria-Theresia-Ordens Michael Waldhütter, den General Michael Melas, an dessen Wohnhaus wir am Sonntag eine Gedenktafel enthüllen wollen, aber auch den siebenbürgischen Leonidas Friedrich Hensel, der in der Schlacht bei Aspern im Jahre 1809 einen viel bewunderten Heldentod starb. Ich nenne den berühmten Arzt und Botaniker Johann Christian Gottlob Baumgartner, den Mineralogen, Geologen und Frühgeschichtler Johann Michael Ackner, den Juristen und Historiker Josef Zimmermann, den Naturforscher Karl Petri, den Ökonomen und Politiker Carl Wolff. Natürlich gehören in diese Reihe auch unser großer Dichter Michael Albert, die Malerin Betty Schuller, der Jugendstilarchtekt Friedrich Balthes und die begabte und vielfach wirksame Familie Leonhardt.

Was wäre die Touristenstadt Schäßburg ohne das Museum im Stundturm, eine Schöpfung von Josef Bacon. Dessen Mutter, Therese Bacon, Gründerin des Schäßburger Frauenvereins, war eine ganz große Schäßburger Frauengestalt und unermüdliche Vorkämpferin für die Gleichberechtigung der Frauen. Ihre Tochter Marie Stritt brachte es sogar zur Vizepräsidentin des Internationalen Frauenbundes und sogar zur ersten Frau im Dresdner Stadtrat.
Wir haben also, wie wir gesehen haben, noch über viele Jahre, wenn nicht Jahrzehnte Stoff für eine ausgiebige Spurensuche. Ich wünsche uns allen die Kraft, mit Schwung und Begeisterung die Spurensuche fortzusetzen. Freilich ist unsere Gemeinschaft klein geworden und wir müssen lernen, uns zu bescheiden. Mit Zuversicht und und Gottvertrauen lässt sich jedoch allerhand bewirken. Wie schrieb Michael Albert?

Ob mancher Zweig ihm heut verdirbt,
Er treibt stets neue Glieder,
Nur wenn der Baum von innen stirbt,
Dann grünt er nimmer wieder.

Als notorischer Optimist bin ich der festen Überzeugung, dass wir mit Gottes Hilfe neue Glieder treiben werden und uns noch häufig auf Spurensuche zur Festigung unserer Identität begeben können.

Die Siebenbürger Sachsen in Geschichte und Gegenwart

Ansiedlung und Konsolidierung

„Hier wurde deutsch gesprochen, als Berlin noch ein slawisches Fischernest war“. Dies ist sinngemäß in der evangelischen Kirche in Rotberg, dem Wohnort des bekannten siebenbürgisch-sächsischen Gegenwartsschriftsteller Eginald Schlattner, zu lesen. In der Tat ist Siebenbürgen das älteste deutsche Siedlungsgebiet im Südosten Europas.

Nach der Befriedung der Ungarn durch Otto den Großen im Jahre 955 und ihre Christianisierung wenige Jahrzehnte danach begannen die ungarischen Könige Siebenbürgen von Westen nach Osten zu erschließen. Der militärische Vorstoß oblag einer ungarischen Subethnie, den Szeklern, die abschnittsweise bis zu den Ostkarpaten vorstießen. Die dabei frei gewordenen Gebiete wurden zu königlichem Besitz, zum „Königsboden“, der mit überwiegend deutschen Kolonisten aus dem moselfränkischen Raum aufgesiedelt wurde. Ihre Bezeichnung lautete hospites, teutonici, flandreses, in Einzelfällen auch latini, was auf eine zunächst heterogene Siedlergruppe hindeutet. Später bürgerte sich der Name saxones ein, der jedoch keine Herkunftsbezeichnung ist, sondern eher auf einen terminus technicus in der ungarischen Kanzleisprache schließen lässt, der auch auf andere Siedlergruppen im Königreich Ungarn mit ähnlich weitgehenden Privilegien angewendet wurde.

Das Interesse der ungarischen Könige war es, wehrtüchtige und mit einer fortschrittlichen Technologie ausgestattete loyale „hospites“ mit den frei gewordenen Gebieten zu belehnen, die unmittelbar der Krone unterstellt waren. Auf diese Weise erhofften sie sich nicht nur eine prosperierende Landschaft mit einem hohen Steueraufkommen, sondern auch ein starkes Gegengewicht zu dem steuerbefreiten und unzuverlässigen Adels zu schaffen. Die spätere Zeit erwies, dass die Rechnung voll aufging. Natürlich konnte ein solches Siedlungswerk nur erfolgreich sein, wenn den angeworbenen Siedlern weitestgehende Freiheiten und Privilegien in Aussicht gestellt wurden. Im „Goldenen Freibrief der Siebenbürger Sachsen“, dem Andreanum, vom Jahre1224 sind diese Rechte und Freiheiten schriftlich fixiert. Es handelt sich um ein einzigartiges Dokument, das den Siedlern eine fast vollständige Selbstverwaltung, selbst in der kirchlichen Organisation, zugestand. Trotz des verheerenden Rückschlags durch die mongolische Invasion im Jahre 1241 erfüllten sich die Erwartungen der ungarischen Könige voll und ganz, denn es entstanden auf dem Königsboden wehrhafte und, begünstigt durch den Orienthandel, wohlhabende Städte und eine überdurchschnittlich hoch entwickelte Landwirtschaft.

Eine Episode blieb das Siedlungswerk des Deutschen Ordens unmittelbar im Karpatenknie, dem Burzenland, der nach nur 14 Jahren (1211 – 1225) Tätigkeit ( In dieser Zeit begann nicht nur der Aufstieg Kronstadts zu einer mächtigen Stadtrepublik, sondern auch das Umland wurde deutsch besiedelt.) des Landes verwiesen wurde, weil er seine Kompetenzen überschritten hatte. Danach wandte er sich seinem Aufbauwerk in Preußen zu.

Siebenbürgen war von Anfang an ein Sonderterritorium des Königreichs Ungarn auf ständischer Basis. Nach zähem Ringen etablierten sich endgültig im 15. Jh. die drei staatstragenden Stände, die zu je einem Drittel im Landtag vertreten waren, nämlich die ungarische Adelsnation Siebenbürgens, die Nation der Szekler und die „Nationsuniversität der Siebenbürger Sachsen“ (universitas saxonum). Die Binnenstruktur der Stände war unterschiedlich. Die sächsische Nationsuniversität war quasi-demokratisch organisiertt und an ihrer Spitze stand der frei gewählte Comes Saxonum = Sachsengraf. Der Adel war mittlerweile innerhalb der Nationsuniversität nahezu vollständig abgeschafft worden.. 1583 erließ die Nationsuniversität das auf ihrem Gebiet geltende „Eigen-Landrecht“, das bis zu Einführung des österreichischen Allgemeinen Bürgerlichen Gesetzbuchs im Jahre 1853 in Kraft blieb.

Auf diesen Grundlagen etablierten die Siebenbürger Sachsen ihr politisches, wirtschaftliches und kulturelles Gewicht in der Region. Auf sie konnten sie sich auch stützen, nachdem durch die Zerschlagung des Königreichs Ungarn durch die Osmanen im Jahre 1526 Siebenbürgen zu einem selbständigen Fürstentum unter türkischer Oberhoheit wurde (bis 1691). Ohne diese Machtbasis hätten sie wohl in den äußerst kriegerischen Zeiten nicht überleben können. Es war auch die Zeit, in der sie das nach dem Mongolensturm begonnene Befestigungswerk systematisch ausbauten. Das Resultat sind die bis zum heutigen Tag noch erhaltenen zahlreichen Kirchenburgen, ein in Europa einzigartiges Ensemble.

