Joschka

„Laßt uns beten!“ Die Kirche war halb leer. Die alten Männer in ihren Kirchenpelzen erhoben sich krachend im Gestühl des Seitenschiffes. Auch die gebockelten (1) Frauen und die Kinder standen auf. „…………Wir beten für unsere Jugend und alle unsere 183 Männer und Frauen, die im fernen Rußland schwerste Arbeit verrichten müssen, seit sie verschleppt worden sind. Lieber Vater, wir bitten Dich, verleihe ihnen viel Kraft, auf daß sie unbeschadet an Leib und Seele zu uns zurückkehren und auf daß ihre Drangsal bald beendet wird. Wir bitten Dich………“ Rosinchen, meine Spielkameradin, wimmerte leise. Sie hatte vor drei Jahren mit angesehen, wie ihre beiden Eltern in die Stadt zum Bahnhof getrieben worden waren. „………Lieber Vater, heute beten wir für all diejenigen, die sich anschicken, das 9. und das 10. Gebot zu mißachten. Sei ihnen gnädig, denn sie wissen nicht was sie tun. Gib uns die Kraft, sie nicht zu hassen und sei auch uns gnädig! Wir legen unser Schicksal in Deine Hand. Amen!“ Die Männer sahen sich an und ein leises Raunen drang aus dem Gestühl. Der Pfarrer blieb nach dem Segen vor dem Altar stehen und ging nicht, wie sonst üblich, in die Sakristei. Zuerst verließen die Kinder die Kirche. Es folgten die Frauen und dann die Männer. Ich wartete im Kirchhof, denn ich war mit meinem Großonkel verabredet. Die Kinder und die Frauen hatten den Kirchhof verlassen. Die Männer stellten sich in zwei Reihen vor das Portal und schwiegen. Der Kurator war einmal um die Kirche herumgegangen und hatte dann das Tor des Kirchhofs von innen verriegelt. Er stellte sich vor das Portal und wartete schweigend. Nach einiger Zeit trat der Pfarrer aus der Kirche heraus und gab dem Kurator die Hand. „Herr Pfarrer, wir sind allein. Niemand kann uns hören. Ist es also so weit?“ „Ja, in den nächsten Tagen. Unser Herr Bischof ist in Bukarest bei Groza (2) und versucht noch einmal zu retten, was zu retten ist. Ich fürchte aber, ihr müßt mit dem Schlimmsten rechnen. Bewahrt Ruhe! Widerstand macht alles noch schlimmer. Gott ist bei uns. Wir werden auch diese Prüfung überstehen. Gott segne euch!“ Draußen regnete es und es war kalt. Der Lehmboden in der Sommerküche war naß. „Dreht die Lampe herunter, wir haben kein Petroleum mehr. Auch das haben sie uns weggenommen.“ Grißi, meine weit über achtzigjährige Urgroßmutter rührte energisch in einem Topf voll Maisbrei. „Wir müssen noch die Strohsäcke aufschütteln, sonst können wir wieder nicht schlafen“. Mein Bruder und ich gingen hinter meiner Mutter die breite Treppe unseres geräumigen Hauses hinauf. Vor ein paar Tagen hatte die Polizei uns des Hauses verwiesen mit der Mitteilung, wir hätten lange genug die Herren gespielt und sollten froh sein, daß man uns die Sommerküche und ein Zimmer überlasse. Der Hinweis, wir seien drei Frauen und vier Kinder, wurde überhört. Das Vieh hatte man schon vorher weggetrieben. „Sollen wir denn vor Hunger sterben?“ Meine protestierende Großmutter wurde wortlos umgestoßen. Die Kuh, ein Schwein, ein paar Hühner, zwei Säcke Maismehl und ein Stück Speck hatte man uns gelassen. Alles übrige, einschließlich der landwirtschaftlichen Geräte hatte man an Kolonisten verteilt. Diese waren Motzen (3) aus den Westkarpaten, die man in die zwangsgeräumten sächsischen Häuser eingewiesen hatte. Da unser Haus sehr geräumig war, wurde es in eine Krankenstation umgewandelt, wohin auch die Arztfamilie einzog. „Den Garten dürft ihr vorläufig noch behalten. Der Weinkeller ist konfisziert.“ Seither schliefen wir alle auf Strohsäcken in einem Zimmer und wohnten in der Sommerküche. Die fremde Arztfamilie erwies sich jedoch später als sehr zuvorkommend und räumte uns heimlich einen weiteren Wohnraum ein. Dies war nicht ungefährlich, denn man hatte sie ausdrücklich darauf hingewiesen, daß die Faschisten und Hitleristen jetzt für ihre Verbrechen büßen müßten, und jedes Entgegenkommen würde bestraft. Als wir die Strohsäcke aufgeschüttelt hatten, gingen wir wieder in die Sommerküche. Die Lampe glimmte mit kleiner Flamme. „Kommt her, ich erzähle euch eine Geschichte!