Zur inneren Konsolidierung trug in besonderer Weise die Reformation bei. Ohne größere Friktionen entschieden sich die Siebenbürger Sachsen für das Luthertum. 1547 erlangte die vom siebenbürgisch-sächsischen Reformator Johannes Honterus in enger Absprache mit Luther und Melanchthon verfasste „Kirchenordnung aller Deutschen in Sybembürgen“ in allen sächsischen Gemeinden Gültigkeit. Die Ungarn und Szekler entschieden sich in ihrer Mehrheit für den Calvinismus und den Unitarismus, die Rumänen blieben dem orthodoxen Glauben treu. Die traditionelle religiöse Toleranz wurde in Frage gestellt, als nach 1691mit der Umwandlung Siebenbürgens in ein österreichisches Kronland eine aggressive Phase der Gegenreformation einsetzte, der gegenüber jedoch die Sachsen erfolgreich Widerstand leisteten.

Verlust der Privilegien

Schwere Zeiten kamen auf die Sachsen zu, als im 19. Jh. bei den Ungarn ein überhitzter Nationalismus zum Ausbruch kam, der 1848/49 zu einem blutigen Bürgerkrieg führte. 1867 kam es schließlich zum österreichisch-ungarischen Ausgleich und und damit zum Anschluss Siebenbürgens an das Königreich Ungarn. 1876 wurde die sächsische Nationsuniversität aufgelöst und die Sachsen verloren auf einen Schlag sämtliche Privilegien. Damit mutierten die Siebenbürger Sachsen von einer staatstragenden staatlichen Säule zu einer mehr oder weniger geduldeten nationalen bzw. ethnischen Minderheit, was in ihrer Wahrnehmung selbstverständlich einem Fall in die Bedeutungslosigkeit gleichkam. In dieser Situation ergriffen vor allem die Würdenträger der evangelischen Kirche, die auch Trägerin der deutschen Schulen war, die Initiative und nahmen den Kampf gegen die aggressive Madjarisierungspolitik und den Versuch, das deutsche Schulwesen zu beseitigen, auf. Das deutsche Schulwesen hatte ein sehr hohes Niveau (Immerhin war schon 1722 für beide Geschlechter die allgemeine Schulpflicht eingeführt worden) und wurde auch von den Eliten anderer Nationalitäten häufig in Anspruch genommen. Der Kampf blieb nicht ohne Erfolg, denn bereits Anfang des neuen Jahrhunderts begann die Obrigkeit einzulenken.

Der „Sprachenkampf“ hatte aber für das Selbstverständnis der Siebenbürger Sachsen weitreichende Konsequenzen. Die in Mehrheit an deutschen Universitäten studierenden sächsischen Abiturienten wurden vom nationalen Aufbruch im entstehenden Bismarck-Reich erfasst und erhofften sich von dort tatkräftige Hilfe im Kampf um ihr ethnisches und sprachliches Überleben. Nachdem die Siebenbürger Sachsen schon mit der Reformation eine starke emotionale und kulturelle Bindung an alles „Deutsche“ zu spüren begannen, so verorteten sie sich nun vollends in der deutschen Kulturnation im Sinne von Friedrich Meinecke. Deutschösterreich spielte in ihrer neuen Identitätsbestimmung keine Rolle mehr, wohl eine verspätete Reaktion auf die Zeit der Gegenreformation.

Zwischenkriegszeit

Die schlechten Erfahrungen mit dem ungarischen Nationalismus führte dazu, dass sie den Anschluss Siebenbürgens an das nach dem 1. Weltkrieg geschaffene Großrumänien freudig begrüßten, da sie sich in diesem Staatsverband größere Entfaltungsmöglichkeiten erhofften. Diese Hoffnung wurde jedoch rasch enttäuscht. Benachteiligungen aus ethnischen Gründen, Enteignungen, Drangsalierung des deutschen Schulwesens und andere diskriminierende Maßnahmen waren an der Tagesordnung. Als Reflex darauf, aber auch infolge der Faszination, die der Aufstieg des Nationalsozialismus in Deutschland auf die akademische Jugend der Siebenbürger Sachsen ausübte, setzte auch bei ihnen eine nationalistische Radikalisierung ein, die z. T. tumultuarische Formen annahm und zu einer tiefen ideologischen Spaltung der sächsischen Gemeinschaft führte. Der radikale Flügel propagierte offen den Nationalsozialismus und schreckte auch nicht vor terrorartigen Übergriffen zurück. Mit der Errichtung der Militärdiktatur unter Marschall Antonescu im September 1940 und der Entsendung deutscher „Lehrtruppen“ nach Rumänien wurde der deutschen Volksgruppe auf Druck Berlins der Status einer Körperschaft des öffentlichen Rechts verliehen und ein fanatischer Nationalsozialist zum Volksgruppenführer ernannt, der sofort mit der Gleichschaltung sämtlicher sächsischer Einrichtung begann. Ähnliches geschah in Nordsiebenbürgen, das 1940 durch den 2. Wiener Schiedsspruch an Ungarn abgetreten werden musste, wodurch die sächsische Gemeinschaft in zwei Teile gespalten wurde. Tragische Folgen hatten die Abkommen mit Ungarn (1942) und Rumänien (1943) in deren Folge die Angehörigen der deutschen Volksgruppen (nunmehr „Volksdeutsche“) offiziell „freiwillig“ zur Waffen-SS eingezogen wurden. Der Druck, sich zur Waffen-SS zu melden, war so stark, dass sich kaum ein Rekrut anders entscheiden konnte. Dies hatte zur Folge, dass ihnen nach dem Krieg die Rückkehr in die Heimat versagt blieb und nicht wenige von ihnen sogar vor Gericht gestellt wurden.

Krieg und Nachkriegszeit

Mit dem 23.08.1944, dem Tag des rumänischen Frontwechsels, setzte eine jahrzehntelange Leidenszeit ein. Die Sachsen in Nordsiebenbürgen wurden fast in ihre Gänze nach Österreich und Deutschland evakuiert und nur sehr wenige kehrten später in ihre Heimat zurück. Im Januar 1945 wurden 30.000 Sachsen beider Geschlechter zur Zwangsarbeit in die Sowjetunion deportiert, von denen ein Teil der Überlebenden nach Ableistung der Zwangsarbeit nach Deutschland entlassen wurde, ein anderer Teil jedoch nach Rumänien zurückgeschickt wurde. Es gab daher kaum noch Familien, die nicht auseinandergerissen worden wären. Hinzu kam noch die nahezu vollständige Enteignung, die staatsbürgerliche Entrechtung und politische Verfolgung. Erst Mitte der 50er Jahre setzte eine allmähliche „Normalisierung“, allerdings im Sinne eines sozialistischen Staates, ein, die jedoch immer wieder durch aufsehehnerregende politische Prozesse unterbrochen wurde. Ab Mitte der 60er Jahre kann erst von einer Wiedereingliederung der Sachsen in die nunmehr sozialistische Gesellschaft gesprochen werden. Immerhin wurde der Gebrauch der deutschen Sprache und der Besuch deutscher Schulen nie in Frage gestellt. Ebenso hat es durchgängig deutsche Zeitungen und Buchpublikationen gegeben, wenn auch unter strenger Zensur. Allerdings stellte sich vermehrt das dringende Problem der Familienzusammenführungen. Nach allen den traumatischen Erfahrungen und den massenhaften Familientrennungen wurde der Auswanderungswille, der durch die paranoide Politik der Ceausescu-Ära zudem noch immens verstärkt wurde, nahezu zur kollektiven Obsession. Eine Obsession, die durch das Abkommen zwischen der Bundesrepublik Deutschland und Rumänien in den 70er Jahren zum Abkauf auswanderungswilliger Deutscher aus Rumänien zu festgesetzten Preisen und jährlichen Zahlenkontingenten noch verstärkt wurde. Daher war es nicht verwunderlich, das in den ersten beiden Jahren nach der Beseitigung des Ceausescu-Regimes Ende 1989 Hunderttausende Rumäniendeutscher geradezu fluchtartig das Land verließen, da sie befürchteten, „das Fenster“ könnte sich wieder schließen, denn immerhin gab es ja damals die Sowjetunion noch. Die Gemeinschaft der Siebenbürger Sachen ist heute auf unter 10% ihrer ehemaligen Kopfzahl geschrumpft. In vielen Dörfern ist das Deutschtum entweder ganz erloschen oder auf einen minimalen Rest reduziert. Die evangelische Landeskirche umfasst nur noch knapp 15.000 Seelen und ist zur Diasporakirche geworden.

Das Demokratische Forum der Deutschen in Rumänien

Ungeachtet dessen ist die deutsche Gemeinschaft in Rumänien und die siebenbürgisch-sächsische Gemeinschaft im Besonderen auch heute noch eine beachtliche kommunalpolitische und kulturelle Kraft, die von der Mehrheitsbevölkerung hoch geschätzt wird. In den letzten Dezembertagen des Jahres 1989 bereits formierte sich das Demokratische Forum der Deutschen in Rumänien auf Landes-, Regional- und Ortsebene und nahm die Verhandlungen mit der Übergangsregierung auf. Es verstand und versteht sich auch heute als politische Vertretung der Deutschen in Rumänien. Schon früh begann man im Rahmen des Forums Themen wie Enteignung und Rückerstattung auf die Agenda in Bukarest zu setzen. Es wurden Vertreter in die vorläufige parlamentarische Versammlung entsandt, ebenso wurde der Fortbestand der deutschen Presse gesichert und die Anerkennung der Russland-Deportierten als politisch Verfolgte durchgesetzt. Ein besonderes Anliegen des Forums war und ist der Erhalt des deutschen Schulwesens und der deutschen Kulturtraditionen. Durch die massenhafte Auswanderung in den Jahren 1990/91drohte die Gefahr, dass das gut organisierte und hoch renommierte deutsche Schulwesen keinen Bestand mehr haben würde. Dank der intensiven Bemühungen und zähen Verhandlungen des Forums konnte das deutsche Schulwesen im Wesentlichen fortgeführt werden, ja teilweise sogar ausgeweitet werden. Dieser Erfolg wurde durch 3 Umstände begünstigt. Erstens war der Andrang auf die deutschen Schulen dank ihres sehr guten Rufes seitens der Mehrheitsbevölkerung so groß, dass sogar eine qualitative Auswahl getroffen werden konnte. Ohne diesen Andrang hätten die Schulen nicht fortgeführt werden können, denn heute sind nur noch knapp 5% der Schüler deutscher Abstammung. Zweitens wurden deutschsprachige Studiengänge an mehreren Universitäten ausgebaut, um u. a. den deutschsprachigen Lehrernachwuchs zu sichern. Drittens wurden seitens der Bundesrepublik Deutschland (in geringerem Umfang auch seitens der Republik Österreich) Programmlehrer und Fachberater zur Qualitätssicherung des deutschen Schulwesens entsandt, eine sehr hilfreiche Maßnahme, ebenso wie die Entsendung etlicher DAAD-Lektoren. Mittlerweile wurde auch ein deutschsprachiges Lehrerfortbildungsinstitut ins Leben gerufen. Bemerkenswert ist auch die intensive Kulturarbeit des Forums und seiner Gliederungen (Publikationen sowie eine Fülle von größeren und kleineren Veranstaltungen).

Das deutsche Forum ist im Rahmen der Minderheitenregelung in Rumänien (es gibt 18 anerkannte Minderheiten) mit einem eigenen Abgeordneten im Abgeordnetenhaus vertreten und stellt traditionsgemäß von Anfang an den Unterstaatssekretär im Departement für intererethnische Beziehungen in der rumänischen Regierung. Es versteht sich zwar nicht als politische Partei, ist jedoch befugt, Kandidaten aus den eigenen Reihen für die Kommunalwahlen aufzustellen. Vor allem in Siebenbürgen haben die Kandidaten des Forums beachtliche Erfolge erzielen können. Herausragendes Beispiel ist Hermannstadt (Sibiu), wo das Forum schon in der 4. Wahlperiode den Oberbürgermeister und die absolute Mehrheit des Stadtrats stellt, obwohl der deutsche Bevölkerungsanteil bei unter 1% liegt. Die Finanzierung der Forumsaufgaben erfolgt zum einen auf gesetzlicher Grundlage durch die rumänische Regierung, zum anderen durch Zuwendungen aus dem Etat des Bundesbeauftragten für Aussiedlerfragen der Bundesrepublik Deutschland. Diese Mittel werden jährlich ausgehandelt und zweckgebunden über Mittlerorganisationen eingesetzt. Fördergebiete sind beispielsweise Betriebsmittel für Altenheime, Entsendung von Kulturmanagern, Jugendarbeit, Darlehen für Existenzgründungen rumänischer Staatsangehöriger deutscher Abstammung. Diese Darlehen werden von den regionalen Forums-Stiftungen treuhänderisch verwaltet und die Rückflüsse werden gemeinschaftsfördernden Zwecken zugeführt. Ebenso wurden bisher auch Ankäufe und Instandsetzungen von Forumssitzen mit Bundesmittel unterstützt.

Siebenbürgenforum und evangelische Kirche

Das Regionalforum Siebenbürgen und die evangelische Kirche arbeiten in enger Partnerschaft zusammen, nachdem ihre Mitglieder nahezu identisch sind, sie also „im selben Weinberg“ tätig sind. Der Kirche obliegt neben ihren geistlichen Aufgaben samt eigener theologischer Fakultät und evangelischer Akademie die Instandhaltung und Pflege ihres außerordentlich reichhaltigen Kulturerbes, nicht zuletzt der sehr zahlreichen Kirchenburgen und anderer Baudenkmäler. Diese Aufgabe übersteigt ihre finanzielle und personelle Kraft und sie ist auf vielfältige Hilfe angewiesen. Das Siebenbürgenforum unterstützt tsieie mit seineMöglichkeiten beibei der Aquirierung von Fördergeldern (europäische Fonds, Kulturstiftungsgelder, Regierungsgelder). Sehr hilfreich ist auch die Unterstützung der ausgewanderten Sachsen, die sich in ihrer Mehrheit im „Verband der Siebenbürger Sachsen in Deutschland“, der „Siebenbürgisch-Sächsischen Landsmannschaft Österreich“ und ähnlichen Vereinigungen in Übersee zusammengeschlossen haben. Sehr wertvolle Hilfe leisten auch die Heimatortsgemeinschaften (HOG) in Deutschland in ihren Heimatgemeinden (Friedhofspflege, Reparaturen an den Kirchenburgen u.a.).