“ Meine Großmutter, eine gewesene Lehrerin und Pfarrerswitwe, erzählte uns oft Geschichten. Wir hörten gebannt zu. Nur meine Mutter weinte still vor sich hin. Daran hatten wir uns schon gewöhnt. Plötzlich hörten wir Hufschläge und dann schwere Schritte im Hof. Grißi klemmte wortlos ihre Stuhllehne unter die Türklinke. Meine Schwester kroch unter den Tisch. Mein Bruder Seppi griff nach einem Messer. Mein Cousin Willibald, der als Waisenkind bei uns in der Familie lebte, wurde aschfahl. Das leise Pochen an der Tür erschreckte mich so sehr, daß ich auch unter den Tisch kroch. „Das ist der Joschka!“ Grißi nahm den Stuhl weg und öffnete die Tür. Joschka, ein etwa vierzigjähriger Szekler (4), trat ein und zog seinen nassen Überhang aus. Meine Schwester sprang unter dem Tisch hervor. „Joschka! Joschka!“ Sie drückte und küßte den unrasierten Mann. Meine Mutter lachte vor Freude. Joschka gehörte seit seiner frühen Jugend irgendwie zu unserem Hof. Er stammte aus einem kleinen Szeklerdorf hinter den Waldbergen und war als Knabe von meinem Großvater in den Dienst genommen worden. Er hatte als Stallknecht und Kutscher gearbeitet. Später war er in sein Dorf zurückgekehrt, wo er ein kleines Anwesen geerbt hatte, heiratete und wurde Vater von acht Kindern. Er schien jedes Mal zu ahnen, wenn es auf unserem Hof Schwierigkeiten gab, denn immer wenn er gebraucht wurde, war er ungerufen zur Stelle. Aus einer Satteltasche holte er einen Laib Käse, eine Kochwurst und Brot. „Wir haben gehört, was im ganzen Sachsenland passiert. Es ist eine Schande!“ „Wir können dich nicht bezahlen. Sie haben uns alles weggenommen.“ Grißi wollte alles wieder in die Tasche tun. „Ich weiß, ich weiß. Ist schon gut! Bei uns waren sie noch nicht. Ist auch nicht viel zu holen. Wir haben aber genug zu essen. So! Jetzt muß ich erst mein Pferd versorgen.“ Joschka ging hinaus. „Immer wenn wir in Not sind, schickt uns der Herrgott diesen Mann“. Meine Großmutter wurde feierlich. „Was hätten wir am Kriegsende ohne ihn getan? Ich weiß es nicht. Erst starb der Großvater. Die Umstände haben ihn umgebracht. Dann kam die Aushebung. Joschka war zur Stelle. Eure Tante wollte er im Szeklerland verstecken. Sie weigerte sich aber zu fliehen und nahm das Schicksal der Verschleppung mit allen anderen auf sich. Sie ist ein gutes Mädchen und Gott wird sie behüten. Ich bete täglich für sie.“ „Mutter, erzähl’ uns bitte noch einmal die Geschichte unserer Flucht!“ (5) Meine Schwester war ganz rot im Gesicht. „Heute nicht! Mir wird immer ganz schlecht, wenn ich daran denke. Der Viehwaggon, die Bomben, ich höre sie jede Nacht. Der Hunger und die Angst in Deutschland, Krankheiten, Karli ist fast gestorben, die Russen, der Rücktransport, das Lager in Sächsisch Regen, wohin wir gesteckt wurden, der Hunger und der Dreck, es war schrecklich. Eines Tages aber tauchte Joschka auf, gab uns zu essen und schaffte uns durch die Wälder mit einem Leiterwagen hierher. Es war wie ein Wunder“. „Ja, ja, wie ein Wunder“, meine Großmutter erzählte, eines Abends sei Joschka wieder aufgetaucht. „Ich habe gehört, Ihre Tochter und die Kinder sind wieder da. Sie sind in Sächsisch Regen eingesperrt und leiden Hunger. Im Szeklerland weiß man alles, oder fast alles. Geben Sie mir Geld, die Pferde und einen Leiterwagen! Ich hole sie. Ich weiß, wie man mit diesen Banditen umgeht. Sie sind alle gierig“. „So kamt ihr hierher und ich mußte euch erst einmal gesundfüttern. Karli haben wir mit Büffelmilch hochgepäppelt. Damals ging es uns noch gut“. Meine Mutter fing an zu weinen. Joschka trat wieder ein, erzählte von seinen Kindern, streichelte mir die Haare und ging zurück in den Stall, wo er neben seinem Pferd schlief. Am nächsten Morgen war er verschwunden. In den folgenden Jahren kam er gelegentlich noch vorbei, brachte Wurst und Käse und reparierte das eine und das andere. Dann kam er nicht mehr. Wie wir später hörten, hatte er große Schwierigkeiten mit den Behörden, wohl auch unseretwegen, und wurde sogar für einige Zeit in ein Arbeitslager gesteckt. Ein Bauarbeiter aus seinem Dorf erzählte mir kürzlich, die Familie sei in der kommunistischen Zeit völlig verarmt. Joschka sei auf einer Baustelle von einem herabstürzenden Träger erschlagen worden. Man wisse nicht, wo er begraben sei. Die ganze Familie habe das Dorf verlassen, etliche seiner Kinder seien nach Ungarn ausgewandert.