Ausblick

Es ist das Verdienst des Deutschen Forums und der evangelischen Kirche in Siebenbürgen in einer dramatischen Umbruchzeit und angesichts einer Schrumpfung der Siebenbürger Sachsen auf unter 10% ihrer ehemaligen Kopfstärke für eine stabile rechtliche, politische und kirchliche Basis und eine Konsolidierung der sächsischen Gemeinschaft gesorgt zu haben. Wie sind nun die Aussichten, dass auf diesen Grundlagen auch eine dauerhafter Bestand der Gemeinschaft gesichert ist? Bei genauer Betrachtung gelangt man zu einer gewissen Skepsis. Seitens der politischen Parteien und des Staates drohen zumindest zur Zeit keine Gefahren von Beeinträchtigungen der deutschen Gemeinschaft, denn außer bei einigen radikalen Splittergruppen genießen die Deutschen ein hohes Ansehen und sie werden mit Wohlwollen betrachtet. Allerdings weist die Gemeinschaft selbst, wenngleich unverschuldet, Schwächen auf, die an einem anhaltenden und kraftvollen Weiterbestand zweifeln lassen. Die Auswanderungsdynamik der 90er Jahre hat eine stark reduzierte und überalterte sächsische Gemeinschaft hinterlassen, deren Durchschnittsalter Jahr für Jahr gestiegen ist und noch weiter steigen wird, nachdem es fast keinen Nachwuchs mehr gibt. Die evangelische Kirche und das Forum werden sich daher zunehmend diakonische Aufgaben zueigen machen müssen. Bedenklich ist auch die Tatsache, dass die Leistungsträger an Zahl immer mehr abnehmen, weswegen immer mehr Aufgaben auf sie zukommen, was zwangsläufig zu Ämterhäufung und Überlastung führt. Um diesem Prozess entgegenzuwirken, sind bereits Initiativen zur Vitalisierung der Gemeinschaft ergriffen worden, die bisher jedoch noch ohne sichtbaren Erfolg geblieben sind. So scheiterte die Integrierung der vielen deutschen und deutschsprachigen Ausländer an den staatlichen Vorgaben, nach denen das Forum die Interessenvertretung ausschließlich rumänischer Staatsbürger deutscher Nationalität ist. Aus dem gleichen Grund scheiterte der Versuch, die vielen Abiturienten der deutschen Gymnasien, die sich der deutschen Kultur verpflichtet fühlen, zu integrieren. D.h. im einen Fall ist die mangelnde Staatsangehörigkeit im anderen Fall die nichtdeutsche Abstammung das Hemmnis. Ein Aufruf zur Rückwanderung mit gleichzeitigem Angebot zur Existenzneugründungshilfe hat bis auf wenige Einzelfälle noch nicht gewirkt. Zu bedauern ist auch die Tatsache, dass die Bundesrepublik Deutschland aus Spargründen ihr finanzielles Engagement zugunsten der deutschen Gemeinschaft in Rumänien stetig zurückfährt. Leider nimmt auch das deutsche Schulwesen in letzter Zeit an Niveau ab, da die muttersprachlichen deutschen Lehrkräfte aus Altersgründen weitgehend ausgeschieden sind, und der qualifizierte in deutscher Sprache ausgebildete Nachwuchs entweder besser bezahlte Jobs bei deutschen Investoren bevorzugt oder auswandert. Das Lehrerentsendeprogramm kann diese Lücke nicht ausfüllen, sondern wird sogar zurückgefahren. Dennoch werden die deutsche Kultur und die deutsche Sprache auch in Zukunft noch eine große Rolle spielen, wenn auch nicht der gleichen Dimension wie in der Vergangenheit.

Abschließend ist noch zu bemerken, dass bis zu seiner Auflösung im Dritten Reich die überwältigende Mehrheit der in Deutschland und Österreich studierenden Siebenbürger Sachsen Mitglieder des VVDSt waren.

Literatur:

  • Ernst Wagner, Geschichte der Siebenbürgher Sachsen – Ein Überblick. Thaur 1990 ISBN 3-85373-3055-8
  • Konrad Gündisch, Siebenbürgen und die Siebenbürger Sachsen, Langen Müller, München 1998. ISBN 3-7844-2685-9
  • Harald Roth, Kleine Geschichte Siebenbürgens, Böhlau, Köln 2007. ISBN 978-3-412-13502
  • Sibiweb
  • Siebenbuerger.de
  • Demokratisches Forum der Deutschen in Rumänien

Lebendige Gemeinschaft – Festrede beim Sachsentreffen in Birthälm am 20.09.2008

In dieser Rede habe ich auf die Stärken und Erfolge aber insbesondere auch auf die Schwachstellen der stark geschrumpften deutschen Gemeinschaft in Rumänien hingewiesen und zu Maßnahmen zur Vitalisierung der deutschen Gemeinschaft aufgerufen und Möglichkeiten dazu aufgezeigt. Sie hat in Siebenbürgen und in der sächsischen Gemeinschaft in Deutschland und Österreich große Wellen geschlagen. Ich habe über hundert Mails, Anrufe und Briefe erhalten. Die meisten Rückmeldungen waren zustimmend bis begeistert. Jedoch gab es auch eine Fülle von kritischen bis sehr kritischen Äußerungen, ja selbst Beschimpfungen sind nicht ausgeblieben.

Lebendige Gemeinschaft

1. Das Thema hat mir bei der Vorbereitung erhebliche Probleme bereitet, da ich mir über meinen Auftrag nicht ganz im Klaren war. Worum handelt es sich, wenn heute von „Lebendiger Gemeinschaft“ die Rede sein soll? Wird von der These ausgegangen, daß es in Siebenbürgen trotz der gewaltigen Umwälzungen der letzten 19 Jahre immer noch eine lebendige sächsische Gemeinschaft gibt, die es nun in ihrer Erscheinungsform zu beschreiben gilt? Oder setzt man ein deutliches Fragezeichen dahinter in der Erkenntnis, daß die Lebendigkeit unserer Gemeinschaft viel zu wünschen übrig läßt? Oder setzt man ein mahnendes Ausrufezeichen dahinter mit der Absicht, zur Revitalisierung unserer Gemeinschaft, die einzuschlummern droht, aufzurufen? Welcher dieser drei Sichtweisen wollen wir den Vorzug geben? Wie wir nun sicher alle wissen, ist die menschliche Wahrnehmung subjektiv und nicht selten selektiv. Auch die Kriterien und Merkmale, die wir mit einer lebendigen Gemeinschaft in Verbindung bringen und die Mindestanforderungen, die wir an sie stellen, sind subjektiv und nicht einheitlich definiert. Übt man sich in Genügsamkeit und beschränkt sich in seinen Erwartungen auf Weniges, dann ist die Lagebeschreibung einer lebendigen Gemeinschaft gerechtfertigt. Stellt man jedoch höhere Ansprüche, fällt das Urteil sehr viel kritischer aus. Daher ist es nicht verwunderlich, daß die Zustandsbeschreibung unserer Gemeinschaft sehr unterschiedlich ausfällt und alle drei o.g. Varianten artikuliert werden. Man hört sehr wohl Stimmen, die sehr gut funktionierende Forumsstruktur sei ein Beleg für eine lebendige Gemeinschaft. Die Forumsgliederungen sind in der Tat gut geführt und arbeiten auch effektiv, wie auch unserer Abgeordneter uns hervorragend vertritt. Eine funktionierende Organisation ist jedoch noch keineswegs ein Garant für ein dynamisches und facettenreiches Gemeinschaftsleben und genau dieses wird von nicht wenigen vermißt. Jeder definiert also seine Erwartungen an das Gemeinschaftsleben für sich und partizipiert daran oder auch nicht. Ich möchte nun im Folgenden einige Gedanken zu diesen Aspekten formulieren und eine persönliche Beurteilung abgeben.

2. „Was seid Ihr Sachsen doch für prächtige Kerle! Respekt! Respekt! Was Ihr da in Hermannstadt erreicht habt, verdient Bewunderung. Wir dachten, es gibt Euch gar nicht mehr, und nun so was! Alle Hochachtung!“ Dieses sagte mir neulich ein österreichischer Studienfreund, den ich schon lange nicht mehr gesehen hatte. Natürlich habe ich mich darüber gefreut. Und natürlich können und sollen wir alle uns freuen, daß Persönlichkeiten aus unseren Reihen so viel Anerkennung erfahren haben. Und daß da eine gehörige Portion Tüchtigkeit dahinter steckt, steht außer Frage. Läßt jedoch dieser großartige Erfolg den Schluß zu, daß unsere Gemeinschaft insgesamt intakt, dynamisch und wirkungsvoll ist? Ich habe erhebliche Zweifel und möchte daher ein paar Fragezeichen setzen. Zu einer lebensfähigen ethnischen Gemeinschaft gehören klar erkennbare Konturen in Sitten, Gebräuchen, ethischen Normen und vor allem eine selbstbewußte Identität. Darüber hinaus zeichnet sich eine vitale Gemeinschaft dadurch aus, daß sie regional fest verwurzelt ist und aus allen Generationen besteht, also aus Jung und Alt, sowie insbesondere eine leistungsstarke mittlere Generation aufweist. Unserer sächsischen Gemeinschaft fehlen jedoch in hohem Maße gerade die Leistungsträger und der Nachwuchs. Ein Zyniker sagte mir neulich: „Ihr seid eine amputierte und verstümmelte Gemeinschaft. Euch sind die beweglichen Glieder abgeschnitten worden“. Ein hartes Wort! Leider trifft es aber die Wahrheit. Unsere Mitglieder, die im übrigen in der Regel ihre überwiegende Verwandtschaft in Deutschland haben und häufig pendeln, haben in der Tat ein sehr hohes Durchschnittsalter und es wird noch steigen. Ist es angesichts dieses Umstands verwunderlich, daß für die Gestaltung des Gemeinschaftslebens, wie immer man es zu gestalten versucht, hier vor Ort kaum Amtsträger, Mitarbeiter oder aktive Helfer zu gewinnen sind? Die Arbeit wird in aller Regel von wenigen Personen geleistet, die wegen Überlastung häufig überfordert sind. Hinzu kommt, daß sie sich die Gemeinschaft zunehmend auf die Städte beschränkt. In sehr vielen Landgemeinden ist das sächsische Element beinahe oder völlig erloschen. Das ist ein sehr herber Verlust, denn gerade dort hat, wie wir alle wissen und erlebt haben, in der Vergangenheit ein sehr aktives Gemeinschaftsleben stattgefunden. Das Plakat, das uns zu diesem heutigen Sachsentreffen einlädt, spiegelt, mit Verlaub, ein euphemistisches Bild wider, denn die heutige Realität spricht leider eine ganz andere Sprache. Wo erleben wir noch einen geschlossenen Gottesdienstbesuch oder Feierlichkeiten in altsächsischer Tracht und altsächsischer Gesellungsform? Über diese Tatsache können auch die mit erstaunlich hoher Teilnehmerzahl aus Deutschland und aller Welt stattfindenden Heimattreffen in vereinzelten Ortschaften nicht hinwegtäuschen. So eindrucksvoll und bewegend sie auch sein mögen, so sind sie doch, und das sage ich provokativ, Nostalgietreffen unserer ausgewanderten Landsleute und legen für ein paar Tage einen schönen Schleier über den grauen Alltag, was wir allerdings gerne mit genießen. Nach ihrer Abreise ist jedoch alles wieder beim Alten. Ich selbst als eine Art Rückwanderer hatte gehofft, daß nach all den erfreulichen Veränderungen in Europa und in unserem Land eine große Anzahl unserer ausgewanderten Landsleute auf Zeit oder auf Dauer zurückkehren und ihre Kompetenzen aktiv unserer Gemeinschaft zur Verfügung stellen und zwar nicht nur indem sie gute Ratschläge erteilen, sondern indem sie sich bereit erklären, auch Funktionen zu übernehmen und Verantwortung zu tragen. Wir haben den großen Vorteil, mit beiden Milieus vertraut zu sein und entsprechend unserem Wirken größtmögliche Stoßkraft zu verleihen. Leider ist eine solche Rückwanderung in erstaunlich geringen Maße geschehen. Noch erstaunlicher ist, daß viele unserer ausgewanderten Landsleute, die den Sommer in ihren wieder instandgesetzten Häusern in ihren Heimatortschaften verbringen oder für längere Zeit zu Besuch kommen, ein Eigenleben führen, auf Distanz gehen und sich kaum aktiv am örtlichen Gemeinschaftsleben beteiligen. Ein Schäßburger Freund sagt mir neulich: „Die fremdeln alle, es sind keine Sachsen mehr, sie sind zu Deutschen geworden.“ Es ist nicht meine Aufgabe, das zu bewerten. Gelegentliche Kommentare über die Unzulänglichkeiten unserer Arbeit und gar Fragen wie z.B. „Meinst Du nicht, daß ja doch alles vergebliche Liebesmühe ist, denn es geht ja eh bald alles zu Ende. Warum tut Ihr euch das noch an?“, sind jedoch mehr als ärgerlich.

Ein weiteres Phänomen erfordert ein Fragezeichen, das sich allerdings nicht auf unsere sächsische Gemeinschaft beschränkt, sondern eine gesamteuropäische Erscheinung ist und in den letzten Jahren überraschend schnell evident geworden ist. Die gewaltigen gesellschaftlichen Umbrüche, der unübersehbare Paradigmenwechsel, die Folgeerscheinungen der Globalisierung und wohl auch der rasante Siegeszug der modernen Kommunikationssysteme haben geselliges Verhalten völlig verändert. Große Teile der jüngeren und mittleren Generation kommunizieren per E-Mail und SMS miteinander, unterhalten sich in Chat-Rooms. Es entwickeln sich völlig neue Formen der Gesellung. Der Soziologe Ullrich Beck konstatiert eine rasante Enttraditionalisierung der Gesellschaft mit verheerenden Folgen für das gerade in Deutschland bisher stets hochgehaltene Vereinsleben. Es fehlt allenthalben an aktivem Nachwuchs. Der Ratspräsident der EKD Huber sprach kürzlich hinsichtlich des kirchlichen Bereichs von einem signifikanten Traditionsabbruch, was natürlich das Gemeindeleben vor große Herausforderungen stellt. Vereinzelung der Menschen, diffuse Orientierungslosigkeit, Unverbindlichkeit, Beliebigkeit, Wertevakuum, Unverläßlichkeit, Gefühl der Heimatlosigkeit sind Schlagworte, die immer häufiger in der soziologischen Literatur diskutiert werden. Schon längst ist die Rede von der permissiven Gesellschaft. Sollten diese Erscheinungen, sofern sie zutreffen, angesichts der Globalisierung und der völlig offenen Grenzen ausgerechnet vor Siebenbürgen halt machen? Wohl kaum! Und welche Konsequenzen werden sie für unser ohnehin sehr geschwächtes sächsische Gemeinschaftsleben haben? Wir wissen es nicht. Noch nicht.