1
Die verheirateten Frauen gingen „gebockelt“ in die Kirche, d.h. sie trugen zu ihrer Tracht kompliziert gewundene Kopftücher, die mit edelsteinbesetzten Nadeln festgehalten wurden.

2
Petru Groza war der damalige Ministerpräsident und spätere Präsident. Sachsenbischof Friedrich Müller unterhielt enge persönliche Beziehungen zu ihm und konnte auf diese Weise etliche Erleichterungen für die Sachsen erwirken.

3
Die Motzen sind eine rumänische Subethnie in den höheren Lagen der Westkarpaten.

4
Die Szekler sind eine ungarische Subethnie, die vor allem bei der Landnahme der Ungarn eine herausragende militärische Rolle gespielt hat. Nach mehrfacher Dislozierung bevölkern sie seit dem Mittelalter den mittleren und südlichen Teil der Ostkarpaten.

5
Mein Geburtsort liegt in Nordsiebenbürgen, das durch den II. Wiener Schiedsspruch an Ungarn gefallen war. Die dortige Volksgruppenleitung und die deutsche Wehrmacht hatten entschieden, daß vor dem Herannahen der sowjetischen Truppen alle Nordsiebenbürger Sachsen ins Deutsche Reich evakuiert werden sollten. Die Dorfbewohner flohen mit ihren Viehwägen, die Städter, denen sich meine Mutter angeschlossen hatte, mit bereitgestellten Eisenbahntransporten. Ein Teil der Flüchtlinge, wie auch meine Familie, wurden von den sowjetischen Truppen überrollt und zurücktransportiert. Einige wenige kehrten freiwillig zurück. Die Masse verblieb in Österreich und in Deutschland. Die Mehrheit der Siebenbürger Sachsen, so auch meine gesamte Verwandtschaft, lebte im rumänisch verbliebenen Südsiebenbürgen und wurde nicht evakuiert.

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