3. Es ließen sich sicher noch mehr Fragezeichen setzen, die um den Weiterbestand unseres Gemeinschaftslebens fürchten lassen. Als notorischer Optimist weigere ich mich jedoch, vor lauter Fragezeichen in Resignation zu verfallen und abzuwarten, bis die Propagandisten des finis saxoniae recht bekommen. Schwierigkeiten und Gefahren sind dazu da, damit sie aus dem Weg geräumt werden, das hat die Jahrhunderte lange sächsische Geschichte bewiesen. Dies kann man jedoch nur leisten, wenn man sich der Realität stellt und dann nach Lösungen sucht. Deshalb möchte ich nun zu den Ausrufezeichen übergehen. Die Geschichte lehrt uns, daß es keinen Stillstand gibt. Das sächsische Gemeinschaftsleben, wie wir es gekannt oder es uns haben erzählen lassen, wird es nicht mehr geben. Alles vergeht, wenn sich die Lebensumstände ändern, aber es entsteht immer wieder etwas Neues und dieses Neue können wir beeinflussen, wenn wir die Realitäten akzeptieren und das Unsere zur Weiterentwicklung beitragen. Wir haben die Möglichkeit dazu, sofern wir nicht nur in die „verlorene“ Vergangenheit schauen und sie immer wieder heraufbeschwören, sondern uns bereit halten, die Zukunft zu gestalten. Die Vergangenheit ist immer verloren, die Zukunft können wir prägen. Wir müssen es nur wollen. Die sensationellen Wahlerfolge sind ein beredtes Beispiel dafür, was man alles erreichen kann, wenn man etwas will und entschlossen und energisch sein Ziel verfolgt. Allerdings muß man sich im Klaren sein, was man überhaupt will und muß das Ziel genau definieren. Wir müssen also schnellstens einen Konsens herstellen, welche Form des sächsischen Gemeinschaftslebens wir unter den neuen Bedingungen anstreben, um die geeigneten Maßnahmen ergreifen zu können. Wollen wir das traditionelle sächsische Gemeinschaftsleben revitalisieren, von der nur noch Spuren vorhanden sind? Oder wollen wir unter Einbeziehung dieser Spuren und Nutzung aller, auch neuer Ressourcen etwas Neues, den eingetretenen Realitäten Angemessenes zu Wege bringen. M. E. muß jetzt gehandelt werden, denn wir haben zu lange die Entwicklung auf uns zukommen lassen. Wir haben nicht mehr viel Zeit, denn wir werden gemeinsam immer älter und junge Mitglieder wachsen kaum heran. Wir haben aber immer noch eine Menge bisher noch ungenutzter Ressourcen, die es dringend zu mobilisieren gilt. Unsere evangelische Kirche, die dank unseres Herrn Bischof national und international ein außerordentlich hohes Ansehen genießt, ist zwar in hohem Maße eine Diasporakirche geworden, aber es gibt noch kräftige Kirchengemeinden. Warum sollen wir die Bande zwischen Kirchengemeinden und den Foren nicht noch enger knüpfen, als es bisher geschieht? Wir haben doch viele gemeinsame Schnittstellen und Anliegen. Warum bauen wir die jetzt schon vorhandenen Personalunionen in den Gremien nicht noch stärker aus? Und warum vernetzten wir die Veranstaltungen nicht stärker, was im übrigen gute sächsische Tradition ist.? Eines der Meisterstücke unserer Vorfahren war das einzigartige und hochrenommierte Schulwesen. Die Schulen funktionieren Gott sei Dank nach wie vor, wenngleich an ihnen viel nachgebessert werden müßte, wenn ihr traditionelles hohe Niveau nicht sinken soll, was, Gott sei´s geklagt, in Teilen leider schon geschehen ist. Sie, und nur sie allein sind unser Nachwuchsreservoir. Unsere Jugendforen könnten ohne sie gar nicht existieren. Wir verlieren jedoch diese vielen in deutscher Sprache erzogenen jungen Menschen nach dem Abitur, weil sie in der Regel anderen Ethnien angehören und sie in den Foren keine Vollmitglieder oder Amtsträger werden können. Wie können wir sie auch nach dem Schulabschluß an uns binden? Hier ist Phantasie gefragt. Alle Foren haben in ihren Reihen auch eine große Zahl sogenannter Sympathisanten, Angehörige anderer Ethnien, die uns sehr wohlgesonnen sind und sich der deutschen Kultur verpflichtet fühlen, die aber auch keine Vollmitglieder werden können und daher einen gewisse Distanz wahren. Selbst nichtdeutsche Ehepartner, deren Zahl noch steigen wird, können allenfalls Sympathisanten werden. Dies gilt ebenso für die vielen deutschsprachigen Staatsbürger anderer Länder, die sich aus den verschiedensten Gründen hier niedergelassen haben. Auch sie sympathisieren zwar mit uns, empfinden sich aber in der Regel als Außenstehende und können ebenfalls nicht Mitglieder in unseren Foren werden. Wir müssen dringend darüber nachdenken, wie wir hier Abhilfe schaffen können. Es ist höchste Zeit, daß wir uns für alle diese Personengruppen stärker öffnen, denn wir können nur gewinnen. Wir müssen m.E. ehestens eine Satzungsdiskussion eröffnen, so heikel sie auch sein mag. Wir sind dankbar, daß uns der Verband der Siebenbürger Sachsen in Deutschland und die Landsmannschaften in Österreich und in Übersee mit ihren Möglichkeiten unterstützen, wir müssen aber auch Wege finden, wie wir unsere ausgewanderten Landsleute, und zwar so viele wie möglich, wieder stärker in unsere tägliche Arbeit hier vor Ort integrieren können. Zudem erfahren wir europaweit, natürlich insbesondere in Deutschland, Österreich und der Schweiz große Solidarität und nicht zuletzt eine beachtliche materielle Unterstützung, Auch dafür sind wir natürlich dankbar. Erfüllen wir aber die dort gehegten Erwartungen, daß wir unermüdlich unsere deutsche Gemeinschaft, weit weg vom deutschen Sprachraum, mit allen unseren Kräften gefestigt in die Zukunft führen? Ich fürchte, wir haben sehr lange zugewartet und zu wenig vorausschauend gehandelt. Wenn wir jetzt nicht handeln, wo noch genügend Substanz vorhanden ist, werden wir eines Tages als deutsche Gemeinschaft in der Geschichte versunken sein und unser beachtliches kulturelle Erbe mit uns. Ich bin sicher, daß will niemand von uns. Lassen Sie uns die Ärmel wieder hochkrempeln und an die Arbeit gehen. Das sind wir unserer Geschichte und uns selbst schuldig. Das sächsische Volk hat viele schwere Zeiten durchlebt und sie letztendlich immer gemeistert. Auch jetzt haben wir große Chancen, wenn wir es wollen. In der Kleinen Sachsengeschichte von Friedrich Teutsch habe ich eine interessante Passage gefunden, die heute so sicher nicht mehr geschrieben würde und zu der sehr viel kritisches gesagt werden könnte, die aber doch sehr nachdenklich stimmt: „Auch ein anderes erscheint dem Rückschauenden heute von Bedeutung: jene Jahre (1780 bis 1830) hatten das Bewußtsein der politischen Zusammengehörigkeit der sächsischen Nation und ebenso den Gedanken der kirchlichen Einheit fast verloren gehen lassen und das nationale Bewußtsein war gleichfalls eingeschlafen. Vom alten Recht aber war kaum noch die Rede. Dagegen bleibt den stillen Jahren eins: in ihnen wuchsen die Männer heran, die dem Volk die neue Zeit und damit die Zukunft brachten. In Schäßburg wurde 1810 J.A. Zimmermann geboren, im selben Jahr in Agnetheln Kon. Schmidt, 1814 C. Goos und 1817 G.D.Teutsch in Schäßburg, 1823 Jak Rannicher in Hermannstadt, 1820 Jos. Gull, 1828 Fr. Müller in Schäßburg. Aller Leben ist angefüllt mit dem Kampf für das Recht und mit der Arbeit, dem sächsischen Volk neuen Lebensinhalt zu geben….Es begann eine umfassende Innenarbeit zur Erziehung des Volkes, die so tief war, daß ein Teil auch des heutigen sächsischen Lebens auf dem Grunde ruht, den sie damals legten….Die gebundenen Kräfte des Volkes sollten freigemacht werden, für jede willige Kraft sollte die rechte Stelle zur Mitarbeit gefunden werden……..den führenden Männern war klar, daß die dauernde Stärkung der geistig-sittlichen Kräfte das erste und das höchste Ziel und zugleich die Grundlage des Volkes sei. Und für dieses traten die Besten ein. Es hat keine hoffnungsreichere, keine zuversichtlichere Zeit gegeben als diese, wo es wie im Frühling allenthalben grünte und sproßte und neues Leben entstand: ….Auferwacht – ist mein Volk aus langer Nacht, das war die Morgenstimmung des aufsteigenden Tages……..Daß Vereinigung stark macht, hatte draußen die größere Welt gezeigt; sie griffen auch hier zur Vereinigung, Es ist die Zeit die der Vereinsgründungen gewesen, viele der sächsischen Volksvereinigungen gehen in diese Jahre zurück……….In den Geschicken der Völker mischt gar seltsam Schuld und Schicksal, Menschenwitz vermag gar selten auseinander zu halten. Aber wenn die Geschichte gerecht urteilen wird, dann kann sie von dem lebenden Geschlecht nur sagen, das es das ererbte Volksgut unter den schwierigsten Verhältnissen nicht nur bewahrt, sonder vielfach gemehrt hat, daß es für jene Güter nicht nur Opfer gebracht, sondern die Nachkommen zur Pflicht erzogen hat, das gleich zu tun. Der Inhalt der sächsischen Geschichte ist zu allen Zeiten gewesen: Allen Gewalten – zum Trotz erhalten, und so wie es bisher war, soll es auch in Zukunft sein.“ Soweit Friedrich Teutsch in der Sprache des damaligen Zeitgeistes.

4. Wenn man sich entschließt, seine Phantasie und Tatkraft für einen Neuanfang, und der ist dringend geboten, und eine Weiterentwicklung Siebenbürgens einzusetzen, dann ist man gut beraten, die Realitäten vorurteilsfrei zu akzeptieren. Nur so erkennt man die Chancen und kann seine Energie sinnvoll einsetzen. Eine Revitalisierung der traditionellen sächsischen Gemeinschaft ist nicht mehr möglich. Ich bin sogar der Meinung, sie ist in vielen Facetten auch gar nicht mehr wünschenswert. Sie war in einem bestimmten gesellschaftlichen, kulturellen und ökonomischen Milieu entstanden, in dem sie ihren angemessenen Platz hatte. Sie hat funktioniert und hervorragende Leistungen hervorgebracht. Heute leben wir in einem komplett anderen Milieu und jeder Versuch, sie zu restaurieren wäre anachronistisch. Was wir aber leisten können, ist, auf den Fundamenten der ehemaligen sächsischen Gemeinschaft und unter Bewahrung noch zeitgemäßer Elemente eine der heutigen Zeit angemessene deutsche Gemeinschaft zu organisieren und mit Leben zu erfüllen. Ich plädiere dringend für die möglichst sofortige Eröffnung einer Debatte, in der wir eine Diagnose unserer gegenwärtigen Gemeinschaft vornehmen und auf der Grundlage des Befundes die konkreten Kriterien einer Neuformierung unserer Gemeinschaft formulieren. Wir werden sicher die Kraft aufbringen müssen, uns von Vertrautem zu trennen und neue Zielvorstellungen zu akzeptieren. Eine deutsche Kultur- und Sprachgemeinschaft hat durchaus beste Chancen, wenn wir alle Ressourcen nutzen. Dazu ist jedoch Tatkraft und Hartnäckigkeit von Nöten. Fast alles ist möglich, wenn man entschlossen sein Ziel verfolgt. Lassen Sie uns an die Arbeit gehen, damit wir uns noch recht häufig hier in Birthälm treffen können!

Dr. Karl Scheerer
Birthälm 20.09.2008

Zukunft und Perspektiven der deutschen Minderheit in Rumänien

Das abgedruckte Thesenpapier wurde anlässlich einer Tagung vom 13. bis 15. November 2009 in Hermannstadt von Benjamin Józsa, Dr. Hans Klein, Dr. Paul Philippi, Dr. Karl Scheerer und Winfried Ziegler vorgelegt. In diesem Papier werden Vorschläge zu einer Vitalisierung und Festigung der sehr klein gewordenen deutschen Gemeinschaft in Rumänien gemacht. Es ist eine Reaktion auf die programmatische Rede von Dr. Karl Scheerer am Sachsentreffen in Birthälm im September 2008. Während der Diskussion des Thesenpapiers wurde als wichtig erachtet, das Thema Schule ebenfalls einzubringen sowie die notwendige intensive Zusammenarbeit zwischen dem Forum und den anderen für unsere Minderheit relevanten Vereinen und Institutionen in Rumänien.

Zukunft und Perspektiven der deutschen Minderheit in Rumänien

Thesenpapier vorgelegt anlässlich einer Tagung vom 13. bis 15. November in Hermannstadt

Das DFDR hat in den 20 Jahren seiner Existenz eine hervorragende Leistung vorzuweisen und ist auch heute noch eine beachtliche und effektive gesellschaftliche Kraft. Dennoch haben es die Massenauswanderung der 90er Jahre und andere Umstände mit sich gebracht, dass die deutsche Gemeinschaft als Ganzes sehr geschwächt ist, und es besteht die Gefahr, dass sie angesichts ihres sehr hohen Durchschnittsalters und infolge des Mangels an aktiven Leistungs- und Funktionsträgern ihre Lebenskraft einbüßt. Deshalb ist es geboten, neue Wege zur Stärkung und Vitalisierung der Gemeinschaft zu suchen. Es gilt, die Ressourcen zu aktivieren und neue zu erschließen, die vorhandenen Kräfte effektiver zu koordinieren und darüber hinaus weitere Personenkreise, die sich dem Deutschtum und der deutschen Kultur verpflichtet fühlen, in die Forumsstrukturen zu integrieren. Die folgenden Vorschläge bieten die Chance, der deutschen Gemeinschaft zusätzliche Impulse zu verleihen und für das Gemeinschaftsleben neue Akzente zu setzen.

1.1 Einbeziehung von ethnisch Nichtdeutschen ins Forum

1.2 Einbeziehung von Deutschen ohne rumänische Staatsbürgerschaft

In Anbetracht einer überalterten Bevölkerungsstruktur der rumäniendeutschen Gemeinschaft und der damit verbundenen Abnahme der Zahl der Rumäniendeutschen und unter Berücksichtigung der zahlenmäßig nicht zurückgehenden zu bewältigenden Aufgaben sind zwei heranzuziehende Gruppen für das Forum von vitaler Wichtigkeit.

Das Forum muss ethnischen Nichtdeutschen, die sich der deutschen Gemeinschaft verpflichtet oder zugehörig fühlen eine erweitertere Plattform als bisher zur Verfügung stellen, damit sie sich zum Wohle der Gemeinschaft einbringen können. Dieses gebieten sowohl der Respekt vor ihren Bemühungen aber auch der Blick in die Zukunft. Die wachsenden Belange der Rumäniendeutschen können nicht mehr exklusiv von diesen wahrgenommen werden. Die in Rumänien lebenden EU-Bürger deutscher Muttersprache, die aber keine rumänische Staatsbürgerschaft besitzen, sollten aufgrund ihrer Brückenfunktion Vollmitglied im DFDR werden können, sofern sie einen festen Wohnsitz in Rumänien haben.

1.3 Einbeziehung der eigenen Mitglieder

Dieselbe Sorge muss das Forum seinen rumäniendeutschen Mitgliedern angedeihen lassen. Die Einbeziehung in die Entscheidungen der Forumsstruktur, das Heranziehen weiterer ehrenamtlicher Aktiver und die Einbindung in politische Willensbildungsprozesse sind einige Themenfelder, die weiter ausgebaut werden müssen. Jeder Aktive, der aus dem einen oder anderen Grunde dem Forum den Rücken kehrt, wird nicht mehr zu ersetzen sein.

2. Hineinwachsen der Mitglieder des Jugendforums in die Forumsstruktur

Eine grundlegende Wichtigkeit kommt in der Zukunftsperspektive des Forums der Jugend zu, ist sie doch der Teil, der per se den Fortbestand des Forums garantiert. In Anbetracht der Tatsache, dass sich die Mitglieder der Jugendforen überwiegend aus Nichtdeutschen zusammensetzen, kommt der Begleitung durch die Foren eine große Rolle zu. Jugendverantwortliche sollen durch Rat und Tat darauf hinweisen, was das Unverwechselbare der rumäniendeutschen Gemeinschaft ausmacht und den Prozess der Annäherung an gemeinsame Werte wie Gemeinschaftssinn, Korrektheit und Gestaltungswillen begleiten. Desgleichen muss dem Umstand Rechnung getragen werden, dass aufgrund der fehlenden Generation der 40- bis 50-Jährigen die Jugendlichen schneller an Aufgaben heran müssen, als es in der Vergangenheit vorgesehen war. Dem vorausschauenden Vorbereiten der geeigneten Kandidaten muss das gesamte Augenmerk gewidmet werden.

3. Optimierung der Willensbildung innerhalb des Forums

Die Forumsmitglieder müssen diejenigen sein, welche die wichtigen Entscheidungen treffen, und nicht nur gutheißen. Dafür müssen von den Leitungsgremien die notwendigen Informationen vollständig vorgelegt werden, und es muss eine Atmosphäre gesichert werden, in welcher offen über gegensätzliche Ideen kontrovers diskutiert werden kann. Eine solche Diskussionskultur muss gezielt gefördert werden. Die Auseinandersetzung mit Themen betreffend die eigene Gemeinschaft trägt zur Identifikation des Einzelnen mit eben dieser Gemeinschaft bei. Konkrete Ansatzpunkte in diese Richtung sind, abgesehen von einer entsprechenden Gestaltung der Vorstandssitzungen und Vertreterversammlungen, die Gründung von themenbezogenen Arbeitsgruppen und Kommissionen sowie die Veranstaltung von Tagungen, Gesprächsrunden und Fortbildungen. Nach dem Vorbild der Schulkommission sollten andere themenbezogene permanente Kommissionen ins Leben gerufen werden.

4. Vitalisierung und Koordinierung des Gemeinschaftslebens

Das hergebrachte Gemeinschaftsleben der deutschen Minderheit ist fast vollständig verschwunden. Der Gebrauch der Muttersprache geht zurück, emotionale Bindekräfte innerhalb der Gemeinschaft und das Zusammengehörigkeitsgefühl (Wir-Gefühl) verlieren zunehmend an Bedeutung. Zur Vitalisierung und Koordinierung des Gemeinschaftslebens bieten sich folgende konkrete Schritte an:

1. Verstärktes Zusammenbringen der Mitglieder zu Veranstaltungen, welche das Gemeinschaftsbewusstsein wecken, das Gemeinschaftsgefühl stärken und gemeinschaftliche Handeln fördern

2. Nutzung der modernen Medien über die traditionellen hinaus

3. Zusammenarbeit der Institutionen und Verantwortlichen innerhalb unserer Gemeinschaft um nicht in Konkurrenz zueinander zu geraten, sondern gemeinsam aufzutreten

4. Sinnvollen Einsatz der vorhandenen Ressourcen für gemeinschaftsfördernde Maßnahmen

 

5. Umgang mit den Organisationen unserer Ausgewanderten

Die Organisationen unserer Ausgewanderten sind seit ihrem Richtungswechsel auf verstärkte Zusammenarbeit mit dem DFDR eingestellt und erkennen, dass sie auf die Rückbindung an die Deutschen in Rumänien auch für ihre eigene Identität angewiesen sind. Sie übernehmen (hauptsächlich, aber nicht nur, als Heimatortsgemeinschaften) vermehrt Verpflichtungen in der „alten Heimat“ und sind zu struktureller Investivhilfe bereit. Diese Bereitschaft gilt es anzunehmen und partnerschaftlich auszubauen.

Andererseits hat sich aber auch ein Klima herausgebildet, in dem beide Seiten das Ausgewandertsein als selbstverständlich gelten lassen, so als sei eine Existenz als Siebenbürger Sachse oder Banater Schwabe in Deutschland ebenso authentisch möglich wie in Siebenbürgen oder im Banat, ja, vielleicht sogar noch authentischer (bezeichnend ist der zunehmend zu beobachtende Wechsel in der Redeweise von „alter Heimat“ zu „Herkunftsgebiet“). Diese Fehleinschätzung von Heimatverbundenheit gilt es, freundlich aber deutlich zu entmythologisieren. Mit den Organsiationen der Ausgewanderten sollten wir Deutsche in Rumänien uns über die unterschiedliche Wertigkeit siebenbürgisch-sächsischer bzw. schwäbischer Existenz hier bzw. dort verständigen und im Dialog eigenständige Wertkategorien artikulieren.

Auf jeden Fall sollte aber der partnerschaftliche Dialog und Informationsfluss weiter intensiviert werden.

6. Programm für Neu- und Rücksiedlung

Ein wesentlicher Impuls für die Vitalisierung der deutschen Gemeinschaft könnte eine verstärkte Neu- bzw. Rücksiedlung jüngerer Leistungsträger sein, seien es Ausgewanderte, seien es andere Personengruppen aus dem deutschsprachigen Raum, die im Rumänien von heute die Chance eines Neuanfangs sehen. Einige, jedoch zu wenige, sind diesen Weg schon gegangen. Hier gilt es, unse-rerseits initiativ zu werden und für eine solche Rück- bzw. Neusiedlung zu werben.

Wirkungsvoll könnte ein Kontaktbüro sein, das folgende Funktionen erfüllen sollte:

1. fachmännische juristische und organisatorische Beratung Ansiedlungswilliger und Hilfestellung bei anfänglichen Alltagsproblemen

2. Werbeaktionen im deutschsprachigen Raum, insbesondere bei Organisationen und Veranstaltungen ausgewanderter Deutscher aus Rumänien

3. Hilfe bei der Integration in die deutsche Gemeinschaft in Rumänien, Ermunterung zur Teilnahme am deutschen Gemeinschaftsleben und Motivierung zur Übernahme ehrenamtlicher Verantwortung Die Möglichkeit der Mitgliedschaft im Forum sollte für Neu- und Rücksiedler deutscher Sprache aus EU-Ländern als gegeben angesehen werden, sofern sie sich „zur deutschen Minderheit bekennen“.

7. Zusammenarbeit Forum Kirche (speziell Siebenbürgen)

Da sowohl die evangelische Kirche als auch die einzelnen Foren es in ihrer jeweiligen Arbeit im Wesentlichen mit demselben Personenkreis zu tun haben, also sie „im gleichen Weinberg“ arbeiten, bietet sich eine engere Zusammenarbeit geradezu an. Möglichkeiten einer Bündelung der Kräfte bieten folgende Bereiche:

1. engere Zusammenarbeit im Bereich Immobilien: Rückerstattung, Management, Instandsetzungen und Nutzungen

2. Abstimmung der jeweiligen Publikationen

3. bessere Koordinierung und Abstimmung der jeweiligen Veranstaltungen

4. vermehrte Planung gemeinsamer Veranstaltungen (z. B. gemeinsame Sommerfeste und andere Aktivitäten)

5. Intensivierung der Zusammenarbeit zwischen Kirche und Forum auf allen Ebenen durch laufenden Dialog und gegenseitige Präsenz in den Gremiensitzungen

6. kirchliche Unterstützung des Neu- und Rücksiedlerkonzepts

7. Ermunterung zur besseren Vernetzung Forum – Kirche auf allen Ebenen (Engagement und Funktionsübernahme in beiden Bereichen)

8. verstärkte Kooperation in der Jugendarbeit

9. verstärkte gemeinsame Bemühungen zur Festigung und Zukunftssicherung der EAS als Gemeinschaftseinrichtung

Eine enge Zusammenarbeit zwischen der Kirche und den weltlichen Strukturen der Gemeinschaft ermöglicht eine wesentliche Effektivitätssteigerung und entspricht darüber hinaus guter sächsischer Tradition.

Um die deutsche Gemeinschaft in Rumänien zu erhalten, ist ein Bündel von Maßnahmen erforderlich. Jede oben vorgeschlagene Maßnahme für sich reicht nicht aus. Die Summe der Maßnahmen jedoch bietet eine realistische Chance, den Weiterbestand der deutschen Gemeinschaft zu sichern.

Das abgedruckte Thesenpapier wurde von Benjamin Józsa, Dr. Hans Klein, Dr. Paul Philippi, Dr. Karl Scheerer und Winfried Ziegler vorgelegt. Während der Diskussion des Thesenpapiers wurde als wichtig erachtet, das Thema Schule ebenfalls einzubringen sowie die notwendige intensive Zusammenarbeit zwischen dem Forum und den anderen für unsere Minderheit relevanten Vereinen und Institutionen in Rumänien.